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Die Symbolik der Hauptfigur in Verbindung mit der psychologisch-psychoanalytischen Theoriebildung in Patrick Süskinds Roman "Das Parfum"

Seminararbeit 2003 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geburt und Kindheit – Unbewusste Prägung

3. Die geruchliche Welt – Vereinzelung und Realitätsentfremdung

4. Geniegedanke und Größenphantasie

5. Stabilisierung des Größenselbst und Allmachtgedanken

6. Scheitern und Selbstzerstörung

7. Schlussbemerkung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seinem Roman Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders[1] erzählt Patrick Süskind die Geschichte eines Menschen ohne Eigengeruch, der aber paradoxerweise mit einem genialem Geruchssinn ausgestattet ist. Im Laufe seines Lebens tötet dieser 26 Mädchen und verarbeitet ihren Duft zu einem absoluten Parfum, mit dessen Hilfe er seiner Hinrichtung entgeht. Mit dem Duftwasser „über und über besprenkelt“ wird er auf dem Friedhof, der auch seine Geburtsstätte ist, bacchanalisch verspeist.

Mit weltweit 6 Millionen aufgelegten Exemplaren, davon 1,5 Millionen allein in Deutschland[2], avancierte Süskinds Roman zum Verkaufserfolg und Kritikerliebling. Trotzdem setzt sich der Roman durch die für die postmoderne Literatur kennzeichnende Intertextualität vom Trivialen ab. Lobend hervorgehoben werden die Gewandtheit des Erzählens, der Umgang mit der literarischen Tradition, sowie die Synthese aus Kriminal-, Bildungs- und Künstlerroman. Den im Text befindlichen mythologischen, religiösen und historischen Bezüge und auch der Erörterung des Geniebegriffs sind in Zusammenhang mit dem Roman zahlreiche Abhandlungen gewidmet.

Weniger beleuchtet ist die subtile und detaillierte Konstruktion der Hauptfigur. Obwohl der Protagonist Grenouille eine Kunstfigur darstellt, die psychologisch nicht fassbar ist, weist der Roman Entwicklungsstationen im Leben dieser Figur auf, die symbolisch mit der psychoanalytischen Theoriebildung verknüpft sind. Der Roman entwirft mit seiner Hauptfigur das komplexe, weitgehend kohärente Bild einer narzißtischen Persönlichkeit, die bestrebt ist ihr fragiles Selbst durch den Aufbau eines Größenselbst zu stabilisieren. Dies ist nicht offensichtlich, sondern wird vielmehr unter der Oberfläche des Erzählten sichtbar. Ebenso ist die Hauptfigur mit Verhaltensmerkmalen und Eigenschaften ausgestattet, die wenn sie auch phantastisch sein mögen, auf psychologischer Ebene plausibel erscheinen.

Laut Frizen dürfte es Grenouilles genetische Veranlagung - wie die Mutter so der Sohn - sein, die schon am Tag seiner Geburt seinen Charakter festlegt und ihn später dazu befähigt, zum Massenmörder von 26 jungfräulichen Mädchen zu werden:

„Da wird im Jahre 1738 ein Monstrum geboren, - nein nicht geboren, sondern wörtlich aus dem Mutterbauch in die Welt geworfen, abgenabelt nämlich auf dem Fischmarkt und nahe dem Friedhof in einem Gebrodel von verwesenden Fisch, Blut und Kot, und von der nicht minder monströsen Mutter für tot liegengelassen.“[3]

Auch wenn Grenouilles Wesen mit seiner Geburtsstunde besiegelt scheint, bettet Süskind seinen Protagonisten in ein Netz einer nachvollziehbaren psychologischenSymbolik.

2. Geburt und Kindheit – Unbewußte Prägung

Anhand der Szenen mit der Mutter verdeutlicht Süskind gleich zu Anfang das Motiv der Ablehnung, das die Kindheit des Protagonisten prägen soll. Die Mutter will nur „daß der Schmerz aufhöre“ und „die eklige Geburt so rasch als möglich hinter sich bringen“ (7f.)[4] und das „Ding“ (8), so wie ihre vier Halbtot- und Totgeburten zuvor, mit dem Fischgekröse verschwinden lassen. In dem Glauben das Kind sei tot, wendet sie sich von ihm ab und gibt dem Neugeborenen nicht einmal die Chance als Lebewesen, das es von totem Fischabfall trennen würde, erkannt und anerkannt zu werden.

