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Herkunft und Hintergründe der Adynata in Lied IX des Tannhäuser

Hausarbeit 2011 14 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tannhäusers Lied IX

Die Adynata
Salamander
Umleitung des Roten
Zusammenführung der Tuonouwe und des Rîn
Schmelzen des Miusebercs
Erbauen eines hûs von helfenbeine
Adâns Berg
großer Baumstamm aus Indîân
Parcivâls Gral
Vênusapfel
Marienmantel
Arche Nôê
Ordnungsmöglichkeiten

Fazit

Literaturverzeichnis

Tannhäusers Lied IX

Bei dem Namen Tannhäuser denken viele zuerst an die mittelalterliche Sage. Darin bittet Tannhäuser den Papst um Vergebung seiner Sünden, wird jedoch abgewiesen. Seine Sünden sollen nicht eher vergeben werden, ehe der Papststab ergrüne. Tannhäuser ist sich sicher, nach seinem Tod in die Hölle zu müssen, doch dann geschieht tatsächlich das Wunder: Der Stab beginnt zu blühen. Auf dieser Volksballade beruht auch Richard Wagners berühmte Oper „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg“.

Die Sagengestalt Tannhäuser geht auf einen realen Autoren zurück, der Mitte des 13. Jahrhunderts lebte. Über sein Leben wissen wir sehr wenig, einerseits weil praktisch nichts überliefert ist und andererseits weil alles von der späteren Sage überlagert wurde und somit angezweifelt werden muss. Die Überlieferungen der Werke des Autoren Tannhäuser entnehmen wir heute vorrangig der „Heidelberger Liederhandschrift C“ (264r-269v). Diese enthält insgesamt 16 Werke, die dem Tannhäuser zugeordnet werden. Darunter befinden sich sechs Leichs, vier Rätselsprüche und sechs Minnelieder.[1]

Besondere Bedeutung für diese Arbeit haben die Minnelieder VIII, IX und X. In allen drei Liedern geht es um Dienstforderungen der Minnedame an das Sänger-Ich. Die Dame verlangt, bevor sie lohnt, dass der Minnende Aufgaben für sie erledigt. Das Besondere an den Liedern ist jedoch, dass diese Dienstforderungen unerfüllbar, schier unmöglich sind. Die drei Lieder zeigen eine fortlaufende Entwicklung. Lied VIII „ist das unausgesprochenste der drei Lieder, [es] zeigt den Keim zum einen wie zum andern“[2]. Die beiden folgenden Lieder entwickeln den „Darstellungsreiz“[3] weiter. Damit ist gemeint, dass in Lied VIII ein bestimmter Stil ausprobiert wurde, der dann in IX seine Weiterentwicklung fand. Lied X ist formal sogar schon „eine Annäherung an das Spruchlied“[4]. Die Lieder sind also von großer Bedeutung und auch besonderem Interesse der Forschung. Margarete Lang geht sogar soweit zu sagen: „Von ihnen aus ist in der Hauptsache das Tannhäuserbild gestaltet worden“[5]. Sie versucht sogar die Tannhäuser-Sage auf diese drei Lieder zurückzuführen.[6]

In dieser Arbeit soll das Lied IX untersucht werden, weil es außer den schon herausgestellten Besonderheiten auch noch für den neuzeitlichen Leser sehr interessant ist, denn es ist außerhalb der Handschrift C noch einmal in der Berliner Handschrift überliefert.[7] Auch in der Kolomarer Handschrift findet sich Lied IX, hier allerdings, auf ganze elf Strophen erweitert. Die erste, dritte und fünfte Strophe des mit „danhusers lude leich“ überschriebenen Textes entsprechen inhaltlich Lied IX.[8] Dieses Lied zu untersuchen ist also außerordentlich spannend, da es sich zum ersten in der Entwicklung der Lieder VIII, IX und X in der Mitte befindet. Zum Zweiten ist ein Blick auf andere Überlieferungen des Liedes und damit auch ein Einblick in die mittelalterliche Lesart möglich.

Untypisch für ein Minnelied ist gleich zu Beginn der formelhafte Eingang stæter dienest, der ist guot, den man schœnen frowen tuot[9]. In Lied VIII finden wir hier noch einen Natureingang, dieser fehlt jedoch völlig in Lied IX. Der Sänger erklärt zum Einstieg des Liedes seine Überzeugung. Fast schon ironisch kann man die folgenden Unmöglichkeiten lesen, die die Dame von ihrem Sänger fordert.[10]

In dieser Arbeit sollen vor allem die elf Unmöglichkeiten, die Adynata, untersucht werden, da in ihrer Bildhaftigkeit mehr steckt als auf den ersten Blick zu vermuten ist.

