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Hofmannsthals "Elektra" und deren Interpretationen unter einem literaturpsychologischen Blick

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 12 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Grundzüge der Literaturpsychologie

2. Ein literaturpsychologischer Blick auf Hofmannsthals Elektra – Gender, Mythos, Rache, Vergangenheitsbewältigung, Freud, Einsamkeit und soziales Miteinander
2.1 Mein Blick auf Hofmannsthals Elektra
2.2 Der Mythos und dessen Abwandlung
2.3 Neue Rollenverteilung – die Genderperspektive
2.4 Das Motiv der Rache und die Vergangenheitsbewältigung – Freud in den Interpretationen

Literaturpsychologische Erklärungsversuche – Warum fasziniert im Stück, was uns fasziniert?

3. Hofmannsthals „Elektra“ und Psychologie

4. Literaturverzeichnis

1. Grundzüge der Literaturpsychologie

Die Literaturpsychologie stellt eine Fusion aus den beiden Fachgebieten der Germanistik und der Psychologie dar und beschäftigt sich somit aus einer psychologisch geprägten Perspektive mit Literatur. Im Zentrum steht die Untersuchung, Analyse und Begründung der Wirkungsweise literarischer Texte auf den Rezipienten. Wie wirkt ein Text? Warum wirkt er? Was macht einen Text ästhetisch und ansprechend? Dazu betrachtet man jene Textstellen, welche dem Leser auf jegliche Art und Weise auffallen – Sie können als besonders bedeutend, positiv oder negativ, wie auch überflüssig wahrgenommen werden. Man stellt sich die Frage, warum dem Rezipienten etwas auffällt und was diese Auffälligkeit in Bezug auf dessen Haltung gegenüber dem Text und seinem Inhalt bewirkt. Verschiedene Philosophen, Psychologen und Germanisten versuchen anhand von Theorien eben diese Wirkungsweise zu erklären und zu begründen. Darüber hinaus können über Texte und deren Rezeptionsgeschichte Normen der (Entstehungs-)Zeit verfolgt und nachempfunden werden, da der Diskurs jegliche „Kunstproduktion“ prägt. Des Weiteren ist es durch die Rezeption von Texten und die darauf folgende Reaktion des Lesers möglich, Schlüsse über dessen Persönlichkeit beziehungsweise dessen temporäre Lebenssituation gezogen werden1: Emotionen in einem Text ausgelebt zu sehen, kann den Rezipienten „reinwaschen“ oder von deren negativen Konsequenzen überzeugen, wohingegen ein geordneter Text in einer chaotischen Lebensphase das Bedürfnis nach Sicherheit und Verlässlichkeit stillt. Folglich ist eine Selbstbeobachtung interessant – In welcher Situation befinde ich mich? Wie fühle ich mich und welche Texte gefallen mir in jener Situation? Auch die Beobachtung der eigenen Literaturrezeption kann helfen, sich selbst besser kennen zu lernen und zu verstehen.

Ich werde mich im Folgenden aus literaturpsychologischer Sicht mit meiner und den Interpretationen anderer von Hugo von Hofmannsthals „Elektra“ beschäftigen: Jede Interpretation, ob positiv oder negativ, legt inhaltliche Schwerpunkte auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit Sophokles „Elektra“, die verschiedenen Frauenrollen und deren Verhältnis zu den Männern, wie auch die Auslebung und Rechtfertigung der Rache und den Einfluss von Freuds Psychoanalyse. Deshalb möchte ich untersuchen, weshalb eben jene Punkte für den Rezipienten von besonderer Bedeutung sind und wie der Text diese Bedeutsamkeit vermittelt. Meine Wahl lässt sich zunächst durch Neugierde begründen: „Elektra“ hatte ich bereits gehört, doch mir war nicht bewusst, dass sich dahinter ein Mythos und verschiedene literarische Adaptionen und Interpretationen verbergen. Als ich den Text das erste mal las, entdeckte ich eine Vielfalt an Themen und bemerkte für die damalige Zeit untypische Handlungs- und Rollengestaltungen, weshalb mir der Text und verschiedene Perspektiven auf diesen für eine literaturpsychologische Betrachtung geeignet erschienen.

