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Philosophische Argumentation für und gegen die aktive Sterbehilfe

Bachelorarbeit 2014 46 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorkenntnisse für die Sterbehilfediskussion
2.1 Terminologie
2.2 Formen der Sterbehilfe
2.2.1 Die Beihilfe zum Suizid
2.2.2 Die indirekte Sterbehilfe
2.2.3 Die passive Sterbehilfe
2.2.5 Die Mitleidstötung

3. Ein gesellschaftlich kontrovers geführter Diskurs
3.1 Gegen die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe
3.2 Für die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe
3.3 Gegenüberstellung der Kontroversen

4. Die philosophisch-ethische Sicht
4.1 Die deontologische Ethik
4.1.1 Die aktive Sterbehilfe aus Sicht von Kants kategorischem Imperativ
4.2 Die utilitaristische Ethik
4.2.1 Die utilitaristische Sichtweise auf die aktive Sterbehilfe

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis
6.1 Literaturverzeichnis
6.2 Internetquellen

1. Einleitung

„Nicht nur die Frage, wo uns der Tod hinführt, interessiert uns, sondern vor allem jene Frage, wie wir sterben können und dürfen“ (Wils 2007: Buchrücken). Seit dem Frühling 2001 ist es Ärzten in den Niederlanden erlaubt, unter der speziellen Einhaltung gesetzlich vorgeschriebener Sorgfaltskriterien aktive Sterbehilfe zu leisten.[1] Diese Entscheidung des niederländischen Parlaments hat die Diskussion über die Sterbehilfe in Deutschland neu entfacht (Simon 2003: 306). Insbesondere die aktive Sterbehilfe, die in der Bundesrepublik nach §216 StGB strafbar ist, spaltet die Meinungen innerhalb der Bevölkerung.

„Ist jemand durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten zur Tötung bestimmt worden, so ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis fünf Jahren zu erkennen“ (Fischer 2014: 1491).

In der gesellschaftlich stark kontrovers geführten Debatte um die aktive Sterbehilfe geht es im Grunde genommen um die Frage, ob und in welcher Weise man über den eigenen Tod verfügen und inwiefern man andere Personen für die Durchführung dieser Verfügung in Anspruch nehmen darf (Nationaler Ethikrat 2006: 19). Hier gehen die Meinungen stark auseinander. Stellt der autonome Wille des Patienten zu sterben, um sich von seinen Schmerzen erlösen zu lassen, eines der Hauptargumente der Befürworter dar, argumentieren die Gegner mit Missbrauchsgefahren, die durch eine Legalisierung provoziert werden. Die folgende Arbeit sieht ihre Aufgabe darin, Argumente anzuführen, sie gegenüberzustellen und anhand ihrer Gewichtung darüber zu entscheiden, ob die Bundesrepublik Deutschland ihre Rechtslage bezüglich der Tötung auf Verlangen beibehalten oder zugunsten der Bemühungen der Befürworter zu einer Legalisierung der aktiven Sterbehilfe ändern soll. Darüber hinaus soll mit Hilfe der moralischen Bewertung einer solchen Tötungshandlung entschieden werden, inwiefern die medizinisch assistierte Tötung eines Menschen durch eine dritte Person moralisch richtig oder moralisch falsch ist. Die Vorgehensweise dieser Arbeit sieht demnach wie folgt aus. Zu Beginn sollen zunächst einmal die Terminologie und die verschiedenen Formen der Sterbehilfe vorgestellt und geklärt werden, um eine Grundlage für die Diskussion zu stellen. In einem weiteren Schritt sollen die Positionen und Argumente sowohl der Legalisierungsgegner als auch die der Befürworter einer Legalisierung dargestellt und gegenübergestellt werden. Im letzten Abschnitt des Hauptteils soll dann auf die philosophische Sichtweise der Problematik eingegangen werden, bevor in einem abschließenden Fazit das Resultat der Arbeit aufgeführt wird. Dabei soll die Arbeit unter dem Gesichtspunkt folgender Leitfrage betrachtet werden: Inwiefern kann die Komplexität der gesellschaftlich geführten Sterbehilfediskussion durchbrochen werden, um darüber zu entscheiden, ob es sich bei der aktiven Sterbehilfe um ein moralisch richtiges oder moralisch falsches Tun handelt und ob es anhand dieser Grundlage zu einer Legalisierung der aktiven Sterbehilfe in der Bundesrepublik Deutschland kommen soll.