Die Adynata

Das Stilmittel des Adynatons gibt es seit der Antike. Das griechische Wort bedeutet übersetzt „das Unmögliche“. Es wurde und wird eingesetzt, um in bildhafter Sprache den Zustand des „niemals“ zu umschreiben.[11] Oft werden Bildbereiche der Natur genutzt, um das Unmögliche auszudrücken. Ein antikes Beispiel findet sich in Homers Ilias: „Wie kein Bund die Löwen und Menschenkinder befreundet, Auch nicht Wölf’ und Lämmer in Eintracht je gesellen“[12]. Beispiele in der neueren deutschen Literatur gibt uns Schiller in „Die Räuber“: „So gewiß Kirschen auf diesen Eichen wachsen“[13]. Adynata sind also ein Stilmittel, das von der Antike bis heute genutzt wird.

Der Versuch die Adynata aus Lied IX in Kategorien einzuteilen, ist von mehreren Autoren gemacht worden. Jedoch sollen hier zuerst die Adynata einzeln in der textlichen Reihenfolge besprochen werden, um die Einteilung der verschiedenen Autoren besser nachvollziehen zu können.

Salamander

Einem heutigen Leser mag das Bringen eines Salamanders nicht als eine Unmöglichkeit erscheinen, schließlich wäre ein solches Tier unter geringem Aufwand zu besorgen. Jedoch enthält der Salamander seit jeher noch weitere Bedeutungsebenen.

In der Antike wurde unter Salamander tatsächlich das Tier verstanden. Jedoch wurden ihm bestimmte Wunder zugeschrieben: Er solle so extrem giftig sein, dass er, wie Plinius berichtet, ganze Völker töten könne. Außerdem war er in der Lage durch Betreten eines Feuers dieses zu löschen.[14]

Bis ins Mittelalter blieb der Mythos erhalten, der Salamander lebe ohne Schmerzen im Feuer. Doch salamander[15] war im 13. Jahrhundert ein heiß diskutierter Begriff: „Wenn die Leute das Wort Salamander hören, meinen sie immer, es handle sich um Tiere; aber die Leute sind schlecht unterrichtet“[16], schreibt Marco Polo Ende des 13. Jahrhunderts. Unter Salamander versteht er nämlich einen unbrennbaren Stoff, dessen Namensgebung jedoch wieder auf das Tier zurückzuführen ist.

Festzuhalten bleibt, dass das Sänger-Ich aufgefordert wird, der Minnedame das Wundertier oder den Wunderstoff zu bringen. Auch in Lied X wird der Salamander gefordert, hier jedoch mit dem Zusatz ûz dem fiure[17]. Dem Salamander, ob nun Stoff oder Tier, wird hier das Element des Feuers ganz konkret zugesprochen.

Umleitung des Roten

„Der ursprüngliche deutsche Name der Rhone Rotten ist nur noch im Oberwallis offiziell in Gebrauch“[18]. Die Rhône entspringt in der Schweiz, fließt durch den Genfer See, durch Frankreich und mündet in der Provence ins Mittelmeer. Die Forderung der Minnedame, den Fluss um daz lant ze Nüerenberc[19] umzuleiten, ist also doppelt unmöglich, da die Fließrichtung des Flusses umgekehrt werden und er um mindestens 500 km verlegt werden müsste.[20]

Zusammenführung der Tuonouwe und des Rîn

Der Rhein entspringt in der Schweiz, fließt in nördlicher Richtung durch Deutschland und mündet an der niederländischen Nordseeküste. Die Donau entspringt im Südwesten Deutschlands und fließt nach Südosten durch mehrere Staaten und mündet schließlich im Schwarzen Meer.[21] Bei dieser Flusszusammenführung wären also ebenfalls die unterschiedlichen Fließrichtungen sowie mehrere hundert Kilometer zu überwinden. Eine Erklärung des Sinnes und Zweckes dieser Flussumleitungen für die Minnedame bleibt sie uns schuldig.

Schmelzen des Miusebercs

Da der Miuseberc[22] großgeschrieben ist, handelt es sich hier höchstwahrscheinlich um eine Ortsangabe und nicht um einen Berg aus Mäusen, der zu schmelzen ist. In Deutschland gibt es mehrere Berge, die diesen Namen tragen. Es könnte sich um den Mäuseberg in Niedersachsen bei Bühle (Nordheim) handeln. Die höchste Erhebung beträgt 313 m, sie gehört jedoch eigentlich nicht mehr zum Mäuseberg selbst, sondern zur nächstgelegenen „Alten Burg“.[23]

Einen weiteren Mäuseberg gibt es in der Eifel, südöstlich von Daun. Dieser Mäuseberg ist mit 561 m der höchste der drei deutschen Mäuseberge.[24] Oft wird angenommen, dass der Tannhäuser sich auf diesen Berg bezog.

