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Gender im Journalismus. Welchen Einfluss hat das Geschlecht?

Hausarbeit 2013 20 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Die Gender-Forschung und ihre Strömungen
2.2 Gleichheitsforschung
2.3 Differenztheoretischer Ansatz
2.4 Interaktionistischer Konstruktivismus
2.5 Diskurstheoretische Dekonstruktion

3. Gender im Journalismus - wen interessiert's?
3.3 Deutschland
3.4 USA

4. Journalistinnen in Deutschland
4.1 Anteil
4.2 Einkommens
4.3 Ressorts
4.4 Basisdaten: Journalistinnen in den USA

5. Geschlechterverhältnisse im Spiegel der internationalen Medienlandschaft

6. Chefredakteurinnen - leider Mangelware

7. Fazit

LITERATURVERZEICHNIS

INTERNETQUELLEN

I. Einleitung

Der durchschnittliche Deutsche Journalist ist 36 bis 45 Jahre alt, arbeitet im Print und verdient als Redakteur durchschnittlich 2150 Euro netto - als Redakteur, nicht als Redakteurin. Eine Frau in der selben Position verdient leider nur 1900 Euro netto.1 Eine Ungleichheit, die heutzutage in Deutschland noch immer in vielen Positionen der Fall ist. Welche strukturellen und kulturellen Hintergründe zu solchen Ungleichheiten führen, unter anderem darüber trifft die Gender-Forschung ihre Aussagen.2 Eine Forschungsrichtung in den Kinder-Schuhen. Denn auch wenn das Thema schon seit den Achtzigern in der öffentlichen Debatte auftaucht, bieten Deutsche Universitäten erst seit 15 Jahren Studiengänge im Fach Gender an und geben damit hierzulande Raum und Mittel, für systematische Forschung.

Dementsprechend mühsam ist es, Informationen über Gender im Journalismus, gerade in Deutschland, zusammen zutragen. Und dementsprechend verbreitet sind auch noch immer stereotype Bilder von weiblichen und männlichen Journalisten - genauso wie von weiblichen und männlichen Rezipienten. Er interesessiert sich für harte Fakten in der Politik, sie arbeitet und liest gern leichte Themen im Feiulleton und treibt damit am Ende noch die Boulevardisierung vorran.

Der Journalist und Medienwissenschaftler Otto Groth äußerte sich in seiner Arbeit „Die Zeitung, ein System der Zeitungskunde“ zu Geschlechterunterschieden im Journalismus unter anderem so: „Der reine Nachrichtendienst liegt der deutschen Frau wenig, da ihr gefühlsbetonter Charakter kaum Geschmack an der unpersönlichen, sachlichen Wiedergabe von Tatsachen und Beobachtungen findet.“ Das war im Jahr 1930 und man mag anführen, dass die Äußerung sicher von der noch recht negativen Sicht der sozialwissenschaftlichen Forschung auf Frauen im Allgemeinen geprägt ist. Eine Ausrede, die 45 Jahre später beileibe nicht mehr gelten dürfte. Dennoch schreibt Erich Küchenhoff 1975: „Eine Nachricht verlangt vom Sprecher sachlich unterkühlte Distanz. Frauen aber sind emotionale Wesen.“ Die Zeit allein heilt also nicht alle Fehlvorstellung. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit für die Frage nach einem Unterschied im Geschlechterverhältnis des Journalismus.3

Wie und in welchen Positionen zeigt sich dieser Unterschied? Hat das Geschlecht Einfluss auf die Herangehensweise und Auswahl von Themen? Und wenn ja: inwiefern? Bestätigen sich in der Forschung Stereotype: Machen Frauen das Feuilleton und Männer den Sport-Teil? Mit dem Fokus auf „Gender im Journalismus“ will ich in deieser Arbeit versuchen, Antworten zu diesen und ähnlichen Fragen näher zu kommen.

Das Wort „Gender“ kommt aus dem englischen und bezeichnet das soziokulturelle Geschlecht eines Menschen. Es wird dabei losgelöst von seiner rein biologischen Zuordnung (im englischen „sex“) untersucht. Den sprachlichen Unterschied zwischen diesen beiden Betrachtungs-Objekten kann die deutsche Sprache bislang allerdings nicht leisten. Auf die verschiedenen Betrachtungsweisen, die sich aus dieser Diskrepanz ergeben, werde ich noch gesondert eingehen.

Außerdem lege ich in der Arbeit einen Überblick über die Geschlechterforschung dar. Dabei gehe ich auf Deutschland ein und ziehe zum Vergleich den Forschungsstand in den Vereinigten Staaten von Amerika heran. Die USA bieten sich hier an, da die Forschung dort eine deutlich längere Geschichte als diese in Deutschland hat und mittlerweile sehr präsize Ergebnisse vermittelt.

Auf die Untersuchung der einzelnen Forschungsstände soll dann die Beschreibung des IstZustandes folgen. Dabei frage ich mich vor allem, wie viele Journalistinnen es im Verhältnis zu ihren männlichen Kollegen eigentlich gibt und in welchen Positionen sie arbeiten. Erneut vergleiche ich die Ergebnisse mit denen der US-Amerikanischen Forschung.

Für den dritten Internationalen Vergleich in dieser Arbeit ist die Frage zentral: Wie werden Frauen in den Medien dargestellt? Kommen sie häufiger oder weniger häufig vor als Männer? Und: Wie unterscheidet sich die Darstellung in verschiedenen Ländern weltweit?

Bevor ich abschließend ein Fazit ziehe, möchte ich außerdem noch auf einen besonderen Aspekt der deutschen Medienlandschaft aufmerksam machen: Der Frauenanteil in Führungspositionen. Dieses Thema drängt sich für mich hier gerade zu auf, da es unter anderem durch die Initiative ProQuote in den vergangenen Jahren in den öffentlichen Diskurs gerückt ist und besonders stark auf die Ungleichheiten im deutschen System hinweist.

In der gesamten Arbeit werde ich nur auf männliche und weibliche JournalistInnen eingehen. Definitionen von anderen Geschlechtsformen kann ich nicht einzeln berücksichtigen, weil mir hierzu schlicht keine Ergebnisse der Forschung vorliegen. Wie viele der JournalistInnen sich nicht als männlich oder weiblich bezeichnen, ist mir nicht bekannt.