Da die interdisziplinär geführte Thematik sehr umfassend ist, gibt es eine reichliche Auswahl an fundierter Literatur. Daher wurde eine gewisse Selektion an Literatur getroffen, die bei der Bearbeitung der eben erwähnten Fragestellung zu Rate gezogen wurde. Dabei haben sich unter anderem die Werke von Winfried Hochgrebe, Monika Bobbert, Alfred Simon, dem Nationalen Ethikrat und Otfried Höffe als sehr hilfreich erwiesen. An dieser Stelle sei auch angeführt, dass aufgrund des Umfangs dieser Arbeit die Thematik nicht gänzlich untersucht werden kann. Vor allem der philosophisch-ethische Abschnitt beschränkt sich auf Teile zweier Moralphilosophien. Unter anderem wird der Verweis von Fallbeispielen oder detaillierten Diskussionen um die Sterbehilfe im Ausland verzichtet.

2. Vorkenntnisse für die Sterbehilfediskussion

2.1 Terminologie

Die Diskussion um die medizinisch gezielte und aktive Tötung eines Menschen auf dessen ausdrückliches Verlangen hin muss zweifelllos auch aus terminologischer Sicht beleuchtet werden. Dabei stößt man in der fundierten Literatur über die möglichen Handlungsoptionen am Lebensende auf diverse Begrifflichkeiten, die im Folgenden näher untersucht und analysiert werden.

Der Terminus Euthanasie stammt aus dem Griechischen und bedeutet schöner Tod oder auf gute Weise sterben (Vieth 2006: 100).[2] Im Zusammenhang zur Sterbehilfedebatte ist er vor allem aufgrund der historischen Ereignisse während der Zeit des Nationalsozialismus in den Vordergrund gerückt. Dabei ist der Begriff angesichts der Euthanasiepraxis im Dritten Reich im deutschen Sprachraum negativ konnotiert und wird zumeist vermieden. Für ein besseres Nachempfinden soll ein historischer Rückblick Aufschluss über die Geschehnisse im Dritten Reich geben. Nahezu 100.000 Menschen fielen dem politischen Programm der Nationalsozialisten zwischen 1939 und 1941 zum Opfer (Nationaler Ethikrat 2006: 36). Die sogenannte T4-Aktion ermächtigte Ärzte, unheilbar Kranke bei kritischer Beurteilung ihres Krankheitszustandes den Gnadentod zu gewähren. Was unter dem Gnadentod verherrlicht wurde, war zweifelslos die Tötung von Menschen ohne deren Verlangen danach. Durch die Wahl der Sprache sollte der Eindruck entstehen, es handle sich um Sterbehilfe, einer Handlung, bei der es auf die Situation und die Perspektive der betroffenen Individuen ankommt (Nationaler Ethikrat 2006: 36). Aufgrund dieser historischen Belastung des Wortes Euthanasie hat sich im deutschsprachigen Raum der Terminus Sterbehilfe etabliert (Quante 2010: 168). Dieser ist semantisch gegenüber der Kennzeichnung Euthanasie vorzuziehen, da das Kriterium guter Tod nicht festlegt, für wen der Tod gut sein soll. Die Begrifflichkeit der Hilfe hingegen enthält als solche eine auf das Wohl des jeweiligen Patienten bezogene Implikation (Quante 2010: 168). Dennoch weist auch der Begriff der Sterbehilfe Unklarheiten auf. Der Terminus meint nicht die Unterstützung Sterbender, - hier würde sich vielmehr die Kennzeichnung Sterbebegleitung anbieten - sondern eine medizinische Handlungsweise, die Einfluss auf die Lebensdauer eines Patienten hat (Stoecker 2011: 224). Bei der Sterbebegleitung handelt es sich in erster Linie um Tätigkeiten und Maßnahmen, die einen Menschen in seiner letzten Lebensphase unterstützen und Beistand leisten. Dabei orientieren sich die Maßnahmen am ganzen Menschen in seiner körperlichen, seelischen und sozialen Dimension (May 2011: 446). Die Sterbehilfe hingegen wird in Deutschland sowohl als Verzicht auf medizinische Versorgung bzw. der Behandlungsabbruch als auch als Tötung auf Verlangen angesehen. Dabei stellt sich die Frage, worin der moralisch relevante Unterschied zwischen einem passiven Sterbenlassen bzw. einem technischen Behandlungsabbruch und der aktiven Tötung eines Patienten besteht (May 2011: 446). Ferner zeigen sich weitere Schwächen im Hinblick auf den Terminus Sterbehilfe. Das Wort ist im deutschen positiv konnotiert und signalisiert etwas Legitimes und Begrüßenswertes (Nationaler Ethikrat 2006: 49). Allerdings wird diese positive Färbung beim Begriff der aktiven Sterbehilfe problematisch. Die aktive Sterbehilfe führt durch eine spezielle Handlung den Tod eines Menschen herbei. Ob man in diesem Zusammenhang die Tötung auf Verlangen als Hilfe apostrophieren sollte, sei dahingestellt (Nationaler Ethikrat 2006: 50).

