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Die Besitznahme Zyperns durch Großbritannien im Spiegel der Presse und Reiseliteratur

Magisterarbeit 2000 129 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. ENTWICKLUNGSLINIEN AUF DER INSEL ZYPERN IM POLITISCHEN, ÖKONOMISCHEN UND SOZIALEN BEREICH ZWISCHEN 1571 und 1931
1. Darlegung der Arbeitshypothesen und methodischen Vorgehensweise zur Erarbeitung der historischen Fakten
2. Die wichtigsten ökonomischen und sozialpolitischen Entwicklungen auf Zypern während der osmanischen Herrschaft (1571-1878)
3. Die Epoche der britischen Herrschaft (1878-1959)
3.1. Die „Convention of Defensive Alliance“ (1878)
3.2. Die Veränderungen während der ersten Jahre der englischen Okkupation (1878-1900)

II. THEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN ZUM THEMA REISEBERICHT
1. Reisen im 19. Jahrhundert
2. Der Reisebericht
2.1. Zum Gattungsverständnis
2.2. Textformen, Textgenese und das Problem der Authentizität
2.3. Typische Berichtsformen viktorianischer Reisender
2.4. Der journalistische Reisebericht als besonderer Typus
3. Literarische Texte als Geschichtsquellen

III. ANALYSE EINER AUSWAHL VON REISEBERICHTEN AUS DER ZEIT DER ÜBERAHME ZYPERNS DURCH GROßBRITANNIEN
1. Die Auswahl der Texte und die Methodik der komparatistischen Analyse
2. Die Übernahme Zyperns durch Großbritannien und ihre Rezeption in der Presse von 1878-79
2.1. Zur Rezeption in The Illustrated London News (1878/79)
2.2. Zur Rezeption in Le Monde Illustré (1878)
2.3. Zur Rezeption in der Kölnischen Zeitung (1878/79)
3. Cypern. Reiseberichte über Natur und Landschaft, Volk und Geschichte: Die Übernahme Zyperns durch Großbritannien aus der Sicht des Deutschen Franz Löher
4. Cyprus 1878. The Journal of Sir Garnet Wolseley: Sir Garnet Wolseley und sein Aufenthalt auf Zypern
4.1. Zur äußeren Form des Textes
4.2. Zum Inhalt des Textes
4.2.1. Reformen
4.2.2. Die Einheimischen
4.2.3. Klima und Krankheiten
5. British Cyprus: Hepworth Dixon und seine Reise
5.1. Zur äußeren Form des Textes
5.2. Zum Inhalt des Textes
5.2.1. Die Machtverhältnisse
5.2.2. Die Einheimischen
5.2.3. Die politischen Ziele der englischen Administration
6. Through Cyprus with the Camera in the Autumn of 1878: John Thomson und seine Reise
6.1. Zur äußeren Form des Textes
6.2. Zum Inhalt des Textes
6.2.1. Der Modernisierungsprozeß
6.2.3. Die politische Lage
6.2.4. Die Einheimischen
6.2.5. Zypern als Reiseziel
7. Reiseberichte von Frauen im Zeitalter des Imperialismus
8. Sunshine and Storm in the East; or Cruises to Cyprus: Lady Annie Brassey und ihre Reise
8.1. Zur äußeren Form des Textes
8.2. Zum Inhalt des Textes
8.2.1 Städte
8.2.2. Die englische Truppe
8.2.3. Die Einheimischen
8.2.4. Die politische Lage
8.2.5. Die wirtschaftliche Nutzbarkeit der Insel
8.2.6. Klima und Krankheiten
9. Our Home in Cyprus: Esmé Scott-Stevenson und ihre Reise
9.1. Zur äußeren Form des Textes
9.2. Zum Inhalt des Textes
9.2.1. Die Aufgaben der englischen Administration
9.2.2. Die Position der Einheimischen unter den englischen Herrschern
9.2.3. Anekdoten über „Die Wilden“
9.2.4. Die Leprakranken
9.2.5. Zypriotische Bräuche

IV. RESÜMEE
1. Zur historischen Entwicklung
2. Zur Rezeption in der Presse
3. Zur Rezeption in der zeitgenössischen Reiseliteratur

V. ANHANG
1. Die Geschichte Zyperns – Ein historischer Überblick
2. Imperialismus
3. Enosis
4. Sir Garnet Wolseley – Kurzbiographie
5. Cesnola

VI. LITERATURVERZEICHNIS
1. Reiseliteratur über Zypern
2. Geschichte Zyperns
3. Sekundärliteratur zum Thema Reiseliteratur
4. Zeitungsartikel
5. Imperialismus/Kolonialismus
6. Diverses

VII. AUSWAHLBIBLIOGRAPHIE
1. Reiseliteratur über Zypern
2. Sekundärliteratur zum Thema Reiseliteratur
3. Geschichte Zyperns
4. Geschichte Englands
5. Diverses

Einleitung

Nicht die Liebesgöttin Aphrodite, die dem Mythos nach vor der Küste Zyperns aus dem Schaum des Meeres geboren wurde, sondern der Kriegsgott Ares hat das Schicksal Zyperns über Jahrhunderte bestimmt. Seit der ersten Besiedelung Zyperns vor circa 9000 Jahren wurde die Entwicklung der Insel von der fast endlosen Kette fremder Herrschaften geprägt.

Die vorliegende Arbeit widmet sich der Übernahme Zyperns durch Großbritannien im Jahre 1878. Um die Situation auf der Mittelmeerinsel in dieser Zeit besser erfas­sen zu können, resümiert der erste Teil zunächst kurz die Endphase der osmanischen Herrschaft auf Zypern, die schließlich zur Übernahme der Insel durch Großbritannien führte. Die folgenden Kapitel legen die historischen Fakten von 1878 dar und erläu­tern die Gründe für die Übernahme, wobei auch die Erwartungen der Engländer auf der einen und der Zyprioten auf der anderen Seite berücksichtigt werden. Im An­schluß erfolgt eine Beschreibung der Veränderungen auf Zypern unter der englischen Administration.

Eine Darstellung der historisch-politischen Rahmenbedingungen in Europa wäre wünschenswert gewesen. Da dieses Projekt allerdings den Umfang der Arbeit erheb­lich vergrößert hätte, findet der Leser stattdessen in den Fußnoten Verweise auf wei­terführende Literatur oder einige Ergänzungen zu Themen die in direktem oder indi­rekten Zusammenhang mit der Übernahme Zyperns durch Großbritannien stehen.

Auf den historischen Teil der Untersuchung folgt eine Betrachtung zum Thema „Reisen“ und zur literarischen Gattung „Reisebericht“. Ziel ist es hierbei, den Stel­lenwert der „Reise“ im 19. Jahrhundert herauszuarbeiten und die Besonderheiten der Gattung „Reiseliteratur“ zu bestimmen.

Den dritten und umfangreichsten Teil der Arbeit bildet die Analyse zeitgenössischer Texte. Dabei handelt es sich zum einen um Presseberichte zur Übernahme Zyperns durch Großbritannien aus den Jahren 1878/79, zum anderen um Reiseberichte über Zypern aus dem Zeitraum von 1875 bis 1879. Die Untersuchung der Presseartikel wird exemplarisch anhand einer englischen (The Illustrated London News), einer französischen (Le Monde Illustré) und einer deutschen Zeitung (Kölnische Zeitung) durchgeführt. Dabei soll die Analyse der Artikel aus The Illustrated London News verdeutlichen, welchen Standpunkt die Presse des besitznehmenden Landes im Zu­sammenhang mit der Übernahme vertrat. Vergleichend zeigen die Berichte aus Le Monde Illustré wie in Frankreich, das in direkter Konkurrenz zu England im Kampf um Überseeterritorien stand, die Presse auf die Übernahme reagierte. Deutschland war zwar keine Konkurrenz für England und Frankreich, im Streben nach Weltmacht durch den Besitz von Kolonien, dennoch stand man auch dort einer solchen Außen­politik aufgeschlossen gegenüber. Aus diesem Grund ist die Rezeption der Über­nahme Zyperns durch Großbritannien in der Kölnischen Zeitung ebenso interessant für den Vergleich. Alle drei Zeitungen haben außerdem gemeinsam, daß sie einen Korrespondenten nach Zypern schickten, um ihren Lesern „Vor-Ort-Berichte“ bieten zu können. Entsprechend ist es das Ziel des Vergleiches, festzustellen, ob sich – durch die unterschiedliche Herkunft der Journalisten geprägt – Gemeinsamkeiten in diesen Berichten finden lassen oder ob sie verschiedenartig sind.

Die ausführliche Analyse der zeitgenössischen Reiseberichte thematisiert „Zypern in der Zeit nach der Übernahme durch die Engländer“. Dabei werden die Texte zum einen auf ihren historisch-politischen Gehalt hin untersucht, zum anderen auf ihre spezielle literar-ästhetische Form und ihre gattungsspezifischen Merkmale. Für diese Analyse wurden sechs Werke ausgewählt, die zwischen 1875 und 1879 entstanden sind. Es handelt sich dabei überwiegend um Berichte von englischen Autoren, die sich aus unterschiedlichen Gründen zur Zeit der Übernahme auf Zypern aufhielten. Der Untersuchung der englischen Texte geht die Betrachtung des Reiseberichts von Franz Löher aus Deutschland voraus, der Zypern drei Jahre vor der Übernahme durch Großbritannien besuchte. Sein Reisebericht Cypern. Reiseberichte über Natur und Landschaft, Volk und Geschichte ist für diese Arbeit besonders interessant, weil er 1878 ins Englische übersetzt wurde und von den meisten der englischen Autoren als vorbereitende Lektüre gelesen wurde. Einige dieser Autoren zitieren Löher sogar in ihren Berichten.

