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Auswirkungen von Armut auf das soziale Umfeld, die Psyche und Gesundheit von Kindern

Akademische Arbeit 2004 46 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1. Allgemeine Auswirkungen von Armut auf die kindliche Entwicklung (Hintergrundinformationen über die Bereiche Soziales Umfeld, Sozialisation, Psyche und Gesundheit)

2. Familien in der Arbeitslosigkeit

3. Auswirkungen auf das soziale Umfeld des Kindes
3.1. Familie: Be- oder Entlastung in der Arbeitslosigkeit?
3.2. Veränderung der familiären Rollen- und Beziehungsstrukturen
3.3. Veränderungen der Eltern- Kind- Beziehungen
3.4. Kindesvernachlässigung und Mißhandlung
3.5. Armut aus Sicht der Kinder

4. Auswirkungen auf die Sozialisation und die Psyche des Kindes
4.1. Der Sozialisationsprozess und die Bedeutung einer uneingeschränkten Entwicklungsmöglichkeit
4.2. Dimensionen von Mangellagen, die eine kindliche Entwicklung belasten bzw. gefährden können
4.3. Psychische Auffälligkeiten bei Kindern in benachteiligten Lebenssituationen
4.4. Die Geschlechtsrolle der Armutssituation und das Selbstbild der Eltern in Bezug auf die Auswirkungen der psycho-sozialen Situation bei Kindern und Jugendlichen
4.5. Leistungsorientierung und schulische Entwicklung von armen Kindern
4.6. Berufslaufbahn und Erwachsenenpersönlichkeit der Kinder Arbeitsloser

5. Auswirkungen auf die Gesundheit des Kindes
5.1. Kinderarmut und Schichtzugehörigkeit?
5.2. Gesundheitliche Auswirkungen der Armut im Kindes- und Jugendalter
5.3. Auswirkungen auf das Gesundheitsverhalten
5.4. Zukunftsaussichten

6. Personale Ressourcen zur Bewältigung bei Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit der familiären Situation

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

In dieser Arbeit geht es um die Auswirkungen von Armut auf das Soziale Umfeld, die Sozialisation, die Psyche und die Gesundheit des Kindes im familiären Kontext.

1. Allgemeine Auswirkungen von Armut auf die kindliche Entwicklung (Hintergrundinformationen über die Bereiche Soziales Umfeld, Sozialisation, Psyche und Gesundheit)

„Du bist, was du isst.“ Dieses allgemein bekannte Sprichwort könnte wahrhaftig als ein Symbol für Armut gelten, denn wer nicht einmal die Mittel hat, sich und seine Familie vernünftig zu ernähren, der wird auch kaum über Mittel verfügen selbständig aus dem Teufelskreis Armut zu entfliehen. Obwohl die Auswirkungen von Armut bei Kindern und Jugendlichen sehr vielfältig und individuell sein können, bedeuten sie jedoch oft eine starke Einschränkung im Bereich der Erfahrungs-, Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten. So wird die Chance des einzelnen Kindes verringert, seine individuellen Anlagen zu entfalten und sie für sich und der Gesellschaft einzusetzen. So bedeutet Armut für Kinder nicht nur ein Verzicht auf Güter, sondern auch oft ein Ausschluss aus der gesellschaftlichen Teilhabe. Die Einschränkungen erstrecken sich zudem auf eine bewusste Ernährung, Unterstützung auf dem Bildungsweg, Pflege sozialer Beziehungen und die Begünstigung eines harmonischen Familienlebens. Die Armut ist also nicht nur als ein Merkmal der sozio-ökonomischen Ressourcen zu definieren, sondern ist als ein multidimensionaler Zusammenhang zwischen materiellen, kulturellen und psycho-sozialen Merkmalen der lebensweltlichen Bedingungen anzusehen.[1] Vordergründig geht es insbesondere um psychische, gesundheitliche und soziale Auswirkungen von Armut auf Kinder und Jugendliche. Bezüglich der psychischen Auswirkungen tendieren Kinder und Jugendliche laut dem 10. Kinder- und Jugendbericht einerseits zu Reaktionen, wie depressiver Verstimmung, Ängstlichkeit und Gefühle, wie Hilflosigkeit, andererseits zu aggressiven Reaktionen und zu Normverstößen.