Im weiteren Verlauf dieser Abfassung soll im Hinblick auf die historischen Ereignisse im Nationalsozialismus, gänzlich auf den Terminus Euthanasie verzichtet werden. Die medizinisch gezielte und aktive Herbeiführung des Todes eines Menschen soll nachfolgend mit den Begrifflichkeiten aktive Sterbehilfe und Tötung auf Verlangen gekennzeichnet werden. In dieser Abfassung wird der Terminus aktive Sterbehilfe trotz der Schwächen verwendet, da sich diese Begrifflichkeit sowohl in der fundierten Literatur als auch im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch durchgesetzt hat. Mit Verweis auf den Nationalen Ethikrat wird ebenfalls die Kennzeichnung Tötung auf Verlangen genutzt (Nationaler Ethikrat 2006: 53).

2. 2 Formen der Sterbehilfe

„Menschen sterben heute in aller Regel entschieden länger, als dies früher der Fall war“ (Wils 2007: 35). In der heutigen Gesellschaft ist das techno-medizinische Profil stellenweise so ausgereift, dass zwischen dem Zeitpunkt des irgendwann eintretenden Todes und dem Beginn der kausal auf den Tod hinauslaufenden Erkrankung, ein so langer Zeitraum liegt, dass die Dauer des Sterbens sich für manche bis ins Maßlose erstreckt. Wer in dieser Gesellschaft lebt, muss damit rechnen, dass sein Sterben zu einem konstitutiven Bestandteil seines Lebens wird (Wils 2007: 35). Es ist anzunehmen, dass mit dem medizinisch bedingten Anstieg der Vitalitätskurve des Lebens ein Zustand erheblicher oder radikaler Hilflosigkeit ausgehalten und ertragen werden muss (Wils 2007: 36). Demnach liegt es ebenso nahe, dass Patienten mit der Bitte um Sterbehilfe eine medizinische Handlungsweise fordern, die Einfluss auf die Lebensdauer nimmt. Dabei unterscheiden sich je nachdem, wie diese Einflussnahme aussieht, verschiedene Formen der Sterbehilfe (Stoecker 2011: 224). In der medizinethischen und medizinrechtlichen Literatur wird in vier Formen der Sterbehilfe differenziert: Der Beihilfe zum Suizid, der indirekten Sterbehilfe, der passiven und der aktiven Sterbehilfe. Dabei ist hervorzuheben, dass nur die aktive Sterbehilfe gesetzlich geregelt ist. Die anderen Bereiche der Sterbehilfe werden durch Rechtsnormen in Form von Gerichtsentscheidungen, standesethischen Richtlinien und Empfehlungen ärztlicher Fachgesellschaften geregelt (Simon 2003: 307).

