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Die politischen Parteien der Deutschösterreicher im Ersten Weltkrieg. Die Stellung der Sozialdemokratie zum „Großen Krieg“ (1914-1918)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 48 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das ideologische Profil der österreichischen Sozialdemokratie am Vorabend des Ersten Weltkrieges
1.1 Die ideologische Basis sozialdemokratischer Politik
1.2 Victor Adler als der Ideologe der Partei

2. Die österreichische Arbeiterbewegung und ihre Stellung zum Krieg
2.1 Die nationale Frage
2.2 Die Kriegsfrage

3. Die österreichische Sozialdemokratie und der Erste Weltkrieg
3.1 Die ideologische Positionierung im Sommer 1914
3.2 Die Friedensbestrebungen des Jahres 1917
3.3 Die sozialdemokratische Politik im Jahre 1918

4. Resümee: Kriegslust vs. Friedenssehnsucht

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Gegen Ende des Jahres 1888 gelang es den Arzt Victor Adler die österreichische Sozialdemokratie auf dem Parteitag im niederösterreichischen Hainfeld zu einen, indem der Zwiespalt zwischen den ÄGemäßigten“ und den ÄRadikalen“ überbrückt worden ist. Jedoch konnte eine wirkliche Überwindung des Gegensatzes zwischen Reformern und Revolutionären, zwischen einer demokratischen und totalitären Richtung nie erzielt werden. Aber gerade der Kompromisscharakter des von Adler erreichten Ausgleichs gab der österreichischen Sozialdemokratie ihr spezifisches Gepräge, weil das von ihm formulierte Parteiprogramm sich einerseits zu einer marxistischen Position bekannte und andererseits bewusst auf die Proklamierung der ÄRevolution“ sowie auf die ÄDiktatur des Proletariats“ verzichtete. Seine politischen Positionen lauteten: ÄKampf um das allgemeine gleiche Wahlrecht, Konzentration aller staatlichen Machtmittel beim Parlament, Erringung der sozialdemokratischen Mehrheit und dann Beginn der Verwirklichung des Sozialismus“1. Adler widmete sich vorrangig dem Aufbau einer Parteiorganisation, der Erziehung eines politischen Führungsstabes und der Aufklärung der breiten Masse der Parteianhänger, sodass es ihm gelang, eine politische Massenbewegung zu begründen.2 Das größte Hindernis für einen politischen Erfolg der österreichischen Sozialdemokratie war ihre vielschichtige Verstrickung in die Nationalitätenproblematik. So forderte die jüngere Generation der Parteiführer wie Otto Bauer und Karl Renner im Brünner Programm des gesamtösterreichischen Parteitages im Jahre 1899 die Umbildung Österreichs in einen Ädemokratischen Nationalitätenbundesstaat“, d.h. an die Stelle der historisch gewachsenen Kronländer sollten national abgegrenzte Selbstverwaltungseinheiten treten. Mit dieser ideologischen Profilierung als staatserhaltende Partei konnten sich die einzelnen nationalen sozialdemokratischen Fraktionen immer weniger abfinden.3 Die österreichische Sozialdemokratie, die zu Beginn keine Klassenpartei war, musste mit der fortschreitenden Industrialisierung der Habsburgermonarchie immer mehr zur Partei der Arbeiterklasse werden und in Konflikt zum Bürgertum geraten. ÄIn den Entscheidungsgremien aber blieben, trotz des Wandels der Partei, die Intellektuellen dominierend.“4

