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"Mehr-Personen-Gespräche" über den "Etwas-ins-Bier-schütten-Scherz"

Eine empirische und theoretische Untersuchung von Phrasenkomposita des Deutschen

Masterarbeit 2015 100 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Präliminarien zum Untersuchungsgegenstand
1 Komposition: Kreativität und Restriktionen
2 Die Phrasenkomposition - ein Subtyp
2.1 Im Anfang war - die Phrase? Zum Status des Erstglieds
2.1.1 Extrahierbarkeit
2.1.2 Prosodie: Identisches Akzentmuster
2.1.3 Anaphorische Referenz auf Erstgliedelemente?
2.1.4 Syntaktische Abhängigkeitsrelationen
2.1.5 Die Erstgliedphrasenbedingung (EPB)
2.2 Rechtsköpfigkeit
2.3 Phrasenkomposita als Determinativkomposita
2.4 Binäre Strukur
2.5 Abgrenzung gegen andere Typen phrasaler Wortbildung
3 Rezeption und Forschungslage
3.1 Ein Randphänomen?
3.2 „Gar nicht so töricht, wie sie gewöhnlich aufgefaßt werden“
3.2.1 Die Vorläufer
3.2.2 Behandlung in der modernen Theoriebildung
3.3 Eine sprachübergreifende Betrachtung
3.3.1 ,Angst vor Eis mit Schlagsahne‘: Phrasenkomposita im Niederländi­schen und Afrikaans
3.3.2 Phrasenkomposita in den romanischen Sprachen?
4 Zwischenfazit

III Empirischer Teil
5 Kritik an bisherigen Korpusstudien
6 Eine explorative Korpusstudie
6.1 Methodisches
6.1.1 Wahl des Korpus
6.1.2 Formulierung der Suchanfrage
6.2 Bearbeitung der Rohdaten
6.2.1 Die EPB in der Praxis: Anmerkungen zu exkludierten Tokens
6.2.2 Annotation
6.3 Ergebnisse und Diskussion
6.3.1 Anzahl genuiner Phrasenkomposita
6.3.2 Verteilung nach Phrasentypen im Erstglied
6.3.3 Lexikalisierte Erstglieder und Zitate
6.3.4 Zwischen fast food und bad boys: Bilinguale Bildungen
6.3.5 ,Kopfsache‘: Zum Status der Zweitglieder
7 Zweites Zwischenfazit

IV Theoretischer Teil
8 Lineare Modelle: Erst Morphologie, dann Syntax
8.1 Zitatanalyse (Wiese 1996)
8.2 Konversionsanalyse (Gallmann 1990)
9 Syntaktische Modelle: Unifikation
9.1 Lieber (1988, 1992)
9.2 Sato (2008), Harley (2009)
10 Gemischte Modelle: Interaktion
10.1 Lawrenz (2006)
10.2 Ackema & Neelemann (2004), Meibauer (2007)
11 Drittes Zwischenfazit und Ausblick

V Zusammenfassung

Einleitung

Lassen sich Phrasen bzw. ganze Sätze in Wortstrukturen einbetten? Intuitiv betrachtet würde man eine solche Frage wohl verneinen oder zumindest wesentliche Einschränkungen erwarten. Dies geschieht nicht ohne Grund, denn in einem traditionellen Grammatikmodell werden beide Ebe­nen, Wort- und Satzstruktur, für gewöhnlich strikt voneinander abgegrenzt. Als ein Sonderfall im Bereich der Wortbildung qua Komposition scheinen Phrasenkomposita diese Unterscheidung in Frage zu stellen: Ihre Erstkonstituente lässt sich in der Terminologie der generativen Grammatik als Phrase beschreiben, wohingegen der Kopf der Zusammensetzung eine lexikalische Kategorie darstellt, wie die folgenden Beispiele illustrieren (entnommen aus Wiese 1996:184):

(1) a. die Wer-war-das-Frage
b. der Zwischen-den-Zeilen-Widerstand
c. der Von-Albert-geküsst-worden-zu-sein-Alptraum
d. die Ein-Kerl-wie-ich-Visagen

Die Daten in (1) lassen den Schluss zu, dass neben der Bildung rein lexikalischer Zusammenset­zungen die Möglichkeit besteht, das Erstglied in Komposita durch eine Phrase unterschiedlicher syntaktischer Kategorie zu realisieren. (1-a) macht beispielsweise Gebrauch von einer CP mit Fragepronomina in der Vorderkonstituente, wohingegen in (1-b) die Erstgliedposition durch eine Präpositionalphrase besetzt wird.

Die vorliegende Arbeit wirft eine morphosyntaktische Perspektive auf derartige Phrasen­komposita des Deutschen. In einer ersten Annäherung sollen in Teil II grundlegende Konzepte definiert sowie Eigenschaften von Phrasenkomposita behandelt werden. Es wird gegen eine Limi­tierung der Komposition auf den morpholexikalischen Bereich argumentiert, was sich vor allem aus der Beobachtung ergibt, dass die Erstkonstituenten in Phrasenkomposita eine Reihe genuin syntaktischer Phänomene aufweisen, die auf eine Generierung im Syntax-Modul schließen lassen. Daher lässt sich davon ausgehen, dass Produkte der Syntax im Rahmen der Komposition mit lexikalischen Einheiten kombiniert werden können. Mit einer solchen ,Öffnung‘ der Komposition gegenüber der Syntax gelingt es zudem, die Phrasenkomposition theoretisch sicher zu erfassen, anstatt sie als marginale Erscheinung betrachten zu müssen. Die im Rahmen der vorliegenden Arbeit dargelegte Erstgliedphrasenbedingung (EPB) fasst die syntaktischen Eigenschaften der Kompositionserstglieder zusammen und fungiert darüber hinaus als ein heuristisches Instrument bei der empirischen Untersuchung phrasaler Zusammensetzungen. Neben der morphosyntak- tischen Untersuchung beinhaltet Teil II sowohl Anmerkungen zur Rezeptionsgeschichte der Phrasenkomposita als auch eine knappe sprachübergreifende Betrachtung, die sich weiteren germanischen und auch romanischen Sprachen widmet.

Im dritten Teil wird eine explorativ ausgerichtete empirische Studie auf Basis des Colibri- Korpus vorgestellt. Nach einer Kritik an bisherigen korpuslinguistischen Arbeiten zum Unter­suchungsgegenstand soll eine eigene Herangehensweise vorgeschlagen werden, welche die in Teil II hergeleitete EPB bei der Durchsicht der Daten bemüht. Außerdem wird ein flexibler Abfrageterm benutzt, der den Vorteil mit sich bringt, die gewonnenen Phrasenkomposita a priori nach ihrer strukturellen Komplexität ordnen zu können. Den zentralen Teil der Studie bildet eine Untersuchung der Daten hinsichtlich der im Erstglied vorkommenden Phrasentypen. Des Weiteren soll in den Blick gefasst werden, inwiefern es sich um lexikalisierte Bildungen oder Zitate handelt. Auch die zuweilen auftretenden Mischbildungen, vor allem des Deutschen und Englischen, sowie die (semantische) Beschaffenheit der Nomina in Kopfposition sollen genauer analysiert werden.

Teil IV der Arbeit stellt verschiedene Ansätze zur theoretischen Modellierung von Phrasen­komposita unter Berücksichtigung der zuvor erhobenen Daten vor. Dabei lässt sich, je nachdem, welche Prämissen in Bezug auf die Relation zwischen Morphologie und Syntax getroffen werden, zwischen linearen, syntaktischen und gemischten Modellen differenzieren. Für jede der drei Gruppen sollen ausgewählte Ansätze skizziert und einer kritischen Bewertung unterzogen wer­den. Bei der Durchsicht der verschiedenen Analysen lässt sich erkennen, dass gemischte Modelle das Phänomen der Phrasenkomposition am adäquatesten zu erfassen vermögen; dies gerade dann, wenn man über eine morphosyntaktische Beschreibung hinausgeht und pragmatische Bedingungen mit einbezieht, was auf Basis des Grammatikmodells von Ackema und Neeleman (2004) und Meibauers pragmatischer Untersuchung (Meibauer 2007) in einem kurzen Ausblick exemplarisch aufgezeigt werden soll.

Der fünfte Teil fasst die Ergebnisse der Arbeit noch einmal in kompakter Form zusammen. Außerdem sollen noch offene Fragen angesprochen werden, an denen zukünftige Arbeiten zum Thema anknüpfen können.