2.2.1 Die Beihilfe zum Suizid

Es wird genau dann von einer Beihilfe zum Suizid gesprochen, wenn ein behandelnder Arzt seinem Patienten auf dessen Bitte hin ein tödlich wirkendes Gift zur Verfügung stellt. Dabei muss sich der Arzt, sofern er sich an die Richtlinien hält, keinerlei Gedanken über eine juristische Strafverfolgung machen, da die Beihilfe zum Suizid in Deutschland nicht strafbar ist (Simon 2003: 307). Befindet sich allerdings der Arzt in Gegenwart des Patienten, während dieser das Gift einnimmt, ist der Arzt dazu verpflichtet, das Mögliche zu unternehmen, um den Tod zu verhindern. Laut Simon scheint die Gesetzeslage absurd. Vor allem wenn man bedenkt, dass der Sterbehelfer den Sterbenden am Ende alleine lassen muss. Andernfalls würde sich dieser strafbar machen (Simon 2003: 307). Weiter, so Simon, solle die Beihilfe zum Suizid entweder ganz verboten werden oder zumindest gesetzlich so geregelt sein, dass unter bestimmten Voraussetzungen eine Nichthinderung einer Selbsttötung nicht strafbar ist (Simon 2003: 308).

2.2.2 Die indirekte Sterbehilfe

Die indirekte Sterbehilfe ist in Deutschland sowohl rechtlich zugelassen als auch geboten. Die deutschen Gerichte geben der Leidensminderung einen höheren Stellenwert als der bloßen Lebensverlängerung (Simon 2003: 308). „Das Recht wendet sich gegen jeden Leidensheroismus und gegen jede Aufdrängung von Lebenszwang und will Schmerzfreiheit nach den Möglichkeiten der Palliativmedizin garantieren“ (Simon 2003: 308). Grundsätzlich versteht man unter dieser Art der Sterbehilfe jene Form der ungewollten Lebensverkürzung durch Verabreichung von Schmerzmitteln (Simon 2003: 308). Genauer gesagt handelt es sich genau dann um die indirekte Sterbehilfe, wenn Art und Dosierung der Medikamente bei sehr leidvollen und lang anhaltenden Schmerzen das Risiko lebensverkürzender Nebenwirkungen in sich bergen (Wessels 1999: 9).

2.2.3 Die passive Sterbehilfe

Unter der passiven Sterbehilfe versteht man das Sterbenlassen des Patienten unter Verzicht auf intensivmedizinische Maßnahmen (Simon 2003: 308). Mit anderen Worten ist Sterbehilfe immer dann passiv zu nennen, wenn sie in einem Geschehenlassen des Sterbens besteht (Birnbacher 1995: 344). Dabei hat die Rechtsprechung bereits Mitte der 1980er Jahre erklärt, dass es keine Rechtsverpflichtung zur Erhaltung des erlöschenden Lebens um jeden Preis gibt. Rechtlich besteht allerdings kein Unterschied zwischen der Nichtaufnahme und dem Abbruch einer (Intensiv-)Behandlung (Simon 2003: 308). Dem Bundesgerichtshof zufolge kann das Unterlassen lebenshaltender Maßnahmen auch dann zulässig sein, wenn der Sterbevorgang noch nicht eingesetzt hat. Als zwingende Bedingung gilt hierbei der mutmaßliche Wille des Patienten. Kommt es zu einer solchen Entscheidung, müssen vor allem seine religiösen Überzeugungen, seine sonstigen persönlichen Wertevorstellungen, seine altersbedingte Lebenserwartung oder das Erleiden von Schmerzen berücksichtigt werden, die auf eine frühere schriftliche und mündliche Äußerung des Patienten zurückzuführen sind (Simon 2003: 309).