Damit möchte ich aber keines Falls - und das sei betont - außer Frage stellen, dass die Einteilung aller Menschen dieser Welt in „weiblich“ und „mänlich“ mindestens in soziokultureller Hinsicht zu bezweifeln ist. Die Zweigeschlechtlichkeit sei hier nicht als reale Gegebenheit dargestellt, sondern nur als Bedingung der Forschung aktzeptiert.

Um sprachlicher Diskriminierung weiter vorzubeugen, nutze ich in dieser Arbeit das Binnen-I. Im Plural steht es für männliche, wie weibliche Menschen.

2. Die Gender-Forschung und ihre Strömungen

Margreth Lünenborg und Tanja Maier bezeichnen die Gender-Forschung im Jahr 2013 als „interdisziplinäres, erkenntniskritisches Projekt, mit dem keineswegs ein geschlossenes Denkgebäude bezeichnet wird.“4 Damit sind die drei wichtigsten Charakteristika der Gender- Forschung genannt: Zwischen den Disziplinen versucht die Gender-Forschung wiederkehrende Muster vom Geschlecht als jeweiliges Symbol für zum Beispiel Charakter-Eigenschaften zu finden und zu verknüpfen. Dabei werden vor allem immer wieder Forschung und Wissenschaft in den Fokus genommen und Fragen gestellt wie: Wie sehr greifen zweigeschlechtliche Denkkategorien in wissenschaftliche Erkenntnisarbeit ein? Die Gender-Forschung begreift sich also nicht als einer Disziplin zugehörige Forschungsrichtung, sondern als Theorie-Bündel, das immer wieder in verschiedensten Feldern Anwendung findet. Denn wie Lünenborg und Maier schreiben, liegt der Blick auf den „Geschlechterverhältnisse[n] als konstitutiver Bestandteil von Gesellschaften“5. Damit wird dann auch die Bezeichnung „Projekt“ klar: Geschlechterforschung muss mit vielen verschiedenen Ansätzen zugleich auf vielen verschiedenen Ebenen agieren, um das Ausmaß vom Geschlechter-Konzept in seiner symbolischen Funktion zu begreifen und befindet sich so ständig im Wandel.

Einige gängige Ansätze lassen sich allerdings festhalten:

„ Zentrale Fragen sind: Wie werden stets aufs Neue Form und Gestalt, Praktiken und Normen anhand von Geschlechterstrukturen etabliert? Wie ist es zugleich möglich, dass die Vorstellungen und Ausdrucksformen von Geschlecht im Wandel sind? In welcher Weise stellen Gesellschaften Symbole und Strukturen her, innerhalb derer wir Männer und Frauen identifizieren? “ 6

Dabei stellt nicht jede Forschungsrichtung diese Fragen in gleicher Weise. Auf Gender-Forschung im Journalismus und den Medien bezogen, lassen sich nach Lünenborg und Maier fünf große Unterschiede festhalten.7

2.1 Gleichheitsforschung

Dieser Ansatz beschäftigt sich vor allem mit der Ungleichheit von Männern und Frauen in den Medien. Dabei stützen sich die ForscherInnen zumeist aus quantitative Inhaltsanalysen und fragen nach, wie häufig Männer und Frauen überhaupt in den Medien vorkommen. Wie häufig wird also über wen berichtet? Im weiteren konzentriert sich diese Forschungsrichtung dann auf die Details der Darstellung. Wie werden Männer und Frauen also dargestellt? Lassen sich darin unterschiede feststellen? Werden den Dargestellten vielleicht bestimmte Rollen zugeschrieben?

Diese Strömung lässt ganz eindeutig einen emanzipatorischen Impetus erkennen.

2.2 Differenztheoretischer Ansatz

Anders als in den meisten Ansätzen wird hier zunächst einmal ganz klar aktzeptiert, dass es in ihrer soziokulturellen und symbolischen Funktion zwei klar getrennte Geschlechter gibt: Männlich und weiblich. Diesen Geschlechtern werden bestimmte Charakteristika zugeordnet und hieraus leiten sich fragen ab wie: Schreiben Frauen anders als Männer? Es wird also die Frage nach der Wirkung von unterschiedlichen Redaktionszusammensetzungen auf das Endprodukt gefragt.

2.3 Interaktionistischer Konstruktivismus

Dieser Ansatz begreift die Wirkung von Geschlecht und Medien als wechselseitig. Er fragt nicht bloß danach, wie sich Medien verändern, wenn mehr oder weniger Frauen sich an ihnen beteiligen, sondern untersucht auch die weitergehende Veränderung der Gesellschaft dadurch. Hier wird den Medien eine wichtige Funktion in der Gestaltung der Geschlechterrollen attestiert: Wie entstehen symbolische Geschlechter überhaupt und wie beeinflussen die Medien diesen Prozess?

2.4 Diskurstheoretische Dekonstruktion

Im letzten Ansatz wird dann das Konzept der Zweigeschlechtlichkeit erstmals komplett aufgelöst. Diese Forschungrichtung interessiert sich nicht dafür, wie „männlich“ oder „weiblich“ dargestellt oder hergestellt wird, sondern wie sogenannte „queere“ Rollenbilder hergestellt und Menschen mit dieser Lebensweise in den Medien repräsentiert werden.

3. Gender im Journalismus - wen interessiert's?

Der Wissensstand zu Journalismus und Gender ist weltweit sehr unterschiedlich ausgeprägt. Europa fällt in seinen wissenschaftlichen Erhebungen deutlich hinter den USA zurück. Aus Afrika werden in den meisten Studien nur ein Bruchteil von Ländern abgebildet und auch im nahen Osten ist das Forschungsfeld noch kaum berührt.

Daher bietet es sich an, sich zunächst einen Überblick über die Forschungssituation einzelner Länder und Kontinente zu verschaffen.

Hinzu kommt, dass es gerade in diesem Themenfeld nach dem nicht unerheblich ist, wer da eigentlich forscht: Arbeiten wir zum Beispiel mit einem rein weiblichen Blick auf Gender im Journalismus? Und ist dieser vielleicht emanzipatorischen und politisch motiviert? Oder ist es gar anders herum und unser Wissen basiert auf rein männlichen Forschergruppen? Ein differenztheoretischer Ansatz, der am Rande einbezogen werden soll.