Die anderen Texte haben die Gemeinsamkeit, daß ihre Autoren sich fast zur gleichen Zeit auf Zypern aufhielten, auch wenn sie sich in Beruf, Geschlecht, sozialer Her­kunft und ihrer Motivation für die Zypernreise unterscheiden. Da der Reisebericht eine Affinität zu vielen anderen Gattungen aufweist, wurden für diese Arbeit bewußt Texte ausgewählt, die sich in ihrem Gattungstypus voneinander abheben. Darunter befinden sich ein Reisetagebuch (The Journal of Sir Garnet Wolseley), zwei histo­risch-geographische Reiseberichte (Dixon, W.H.: British Cyprus und Löher, F. von: Cypern. Reiseberichte über Natur und Landschaft, Volk und Geschichte), eine Photo­reisereportage (Thomson, J.: Through Cyprus with the Camera in the Autumn of 1878) und zwei Reiseberichte von Frauen (Lady Brassey, A.: Sunshine and Storm in the East or Cruises to Cyprus and Constantinople und Scott-Stevenson, E.: Our Home in Cyprus). Diese Texte werden jeweils exemplarisch für ihren Typus analy­siert. Es bieten sich dabei verschiedene Vergleichspunkte und –ebenen an. Allem voran steht die Frage nach dem Wahrnehmungshorizont der Autoren. Hier soll ver­deutlicht werden, inwiefern sich die Wahrnehmungsweise der Autoren unterscheidet oder gleich ist. Anhand der ausgewählten Texte wird unter­sucht, ob es eine epochen­spezifische, länderspezifische oder geschlechtsspezifische Wahr­nehmung gibt. Letzt­endlich möchte diese Arbeit die Gründe der Autoren für die individuelle Art der Dar­stellung der geschichtlichen Ereignisse, in ihren Werken, benennen.

Es sei noch darauf hingewiesen, daß die Schreibweise der Namen zypriotischer Städte in den Zitaten so übernommen wurde, wie sie jeweils im Originaltext stehen, und nur dann die moderne englische oder deutsche Schreibweise in eckigen Klam­mern zu Ergänzung dahinter gesetzt wurde, wenn der Name sehr stark verändert er­schien. Ansonsten wird die moderne deutsche Schreibweise verwendet. Deshalb kann es zu Varianten in der Diktion kommen wie z.B. bei Limasol – Limassol, Nicosia – Nikosia oder Famagusta – Famagousta.

I. ENTWICKLUNGSLINIEN AUF DER INSEL ZYPERN IM POLITISCHEN, ÖKONOMISCHEN UND SOZIALEN BEREICH ZWISCHEN 1571 und 1931

1. Darlegung der Arbeitshypothesen und methodischen Vorgehensweise zur Erarbeitung der historischen Fakten

Alle Wissenschaftler, die sich mit der Geschichte Zyperns beschäftigen, sehen sich mit einer Fülle von Lite­ratur zu den unterschiedlichsten Themen konfrontiert, was besonders für die neuere Geschichte von 1878 bis heute gilt. Dies mag zunächst den Anschein erwecken, als ob die Geschichte Zyperns ausreichend geschildert worden sei und es allgemeingültige Positionen und Fakten gibt. Doch betrachtet man die Literatur über die britische Kolonialzeit genauer, stellt man fest, daß sie in drei Lager gespalten ist: 1. Die pro-griechisch-zypriotische, 2. die pro-türkisch-zypriotische und 3. die pro-britische Position. Aufgrund der ideologischen Differenzen finden sich allzu oft parteiische Interpretationen, und deshalb ist es schwierig, einen sachlichen Standpunkt zu vertreten. Dennoch ist diese Arbeit bemüht, ihrem Untersuchungsge­genstand kein vorgefertigtes und vorurteilsbelastetes Konzept aufzuzwingen. Kon­träre Standpunkte werden ebenso präsentiert wie Fakten, die sich durch neutrale Do­kumente belegen lassen. Dabei wird zunächst die osmani­sche Herrschaft auf Zypern kurz dargestellt, sofern dies bei einem Zeitraum von 300 Jahren möglich ist.

Der Schwerpunkt in dieser Arbeit liegt schließlich auf der Darstellung der Über­nahme Zyperns durch Großbritannien, den Gründen, die dazu führten, sowie den Folgen, die sich daraus für die Insel ergaben. Im Anschluß erfolgt eine genaue Be­trachtung der ersten Jahre unter englischer Herrschaft und den damit verbundenen politischen und sozioökonomischen Entwicklungen.

2. Die wichtigsten ökonomischen und sozialpolitischen Entwicklungen auf Zypern während der osmanischen Herrschaft (1571-1878)

1571 bis 1878 war Zypern eine Provinz des Osmanischen Reichs. Der Insel wurde, wie fast allen Provinzen, weitgehende Autonomie gewährt. Die Verhältnisse auf Zypern entsprachen einem patriarcha­lisch-traditionellen Machtgefüge mit einer nicht-kapitalistisch organisierten Gesell­schaftsformation, d.h. die zypriotische Ge­sellschaft bestand fast ausschließlich aus Dorfge­meinschaften, bei denen der land­wirtschaftliche Betrieb die einzige Einkommens­quelle dar­stellte. Maschinen gab es nur wenige, und so war man auf menschliche und tierische Arbeitskraft beschränkt. Da die osmanischen Herrscher die Feudalherrschaft abgeschafft hatten, wurde den Bauern in der Regel ihr eigenes Land zugeteilt. Die ehemaligen adeligen französi­schen Großgrund­besitzer, die noch auf Zypern weilten, wurden enteignet und ihre Ländereien an türki­sche Soldaten und anatolische Bauern verteilt. Dabei waren die Parzellen der meisten Landwirte sehr klein, während die Steuerlast für sie extrem hoch war, so daß sie sich häufig am Exi­stenzminimum bewegten. Choisi schreibt dazu:

Von dieser Misere waren auf Zypern sämtliche Bauern betroffen, muslimische, wie christliche, die in gemischten Dorfgemeinschaften auf der ganzen Insel zusammen­lebten, arbeiteten und so­gar re­voltierten, wie die Bauernaufstände von 1665, 1764, 1765, 1830 und 1833 zeigen. Zwar unter­schieden sich Christen und Muslime in ihrer Religion, den damit verbundenen, unter­schiedlichen Traditionen und in der Sprache, doch die Dorfgemeinschaft, die Großfamilie und die ländliche Le­benswelt waren die primären gesellschaftlichen Sozialisationsfaktoren sowie die gemeinsamen, verbin­denden Rahmenbedingungen in ihrer Existenz bzw. friedlichen Koexi­stenz.[1]

Nach der Abschaffung des Feudalsystems litten die Bauern darunter, daß sie über­wiegend von privaten Geldverleihern abhängig waren, deren Kredite sie brauchten, um die von der Regierung willkürlich erhobenen, meist horrenden Steuern zu be­zahlen. Diese Geldverlei­her, vorwiegend christliche Großgrundbesitzer oder einge­wan­derte Juden, brachten die Bau­ern mit einem enormen Wucherzins von bis zu 300% fast an den Rand des Ruins.[2]

Im Gegensatz zu den christlichen Herrschern, die vorher auf Zypern regierten, hatten die Osmanen keine religiöse Missionsabsicht. Vielmehr sahen sie die nichtmosle­mischen Bürger als lukrative Einnahmequelle an und besteuerten sie höher als die Moslems. Auch hatten sie keine politischen Rechte, trugen jedoch durch die von ih­nen zu zahlenden Kopf- und Militärsteuern dazu bei, daß Staats- und Privatkasse der Stadthal­ter stets gut gefüllt blieben. Aus diesem Grund sollen sogar einige Christen zum Islam über­getreten sein.[3] Doch eine grundsätzliche religiöse Toleranz gegenüber den zahlreichen nichtmosle­mischen Religionsgemeinschaften drückte sich darin aus, daß auf Zypern das Milletsystem eingeführt wurde, das Religions- und Volksgemein­schaft gleichsetzte. Jede religiöse Gemein­schaft bekam gewissermaßen den Status einer eigenen Nation, was auch bedeutete, daß diese ihre zivilrechtlichen und religiö­sen Fragen selber klärte. Lediglich das Recht, Waffen zu tragen und Krieg zu führen, war den Moslems vorbehalten. Trotzdem gewann vor allem die griechisch-orthodoxe Kirche Privilegien hinzu. Der Erzbi­schof wurde in dem neuen System zum Ethnar­chen, also zum politischen Repräsentanten, Interessenvertreter und Sprachrohr für seine Gemeinde. Die nationale Identität fiel mit der religiösen zusammen und ver­größerte die Macht der griechisch-orthodoxen Kirche.

Doch der griechisch-orthodoxe Klerus schien kein Interesse daran zu haben, sich mit den un­terdrückten Bauern zu solidarisieren. Er nutzte die neuen fis­kalen Privilegien dazu, die ei­gene Bevölkerung genauso auszubeuten, wie es die moslemische Ober­schicht tat.[4]

Der Erzbischof Zyperns war verpflichtet, die Steuern seiner Glaubensgemeinschaft einzutreiben und sie direkt bei der Hohen Pforte abzuliefern. Daher wurden die Bischöfe nicht zu Fürspre­chern und Vertretern der zypriotischen Christen, sondern entwickelten sich zu einer Klasse, die sich mit der osmanischen Bürokratie bereicherte.[5]

Der Erzbischof entwickelte sich, neben dem Dragomanen (deutsch: Dolmetscher), der eine Art Zivilver­walter war, zum einflußreichsten Mann auf der Insel.

Eine weitere Veränderung für Zypern brachte die zusätzliche Ansiedlung von 15.000 bis 20.000 Menschen, demobilisierten Soldaten und Einwanderern aus Anatolien, die das Land der ehe­maligen französischen Feudalherren erhielten. So entstanden die gemischten Städte, in denen Moslems und Christen wohnten. Dieses Zusammenleben der zwei unterschiedlichen religiösen Gruppen verlief meist problemlos. Für die neuen mos­lemischen Bewohner wurden zwar die alten katholischen Kirchen in Mo­scheen umgebaut, aber der Be­sitz der griechisch-orthodoxen Kirche blieb unangeta­stet.

Wirtschaftlich betrachtet fand während der Osmanenherrschaft eine kontinuierliche Verar­mung der Insel statt. „Der wachsende Druck der Abgabe- und Steuerlasten, der zu einem gu­ten Teil die Folge des Systems der Steuerpacht war, verursachte soziales Elend.[6]

Die Hun­gersnöte und Abwanderungen von griechischen und türkischen Zyprioten ließen die Einwoh­nerzahlen von ca. 200.000 Inselbewohnern im Jahr 1570 auf ca. 80.000 bis 100.000 im 18. Jahrhundert schrumpfen.[7] Hinzu kam, daß Zypern als Handelsplatz in dem riesigen Osmanischen Reich unbedeutend geworden war.