2.2.4 Die aktive Sterbehilfe

Bei der aktiven Sterbehilfe wird der Tod durch eine direkte Einwirkung auf den Patienten herbeigeführt. Es besteht ein kausaler Zusammenhang zwischen der direkten Handlung des Akteurs am Körper des Patienten und ihrer Wirkung (Bobbert 2003: 315). Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland strafrechtlich verboten, selbst wenn sie auf Verlangen des Betroffenen erfolgt. Unter anderem wird dieses Verbot mit der Gefahr des Missbrauchs und dem grundsätzlichen Bedenken, dass dem menschlichen Leben zu wenig Achtung entgegengebracht wird, begründet (Simon 2003: 307).

2.2.5 Die Mitleidstötung

Bei der Mitleidstötung handelt es sich nicht um eine reine Form der Sterbehilfe, sondern vielmehr um eine Handlungsweise, die theoretisch in allen eben genannten Formen der Sterbehilfe vorkommen kann. Dabei unterscheidet sie sich von den anderen Formen der Sterbehilfe insofern, dass sie ihre Legitimation nicht aus dem Selbstbestimmungsrecht des Patienten herleitet, sondern auf der Absicht fußt, dem Getöteten zu helfen oder ihm vor Leid oder Schmach zu bewahren (Stoecker 2011: 225). Rechtlich gesehen wird diese Form der Sterbehilfe als Totschlag gewertet und ist nach §212 StGB verboten (Stoecker 2011: 225).

„Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, wird als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft. In besonders schweren Fällen ist auf lebenslange Freiheitsstrafe zu erkennen“ (Fischer 2014: 1475).

3. Ein gesellschaftlich kontrovers geführter Diskurs

„Im Sterben kulminiert geradezu die Bemühung des Menschen um Würde und Selbstrespekt“ (Wils 2000: 23). Nicht allein Sterbende stellen sich am Ende des Lebens die Frage nach dem Tod. Vielmehr ist das Verlangen nach einem würdevollen Tod ein Gedanke, mit dem sich ein Großteil der Menschen schon einmal beschäftigt hat. Aus diesem Gedanken entwickelte sich eine sowohl medizinethische als auch öffentlich kontrovers geführte Diskussion über die Sterbehilfe, die ihren Kulminationspunkt in der aktiven Sterbehilfe gefunden hat. Auch wenn die Rechtsprechung in Deutschland sich gegen die Legalisierung der Tötung auf Verlangen ausgesprochen hat, erfährt die gesellschaftspolitische Debatte über die aktive Sterbehilfe Hochkonjunktur. Dabei wird die Sterbehilfediskussion interdisziplinär geführt und weist auf den sozialen Wandel der Werte, Normen und Lebensstile hin (Hochgrebe 2005: 137). Herausstechend wirken in diesem Diskurs ebenso die Bemühungen der Befürworter als auch die der Gegner einer Legalisierung, die Menschenwürde und die Autonomie der Patienten in ihre Argumentation einzubetten. Dabei ist interessant, dass der Begriff der Menschenwürde unterschiedlich verstanden wird, wenngleich er in den Verfassungen fast aller Staaten zu finden ist und darüber hinaus auch in vielen internationalen Abkommen und Deklarationen eine zentrale Bedeutung hat. Insbesondere im Zusammenhang über ethische und rechtliche Fragen des vorgeburtlichen Lebens, zu Beginn und am Ende des Daseins, bei psychisch-geistig behinderten und altersdementen Menschen wird er diskutiert (Hochgrebe 2005: 96). Diese Ausgangslage bietet unter anderem ein konstruktives Fundament, die disputablen Positionen näher zu beleuchten.

Um das breite Spektrum der beiden Positionen aufzuzeigen, sollen im Folgenden zunächst die reichlichen Argumente der Opponenten der Legalisierung aufgelistet werden. Die Argumentation der Befürworter folgt in einem darauffolgenden Schritt, bevor die Kontroversen abschließend gegenübergestellt und aus philosophisch-ethischer Sicht beleuchtet werden.