Diese Auswirkungen wurden in den deutschen Untersuchungen (Schindler, H./ Wetzels 1985; Walpaper 1988) nachgewiesen.[2] Auf der Datenbasis der internationalen Studie „Health Behaviour in School-Aged Children- A WHO (World Health Organisation) Cross National Survey“, die unter anderem Daten über den körperlichen, psychischen und sozialen Gesundheits- und Krankheitszustand Jugendlicher gewonnen hat, basieren auf die Ausführungen Klockes. Er wählte für seine Analysen den deutschen Datensatz, welcher auf die Altersspanne der 12- bis 16jährigen begrenzt wurde. Wie die Zahlen aufweisen, so Klocke, seien Kinder und Jugendliche in Armut durch ihre Lebensumstände belastet. So lasse sich sehr auffällig eine geringere Lebenszufriedenheit, Gefühle der Hilflosigkeit und Einsamkeit, sowie ein geringeres Selbstvertrauen der von Armut Betroffenen beobachten. Obwohl nicht alle die Armut als belastend empfunden haben und entsprechend stabil und unbeeindruckt die Armut verarbeiten konnten, ist der Zusammenhang von Armut und psychosozialen Belastungen unübersehbar. Hierdurch wird deutlich, dass durchgängig der Einfluss der sozialen Lebenslage auf das psychosoziale Wohlbefinden und die Lebensfreude der Kinder und Jugendlichen vorliegt.[3] Gerd Iben, der unter anderem Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche hinsichtlich der elterlichen Langzeitarbeitslosigkeit (Untersuchung von Zenke / Ludwig 1983 – 1991) in seinen Ausführungen benennt, führt unter psychischen Auffälligkeiten – Angstzustände, Schlafstörungen, motorische Unruhe, emotionale Labilität, Konzentrationsschwächen, Regressionen und unter sozialen Auffälligkeiten – Abbruch sozialer Kontakte, Angst vor Stigmatisierung, Distanzierung von den Eltern, Leistungsabfall und Delinquenz an. Außerdem wurden bei den Untersuchungen von Zenke und Ludwig weitere Symptome festgestellt:

deutlich geringeres Selbstwertgefühl,

Depressivität und Einsamkeit,

sie sind empfindlicher, misstrauischer, weniger gesellig und

weniger in der Lage, Stress zu bewältigen,

Nervosität, rasche Ermüdbarkeit und Konzentationsschwäche führen

fast immer zum Absinken der Schulleistungen,

sie erwarten von der Zukunft weniger und neigen auch gegenüber beruflichen Möglichkeiten zur Resignation.[4]

Andreas Klocke macht in seinen Ausführungen bezüglich des psychosozialen Wohlbefindens in Armutslagen folgende Aussagen: „… Kinder und Jugendliche in Armut haben im Bereich des psychosozialen Wohlbefindens einen schlechteren Status als Kinder und Jugendliche aus der Vergleichsgruppe. Auf die unterprivilegierten Lebensbedingungen reagieren die Kinder und Jugendlichen mit seelischen Belastungen und Anomiesymptomen.“[5] Ein weiteres Problemfeld in der Armutsbekämpfung ist die Vernachlässigung, die verstärkt in armen Familien entdeckt worden ist. Diese Vernachlässigung lässt sich jedoch ebenso in anderen Bevölkerungsschichten ausfindig machen. Die Ursachen kommen häufig mit der Auseinandersetzung der elterlichen Problembewältigung einher, Anlässe wie Trennung, Scheidung oder andere Problemlagen können dazu führen, dass die Kinder häufig sich selber überlassen sind.[6] Laut Christoph Butterwegge gilt als sichergestellt, dass materielle und soziale Armut immer auch Auswirkungen auf die Gesundheit haben. So macht er in seinen Ausführungen deutlich, dass für Personen die in sozial benachteiligten Verhältnissen leben, folgende Punkte zutreffen:

Dass es eine deutlich höhere postnatale Säuglingssterblichkeit, als in den oberen sozialen Schichten, gibt.

Dass die Zahl der Kinder, die mit einem Gewicht von weniger als 2.500 Gramm geboren werden, deutlich höher ist.