Vielleicht hatte er aber auch den Mäuseberg in Thüringen im Sinn. Er ist 371 m hoch und liegt in der Gemeinde Dorndorf im Wartburgkreis.[25] Ein Argument für diesen Berg, der auch Mäuseberghöhe genannt wird, ist, dass die Wartburg, mit der Tannhäuser zumindest in der Sage immer in Verbindung gebracht wird, nur 30 km entfernt liegt.[26]

Welchen der drei Berge Tannhäuser genau gemeint hat, kann heute nicht mehr eindeutig nachgewiesen werden. Entscheidend ist jedoch, dass er einen realen Berg im Sinn hatte und es sich nicht um einen mythischen Berg aus Epik oder Bibel handelt.

[...]


[1] vgl. Wachinger, Burghart: Der Tannhäuser, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, hg. v. Kurt Ruh u.a., 2., völlig neu bearbeitete Auflage, Band 9, de Gruyter: Berlin/New York 1995, Spalte 600-602.

[2] Lang, Margarete: Tannhäuser (Von deutscher Poeterey 17), hg. von J.J. Weber: Leipzig 1939, Seite 110.

[3] Lang: S. 99.

[4] Lang: S. 110.

[5] Lang: S. 99.

[6] vgl. Lang: 99.

[7] vgl. Petzsch, Christoph: Ein Liedtyp beim Tannhäuser und seine Geschichte bis zur Neuzeit, in: Vorträge Graz und Seggau 1973-1977, hg. v. Wolfgang Suppan, Akademische Druck- und Verlagsgesellschaft: Graz 1977, S. 57.

[8] vgl. Petzsch, Christoph: S. 62.

[9] http://www.lapidarius.de/Tanhuser/Tanhuser09.pdf, Stand: 3.8.2010, Strophe I, Vers 1-2.

[10] vgl. Paule, Gabriela: Der Tanhûser. Organisationsprinzipien der Werküberlieferung in der Manesseschen Handschrift, M&P: Stuttgart 1994, S. 75.

[11] vgl. Der Literatur-Brockhaus. in 8 Bänden, hg. v. Werner Habicht, Wolf-Dieter Lange und der Brockhaus-Redaktion, grundlegend überarbeitete und erweiterte Taschenbuchausgabe, BI-Taschenbuchverlag: Mannheim 1995, S. 42.

[12] http://www.digbib.org/Homer_8JHvChr/De_Ilias_.pdf, S. 333, Stand: 1.9.11.

[13] Metzler-Literatur-Lexikon. Begriffe und Definitionen, hg. v. Günther Schweikle und Irmgard Schweikle, 2., überarbeitete Aulage, Metzler: Stuttgard 1990.

[14] vgl. Büttner, Jan Ulrich: Asbest in der Vormoderne. vom Mythos zur Wissenschaft (Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt, Band 24), Waxmann: Münster/New York/München/Berlin 2004, S. 50.

[15] http://www.lapidarius.de/Tanhuser/Tanhuser09.pdf, Stand: 3.8.2010, Str. I, V. 4.

[16] Büttner: S. 58.

[17] http://www.lapidarius.de/Tanhuser/Tanhuser10.pdf, Stand: 17.4.10, Str. III, V. 6.

[18] http://de.wikipedia.org/wiki/Rhône, Stand: 21.9.11.

[19] http://www.lapidarius.de/Tanhuser/Tanhuser09.pdf, Stand: 3.8.10, Str. I, V. 7-8.

[20] vgl. GoogleEarth.

[21] vgl. GoogleEarth.

[22] http://www.lapidarius.de/Tanhuser/Tanhuser09.pdf, Stand: 3.8.2010, Str. II, V. 3.

[23] vgl. http://www.nlwkn.niedersachsen.de/live/live.php?navigation_id=8062&article_id=43599&_psmand=26, Stand: 20.9.11.

[24] vgl. http://www.lvermgeo.rlp.de/index.php?id=5991, Stand: 20.9.11.

[25] vgl. Amtliche topographische Karten Thüringen 1:10.000. Wartburgkreis, LK Gotha, Kreisfreie Stadt Eisenach, hg. v. Thüringer Landesvermessungsamt, in: CD-ROM Reihe Top10. CD 2, Erfurt 1999.

[26] vgl. GoogleEarth.

Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656938293
ISBN (Buch)
9783656938309
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295598
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Germanistisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Tannhäuser Heidelberg handschrift mediävistik altdeutsch mittelhochdeutsch

Autor

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