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Roberto Bolaños "Los detectives salvajes" als Stadtroman über Mexico City. Eine Analyse ausgewählter Textstellen

Hausarbeit 2012 18 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Von den Anfängen der Stadt-Literatur bis zu den heutigen Romanen über Mexico City

2. Die Stadt als Diskurs und ihre Beziehung zum Text
2.1 Referentielle und semantische Stadtkonstitution
2.2 Modalisierung durch Perspektive und Lokalisierung des Subjekts
2.3 Die Funktionstypen der Stadt im Roman
2.4 Der Aufbau des Romans

3. Die Stadtkonstitution in Los detectives salvajes nach Mahler

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur
5.3 Internetquellen

1. Von den Anfängen der Stadt-Literatur bis zu den heutigen Romanen über Mexico City

Die literarische Darstellung der Stadt ist nicht, wie man zunächst denken könnte, ein neuzeitliches Phänomen, sondern kann bis ins Altertum zurückverfolgt werden. Damals wurde die Stadt Babylon zuerst als „Sinnbild von Größe und Reichtum“ gesehen, bevor sie zum Symbol der „Sittenverderbnis“ (Frenzel 1992, 667) wurde. Corbineau-Hoffmann stellt sogar die Behauptung auf, dass möglicherweise die Darstellung des himmlischen Jerusalems in der Offenbarung des Johannes die erste Stadtdarstellung überhaupt sei (2003, 219).

Auch das vor allem im Industriezeitalter wichtige Motiv des Unterschiedes zwischen dem Leben auf dem Land und dem in der Stadt taucht bereits im Zusammenhang mit der Darstellung des vorchristlichen Roms auf (vgl. Frenzel 1992, 667). Als „politisches, geographisches, ökonomisches und kulturelles Zentrum des Imperiums“ erfüllt es nämlich spätestens seit der Zeit Augustus‘ die Kriterien einer Großstadt (Tiedemann 2005, 93). Elisabeth Frenzel merkt hierzu an, dass die Wirkung des Motivs Stadt eine Bandbreite von Entsetzen bzw. Ablehnung bis zur Bewunderung abdeckt. Somit kann die Stadt in der Literatur vielfältige Funktionen einnehmen. Besonders zweckmäßig erscheint in diesem Zusammenhang die Darstellung der Stadt im Roman, der im Gegensatz zum lyrischen Stimmungsmotiv die Komplexität und Weiträumigkeit der Stadt reflektieren kann und dadurch eine Beziehung zwischen Gattung und Motiv erzeugt (Frenzel 1992, 669).

Auf die drei Funktionstypen der Stadt im Roman nach Mahler wird in Kapitel 2.3 näher eingegangen. Es sei zunächst nur erwähnt, dass er zwischen Städten des Allegorischen, des Realen und des Imaginären unterscheidet und dies auch als die historische Abfolge sieht. Beatrix Ta ordnet beispielsweise die Romane Suprema Ley (1896) und Santa (1903) von Federico Gamboa den Stadtromanen des Realen über Mexico City zu (Ta 2007, 49). Puga ordnet auch den Roman La fuga de la quimera (1919) von Carlos González Peña, der kurz nach der mexikanischen Revolution den Gegensatz Stadt-Land thematisiert, dieser Kategorie zu (Puga 2008, 2).

