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Das Erbrecht der Orientalischen Christen. Rechtsbücher des Timotheos, des Ischobarnun und des Simeon

Seminararbeit 2015 16 Seiten

Jura - Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Rechtsgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

A. Die Kirche des Ostens im Überblick
1. Zeittafel zur politischen und historischen Entwicklung
2. Anmerkungen zur Zeittafel
a) Ostsyrer und Westsyrer
b) Problem der „political Correctness“
3. Simeon, Timotheos und Îschô‘ Bar Nûn
a) Simeon
b) Timotheos
c) Îschô‘ Bar Nûn

B. Die Recsbücher im Überblick (Tabellarische Darstellung)
1. Allgemeine Anmerkungen zur Tabelle
2. Anmerkungen zur Rechtslehre des Simeon
a) Entstehung
b) Aufbau und Umfang
c) Erbrecht
3. Anmerkungen zum Rechtsspiegel des Timotheos
a) Entstehung
b) Aufbau und Umfang
c) Erbrecht
4. Anmerkungen zum Rechtsspiegel des Îschô‘ Bar Nûn
a) Entstehung
c) Aufbau und Umfang
d) Erbrecht

C. Schlussgedanke - Ansätze der modernen Rechtsprechung

Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Vorwort

Angesichts der Tatsache, dass dieses Werk auf dem Fundament eines 15-wöchigen Seminars über das Orientalische Christentum fußt, kann die nachfolgende Arbeit gewiss nur eine stark vereinfachte Darstellung der zu analysieren Rechtsbücher im Zusammenhang mit der ihr

verbunden historischen Konstellation darbieten.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Rechtsbücher der Patriarchen Timotheos, Ischobarnun, sowie das Rechtsbuch des Gelehrten Simeon in Anbetracht ihrer Aussagen zum Erbrecht zu betrachten und, soweit möglich, diese in einem Vergleich gegenüberzustellen.

Um den Einstieg in die Rechtssystematik der nachfolgenden Rechtsbücher zu erleichtern wird zunächst mit einem kurzen und übersichtlichen Exkurs in das zeitgeschichtliche Umfeld begonnen. Dieser soll vor allem die Einordnung der Rechtsbücher im historischen Zusammenhang ermöglichen.

A. Die Kirche des Ostens im Überblick

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

2. Anmerkungen zur Zeittafel

Die vorangehende Zeittafel3 soll zu einem übersichtlichen Verständnis über den Auf-, sowie Niedergang der Kirche des Ostens beitragen. Einige Gesichtspunkte dieser Tafel werden im Folgenden erneut aufgegriffen und ausführlich erörtert.

Um ein Grundverständnis bezüglich der Thematik dieser Arbeit zu erlangen, sei zunächst angemerkt, dass die im vorliegenden als „Kirche des Ostens“ bezeichnete christlichorientalische Religionsgemeinschaft ihren Ursprung im heutigen Syrien hat.

a) Ostsyrer und Westsyrer

Die syrischsprachigen Christen teilen sich in Westsyrer und Ostsyrer, wobei der Euphrat als grobe Trennungslinie gilt:

Historisch trennte Ost- und Westsyrer in altkirchlicher Zeit die politische Grenze zwischen dem Römischen und dem Persischen Reich.

Der historischen Entwicklung und der politischen Geschiedenheit folgte die kirchliche Unterscheidung: Der christliche Orient.4

Die Westsyrer folgten in den christologischen Streitigkeiten jener vor allem in Alexandria beheimateten Lehre, die besonderen Wert auf die eine Natur Christi legte und deshalb von ihren Gegnern fälschlich als monophysitisch (von griechisch: monos „einzig“ und phýsis „Natur“) bezeichnet wurde.

Die Ostsyrer folgten der hauptsächlich in Antiochia beheimateten Lehre, die besonderen Wert auf die zwei Naturen Christi legte und deshalb von ihren Gegnern ebenso fälschlich als dyophysitisch (dýo „Zwei“ und phýsis „Natur“) bezeichnet wurde.

Während die Westsyrer späterhin oft nach ihrem Reorganisator Jakobos Baradaios - er wirkte im sechsten Jahrhundert zur Zeit des byzantinischen Kaisers Justinian und Theodoras - als Jakobiten bezeichnet wurden, nannte man die Ostsyrer nach dem der dyophysitischen Lehre bezichtigten Patriarchen5 Nestorius (ca. 386 - ca. 451) Nestorianer.6 Zwar wird der 431 verurteilte Nestorius von der Apostolischen Kirche des Ostens als Heiliger verehrt, doch hat sie selbst die Bezeichnung „nestorianisch“ stets abgelehnt. Im Blick auf ihre apostolischen Wurzeln legt die Kirche darauf Wert, nicht erst von Nestorius gegründet worden zu sein.7

b) Problem der „political Correctness“

Die Bezeichnung „Nestorianer“ wird noch heute gebraucht, obwohl seit dem 19. Jahrhundert unter dem Einfluss angloamerikanischer Missionen zusehends die Bezeichnung Assyrer auch als Selbstbezeichnung übernommen wurde. Denn sie ermöglichte den Angehörigen der Kirche des Ostens, sich bewusst von den katholisch-unierten Chaldäern, die besonders auf Frankreich als Schutzmacht spekulierten, abzusetzen.