Für die spätere Entwicklung entscheidend war die Tatsache, daß es den christlichen Händler­schichten und dem Ethnarch langsam gelang, ihre moslemischen Gegenspieler wirtschaftlich zu überflügeln. [...] Diese Entwicklung bildete die Basis für eine unter­schiedliche Berufsstruktur bei den Eliten beider ethnischen Gruppen: Handel und Handwerk wurden die Domäne der Christen, die Moslems monopolisierten dagegen die Verwaltung. 1821 bot der beginnende grie­chische Befrei­ungskrieg für die Türken einen willkommenen Anlaß, um dieses Mißverhältnis zu korrigieren. We­gen angebli­cher Verbündung mit dem Feind – tatsächlich hatte der Erzbischof lediglich morali­sche Hilfe zugesagt – wurden im Juli jenes Jahres 470 Angehörige der grie­chisch-or­thodoxen Ober­schicht, an der Spitze der Erzbischof und die drei Bischöfe, hingerich­tet.[8]

Zusätzlich plünderten und enteigneten die Osmanen das Eigentum der griechisch-orthodoxen Kirche, womit auch die de-facto- Herr­schaft des griechisch-orthodoxen Klerus beendet war. Dieses Ereignis wirkte sich nachhaltig negativ auf die Bezie­hung zwischen den griechischen und türkischen Zyprioten aus.

Dennoch hatte man aus sozioökonomischer Sicht in den letzten Jahren der Osmanen­herr­schaft Fortschritte gemacht. So wurde beispielsweise die Steuerpflicht der Nichtmoslems („Ha­radsch“) aufgehoben. Auch erhöhte sich die Beteiligung der grie­chischstämmigen Bevölkerung an administrativen Angelegenheiten. Ebenso zeugen der vermehrte Außenhandel, der Ausbau des helle­nistischen Schulsystems und der Anstieg der Bevölkerungszahl von einer Verbesserung der sozioökonomischen Lage.[9]

In der aufstrebenden bürgerlichen Schicht der griechischen Zyprioten etablierte sich im Zuge der politi­schen Entwicklungen schon in der letzten osmanischen Herr­schaftsphase eine grundsätzliche Identifikation mit ihren altgriechischen Vorfahren. Daraus entwickelte sich später die stark anti-kolonialistische Haltung ge­genüber den Engländern, verbunden mit dem nationalen Wunsch, an Griechenland ange­schlossen zu wer­den, der sich in der Enosis-Bewegung manifestierte.[10]

Die wichtigsten gesamtgesellschaftlichen Veränderungen während der osmanischen Herr­schaft auf Zypern lassen sich zusammenfassend wie folgt beschreiben:

1. Es kam zu einer Verarmung der Insel aufgrund eines untragbaren und korrum­pierten Steuersy­stems; damit verbunden waren die Ausbeutung der Landbevölke­rung und fehlende Investitionen seitens der osmani­schen Regierung.
2. Es gab strukturelle Schwächen wegen der fast ausschließlich landwirtschaftlich geprägten Öko­nomie.
3. Die Macht der griechisch-orthodoxen Kirche in der Politik nahm stetig zu.
4. Das Aufkommen einer neuen Mittelschicht, bestehend aus moslemischen Beam­ten und christlichen Händlern, „d.h., die Entwicklung einer ethno-spezifischen Arbeitsteilung bei gleicher Schichtzugehörigkeit“[11] war zu verzeichnen.

In den folgenden Kapiteln soll gezeigt werden, wie sich die neue koloniale Fremdbe­stimmung auf die existierenden sozialen Strukturen auswirkte.

3. Die Epoche der britischen Herrschaft (1878-1959)

3.1. Die „Convention of Defensive Alliance“ (1878)

Schon im Jahre 1827 zeigte sich, daß die Orientfrage zu Spannungen in Europa führte.[12] Wäh­rend Rußland, die Religionsverwandtschaft mit den Griechen ausnut­zend, diese unter­stützte, um in die Meerengen und das Mittelmeer vorzustoßen, schlossen sich Groß­britannien und Frankreich der russischen Intervention an, um auf diese Weise zu verhin­dern, daß die christli­chen Balkanvölker unter ausschließlichen russischen Einfluß gerieten. Für Großbritannien und Frankreich waren der Ausbau und die Sicherung ihrer Position im Mittel­meerraum ein wichtiges Ziel der Außen­politik. Im Londoner Vertrag vom 24.6./6.7.1827 einigten sich die drei Großmächte Rußland, Großbritannien und Frankreich auf eine Vermittlung im griechisch-türki­schen Krieg, wo­bei insgeheim auch die Erzwingung eines Waffenstillstan­des vorge­sehen wurde. Schließlich waren es die Folgen der großen Orientkrise, die den Sultan Abdul Al Hamid II. (1876-1909) dazu veranlaßten, Zy­pern unter englischen Schutz zu stellen. Die Krise begann 1875 mit Aufständen in Bosnien und Herzegowina. Darauf folgten die Kriegserklärungen Serbiens und Montene­gros an das Osmanische Reich. Rußland trat 1877 in den Krieg ein, was den Vormarsch russischer Trup­pen bis vor Istanbul zur Folge hatte.[13]

Im Friedensvertrag von San Stefano, 1878, zwischen der Türkei und Rußland wurden die Gebietsabtretungen an Rußland festgelegt. Das Osmanische Reich war zuneh­mend vom Zerfall bedroht und sein Untergang schien ledig­lich eine Frage der Zeit zu sein. Rußland dagegen führte eine fortschreitende Expansi­onspolitik und besonders die Kolonialmacht England fürchtete deshalb um die See- und Handelswege im Mit­telmeer und besonders den Weg über den Suezkanal nach Indien. In dieser Si­tuation sah England die Möglichkeit, seine Inter­essensgebiete auszuweiten und die Auftei­lung des Osmanischen Reichs aus strategischen Gründen noch hinauszuzö­gern. Folge dieser Entwicklung war der in der Zeit vom 23.5. bis 4.6.1878 verhandelte und geschlossene Bei­standspakt („Convention of Defensive Alliance“) zwischen Groß­britannien und der Hohen Pforte.[14]

Salih schreibt dazu, daß Großbritanniens Premierminister Disraeli schon im Novem­ber 1877 diplomatische Gespräche mit der Pforte begonnen hatte. Er soll zu diesem Zeitpunkt bereits geäußert haben, daß Großbritannien sich mit Rußland verbünden würde, um die Zerstö­rung des Osmani­schen Reichs herbeizuführen, falls der Sultan einen britischen Flottenstützpunkt vor Zypern ab­lehnte.[15] So kam es ein halbes Jahr später schließlich zu dem Bei­standspakt. Dabei

waren das Osmanische Reich und England keine gleichen Partner: Auf der einen Seite stand ein wirtschaftlich, militärisch und politisch am Rand des Zusammenbruchs stehendes Großreich, auf der anderen Seite die stärkste imperialistische Macht der Welt.[16]

Das Verhältnis der Mächte spiegelte sich in dem Vertrag wider:

If Batoum, Ardahan, Kars, or any of them, shall be retained by Russia, and if any attempt shall be made at any future time by Russia to take possession of any further territories of his Imperial Majesty the Sultan in Asia, as fixed by the definitive Treaty of Peace, England engages to join his Imperial Majesty the Sultan in defending them by force of arms.

In return, his Imperial Majesty the Sultan promises to England to introduce necessary reforms, to be agreed upon later between the two Powers, into the Government and for the protection of the Christian and other subjects of the Porte in these territories; and in order to en­able England to make necessary provision for executing her engagement, his Imperial Majesty the Sultan further consents to assign the Island of Cyprus to be occupied and administered by England.[17]

Obwohl, formal gesehen, der Sultan die Souveränität behielt, verwalteten die Briten die In­sel selbständig. Damit war das Ende der osmanischen Herrschaft auf Zypern besiegelt, und am 12.7.1878 landeten dort schon die ersten britischen Truppen.

Uneigennützig, auch wenn dies bisweilen sogar die moderne englische Geschichtsli­teratur suggeriert, war der Beistandspakt seitens der Engländer sicher nicht geschlos­sen worden. Mit der Insel Zypern als festen Flottenstützpunkt sicherten sie sich den Seeweg nach Indien über den Suezkanal. Von Zypern aus hätte auch im Notfall ein russi­sches Vor­dringen zum Mittelmeer gestoppt werden können; diese Überlegungen traten jedoch in den Hin­tergrund, als Großbritannien ab 1882 mit Alexandria einen strategisch noch gün­stigeren Stützpunkt besaß.[18]

Einige Historiker vermuten, daß Großbritannien daraufhin Zypern lediglich behalten habe, damit keine andere Großmacht die Insel in ihren Besitz nehmen würde.[19] Be­denken gegen die Übernahme hatten schließlich schon zeitgenössische Politiker ge­äußert, vor allem wegen der zweifelhaften wirtschaftlichen Rentabilität der Insel. Aufgrund des vertraglich ausgehandelten Pachtzinses von 92.799 Pfund Sterling pro Jahr[20], den England an das Osmanische Reich zu zahlen hatte, befürchtete man auch, daß England mit Zypern finanzielle Verluste erleiden würde.[21] Letztendlich haben sich die englischen Politiker jedoch in der Zypernfrage von dem Empire-Gedanken leiten lassen, so daß die Besetzung der Insel in Folge der britischen „stepping stones politics“[22] zur Konsolidie­rung Großbri­tanniens als Weltmacht zu sehen ist, wobei die ökonomische Ausbeutung im Hintergrund stand.

Zusammenfassend kann man folgende Hauptmotive für die Übernahme Zyperns durch Großbritannien nennen:

1. Man hatte Zypern wegen seiner günstigen geographischen Lage ausgewählt: Mit einem Flottenstützpunkt auf Zypern glaubte man nämlich ein russisches Vordrin­gen in den östlichen Mittelmeerraum wie auch die rasche Aufteilung des Osmanischen Reichs verhindern zu können.
2. Von Zypern aus hoffte man sich den See- und Handelsweg nach Indien über den Suezkanal sichern zu können.
3. Der Empire-Gedanke, d.h. die Expansion Großbritanniens über alle Kontinente und das damit verbundene Streben nach Weltmacht, war die ideologische Moti­vation Großbritanniens ein weiteres Gebiet auf der Welt zu regieren.