2. Ein literaturpsychologischer Blick auf Hofmannsthals Elektra – Gender, Mythos, Rache, Vergangenheitsbewältigung, Freud, Einsamkeit und soziales Miteinander

2.1 Mein Blick auf Hofmannsthals Elektra

Kennt man die Tragödie „Elektra“ von Sophokles und vergleicht diese mit der Hofmannsthals, so bemerkt man zunächst „formale“ Unterschiede des moderne Stück zur klassischen Tragödie: Hofmannsthal konzipiert das Stück in Kapitel unterteilt und in einem Akt; Der Chor verschwindet hier ganz. Bereits zu Anfang erscheinen die Bühnenanweisungen durch den Autor als sehr umfangreich und dem Rezipient wird hierdurch bereits die Stimmung des Gesamtstückes vermittelt: Durch die Dunkelheit („..Tür und Fenster wirken als unheimliche schwarze Höhlen.“, S. 66), den Schatten („..schwarze vorbeihuschende Gestalten.“, S. 66) und das Rot auf der Bühne („..Flecken von Blut glühen.“, S. 66), erwartete ich bereits Gewalt und Unglück. Neben „Formalia“ fiel mir vor allem die ungewöhnliche Verteilung der Geschlechterrollen auf, da Elektra bei Hofmannsthal die Hauptfigur ist und in ihrem Denken (z) und Tun („Sie liegt in Lumpen auf der Schwelle..“, S. 6) dem Frauenbild der damaligen Zeit widerspricht. Sie lebt zwar einer Art von Wachtraum oder Trance blutige und unweibliche Fantasien aus, versucht jedoch in der Realität ihre Schwester („Wir beide müssen´s tun.“, S. 37) und am Ende ihren Bruder zur wahrhaftigen Rache zu überreden („Du wirst es tun? Allein?“, S. 50), was wiederum der „typischen“ Vorstellung von weiblicher Rache durch Intrigen und Manipulation entspricht. Obwohl mich als Rezipienten die Tragweite der Rachegedanken Elektras durch ihre Gewalt- („..und wir schlachten die Rosse..“, S. 12, „..das Beil hinab und spaltete sein Fleisch.“, S. 13) und Blutmetaphorik („..ein Reif von Purpur ist um deine Stirn..“, S. 12) zunächst abschreckte, empfand ich auf eine mir zunächst unerklärliche Weise auch Mitleid mit ihr: Bereits die Anfangsszene, in der Elektra von den Mägden verspottet wird („..wo sie um den Vater heult, daß alle Wände schallen.“, S. 7), hinterließ bei mir einen Eindruck von Einsamkeit („Allein! Weh, ganz allein. Der Vater fort..“, S. 10), Isolation und Unverständnis, welcher sich durch das ganze Stück zog. Neben dessen Symbolik bezogen auf den Vatermord und dem bevorstehenden Mord an der Mutter, steht die Blutmetaphorik auch für die Bande zwischen den Familienmitgliedern („..verwandtes Blut..“, S. 46). Elektra wirkt auf mich wie gefangen in der Vorstellung beziehungsweise dem Wiedererleben des Vatermords und traumatisiert durch die Geschehnisse („Sie schlugen dich im Bade tot, dein Blut rann über deinen Augen, und das Bad dampfte von deinem Blut.“, S. 11). Darüber hinaus scheint sie mit ihrer Trauer vollkommen alleine zu sein, da alle drei Frauen anders mit der Vergangenheit umgehen („..die mit Eisenklammern mich an den Boden schmiedet.“, S. 14) – Elektra kann ihren Gefühlen anderen gegenüber schlecht Ausdruck verleihen („Reden, sprich, ergieß dich, dann geh und laß mich.“, S. 12) und ihr fehlt der soziale Kontakt, welcher sie eventuell von ihren Rachefantasien in die Realität zurückbringen könnte. Ihre Schwester Chrysothemis charakterisiert ihre eigene Trauer wie folgt: „Ich hab´s wie Feuer in der Brust, es treibt mich immer fort.. als rief es mich.. ich kann nicht einmal weinen, wie Stein ist alles.“ (S. 14). Chrystothemis wird von Elektra für ihre Wünsche und Träume („Ich will empfangen Kinder..“, S. 17), welche dem damaligen Frauenbild entsprechen, verachtet, was auch an Elektras ungewöhnlichem Verhältnis zur Sexualität, welche sie ihrem Vater opferte, liegt („Diesen süßen Schauder hab´ich dem Vater opfern müssen.“, S. 50). Elektra erscheint als ausschließlich durch ihre Emotionen gesteuert, wobei es uns als logisch erscheint, rational zu denken und Folgen abzuwägen. Auch die Konversation zwischen den einzelnen Figuren erschien oft, als würden sie nicht miteinander, sondern aneinander vorbei reden (Vgl. S. 20 ff). Vor dem Hintergrund der Psychoanalyse bemerkte ich die Bedeutung von Elektras Traum- beziehungsweise Trancezuständen, in welchen sie in besonderer Grausamkeit den Mord am Vater erneut durchlebt und sich ihrer Rache an der Mutter (Vgl. S. 31 ff) in vollen Zügen hingibt. Bereits während des Stücks fragte ich mich, warum sich Elektra den Tod der Mutter als Zustand größter Befriedigung ausmalte („Ich bin wie ein Hund an deiner Verse“, „Er jagt dich..“, S. 19), da ich ein Leben mit den Schuldgefühlen („Diese Träume müssen ein Ende haben.“, S. 26) wie denen der Mutter als größere Strafe empfand. Besonders am Schluss erschien mir das Geschehen als sinnlos, denn Elektra stirbt ebenfalls („.. stürzt zusammen.“, S. 59) und die Trauer hat sich ebenso wie die Manipulationsversuche nicht gelohnt.