II Präliminarien zum Untersuchungsgegenstand

Why is my verse so barren of new pride, So far from variation or quick change? Why with the time do I not glance aside To new-found methods and to compounds strange? (William Shakespeare zit. nach Sears 1972:33)

Komposition, Phrase, Phrasenkomposition - der nachstehende Teil orientiert sich an drei Eckpfei­lern. In Kapitel 1 soll zunächst ganz allgemein die Komposition als Wortbildungstyp vorgestellt werden. Dass man nicht nur lexikalische Einheiten miteinander kombinieren kann, sondern auch Phrasen als Bestandteile von Zusammensetzungen auftreten können, zeigt das anschließende Kapitel mit einer Beschreibung der Phrasenkomposition als markierten Subtyp. Insbesondere der Begriff Phrase ist von primärem Interesse, denn seine Auslegung bestimmt, welche Bildun­gen man als Phrasenkomposita klassifiziert. Mit den Ausführungen in Abschnitt 2.1 und der Erstgliedphrasenbedingung (EPB) wird dafür eine Liste von Unterscheidungskriterien angebo­ten. Auch wird die Phrasenkomposition gegenüber anderen Arten phrasaler Wortbildung, der Phrasenderivation und -konversion, abgegrenzt. Ein Blick auf die Rezeption und Forschungslage versucht Phrasenkomposita von den Rändern der theoretischen Betrachtung ins Zentrum zu rücken: Produktivität, Rezeptionsgeschichte und theoretische Relevanz des Phänomens lassen einen solchen Schritt zu und sollen daher in Abschnitt 3 genauer behandelt werden. Zum Schluss folgt ein Blick ,über den Tellerrand‘ des Deutschen, der aufzeigt, dass die Phrasenkomposition auch in anderen germanischen Sprachen eine produktive Wortbildungsstrategie darstellt. Zudem existieren in den romanischen Sprachen Bildungen, die als Phrasenkomposita betrachtet werden können - l’ultima parola ist diesbezüglich aber noch nicht gesprochen.

1 Komposition: Kreativität und Restriktionen

Das Phänomen Sprache ist zu einem erstaunlichen Teil als kreativer Prozess zu charakterisieren - eine Beobachtung, die dadurch bewusst wird, dass SprecherInnen einer Sprache in der Lage sind, ohne Probleme beliebig viele neue Sätze, auch komplexer Natur, zu äußern und zu verstehen (vgl. u. a. Chomsky 1965:6).[1] Gleiches scheint auf Wortebene der Fall zu sein: Mit der Komposition liegt hier ein morphologischer Prozess vor, kraft dessen auf produktive Weise neue Wörter gebildet werden können (vgl. Wunderlich 1986:226, Olsen 2000:897, Schlücker 2012:1). Er kann wie folgt definiert werden:

(2) Komposition (nach Olsen 2000:897)

It [die Komposition, HJP] denotes the combining of two free forms or stems to form a new complex word referred to as a compound.

Die miteinander verbundenen freien Formen‘ bezeichnet man gemeinhin als Erst- und Zweit­glied.2 Beide Elemente können dabei allerdings von unterschiedlicher Komplexität sein, denn die Komposition erlaubt neben Simplizia auch bereits abgeleitete Formen als Input. Dieser Punkt sei zusätzlich erwähnt, da er aus (2) nicht direkt ersichtlich wird. Kennzeichnend dafür sind die viel besprochenen ,Bandwurmkomposita‘, die sich schier endlos ausbauen lassen; Donaudampf­schifffahrtsgesellschaftskapitänsmütze kann hier als Beispiel par excellence angeführt werden (vgl. Neef 2009:386, Bsp. ebd.).

Besonders das Deutsche lässt sich aus sprachvergleichender Sicht als eine „in hohem Maße kompositionsfreudige Sprache“ (Schlücker 2012:2; vgl. dazu außerdem Neef 2009:386) beschrei­ben. Dennoch unterliegt die Komposition einer Reihe von Restriktionen, die als universell bzw. sprachübergreifend gültig angenommen werden und somit auch im Deutschen wirken:

(3) Universale Bedingungen der Komposition (nach Wunderlich 1986:240)

A. Die Komposition ist endozentrisch (hat einen Kopf).
B. Sie ist binär.
C. Sie ist iterativ.
D. Sie erfaßt und ergibt Wortstämme der Ebene II.[2] [3]
[A bis D zusammengenommen bedeutet, daß die Komposition dem Schema X0 ^ H0, Y0 folgt.]
E. Jede Sprache setzt als Parameter entweder H0 < Y0 („linksköpfig“) oder Y0 < H0 („rechtsköpfig“).
F. Y0 e {N, A, V, P}
G. H0 e {N, A}
H. Für die Interpretation muß, wenn H0 oder Y0 nicht schon selbst relational sind, eine Relation R gefunden werden, die H0 und Y0 in Beziehung zueinander setzt.

Der oben erwähnte Aspekt der Kreativität wird durch Bedingung C induziert: Dadurch, dass die Komposition ein iterativer bzw. rekursiver Prozess ist, können bereits generierte Wortprodukte erneut als Input selegiert werden, was sich in Manier einer Schleife quasi unrestringiert wie­derholen lässt. Strukturell betrachtet resultieren daraus komplexe Bäume, deren grundlegende Eigenschaft die Binarität (Bedingung B) ist. Auf diese Weise ließe sich auch das oben erwähnte Lexem Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänsmütze über die IC-Analyse (engl. immediate constituent analysis) als binär verzweigte Struktur abbilden. Dabei instantiiert das am weitesten rechts stehende Element, das sog. Zweitglied, den Kopf der Bildung.[4] Für das Deutsche wird generell die Rechtsköpfigkeit von Komposita angenommen, der Parameter also auf Y0 < H0 gesetzt (siehe Bedingung E), wobei Y0 und H0 die zulässigen Mengen an möglichen Kategorien im Erst- bzw. Zweitglied bezeichnen. Laut Wunderlich (1986:240) werden in der Vorderkon­stituente Nomina, Adjektive, Verben und Präpositionen lizenziert, wohingegen im Letztglied lediglich Nomina und Adjektive möglich seien, wie in (3) illustriert.

2 Die Phrasenkomposition - ein Subtyp

2.1 Im Anfang war - die Phrase? Zum Status des Erstglieds

Phrasenkomposita, verstanden als eine Subklasse von Zusammensetzungen, verhalten sich nun insofern besonders, als dass das Erstglied hier keine lexikalische, sondern eine phrasale Kategorie darstellt (vgl. Lieber 1988:206, Olsen 2000:900, Lawrenz 2006:7, Hein 2008:10). Es handelt sich um „constructions in which a phrase appears to occur within something which otherwise looks rather like a compound“ (Lieber 1992:11). Diese Phrase lässt sich zudem als eine maximale identifizieren (vgl. Lieber 1992:12).[5]

Dieses Merkmal scheint aber im Widerspruch zu dem von Wunderlich (1986:240) aufge­stellten Prinzip F und dem No Phrase Constraint, der besagt, dass syntaktische Phrasen keine Bestandteile morphologischer Strukturen sein können, zu stehen (vgl. Botha 1984:137). Au­ßerdem sollten Phrasenkomposita vor dem Hintergund der in (3) formulierten Generalisierung und dem letztgenannten Constraint sprachübergreifend gar nicht möglich sein. Da ihre Existenz aber nur schwer zu leugnen ist, bedarf es einer Modifikation der Bedingung F: Über die lexika­lischen Elemente hinaus sollte die Menge auch phrasale Kategorien enthalten, wobei sich die genaue Anzahl letzterer freilich nach dem empirisch prüfbaren Vorkommen von Phrasentypen in

der Vorderkonstituente richtet.[6] Bereits Brekle (1986:40) konstatiert entgegen der Darstellung Wunderlichs in einer fast zeitgleich erschienenen Publikation: „The first element of a compound can in principle contain words of any lexical category as well as (in the marked case) syntactic phrases such as NP, VP, Adv P, PP and S.“

Um eine Modifikation der Bedingung F in (3) zu rechtfertigen, muss nachgewiesen werden, dass es sich bei der Vorderkonstituente um eine Phrase im syntaktischen Sinne handelt. Genauer gesagt soll postuliert werden, dass die Erstgliedphrasen genuine Produkte des Syntaxmoduls sind und nicht, wie mitunter behauptet, „frozen syntactic fragments“ (Toman 1985:411) darstellen. Dies soll im Folgenden anhand einer Reihe von Beobachtungen geschehen, die illustrieren, wel­che syntaktischen Eigenschaften dem phrasalen Erstglied inhärent sind und welche Interaktionen mit der Satzdomäne in Erscheinung treten.