Laut Carlos Monsiváis wird Mexico City im Zuge der mexikanischen Revolution für die Schriftsteller zum Schauplatz der Entfremdung; hier fühlen sich die ländlichen Streitkräfte außerhalb ihres Elementes und nach den Parademärschen der Zapatisten und Villistas sehen sich die ansässigen Familien der Mittelklasse zur Flucht vor dem bewaffneten Kampf gezwungen. So erscheint die Stadt beispielsweise in den Werken von Mariano Azuela und José Vasconcelos. Monsiváis vermerkt weiterhin, dass der nach Ende des Konfliktes einsetzende Modernisierungsdrang wenig Ästhetisches mit sich brachte; an Stelle des Stolzes, in der Hauptstadt des ehemaligen spanischen Vizekönigreichs zu leben, tritt die Gleichmütigkeit gegenüber dem Zustand der Stadt, und so wächst Mexico City in den folgenden Jahrzehnten in unzivilisierten Ausmaßen, wobei die neoklassischen Gebäude des Vizekönigreiches zu Gunsten der neu entstehenden Wolkenkratzer weichen müssen (vgl. Monsiváis 1992, 35). Allein die Einwohnerentwicklung spricht für sich: Von unter einer Million in 1920 wuchs die Einwohnerzahl mit jährlichen Steigerungsraten zwischen 1,7% und 3,4% an, sodass in den 1950er Jahren bereits die drei Millionen-Marke erreicht wurde und es 1970 schon fast sieben Millionen Hauptstadtbewohner gab. Heute sind es Schätzungen nach zwischen acht und neun Millionen, wobei in der Metropolregion mehr als 20 Millionen Menschen leben.[1]

Genau diesen Aspekt greift Ronald Daus auf, indem er europäische von außereuropäischen Großstädten trennt, die sich zunächst, nach dem Ende der Kolonialzeit, quantitativ unterschieden: Bevölkerungsanzahl und -dichte entwickelten sich rasant. Das unkontrollierte Wachstum führte auch zu ihrem qualitativen Unterschied: “Jenseits aller Vernunft, Planbarkeit, Zumutbarkeit und allen Anstands „wucherten“ sie wie die nackte Natur.“ (Daus 1992, 11f.)

Hierzu schreibt Beatrix Ta, dass genau diese „Unübersichtlichkeit und Unwirtlichkeit der Großstadt“ bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Quelle der Großstadtdarstellung im Roman wird und vor allem deren Auswirkungen auf das individuelle Bewusstsein und Empfinden der Figuren ins Zentrum rücken. Hauptthema ist die Isolation des Einzelnen in der neuen Massengesellschaft, welche die Stadt widerspiegelt (vgl. Ta 2007, 101).

So kam bis dahin die Stadt in der Literatur vor allem in der nicht-fiktionalen Gattung der Chroniken vor (vgl. Monsiváis 1992, 36), beispielsweise in Nueva grandeza mexicana (1947) von Salvador Novo (Ta 2007, 141). Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stellt Ta eine Tendenz zu fragmentarischen Darstellungsverfahren, weg von der realistischen Erzähltradition, fest (Ta 2007, 102).

Dazwischen steht der 1958 veröffentlichte Roman La Región más transparente des kürzlich verstorbenen mexikanischen Schriftstellers Carlos Fuentes, der den Grundstein aller folgenden Stadtromane über die mexikanische Hauptstadt legte. In diesem Roman ist Mexico City nicht nur Hauptthema, sondern die zentrale Figur (Ta 2007, 141) und zeigt durch verschiedene figurale Perspektiven das Bild einer heterogenen, komplexen, industriellen Großstadt (Ta 2007, 145), in deren Massengesellschaft sich das isolierte Individuum behaupten muss (Ta 2007, 341). Für Puga markiert der Roman nicht weniger als den Beginn des Stadtromans als eigenständiges Genre (Puga 2008, 6). Danach folgten weitere Stadtromane über Mexico City, wenn auch ohne den Totalitätsanspruch von Fuentes (vgl. Monsiváis 1992, 36). In seinem Artikel zählt Monsiváis auch einige mexikanische Stadtromane auf (1992, 41).

Die vorliegende Arbeit soll untersuchen, inwiefern der 1998 erschienene Roman des in Chile geborenen Schriftstellers Roberto Bolaño als Stadtroman bezeichnet werden kann. Dass über dessen Einordnung keine Einstimmigkeit herrscht, zeigen einige Kritiken: Rafael Lemus klassifiziert das Werk als „Parodie auf die lateinamerikanischen Avantgarden“ (Lemus 2011, 1), während Alexander Douglas es anfänglich als Bildungsroman (Douglas 2008, 11) bezeichnet, jedoch eine große Bandbreite möglicher Lesarten einräumt und unter anderem Exilerfahrung, Erinnerungsvermögen und Dichtkunst als Hauptthemen nennt. Hier setzt auch Bergers Einordnung an: Der Roman spreche über die „‘verlorene Generation‘ lateinamerikanischer Intellektueller, die von den Militärregimes ins Exil getrieben wurde“ (Berger 2002).