Am gesamtösterreichischen Parteitag im Jahre 1903 kritisierte der Führer der organisierten Arbeiterjugend, Leopold Winarsky, die Politik der sozialdemokratischen Parlamentsfraktion als ein ÄPaktieren“ mit dem Militarismus und verlangte, dass sie bei den alten Grundsätzen bleiben und alle Militärvorlagen ablehnen sollte. Victor Adler meinte dazu, dass nicht das bloße Deklamieren gegen den Militarismus, sondern den Militarismus verstehen und im Militarismus den revolutionären Gehalt erkennen sozialdemokratisch sei: ÄJeder Schritt, der dazu führt, die Dienstzeit abzukürzen, die Gamaschenknopfmethode, die Kavaliersherrschaft in unserer Armee und vor allem die Brutalitäten in unserer Armee zu untergraben, aus der Armee ein volkstümliches Institut zu machen, ist tatsächlich ein Schritt mehr nicht zur Miliz allein, sondern zur Erreichung aller unserer Forderungen.“5 Er ging in seiner Rede nicht nur auf diese Kritik näher ein und sprach sich für die parlamentarische Arbeit aus, sondern entwarf auch eigene Vorstellungen hinsichtlich einer Heeresreform, die auch die Demokratisierung des Heeres beinhalten sollte. In seinen Aussagen wird die Anerkennung des Wertes, der Äsoldatischen Erzeihung, die hbernahme der alten ethnischen Normen im militärischen Bereich“6 betont und die militärische Pflichterfüllung als Ethos auf die Pflichterfüllung innerhalb der Arbeiterbewegung übertragen. Des Weiteren trat er für eine aktive Äpositive“ Militärpolitik der sozialdemokratischen Fraktion im Parlament ein, indem eine schrittweise Veränderung der Armee in eine Volksmiliz mit verkürzter Dienstzeit angestrebt werden sollte. Dieser skizzierte Weg einer allmählichen Demokratisierung der Armee und einer schrittweisen Umwandlung in ein Volksheer wurde aber von mehreren Seiten als unrealistisch kritisiert. So wurde der Behauptung einer positiven erzieherischen Funktion des Militärdienstes widersprochen, und eine Demokratisierung der Armee könnte nur Hand in Hand mit der gesellschaftlichen Entwicklung erfolgen. Zur These von der schrittweisen Demokratisierung des Heeres meinte der Abgeordnete Engelbert Pernerstorfer: ÄWenn eine moderne Institution dem demokratischen und sozialdemokratischen Geiste unzugänglich ist, so ist es der moderne Militarismus.“7 Der antimilitaristische Ansatz wurde aber nicht weiter verfolgt, da die Sozialdemokratie in anderen, ihr wichtiger scheinenden Bereichen der Politik keineswegs mehr institutionsfeindlich genug war, um eine solche Politik gegenüber dem Militär einzuschlagen.8

1. Das ideologische Profil der österreichischen Sozialdemokratie am Vorabend des Ersten Weltkrieges

Die Intelligenz als soziologischer Begriff umfasst die soziale Schicht aller berufsmäßigen Geistesschaffenden und kann daher nicht als Klasse definiert werden, da sie aus verschiedenen Klassen und Schichten besteht. ÄBereits 1848 sahen Karl Marx und Friedrich Engels die Spaltung der Gesellschaft in zwei einander unversöhnlich gegenüberstehende Klassen, Bourgeoisie und Proletariat, voraus.“9 Die fragwürdige Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit ist als besondere Erscheinung der kapitalistischen Epoche zu charakterisieren, die nur jenen nützt, die an der Erhaltung des Systems interessiert sind. Es ist ein Phänomen der frühen Arbeiterbewegung, dass sozialistisches Gedankengut eher in der Intelligenz als im Proletariat anzutreffen war. Diese Intellektuellen hatten erkannt, dass das Proletariat jene Klasse ist, welche die Zukunft gestalten wird. In der frühen österreichischen Arbeiterbewegung gab es drei bestimmte Gruppen von Intellektuellen: erstens die wohl bedeutendste Gruppe jüdischer Intellektueller, die nach der Hinwendung des nationalen Lagers zum Antisemitismus ihre politische Heimstätte fast ausschließlich in der Sozialdemokratie fanden, zweitens die Gruppe der deutschnational gesinnten Aufsteiger-Intelligenz, die aus armen, meist ländlichen Verhältnissen stammte, und ihr Zugang zur Sozialdemokratie erfolgte über die konkrete soziale Praxis, und drittens die eine Besonderheit darstellende Gruppe liberaler Intellektueller, welche die Gründung der ersten Arbeiterbildungsvereine ermöglichten.10