Zu Beginn bedarf dieser Nachweis einer Festlegung bezüglich des Phrasenbegriffes. In der Literatur zum Thema Phrasenkomposita gilt es als weitestgehend unumstritten, dass es sich bei dem Element in Erstgliedposition um eine Phrase handelt: „There is [...] no reason to as­sume that phrasal compounds are not what their name suggests: compounds with phrases in nonhead position“ (Wiese 1996:185). Doch welche Kriterien genau erfüllt sein müssen, damit man von einer Phrase in Vordergliedposition sprechen kann, wird für gewöhnlich nicht expliziert. Die meisten Autoren arbeiten stattdessen mit einem intuitiven Konzept des Begriffs Phrase aus der generativen Syntax, was aus zwei Gründen problematisch sein kann: Erstens erfordert eine empirische Herangehensweise - welche bei dem vorliegenden Untersuchungsgegenstand wünschenswert scheint - grundsätzlich die Operationalisierung der angewandten Terminologie; zweitens hängt die Bearbeitung der dadurch gewonnenen Daten entscheidend davon ab, wie ein bestimmtes Konzept verstanden wird. In Bezug auf Phrasenkomposita folgt daraus, dass Erstgliedkonstituenten nur dann schlüssig als Phrasen klassifiziert werden können, wenn man eine stringente Definition des Terminus zugrundelegt.[7] Eine solche Klärung stellt für die Korpus­untersuchung in Teil III der vorliegenden Arbeit eine conditio sine qua non dar. Sollte es sich bei den Erstgliedern von Phrasenkomposita tatsächlich um Phrasen im syntaktischen Sinne handeln, so wären a) innerhalb ebendieser auch syntaktische Eigenschaften erwartbar und würden sich b) vermutlich Interaktionen mit anderen Elementen der Satzdomäne nachweisen lassen.

2.1.1 Extrahierbarkeit

Man betrachte hinsichtlich Punkt a) zunächst eine generelle Eigenschaft von Phrasenkomposita, die sich mithilfe von Hein (2011) aufzeigen lässt: Bezüglich koordinierter NPs in Erstgliedpositi­on unterscheidet die Autorin zwei Typen, nämlich die explizite Variante mit overter Konjunktion und in Bildungen wie Milch und Kaffee-Republik (Beispiele im Folgenden aus Hein 2011:346) und eine Art implizite Koordination (z. B. in Oder-Neiße-Grenze), bei der zwischen den Kon- junkten eine semantische Relation konstituierbar sei (hier eine ‘von-bis’-Relation), indes aber keine overte Konjunktion vorliege (vgl. Hein 2011:346f.). Strikt genommen ließe sich aber im letztgenannten Beispiel nicht mehr von Koordination im engeren Sinne sprechen, da zum einen keine explizite Konjunktion zu finden ist und die angedachte semantische Relation zum anderen eine für die Koordination untypische ist. Daher ist es eher unwahrscheinlich, dass es sich bei Oder-Neiße um ein phrasales Erstglied handelt. Dies lässt sich damit begründen, dass die Erstkonstituente - wenn sie denn als Phrase zu bezeichnen wäre - als identisches Syntagma auch im Satzzusammenhang isoliert auftreten müsste. Dass dies nicht möglich ist, illustrieren die folgenden Äußerungen:

(4) a. [Oder und Neiße]NP sind zwei Flüsse.
b. *[Oder-Neiße]NP sind zwei Flüsse.

Lediglich (4-a), die NP mit Konjunktion und, ist im Satzkontext grammatisch, wohingegen die Ungrammatikalität von (4-b) Evidenz dafür liefert, dass Oder-Neiße keine Phrase darstellt. Somit lässt sich als notwendige Bedingung bei der Überprüfung des phrasalen Status der Erst­konstituente anführen, dass sie sich auch auf syntaktischer Ebene als Phrase verhalten muss. Ein Nachweis dafür kann beispielsweise über Konstituententests gewonnen werden:

(5) a. [Rund-um-die-Uhr]PP-Betreuung (DECOW2012-C06X7M: 6189795)[8]
b. [Rund um die Uhr]PP dachte Peter an Syntax.
c. Peter dachte [rund um die Uhr]PP an Syntax. (Verschiebeprobe)

Das Vorderglied des Phrasenkompositums (5-a) lässt sich isolieren und in einen syntaktischen Zusammenhang einbetten, wie in (5-b) bzw. (5-c) abgebildet. Der Nachweis des phrasalen Charakters wird nun durch die Verschiebeprobe erbracht: Die PP kann als adverbiale Bestimmung verschiedene Positionen im Satz einnehmen und ließe sich sogar streichen, ohne dass (5-c) ungrammatisch wird. Besonders anschauchlich tritt dieses Kriterium bei CP-Phrasenkomposita der Art Wir-machen-alles-besser-Fraktion (DECOW2012-C06X7M: 33496274) in Erscheinung, weil das Bestimmungsglied hier bereits eine vollständige Satzprojektion ist, die ohne Weiteres in Isolation geäußert werden kann.

2.1.2 Prosodie: Identisches Akzentmuster

Meibauer (2007:236) macht zusätzlich auf ein phonologisches Kriterium aufmerksam, welches für die oben postulierte Identität des Vorderglieds auf Wort- und Satzebene spricht:

(6) a. [Vor-ORT]pp-Tarif
b. [VORort]N-Tarif
c. Der Anbieter hat [vor ORT]PP einen neuen Anschluss installiert.

Je nachdem, wie der Akzent innerhalb der Erstkonstituente platziert wird, ergibt sich entweder ein Phrasenkompositum mit PP im Vorderglied, zu sehen in (6-a), oder ein N+N-Kompositum in (6-b), welches in seiner Bedeutung von (6-a) abweicht.9 Auffällig ist nun, dass sich das phrasale Erstglied in (6-a) hinsichtlich seiner Betonung wie eine Phrase im Satzkontext verhält; vergleiche dazu (6-c). Alsdann kann man festhalten: „[T]he virtual identity of the embedded expressions’ stress patterns to the stress patterns in isolation argues for the phrasal nature of the embedded expression“ (Wiese 1996:185). Auf ähnliche Weise formuliert auch Jun (1996:176): „A phrasal compound is a grouping of two or more stems, each of which can be prosodically and morphologically free: that is, each constituent can be used as a syntactic phrase by itself and produceable as an utterance by itself“.

2.1.3 Anaphorische Referenz auf Erstgliedelemente?

Weitere Evidenz für die These, das Erstglied in Phrasenkomposita sei nach syntaktischen Prin­zipien aufgebaut, lässt sich aus der augenscheinlich möglichen anaphorischen Referenz auf Elemente innerhalb des Vordergliedes gewinnen. Hiermit wäre man beim eingangs erwähnten Punkt b), den möglichen Interaktionen mit anderen Elementen im Bereich der Satzdomäne, angelangt. Doch scheint das Phänomen der anaphorischen Referenz nicht ganz unstrittig, was im Zuge der nachstehenden Ausführungen aufgezeigt werden soll.

DiSciullo und Williams (1987:50) konstatieren: „Pronominal reference is not allowed in words“. Daraus folgt, dass es zum einen nicht erlaubt ist, ein referentielles Pronomen in eine Wortstruktur zu integrieren, welches dann auf ein Element außerhalb des Wortes verweist (die Autoren verdeutlichen dies anhand der ungrammatischen Form *it robber, wobei das Pronomen hier auf eine Bank referieren soll); zum anderen ist es demgemäß auch nicht möglich, mit einem Pronomen von außen auf eine Komponente der Zusammensetzung, vorzugsweise das Erstglied, Bezug zu nehmen. Daher besteht Grund zur Annahme, dass Wörter autonome Entitäten oder sog. „syntaktische Inseln“ (Wunderlich 1986:218) darstellen. Ein solcher Status wird auch mit Blick auf Anaphern angenommen: „Wenn Syntax und Lexikon autonom sind und die Anaphernregel primär syntaktisch bedingt ist, dann sind Bestandteile von Wörtern für die Anaphernregel nicht zugänglich“ (Wunderlich 1986:219).