Dass die Mortalitätsrate durch Unfälle zweimal höher ist, als bei Kindern aus privilegierteren Schichten.

Dass verschiedene akute Krankheiten deutlich häufiger auftreten und

dass es eine höhere Anfälligkeit für chronische Erkrankungen gibt.[7]

Bezüglich gesundheitlicher Beeinträchtigungen ist die Armut häufig mit Fehlernährung und folglich mit gesundheitlichen Belastungen verbunden. Der Bielefelder Gesundheitssurvey weist Zusammenhänge von Armut, gesundheitlichen Beeinträchtigungen und subjektivem Empfinden von Unwohlsein für ältere Kinder in Nordrhein-Westfalen nach, die vor allem auf schlechte Ernährung, ungenügende Körperpflege und wenig Sport der Kinder in armen Familien zurückgeführt werden.[8] Nach einer Umfrage im Rahmen des „Health Behaviour in School-Aged Children-Survey 1994“ der Universität Bielefeld, bei der 3.328 SchülerInnen im Alter zwischen elf und 15 Jahren befragt wurden, fühlten sich Schüler aus den unteren sozialen Schichten erheblich kränker, als die aus oberen sozialen Schichten. Sie fühlten sich z.B. unglücklicher und klagten häufiger über Kopfschmerzen, als Kinder aus Familien mit höherem Einkommen. Zudem berichteten die Betroffenen, dass sie öfters schlecht gelaunt bzw. gereizt seien.[9]

Da das Aufwachsen in Armut den Kindern und Jugendlichen viel abverlangt, ist es nicht verwunderlich, dass sie häufiger körperlich krank sind und öfter psychische und psychosomatische Störungen aufweisen. Neben den Lebensbedingungen spielen auch das Gesundheitsverhalten und die gesundheitliche Versorgung eine große Rolle. Im Hinblick sozialer Benachteiligung wird oftmals die mangelnde Konkurrenzfähigkeit im Konsumbereich genannt. So haben zum Beispiel 25 Prozent der befragten Schulkinder auf die Frage, was sie sich unter Armut vorstellen, geantwortet: „Dann kann ich mir keine Markenklamotten kaufen und habe keine Freunde mehr.“[10] Nach Gerd Iben ein markanter Beweis des Konsumterrors, der als Folge einer Gefährdung sozialer Zugehörigkeit einzustufen sei. Somit werden Kinder und Jugendliche, denen man schon an ihrer Kleidung die finanzielle Lage der Familie ansehen kann, schnell zu Außenseitern abgestempelt. Oft probieren Eltern diese Akzeptanzprobleme zu kompensieren, indem sie versuchen ihren Kindern das gleiche zu bieten, was die Freunde in der Clique besitzen. Dies führt zu einer Einschränkung der Bedürfnisbefriedigung bei den Eltern.

„Viele Aktionen, wo es darum geht, mit Gleichaltrigen etwas zu tun, fallen ansonsten dem Verzicht zum Opfer. Ob Schulausflüge, Kinobesuche, Mitgliedschaft im Sportverein oder kleine Geburtstagsgeschenke, alles kostet Geld, das man nicht hat. Dabei ist es gar nicht notwendig, sich besonders hervorzutun. Es reicht schon, wenn der ganz normale Standart nicht erreicht wird. Damit büßt das Kind schnell an Wertschätzung in der Gleichaltrigengruppe ein.“[11]

Oft kann die Angst der Stigmatisierung die Kinder so unter Druck setzen, dass es zum Abbruch sozialer Kontakte kommt. Diese Isolations- und Rückzugstendenzen schränken die Lebensqualität stark ein und können negative Sozialisationsprozesse in Gang setzen, die ein ganzes Leben prägen.