Einen Sonderfall bildeten zweifellos die Studenten, da sie einerseits auf große Vorbehalte seitens der organisierten Arbeiterschaft trafen, aber andererseits war die Bereitschaft zur Übernahme revolutionären Gedankengutes bei ihnen sicherlich stärker als bei der Intelligenz im Berufsleben. Aus den Diskussionszirkeln engagierter Studenten bildeten sich bereits in den 1890er Jahren recht stabile Organisationen, allerdings war eine Verbindung zu den Organisationen der Arbeiterklasse kaum vorhanden. Unter der gesamten Studentenschaft bildeten diese Gruppen eine Minderheit. Der Erste Weltkrieg und der Zerfall der Habsburgermonarchie hatten die wirtschaftliche und soziale Situation in Österreich ganz entscheidend verändert. In der unmittelbaren Nachkriegszeit war die österreichische Sozialdemokratie die politisch führende Kraft und die Zeitschrift des Austromarxismus, Der Kampf, war mit Diskussionen um die Stellung sowie Organisierbarkeit der Intelligenz im Rahmen der Arbeiterbewegung gefüllt, wobei vor allem die Frage, ob geistige Arbeit im marxistischen Sinne produktiv sein kann, im Mittelpunkt der Diskussionen stand.11

1.1 Die ideologische Basis sozialdemokratischer Politik

Der Begriff des Revisionismus Äbündelt eine Vielzahl von Positionen, denen es zwar gemeinsam ist, daß sie sich mehr oder minder deutlich von den philosophischen, taktischen und strategischen Vorstellungen von Marx und Engels unterscheiden, aber ansonsten äußerst heterogen sind“12. Nach Lenin seien die Differenzen in der internationalen Arbeiterbewegung als Kampf gegen diesen Revisionismus zu verstehen. Der Revisionismusbegriff als internationale Strömung kommt im Falle der österreichischen Sozialdemokratie nur so weit zu tragen, dass der deutschösterreichischen Partei allenfalls ein Revisionismus besonderer Art attestiert werden kann. ÄDas Denken von Marx und Engels entwickelte sich weitgehend im sozial höher entwickelten Großbritannien und baute auf einer Grundlage auf, die der Kultur der Donaumonarchie fremd war: einer entwickelten, industrialistischen Denkweise.“13 In Österreich-Ungarn setzte sich die Aufklärung nie voll durch, es existierte kein naturwissenschaftlich argumentierender Materialismus und die Schriften der klassischen Nationalökonomie waren weitgehend unbekannt. ÄDie Pioniere der österreichischen Arbeiterbewegung waren durchaus bereit, den Marxismus zu studieren, doch die erwähnten Schwierigkeiten und die sonstige Sorge um die zu gründende Organisation verhinderten dies.“14 Die anfangs relativ theorielose österreichische Arbeiterbewegung erhielt mit dem Auftreten einer kleinen Gruppe von jungen Theoretikern, den sog. Austromarxisten, wie z.B. Max Adler, Otto Bauer oder Karl Renner ihr ideologisches Profil. Dieser Gruppe war etwas Wichtiges gemeinsam, nämlich ein gewisser kultureller Sozialisationstypus. ÄIhre Sozialisation war an bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Werten orientiert, die sie allerdings, was die Beziehung zur Kultur betrifft, positiv erlebten.“15 Sie waren keineswegs studentische Rebellen, sondern von ihren Lehrern intensiv geförderte Musterstudenten. Die Austromarxisten waren keine ursprünglichen Marxisten, sondern hatten eine fest ausgeprägte Identität und begannen erst auf dieser Basis sich mit den Schriften von Marx zu beschäftigen. Der Austromarxismus war somit ein Mischsystem, dessen wichtigste Elemente eine von Karl Kautsky stark beeinflusste Marxinterpretation, das aus der Sozialisation stammende Kulturgut und auch intellektuelle Zeitströmungen sind. Aufgrund der Denkweise von Kautsky, das eher dem mechanischen Materialismus zugeordnet werden kann, wurde die philosophische Orientierung der Austromarxisten an Kant verstärkt und die Philosophie von Hegel stark vernachlässigt. Die prinzipielle Nichtbeachtung der Frage nach Materialismus und Idealismus durch Kautsky erleichterte es den Austromarxisten, sich für die klassische deutsche Philosophie zu entscheiden. ÄVor allem die Vorstellung von Geschichte als einem ständigen Aufstieg, als einem Prozeß des Fortschritts, der Durchsetzung und der Vernunft hatte in Österreich große Auswirkungen. (…) Schon Kant sei auf spekulativem Weg zur marxistischen Entwicklungsperspektive gelangt, Marx hätte eigentlich nur den wissenschaftlichen Beweis für ein bereits vorformuliertes Konzept geliefert.“16 Durch die an Kant orientierte Haltung der Austromarxisten rückten diese in die Nähe des deutschen Revisionismus, da sie mit Ausnahme von Renner offensichtlich ein großes Bedürfnis hatten, eine Übereinstimmung mit Marx zu erzielen, und ihre Kritik an Marx oft als Verbeugung vor dessen Größe deklarierten.17