Nun existieren jedoch Fälle, bei denen diese Beschränkung augenscheinlich verletzt wird, ohne dass die Akzeptabilität der Äußerung wesentlich darunter leidet:

(7) [Nebel]ibildung, deri sich am Tag zögernd auflöst. (aus Wunderlich 1986:218)[9]

In (7) scheint eine Referenz auf das Erstglied des Kompositums Nebelbildung durch das Re­lativpronomen der durchaus möglich zu sein. Ein ähnliches Verhalten weisen auch einige Phrasenkomposita auf (vgl. Meibauer 2003:166f., Lawrenz 2006:69f., Hein 2008:43f.). Dies belegt die nachstehende Äußerung:

(8) Damals wurde die [Gotti-ist-tot]CP-Thematik in allen Zeitungen ausgebreitet, aber wir glaubten nicht daran, dass eri tot ist. (aus Meibauer 2003:167)

In (8) wird mittels des Personalpronomens er auf das Subjekt der Erstglied-CP im Lexem Gott-ist-tot-Thematik referiert. Daten wie diese lassen prima facie am Status von Komposita als anaphorische Inseln zweifeln. Würde eine solche Bezeichnung nämlich zutreffen, müsste es sich bei (8) um eine nicht-akzeptable Äußerung handeln, was anscheinend nicht der Fall ist.[10]

Wenn also Anaphern möglicherweise - und das ließe sich vor dem Hintergrund von (8) hinlänglich vertreten - Zugang zu den Bestimmungsgliedern von Phrasenkomposita haben, so könnte dies als Hinweis auf den phrasalen Charakter des Vordergliedkomplexes und syntaktische Interaktionen mit anderen Elementen auf Satzebene interpretiert werden. Zusätzliche Evidenz liefert die Betrachtung gebundener Anaphern: Wunderlich (1986:220) behauptet, dass es keine Komposita mit dem Reflexivpronomen sich im Erstglied gebe. Demzufolge seien Bildungen wie *Sich-Liebe oder *Sich-Achtung ungrammatisch und müssen durch die Formen Eigenliebe bzw. Selbstachtung ausgedrückt werden. Anders scheint die Lage bei Phrasenkomposita zu sein, wie auch schon von Lawrenz (1996:10) festgestellt:

(9) a. das Sich-über-Lydia-bei-Papa-aufreg-Gespräch
(DECOW2012-C06X7M: 3766833)
b. Peten regt sichi über Lydia bei Papa auf.
c. das „In-Frankreich-lebt-es-sich-einfacher-Geßhl“

(DECOW2012-C06X7M: 68848703)

In (9-a) tritt das Reflexivpronomen sich innerhalb der Erstkonstituente ungebunden auf - ein Verstoß gegen das von Chomsky (1981) formulierte Prinzip A der Bindungstheorie. Dagegen wird das Pronomen in (9-b) durch den Antezedens Peter syntaktisch gebunden. Es stellt sich die Frage, wieso die Struktur in (9-a) grammatisch ist, obwohl es an konkreter Bindung mangelt. Zum einen ließe sich argumentieren, dass die Grammatikalität der Struktur in (9-a) von der infinitivischen VP im Erstglied herrührt. Wie zu erkennen ist, beinhaltet die VP noch kein Subjekt, denn dieses wird, geht man von einem Aufbau nach den Regeln der Syntax aus, erst in einem späteren Derivationsschritt hinzugefügt.[11] Somit steht noch kein potentieller Antezedens zur Verfügung. Zum anderen könnte man annehmen, dass das Reflexivpronomen sich durch eine leere Kategorie PRO gebunden wird, die optional auch phonologisch in Erscheinung treten kann; analog zu (9-c), wo das Reflexivum durch ein expletives es syntaktisch gebunden wird.

Letztlich darf sowohl für (8) als auch (9) nicht außer Acht gelassen werden, dass die Mög­lichkeit eines pragmatischen Schlussprozesses bzw. einer Implikatur bestehen könnte: In Er­mangelung eines passenden Antezedenten wird in (8) als letzter Ausweg die Referenz auf ein geeignetes Element innerhalb der Wortstruktur konstituiert, was besonders naheliegend scheint, da der zweite Teilsatz syntaktisch analoge Elemente enthält (Gott/er, ist, tot) (vgl. Wunderlich 1986:219, Meibauer 2003:167). Wunderlich (1986:225) spricht diesbezüglich von „pragmatisch zu erklärende[n] Freiheiten“. In ähnlicher Form greift auch für (9-a) und (9-c) eine rein syntakti­sche Erklärung zu kurz: Beispielsweise kann das Verb sich aufregen als ein inhärent reflexives verstanden werden, welches sich semantisch intransitiv, syntaktisch jedoch transitiv verhält, wo­bei das Reflexivum ein inaktives, in gewisser Weise ,eingefrorenes‘ Argument darstellt, dessen Status es erlaubt, das Bindungsprinzip A auszuhebeln (vgl. Büring 2005:22f.).

Aufgrund der vorigen Beobachtungen lässt sich der Bezug auf Erstgliedelemente nur mit Vorbehalt als Argument für den phrasalen Charakter des Vordergliedes ins Feld führen. Eine ausführliche Besprechung der potentiellen anaphorischen Referenz auf Erstgliedelemente durch Pronomina und andere Mittel bedarf zweifelsohne der Hinzunahme semantischer und pragmati­scher Erklärungsansätze, was weit über die hier angestrebte morphosyntaktische Beschreibung hinausgehen würde.

2.1.4 Syntaktische Abhängigkeitsrelationen

Im Gegensatz zu dem eher vagen Kriterium der anaphorischen Referenz deuten syntaktische Abhängigkeitsrelationen, in erster Linie Kongruenzphänomene, unzweifelhaft auf einen Status der Vorderkonstituente als Phrase und damit als Produkt der Syntax hin. Solche Phänomene stellen die Generalisierung, dass innerhalb von Erstgliedern in Komposita keine Flexion auf­tritt, in Frage (vgl. Toman 1985:425, Lawrenz 1996:9, Lawrenz 2006:29, Schlücker 2012:9). Tatsächlich macht Lawrenz (1995:39ff.) bzw. Lawrenz (2006:27, 29ff.) auf Phrasenkomposita mit Nominalphrasen (NPs) im Erstglied aufmerksam, bei denen Kongruenz hinsichtlich Kasus, Numerus und Genus zu erkennen ist.

Numeruskongruenz Zuerst sei auf die Numeruskongruenz eingegangen, denn sie sticht be­sonders bei NPs mit Numeralia und Quantoren im Vorderglied hervor:[12] [13]

Wie (10-a) verdeutlicht, kongruieren Numerale und Kopfnomen innerhalb der Erstglied-NP miteinander. Daher ließe sich hier eine Phrase in Position des Bestimmungsgliedes ansetzen. Dagegen scheint diese Relation in (10-b) nicht gegeben, da das Numerale in diesem Fall einen Plural fordert, der jedoch am Kopfnomen Bett nicht markiert wird. Aufgrund dessen lässt sich behaupten, dass es sich bei (10-b) nicht um ein genuines Phrasenkompositum handelt. (10-c) zeigt, dass bei genuinen Phrasenkomposita auch dann Numeruskongruenz zu beobachten ist, wenn der Modifikator innerhalb der NP durch einen Quantor instantiiert wird. Geht man von einer Phrase, genauer gesagt einer NP, im Bestimmungsglied der Bildungen in (10-a) und (10-c) aus, so lässt sich die folgende Struktur ansetzen:

(11) Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Konfiguration in (11) zeigt die eingebettete phrasale NP inklusive der dort lokal auftre­tenden Kongruenzrelation.[14] Alternativ ließe sich die Struktur [[Numerale-N]N-N] postulieren, um die Daten in (10) zu erfassen (vgl. Lawrenz 2006:28). Hier wird die Vorderkonstituente als lexikalische Kategorie behandelt, welche sich aus einem Numerale und einem Substantiv zusammensetzt. Denselben Ansatz zieht auch Wunderlich (1986:241) in Betracht. Dass diese Konfiguration nicht unproblematisch ist, wird durch einen Rekurs auf die Definition der Kompo­sition (siehe Kap. 1) evident. Wie bereits betont wurde, werden bei der Zusammensetzung zwei freie Formen‘ miteinander verknüpft, was impliziert, dass beide Komponenten auch außerhalb der generierten Struktur separat auftreten können; Erst- und Zweitglied des Lexems Haustür existieren in diesem Sinne auch für sich gesehen als Substantive. Dies scheint für das Erstglied in [[Numerale-N]N-N] nicht durchweg haltbar zu sein, es sei denn, man nimmt Lexeme wie Zweibett der Kategorie N an. Da ein solches Vorgehen aber unintuitiv ist, soll im Folgenden an (11) festgehalten werden, wohl gewahr, dass es Formen wie (10-b) gibt, die dem Phrasenschema zuwiderlaufen und deshalb auf anderem Wege zu erklären sind (z. B. Schwund des Phrasenstatus mit zunehmender Lexikalisierung).[15]

Adjektiv-Nomen-Kongruenz im Vorderglied Als zweites Beispiel zu Kongruenzphänome­nen soll die Strukur [A N]np im Erstglied beleuchtet werden. Hinsichtlich der Modifikation von Nomen mittels attributiver Adjektive unterscheidet Lawrenz (1995:39) drei verschiedene Flexionsverhalten (Beispiele ebd.):

(12) a. das Kalter-Krieg-Spektakel (A flektiert stark)
b. die Brave-Kind-Haltung (A flektiert schwach)
c. Heilig-0-Land-Pilger (A tritt unflektiert auf)