Andreas Mahlers Theorie zur Stadt-Literatur wird zunächst erläutert, um anschließend als theoretische Grundlage für die Analyse des Primärtextes zu dienen. Bereits Beatrix Ta verwendete seine Argumentationen und Methoden für ihre Dissertation zum Thema „Entwicklungstendenzen im hispanoamerikanischen Stadtroman des 20. Jahrhunderts“ (Ta 2007, 24).

Bolaño selbst, der schon 2003 im Alter von nur 50 Jahren aufgrund einer schweren Krankheit verstarb, war wohl kein Freund von Einordnungen. So antwortete er in einem seiner letzten Interviews auf die Frage, ob er Chilene, Spanier oder Mexikaner sei mit: „Soy latinoamericano.“, also „Ich bin Lateinamerikaner“ (Maristain 2003).

2. Die Stadt als Diskurs und ihre Beziehung zum Text

Andreas Mahler schließt sich zunächst der Theorie von Roland Barthes zur Semiologie und Stadtplanung an und begreift die Stadt somit als Text, als Diskurs, wobei jede Stadt ihre eigenen Beziehungen zwischen ihren Zeichen, deren Bedeutung und ihren Benutzern - also den Bewohnern und den Besuchern - hat. „Wer die Stadt lesen kann, kennt sich in ihr aus; wer nicht, ist darin verloren“ (Mahler 1999, 11). Diese Aussage kann allerdings nicht nur auf die Romanfiguren bezogen werden, sondern auch auf den Leser, wie sich später in der Analyse zeigen wird.

Eine nicht-literarische Beziehung besteht zudem zwischen der Stadt und „ihren Texten“, dazu zählen beispielsweise der Stadtführer sowie touristische Prospekte (Mahler 1999, 12). Mahler bezeichnet Texte, in denen die Stadt nicht bloß der Schauplatz ist, sondern ein „unkürzbarer Bestandteil“ und „dominantes Thema“, als „Stadttexte“. Im Falle eines Stadttextes handelt es sich um die Nachahmung einer bereits existierenden Stadt, selbst wenn nur vorgegeben wird, dass man eine solche bestehende Stadt abbilden würde (Mahler 1999, 12).

Unterscheiden kann man weiterhin noch zwischen lebensweltlichen und fiktionalen Stadttexten. Die lebensweltlichen, darunter fallen beispielsweise Stadtpläne und Reiseführer, haben einen Anspruch auf Sachlichkeit und Objektivität. Die fiktionalen dagegen dienen nicht unbedingt als Orientierungshilfe für den Leser und sind in ihren Darstellungmöglichkeiten offener (vgl. Ta 2007, 19).

Den umgekehrten Fall, das heißt, wenn der Text erst die Stadt „produziert“, bezeichnet Mahler als „Textstädte“ (vgl. Mahler 1999, 12).

Mahler argumentiert nun, dass alle Stadttexte immer nur Textstädte erschaffen können, auch wenn sie sich auf reale Städte beziehen. Daraus resultiert für Mahler, dass Stadttext und Textstadt die zwei Seiten einer Münze sind; der Stadttext ist für ihn eine Kategorie des Ausdruckes, bezeichnet somit den „materiellen Zeichenträger“, während die Textstadt eine Kategorie des Inhaltes darstellt, also die produzierte Bedeutung bezeichnet (vgl. Mahler 1999, 12).

[...]


[1] Quelle: Instituto Nacional de Estadística y Geografía, INEGI, www.inegi.org.mx

Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656937142
ISBN (Buch)
9783656937159
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295668
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Romanistik
Note
2,3
Schlagworte
roberto bolaños stadtroman mexico city eine analyse textstellen

Autor

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