2.2 Der Mythos und dessen Abwandlung

Interessanterweise beginnen alle Interpretationen mit einem Vergleich bedeutender Elemente mit Sophokles „Elektra“. Bereits durch die Anweisungen Hofmannsthals bezüglich des Bühnenbildes wird dessen Intention der Abgrenzung vom ursprünglich antiken Schauplatz des Stücks deutlich. Er fordert für die damaligen Bühnenbilder, typische Säulen und Treppen wegzulassen, um dem griechische Flair entgegenzuwirken. Darüber hinaus ist der Schauplatz des Stückes der Hinterhof des Palasts, welcher geheimnisvoll dunkel wirkt und wo sich meist Sklaven aufhalten, äußerst ungewöhnlich. Worbs geht des Weiteren davon aus, dass der Ausbau von Elektras Rolle auf Kosten des Chors stattfand – Für ihn ist dieser jedoch essentiell für eine Tragödie. Er legt Hofmannsthal die Intention einer Katharsis in Form der Heilung der Hysterie durch das Erleben verdrängter Erinnerungen und einer Konfrontation von Bewusstem und Unbewusstem zugrunde Auch das Motiv des allgegenwärtigen Blutes steht im Stück traditionell mit Rache, Mord und auch dem Band zwischen Familienmitgliedern im Zusammenhang2. Er sieht Hofmannsthals Anliegen darin, auf die Emotionen der Zuschauer Einfluss zu nehmen und nicht zu deren Bildung beizutragen – Durch das Stück soll eine zeitgemäße Auffassung der Antike bei den Rezipienten geschaffen werden3. Kerr hingegen bemerkt die Veränderungen im Charakter der Elektra, welche von Hofmannsthal animalisch, ebenso wie brutal und unheimlich dargestellt wird – Sie ist getrieben von einem persönlichen Rachebedürfnis. Im Gegensatz dazu fungiert der Muttermord bei Sophokles als Wiederherstellung der Gerechtigkeit innerhalb des Volkes und als Schuldausgleich. Auch in dieser Interpretation wird die Neuerfindung der Katharsis bemerkt: Hofmannsthal drängt den Rezipienten laut Kerr in eine Katharsis der Triebe und der Tiere, welche im Gegensatz zur Weltanschauung steht. Gegensätzlich zu Sophokles „Elektra“ hinterlässt jene Tragödie durch ihre Grausamkeit und der imaginären, wie auch realen Blutbäder negative Impressionen4. Goldmann bemerkt beim Vergleich der beiden Theaterstücke die fehlenden Erklärungen durch das Weglassen wichtiger Teile der Geschichte, weshalb der Zuschauer den Hass Elektras nicht versteht5. Brandes sieht die Veränderungen bezogen auf Elektra: Er empfindet diese als Vertiefung der Gefühle und somit als einen Verlust der „griechischen Abstraktheit“6 der Figur. Diese wird durch die Mägde mit einem gegenüber einer Königstochter unverschämten Verhalten bestraft. Außerdem bemerkt er die ausgeprägten Schuldgefühle der Mutter, welche durch Träume an ihre Tat erinnert wird7. Joeng Ae Nam fokussiert die Gottlosigkeit des Stücks, welche mit dem zu Beginn der 20. Jahrhunderts herrschenden Gottesverständnis konform ist. Durch das Nichtvorhandensein der Götter fehlt somit die Rechtfertigung für die begangene Tat der Mutter oder der geplanten Elektras – Das entstehende Chaos unter den Menschen wird auf das Fehlen der göttlichen Gerechtigkeit zurückgeführt, da die Figuren bei Sophokles im Auftrag der Götter handeln und das Stück in geordneteren Bahnen verläuft. Auch hier wird die mangelnde Rechtfertigung der Taten der Mutter bemerkt, da durch das Fehlen der Vorgeschichte nicht deutlich wird, wie das Handeln durch die Götter in Auftrag gegeben wurde und somit nicht gerechtfertigt ist. Bei Sophokles wendet sich Elektra ebenfalls an die Götter, wobei Hofmannsthals Elektra das Gottvertrauen verlor, als der Tod des Vaters ungesühnt blieb – Sie scheint als Schlussfolgerung davon auszugehen, dass der Muttermord ebenfalls unbestraft bleiben wird. Auf das Fehlen der Götter ist auch der nicht-vorhandene Rechtfertigungsdrang der Menschen bezüglich ihrer Taten zurückzuführen. Für den Autor resultiert hieraus die im Stück herrschende Inhumanität, sowie das Vorherrschen der Triebe und des Animalischen, was die zahlreichen Tiermotive vermitteln sollen8. Auch Esselborn sieht eine Verstärkung der düsteren Stimmung innerhalb des Stücks durch das Bühnenbild und die Lichtverhältnisse, welche alles in schwarz und rot erscheinen lassen9.