In der österreichischen Arbeiterbewegung konzentrierte man sich auf den transzendentalen Standpunkt im Werk von Kant, und Max Adler versuchte den marxistischen Diskurs mit dem Transzendentalismus auszusöhnen. Diese Philosophie gab den Austromarxisten ein Ausdrucksmittel für die aus ihrer Sozialisation herrührende Abneigung gegen den Materialismus, und das Wort Materialismus war für sie mit negativen Assoziationen verknüpft wie z.B. das Wort Diktatur auf politischem Gebiet. Des Weiteren gibt es im austromarxistischen Mischsystem gewisse religiöse Elemente, so formulierte Max Adler eine Religionsphilosophie, die auf das religiöse Bedürfnis basiert, welches Äden Widerspruch zwischen der sittlichen und der natürlichen Welt überbrücken hilft, das also hilft, eine letzte Einheit herzustellen, und daher ahistorisch ist, immer bestehen wird und anthropologisch vorgegebenes menschliches Grundbedürfnis verkörpert“18. Der österreichische Revisionismus fußte sozial teilweise auf einer positiven

Integration der Sozialdemokratie in das politische System der Habsburgermonarchie, doch wegen den Einflüssen der politischen Kultur wurde die österreichische sozialdemokratische Gesamtpartei allmählich unfähig, das Äkomplexe Nationalitätenproblem der Donaumonarchie, so weit es für die Parteiund Gewerkschaftsorganisation relevant war, im Geiste eines solidarischen Internationalismus zu lösen. (…) Ihre Lösungsvorschläge entstanden innerhalb einer politischen Kultur, die nicht unwesentlich vom Nationalismus geprägt war.“19 Dieser Prägung konnte sich die Sozialdemokratie nicht entziehen, und die Äaffektive Bindung an das Deutschtum, die immer wieder geäußerte Auffassung von der Höherwertigkeit des in der kulturellen Sozialisation vermittelten deutschen Kulturgutes hinderte die Austromarxisten, die Historizität der Kategorie Nation zu sehen“20. Das sichtbarste Element des Austromarxismus war die immer stärker werdende Orientierung am Parlamentarismus, jedoch trat die Instrumentalisierung des Parlaments zu einem Propagandainstrument im Laufe der Zeit immer mehr zurück. ÄDie Partei, ihre Organisation und ihre Agitation assimilierten sich allmählich den Erfordernissen des Parlamentarismus.“21 Die Diskussion um die Bedeutung der marxistischen Staatstheorie für die österreichische Sozialdemokratie begann erst im Ersten Weltkrieg. So scheiterte im Jahre 1901 ein Versuch, im Parteiprogramm den Begriff der Diktatur des Proletariats zu verankern. In den Diskussionen zur ideologischen Situation der österreichischen Arbeiterbewegung kam nur der Konflikt von Revisionismus und Orthodoxie zur Sprache, wobei der Revisionismus und die Theorie der ÄLinken“ die Reflexion der Veränderungen in der sozio-ökonomischen Sphäre des Kapitalismus gemeinsam haben. ÄFür die Linke war diese untrennbare Verbindung von Staat und Ökonomie Anlaß, nach neuen Kampfmitteln zu suchen, für die Rechte Anlaß, für die Arbeiterklasse einen Anteil am Staat und an seinem Lenkungsprozeß zu verlangen.“22 Der Zentrismus verkam inmitten dieser beiden Strömungen zu einer konservativen Theorie, und die ideologische Krise des Ersten Weltkrieges war in der Habsburgermonarchie vornehmlich eine Krise des Zentrismus.23