Ein Neugeborenes reagiert, nach Freud, aus seinem Paradies im Bauch der Mutter plötzlich vertrieben, darauf mit Angst und Wut. Diese Angst ensteht aus dem Gefühl, aus einem wohligen Zustand der Sicherheit und Geborgenheit, in der die Bedürfnisse vollständig und sofort befriedigt werden, herausgerissen zu sein und in eine völlig unbekannte neue Welt einzutauchen. Gemildert wird diese panische Angst, wenn die Mutter das Kleine liebevoll an sich nimmt. Durch sie gewinnt das Neugeborene eine Ahnung, dass das Gute ihm auch von außen zur Verfügung stehen kann. Eine so funktionierende symbiotische Beziehung schafft im Kind ein Urvertauen.[5]

Da Grenouilles erste Erfahrungen die der Ablehnung, der Gleichgültigkeit und der mangelnden Fürsorge sind, ist es nachvollziehbar, daß der Schrei, mit dem er auf sich aufmerksam macht, „kein instinktiver Schrei nach Mitleid und Liebe“, sondern ein Schrei der Entscheidung „gegen die Liebe und dennoch für das Leben“(28) ist.

Neben dem Fehlen der warmherzigen Mutter ist der familiäre Kontext des Protagonisten auch durch eine Abwesenheit des biologischen Vaters gekennzeichnet. Dieser wird im gesamten Roman nicht erwähnt. Pater Terrier, der eine potentielle Vaterfigur darstellen könnte, gibt sich nur kurz derartigen Gefühlen hin, die er darauf aber sofort verwirft:

„Zerstoben das sentimentale Idyll von Vater und Sohn und duftender Mutter. Wie weggerissen der gemütlich umhüllende Gedankenschleier, den er sich um das Kind und sich selbst zurechtphantasiert hatte [...] (23)

Die Funktion des Vaters, der nach psychoanalytischer Theoriebildung das familiäre Dreieck vervollständigt, besteht darin, das Kind aus der Symbiose mit der Mutter zu treiben und die Ich-Grenzen[6] und –Strukturen in ihm zu errichten, die es zur Realitätsbewältigung braucht. Auf eine fehlende Realitätsbewältigung der Hauptfigur kommt der Roman ausgiebig zurück.

Die ersten Lebensjahre des Protagonisten sind geprägt durch rasch wechselnde, instabile Sozialbeziehungen, die auf mangelnder Liebe beruhen. Süskind gestattet der Hauptfigur keine Bezugsperson, die nur annähernd die symbiotische Funktion einer Mutterrolle übernehmen könnte.Der Autor unterstützt dieses Argument insoweit, dass er Pater Terrier, in dessen Obhut Grenouille gerät, folgende Worte zu einer Amme sagen läßt:

[...] Andererseits ist es nicht gut ein Kind so herumzuschubsen. Wer weiß, ob es mit anderer Milch so gut gedeiht wie mit deiner. Es ist den Duft deiner Brust gewöhnt, musst du wissen, und den Schlag deines Herzens.“ (13)

So wird Grenouille von Amme zu Amme gereicht, die ihn unter ökonomisch rentablen Gesichtspunkten als Einkommensquelle und nicht als Mensch beurteilen.

Nach Freudscher Theorie bietet ein derartiger Mechanismus einen Erklärungsansatz für die Entwicklung einer ungesunden Persönlichkeit. So geht Freud davon aus, daß bei einem Menschen, der in seiner frühen Lebenszeit die Liebe seiner Mutter völlig entbehren muß, selbst wenn er korrekt gefüttert, gepflegt, gewaschen und versorgt wird, seelische Entwicklungsdefizite verbleiben, die zu Psychosen, Wahnvorstellungen und Halluzinationen führen können.[7]