3.3 Deutschland

Die Forschung in der Bundesrepublik warf schon in den 1970er Jahren einen ersten Blick auf die Situationen von Frauen in der Medienwelt - allerdings nur im Rundfunk. Als erste spendeten Freise und Draht 1977 ihre Aufmerksamkeit der Rundfunkjournalistin. Im Blickfeld der beiden standen Motivation, Berufsausübung und auch das Bild, das von Journalistinnen in diesen Berufsfeldern vorherrschte.

Die erste umfassendere Arbeit zum Thema „Unterschiede zwischen Mann und Frau“ im Journalismus ganz allgemein entstand dann 1984. Sie trägt den Titel „Journalistinnen - Frauen in einem Männerberuf“ und kommt von zwei Frauen, Journalistinnen und Wissenschaftlerinnen: Die Arbeit von Irene Neverla und Gerda Kanzleiter basiert auf einer Vollerhebung von öffentlich- rechtlichen Rundfunkanstalten und des Versorgungswerks der Presse für Print-MitarbeiterInnen, sowie rund 100 qualitativen Interviews.8 Bezüglich der Interviews kann sie nicht als repräsentativ betrachtet werden, gibt aber einen ersten Eindruck des Berufsfeldes bezüglich der Geschlechterfrage.9

Irene Neverla ist heute Professorin für Journalistik und Kommunikationswissenschaften, hat sich in ihrer späteren Forschung aber nicht weiter auf die Betrachtung der Geschlechterunterschiede im Journalismus konzentriert.10 Gerda Kanzleiter ist nicht weiter als wissenschaftliche Autorin in Erscheinung getreten.

Im Jahre 1994 führt auch die Fachgruppe Journalismus (dju/SWJV) unter Leitung von Siegfried Weischenberg die Studie von Neverla und Kanzleiter als Vorreiterin der Forschungsrichtung an. Im Auftrag der Industriegewerkschaft Medien erarbeitet die Fachgruppe auf 56 Seiten einen umfassenden Bericht, der auf Auswertung der Studie „Journalismus in Deutschland“11 beruht. Hier wurden in den zwei Jahren zuvor rund 54 000 JournalistInnen nach einer Zufallsstichprobe befragt. Qualitative Fragen erweiterten einen festen Fragebogen. Feste, wie freie Mitarbeiter aller Mediengattungen gaben Auskunft über ihre Berufliche Situation, ihre Zufriedenheit und viele weitere Details zu ihrem persönlichen Berufsfeld.

Schon hier taucht der Name Margaret Lünenborg im Forschungsstand auf. Die Wissenschaftlerin war zum Erscheinungsdatum der Studie bereits mit ihrer Doktorarbeit beschäftigt, die drei Jahre später unter dem Titel „Journalistinnen in Europa erscheinen“ sollte. Eine erste internationale Betrachtung der beruflichen Situation von Journalistinnen in jeglichen Medien. Margreth Lünenborg hat ihrem Namen heute ein „h“ hinzugefügt und doziert am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften der freien Universität Berlin. Ihr Forschungsschwerpunkt: Kommunikationswissenschaftliche Geschlechterforschung.12

Anfang des Jahres 2013 brachte die Forscherin zusammen mit Autorin Tanja Maier das Werk „Gender Media Studies“ heraus. Es ist das erste Lehrbuch zum Thema Gender und Journalismus und richtet sich vor allem an Studierende Kommunikationswissenschaftlicher, aber auch politikwissenschaftlicher Studiengänge. Hier sammeln die Autorinnen ihre Kenntnisse zu Strömungen der Geschlechterforschung in den letzten Jahren, legen ein umfassendes Bild der Erkenntnisse in Deutschland (aber zum Teil auch weltweit) dar und geben Anregungen zum weiterdenken des Themas.

Ihren Ansatz sehen sie geprägt von Sozial-, Kultur- und Medienwissenschaften und erklären den Begriff „Gender Media Studies“ als Zusammenfassung der Erkenntnissarbeit über das Zusammenwirken öffentlicher, wie medialer Kommunikation und Geschlecht.13

3.4 USA

In den USA hat die Forschung über Geschlechterverhältnisse in den Medien eine weitaus längere Tradition. Allerdings ging es hier lange tatsächlich nur um die nackten Verhältnisse. Quantitative Erhebungen tagesaktueller Medien machten den Anfang in der Forschung. Damit erkannten zum Beispiel Johnstone in den 1970er Jahren, dass der Frauenanteil auf der Seite der Journalisten zu Beginn des Jahrzents bei 20,3 Prozent lag. Zu den Erhebungen über Tageszeitungen kamen in den folgenden zwei Jahrzehnten dann bereits ausführlichere Studien auch zu Rundfunkanstalten hinzu. Gemeinsam blieb den Untersuchungen in den folgenden Jahren immer wieder eine Erkenntnis: Die Anzahl von Frauen in den Redaktionen stieg stark an.14

Eine Ahnung davon, wie breit die Forschung zum Thema in den USA heute gestreut ist, bekommt man durch einfache Suchmaschinen-Nutzung. Gibt man bei google.de die Worte „gender studies journalism usa“ in die Suchleiste ein, erzielt man etwa 27 000 000 Ergebnisse. Zum Vergleich: Die Worte „gender studies journalismus europa“ bringen es nur auf knapp 2 5000 000 Ergebnisse.15

4. Journalistinnen in Deutschland

4.1 Anteil

Maja Malik, Armin Scholl und Siegfried Weischenberg haben im Jahr 2005 mit ihrer Studie „Journalismus in Deutschland“ die letzten umfassenden, quantitativen Ergebnisse über deutsche JournalistInnen geliefert.

Daraus geht deutlich hervor, dass sich das Geschlechterverhältnis im Wandel befindet: Waren es Ende der 1970er Jahre noch etwa 20 Prozent Frauen, die ihr Geld mit einer journalistischen Tätigkeit verdienten, und 1993 knapp ein Drittel, so sind es im Jahr 2005 etwa 37,3 Prozent Frauen. Bei einer Grundgesamtheit von etwa 48 000 Menschen in journalistischen Berufen, sind das fast 18 000 Journalistinnen.

Eine Zahl, die verglichen mit einem Anteil von etwa 45 Prozent Frauen auf dem deutschen Arbeitsmarkt im Jahr 2012 verschwindent gering erscheint.