3.2. Die Veränderungen während der ersten Jahre der englischen Okkupation (1878-1900)

Die Haltung der Zyprioten gegenüber der neuen Obrigkeit war sehr unterschiedlich. Die griechischen Zyprioten begrüßten die Engländer zu­nächst mit großer Begeiste­rung, weil sie hofften, von ihnen aus der osmanischen Unterdrüc­kung befreit zu wer­den. Außerdem waren sie davon überzeugt, daß England, nachdem es für mehr Ge­rechtig­keit zwischen den Bevölkerungsgruppen auf der Insel gesorgt hatte, über kurz oder lang ihren Forderungen nach der Vereinigung mit Griechenland, wie sie die Enosis-Bewegung forderte, nachkommen würde. Man sah in England vor allem die philhellenische Schutzmacht, die im Jahre 1863 die Ionischen Inseln an Griechenland abgetreten hatte. Als am 22. Juli 1878 Sir Garnet Wolseley[23], Zyperns erster engli­scher Hochkommissar, in Larnaka eintraf, wurde er vom Bischof von Kition mit fol­genden Worten begrüßt: „We accept the change of government inasmuch as we trust that Great Britain will help Cyprus, as it did the Ionian Islands, to be united with Mother Greece, with which it is naturally connected.“[24]

Daran sieht man, wie ernst es den griechischen Zyprioten mit ihrer Forderung nach Enosis schon zu Beginn der englischen Herrschaft war. Die moslemischen Zyprioten dagegen traten den Engländern mit einer gewissen Skepsis ge­genüber. Sie fürchteten, ihre Privilegien zu verlieren.[25]

Sehr schnell nach Ankunft der Engländer auf Zypern stellte sich jedoch heraus, daß sowohl die Hoff­nungen und Forderungen der griechischen Zyprioten unerfüllt blie­ben, als sich auch die Ängste der moslemischen Zyprioten als unbegründet erwiesen. Letztere blieben in ihren Ämtern, sie behielten ihre Posten in der Administration, bei der Polizei etc. Ihre Privilegien wurden gesichert und ihre Löhne sogar erhöht.[26] Diese Haltung Englands den beiden Volksgruppen gegenüber, gründete auf einem überwie­gend „imperialen Denken“[27] der Regierung. Die Begünstigung der tür­kischen Zy­prioten wurde immer wieder damit begründet, daß man sich an den Vertrag mit dem Osmani­schen Reich halten müsse, der eine Klausel zugunsten der türkischen Bevölkerung enthielt.[28] Gleichzeitig versuchte man die Enosis-Bewe­gung zu unter­drücken. Wiederholt machten die englischen Politiker den griechischen Zyprioten gegenüber unverbindliche Versprechen und zeigten vermeintliches Verständnis für die Be­wegung, doch jedes­mal, wenn auf griechisch-zypriotischer Seite konkrete For­derungen gestellt wurden, beriefen sich die Briten wieder auf ihre Ver­pflichtungen dem Vertragspartner gegenüber. In der pro-griechisch-zypriotischen Literatur[29] wer­den die unerfüllten Versprechen der Engländer häufig besonders betont, in der pro-türkischen[30] dagegen oft heruntergespielt.

Nach der Eroberung Alexandrias, war das Interesse an Zypern gesunken und dem­entsprechend fielen die britischen Investitionen in die zypriotische Wirtschaft gering aus. „Ei­nige Straßen, der Ausbau des Hafens von Famagusta sowie der Bau einer Kleinbahn von der Hafenstadt über Nikosia nach Morfu – viel mehr ließ man den neuen Untertanen ihrer Maje­stät nicht angedeihen.“[31] Infolgedessen lebte die Mehr­heit der Zyprioten weiterhin in Armut. Die meisten Kleinbauern waren verschuldet. Auch die Hoffnung, von den hohen steuer­lichen Belastungen befreit zu werden, er­füllte sich nicht. Im Gegenteil: Die zyprioti­sche Bevölkerung finanzierte mit ihren Steuern von diesem Zeitpunkt an den zwischen der Pforte und Großbritannien ausge­handelten Pachtzins, den Großbritannien an den Sultan zu zahlen hatte. Er wurde auf der Grundlage der durchschnittlichen Aktivbestände in der zypriotischen Verwaltung nachträglich für die vorhergehenden fünf Jahre berechnet. Dies entsprach nach da­maligen offiziellen Schätzungen einer Pro-Kopf-Besteuerung (Männer, Frauen und Kinder) von 0,5 Pfund, was angesichts der niedrigen Einkünfte eine sehr hohe Summe war.

[Letztendlich] wurden diese Steuereinnahmen nie an die Türken gezahlt, sondern an Briten und Franzosen, die Besitzer von Schuldverschreibungen des Osmanischen Reichs aus dem Jahre 1855 waren, für die Großbritannien und Frankreich die Bürgschaft übernommen hatten, weil diese Schuldverschreibungen 1875-76 von den Türken gekündigt wurden.[32]

Dies bedeutete eine große finanzielle Belastung für die Zyprioten, die mit den Kre­diten eigentlich gar nichts zu tun hatten.

Der britische Hochkommissar war zunächst dem Außenministerium unterstellt, doch bald wurde die Verantwortung für die zypriotischen Angelegenheiten dem Kolo­nialministerium übertragen. Die eigentliche Exekutivgewalt besaß der Hochkommissar, der mit der Unterstüt­zung von einigen britischen Verwaltungsbe­amten regierte. Der Exekutivrat, der ausschließlich aus hohen britischen Beamten bestand, hatte nur eine beratende Funktion. Die bedeutendste Än­derung im Verwal­tungssystem war die Einführung eines Legislativrates, der den Inselbewohnern ein Mitspracherecht einräumte. Aber trotz dieses Zugeständnisses gab es große Schwie­rigkeiten, da die zwei zypriotischen Bevölkerungsgrup­pen bezüglich ihrer politischen Pläne für Zypern uneinig waren. Die moslemischen Zyprioten lehnten die Forde­rung nach Enosis genauso strikt ab wie die Kolonialherren. Obwohl die griechischen Zyprioten entsprechend dem höheren Bevölkerungsanteil mehr Vertreter im Legisla­tivrat hat­ten, konnten sie in der Enosis-Frage immer überstimmt werden[33]:

Die sechs englischen Vertreter konnten [...] mit Hilfe der drei zypern-türkischen Abgeordneten jede Initiative der neun Zypern-Griechen im ‚Legislative Council‘ torpedieren, denn bei Stimmen­gleichheit verfügte der Gouverneur über das entscheidende Votum (Order in Council).[34]

Auch in der Kommunalverwaltung folgten die Briten dieser kolonialen Tradition und teilten die Posten entsprechend der griechisch-zypriotischen Mehrheit und türkisch-zypriotischen Minderheit auf, was nach Einschätzung von Gallas historisch betrachtet fatale Folgen haben sollte:

Nur so konnten die aus dem osmanischen Millet- System hervorgegangenen Strukturen fortbeste­hen, nur so konnte aus ethnischer Vielfalt ein ethnischer Konflikt erwachsen, der in den 50er Jah­ren zu einem blutigen Bürgerkrieg führen sollte. Ein gemeinsames Nationalbewußtsein, das in der Vergangenheit zeitweise durchaus existiert hatte, war damit für die Zukunft ausgeschlossen, da die kolonialen Institutionen der Briten immer darauf bedacht waren, zwischen Türken und Griechen zu trennen.[35]

Wirtschaftlich gesehen entwickelte sich die Insel kaum, und auch ihre zunehmende Industriali­sierung wirkte sich eher negativ auf die so­zioökonomische Lage Zyperns aus. As­best- und Kupferminen waren die einzigen industri­ellen Zweige der Insel, die wirtschaftlich ren­tabel waren, doch es „herrschte ein Manchester-Kapitalismus übel­ster Prägung“[36]. Die Minen­arbeiter bekamen so geringe Löhne, daß sie ihre Familien nicht einmal mit Grundnahrungsmit­teln versorgen konnten. Nur sehr langsam wur­den einige Maßnahmen ergriffen, die zur Bes­serung der Lage beitragen sollten. Dazu gehörten zunächst die Trockenlegung der malariaver­seuchten Sümpfe bei Larnaka, die Einrichtung einer modernen Forstverwaltung sowie eines neuen Gesundheitssy­stems. Auch wurden ein modernes Bildungssy­stem eingeführt und viele Schulen gebaut. Innerhalb von 20 Jahren (1881-1901) stieg die Zahl der Schulen für die christliche Bevölkerung von 94 auf 238. Aber auch für türkischsprachige Kinder entstanden neue Lehrstätten. Außerdem förderten die Engländer die Gründung agra­rischer Ge­nossenschaften für die hochverschuldeten Landwirte.[37]

Im Allgemeinen versuchten die Kolonialherren am Anfang, keine allzu starke Re­pressionspoli­tik zu führen. Sie erlaubten zunächst, daß sich kulturelle und politische Vereinigungen bilde­ten, und die ersten zypriotischen Zeitungen konnten erscheinen. Für die griechischen Zyprioten war der Erzbischof der unumstrittene politische Füh­rer, während den türkischen Zyprioten zu diesem Zeitpunkt eine solche Figur fehlte.[38]

Trotz allmählicher Fortschritte konnte sich aufgrund der extremen Steuerlast für die Bevöl­kerung die soziale Lage nicht wesentlich verbessern. Deswegen war die For­derung nach dem Abzug der Briten bald das wichtigste politische Ziel der christli­chen Zy­prio­ten. Entweder wurde sie im Rahmen der Enosis-Bewegung geäußert oder aber wegen der un­erträglich hohen Tributzahlungen. Großbritannien blieb jedoch hart.