Heute ist in kirchlicher Hinsicht korrekter, für den westsyrischen Bereich von der Syrischorthodoxen Kirche und für den ostsyrischen Bereich von der Apostolischen (Assyrischen) Kirche des Ostens zu sprechen.

In diesen beiden Kirchen kam es jeweils auch zur Gründung einer mit Rom unierten Kirche: den schon erwähnten Chaldäern und den Syrianern als der katholisch-unierten westsyrischen Kirche.8

3. Simeon, Timotheos und Îschô‘ Bar Nûn

a) Simeon

Zur Person des Simeon sind nur sehr wenige und kaum aussagekräftige Informationen vorhanden,9 welche außerdem lediglich aus den Übersetzungen seines Rechtsspiegels hervorgehen. So wird als Mâr Simeon10 in der Übersetzung auf überschwängliche Weise verehrt und als Priester und Lehrer bezeichnet. Aus einer solchen Betitelung lässt sich jedoch nicht schließen, dass es sich hierbei um einen Bischof gehandelt haben muss. Allerdings ist davon auszugehen, dass es sich vorliegend um einen im syrischen Raum hoch angesehenen Geistlichen handelt, der ähnlich wie der Patriarch Timotheos (später) Interesse daran hatte, das in der Persis geltende Erbrecht kennenzulernen.

Vereinzelte Rückschlüsse im Rechtsspiegel lassen darauf schließen, dass Simeon nach 587 gelebt haben muss, da sich seine Ansichten deutlich von den Anschauungen dieser Zeit abheben. Recherchen des deutschen Orientalisten Eduard Sachau lassen durchblicken, dass Simeon um die Amtszeit des persischen Erzbischofs Jesubocht, also um, bzw. nach 775-779 gelebt haben muss.11

Weiteres lässt sich aus seinen Werken allerdings nicht entnehmen, da sich der Verfasser Simeon selbst, nicht über die literarischen Quellen seines Wissens äußert.12

b) Timotheos

Der zunächst als Bischof in seiner Heimatprovinz Adiabene tätige Timotheos, war in seiner Amtszeit als Patriarch stets bestrebt sich die Gunst der mohammedanischen Machthaber zu sichern. So errang er zunächst nach mehrjährigen Kämpfen das Patriarchat und allseitige Anerkennung und wusste sich später unter 5 Kalifen zu behaupten und die Interessen seiner Nation trotz Verfolgungen im Ganzen mit großem Erfolg vertreten.

Beachtenswert war vor allem sein immenser Expansionstrieb, den er trotz der widrigen Bedingungen und einer Zeit, in der das Christentum täglich Abbruch erlitt, aufrechterhalten konnte. So war es ihm unter anderem sogar möglich sich bis an die Grenze zu China auszubreiten. Die Mönche des Klosters Beth Abhe standen Timotheos zur Seite und halfen bei der Errichtung neuer Kirchenprovinzen.

Timotheos war außerdem Zeitgenosse wichtiger nestorianischer Gelehrter, welche laut den Übermittlungen, gelegentlich in der Lage waren, am Kalifenhof einen Einfluss zu Gunsten ihrer Freunde und Glaubensgenossen auszuüben. Zu einigen der Gelehrten hatte Timotheos auch persönliche Beziehungen gepflegt. Diese waren ihm eine wesentliche Stütze bei der Vertretung der Interessen seiner Nation. Ohne die großen Erfolge des Patriarchen Timotheos zu relativieren sollte an folgender Stelle allerdings auch erwähnt werden, dass die Erfolge, insbesondere bezüglich des Einflusses am Kalifenhof dem Umstand geschuldet waren, dass die zusätzlichen steuerlichen Abgaben, welche Timotheos zur Erhaltung seiner Religionsgemeinschaft an die Kalifen zu leisten hatte, eine essentielle Geldquelle für die muslimischen Machthaber darstellte. Somit hatten auch die Kalifen ein Interesse an der Erhaltung dieser „Geldquelle“ und folglich an einem umgänglichen Miteinander mit dem Patriarchen Timotheos und seinem Gefolge.