1.2 Victor Adler als der Ideologe der Partei

Victor Adler gilt als Begründer der sozialdemokratischen Gesamtpartei in Österreich und gehört zu den herausragenden Persönlichkeiten des internationalen Sozialismus. Seine persönliche Ausstrahlungskraft sicherte ihm sowohl die unbedingte Gefolgschaft der Parteifunktionäre als auch das unbedingte Vertrauen der Arbeiterschaft. ÄDie Politik der österreichischen Sozialdemokratie ist in der Periode vom Hainfelder Parteitag 1889 bis zur Auflösung der Monarchie maßgeblich von Victor Adler geprägt worden.“24 Aufgrund seines angegriffenen Gesundheitszustandes konnte Adler während der Kriegsjahre nicht mehr regelmäßig an den Sitzungen des Parteivorstandes teilnehmen, und viele Aufgaben übernahmen daher sein als Parteisekretär tätige Sohn Friedrich sowie Otto Bauer. Wegen seiner bewussten taktischen Zurückhaltung war Adler von dem innerparteilichen Richtungsstreit zwischen dem entstehenden linken Flügel, dem reformistischen Zentrum und dem national orientierten rechten Flügel ausgenommen, und seine politische Toleranz hinderte ihn nicht daran, selbst eindeutig Position zu beziehen. Er blieb auch in der Phase verschärfter innerparteilicher Auseinandersetzungen die unbestrittene Symbolfigur der Einheit der Partei.25

In einer vielbeachteten Rede im Wiener Reichsrat am 28. November 1912 polarisierte Victor Adler gegen die sog. Kriegshetzer in der Regierung und warnte ausdrücklich vor den Folgen einer militärischen Einmischung am Balkan, die zu einem Weltkrieg führen würde. Dazu meinte Adler: ÄEs wäre eine Katastrophe, wie sie seit einem Jahrhundert und seit länger nicht über die Welt gekommen ist.“26 Außerdem verwies er auch auf die machtpolitische Stellung der Habsburgermonarchie in Europa hin: ÄÖsterreich ist mächtig, Österreich kann ein furchtbares, großes Unglück anrichten, es hat die Macht dazu, (…), in das nicht nur unsere Völker hineingerissen werden, sondern in das die Deutschen, die ganze Welt hineingerissen wird.“27 Adler hat die Parteipolitik im Krieg maßgeblich bestimmt, wobei er sich bewusst des Sprachrohrs der ÄArbeiter-Zeitung“ bediente. ÄEine kritische Würdigung der Politik des österreichischen Parteiführers im Ersten Weltkrieg wird stets abzuwägen haben zwischen der einheitsstiftenden Funktion, die er unbestritten ausübte, und den in mancher Hinsicht problematischen Zügen der von ihm eingeschlagenen Strategie.“28 Wegen dem von Adler der Partei aufgeprägten bewussten Willen zum Ausgleich konnte eine Spaltung der österreichischen Sozialdemokratie abgewendet und die schwere innerparteiliche Krise in den Jahren 1917 und 1918 überwunden werden. Diese Politik entsprach einerseits dem Grundsatz, die Einheit der Partei im Handeln, und nicht in programmatischen Erörterungen zu suchen, andererseits begünstigte dies, politische Scheinkompromisse einzugehen. ÄEs war kennzeichnend, daß die Opposition sich gleichsam außerhalb der Partei, im Bildungsverein ‚Karl Marx‘, zusammenfand und von dem Gefühl getragen war, in der Organisation nicht ernst genommen zu werden.“29 Adlers Sympathien gehörten vor allem den jüngeren Parteiintellektuellen wie z.B. Karl Renner oder Otto Bauer, und er brachte qualifizierte jüngere Nachwuchspolitiker in Spitzenstellungen. Er glaubte in ihnen Gesinnungsgenossen zu finden und hat sich Äständig auf die grundsätzlichen Analysen von Bauer und Renner abgestützt, wenn es ihm darum ging, seine Position theoretisch zu begründen“30. Aufgrund der politischen und auch programmatischen Dominanz des Parteiführers wichen die Jüngeren vermehrt auf das Feld theoretischer Betätigung aus, wobei Adler der austromarxistischen Schule kaum Beachtung geschenkt hat. Er pflegte stets zu betonen, dass er kein Theoretiker sei, und theoretische Debatten ohne praktischen Bezug waren ihm zuwider.31