Die türkischen Zyprioten waren in zwei Lager gespalten: die einen favorisierten den Fortbestand der britischen Herr­schaft, die anderen forderten die Rückgabe Zyperns an die Türkei. Diese Forderung stand nie ernsthaft zur Diskussion, zumal Großbri­tannien nach dem Kriegseintritt der Türkei auf seiten Deutschlands am 5. November 1914 Zypern annektierte und schließlich am 10. März 1925 zur Kronkolonie er­klärte.[39] Als dann 1931 die Steuern und Zölle noch einmal erhöht wurden, ent­flammte ein Auf­stand gegen die Briten. Das Haus des Gouverneurs wurde angezün­det, und man rief öffent­lich eine Revolution aus. Die Engländer schlugen die Revolte jedoch nieder, indem sie Truppen aus Ägypten anforderten und die vermeintlichen Rädelsführer der Aufständischen deportier­ten. Danach verboten die Kolonialherren sämtliche politische Parteien.[40]

Die demographischen Änderungen in den ersten 40 Jahren der britischen Herrschaft weisen ethnologische Tendenzen auf, die auch die Zusammen­setzung der heutigen zypriotischen Bevölkerung geprägt haben:

Diese Änderungen sind aus zuverlässigen Daten der offiziellen Volkszählungen der britischen Be­hörden abzulesen, welche nach 1881 alle zehn Jahre durchgeführt wurden. Die gesamte Bevölke­rungszahl Zyperns weist einen steigenden Trend auf. So erreichte die Bevölkerungszahl im Jahre 1881 185.630, im Jahre 1891 209.286, im Jahre 1901 237.022 und 1911 274.108. Die Verteilung dieser Zahl auf einer kommunalen Basis sieht folgendermaßen aus:

1881 1891 1901 1911

Griechische Zyprer 73,9% 75,8% 77,1% 78,2%

Türkische Zyprer 24,4% 22,9% 21,6% 20,6%

Latiner 1,1% 0,4% 0,4% 0,3%

Armenier 0,1% 0,1% 0,2% 0,2%

Maroniten 0,6% 0,5% 0,4%

Andere 0,5% 0,2% 0,2% 0,3%

Aus der oben angeführten Tafel ist die kontinuierliche Minderung der Zahl der türkischen Zyprer ersichtlich, infolge einer gewissen Auswanderung in die Türkei nach der britischen Übernahme der Insel.[41]

Die Fortschritte und Versäumnisse der Kolonialverwaltung auf dem sozioökonomi­schen Sektor stellen sich, wie Tzermias resümiert, wie folgt dar:

Die Modernisierung des Verwaltungsapparates, die Abschaffung des Steuerpachtsy­stems, die Bekämpfung der Korruption, der Straßenbau, die Wiederaufforstung, die Dorfwasserversorgung, die Versuche zur Förderung des Agrarkreditwesens, die Grün­dung landwirtschaftlicher Genossenschaften, die Schaffung eines effizienten öffentli­chen Gesundheitsdienstes, die Ausrottung der Malaria, die geordnete Rechtsprechung nach angelsächsischem Vorbild, der Ausbau gut funktionierender Bildungsinstitutionen, der Rückgang des Analphabetismus, die Förderung des Presse­wesens u.a. gehören hierher. Da die Insel vorwiegend unter dem Gesichtspunkt der Interessen der Kolonialmacht verwaltet wurde, wies sie noch in der Schlußphase der britischen Herrschaft deutliche Zeichen der sozioökonomischen Unterentwicklung auf. Der ausgesprochen landwirtschaftliche Charakter Zyperns, der unter anderem aus den offiziellen britischen Angaben ersichtlich war, entsprach den Bedürfnissen des Indu­strielandes England. [...] Eine Konsumgüterindustrie größeren Stils gibt es auf Zypern nicht. Die Engländer haben darauf keinen Wert gelegt. Sie haben sich überhaupt pri­vatwirtschaftlich kaum um die Insel gekümmert.[42]

Es sei außerdem noch einmal auf die langsame Entwicklung auf dem landwirtschaft­lichen Sektor hingewiesen, die aus verschiedenen Problemen wie die Zersplitterung des Besitzes, die Verschuldung der Kleinbauern, die finanziellen Abhängigkeit der ländlichen Bevölkerung von Wucherern und die kirchlichen sowie privaten Groß­grundbesitzes hingewiesen. Nicht zuletzt trugen wohl die Tributzahlungen einen we­sentlichen Teil zur „Unterdrückung einer kleinen Gemeinschaft durch eine große Macht“[43], wie Winston Churchill konstatierte, bei.

II. THEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN ZUM THEMA REISEBERICHT

1. Reisen im 19. Jahrhundert

Im Europa des 19. Jahrhunderts wurde das Reisen sehr populär. Die Reisewelle er­griff auch immer mehr Bevöl­kerungs­gruppen, zumal moderne Transportmittel wie Schiff und Eisenbahn, die die Men­schen in ferne Länder brachten, immer preisgün­stiger wurden, so daß sich auch Angehörige der Mittelschicht größere Reisen leisten konnten. Diese wirtschaftliche Veränderung ebnete den Weg für die An­fänge der organisierten Reise und des Massentourismus. Thomas Cook, Pionier unter den Rei­severanstaltern, eröffnete 1845 das erste Reisebüro und führte 1872 die erste touristi­sche Reise um die Welt durch.[44] Im Jahr 1829 war in Deutschland der erste Baedeker erschienen, der kurze Zeit später auch in an­deren Sprachen gedruckt wurde. Mit der Erfindung des Reiseführers ging auch die Entwicklung zur Normierung des Reisens und die Festlegung der Sehenswürdigkeiten einher. Dies war ein Ein­schnitt in der Geschichte der individuellen Reiseerfahrung, da die Reise als solche nicht mehr in dem Maße der Welterfahrung diente, wie in den Jahrhunderten zuvor. Doch diese Entwicklung vollzog sich erst langsam im 19. Jahrhundert. Das Interesse für fremde Länder und Kulturen wurde immer größer, so daß häufiger auch große Ausstellungen organisiert wurden, die Bilder, Zeichnungen und Photographien von fremden Län­dern und Landschaften sowie exotischen Motiven zeigten. In London waren im Rahmen der Great Exhibition von 1851 vor allem Exponate aus den englischen Ko­lonien gezeigt. Zu dieser Ausstellung reisten Menschen aus ganz England an, und so wurde hier die unmittelbare Reiseerfahrung durch ein neues Medium ersetzt.[45] Par­allel zu der Weltausstellung kam eine an­dere, verwandte Zeiterscheinung auf: das große Panorama. Diese Form des Riesenrundgemäldes stellte immer häufiger Städte­ansichten dar, wodurch das Genre der „Tourismusmalerei“ geschaffen wurde.[46] An­gesichts des Erfolgs dieser Panoramen überrascht es nicht, daß sich auch Reisebe­richte weiterhin großer Beliebtheit beim Lesepublikum erfreuten – nicht nur solche über touristi­sche Reisen, die man womöglich selbst nachvollziehen konnte, sondern insbesondere Be­richte von Forschungsreisenden und Missionaren, die es in exotische Gebiete zog.

So wie die Entdeckungsfahrten des 16. und 17. Jahrhunderts aus merkantilen und kolonisatorischen Bestrebungen erwuchsen, waren die viktorianischen Missionare und Forschungsreisenden in den imperialistischen Diskurs verstrickt. Selbst in Charles Darwins Voyage of the Beagle (1839), also einem naturwissenschaftlich ausgerichte­ten Bericht über Gebiete, die in der Mehrzahl kein Objekt britischer Kolonisationsge­lüste darstellen, finden sich Passagen, die den imperialistischen bzw. zi­vilisationsmis­sionarischen Anspruch Bri­tanniens deutlich aussprechen.[47]

2. Der Reisebericht

Seit jeher besteht ein enger Zusammenhang zwischen Reisen und Erzählen. So stellt z.B. auch Brenner fest, daß diese Verbindung sich

über Jahrhunderte hinweg im Reisebericht manifestiert [hat]; und er [...] wohl nicht zuletzt wegen seiner Affinität zum unterhaltenden Erzählen bis in die Ge­genwart ein gewisses Wohlwollen sowohl beim Publikum wie auch bei der literaturwissen­schaftli­chen For­schung [genießt]. Das bedeutet freilich nicht, daß sein Rang als eine ernstzu­neh­mende literarische Gattung stets unbestritten gewesen wäre oder es auch nur heute gewor­den sei. Den Leser haben wohl in der Regel weniger die literarischen Qualitäten als die in­haltlichen Reize der Gattung zur Lektüre animiert.[48]

Einerseits ist bis heute die Geschichte dieser Gattung nicht vollständig erfaßt, doch andererseits hat die For­schung sie auch nicht gänzlich ignoriert. Vor allem im Positi­vismus wurden einige Versuche unternommen, eine Gattungsgeschichte zu erstellen, wobei der kulturwissenschaftliche Aspekt jedoch stark im Vordergrund stand. Das Interesse der Forscher lag vorwiegend auf den Reiseberichten des 18. Jahrhunderts. Dies wird von Brenner wie folgt kommentiert:

Die starke Konzentration auf das 18. Jahrhun­dert ist nicht illegitim, denn in der Tat hat die Gattung hier wohl quantitativ wie qualitativ ihren Höhepunkt gehabt; und durch die Untersuchung dieser Epoche konnten von der For­schung tragfähige Kategorien herausgearbeitet werden. Dabei sind die Schwierigkeiten einer philologischen Erfor­schung des Reiseberichts deutlich hervorgetreten. Mehr als die meisten anderen litera­rischen Formen verlangt er nach einem multidisziplinären Zugriff; eine rein philolo­gisch oder poetologisch orientierte Fragestellung kann zwar durchaus ge­wisse Er­geb­nisse erzielen, kaum aber den Besonderheiten der Gattung wirklich gerecht werden. Das ist nur möglich, wenn sie in den Zusammenhängen gesehen wird, aus denen her­aus sie entstanden ist – Zusammenhängen literarischer, philosophi­scher und überhaupt geistesge­schichtlicher, zudem sozialhistorischer, politischer, naturwis­senschaftlicher, geographiewissen­schaftlicher, ethnologischer, anthropologischer und ver­wandter Entwicklungen im europäischen Kontext.[49]

Im Rahmen dieser Arbeit kann die Gattung Reisebericht als solche auch nur mit ei­nem selektiven Blick betrachtet und lediglich eine Annäherung an ein Gattungsver­ständnis vollzogen werden. Die Analyse der einzelnen Textbeispiele soll aller­dings multidisziplinär gestaltet werden, d.h. eine ausschließlich philologische Analyse ist nicht ihr Ziel, wenngleich nicht außer Acht gelassen wird, daß es sich um eine litera­rische Gattung handelt, die ihre eigenen Formen herausgearbeitet hat. Oben genannte Wissenschaften wie Politik, Sozialgeschichte oder Philosophie werden weitreichend berücksichtigt.

2.1. Zum Gattungsverständnis

Eine erste Definition der Gattung Reiseliteratur formuliert Brenner so:

Zur Bezeichnung der Gattung erscheint der Begriff des ‚Reiseberichts‘ unter den vie­len konkurrie­renden Kategorien - wie Reisebeschreibung, Reiseliteratur oder auch Reiseroman – als der plausi­belste, ohne daß das zu dogmatischen Diskussionen her­ausfordern sollte.[50] Der Begriff kennzeichnet mit der gebotenen Neutralität den Sach­verhalt, um den es geht: die sprachliche Darstellung authentischer Reisen. Über ästhe­tische Qualitäten und Ambi­tionen ist da­mit nichts ausgesagt; die Gattung vereinigt in dieser Beziehung die extremsten Gegensätze. Auch ist damit nichts präjudiziert über den Wahrheitsgehalt des ‚Berichts‘. Er soll sich per definitionem nur auf wirkliche Reisen beziehen, aber den Verfassern liegt doch ein breiter Spielraum zwischen Au­thentizität und Fiktionalität der Beschreibung of­fen, der sowohl individuell wie auch epochen­spezifisch ganz verschieden ausgefüllt wurde.[51]

Dieser Begriffsbestimmung folgend erscheint es trotzdem nötig sie zu er­gän­zen und gegen andere literarische Gattungen abzugrenzen.