Ein Großteil dieser 18 000 entfällt dabei auf freiberuflich tätige Frauen, die in diesem Segment sogar 45,1 Prozent stellen. Aus der Studie geht außerdem hervor, dass das Hauptmedium der Journalistinnen das privat-kommerzielle Radio ist. Etwa 43,5 Prozent der Redaktion sind hier Frauen. Direkt danach kommen öffentlich-rechtliche Fernsehredaktionen, wo die weiblichen Verterter der Gattung 41,4 Prozent ausmachen.

Die eklatantesten Lücken an Frauen in der Redaktion weisen damit Zeitungen auf, hier sind es nur etwa 33,5 Prozent Journalistinnen.16

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Frauenanteil in deutschen Medien 2005

Abbildung 1: Eigene Darstellung, Angaben in Prozent

4.2 Einkommen

Im deutschen Journalismus herrschen noch immer eklatante Einkommensunterschiede. Beim Fernsehen gibt es mehr Geld als im Radio, die Festen verdienen mehr als die Freien und am wenigsten Geld bekommt am Ende, wer freiberuflich im Print tätig ist.

Das sind Durchschnittswerte, die ebenfalls aus der 2005er Studie unter Leitung von Siegfried Weischenberg hervorgehen. Ein regelmäßiger Freiberufler bei der ZEIT wird hier aber vielleicht nur müde lächeln: Je nach Status des Mediums ändern sich diese Verhältnisse wieder drastisch.

Eins bleibt jedoch immer gleich: Frauen verdienen weniger als Männer. Egal ob Radio, Fernsehen oder Print, als Volontärin oder fest Angestelllte: Sie verdient immer weniger als er. So folgern Malik, Scholl und Weischenberg:

„ Im Durchschnitt erreichen Journalistinnen in Deutschland rund 75 Prozent des männlichen Einkommens - und dies ist nicht (nur) auf die geringe Repräsentanz von Frauen in der oberen Redaktionshierarchie zurückzuführen. Denn auch wenn man ausschließlich die Ebene der Redakteure und freien Journalisten betrachtet, bleibt ein Unterschied von mehr als 500 Euro: Männer verdienen hier durchschnittlich etwas mehr als 2 400 Euro, Frauen knapp 1 900 Euro. Frauen werden also noch immer (auch) im Journalismusökonomisch diskriminiert, weil sie für die gleiche Arbeit weniger Geld bekommen. “ 17

4.3 Ressorts

Vor nun neun Jahren hält die Fachgruppe Journalismus unter Leitung von Siefried Weischenberg fest, dass es eindeutige Ressort-Verteilungen von Männern und Frauen gäbe. Hiernach ist das Ressort Politik mit 74,2 Prozent Männern eine typische Testosteron-Abteilung. Deutlicher noch: Der Sport - hier sind es 92 Prozent Männer und nur acht Prozent der Frauen trauen sich an den Ball. Ganz anders steht es um die Service-Seiten: Mit über zwei Dritteln liegen die Frauen hier eindeutig in Führung. Ähnlich stark sind sie nur in anderen soften Themen vertreten, wie in Unterhaltung, Soziales und Famile.18

Die Arbeitsgruppe gibt hierfür verschiedene mögliche Gründe an, unter anderem dass„(...) die typischen Frauenressorts wie Soziales oder Mode (…) eher weiblichen Kompetenzen und Interessen(...)“19 entsprächen. Die AutorInnen lenken allerdings ein, dass schon Neverla und Kanzleiter zehn Jahre zuvor in Gesprächen mit Journalistinnen das Interesse der Frauen an politischen Themen nachweisen konnten.20

Ein Hinweis, den nicht alle Medienforscher in den letzten drei Jahrzehnten wahrgenommen zu schein haben.

So stellen Margreth Lünenborg und Tanja Maier 2013 fest, dass die Frauen im Journalismus immer häufiger als Grund für eine Boulevardisierung und Veränderung der Inhalte hin zu mehr Serviceorientierung und Unterhaltung gesehen werden. Dies lehnen die Autorinnen ab und konstatieren:

„ Eine massive Ausweitung des journalistischen Angebots hat den Markt für Journalistinnen geöffnet. Mit dieser Ö ffnung einher ging und geht ein struktureller, inhaltlicher und gestalterischer Wandel. Als strukturelles Problem tritt dabei unter anderem eine fortschreitende Entdifferenzierung zu Formen der medialen Unterhaltung und zu PR auf. Diese Wandlungsprozesse gehen mit einem Geschlechterwandel einher. Die quantitativ stärkere Präsenz von Frauen im Journalismus - besonders stark in sozial wenig abgesicherten Beschäftigungsformen - wird als Bedrohung der Profession bewertet. Auf diese Weise dient einmal mehr Geschlecht im Journalismus als sozialer Platzanweiser. “ 21

Bereits im Mai 2010 hat Lünenborg zum Thema Politik-Journalismus eine eigene Studie im Auftrag des Deutschen Fachjournalistenverbandes herausgebracht. Befragt wurden hier 916 PolitikjournalistInnen in einem nicht personalisierten Fragebogen. Das Ergebnis: 32 Prozent der befragten PolitikjournalistInnen waren Frauen - also fast sieben Prozent mehr, als noch in der 94er Studie unter Führung von Weischenberg.22

Ein Vergleich mit der Weischenberger Studie von 2005 ist hier leider nicht möglich: Die Daten wurden an dieser Stelle nicht nach Geschlecht verteilt dargestellt.

4.4 Basisdaten: Journalistinnen in den USA

Den stärksten Frauenanteil haben in den USA eindeutig die Journalism Schools. Hier stellt Lünenborg schon 1997 fest, dass ganze Zweidrittel der AbgängerInnen weiblich sind. Der Trend setzt sich verglichen mit Deutschland auch in der späteren Berufsausübung fort - allerdings scheinen auch hier einige Absolventinnen auf der Strecke zu bleiben. So sind es im gleichen Jahr nur 35 Prozent Frauen in den Redaktionen. Und auch 20 Jahre später sind die Abgängerinnen noch nicht in den Redaktionen angekommen. So verzeichnet die American Society of Newseditors (ASNE) im Jahr 2013 immernoch zwei Drittel männliche Besetzung in den newsrooms - die 35,9 Prozent Männer, die von den Schulen abgingen übersteigt das ganz deutlich.23

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Eigene Darstellung: Angaben des ASNE zur Geschlechterverteilung in Amerikanischen newsrooms in Prozent

Betrachtet man die Ergebisse des Census aus den letzten 13 Jahren detailliert (Abb.2)24, so fällt eins direkt ins Auge: Die Entwicklung ist stagniert. Bei der Geschlechterverteilung von ReporterInnen sowie Schreibenden gibt es kaum eine Veränderung.