Die Bildung in (12-a) exemplifiziert eine starke Flexion des Adjektivs, bei der die grammatisch relevanten Merkmale (Kasus, Numerus) des unmittelbar modifizierten Nomens realisiert werden. Dagegen weist das Adjektiv in (12-b) eine schwache Flexionsendung auf, die zunächst gegen den phrasalen Charakter des Vordergliedes spricht, denn in der dargestellten Form ließe sich letzteres nicht ohne Weiteres extrahieren und in einen syntaktischen Kontext integrieren. Außerdem scheint sich das Adjektiv, wenn es wie in (12-b) schwach flektiert, entgegen der semantischen Struktur morphosyntaktisch eher auf den Kopf des Gesamtkomplexes zu beziehen (vgl. Lawrenz 1995:39). Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass mit Kind-Haltung schon ein mögliches N+N-Kompositum vorliegt, welches als Gesamtkomplex qua A+N-Komposition mit dem Adjek­tiv brav verknüpft wird. Letzteres kongruiert daher mit dem Kopf, wobei semantisch betrachtet eine Resolution stattfindet, die das Vorderglied Kind als Bezug identifiziert. In (12-c) weist das Adjektiv keinerlei Flexionsendung auf. Hier bleibt zu klären, welche Faktoren den Schwund des Suffix verursachen, denn in Lawrenz (1995) und Lawrenz (2006:29-33) finden sich außer der Nennung des Flexionsphänomens keine weiteren Erklärungsansätze. Für solche Fälle sind vermutlich Konkurrenzbildungen (z. B. heiliges Land vs. Heilig-Land) nicht auszuschließen (vgl. Meibauer 2003:158).

Für die Bestimmung von Phrasenkomposita lässt sich aus der obigen Darstellung folgern, dass nur Bildungen des Typs (12-a) als genuine Produkte der Phrasenkomposition betrachtet werden können (vgl. Meibauer 2003:157). Für sie kann man nämlich die nachstehende Konfiguration ansetzen:

(13) Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie anhand des Phrasenkompositionsschemas in (13) ersichtlich wird, ist die Adjektiv-Nomen­Sequenz im Bestimmungsglied syntaktisch als eine Konstituente zu verstehen, was sich für (12-b) und (12-c) nicht behaupten lässt. Letztere stellen somit auch keine Phrasenkomposita dar, sondern sollten mittels anderer, zusätzlich angesetzter Wortbildungsverfahren formbar sein, weil hier wahrscheinlich Anforderungen der Wortstruktur den Status des Erstglieds als Phrase beeinträchtigen.

Kasusrealisierung Einen dritten genuin syntaktischen Prozess stellt die Zuweisung von Kasus dar. Hier lassen sich zwei Ausprägungen in Bezug auf Phrasenkomposita differenzieren:

(14) a. Mit Hilfe der Finiten-Elemente-Methode (DECOW2012-C06X7M: 29383825) b. nach § 27 Absatz 1 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (DECOW2012-C06X7M: 68919245)

Die Präposition mit Hilfe in (14-a) regiert den Genitiv, was eine dementsprechende Markierung der nachfolgenden Nominalphrase mit sich zieht. Für gewöhnlich flektiert das Erstglied in einem Kompositum nicht hinsichtlich der Rektionsbedingungen der vorausgehenden Präposition, was das Syntagma mit Hilfe der Schlagmethode (vs. mit Hilfe der *Schlag-s-methode) verdeutlicht. Nun kann aber in einer phrasalen Zusammensetzung neben dem Kopf des Gesamtkomplexes - in (14-a) Methode - auch das Adjektiv finit innerhalb der Erstglied-NP eine Kasusmarkierung aufweisen.[16] Daraus lässt sich schließen, dass der Genitiv hier nicht nur an den Kopf des Kom­positums perkoliert, sondern auch auf die Erstgliedphrase übertragen wird. Lawrenz (2006:34) analysiert Daten, bei denen nur das phraseninterne Adjektiv der Bildung eine Kasusmarkierung aufweist, nicht aber der Kopf der Vorderglied-NP. Dahingegen ließe sich für (14-a) von einer beidseitigen Genitivmarkierung ausgehen, wenn man die Erstgliedphrase in Isolation von der Präposition regiert betrachtet: mit Hilfe der finiten Elemente. Jedoch ist aufgrund von Formenzu­sammenfällen im Paradigma des Substantivs Element Lawrenz’ Annahme nicht ganz von der Hand zu weisen, denn neben einer Genitivmarkierung des Kopfnomens Elemente ist auch der Nominativ Plural denkbar.

Trotz der nicht vollständig klärbaren Kasusrealisierung innerhalb der Erstglied-NP in (14-a) exemplifiziert das bloße Vorkommen einer Genitivmarkierung am Adjektiv - gegebenenfalls auch am Kopfnomen - die Sensitivität der phrasalen Vorderkonstituente für den syntaktischen Mechanismus der Kasuszuweisung. Damit lässt sich erneut Evidenz für die These festhalten, das Erstglied sei durch die Syntax generiert worden.

Im Gegensatz zu (14-a) kann (14-b) als prototypisch angesehen werden: Die Vorderglied- NP steht im Nominativ, dem „unmarkierten Kasus des Deutschen“ (Lawrenz 2006:33), sodass man von einer Indifferenz hinsichtlich des äußeren, durch die Präposition determinierten Kasus sprechen kann. Für Lawrenz (2006:35f.) stellen lediglich Bildungen wie (14-b) echte Phrasen­komposita dar, wohingegen (14-a) in ihrem Ansatz ein anderes Wortbildungsschema fordere. Genauer gesagt nimmt die Autorin an, dass SprecherInnen bei der Flexion von Phrasenkomposita der Art (14-a) eine rein phrasale Struktur, d. h. kein Kompositionsschema, zugrundelegen. Sie schlägt hier die Konfiguration [Det [AP [N N]n]np] vor (vgl. Lawrenz 2006:35f.). In diesem Fall liege „eine Divergenz zwischen der morphosyntaktischen phrasalen Realisierung und der orthographischen, semantisch motivierten Realisierung als Phrasenkompositum vor“ (Lawrenz 2006:36). Appliziert man eine solche Struktur auf (14-a) so ergibt sich ein semantischer Wider­spruch, der nur dann gelöst werden kann, wenn man eine zusätzliche Reanalyse annimmt: Die Kombination N+N wäre nämlich durch Elemente-Methode instantiiert, sodass AP eher den Kopf des Kompositums modifiziert als das Erstglied Elemente. Zudem wäre mit Lawrenz’ Annahme der vorschnellen und sicherlich dem Untersuchungsgegenstand nicht gerecht werdenden Be­hauptung, die Orthographie verwische hier die Grenzen zwischen Wort- und Phrasenstruktur, Tür und Tor geöffnet. Solange die Kasusmarkierung des Adjektivs in (14-a) nicht hinlänglich geklärt werden kann, sollen derartige Bildungen in der vorliegenden Arbeit zu den genuinen Phrasenkomposita gezählt werden.

Zuweisung von Ö-Rollen Ein weiteres Phänomen, welches es nahelegt, bei Phrasenkomposita eine Erstgliedphrase im syntaktischen Sinne anzusetzen, besteht in der Zuweisung von Ö-Rollen. Diese kann freilich nur bei komplexeren, satzartigen Bildungen nachgewiesen werden, wobei CPs den Trivialfall darstellen, bei dem man per definitionem davon ausgehen muss, dass alle thematische Rollen vergeben sind. Deshalb soll im Folgenden kursorisch auf die phrasale Kategorie VP im Erstglied eingegangen werden, für die noch kein Satzstatus anzunehmen ist, da sie sich am unteren Ende der verbalen Projektionslinie befindet. Sie tritt innerhalb der nachstehenden Bildung auf:

(15) Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Selektionsbedingungen des zweistelligen Verbs schmieren in (15) werden durch die Argu­mente Schuhpolitur (NP) und aufs Okular des Teleskops (PP) saturiert. Man kann vermuten, dass dies bereits innerhalb der VP-Struktur geschieht. Dabei erhält die PP die thematische Role Goal, wohingegen die NP als Theme fungiert. Doch tritt bei VPs in Erstgliedposition ein Phä­nomen auf, welches eingehender Diskussion bedarf: Es wäre zu erwarten, dass schmieren in (15) auch ein Argument fordert, das als Agens dienen kann. Eine dafür prädestinierte Subjekt-NP scheint aber in (15) nicht vorhanden zu sein, sodass ein passender Kandidat für diese Rolle aus dem Kontext erschlossen werden muss (vgl. Lawrenz 2006:145). Entweder liegt hier ein solches diskurssemantisches Phänomen vor, welches durch die syntaktische Forderung nach einem Subjekt induziert wird oder die syntaktische Struktur erlaubt einen a priori-Zugriff auf ein antezedierendes Element, das als Subjekt fungieren kann. In (15) käme dafür das Pronomen er im Matrixsatz in Frage. Steht keine Einbettungsstruktur zur Verfügung, die einen Zugriff erlaubt, so wäre freilich der zuerst genannte, diskurssemantische Weg gangbar.