3.1 Gegen die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe

Verschiedene Studien zur Praxis der medizinischen Entscheidungen am Lebensende haben gezeigt, dass einige der befragten Ärzte, gelegentlich Medikamente mit dem Ziel verabreicht haben, das Sterben ohne ausdrückliches Verlangen durch den Patienten zu beschleunigen (Nationaler Ethikrat 2006: 32). Zudem wurde für die Niederlande in diesen Untersuchungen ermittelt, dass bei zehn Prozent der für 2001 erfassten 1541 Todesfälle, bei denen Beihilfe zur Selbsttötung oder Tötung auf Verlangen geleistet wurde, kein ausdrückliches Verlangen oder ein sonst dokumentierter Wille des Patienten vorlag. Im Jahr 1995 lag diese Rate bei noch ca. sieben Prozent (Nationaler Ethikrat 2006: 32). Dem entnommen ist nicht von der Hand zu weisen, dass es eine große Zahl von Fällen gibt, in denen die strengen Bedingungen, an die das niederländische Gesetz für die Zulässigkeit der Tötung auf Verlangen gebunden ist, bei Patienten missachtet wurde (Nationaler Ethikrat 2006: Berlin). Eine solche statistisch dargelegte Missachtung der für notwendig gehaltenen Einschränkungen wird von vielen Gegnern einer Legalisierung der Tötung auf Verlangen als Indiz dafür genommen, dass durch eben diese aktive Sterbehilfe Barrieren abgebaut werden, die Patienten faktisch davor schützen sollen, ohne oder gegen ihren Willen getötet zu werden (Nationaler Ethikrat 2006: 32). Neben dem eben Genannten können als weitere Aspekte die Ansicht der Gesellschaft und ihrer Solidarität auf den Patienten und der soziale Druck, der auf allen Beteiligten lastet, erwähnt werden. Kritiker sehen in der Tötung auf Verlangen das drohende Unheil einer Entsolidarisierung der Gesellschaft mit den Schwächsten (Hochgrebe 2005: 41). Ferner hegen sie Befürchtungen, dass die Legalisierung über kurz oder lang zu einer lebensfeindlichen Veränderung des sozialen Klimas führt, in der sich Betroffene von Dritten, insbesondere von den Angehörigen unter Druck gesetzt fühlen können (Koch 2000: 301). Beleuchtet man den sozialen Druck, der sowohl auf den Patienten als auch auf den Angehörigen, dem behandelnden Arzt und den Pflegenden lastet, stechen zwei Problematiken heraus. Zum einen das Problem der Authentizität, das der Frage nachgeht, ob sich hinter dem Verlangen nach aktiver Sterbehilfe tatsächlich der Wunsch nach dem eigenen Tod verbirgt und zum anderen das Problem der Freiwilligkeit, das sich die Frage stellt, ob ausgeschlossen werden kann, dass das Verlangen nach aktiver Sterbehilfe nicht von Dritten beeinflusst wird (Simon 2003: 311). Kritiker sehen vor allem die Schwerkranken und Sterbenden als betroffene Gruppe, die unter diesem Druck in ihrer Entscheidungsfindung beeinflusst wird. Sie geraten zunehmend unter den gesellschaftlichen Druck und werden regelrecht dazu aufgefordert, den Sterbeprozess durch die Anwendung von aktiver Sterbehilfe zu beschleunigen. Dies impliziert eine unfreiwillige Sterbehilfe, die von äußeren Faktoren beeinflusst ist (Vieth 2006: 103). Laut Bobbert sollte aber genau dieser Aspekt eines der Kriterien darstellen, das bei einer Legalisierung zu jedem Zeitpunkt erfüllt werden muss. Die Freiwilligkeit