Bezüglich der Bildung und Schulleistungen ist bekannt, dass Kinder aus sozio-ökonomisch schlechter gestellten Familien in ihrer Sprach- und Intelligenz-entwicklung mit Kindern aus besser situierten Elternhäusern meist nicht mithalten können und somit den Besuch auf weiterführende Schulen nicht so häufig anstreben. So besuchten im gesamten Bundesgebiet Kinder (unter 16 Jahren) aus Familien mit einem Einkommen unter der 50 Prozent Armutsgrenze sehr viel seltener das Gymnasium, aber häufiger die Hauptschule (Weik/Frenzel 1997). Die Ergebnisse der Berliner Jugendstudie belegten, dass bei einer massiven Verschlechterung der finanziellen Lage vor allem Eltern mit geringem Bildungsstatus auf einen frühzeitigen Schulabschluss ihrer Kinder drängen, damit sie von der elterlichen Zuwendung unabhängig werden (Walper 1988).[12] Nach Untersuchungen von Lauterbach und Lange (1998) erreichen Kinder, die in materiellen Mängeln leben, prägnant niedrigere Bildungsabschlüsse, als Kinder aus dem gesicherten Mittelstand. Die Kinder nehmen mit großer Wahrscheinlichkeit einen ähnlichen Lebensstatus ein, wie sie es von ihren Eltern her gewohnt sind.[13] „Auch nehmen die Bildungserwartungen von Familien mit Existenznöten um 15 Prozent ab, wie Lauterbach und Lange 1999 den reduzierten Übergang zur höheren Schulbildung beziffern, wenn ökonomische Verunsicherungen auftraten.“[14] Wie man bereits erkennen kann, können die Auswirkungen von Armut bei Kindern und Jugendlichen sehr gravierend sein. Sie hängen auch oft mit dem subjektiven Empfinden der Betroffenen zusammen und je nachdem, wie die Kinder und Eltern ihre Lebenslage gestalten, können die Folgen sehr unterschiedlich sein. Wichtig ist ebenso der Aspekt der Dauerhaftigkeit der Armut. Denn dieser hat einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Lebenslage und die Perspektiven der Betroffenen. Kinder, die dauerhaft in unzureichende Versorgung gelangen, sind gefährdet für eine Verschärfung ihrer Problemlagen. Nicht selten können verstärkt markante Krankheitsbilder und Auffälligkeiten chronische Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung und Gesundheit haben.

2. Familien in der Arbeitslosigkeit

Der erste soziale Bezugspunkt eines Kindes sind die Eltern, denn mit Ihnen werden die ersten zwischenmenschlichen Beziehungen ausgetauscht. Gerade die ersten Lebensjahre eines Kindes sind für die persönliche Entwicklung sehr ausschlaggebend. So guckt sich ein Kind die Verhaltensmuster von seinen Eltern ab und eignet sie sich je nach Motivations- und Verstärkungsprozessen gegebenenfalls an (Modellernen).[15] Die Eltern (bzw. die Familie) sind somit die wichtigste Lernquelle für die Entwicklung eines Kindes. Die prägnantesten Sozialisationsprozesse des „kleinen Menschen“ finden also hauptsächlich in der Familie statt, denn hier werden die ersten sozialen Rollen und Positionen, sowie Werte und Normen einstudiert. Eine der Hauptaufgaben und natürlichen Rechte der Familie ist somit die Erziehung des Kindes. Die Eltern haben dabei die Entscheidungsfreiheit wie und nach welchen Prinzipien sie ihre Kinder erziehen möchten, der Staat übernimmt dabei die Funktion des Wächters und somit über den Schutz und das Wohlergehen der Kinder und Jugendlichen.[16] Die familiären Prozesse und Erziehungsstile sind für den weiteren Lebensverlauf durchaus prägend und entscheidend. Die unterschiedliche Intensität für die Auswirkungen der Armut wird von mehreren Faktoren beeinflusst. Neben dem spezifischem und individuellen Ausmaß von Armut (bzw. sozialer Benachteiligung) und den verschiedenartigen Anordnungen der hiervon betroffenen Lebensbereiche, spielen auch die zeitliche Dauer der Armutslage, die Entwicklungsstufe des Kindes (Säuglingsalter, Kleinkindalter, Vorschulalter, usw.) und die Wahrnehmung der Armut eine wichtige Rolle. Eine gute Grundvoraussetzung, damit die Auswirkungen nicht so starke Ausmaße annehmen können, ist ein harmonisches und ausgeglichenes Familienklima.

Was ist aber, wenn es innerhalb der Familie zu Problemlagen kommt, die von den Eltern nicht mehr ausreichend kompensiert werden können? Wie kommt die die Armutslage der Eltern bei den Kindern an? Wie reagieren sie darauf und was für Auswirkungen hat die Armut auf die Lebenslage der Kinder? Diese Fragen werden in diesem Kapitel näher betrachtet.