Interessant ist die Beobachtung, dass die VP in der Vorderkonstituente des Kompositums in Anbetracht des soeben geschilderten Falles syntaktisch sensitiv für den Satzkontext bzw. Diskurs zu sein scheint, da andernfalls keine maximale Projektionsstufe erreicht werden kann; die VP in

Beispiel (15) wäre nur eine intermediäre Struktur. Damit lässt sich möglicherweise die These untermauern, die Vordergliedphrase sei ein genuines Produkt der Syntax. Zudem legt der Satz (15) nahe, den Inselstatus von Wörtern (siehe Abschnitt 2.1.3) gegebenenfalls abzumildern, denn eine syntaktische Analyse der Äußerung könnte vom Mechnismus der Kontrolle mittels PRO Gebrauch machen, wie er für Infinitivsätze angesetzt wird. Dieser Prozess, der eine Refe­renzbeziehung zwischen der Subjekt-NP von erkennen, ergo er, und dem im Vorderglied des Phrasenkompositums befindlichen PRO-Element herstellen könnte, würde darüber hinaus nicht mit einer ,äußeren‘ Kontrollrelation konfligieren, da keine Infinitivkonstruktion vorliegt bzw. die Kopulastruktur X ist witzig kein Agens fordert.

2.1.5 Die Erstgliedphrasenbedingung (EPB)

Fasst man die Ergebnisse des vorigen Kapitels zusammen, so ergibt sich ein recht klares Bild: Es ist davon auszugehen, dass in genuinen Phrasenkomposita die Erstglieder durch Syntagmen instantiiert werden, welche aufgrund interner syntaktischer Phänomene und Interaktionen mit syntaktischen Prozessen im Bereich der Satzdomäne als Phrasen und somit als Output der Syntax zu verstehen sind. Damit ließe sich eine Modifikation der Kompositionsbedingungen in (3) rechtfertigen, da empirisch untermauert werden kann, dass die Menge potentieller Erstglieder nicht nur lexikalische, sondern auch phrasale Kategorien umfasst.

Zudem helfen die Beobachtungen des vorangegangenen Abschnitts, genuine Phrasenkompo­sita von verwandten Bildungen zu differenzieren, wie es an einigen Stellen bereits durchgeführt wurde. Damit dieses Vorgehen auch bei der Durchsicht größerer Datenmengen im empirischen Teil der vorliegenden Arbeit beibehalten werden kann, bietet sich eine Zusammenstellung der re­levanten Kriterien an, die erfüllt sein müssen, damit für das Vorderglied der Status als Phrase bzw. für den Gesamtkomplex die Bezeichnung Phrasenkompositum zutrifft. Diese Zusammenstellung soll unter dem Begriff Erstgliedphrasenbedingung (EPB) angewandt werden:

Erstgliedphrasenbedingung (EPB)

In einem Phrasenkompositum N ist das Erstglied als Phrase XP zu klassifizieren, wenn

a) XP nicht als Kopf von N fungiert, d. h. nicht zum Flexionsverhalten von N gemäß der Right Hand Head Rule (siehe Kap. 2.2) beisteuert
b) XP auch auf syntaktischer Ebene außerhalb N den vollen Status einer Phrase besitzt, d. h. als „non­minimum free form“ (Bloomfield in Lewandowski 1975:495) angesehen werden kann (u. a. prüfbar durch Extraktion von XP und Konstituententests)
c) XP in N die identischen Akzentverhältnisse aufweist wie XP auf syntaktischer Ebene außerhalb N
d) im Satzkontext auf ein Element innerhalb von XP durch eine pronominale Anapher referiert werden kann (für Vorbehalte siehe Kap. 2.1.3)
e) innerhalb XP in N syntaktische Abhängigkeitsrelationen (z. B. Agreement, Kasusrektion, Zuweisung von d-Rollen) vorherrschen, die auch für XP außerhalb von N gelten

Es sei erwähnt, dass nicht alle Kriterien der EPB im gleichen Maße erfüllt sein müssen: Mit a-c) liegen essentielle Kriterien vor, die insofern als notwendig angesehen werden können, als dass sie in jedem Fall attestierbar sein müssen. Dagegen ist d) ein Aspekt, dessen Gültigkeit infolge von semantisch-pragmatischen Erklärungen (siehe Abschnitt 2.1.3) in Zweifel gezogen werden kann. Ebenso ist auch Punkt e) angreifbar: Die verkürzte Formulierung im Rahmen der EPB darf nicht über den Umstand hinwegtäuschen, dass die Vorderkonstituente in Phrasenkomposita ein heterogenes Bild bezüglich syntaktischer Abhängigkeitsrelationen aufzeigt. So existieren, wie in Kap. 2.1.4 illustriert, innerhalb der Struktur [[A N]np N ] drei verschiedene Flexionsweisen des Adjektivs, von denen nur eine, die starke Flexion, auf Phrasenkomposition hindeutet. Ob die beiden anderen Varianten (A flektiert schwach oder tritt ohne Flexion auf) kategorisch davon ausgeschlossen sind, ist plausibel, muss jedoch in Zukunft noch genauer beleuchtet werden. Auch können bei der Zuweisung von Ö-Rollen in [VP + N]N-Komposita pragmatische Aspekte hineinstreuen, da in (15) lokal kein Agens vorhanden ist. Dadurch kann ein rein syntaktischer Ansatz, der die Phänomene Flexion, Kasuszuweisung und ^-Rollen-Vergabe auf Wortebene zu sehr mit ihren Pendants auf Satzebene gleichsetzt in Schwierigkeiten geraten, denn obwohl die untersuchten syntaktischen Abhängigkeitsrelationen in Phrasenkomposita tendenziell wie auf Satzebene funktionieren, sind sie dennoch als speziell einzustufen. So lässt sich z. B. nicht aus­reichend klären, warum in einer Struktur [[A N]np N ], die wie in (14-a) durch eine Präposition regiert wird, der geforderte Genitiv vom Kopfnomen des Gesamtkomplexes hin zum Adjektiv im Vorderglied perkolieren kann. Wahrscheinlich trägt hier die Überlagerung zweier Nominal­klammern dazu bei, die außergewöhnliche Kasusmarkierung zu lizenzieren. Daher sei auch dem Kriterium e) innerhalb der EPB ein gewisser Sonderstatus eingeräumt. Nichtsdestotrotz bleibt festzuhalten, dass eventuell fragwürdige Phänomene der Kategorie e) mithilfe des Kernkriteriums b) auf den Prüfstand gestellt werden können, was letzteres zu einem sehr ,mächtigen‘ Kriterium bei der Bestimmung von Erstgliedphrasen und daher auch Phrasenkomposita macht.

Anhand der Ausführungen des vorliegenden Kapitels konnte illustriert werden, dass mit Phra­sen weitere Kategorien im Erstglied von Komposita möglich sind. Diese Phrasen unterliegen wiederum internen syntaktischen Bedingungen, die ausführlich diskutiert und in Form der EPB präzise herausgestellt worden sind. Obwohl das Merkmal der Erstgliedphrase eine separate Betrachtung von Phrasenkomposita als Unterklasse der Komposita nahelegt, gelten des Weiteren Eigenschaften, die für die Komposition generell typisch sind.

2.2 Rechtsköpfigkeit

Auch in Phrasenkomposita besitzt der Gesamtkomplex einen Kopf, der für gewöhnlich in Zweit­gliedposition lokalisiert werden kann. Damit gelten sowohl das aus der regulären Komposition bekannte Prinzip der Rechtsköpfigkeit (vgl. Lieber 1988:212, Meibauer 2003:159f.) als auch die daraus folgende Right Hand Head Rule, welche besagt, dass das Flexionsverhalten durch das Zweitglied bzw. den Kopf determiniert wird (vgl. Sternefeld 2006:7, Hein 2011:340; für eine modifizierte Variante der Regel vgl. DiSciullo und Williams 1987:26).[17] Dies kann mittels folgender Äußerungen nachgewiesen werden:

(16) a. das Im-Ohr-Gerät (Beispiel aus Lawrenz 2006:15)
b. Peter verstellt die Lautstärke des Im-Ohr-Gerätes.
c. Maria besitzt zwei Im-Ohr-Geräte.