Die Verwirklichung des Sozialismus konnte nach Adler nur Hand in Hand mit der Verwirklichung der Demokratie gehen, und unter den innenpolitischen Bedingungen während des Krieges erschien ihm einleuchtend, dass der auch unter der Arbeiterschaft vorherrschende Nationalismus eine offene Auflehnung des Proletariats unmöglich machen würde. Seine behutsame und zögernde politische Strategie hatte der österreichischen Sozialdemokratie einen beträchtlichen Einfluss verschafft, obwohl das allgemeine und gleiche Wahlrecht den erhofften Durchbruch nicht gebracht hatte. Im Gegensatz zu der Gruppe der jüngeren Austromarxisten hielt Adler an der Hoffnung fest, eine Umbildung der Monarchie in einen demokratischen Nationalitätenstaat erreichen zu können. Grundsätzliche Kritik an seiner Politik wurde erst nach seinem Tod geübt, so meinte Bauer, dass Adler den Zusammenhang zwischen Krieg und Revolution nicht zu erkennen vermocht habe. Jedoch hat er immer wieder diesen Zusammenhang von Krieg und sozialer Entwicklung hervorgehoben, und die Geschichte hat ihm im Wesentlichen Recht gegeben, da der Erste Weltkrieg zwar die bestehende Ordnung zerstörte, jedoch den Nationalismus auf Kosten der sozialistischen Bewegung förderte. In der Militarismusfrage nahm Adler einen gemäßigten Standpunkt ein und seit der Annexionskrise 1908/09 unterstützte er die praktische Antikriegsagitation. ÄAdlers Haltung in der Militarismusfrage hing eng mit seiner scharfen Gegnerschaft gegen das zaristische Rußland zusammen.“32 Bei Kriegsausbruch zweifelte er nicht daran, dass es sich um einen Verteidigungskrieg gegen eine mögliche russische Invasion handelte. Er stellte den Krieg als Einbruch des bloßen Selbstbehauptungswillens in die Sphäre rationaler Politik hin und in seine Argumentation flossen nun deutlich nationalistische Töne ein. Diesen Gesinnungswandel hat sein Sohn Friedrich mit äußerster Bestürzung konstatiert, da ohne Zweifel die ältere deutschnationale Einstellung mit unerwarteter Stärke durchbrach.33

Charakteristisch für Adlers Politik der ersten beiden Kriegsjahre war die totale Fixierung auf die Politik der deutschen Sozialdemokratie, jedoch waren die österreichischen Genossen über die Berliner Vorgänge schlecht unterrichtet. ÄAdler neigte dazu, über der scharfen Kritik an der österreichisch-ungarischen Politik die Aufrichtigkeit der deutschen Diplomatie zu überschätzen. (…) Erst im Zusammenhang mit den Verhandlungen von Brest-Litowsk wurde sich Adler darüber klar, daß es nötig sei, die Politik des Grafen Czernin gegen die imperialistischen Ambitionen der deutschen Obersten Heeresleitung zu schützen.“34 Im Laufe des Krieges kam er zur Überzeugung, dass die Kritik der ÄLinken“ an dem nationalistischen Opportunismus der Parteimehrheit berechtigt war, jedoch beharrte er auf den irrigen Standpunkt, dass die deutsche Reichsregierung zu maßvollen Friedensbedingungen bereit sei. Auch in den Ostfragen nahm er zunächst eine ambivalente Haltung ein, neigte persönlich aber zu einer Verselbständigung Polens. ÄGerade die Polenfrage hinderte Adler, das populäre Schlagwort vom Frieden ohne Annexionen frühzeitig aufzugreifen. (…) Die Kritik der Linken entzündete sich nicht erst an diesem Punkt. Sie machte Adler zum Vorwurf, den Krieg zumindest indirekt zu rechtfertigen.“35