5. Geschlechterverhältnisse im Spiegel der internationalen Medienlandschaft

Eine hilfreiche Basis, um einen Überblick und Vergleich der derzeitigen Geschlechertverhältnisse im Journalismus weltweit zu schaffen, ist die Studie „Global Media Monitoring Project (GMMP)“. Diese Langzeitstudie gibt seit 1995 alle fünf Jahre einen Bericht über die aktuelle Situation heraus. Gestartet ist die Studie mit einem Vergleich von 71 Ländern, mittlerweile werden 108 Länder in der ganzen Welt von Freiwilligen MitarbeiterInnen und Partnerorganisationen erfasst. Die Studie arbeitet mit Daten von genau einem Stichtag. Sie erhebt keinerlei Anspruch auf umfassende Vollständigkeit und kann Beeinflussungen durch Aktualitäten nicht ausgleichen, legt jedoch in ihren Berichten die aktuelle Nachrichtenlage des jeweiligen Tages dar, sodass die kritische Auseinandersetzung der LeserInnen damit leicht möglich ist.

Es werden Print, wie Online- und Rundfunkmedien ausgewertet, aber auch hier ist anzumerken, dass die Studie bei weitem nicht alle Medien eines Landes abdeckt. Bemerkenswert ist, dass die Studie ihren Fokus nicht bloß auf die Geschlechterverhältnisse im journalistischen Gewerbe, sondern auch stark auf die Betrachtungsweise der Medien über Frauen und Männer legt. Zentrale Fragestellung ist hier: Wie und mit welcher Häufigkeit wird über Frauen und Männer in Medien berichtet? Wer kommt direkt zu Wort?25

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: GMMP-Report global, Geschlechterverhältnis im Journalismus weltweit

Im der weltweiten Betrachtung prangert das GMMP damit vor allem die Unterrepräsentation von Frauen als „News Subject“, also als diejenigen, über die berichtet wird, an. Hiernach sind weltweit nur 24 Prozent der abgebildeten Akteure Frauen. Das tatsächliche Geschlechterverhältnis von 51 Prozent Frauen der Weltbevölkerung wird damit nich annähernd wiedergegeben.

Europa hebt der Bericht in diesem Punkt als positives Beispiel heraus: In den letzten fünf Jahren des Berichtes ist die Abbildung von Frauen in den Medien um 5 Prozent gestiegen. Negativ fällt dagegen der Nahe Osten auf, in dem der Anteil von Frauen als „News Subject“ gerade bei 16 Prozent liegt.

Interessant ist diese Diskrepanz vor allem dann, wenn man die Zahlen zum Verhältnis in den Redaktionen selbst vergleicht: Hier liegt die Region Naher Osten gleichauf mit Europa, hat im Jahr 2010 sogar überholt.26

Beim Vergleich der Daten mit denen aus Nord-Amerika ist zu bedenken, dass sich der Frauenanteil hier schon Ende der 1980er Jahre etwa um 35 Prozent belief. Die damals recht fortschrittliche Einbindung von Frauen in das Mediengeschäft scheint also stagniet.27

Zunehmend fokussiert hat sich der GMMP auf die Frage: In welcher Weise über Frauen in den Medien berichtet wird. Dazu wird die quantitative Verteilung von Frauen als „News Subject“ auf bestimmte Themenfelder, sowie ihre Funktion in den Berichten betrachtet. Der Bericht geht davon aus, dass die wichtigen Rollen zum Beispiel SprecherInnen von Organisationen oder politischen Gruppen und Parteien, sowie ExpertInnen wären. Zumeist, stellt er fest, sind sie in den Nachrichten von Männern besetzt.

Zur genaueren Betrachtung davon, in welchen Bereichen der Berichterstattung Frauen hier überhaupt Erwähnung finden, lassen sich gut einzelne europäische Staaten vergleichen (siehe Abb.3).

Hier zeigt sich deutlich, dass Deutschland vor allem im Bereich „Economy“, also der Wirtschaftsberichterstattung noch deutlich hinter Norwegen zurückfällt: Finden dort zu 33 Prozent weibliche Akteure Erwähnung, so sind es hierzulande nur 15%. Im Vergleich Norwegen und Griechenland könnte man einen Hinweis auf ein Nord-/Süd-Gefälle im Geschlechterverhältnis der „News Subjects“ finden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Eigene Darstellung: Vergleich des Geschlechterverhältnissen unter "News Subjects" (Angaben in Prozent)

Außerdem zeigt sich an einigen Ausreißern in der Einzelauswertung dann wieder, dass die Studie eben nicht vollständig ist. Im Feld Economy tauchen so zum Beispiel Null weibliche Akteure, aber auch nur fünf männliche auf.

Es stellt sich bei allen fünf betrachteten EU-Staaten heraus, dass die Themen Politik und Ökonomie einen besonders starken Mangel an weiblichen Protagonisten aufweisen. Dabei betont der Bericht an anderer Stelle, dass doch genau diese Themenfelder die täglichen Nachrichten dominieren.

6. Chefredakteurinnen - leider Mangelware

In die Diskussion um den Frauenanteil im Journalismus ist in den letzten Jahren wieder Schwung gekommen. Grund dafür ist die immer häufiger auftretende Forderung nach einer Frauen-Quote in Chefetagen - denn die könnte auch der Journalismus vertragen:

„ Während der Anteil von Frauen in der Profession fortlaufend steigt, vor allem junge, hochqualifizierte Kolleginnen via Studium, Volontariat und freier Mitarbeit in den Journalismus einsteigen, tut sich in den höheren Etagen weiterhin wenig bis nichts. Auf der Ebene der Chefredaktionen findet sich eine Frau neben vier Männern, 29 Prozent der Ressortleitungen und CvDs nehmen Frauen wahr. “ 28

So bemängelt Margareth Lünenborg den Zustand schon 2008 in einer Kolumne.