Zunächst muß festgehalten werden, daß der Reisebericht auf der Erfahrung eines Sub­jektes mit einer fremden Welt basiert, was impliziert, daß er einen hermeneuti­schen Prozeß wieder­gibt. Dieser bezieht sich sowohl auf das Verständnis des Verfas­sers als auch des Lesers. Der Text selbst verrät aber nicht nur etwas über die bereiste Landschaft, sondern auch über den Reisenden, seine Denkweisen und sein Kul­tur­verständnis. In jedem Reisebericht ist dieses Verhältnis allerdings unterschiedlich stark ausgeprägt, in dem einen dominieren die landeskundlichen Sachinformationen, in dem anderen steht das reisende Ich im Vordergrund. Daher ist es wichtig, die je­weilige Funktion des Reiseberichts zu erfas­sen. Es ist zu fragen, ob sie unterhaltsam, belehrend oder informativ, oder beides, sein sollen. Einige Berichte sind auch so angelegt, daß der Leser das Gefühl hat, die Reise mitzuerleben. Alle diese Kriterien unterscheiden den Reisebericht aber nicht unbedingt von anderen Gattungen, wie dem Tagebuch, den Memoiren u.a., weshalb es nötig ist, die unterschiedlichen For­men der einzelnen Texte näher zu beleuchten.

2.2. Textformen, Textgenese und das Problem der Authentizität

Die Wandelbarkeit der Gattung „Reisebericht“ macht die Bestimmung einer charak­teristischen Text­form unmöglich.

Zu Recht ist der Reisebericht also als ‚hybride‘ oder ‚androgyne‘ Gattung be­zeichnet worden. ‚As a literary form‘, resümiert der Reise­schriftsteller Jonathan Raban [...], ,travel writing is a notoriously raffish open house where very different genres are likely to end up in the same bed‘.[52]

Oft besteht ein Text aus einem Konglo­merat von erzählenden, be­schreibenden, kommentierenden oder erläuternden Passagen. Den unterschiedlichen Merkmalen aus verschiedenen Gattungen ist es zuzuschreiben, daß der Bericht die Gestalt eines Essays, eines Tagebuchs, einer Repor­tage oder einer Anekdote annehmen kann. Au­ßerdem ist die Art des Berichts jeweils noch durch das Motiv der Reise geprägt, d.h. man unter­scheidet noch zwischen den verschiedenen Reisetypen, wie Bildungs-, Vergnügungs-, Forschungs- oder Pilgerreisen. Auch Link versucht, alle Erschei­nungsformen des Reiseberichts in ein poetologisches Schema einzufügen. Er stellt eine Typologie auf, die sich aus folgenden Punkten zusammensetzt:

1. Reiseführer und –handbücher,
2. (Populär-)wissenschaftliche Reiseschriften, Entdeckungs- und Forschungsbe­richte seit dem 16. Jahrhundert,
3. Reisetagebücher, -berichte, -beschreibungen, -schilderungen, -erzählungen,
4. Reisenovellen und -romane.[53]

Diese Auflistung bewertet er nach dem jeweiligen Maß an Fiktionalität. Je mehr epi­sche Elemente er­kennbar sind, desto literarischer und bedeutender ist der Text. Im besten Fall handelt es sich dann um die zweckfreie Verdichtung eines Erlebnisses. Doch wie auch Neuber in seinem Aufsatz schreibt, ist

Fiktionalität [...] kein Prinzip, das dem jeweiligen Text von vorneherein inhärent wäre: Entdec­kungsberichte lassen sich nicht allein zur Sachinformation lesen, sondern auch zur Erbauung oder gar als Fiktion; zum anderen kann auch fiktive Reiseliteratur als Tatsachenbericht verstanden wer­den. So gesehen, bedeutet Fiktionalität nicht das in­tentionale Abweichen vom Faktischen einer vorgegebenen Realität, sondern vielmehr von dem, was einer Gesellschaft an einem bestimmten geschichtlichen Ort als das Glaubhafte erscheint. Die Kriterien ‚fiktiv‘ vs. ‚realitätskonform‘ wer­den damit als li­teraturwissenschaftliche analytische Kategorien der Poetik des Reiseberichts obso­let. An die Stelle des Maßstabs der Empirie bzw. Realitätsrepräsentation im Text tritt der Maßstab der argumentativen Beglaubigung des Berichteten im jeweiligen geschichtli­chen Kontext. Dies be­deutet eine methodische Hinwendung zu einer historischen To­pik, einer Argumentationstheorie des Reiseberichts; Gegenstand ist nicht mehr die Übereinstimmung des jeweiligen Texts mit der ‚Wirklichkeit‘, sondern sein selbstbe­stimmtes Verhältnis zu ihr und zugleich auch seine materielle, thematische Band­breite. Die ‚Literarizität‘ eines Reiseberichts wird solcherart bestimmt durch die Fin­dung und Auswahl (inventio) seines Materials sowie dessen argumentative und stilisti­sche Ver­arbeitung.[54]

Man kann sagen, daß der Reisebericht in einem selbstbestimmten Verhältnis zur Realität zu sehen ist, aber um das spezielle Verhältnis von Wirklichkeit und ihrer literarischen Darstellung definieren zu können, müßte man zu­nächst die Realität er­fassen, was aufgrund der subjektiven Wahrnehmung der Geschichtsschreiber und Literaten kaum möglich erscheint. Um das Verhältnis trotzdem beschreiben zu kön­nen, muß man bestimmte Kriterien aufzustellen. Dabei ist es allerdings nicht zu un­terstützen, wie es Korte tut, die Fiktiona­lität des Reiseberichts vorauszusetzen. Sie schreibt diesbezüglich:

Ein Reisetext ist nach gängigem Gattungsverständnis kein Bericht, wenn er die Reise nicht erzählt. Reiseberichte sind also zumindest in ihren Grundzügen narrative Texte, die die Reise als Handlung präsentieren. Mit diesem erzählenden Moment des Rei­se­berichts hängt eng ein weiteres Genrekennzeichen zusammen: seine grundsätzliche Fiktionalität, die nur auf den ersten Blick dem eingangs genannten Merkmal wider­spricht, daß Reiseberichte über eine tat­sächlich erfolgte Reise berichten, sich also auf eine vom Text unabhängige, empirisch zugängliche Wirklichkeit beziehen. Der Glaube an die Au­thentizität der berichteten Reise mag für viele Leser (ähnlich wie bei der Lektüre von Au­tobiographie und Geschichtsbeschreibung oder dem Konsu­mieren von reality TV) einen besonderen Reiz des Reiseberichts ausmachen.[55]

Es ist zwar richtig, daß der Reisebericht in seinen Grundzügen meist ein narrativer Text ist, und daß aufgrund der Diversität seiner Gattungsmerkmale eine „Definition [des Reiseberichts] nur einen Gattungs kern bezeichnen kann“[56], aber eine grundsätz­liche Fiktionalität vorauszusetzen, widerspricht der Tatsache, daß die Reise als sol­che nachprüfbar ist. Deshalb kann nicht jeder Reisebericht als Fiktion gelesen wer­den. Korte verwechselt die Fiktionalität mit der Subjektivität der Wirklichkeitswahr­nehmung der Autoren, die jedem Reisebericht inhärent ist. Somit hängt auch die Objektivität der Texte von der Wahrnehmung des Autors ab. Die Erfahrungen, die ein Reisender macht, werden im Bericht durch den Plot dargestellt. Sie werden zwangsläufig subjektiviert, so daß zwei Menschen, die die gleichen Erfahrungen auf einer Reise machen, diese in ihren Berichten durchaus anders behandeln. Das heißt aber nicht, daß ein Text objektiver ist als ein anderer. Es gibt viele Faktoren, die die subjektive Wahrnehmung beeinflussen, dazu gehört z.B. die Intention des Autors und seine gestalteri­schen Bemühungen, die ausschlag­gebend für die Form des Textes sind:

Eine authentische Reiseerfahrung wird beim Reise-Schreiben also rekonstruiert und da­durch fiktio­nalisiert, auch dort, wo Reiseberichte in Form von Tagebüchern oder Briefen verfaßt sind, die eine geringere Distanz zwischen Erleben und Erzählen sugge­rieren als der rückschauende Bericht, der eine Reise nicht in ‚Tagesetappen‘, sondern als Ganzes verar­beitet.[57]

Die Textgenese betreffend wäre es wohl besser zu sagen, daß beim „Reise-Schrei­ben“ die Reiseerfahrung subjektiviert wird, denn das gedankliche Rekonstruieren und das eigentliche Niederschreiben der Reiseerfahrung schließt ein, daß der Autor sich nach einem zeitlichen Abstand zu seiner Reise vielleicht anders als noch wäh­rend der Reise an sie erinnert, weil ihm nicht alle Erfahrungen gleichermaßen im Gedächtnis geblieben sind. In diesem Zusammenhang unterliegt die schriftliche Be­arbeitung der Erlebnisse möglicherweise auch stilistischer und sprachlicher Mittel wie Auswahl, zeitliche Umstellung, Raffung, Kürzung und/oder Erweiterung des Stoffes.