Hinsichtlich seiner positiven Haltung zum Verteidigungskrieg argumentierte Adler mit nationalen Erwägungen, da auch der ärmste Arbeiter ein spezifisches nationales Empfinden besitze, welches aber nicht im Widerspruch zu den Pflichten gegenüber der Internationale stünde. ÄDie reichsdeutschen Sozialdemokraten hätten nur das getan, was alle Genossen in den anderen Ländern taten. (…) Erst allmählich setzte sich die Einsicht durch, daß es notwendig sei, eine selbständige Linie gegenüber den reichsdeutschen Genossen zu verfolgen.“36 Ein weiterer Konfliktpunkt mit dem linken Flügel betraf die Organisationsfrage, da der Bestand der Organisation durch den Krieg ernstlich bedroht war. Seit Kriegsbeginn musste die Partei beträchtliche Mitgliedereinbußen hinnehmen und die Auflagenziffern der Parteiblätter sanken rapide, was zu erheblichen Einsparungen zwang. Der Organisationszerfall resultierte aber auch Äaus der relativen Passivität der lokalen und regionalen Parteiund Gewerkschaftsapparate, die sich schwerster Behinderungen durch das Zensursystem und die Militärbehörden ausgesetzt sahen“37.

Die allgemeine Stagnation war nicht nur der Parteiführung allein anzulasten, sondern auch der Bereitschaft der Gewerkschaften, sich den Notwendigkeiten der Kriegsführung unterzuordnen und gänzlich auf Streiks und Lohnverhandlungen zu verzichten. Die Vorstellung, den Klassenkampf während des Krieges stillzulegen, stieß auf Protest der ÄLinken“, welche die sich in den ersten Kriegsjahren zunehmend verschärfende Repression der Arbeiterbewegung zum Ansatzpunkt einer revolutionären Mobilisierung zu machen versuchte. Für Adler hingegen stellte die unorganisierte Arbeiterschaft eine ernstere Gefahr für die Parteieinheit dar als eine bloß vorübergehende Parteispaltung, und mit derartigen Auffassungen war schwerlich eine Verständigung mit der ÄLinken“ zu erreichen. ÄDieses unerträglich erscheinende Klima entlud sich schließlich in Friedrich Adlers Verzweiflungsschritt, der Ermordung des österreichischen Ministerpräsidenten Graf Stürgkh.“38 Der Prozess gegen Friedrich Adler fiel mit einer verstärkten Streikbewegung zusammen, die von den Gewerkschaften nur unzureichend kontrolliert werden konnte, und Adlers Verteidigungsrede fand breite Resonanz bei der Arbeiterschaft. Auf dem Kriegsparteitag 1917 prallten die Gegensätze zwischen der Parteiführung und der Linksopposition aufeinander, wobei Victor Adler eine vermittelnde Position einnahm. ÄEs war vor allem dem Einfluss Adlers zuzuschreiben, daß die vom Gewerkschaftsapparat gestützte rechtsstehende Parteimehrheit nicht zum Mittel des Parteiausschlusses gegen die Vertreter der Linken griff.“39 Adler hat bei diesem Parteitag mit allen Kräften eine Parteispaltung verhindert, wobei die Entwicklung in Russland ihm ein Umschwenken von der bis dahin vorbehaltslosen Zustimmung zu den Kriegskrediten erleichterte. Nach der Einberufung des Parlaments hat die Partei den die weitere Kriegsfinanzierung betreffenden Teil des Budgets abgelehnt.40 Die Sozialdemokraten setzten nach außen hin ihre Oppositionsrolle im Parlament fort; gleichzeitig versuchte der Parteivorstand, Einfluss auf die sachliche Politik zu nehmen, der sich jedoch alsbald mit spontanen Protesten der Industriearbeiterschaft gegen die unzureichende Versorgungslage und die Fortsetzung des Krieges konfrontiert sah. ÄDiese Massenbewegung, die im Jännerstreik 1918 ihren Kulminationspunkt erfuhr, kam für die Mehrheit der Parteifunktionäre überraschend.