Vier Jahre später tritt dann die Initiative proQuote auf den Plan und befördert das Thema endgültig in die öffentliche Diskussion. 350 Journalistinnen tun sich im Jahr 2012 zusammen und fordern eine einheitliche Quote von 30 Prozent in den Chefetagen der Medienhäuser - ganz gleich ob Print, Rundfunk oder Online. Sie unterzeichnen einen gemeinsamen Brief und schicken ihn an 200 Chefredakteure in Deutschland. Die Rückmeldungen fallen mit 28 Antwortschreiben gering aus. Doch die Initiative macht weiter und bringt eine 17-Seiten-starke Sonderausgabe der tageszeitung (taz) heraus. Ihren Kreis von UnterstützerInnen erweitert sie im Internet auf knapp 4500 Personen.29

Der Deutsche Journalisten Verband (DJV) zählt ebenfalls zu den UnterstützerInnen, der Verband verweist auf den bedenklichen Unterschied von 50 Prozent Frauen, die eine journalistische Ausbildung absolvieren und nur 2 Prozent Frauen in der Führungsetage. Auf dem DJVJournalistinnentag 2012 sagte die Vorsitzende des DJV-Fachausschusses Chancengleichheit Mechthild Mäsker: „Ohne gesetzlichen Druck ändert sich nichts. Fast die Hälfte aller journalistischen Berufsanfänger sind weiblich, aber in deutschen Chefesseln herrscht immer noch Frauenmangel. Das wollen wir nicht länger hinnehmen.“30

Den Druck auf die Politik und die Chefetagen versucht ProQuote hochzuhalten, indem sie schonungslos die aktuellen Geschlechterverhältnisse der deutschen Medienlandschaft für jedes einzelne Medium offen legt (Abb. 4)31

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Auszug aus einer Grafik der Initiative proQuote

In dem hier gewählten Auszug der grafischen Aufbereitung (Abb.4) sticht dabei eine „Torte“ besonders heraus: die Darstellung der taz. Sie ist das einzige deutsche Medium mit einer festgesetzten Quote von 50 Prozent in allen Ressorts, sowie der Chefetage. Im Redaktionsstatut steht dazu in Artikel 6:

„Es werden so lange bevorzugt RedakteurInnen eingestellt, bis die Hälfte der Mitglieder des jeweiligen Ressorts Frauen sind.“32

Den Chefposten hat derzeit mit Ines Pohl ebenfalls eine Frau inne.

Ein aktuelles Resüme der bisherigen Arbeit von proQuote hat die Vorsitzende des Vereins Anette Bruhns in einem Gastbeitrag der Zeit gezogen:

„ Obwohl Anne Will, Sandra Maischberger und Sonia Mikich auch ProQuote unterstützen, kennen uns Fernsehzuschauer eher nicht. Dabei ist die Geschlechterverteilung an der Spitze der TV-Sender nur marginal besser als bei Print und Online: Gerade einmal zwei Prozent der Chefredakteurinnen deutscher Zeitungen sind Frauen. 18 Prozent sind es im Fernsehen, 22 Prozent bei den Online- Medien. Nicht mal jeder fünfte Chefredakteur ist also eine Frau: Das ist kein Zeichen aufgeklärter Meinungsmache, sondernöde Einfalt.(...) Wir sind nicht zufrieden. Wir werden auch mit 30 Prozent vermutlich nicht zufrieden sein: An den Journalistenschulen sindüber die Hälfte der Anfänger Anfängerinnen. Es sind längst genug kompetente Frauen da, um auch die Hälfte die Verantwortung zuübernehmen - für das, worüber Deutschland redet, streitet, staunt.

Dass das keine Vision ist, sondern auch bei Qualitätsmedien gut funktioniert, zeigt deröffentlichrechtliche Hörfunk. Die Hälfte aller Chefredakteurinnen beim Radio sind Frauen. Und die senden täglich das volle Programm. “ 33

Im gleichen Artikel taucht außerdem eine aktuelle Grafik in Zusammenarbeit von ProQuote und ZEIT ONLINE zur Besetzung der Chefetagen in deutschen Leitmedien auf (Abb. 5).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Darstellung von proQuote und die Zeit zum Frauenanteil in Führungspositionen deutscher Leitmedien

Die Abbildung lässt erahnen, warum der resümierende Artikel gerade seinen Platz bei ZEIT ONLINE gefunden hat: Chefredakteur Giovani die Lorenzo hatte eine der deutlichsten Antworten auf den Protest-Brief der Initiative geliefert. Auf der Titelseite seiner Zeitung lies er drucken: “Namens der Chefredaktion der ZEIT erkläre ich: Wir nehmen den Ball auf und werden alles in unserer Macht stehende tun, dieser Forderung gerecht zu werden.” Darauf folgte die Einstellung von Sabine Rückert als stellvertretende Chefredakteurin. Auch in der restlichen Redaktion hat die ZEIT die Quotenforderung geschafft: 30,4 Prozent der Führungspositionen in der Textredaktionen sind weiblich besetzt.34

7. Fazit

Frauen in der Medienlandschaft sind weltweit unterrepräsentiert. Das ist mit Blick auf die Verhältnisse im 19. Jahrundert, in denen Frauen in weiten Teilen der Welt nicht mal als Mitglieder zur Berufsorganisation zugelassen waren, keine Neuigkeit35. Aber es ist Besorgniserregend wenn wir seit Erhebung der ersten konkreten Zahlen in den letzen 30 Jahren gerade einmal einen Zuwachs um gerade mal 20 Prozent verzeichnen können.

Ebenso erschreckend ist die Darstellung von Frauen in den Medien. Dass anteilsmäßig nicht einmal halb so viele Frauen (24 Prozent) als Akteure abgebildet werden, wie in der Realität auf der Welt vorhanden sind (51 Prozent), zeigt die Unausgewogenheit der Berichterstattung. Und dabei sollte es doch eines der Grundprinzipien des Journalismus sein, ausgewogen zu berichten.