Da die Familie der Haupt- und Drehangelpunkt eines Kindes in Bezug auf die kindliche Entwicklung ist, werden die Auswirkungen der Armut, bezogen auf das soziale Umfeld, der Sozialisation, der Psyche des Kindes und der Gesundheit des Kindes im familiären Kontext dargestellt.

3. Auswirkungen auf das soziale Umfeld des Kindes

Die Armutssituation von Eltern kann eine starke Beschränkung der Erfahrungs-, Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten bei Kindern hervorrufen und dadurch die Chance verringern die individuellen Anlagen zu entfalten. Nach Chasse, Zander und Rasch haben die Auswirkungen der materiellen Armut zunächst starke Beeinträchtigungen auf die Elternfunktionen. Diese Auswirkungen sind:

Beeinträchtigung der Unterstützungs-, Ermöglichungs- und Vermittlungsfunktion hinsichtlich der Interessenverfolgung und der Begabungsförderung;

Beeinträchtigung im Umfang und den Qualitäten sozialer Kontakte der Kinder zu Verwandten, anderen Erwachsenen und Gleichaltrigen.[17]

Zusätzliche Belastungen, wie z.B. eskalierende Konflikte, Suchtverhalten der Eltern, Perspektivenlosigkeit, Orientierungslosigkeit, depressiver Rückzug aus Kontakten und Isolation, beeinträchtigen meistens noch zusätzlich die Qualität der Beziehungen zwischen Eltern und Kindern. Die Kinder nehmen die finanziellen und sozialen Notlagen unverkennbar als Einschränkung ihrer eigenen Autonomie und Gestaltungsmöglichkeiten wahr. So müssen sie sich oft mit fehlenden Selbstgestaltungsmöglichkeiten im Wohnbereich (beengte Wohnverhältnisse oder kein eigenes Zimmer), im Freizeitbereich (keine Geburtstagsbesuche, keine Kinobesuche, usw.) und auch im schulischen Bereich (keine Klassenfahrten oder ähnliche Unternehmungen, die mit Geld verbunden sind) abfinden. Aus der Armutssituation können sich folgende Benachteiligungen und Unterversorgungen ergeben:

Einschränkungen hinsichtlich Ernährung, Kleidung, Taschengeld, Urlaub und Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf, wie z.B. bei den Mahlzeiten

kein eigenes Zimmer, da es oft mit Geschwistern geteilt werden muss und somit keine Rückzugsräume

häufiger Wohnungswechsel aufgrund der kompletten Ausschlachtung des Preis- Leistungsverhältnisses und die dadurch entstehende Belastung für die Kinder, da sie oft keine soziale Grundlage zu intensiveren Beziehungen gegenüber ihren Mitmenschen aufbauen können (Veränderungen in Bezug auf Kindergarten, Schule, Freundeskreis)

das Erziehungsverhalten der Eltern kann sich verändern (weniger Zuwendung und Anteilnahme, Veränderung der familiären Rollen und Beziehungsstruktur, bis hin zu mehr Gewalt)

die Kinder erleben öfter einen Mangel an Glück und Unterstützung, da die Eltern oft mit sich selber unzufrieden sind und somit kein Selbstbewusstsein transformieren können

benachteiligte Kinder können Symptome aufweisen, wie z.B. Aggressionen, zerstörerisches Agieren, motorische und soziale Auffälligkeiten[18]

Bei den Folgeerscheinungen ist jedoch zu bedenken, dass Kinder aus dem Armutsmilieu nicht immer die Auswirkungen unmittelbar zu spüren bekommen. So haben z.B. Frauen ihre Strategien entwickelt, um ihrer Meinung nach die jeweiligen Umstände zu bewältigen. Es handelt sich jedoch nur um eine Verschiebung, wenn sie als „Stoßdämpfer“ versuchen, ihre Kinder vor dem Ausmaß der Armut zu schützen.[19] Schier unerträglich dürften diese Strategien werden, wenn sich die Armut über einen längeren Zeitraum hinzieht. Spätestens hier treten die Belastungen der Armut wieder offensichtlich zum Vorschein, und wirken sich auf die Beziehungen innerhalb der Familie aus.