Die subjektive Wahrnehmung ist außerdem geprägt von den kunstästhetischen sowie weltanschaulichen Auf­fassungen des Autors. Die fragmentarische Erinnerung an eine Reise muß sich letztendlich zu einem schlüssigen Ganzen fügen, schließlich will der Leser ein konsistentes Bild der Wirklichkeit der Fremde präsen­tiert bekommen. Für Brenner ist das

eine Konsequenz des Erwartungsdrucks, dem die Reiseberichte von Seiten ihrer Rezi­pienten in der Ausgangskultur ausgesetzt sind und ihre Darstellungsform des Fremden präformiert. Das Bild des Fremden, das der Reisebericht in seiner Darstellung ent­wirft, unterliegt so von vorneherein Vor­stellungen, welche die eigene Kultur hervor­gebracht hat.[58]

Diese Tatsache bedeutet für Brenner auch, daß die Wahrnehmung des Reisenden an ideolo­gische Ketten gebunden ist, denen die Berichterstatter unterliegen.[59] Daraus folgert er weiter, der Bericht gäbe gleichermaßen Auskunft über die Ausgangskultur, ihr kulturelles Selbstver­ständnis sowie die Kultur der bereisten Region. Dabei hält er jedoch folgendes für be­denkenswert:

Diese Prägung ist in ihren Voraussetzungen nicht nur von einer Seite des doppelpoli­gen Verhält­nisses Fremdes – Eigenes aus zu klären; weder eine naive Wahrnehmung­stheorie, die das Gesehene und Dargestellte schon für das Richtige hält, noch eine reine Präformationstheorie, welche die Wahrnehmung des Fremden nur aus den ei­genkulturellen Bedingungen heraus erklären will, wird dem Sachverhalt gerecht.[60]

Weitere Faktoren für die subjektive Darstellungsform einer authentischen Reiseer­fahrung beschreibt Brenner wie folgt:

Sie [die subjektiven Darstellungsformen] sind bestimmt durch den sozialen Status der Reisenden und durch ihre Einbindung in die Men­talität gesellschaftlicher Gruppen; sie hängen wesentlich ab vom technischen und organisatorischen Standard der Verkehrs­mittel; und schließlich werden sie geprägt von persönlichen Dispositionen des Reisen­den, die sich kristallisieren in seinem Bildungsstand, seinen Vorkenntnissen, seinen In­teressen und seiner allgemeinen Wahrnehmungsfähigkeit. Diese vielfältig ineinan­der verflochtenen Bedingungen der Fremderfahrung lassen sich nur in der Interpreta­tion des konkreten Falles er­schließen.[61]

Für die Analyse der einzelnen Texte ist es nützlich, noch auf weitere Gattungsmerk­male wie z.B. die auto­biographische Erzählweise innerhalb des Reisebe­richts hinzu­weisen. Sie steht eng im Zusammenhang mit dem Authentizitätsanspruch der Gat­tung:

Zwi­schen dem Berichterstatter und dem Reisenden in der Reisehandlung besteht die Personal­union der Ich-Erzählung. Der Charakter des Autobiographischen kommt da­durch zustande, daß sich diese Union zudem auf den Autor erstreckt. Reiseberichte werden in der Annahme rezipiert, daß Marco Polo oder Bruce Chatwin in den jeweili­gen Texten mit dem tatsächli­chen Polo oder Chatwin grundsätzlich identisch sind. Dies bedeutet allerdings nicht, daß man literarästhetisch gesehen nicht doch zwischen Autor, Berichterstatter und Reisendem differenzieren muß. Der Berichterstatter als In­stanz im Text kann sich unter Umständen erheblich vom ‚realen‘ Autor des Berichts unterschei­den; seine Bericht-Stimme ist nicht selten inszeniert und manipuliert, ge­horcht bestimmten Dar­stellungsabsichten oder unter­liegt gesellschaftlichen Zwängen. Auch gegenüber sich selbst als ‚er­lebendem Ich‘ in der Reisehandlung kann der Be­richterstatter ebenso Distanz einnehmen wie ein Ich-Erzähler im Roman.[62]

Oft findet in Reiseberichten aber nicht nur eine Selbstinszenierung des Er­zählers statt, son­dern auch die Konstruktion und Betonung anderer Figuren, die dem stra­tegischen Interesse des Autors dienlich sind.

Resümierend kann man also zum Gattungsproblem des Reiseberichts sagen, daß in seiner „äußerlichen“ Form die for­male Offenheit und Vielfältigkeit dominiert, wobei die Nähe zu anderen Gattungen wie dem Tagebuch, den Memoiren, dem Ich-Roman gegeben ist. Dies macht einerseits den Reiz dieser Gattung aus, hat andererseits aber auch immer wieder die Streitfrage nach ihrer „Literaturwürdig­keit“ unter den For­schern aufkommen lassen. Vielleicht haben sich auch aus diesem Grund die bisheri­gen Stu­dien zum Reisebericht auf wenige Texte sogenannter etablierter Literaten kon­zentriert.

Die Textgenese betreffend ist zu berücksichtigen, daß das Erinnerungsvermögen eine große Rolle spielt. Man muß, wie schon erwähnt, den zeitlichen Abstand zwischen der tatsächlichen Reise und der eigentlichen Entstehung des Textes berücksichtigen.

Die eigentliche Wahrnehmung der Fremderfahrung des Autors spiegelt sich im Inhalt des Reiseberichts wider und wird durch verschiedene Faktoren beeinflußt. Zum einen spielen dabei das kulturelle Selbstverständnis des Autors, seine Mentalität und so­ziale Herkunft sowie sein Bildungsstand, seine Vorkenntnisse und seine ästhetische Auffassung eine wichtige Rolle. Zum anderen ist aber auch die Erwartungshaltung des Rezipientenkreises nicht von geringer Bedeutung, da diese in gewisser Weise die Wahrnehmung des Autors ebenfalls präformiert.

2.3. Typische Berichtsformen viktorianischer Reisender

Besonders die Berichte der Forschungsreisenden wurden aufgrund der hohen Nach­frage in großen Auflagen gedruckt und fast alle zu populärwissenschaftlichen Best­sellern. Dies lag nicht nur am gro­ßen Interesse der Leser an fernen Ländern, sondern auch an der Konzeption dieser Be­richte. Viele der Forscher inszenierten sich selbst als Helden in der Fremde, die dort diverse Aben­teuer überstanden. Diese Abenteuer­komponente gemischt, mit Sachinformationen, fas­zinierte Leser aller Schichten. Die Forscher und Missionare avancierten sogar zu Nationalhelden, wenn sie sich mit ihren Taten um den Imperialismus verdient gemacht hatten.

In anderen Texten ist besonders auffällig, daß die Bevölkerung hinter den Land­schaftsbeschreibungen verschwindet. Das scheinbar herrenlose Land wird wie ein Gemälde beschrieben. „War die pittoreske Landschaftswahrnehmung, [...] ursprüng­lich rein ästhetischer Natur, ist sie in explorer- Berichten mit einer gar nicht interes­selosen Bedeutung unterlegt – Besitzstreben wird hier künstlerisch verbrämt.“[63]

Wiederum andere Texte stellen die touristische Reiseerfahrung in den Vordergrund. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem Beschreiben der Sehenswürdigkeiten. Ähnlich wie den Besuchern der (bewegten) Panoramen ist es den touristischen Reiseschrift­stellern wichtig, die Besonderheiten gesehen und wenn möglich auch bildlich (pho­tographisch) festgehalten zu haben.

Die meisten Reiseberichte von Touristen sind chronologisch aufgebaut, sie beschrei­ben der Reihe nach alle Orte, die sie besucht haben. Ob die Darstellungen oberfläch­lich und panoramatisch blei­ben, hängt von der Wahrnehmungsfähigkeit des Autors und dem Geschick ab, das Gesehene in Worte zu kleiden. Oft gleichen sie in ihrer äußeren Form den Reiseführern, wie dem Baedeker, da sie den Reisenden selbst hinter den Beschreibungen zurücktreten lassen. Trotzdem ist der Bericht natür­lich von der persönlichen Ansicht des Autors bzw. des Erzählerstandpunktes geprägt.

Die Gemeinsamkeit der Forschungsreiseberichte und der touristischen Reiseberichte be­steht nach Korte in „ihrer weitgehenden Loyalität gegenüber dem Heimat­land“[64].Als Ausnahme konnte der Reisebericht aber auch Zeugnis einer „Flucht [des Autors] aus der eigenen Gesell­schaft“[65] sein. Letztere Berichte betonen die Reise als Ausbruchsmoment: „Im fin de siècle geschieht dies zunehmend in Verbindung mit offen zivilisationskritischen Aussagen sowie einer anti-touristischen und anti-impe­rialistischen Haltung“[66].

Besonders gegen Ende des 19. Jahr­hun­derts werden von Reisenden immer häufiger Aussagen über das bereiste Land ge­macht, die ihren kulturrelativistischen Stand­punkt unterstreichen. Der Gegendiskurs zu den Werten der hochviktorianischen Zeit findet zahlreiche Anhänger. Da die englischen Reisebe­richte, die in dieser Arbeit analysiert werden, aus jener Periode stammen, sind sie unter dem Einfluß dieses Dis­kurses entstanden. Es ist deshalb besonders interessant her­auszuarbeiten, wie die einzelnen Texte mit den genannten Themen umgehen und welcher formaler Mittel sie sich bedienen, um ihren Standpunkt zu verdeutlichen. Im fol­genden wird unter­sucht, ob sich die in diesem Kapitel beschriebenen Merkmale oder viel­leicht sogar „Typen des Rei­seberichts“ wiederfinden lassen.

2.4. Der journalistische Reisebericht als besonderer Typus

Der journalistische Reisebericht muß gesondert von den anderen Reiseberichten be­trachtet werden, weil er spezifische Besonderheiten in Form, Funktion und Inhalt aufweist, die ihn sowohl von literarischen Reiseberichten als auch von anderen jour­nalistischen Formen unter­scheiden. Die erste eigenständige Reisezeitschrift hieß laut Wagner[67] „Excursionist“ und wurde von Thomas Cook gegründet. Sie war das Vor­bild für die eigenständige Reisebeilage, welche wie­derum eng mit dem Feuilleton verknüpft war. Daraus entwickelte sich das sogenannte Rei­sefeuilleton, das durchaus als eigenes Genre angesehen werden kann. Bei der Entstehung die­ses Genres in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts hat die Kölnische Zeitung Vorbildfunktion für ganz Deutschland eingenommen. Sie war die erste Zeitung, die einen Reiseberichter­statter ins Ausland schickte.

Innerhalb dieses jungen Genres bildeten sich nun im weiteren Verlauf verschiedene neue Formen mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten heraus. Einige Be­richterstatter konzentrierten sich auf die Politik oder Wirtschaft des Landes, andere – und das waren die meisten – stellten Unterhaltendes in den Vordergrund. Im Grunde ist also der journalistische Reisebericht eine ebenso variationsreiche Gattung wie der literarische Reise­bericht. Aufgrund der Affinität der beiden Arten soll auch der jour­nalistische Reisebericht aus dem Blickwinkel literaturwissenschaftlichen Arbeitens analysiert werden. Schließlich wird auch hier eine genaue Textanalyse erforderlich sein, um die vorliegenden journalisti­schen Reiseberichte in Form, Inhalt und Funk­tion bestimmen zu können. Ausgangspunkt der Betrachtung wird die schon erläuterte These sein, daß ein Reisebericht nie totale Authentizität erreichen kann, da er durch den Filter der subjektiven Wahrnehmung des Berichter­statters zu sehen ist.