„Identitäten sind nie Genderneutral, kollektive genauso wenig wie individuelle Identitäten.“36 Das schreiben im Jahr 2007 zwei DozentInnen der FU Berlin im Fach Gender. Und damit haben sie den Kernkritikpunkt an der Diskurstheoretischen Dekonstruktion auf den Punkt gebracht: Biologische Geschlechtsmerkmale dürfen nicht länger die Identität eines Menschen ausmachen müssen. Jungs müssen nicht stereotyp gerne raufen und Mädchen sich nicht schminken. Aber dass es in unserer Gesellschaft soziokulturelle Geschlechter gibt, das lässt sich nicht ausschließen. Menschen identifizieren sich über die (Charakter-)Eigenschaften, die sie ihrem Geschlecht zuordnen.

Und bei der Formung dieser Identitäten spielen Medien eine enorme Rolle.

Kommt zum Beispiel das Bild der wirtschaftlich interessierten Frau in einer Führungsposition in verschwindend geringem Anteil in den Medien vor, so werden wirtschaftliches Interesse und Führungskraft auch nicht sehr bald als erstes mit einer Frau assoziiert werden. Und das wird es dann einer Frau in der Realität auch wieder sehr viel schwerer machen, sich in diesen Gebieten gegen Männer zu behaupten.

Damit kommt MedienmacherInnen in unserer Gesellschaft eine tragende Rolle zu: Sie formen die Geschlechter-Konzepte, die wir alle anschließend mit uns herumtragen und ausleben.

Nun ist es schwierig zu sagen, dass mehr Frauen als Journalistinnen auch definitiv mehr Frauen abbilden werden. Aber dass ein Zusammenhang zwischen der Präsenz der abgebildeten Frauen und der Macherinnen in den Medien gibt, scheint bei Betrachtung der Ergebnisse immerhin möglich. Frauen kommen ja nicht unbedingt nur in stereotypen „Frauenthemen“ vor. Die scheint es nämlich nach Analyse der einzelnen Ressorts und den Befunden von Margreth Lünenborg über das durchaus vorhandene Interesse von Journalistinnen an zum Beispiel Politikthemen nicht zu geben. Sondern Frauen spielen in allen Themengebieten eine Rolle. Und vielleicht kann man den Journalistinnen immerhin zumuten, dass sie selbst ein Interesse daran haben, diese Rollen zu stärken, um ein ausgeglichenes Verhältnis von Frauen in der Rezeption zu schaffen.

Einen wichtigen Posten nehmen hierbei natürlich auch die Leitungspositionen ein. Solange nur zwei Prozent der Chefposten in deutschen Medienhäusern von Frauen besetzt sind, ist es mit der Gleichberechtigung wirklich nicht weit her. Hier finde ich vor allem die Haltung des DJV zum Thema Frauenquote in Führungspositionen unterstützenswert. Die Frage scheint zu sein: Wenn doch 50 Prozent Frauen von Journalisten-Schulen abgehen und Volontariate abschließen - häufig sogar besser, als ihre männlichen Kollegen - wo bleiben diese dann auf der Karriereleiter stecken?

Solange darauf keine ganz klare Antwort zu finden ist, scheint eine Quote, auch wenn sie gerne als politische „Brechstange“ bezeichnet wird, absolut angemessen. Zumal den Forderungen von ProQuote ja schon bei immer noch nicht repräsentativen 30 Prozent Frauen in Führungspositionen des Journalismus nachgekommen wäre. Dass es genau so geht, zeigen die Beispiele ZEIT und taz.

Den letzten und vielleicht wichtigsten Punkt in dem Thema soll die Forschung selbst noch einmal bilden: So lange die Unterrepräsentation von Frauen in den Medien nicht in den öffentlichen Diskurs gerät, wird sich auch wenig ändern. Und nicht nur Projekte wie ProQuote tragen dazu bei, dass sich mehr Augen auf das Problem der ungleichen Darstellung, Behandlung und Positionierung von Männern und Frauen im Journalismus richten. Jede einzelne Arbeit zu dem Thema kann neue Erkenntnisse bringen. Denn wirklich ausgereift ist der bisherige Forschungsstand (in Deutschland) mit einer Datengrundlage von vor fünf Jahren nicht.

In unserem Kurs hat sich gezeigt: Die Diskussionen darüber können sehr lebhaft sein und bieten für beinah jeden interessante Aspekte. Denn mit irgendeiner Form von Gender indentifizieren wir uns nunmal fast alle. Daher scheint ein Kurs zum „Gender im Journalismus“ für eine umfassende JournalistInnen-Ausbildung heutzutage mehr als relevant. Da es diesen Zweig an der TU Dortmund bislang nicht gibt, sehe ich hier ganz konkretes Potenzial die Bewegung hin zu mehr Gleichheit zu fördern: Wie wäre es denn mit einem Seminar in unserem Studiengang?

LITERATURVERZEICHNIS

Fachgruppe Journalismus (dju/SWJV). WEISCHENBERG, Siegfried, KEUNEKE, Susanne, LÖFFELHOLZ, Martin und SCHOLL, Armin: Frauen im Journalismus. Gutachten über die Geschlechterverhältnisse bei den Medien in Deutschland. Im Auftr. der Industriegewerkschaft Medien. Stuttgart, 1994.

LÜNENBORG, Margret: Journalistinnen in Europa. Eine international vergleichende Analyse zum Gendering im sozialen System Journalismus. Opladen, 1997.

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LÜNENBORG, Margreth und MAIER, Tanja: Gender Media Studies. Eine Einführung. Berlin 2013.

SCHÖSSLER, Franzika: Einführung in die Gender Studies. Berlin 2009.

WEISCHENBERG, Siegfried, MALIK, Maja und SCHOLL, Armin: Journalismus in Deutschland 2005. Zentrale Befunde der aktuellen Repräsentativbefragung deutscher Journalisten. In: Media Perspektiven 7/2006, S.346-361.

INTERNETQUELLEN

ASNE: Tabel L - Employment of men and women by ob employment: http://asne.org/content.asp? pl=140&sl=144&contentid=144

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ProQuote: ProQuote verleiht „Preise mit Gefühl an die Lorenzo (ZEIT), Schirrmacher (FAZ) und Boudgoust (SWR). 2013: http://www.pro-quote.de/proquote-verleiht-preise-mit-gefuhl-an-di- lorenzo-zeit-schirrmacher-faz-und-boudgoust-swr/

Who makes the news: Background: http://www.whomakesthenews.org/index.php/the- gmmp/background

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1 Vgl. WEISCHENBERG, Siegfried, MALIK, Maja und SCHOLL, Armin: Journalismus in Deutschland 2005. Zentrale Befunde der aktuellen Repräsentativbefragung deutscher Journalisten. In: Media Perspektiven 7/2006, S.346-361.