3.1. Familie: Be- oder Entlastung in der Arbeitslosigkeit?

Mit der Armut gehen Benachteiligungen und Verzichte im materiellen, sowie im sozialen Bereich für alle Familienmitglieder einher! Die zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der Familie können sehr beeinträchtigt sein und es kommt zu einer Isolation von Kultur- und Bildungsangeboten. Auch wenn von einigen Vätern versucht wird der Arbeitslosigkeit einen positiven Aspekt abzugewinnen, z.B. „endlich mehr Zeit für die Familie zu haben“[20], sieht es in der Realität jedoch anders aus. Denn verbunden mit finanziellen und anderen Alltagsproblemen ist es oft nicht möglich den Aspekt der uneingeschränkten Verfügbarkeit der Zeit als positiv zu empfinden. Ein weiteres oft schwerwiegendes Problem bei Vätern ist das Verlustgefühl der „Versorgerrolle“. Der Hintergedanke eine Familie ernähren und versorgen zu können, ist für viele betroffene Väter ein zusätzlicher Druck, da der Mann nach der klassischen Familienstruktur die tragende Finanzquelle darstellt. Weil insbesondere die Kinder, aber auch der Lebenspartner wirtschaftlich von den Ressourcen des „Ernährers“ abhängig sind, wird eine solche Situation als „Opfer durch Nähe“ bezeichnet. „Ich denke, das Schlimme ist, dass du dich am Existenzminimum bewegst und dass du deine Familie nicht durch deine eigenen Anstrengungen unterstützt. Ich denke, das demütigt dich mehr als alles andere. Und das Leben stellt Forderungen, wenn die Kinder nach Hause kommen und sagen >können wir dies haben und können wir jenes haben< und du sagen musst >Nein<.“[21]

Dem Vorhandensein einer eigenen Familie müssen jedoch auch viele positive Eigenschaften angerechnet werden, denn wo kann man mehr Unterstützung bei der sozialen und emotionalen Zuwendung erfahren, als dort? Somit hat eine Familie in der Situation der Arbeitslosigkeit immer eine ambivalente Bedeutung. Einerseits stellt sie ein sinnstiftendes Element für den eigenen Lebenszusammenhang dar und ist ein wichtiger Faktor in der sozialen Unterstützung in kritischen Lebenssituationen, andererseits ist sie eine zusätzliche Belastung, da man die Mitverantwortung über andere Menschen trägt. Natürlich ist die Armutssituation immer mit finanziellen Sorgen, Zukunftsängsten und Selbstzweifeln der Eltern verbunden, die sich dann auch häufig auf die Partnerschaft niederschlagen. Es kommt zu vermehrten Spannungen und Konflikten zwischen den Ehepartnern und den Kindern. Aber entstehen diese Konflikte nicht auch ohne eine Familie? Vielleicht in anderen Bereichen und Ebenen, denn mit der Armut kommen immer Einbüßungen und Verluste in materiellen, kulturellen und auch sozialen Bereichen einher. Laut den Ausführungen Kieselbach, Lödige-Röhrs und Lünser gibt es nach klinisch-psychologischen Forschungen enge Zusammenhänge von familiären Beziehungen durch den belastenden und den entlastenden Charakter für die Bewältigung kritischer Lebensereignisse. So ist eine amerikanische Untersuchung in den 30er Jahren zu Ergebnis gekommen, dass Arbeitslose, die von ihrem Partner soziale und praktische Unterstützungen erfahren haben, psychisch nicht so anfällig gewesen sind. Die Arbeitslosen mit Ehepartnern und Angehörigen wiesen sogar einen deutlich besseren Gesundheitszustand auf. Jedoch muss dabei beachtet werden, dass die soziale Unterstützung nicht gleich zu einer automatischen Verringerung der zu bewältigen Belastung führt. So kann das Vorhandensein von kleinen Kindern in der Familie durchaus eine Zunahme an psychosozialen Belastungen bewirken, z.B. aus Angst dem Kind keine gesicherte Zukunft bieten zu können. Fakt ist, dass bei verheirateten Männern mit Kindern oft höhere Belastungswerte festgestellt worden sind, als bei unverheirateten Männern ohne Kind.[22] Letztendlich ist es aber auch immer ein subjektives Gefühl, ob man eine Familie als Be- oder Entlastung in der Arbeitslosigkeit empfindet.