In (16-a) expliziert der vorangestellte Artikel das inhärente Genus des Kopfnomens Gerät. Die hier bestehende Kongruenzrelation zwischen Artikel und Kopfnomen verhält sich zudem indif­ferent gegenüber dem phrasalen Erstglied der Konstruktion. (16-b) führt vor Augen, dass die Modifikation des Nomens Lautstärke durch einen postponierten Genitiv auch eine Markierung des Kompositionszweitgliedes bzw. des Kopfes verlangt. Erneut scheint das phrasale Erstglied für diese Beziehung nicht relevant zu sein. Nicht zuletzt verdeutlich (16-c), dass auch die Nume­rusmarkierung, wie in regulären Komposita, am rechts stehenden Kopf der Bildung geschieht. Somit verhalten sich Phrasenkomposita bezüglich ihrer grammatischen Eigenschaften genauso wie reguläre Komposita der in (3) dargestellten Form (vgl. Donalies 2007:7, Hein 2008:21).

2.3 Phrasenkomposita als Determinativkomposita

Bezüglich der Bedingung A in (3) ist anzumerken, dass der Terminus endozentrische Kompo­sita oftmals mit der Bezeichnung Determinativkomposita gleichgesetzt wird. Hält man daran fest, so würde (3) für das Deutsche falsche Prognosen treffen, da die Komposition hier nicht notwendigerweise endozentrisch ist. In der Tat existieren auch Possessivkomposita bzw. exo- zentrische Komposita, wie z. B. Freigeist, bei denen der Referent nicht durch den Kopf selbst denotiert wird (metonymische Interpretation), sowie Kopulativkomposita, die aus mindestens zwei gleichgeordneten Konstituenten bestehen, beispielsweise die Adjektive schwarz-rot-gold und deutsch-chinesisch (vgl. Schlücker 2012:6f., Beispiele ebd.). Interessanterweise trifft Re­striktion A aber in vollem Maße auf Phrasenkomposita zu: Wie Meibauer (2003:155) konstatiert, handelt es sich bei letzteren immer um Determinativkomposita, d. h. um solche Bildungen, bei denen das Erstglied das Zweitglied semantisch modifiziert. So ist der Zwischen-den-Zeilen- Widerstand in (1-b) vermutlich eine Art Widerstand, welcher sich von anderen Formen des Widerstands durch seine Äußerungsform - er wird nicht direkt ausgedrückt, sondern geschieht verdeckt - als differentia specifica unterscheidet. Daher kann auch hier gefolgert werden, dass die semantische Struktur der Determination in prototypischen Komposita und Zusammenset­zungen mit phrasaler Erstkonstituente identisch ist. Zudem rückt die Beobachtung, dass sich

Phrasenkomposita semantisch ausschließlich als Determinativkomposita analysieren lassen, das Phänomen weiter in Richtung prototypische Komposition, denn Determinativkomposita werden als „Normalfall der Komposita“ (Donalies in Hein 2008:17) angesehen.

2.4 Binäre Strukur

Die semantische Relation lässt sich durch eine binäre Struktur ausdrücken, in der Modifikator- und Kopfposition belegt sind - eine Konfiguration, die auch für die reguläre Komposition in (3) Gültigkeit besitzt. Zusammen mit den Anmerkungen der vorherigen Abschnitte ließe sich für Phrasenkomposita die folgende Baumstruktur postulieren:

(17) Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Konfiguration in (17) lehnt sich dabei im Wesentlichen an die Ausführungen in Meibauer (2003:155) und Lieber (1988:206) an, trifft jedoch die Vorannahme, dass der Kopf des Kom­positums immer ein nominaler ist. Trotz einiger marginaler Fälle mit adjektivischen Köpfen (vgl. Lawrenz 2006:7) lässt sich (17) für das Gros der Phrasenkomposita des Deutschen ohne Bedenken aufrechterhalten.[18] Des Weiteren indiziert das in (17) für den Mutterknoten gewählte Label N0 den lexikalischen Charakter des Gesamtkomplexes.

2.5 Abgrenzung gegen andere Typen phrasaler Wortbildung

Die Eigenschaft, einer lexikalischen Kategorie anzugehören, teilen sich Phrasenkomposita mit anderen Produkten phrasaler Wortbildung, was eine Abgrenzung notwendig macht. Man betrachte zu diesem Zweck die folgende Gegenüberstellung:

(18) a. ein Goldene-Eier-Leger (Phrasenderivation: VP + -er ^ N)
b. das Wir-machen-alles-im-Gleichschritt (Phrasenkonversion: CP ^ N)

Im Rahmen der Phrasenderivation in (18-a) werden aus Verbalphrasen, Partizipialphrasen, Ad­jektivphrasen oder Nominalphrasen mittels Suffigierung neue Nomina gebildet (vgl. Lawrenz 2006:8, Beispiele ebd.). Die zugrundeliegende Verbalphrase wird dabei mit dem Agentivsuffix -er verknüpft, woraus ein komplexes Nomen agentis entsteht. Alternativ lassen sich diese Formen mit Brogyanyi (1979:162) auch als Phrasenkomposita analysieren, wenn man davon ausgeht, dass das Zweitglied zunächst durch Affigierung zu einem Verbalsubstantiv konvertiert und erst danach mit der Bestimmungskonstituente kombiniert wird. So gesehen sind also zwei Strukturen möglich: Zum einen die in (18-a) dargestellte, zum anderen eine mehrschrittige Ableitung, wie in (19):

(19) Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Vergleich beider Ansätze wird deutlich, dass das Verfahren in (19) einen erheblichen Mehr­aufwand mit sich bringt, der im Gegensatz zu einer einfachen Nominalisierung der Verbalphrase goldene Eier legen in (18-a) als unökonomisch zu bewerten ist. Trotzdem scheint die Beob­achtung korrekt, dass in Lexemen wie (18-a) die Relation zwischen Erst- und Zweitglied als eine Argument-Prädikat-Beziehung zu verstehen ist, weil es nämlich den Anschein macht, als wenn das Zweitglied mit verbalem Status hier ein Akkusativobjekt selegiere (vgl. Brogyanyi 1979:162).[19] Ob ein solcher, genuin syntaktischer Prozess mittels (19) repräsentiert werden kann, ist fragwürdig, da man hier zunächst annehmen müsste, dass eine morphologische Operation erfolgt, bevor die Argumentselektion stattfinden kann. Letztere erscheint in (18-a) plausibler, denn bei einer Phrasenderivation wird zunächst die zugrundeliegende Phrase nach syntaktischen Prinzipien aufgebaut. Sicherlich stellt sich auch die Frage, inwieweit der verbale Status von legen nach Ableitung mit dem Agentivsuffix noch postuliert werden kann.[20] Deshalb soll in der vorliegenden Arbeit im Einklang mit Lawrenz (2006:76) für Fälle wie (18-a) von einer Phrasenderivation ausgegangen werden.

Ein interessanter Effekt zeigt sich bei vermeintlich rekursiven Bildungen, die ein Phrasen­kompositum als Input wählen: Es ist vorstellbar, eine Form wie Insassen-Rund-um-die-Uhr- Überwachung als Kompositum mit der Struktur [Ni + N2]n zu analysieren, wobei mit N2 Rund-um-die-Uhr-Überwachung ein Phrasenkompositum im Zweitglied vorliegt. Jedoch ist hier ebenso eine Phrasenderivation denkbar, bei der die VP Insassen rund um die Uhr überwachen mittels des Suffix -ung substantiviert wird. Ursache dafür ist offensichtlich das Kompositumerst- glied N1 Insassen, welches als Argument des Verbs dienen kann. Somit ist die in (3) genannte Bedingung C (Iterativität bzw. Rekursivität) für Phrasenkomposita nur mit Einschränkungen haltbar. Inwieweit nämlich Bildungen der Art ?Zeitungsautoren-Zwischen-den-Zeilen-Widerstand überhaupt akzeptabel sind, muss in Sprecherbefragungen getestet werden. Was sich hier als hinderlicher Faktor auswirken könnte, ist die semantische ,Doppeldetermination‘, denn bei­de Elemente, Zeitungsautoren und Zwischen den Zeilen, scheinen den Kopf zu modifizieren. Vor diesem Hintergrund sollte die Rekursivität, eine grundsätzliche Eigenschaft der regulären Komposition, für Phrasenkomposita gegebenenfalls zurückgenommen werden.[21]

Im Gegensatz zu der Ableitung von Phrasen liegt bei der Phrasenkonversion in (18-b) eine Umetikettierung hinsichtlich der Kategorie vor: Die CP bzw. der Satz Wir machen alles im Gleichschritt wird einem kategoriellen Wechsel vom phrasalen Syntagma hin zu einem Nomen unterzogen, was anhand des präponierten Artikels ersichtlich wird (vgl. Lawrenz 2006:9). Insgesamt sollen Phrasenderivate und Phrasenkonversionen aus den empirischen Betrachtungen (siehe Teil III) ausgeschlossen werden, denn sie stellen keine Formen dar, welche nach den Grundsätzen der Komposition generiert werden können.