Bei der Analyse publizistischer Reiseberichte ist es sinnvoll, die Absicht zu kennen, die hinter der Veröffentlichung eines Textes steht, d.h. die Funktion des Berichtes. Schließlich handelt es sich bei journalistischen Reiseberichten um Gebrauchstexte, welche je nach Form unterschiedliche Aufgaben haben können. Der Bericht oder die Reportage haben beispielsweise eher eine informierende Rolle, während der Bericht im Feuilleton häufig eine Wertung beinhaltet und das Tagebuch autobiographischen Charakter hat. Schmitz-Forte nennt in seinem Buch die folgenden drei wichtigen Rollen, die der journalisti­sche Reisebericht außerdem einnehmen kann:

Die erste ist diejenige, die die unterhaltende und feuilletonistische Aufgabe des Rei­sejournalismus in den Vordergrund rückt, mit Blick auf jene Reisebeschreibungen, die mit sprachlicher Gewandt­heit, manchmal aber auch mit den blasierten Manierismen ein an Naturschönheiten und kulturellen Sehenswürdigkeiten – also an Nicht-Alltägli­chem – orientiertes Bild einer Region zu zeichnen ver­suchen. Die zweite Position sieht den Reisejournalismus primär als einen ‚Dienst am Leser‘; der Leser suche nach Urlaubsideen und habe ein Bedürfnis, eben solche geliefert zu bekommen.

Schließlich gibt es eine dritte Position, jene der entschiedenen Kritiker des gängigen Reisejourna­lismus; sie bemängeln die ungenügende Qualität journalistischer Reisebe­richterstattung und halten es für unaufrichtig oder blauäugig, die beiden zuvor ge­nannten Funktionen in den Vordergrund zu rücken, da sie als mißbrauchte Legitima­tion nur einem übergeordneten Zweck dienen: der direkten oder indirekten, bewußten oder unbewußten Public Relations und Werbung für das Touristenge­schäft.[68]

Die beschriebenen möglichen Funktionen bezieht Schmitz-Forte auf Reiseberichte aus dem 20. Jahrhundert. Da im 19. Jahrhundert aber der Massentourismus noch nicht so verbreitet war, ging es den Journalisten sicherlich nicht primär darum, ihren Lesern Urlaubsideen zu geben. Frey macht darauf aufmerksam, daß die Reisebe­richte, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschienen sind, „in ganz besonderem Umfang“ im „Dienst der Kolonialpolitik“ gestanden haben.[69]

Es ist nach dem Grund zu fragen, weshalb die London Illustrated Newspaper, die Kölnische Zeitung, sowie Le Monde Illustré zur Zeit der Übernahme Zyperns jeweils einen Korrespondenten, der eine Art Exklusivreporter war, auf die Insel schickten. Es wird außerdem Aufgabe der individuellen und vergleichenden Textanalyse sein, die jeweilige Form der Reiseberichte zu beschreiben und ihre genaue Funktion, auch hinsichtlich der Kolonialpolitik der drei Länder England, Deutschland und Frank­reich festzulegen.

[...]


[1] Choisi, J.: Wurzeln und Strukturen des Zypernkonfliktes 1878 bis 1990. Stuttgart, 1993, 75. Die Autorin stützt sich bei diesen Thesen auf Heide, U.: Nationale Unabhängigkeit im Spannungsfeld von ethnischen Unterschieden, sozialen Konflikten oder Kolonialpolitik. Frankfurt a.M., 1980, 51 und Attalides, M.: Cyprus. Nationalism and International Politics. Edinburgh, 1979, 38f.

[2] Siehe zum Steuersystem: Choisi, J.: Zypern. Berlin, 1987, 73ff.

[3] Hillenbrand, K.: Cypern. München, 1990, 36.

[4] Siehe hierzu: Choisi (1987), 77.

[5] Kadritzke, N./Wagner, W.: Im Fadenkreuz der NATO. Ermittlungen am Beispiel Zypern. Berlin, 1976, 15. Anmerkung: Hohe Pforte ist die Bezeichnung für den Hof des türkischen Sultans bis 1922.

[6] Tzermias, P.: Geschichte der Republik Zypern. Tübingen, 1991, 14.

[7] Siehe hierzu: Klawe, W.: Zypern. Ein politisches Reisebuch. Hamburg, 1988, 67.

[8] Hillenbrand (1990), 38f.

[9] Siehe hierzu: Tzermias (1991) , 23.

[10] Zur Enosis-Bewegung siehe V.3.

[11] Choisi (1987), 78.

[12] Zur „Großen Orientkrise“ siehe Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Schlaglichter der

Weltgeschichte. Bonn, 1994. Im folgenden zitiert als Schlaglichter.

[13] Siehe hierzu: Tzermias (1991), 24.

[14] Siehe hierzu: Hillenbrand (1990), 39f.

[15] Siehe Salih, H. J.: Cyprus: An Analysis of Cypriot Political Discord. New York, 1968, 20f.

[16] Hillenbrand (1990), 39.

[17] „The Anglo-Turkish Treaty“ in: The Illustrated London News, 20. Juli 1878, 2. Im folgenden zitiert als ILN.

[18] Siehe hierzu: Tzermias (1991), 24f.

[19] Siehe hierzu: Gallas, K.: Zypern. München, 1990, 83f.

[20] Choisi (1987), 85.

[21] Siehe hierzu: Tzermias (1991), 17ff.

[22] Schwenger, K. P.: Selbstbestimmung für Zypern. Würzburg, 1964, 7.

[23] Zu Wolseleys Biographie siehe Kap. V.4.

[24] Hill, Sir G. F.: A History of Cyprus. 4 Bde., Cambridge, 1949-1952, Bd. 4, 297.

[25] Siehe Gallas (1990), 80.

[26] Alastos, Doros: Cyprus in History – A Survey of 5000 Years. London, 1955, 319ff.

[27] Siehe hierzu: Kap. V.2.

[28] Siehe hierzu: Hill (1949-1952), Bd.4, 300ff.

[29] Siehe hierzu: Alastos, Doros: Cyprus in History - A Survey of 5000 Years. London, 1955.

[30] Siehe hierzu: Berner, U.: Das Vergessene Volk. Der Weg der Zyperntürken von der Kolonialzeit zur Unabhängigkeit. (Dissertation) Pfaffenweiler, 1992.

[31] Gallas (1990), 84.

[32] Presse- und Informationsamt (Hg.): Zypern. Nikosia, 1991, 168. Diese Gelder wurden sogar bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein gezahlt, obwohl es zu diesem Zeitpunkt kein Osmanisches Reich mehr gab. Doch Zypern mußte für die Schulden der Pforte bei den europäischen Banken aufkommen. Siehe hierzu auch: Gallas (1990), 84.

[33] Siehe hierzu: Presse- und Informationsamt (1991), 167.

[34] Gallas (1990), 84.

[35] Ebd., 85.

[36] Hillenbrand (1990), 41.

[37] Siehe ebd., 41.

[38] Siehe Tzermias (1991), 31.

[39] Siehe Gallas (1990), 85.

[40] Siehe Hillenbrand (1990), 48ff.

[41] Presse- und Informationsamt (1991), 169.

[42] Tzermias (1991), 29.

[43] Winston Churchill zitiert nach Tzermias (1991), 30.

[44] Korte, B.: Der englische Reisebericht - Von der Pilgerfahrt bis zur Postmoderne. Darmstadt, 1996, 118.

[45] Siehe ebd., 118f.

[46] Siehe ebd., 117ff.

[47] Ebd., 119f.

[48] Brenner, P. J. (Hg.): Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung deutschen Literatur: Frankfurt a.M., 1989, 7.

[49] Ebd., 8.

[50] Eine genaue Differenzierung der verschiedenen Begriffe und ein Grundgerüst einer Typologie bietet Link, M.: Der Reisebericht als literarische Kunstform von Goethe bis Heine. Dissertation, Köln, 1963. Der Autor verfällt dabei allerdings in einen positivistischen Formalismus, der nicht zweckdienlich ist. Dies soll aber nicht bedeuten, daß bei der Analyse einzelner Texte die spezifische Formen außer Acht gelassen werden, sofern es der Interpretation von Nutzen ist.

[51] Brenner (1989), 9.

[52] Raban, J.: Coasting. London, 1987, 253. Zitiert nach: Korte (1996), 13.

[53] Siehe Link (1963), 7. und Neuber, W.: „Zur Gattungspoetik des Reiseberichts. Skizze einer historischen Grundlegung im Horizont von Rhetorik und Topik“. In: Brenner, P. J. (Hg.): Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur. Frankfurt a.M., 1989, 50-67. Hier: 51.

[54] Neuber (1989), 51f.

[55] Korte (1996), 13f.

[56] Ebd., 13.

[57] Ebd., 16.

[58] Brenner (1989), 15.

[59] Ebd.

[60] Ebd., 15f.

[61] Ebd., 27.

[62] Korte (1996), 17.

[63] Ebd., 127.

[64] Ebd., 134.

[65] Ebd., 134.

[66] Ebd., 136. Als Beispiel für einen solchen Reisebericht ist folgendes Werk zu nennen: Stevenson, R. L.: Travels with a Donkey – An Inland Voyage – The Silverado Squatters. London/New York, 1984. (1. Auflage 1878.)

[67] Siehe Wagner, F. A.: „Sinn und Unsinn der Reisebeilage“. In: Die Anzeige, Bd. 38, Jahrgang 1962, 1. Märzheft, 30.

[68] Schmitz-Forte, A.: Die journalistische Reisebeschreibung nach 1945 am Beispiel des Kölner Stadt-Anzeigers und der Süddeutschen Zeitung. Dissertation, Köln, 1992, 16f.

[69] Frey, B.: Der Reisebericht in der deutschen Tageszeitung. Untersuchungen über Funktion und journalistische Umformung eines zeitungsfremden Stoffes von den Anfängen bis zum Beginn des 20 Jahrhunderts. Dissertation, Heidelberg, 1945, 63ff.

Details

Seiten
129
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638310079
Dateigröße
992 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v29519
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Vergleichende Literaturwissenschaft
Note
2
Schlagworte
Besitznahme Zyperns Großbritannien Spiegel Presse Reiseliteratur

Autor

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Titel: Die Besitznahme Zyperns durch Großbritannien im Spiegel der Presse und Reiseliteratur