3.2. Veränderung der familiären Rollen- und Beziehungsstrukturen

Durch die Armutssituation kann es innerhalb der Familie zu gravierenden Veränderungen in der Rollenverteilung und in den Beziehungsstrukturen kommen. Wie sich diese Veränderungen auswirken, hängt von der Dauer der Arbeitslosigkeit und den persönlichen Ressourcen der einzelnen Familienmitglieder ab. Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung schreibt den personellen Ressourcen für die Bewältigung von kritischen Lebenslagen eine starke Bedeutung zu. „Für die Alltagsbewältigung von Familienhaushalten sind personelle Ressourcen (personelle Zusammensetzung des Haushalts und Humankapital der Haushaltsmitglieder), materielle Ressourcen (Einkommen und Vermögen) und soziale Ressourcen (Verfügbarkeit öffentlicher und privater Infrastruktur) von Bedeutung. Den personellen Ressourcen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu, weil sie letztlich andere Ressourcen erschließen und damit über die Lebenssituation maßgeblich entscheiden.[23] Diesbezüglich wirken die Ausführungen von Kieselbach, Lödige-Röhrs und Lünser noch etwas greifbarer, sie nennen Ressourcen, wie das Bildungsniveau der Familie, die Beziehungsqualitäten der Familienmitglieder untereinander, sowie die Persönlichkeitsmerkmale, Einstellungen und das Interaktionsverhalten der einzelnen Familienmitglieder.[24] Da unsere Gesellschaft noch immer von einer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung geprägt ist und die Frauen im beruflichen Leben weiterhin finanziell benachteiligt werden, kann es durch die Arbeitslosigkeit des „Haupternährers“, der nach der klassischen Familienstruktur der Mann ist, oftmals zu einer Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls beim „Versorger“ kommen. Der Mann sieht sich oftmals in seiner väterlichen Funktion als Versager, da er seine Familie nicht ergiebig versorgen kann. Eine Neubestimmung der Rollenverteilung, indem die Frau die Aufgabe des „Haupternährers“ übernimmt, führt zwar zu einer Verbesserung der finanziellen Situation, kann aber zu verstärkten Konflikten in der Familie führen, wenn der Mann ein traditionelles Rollenverhalten vertritt. „Männer und Frauen haben unterschiedliche Erwartungen an Familie und beteiligen sich ungleich an der Organisation des Zusammenlebens und den Arbeiten in der Familie.“[25] Der Rolle des „Hausmanns“ begegnet der Mann mit zunehmender Unzufriedenheit und die Miteinbindung in den familiären Aufgaben wird oft als Doppelbelastung gesehen, die neben der Aufgabe sich einen neuen Arbeitsplatz zu suchen eher behindert. Durch den wachsenden mütterlichen Einfluss, kann es zu einer Autoritätsbeeinträchtigung des Vaters kommen, die aufgrund des geschwächten väterlichen Selbstwertgefühls und den psychosozialen Belastungen wiederum zu Konflikten, Trennungen und Ehescheidungen führen können.[26] Jedoch gibt es auch andere Situationen, denn die Fähigkeit des Vaters sich an dieser Situation anzupassen, hängt von seinen kognitiven Einstellungen, den Persönlichkeits-eigenschaften und seiner Flexibilität ab. Wenn er seine Selbstdefinition nicht nur auf die Rolle des Ernährers und seiner Erwerbstätigkeit beschränkt, so kann es durchaus auch zu einer sehr positiven Veränderung der Familienstruktur kommen. Die neuen Aufgabenbereiche des Mannes können zu einer intensiveren Familienbeziehung und zu einem verfestigten Familienzusammenhalt führen. Dadurch kommt es auch zu einer Belastungsverringerung der Gesamtsituation und zu einem besseren Wohlbefinden in Bezug auf Zufriedenheit und Gesundheit.

[...]


[1] Vgl. Klocke, A./ Hurrelmann K.: „Kinder und Jugendliche in Armut“, Opladen/ Wiesbaden, 1998, S.161 f.