3 Rezeption und Forschungslage

3.1 Ein Randphänomen?

Die Phrasenkomposition stellt laut Lawrenz (2006:7) den produktivsten Typ unter den phrasalen Wortbildungsstrategien dar, wodurch sich ein Ausschluss der Phrasenderivation und -konversion zusätzlich rechtfertigen lässt. Doch obgleich Phrasenkomposita auf produktive Weise gebildet werden können, herrscht gerade in der traditionell ausgerichteten Wortbildungstheorie die Ansicht vor, dass es sich um marginale Bildungen handele (vgl. Baché 2012:2). Diese Sichtweise ist besonders in rezenten Publikationen zum Thema angezweifelt worden (beispielsweise in Meibauer 2003:185, Meibauer 2007:235, Donalies 2007:7 und Hein 2008:7, 121ff.), denn „[s]o marginal sind Phrasenkomposita [...] offenbar nicht. Jedenfalls nicht im Sinne von abnormal, selten oder unüblich“ (Donalies 2007:7). Auch Evelyn Rößler hält schon im Jahre 1978 fest: „Gar nicht so selten, daß ein ganzer Satz zu einem Wort tritt und es [...] bestimmt, ohne daß er als selbstständiges Wort existiert“ (Rößler in Hein 2008:13).

Um die Frage klären zu können, ob es sich bei dem Phänomen der Phrasenkomposition um ein randständiges handelt, bedarf es zunächst einer Festlegung hinsichtlich des Begriffs Margi­nalità mit Blick auf morphologische Strukturen. Meibauer (2007:234) schlägt diesbezüglich die nachstehenden Bedingungen vor:

(20) Marginal word formation

A certain type of word formation (possibly) is marginal,

- if it transgresses the boundaries of modules,
- is evaluative or expressive,
- and lacks productivity.

Die Anmerkungen in Kapitel 2.1 haben ergeben, dass hinsichtlich des ersten Punktes in (20) wenig Zweifel bestehen dürfte: Phrasenkomposita, so die These, verfügen über ein Erstglied, welches eine Reihe syntaktischer Phänomene aufweist, die einen Phrasenstatus erhärten. Jedoch bleibt zu klären, wie sich das Überschreiten von modularen Grenzen charakterisieren lässt (vgl. Meibauer 2007:234). Dies hängt freilich mit dem jeweiligen grammatischen Framework

[...]


[1] Für eine differenzierte Analyse des Unendlichkeitspostulates, das man als einen Faktor sprachproduktiver Kreativi­tät annehmen kann, vgl. Pullum und Scholz (2010).

[2] Daneben existieren weitere Begriffspaare wie z. B. A- und B-Konstituente (vgl. Hein 2008:17) oder Bestimmungs­glied und Grundwort (vgl. Lawrenz 2006:7, Meibauer 2003:153). Eine terminologische Festlegung soll im Rahmen dieser Arbeit nicht geschehen, da die Begriffe synonym verwendet werden können.

[3] Diese Bedingung kann im Folgenden vernachlässigt werden, da sie sich auf die lexikalische Phonologie bzw. Morphologie (u. a. Kiparsky 1983) bezieht und damit die interne Organisation des Morphologiemoduls betrifft, welche nicht weiter diskutiert werden soll.

[4] Vgl. zum Kopfbegriff DiSciullo und Williams (1987:26) sowie Lieber (1988:212ff.) (hier mit einer knappen Problematisierung).

[5] Wäre dies nicht der Fall, so würden sich in bestimmten Fällen wieder reguläre Komposita ergeben, beispielsweise bei dem Lexem Zwischen-den-Zeilen-Widerstand aus (1-b): [Zwischen-den-Zeilen]PP-Widerstand (maximale Phrase im Erstglied) vs. [Zwischen]Pwiderstand (lexikalische Kategorie im Erstglied). Die Beobachtung von Wiese (1996:185), „[b]oth words (Y0) and phrases (Ymax) are admitted in compounds“, ist damit als korrekt einzustufen. Intermediäre Strukturen sind hingegen ungrammatisch, was anhand von *[Zwischen-den]-Widerstand evident wird, denn hier kann die Präposition keine nicht-maximale NP selegieren.

[6] Zu den hier nachweisbaren Phrasen siehe Kapitel 6.3.2 in Teil III der vorliegenden Arbeit.

[7] Als Ausnahme kann hier sicherlich Hein (2008:30) gelten, da die Autorin zumindest en passant expliziert, was sie unter einer Phrase versteht, nämlich Projektionen von Kopfmerkmalen.

[8] Die mittels der Korpusabfrage gewonnenen Belege werden im weiteren Verlauf unter Angabe des Korpus sowie der jeweiligen Positionsnummer, die sich aus den Konkordanzen nach Ausgabe der Daten ablesen lässt, zitiert. Näheres zur Korpusabfrage in Kap. 6.1.

[9] Akzenttragende Silben werden hier durch Großschreibung indiziert.

[10] Ob das Akzeptabilitätsurteil in Bezug auf (8) tatsächlich valide ist, müsste in einer ausführlichen Befragung von Sprechern und Sprecherinnen des Deutschen auf Basis unterschiedlicher Materialien überprüft werden.

[11] “Auffällig ist die trunkierte Infinitivform aufreg, die sich in (9-a) vorfinden lässt. Hierbei handelt es sich um den sog. Inflektiv, welcher für bestimmte Arten von VPs im Erstglied charakteristisch ist. Dazu mehr in Abschnitt 6.3.2.

[12] a. Sechs-Achsen-Roboter (DECOW2012-C06X7M: 28230753) Zweibettzimmer (aus Lawrenz 2006:27)

[13] Mehr-Personen-Gespräche (aus Lawrenz 2006:28)

[14] Zum syntax below zero-Problem, das dieser Struktur anhaftet, siehe Abschnitt 9.1.

[15] In Kapitel 6.3.2 werden Phrasenkomposita mit Numeralia und Quantoren im Erstglied aus empirischer Perspektive eingehender betrachtet.

[16] In (14-a) ist die Genitivflexion des Kopfes Methode nicht unmittelbar ersichtlich, da das Substantiv in seinem Flexionsparadigma Synkretismen aufzeigt; die Endung bleibt also in jedem der vier Kasus des Singulars konstant.

[17] Meibauer (2003:160) nennt gelegentliche Ausnahmen wie das Pflänzlein-Rühr-mich-nicht-an oder Film-im-Kopf, bei denen es sich um linksköpfige Phrasenkomposita handele. Andererseits ließe sich zumindest die erste Form auch als lexikalisierte Phrasenkonversion analysieren, bei der ein Satz im Imperativ, hier das Rühr-mich-nicht-an, welches orthographisch auch ohne Bindestriche bezeugt ist, zu einem Substantiv umkategorisiert wird (vgl. Lawrenz 2006:10). Baché (2012:60) spricht in diesem Zusammenhang von citation words.

[18] An dieser Stelle kann vorweggenommen werden, dass Zusammensetzungen mit nicht-nominalen Köpfen bei der Korpusstudie (siehe Kap. 6) nicht beachtet werden.

[19] Diese Formen werden auch als synthetische Komposita bzw. Rektionskomposita bezeichnet. Konträr zu Lieber (1992:59) scheint es im Deutschen, wie (18-a) illustriert, der Fall zu sein, dass die Erstgliedposition synthetischer Komposita durch eine NP besetzt werden kann (vgl. dazu auch Lawrenz 2006:76).

[20] So müsste man stipulieren, dass die abgeleitete Form Leger das Objektargument von seiner verbalen Basis erbt;

das Subjektargument wird hingegen unterdrückt (vgl. Neef 2009:397).

[21] Anzumerken ist an dieser Stelle, dass rekursive Strukturen im phrasalen Erstglied freilich auftreten können. Dies ist aber ein syntaktisch bedingtes Phänomen, das losgelöst von Rekursivität bzw. Iterativität auf Wortebene, wie sie bei den in Abschnitt 1 besprochenen ,Bandwurmkomposita‘ zu konstatieren ist, betrachtet werden sollte.

Details

Seiten
100
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656932383
ISBN (Buch)
9783656932390
Dateigröße
929 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295466
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Sprachwissenschaftliches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Syntax Morphologie Morphologie-Syntax-Schnittstelle Komposition Phrasenkomposita Korpuslinguistik Zitatanalyse Konversionsanalyse Phrasenkomposition Phrasenderivation Phrasenkonversion phrasale Wortbildung Deutsch

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Titel: "Mehr-Personen-Gespräche" über den "Etwas-ins-Bier-schütten-Scherz"