(…) Nicht so sehr die Rückwirkungen der Oktoberrevolution als vielmehr das Ausscheiden Rußlands aus dem Krieg lösten die spontanen Forderungen nach Beendigung der Kriegshandlungen aus.“41 In dieser nicht primär politisch motivierten Bewegung spielte die unorganisierte Arbeiterschaft eine wesentliche Rolle. Daher hielt Adler eine Fortführung der Streikbewegung für unverantwortlich und es bedurfte seiner ganzen Überredungskunst, um die Zustimmung zum Abbruch des Streiks zu gewinnen. ÄUnzweifelhaft leitete die Jännerstreikbewegung die Auflösung der Monarchie ein, deren militärische Kraft sie endgültig unterhöhlte.“42 Unmittelbar nach der Beendigung des Jännerstreiks beschloss die ÄLinke“ unter der Federführung von Otto Bauer ihr Nationalitätenprogramm, das auf die Auflösung der Monarchie in selbständige Nationalstaaten abzielte. Victor Adler hielt am Programm einer Demokratisierung Österreich-Ungarns und der Schaffung eines Nationalitätenbundesstaates fest. Der Politik Victor Adlers während des Krieges ist zu verdanken, dass eine Parteispaltung verhindert und die tiefe Entfremdung zwischen den Flügeln der Partei zugunsten positiver Kooperationsbereitschaft überwunden worden ist. Adlers Haltung zum Krieg beruhte auf einer Fehleinschätzung der Kriegsziele der Mittelmächte und der hinter der deutschen Reichsregierung stehenden sozialen Kräfte. Außerdem spielte für ihn die Bedrohung durch das zaristische Russland eine wesentliche Rolle. Die Vermeidung des Bruchs mit der ÄLinken“ war ein Beweis für seine politische Begabung, für die Fähigkeit zur Toleranz sowie für seine demokratische Grundhaltung. Als einziger Vorwurf an seiner Politik bleibt, dass er die Möglichkeiten des Parlamentarismus überschätzt hat. Jedoch stellte der Übergang zur parlamentarischen Demokratie die einzige Möglichkeit dar, um die Interessen der organisierten Arbeiterschaft politisch zu sichern.43

[...]


1 Rumpler, Chance für Mitteleuropa, S. 494.

2 Vgl. ebd., S. 494f.

3 Vgl. ebd., S. 496f.

4 Konrad, Sozialdemokratie, S. 551.

5 Pollatschek, Adler der Parteimann, S. 14.

6 Heiß, Zur antimilitaristischen Taktik, S. 565.

7 Ebd., S. 566.

8 Vgl. ebd., S. 563-567.

9 Konrad, Sozialdemokratie, S. 547.

10 Vgl. ebd., S. 546-550.

11 Vgl. Konrad, Sozialdemokratie, S. 555ff.

12 Pfabigan, Ideologische Profil, S. 46.

13 Ebd., S. 46.

14 Ebd., S. 47.

15 Ebd., S. 47.

16 Pfabigan, Ideologische Profil, S. 48.

17 Vgl. ebd., S. 46ff.

18 Ebd., S. 49.

19 Pfabigan, Ideologische Profil, S. 49f.

20 Ebd., S. 50.

21 Ebd., S. 50.

22 Ebd., S. 51.

23 Vgl. ebd., S. 49-52.

24 Mommsen, Victor Adler, S. 378.

25 Vgl. ebd., S. 378f.

26 Pollatschek, Adler der Parteimann, S. 99.

27 Ebd., S. 102.

28 Mommsen, Victor Adler, S. 380f.

29 Mommsen, Victor Adler, S. 382.

30 Ebd., S. 383.

31 Vgl. ebd., S. 380-384.

32 Mommsen, Victor Adler, S. 390.

33 Vgl. ebd., S. 385-391.

34 Ebd., S. 392.

35 Ebd., S. 396.

36 Mommsen, Victor Adler, S. 397.

37 Ebd., S. 398.

38 Ebd., S. 399.

39 Ebd., S. 401.

40 Vgl. Mommsen, Victor Adler, S. 399-402.

41 Ebd., S. 403.

42 Ebd., S. 405.

43 Vgl. ebd., S. 402-408.

Details

Seiten
48
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656937593
ISBN (Buch)
9783656937609
Dateigröße
804 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295682
Institution / Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt – Geschichte
Note
1,00
Schlagworte
Erster Weltkrieg Österreichische Sozialdemokratie Victor Adler Arbeiterbewegung

Autor

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