Timotheos soll fernerein Mann der Feder und ein fruchtbarer Schriftsteller sein. Dies war vor allem an seinen lebhaften Bestrebungen die griechische Literatur durch Übersetzung der arabische Welt zugänglich zu machen, zu erkennen. Allerdings soll er auch ein schlechter Kanzelredner gewesen sein.13

Insbesondere gilt es seine Briefe bezüglich der Fragen des Erbrechts zu erwähnen. In diesem Zusammenhang widmete er sich den Fragen, ob ein Mann zwei Schwestern nacheinander heiraten dürfe, ob ein Weib zwei Brüder nacheinander, ob ein Mann die Tochter seines Bruders oder seiner Schwester heiraten dürfe. Bei der Behandlung dieser Fragen gibt er sein umfangreiches Wissen der gesamten christlichen Überlieferung zu erkennen.14

c) Îschô‘ Bar Nûn

Îschô‘ Bar Nûn15 (in der Literatur auch Jesubarnun, oder Ischobarnun) war ebenso wie Timotheos Patriarch in Bagdad. Seine Amtszeit schließt sich an jene des Timotheos an und soll von 820-824 unter dem Kalifen Elma’mun angedauert haben.

Der in Assyrien gebürtige Îschô‘ Bar Nûn, hat den größten Teil seines Lebens als Mönch in einem assyrischen Kloster verbracht. Durch den Einfluss christlicher Ärzte und Beamten soll er am Kalifenhof zum Patriarchen erwählt worden sein, ohne irgendwelche Opposition. Eduard Sachau lässt in seinen Überlieferungen durchblicken, dass Îschô‘ Bar Nûn ein glühender Feind seines Vorgängers Timotheos gewesen sein soll und ihn in zahlreichen Schriften angegriffen habe. Erst kurz vor seinem Tode - er soll laut den Überlieferungen 80 Jahre oder älter gewesen sein - soll er von seinem Hass abgelassen haben.16

Um diese These zu stützen fehlt es allerdings an offiziellen Urkunden und Dokumenten. Auch lässt sich aus dem Rechtsspiegel des Patriarchen Îschô‘ Bar Nûn eine oppositionelle Haltung gegenüber seine Vorgänger nicht erkennen. Wahrscheinlicher scheint es hierbei den Rechtsspiegel des Îschô‘ Bar Nûn als eine sinnvolle und logische Fortsetzung und Ergänzung des Rechtsbuches des Timotheos anzusehen.

Im nachfolgenden Abschnitt wird zu folgender Thematik ebenfalls Stellung genommen.17

[...]


1 Südlich des heutigen Bagdad.

2 Nur wenige Überlieferungen hierzu vorhanden, vgl. Sachau, Eduard; Syrische Rechtsbücher, Dritter Band, S. XVII ff.

3 Ausführlich in: Kaufhold, Hubert; Kleines Lexikon des Christlichen Orients, S. 556 f. Zeittafel wurde um weitere, für diese Arbeit wichtige Daten, erweitert und an entsprechenden Stellen angepasst.

4 Auszug aus: Kaufhold, Hubert; Kleines Lexikon des Christlichen Orients, Karte 1.

5 Ein Patriarch ist in vorreformatorischen Kirchen ein höchstrangiger Bischof mit alleiniger Jurisdiktionshoheit über ein Patriarchat (= kirchliches Verwaltungseinheit).

6 Übersichtliche Zusammenfassung in: Hubert, Kaufhold; Kleines Lexikon des christliche Orients, S. 67 f.; ausführlich in: Hage, Wolfgang; Das orientalische Christentum, S. 269 bis 313.

7 Pinggéra, Karl; Die Kirchen des Orients im Überblick, S. 8.

8 Auszug aus: Tamcke, Martin; Der Genozid an den Assyrern/Nestorianern, S. 1 f.

9 Vgl. Sachau, Eduard; Syrische Rechtsbücher, Dritter Band, S. XVII ff.

10 Sachau, Eduard; Syrische Rechtsbücher, Dritter Band, S. XVIII. 4

11 Sachau, Eduard; Syrische Rechtsbücher, Dritter Band, S. XXI f.

12 Sachau, Eduard; Syrische Rechtsbücher, Dritter Band, S. XIX. 5

13 Die Kanzel ist ein erhöhter Ort in Kirchen, Synagogen und Moscheen, von dem aus der Geistliche das Wort Gottes verkündigt und die Predigt hält.

14 Zusammengefasst und ergänzt aus: Sachau, Eduard; Syrische Rechtsbücher, Zweiter Band, S. XVII ff. Biografie auch zu finden bei: Hage, Wolfgang, Das orientalische Christentum

15 Joshua, Sohn des Nun

16 Vgl. Sachau, Eduard; Syrische Rechtsbücher, Zweiter Band, S. XXII.

17 Siehe unten: Anmerkungen zum Rechtsspiegel des Îschô‘ Bar Nûn S. 11 f. 6

Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656930648
ISBN (Buch)
9783656930655
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295237
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
Schlagworte
erbrecht orientalischen christen rechtsbücher timotheos ischobarnun simeon

Autor

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