Über die Unersättlichkeit des Säuglings Grenouille beschwert sich eine Amme bei Pater Terrier. Grenouille sei nur so wohlgenährt "weil er sich an mir vollgefressen hat. Weil er mich leergepumt hat bis auf die Knochen" beschreibt die Amme.[8]

Die Unersättlichkeit eines Säuglings beim Stillen bezeichnet Freud als gierige Aktivität unter dem relativ begrenzten Aspekt der Sauglust.[9] 1915 führte er dann den Ausdruck Einverleibung ein, um den Wunsch des Kindes in der Beziehung zum Mutterbild zu charakterisieren. Die Einverleibung stellt ein Triebziel dar, welches die sogenannte gierige Phase kennzeichnet und mit der Nahrungsaufnahme in der oralen Phase verbunden ist. Die kannibalistische Einverleibung beinhaltet drei Funktionen: sich Lust verschaffen, indem man ein Objekt in sich eindringen lässt; dieses Objekt zerstören; sich die Qualitäten des Objektes aneignen, indem man es in sich aufbewahrt. Die orale Phase hat für das spätere Leben seine Bedeutung, indem das Kind die Oralität als Modell für jede Einverleibung lernt.

Eng verknüpft scheint diese Einverleibung im Zusammenhang mit dem Namen Grenouille (Kröte) auch anhand der alchemistischen Theorie.[10]

Die sonderbare Symbolik liegt in der alchemistischen Allegorie einer Kröte, die einer Frau auf den Busen gesetzt wird, wobei der Text eines Kupferstiches (1618) erklärt: "Setz dem Weib die Kröte auff die Brust, daß sie sauge, und das Weib sterbe, so wirt die Kröte von Milch sehr groß."

Diese befremdliche Darstellung hängt mit der Beschreibung eines (pseudo)chemischen Prozesses zusammen, bei dem die auf dem Weg zum Stein des Weisen begriffene Urmaterie mit "Jungfrauen milch" (philosophischer Milch, Milch des Mondes) durchtränkt werden muss, um sie zu "nähren". Das "Kind", das heranreifen soll, wird durch seine Mutter gesäugt, die dabei ihr Leben lässt.[11]

Im Roman spiegelt sich besonders eine olfaktorische Einverleibung wider. Die regressive Verschmelzung, die der Geruchssinn ermöglicht, wird eindrücklich in Szene gesetzt, wo Grenouille mit den Dingen, die er einatmet, eins zu werden scheint:

[...]


[1] Süskind, Patrick: Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders. Zürich: 1985

[2] Vgl. Matzkowski: Erläuterungen zu Patrick Süskind. Das Parfum, S. 16.

[3] Werner Frizen: Das gute Buch für Jedermann oder Verus Prometheus. Patrick Süskinds Roman Das Parfum, in Deutsche Vierteljahresschrift. 68, 1994; S. 759.

[4] Seitenzahlen im Text verweisen auf: Patrick Süskind, Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders. Zürich: 1985

[5] Vergl. Freud: Abriß der Psychoanalyse. Einführende Darstellungen. Frankfurt a. Main: 1994

[6] Das Ich hat die Aufgabe zwischen dem Es (Das Ererbte, Das konstitutionell Festgelegte, Die Triebe) und der Außenwelt zu vermitteln. Es wird hauptsächlich durch das selbst Erlebte, das Akzidentielle und Aktuelle bestimmt. (vergl. Freud, Abriß der Psychoanalyse, Kap. 1, S.42)

[7] Vgl. Freud: Abriß der Psychonalyse.

[8] Vgl. Das Parfum, S. 11

[9] Vgl. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 1905

[10] Ich beziehe mich auf die alchemistische Symbolik, da die Beschäftigung mit der Alchemie und der Psychoanalyse, z. B. bei C. G. Jung, in Zusammenhang stehen können.

[11] Vgl. Knaurs Lexikon der Symbole, S. 256

Details

Seiten
17
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638310345
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v29555
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
sehr gut
Schlagworte
Symbolik Hauptfigur Verbindung Theoriebildung Patrick Süskinds Roman Parfum

Autor

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Titel: Die Symbolik der Hauptfigur in Verbindung mit der psychologisch-psychoanalytischen Theoriebildung in Patrick Süskinds Roman "Das Parfum"