2 SCHÖSSLER, Franzika: Einführung in die Gender Studies. Berlin 2009. S.9.

3 Vgl. Fachgruppe Journalismus (dju/SWJV). WEISCHENBERG, Siegfried, KEUNEKE, Susanne, LÖFFELHOLZ, Martin und SCHOLL, Armin: Frauen im Journalismus. Gutachten über die Geschlechterverhältnisse bei den Medien in Deutschland. Im Auftr. der Industriegewerkschaft Medien. Stuttgart, 1994. S.54.

4 LÜNENBORG, Margreth und MAIER, Tanja: Gender Media Studies. Eine Einführung. Berlin 2013, S.14.

5 Ebd. S.14.

6 Ebd. S.14.

7 Vgl. ebd. S. 97.

8 LÜNENBORG, Margret: Journalistinnen in Europa. Eine international vergleichende Analyse zum Gendering im sozialen System Journalismus. Opladen, 1997.

9 Vgl. Fachgruppe Journalismus (dju/SWJV): Frauen im Journalismus. Gutachten über die Geschlechterverhältnisse bei den Medien in Deutschland. Im Auftr. der Industriegewerkschaft Medien. Stuttgart, 1994. S.8.

10 Weitere Publikationen von Prof. Dr. Irene Neverla unter: „http://www.wiso.uni- hamburg.de/professuren/kommunikationswissenschaft/team/prof-dr-neverla/publikationen/“.

11 WEISCHENBERG, MALIK, SCHOLL: Journalismus in Deutschland 2005. In: Media Perspektiven 7/2006, S.346- 361.

12 Weitere Informationen zu Forschung und Publikationen von Margareth Lünenborg unter: „http://www.polsoz.fu- berlin.de/kommwiss/arbeitstellen/journalistik/mitarbeiterinnen/mluenenborg/index.html“.

13 LÜNENBORG/MAIER: Gender Media Studies, S.13.

14 LÜNENBORG, Margret: Journalistinnen in Europa, S.19.

15 Stand 23.09.2013, um 11.46 Uhr.

16 Vgl. WEISCHENBERG/MALIK/SCHOLL: Journalismus in Deutschland 2005. In: Media Perspektiven 7/2006, S.346-361.

17 Ebd. S.352.

18 Vgl. Fachgruppe Journalismus (dju/SWV): Frauen im Journalismus, S.20.

19 Ebd. S.48.

20 Vgl. ebd. S.20.

21 LÜNENBORG/MAIER, Gender Media Studies, S.91.

22 LÜNENBORG, margreth und BERGHOFER, Simon: Politkjournalistinnen und -journalisten. Aktuelle Befunde zu Merkmalen und Einstellungen vor dem Hintergrund ökonomischer und technologischer Wandlungsprozesse im deutschen Journalismus. Berlin 2010.

23 Vgl. ASNE: 2013 Census: http://asne.org/content.asp?pl=121&sl=15&contentid=284(Stand: 24.09.2013, um 23.18 Uhr)

24 Vgl. ASNE: Tabel L - Employment of men and women by ob employment: http://asne.org/content.asp? pl=140&sl=144&contentid=144“ (Stand: 24.09.2013, um 23.32 Uhr)

25 Vgl. Who makes the news: Background: http://www.whomakesthenews.org/index.php/the-gmmp/background (Stand: 23.09.2013, um 12.09 Uhr).

26 Anm.: Die Zahlen beziehen sich sowohl auf die Tätigkleitsfelder, die in der Studie als „Presenter“, wie auch auf diese, die als „Reporter“ bezeichnet werden.

27 Vgl. LÜNENBORG, Margret: Journalistinnen in Europa, S.19.

28 LÜNENBORG, Margreth: Der Chefsessel bleibt frauenfrei. Mit Blick auf Inhalte einige Klischees beiseite schaffen. In: http://mmm.verdi.de/archiv/2008/03/kolumne/der_chefsessel_bleibt_frauenfrei (Stand: 23.09.2013, um 22.10 Uhr)

29 Liste der UnterstützerInnen: http://www.pro-quote.de/unterstutzer/ (Stand: 23.09.2013, um 22.18 Uhr)

30 Vgl. Deutscher Journalistenverband: DJV für Frauenquote im Journalismus. Frau Macht Medien. In: http://www.djv.de/en/startseite/service/news-kalender/detail/aktuelles/article/djv-fuer-frauenquote-im- journalismus.html (Stand: 23.09.2013, um 22.20 Uhr)

31 Komplette Grafiken der Initiative proQuote unter: http://www.pro-quote.de/statistiken/ (Stand: 23.09.2013, um 23.14 Uhr).

32 Vgl. die tageszeitung: Redaktionsstatut: http://www.taz.de/digitaz/.etc/nf/ueberuns/statut (Stand: 23.09.2013, um 22.58 Uhr)

33 BRUHNS, Anette: Zwei Prozent Frauenquote sind nicht genug. 2013. In: ZEIT ONLINE: http://www.zeit.de/karriere/beruf/2013-09/gastbeitrag-proquote-frauen-chefredakteursposten (Stand: 23.09.2013, um 23.10 Uhr).

34 ProQuote: ProQuote verleiht „Preise mit Gefühl an die Lorenzo (ZEIT), Schirrmacher (FAZ) und Boudgoust (SWR). 2013: http://www.pro-quote.de/proquote-verleiht-preise-mit-gefuhl-an-di-lorenzo-zeit-schirrmacher-faz- und-boudgoust-swr/ (Stand 23.09.2013, um 23.20 Uhr).

35 Vgl. LÜNENBORG/MAIER: Gender Media Studies, S.83.

36 Vgl. ENGELS, Bettina und CHOJNACKI, Sven: Krieg, Identität und die Konstruktion von Geschlecht: http://www.fu- berlin.de/sites/gpo/int_bez/frauenmenschenrechte/kriegidentitaetmenschenrechte/engels_chojnacki.pdf?1361634799 (Stand 24.9.2013, um 18.50 Uhr)

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Titel: Gender im Journalismus. Welchen Einfluss hat das Geschlecht?