und die Einsichtsfähigkeit eines Patienten muss vorausgesetzt werden. Dabei fordert die Freiwilligkeit ein Freisein vom großen inneren und äußeren Druck und das Vorhandensein von akzeptablen Handlungsalternativen. Bei der Einsichtsfähigkeit handelt es sich um ein breites bzw. ausreichendes Wissen über die Umstände und Folgen einer Entscheidung oder Handlung (Bobbert 2003: 315). Unter dem Blickwinkel des sozialen Drucks kann insbesondere die Freiwilligkeit einer Entscheidung nicht gewährleistet werden. Innere und äußere Faktoren, so Bobbert, üben einen subtilen Druck auf den Patienten aus, der diesen in seinem Entscheidungsspielraum stark einschränkt (Bobbert 2003: 316). So spielen Faktoren, wie die Angst vor großen Schmerzen in Bezug auf das Lebensende, die nicht nur von kranken, sondern auch von gesunden Menschen gefürchtet werden, eine signifikante Rolle. Zudem möchten Sterbende ihren Angehörigen nicht zur Last fallen, hohe Kosten verursachen, ihre geistigen Fähigkeiten oder die gesellschaftliche Akzeptanz verlieren. (Bobbert 2003: 316). Auch Hochgrebe verweist in diesem Zusammenhang auf soziale und ökonomische Gründe, die einen Patienten in seiner Entscheidungsfindung fremdbestimmen können und erwähnt im selben Atemzug den Wert des kranken Menschen. Sobald die Gesellschaft die aktive Sterbehilfe erlaube, so argumentieren die Kritiker, würde man den Kranken ihre Würde nehmen und mache sie darüber hinaus zum lebensunwerten Menschen (Hochgrebe 2005: 119). Auch das unbedingte Tötungsverbot beruht auf dem Wert des menschlichen Lebens. Dieser ist inkommensurabel und gilt insbesondere für Frühgeburten und alte Menschen (Hochgrebe 2005: 40). Spricht man also von der Würde des Menschen, muss diese auch bis zum Tod gelten. Die Forderung nach einem würdevollen Sterben, so argumentieren die Gegner, dürfe nicht bedeuten, dass bei Krankheit und Leiden ein Würdeverlust durch den herbeigeführten Tod abgewendet werden könne. Vielmehr stelle gerade das Töten einen Würdeverlust für die Patienten dar (Hochgrebe 2005: 106). Eine ebenso ablehnende Haltung bezüglich der Tötung auf Verlangen bewahren sich die Theologie und die beiden christlichen [Kirchen]. „(...) Gott hat es gegeben, nur Gott kann es nehmen“ (Hochgrebe 2005: 118). Die Rede ist vom menschlichen Leben. Die christlichen Werte bieten keinerlei Verfügungsgewalt über das Leben Anderer oder das eigene Leben, denn das fünfte Gebot verbiete das Töten eines Menschen (Hochgrebe 2005: 118). Weiter wird an anderer Stelle die Ablehnung der Theologie und der Kirchen mit der Unverfügbarkeit des von Gott geschenkten Lebens begründet (Hochgrebe 2005: 128). Die Kirche sieht in der Tötung auf Verlangen den falschen Weg. Ihrer Ansicht nach ist die aktive Sterbehilfe ein Indiz für die mangelnde Sterbebegleitung. Ferner sehen sie in ihr den Ausdruck von Tendenzen der säkularisierten Gesellschaften, den Tod und das Sterben aus dem individuellen und gesellschaftlichen Bewusstsein zu verdrängen (Vieth 2006: 101). Insbesondere die katholische Kirche sieht in der Legalisierung eine Bedrohung für die Kultur des Todes, in der die Gesellschaft keinen Platz für alte und geschwächte Menschen findet.