[2] Vgl. Bundesministerium f. Familie, Senioren, Frauen u. Jugend: Zehnter Kinder und Jugendbericht, Bonn, 1998, S.92

[3] Vgl. Klocke, A.: „Armut bei Kindern und Jugendlichen- Belastungssyndrome und Bewältigungsfaktoren“, in: „Die Armut der Gesellschaft“, Obladen, 2001, S.302f.

[4] Iben, G.: „Kindheit und Armut“, Münster 1998, S. 17ff.

[5] Zitat: Klocke, A.: „Armut bei Kindern und Jugendlichen- Belastungssyndrome und Bewältigungsfaktoren“, in: „Die Armut der Gesellschaft“, Obladen, 2001, S.308f.

[6] Vgl. Iben, G.: „Kindheit und Armut“, Münster 1998, S. 21

[7] Vgl. Butterwegge, C.: „Kinderarmut in Deutschland“, Frankfurt/Main, 2000, S. 16

[8] Vgl. Bundesministerium f. Familie, Senioren, Frauen u. Jugend: Zehnter Kinder und Jugendbericht, Bonn, 1998, S.92

[9] Vgl. Kamensky, J.: „Kindheit und Armut in Deutschland“, Ulm, 2000, S.21

[10] Zitat aus: Iben, G.: „Armut in der Schule“, in: Pädagogik, Heft 6/Juni 2002, S.35

[11] Zitat von: Kamensky, J.: „Kindheit und Armut in Deutschland“, Ulm, 2000, S.19

[12] Vgl. Bundesministerium f. Familie, Senioren, Frauen u. Jugend: Zehnter Kinder und Jugendbericht, Bonn, 1998, S.93f.

[13] Vgl. Bundesministerium f. Familie, Senioren, Frauen u. Jugend: Zehnter Kinder und Jugendbericht, Bonn, 1998, S.147f.

[14] Zitat: Iben, G.: „Armut in der Schule“, in: Pädagogik, Heft 6/Juni 2002, S.35

[15] Vgl. Hobmaier, H.: „Pädagogik“, 2. Auflage, 1996, Köln, S.159f.f.

[16] Vgl. SGB VIII, §1: „Recht auf Erziehung, Elternverantwortung, Jugendhilfe“, Art. 2, in: „Gesetze für Sozialberufe“, 7. Auflage, 2000

[17] Lutz, R.: „Kinder, Kinder…!- Bewältigung familiärer Armut“, in: „Neue Praxis“, 1/2004, S.49

[18] Vgl. Lutz, R.: „Kinder, Kinder…!- Bewältigung familiärer Armut“, in: „Neue Praxis“, 1/2004, S.49

[19] Vgl. Klocke, A./ Hurrelmann K.: „Kinder und Jugendliche in Armut“, Opladen/ Wiesbaden, 1998, S.212

[20] Zitat: Brinkmann, C.: „Die individuellen Folgen langfristiger Arbeitslosigkeit. Ergebnisse einer repräsentativen Längsschnittuntersuchung. Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung“, 17 (4), 454-473, 1984, in: Iben, G.: „Kindheit und Armut“, Münster 1998, S. 39

[21] Zitat aus: Ritchy, J.: „Thirty Unemployed Families: their living standarts in unemployment“, London, 1990, in: Klocke, A./ Hurrelmann K.: „Kinder und Jugendliche in Armut“, Opladen/ Wiesbaden, 1998, S.216

[22] Vgl. : Iben, G.: „Kindheit und Armut“, Münster 1998, S. 40 f.

[23] Zitat: Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung: Lebenslagen in Deutschland, Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Berlin, 2000, S. 130

[24] Vgl. : Iben, G.: „Kindheit und Armut“, Münster 1998, S. 42 f.

[25] Zitat: Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung: Lebenslagen in Deutschland, Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Berlin, 2000, S. 130

[26] Vgl. Klocke, A./ Hurrelmann K.: „Kinder und Jugendliche in Armut“, Opladen/ Wiesbaden, 1998, S.276 f.

Details

Seiten
46
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783656935353
ISBN (Buch)
9783656936572
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295883
Note
Schlagworte
auswirkungen armut umfeld psyche gesundheit kindern

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