„Wir stehen hier vor einem der alarmierendsten Symptome der Kultur des Todes, die vor allem in den Wohlstandsgesellschaften um sich greift, die von einem Leistungsdenken gekennzeichnet sind, das die wachsende Zahl alter und geschwächter Menschen als zu belastend und unerträglich erscheinen läßt. Sie werden sehr oft von der Familie und von der Gesellschaft isoliert, deren Organisation fast ausschließlich auf Kriterien der Produktion und Leistungsfähigkeit beruht, wonach ein hoffnungslos arbeitsunfähiges Leben keinen Wert mehr hat“ (Paul II. 1995: 64).[3]

Abgesehen von den eben angeführten Argumenten wird von der Kirche eingewandt, dass das Prinzip des Lebensschutzes aufgeweicht würde und es dadurch zu Mitleidstötungen kommen könnte. Auch das Verbot der Tötung auf Verlangen gerät durch das Vermeiden von Leiden in eine herausfordernde Situation, die weitere Legitimationsversuche für diverse Lebensschicksale auf den Plan rufen und somit einen Dammbruch provozieren könnten (May 2011: 450). Bei den sogenannten Dammbruch- und Missbrauchsgefahren handelt es sich um praktische Probleme, die durch eine Legalisierung der aktiven Sterbehilfe zumindest nicht ausgeschlossen werden können. Sie gehen der Frage nach, welche gesellschaftlichen Entwicklungen mit der Legalisierung in Gang gesetzt werden und ob darüber hinaus eine Gefahr bestehe, dass Kriterien für eine erlaubte Tötung mit der Zeit ausgeweitet werden. Gegner der aktiven Sterbehilfe sehen im Dammbruch und Missbrauch erhebliche Gefahren (Simon 2003: 311). Um die Dinge in einen historischen Zusammenhang zu setzen und um einen Bogen hin zu den Befürchtungen der Kritiker bezüglich der Dammbruch- und Missbrauchs- Argumentation zu spannen, wird zunächst die Euthanasiepraxis der Nationalsozialisten untersucht. Die nationalsozialistische Pervertierung des Euthanasiebegriffs mit seiner zynisch-menschenverachtenden Zweckentfremdung entwickelte sich aus der Verselbstständigung des sozialdarwinistischen Gedankens. Sie ist auch die Basis für die bis heute virulente Besorgnis gegenüber möglichen Missbräuchen der aktiven Sterbehilfe (Koch 2000: 296). Der Philosoph Robert Spaemann betitelt die Tötung auf Verlangen als eine Einstiegsdroge für die Enttabuisierung der Tötung lebensunwerten Lebens (Hochgrebe 2005: 36) und setzt die moderne gesellschaftspolitische Debatte über eine mögliche Legalisierung der aktiven Sterbehilfe in Relation zur Euthanasiepraxis im dritten Reich. Dabei zitiert er den österreichisch-US-amerikanischen Arzt Leo Alexander wie folgt:

„dass allen, die mit der Frage nach dem Ursprung dieser Verbrechen zu tun hatten, klar wurde, dass sie aus kleinen Anfängen wuchsen. Am Anfang standen zunächst feine Akzentverschiebungen in der Grundhaltung. Es begann mit der Auffassung, die für die Euthanasiebewegung grundlegend ist, dass es Zustände gibt, die als nicht mehr lebenswert zu betrachten sind. In ihrem Frühstadium betraf diese Haltung nur die schwer und chronisch Kranken. Nach und nach wurde der Bereich jener, die unter diese Kategorie fielen, erweitert und auch die sozial Unproduktiven, die ideologisch Unerwünschten, die rassisch Unerwünschten dazugerechnet. Entscheidend ist jedoch zu erkennen, dass die Haltung gegenüber den unheilbar Kranken der winzige Auslöser war, der diesen totalen Gesinnungswandel zur Folge hatte“ (Spaemann 2005).[4]

[...]


[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.

[2] Vom griechsichen: eu = gut und thanatos = Tod (Vieth 2006: 100)

[3] Zugriff: http://www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/encyclicals/documents/hf_jp-ii_enc_25031995_evangelium-vitae_ge.html. 23.06.2014, 16:27 Uhr.

[4] Zugriff: http://content.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/1033896_0_6456_-sterbehilfe-ist-nur-ein-anderes-wort-fuer-toeten.html. 23.06.2014, 18:56 Uhr.

Details

Seiten
46
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656946441
ISBN (Buch)
9783656946458
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295748
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,7
Schlagworte
aktive Sterbehilfe aktive Sterbehilfe Kant Deontologie Utilitarismus Argumentation

Autor

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Titel: Philosophische Argumentation für und gegen die aktive Sterbehilfe