2.3 Neue Rollenverteilung – die Genderperspektive

Bei Worbs Interpretation beginnt das Bemerken der neuen Rollenverteilung beziehungsweise Gewichtung zwischen Elektra und Orest damit, dass Elektra als einzige Figur durchgehend auf der Bühne ist und Orest beinahe überflüssig erscheint, wohingegen die beiden Figuren bei Sophokles gleichberechtigt sind. Des Weiteren wird Elektras - für Frauen der Zeit - untypisches Verhalten im Kontrast zu dem ihrer Schwester deutlich: Diese ersehnt Zuneigung und Weiblichkeit in der Beziehung zu einem Mann, was bei Elektra Verachtung hervorruft. Durch das Fehlen der Vorgeschichte erscheint bei Hofmannsthal auch die Mutter Klytämnestra frauenuntypisch, da die Ermordung der gemeinsamen Tochter Iphigenie durch Agamemnon nicht erwähnt wird und der Rezipient die Tat auf die sexuellen Begierden der Mutter zurückführt. Als ebenso unweiblich erscheint der Rachedurst und dessen Auslebung in den Phantasien Elektras, da Frauen in der Antike nicht rächen durften10. Auch Kerr fällt die Wirkung des Unterschlagens der Vorgeschichte, welche den Mord der Mutter rechtfertigt, auf die Geschlechterrollen auf: Er empfand die Mutter vorher als menschlich, da sie ihre Tochter Iphigenie rächte – In Hofmannsthals Elektra erscheint diese kalt und triebgesteuert; Orest zeigt hingegen milde Züge vor dem Mord seiner Mutter. Obwohl es Elektra als Frau nicht gestattet ist, Rachegelüste zu empfinden, tut sie dies und stellt eine treibende Kraft bei deren Ausführung durch Orest dar; Da dieser der Vollstrecker ist, bleibt das Bild der passiven Frau und des handelnden Mannes jedoch erhalten11. Harden sieht die Männerherrschaft durch die Dominanz Elektras vergessen, bis Orest kommt und im Gegensatz zu den lediglich imaginären Taten der Frauen real handelt, die Rache an der Mutter ausführt. Elektras negative Einstellung gegenüber ihrem eigenen Geschlecht wird durch deren Hass gegenüber ihrer Mutter deutlich, welche sie als Personifikation der Schwäche aller Frauen sieht12. Auch Goldmann bemerkt das seltsam anmutende Verhältnis Elektras zu den anderen Vertreterinnen ihres Geschlechts, als diese den Körper und die Vorzüge ihrer Schwester Chrysothemis beschreibt13. Bahrs Interpretation befasst sich mit Elektra, welche als von Hass und Leid erfüllte Person und animalisch gesehen wird. Der Autor verbindet mit der Hauptfigur Hofmannsthals Chaos und empfindet sie als „grässlich schön“14. Bei Ae Nam wird der bestimmende Charakter anhand Elektras Einfluss auf Orest, die Tat letztendlich wirklich zu begehen, hervorgehoben, da bei Sophokles diese Aufgabe dem Orakel von Delphi, den Göttern, zugewiesen ist – Elektra ersetzt in dieser Hinsicht folglich die Götter und ist das „Rachesubjekt“, wohingegen Orest lediglich als „Vollstrecker“ fungiert15. Bei Esselborn werden die zentralen drei Frauengestalten des Stücks als neu erfunden deklariert und die Taten Orests bekommen durch Elektras Rolle neue Bedeutung und Aussagekraft. Auch hier wird Elektras Haltung gegenüber ihrer Mutter als Schamgefühl für andere Geschlechtsgenossinnen gedeutet – Elektra scheint den Vatermord als typisch für das weibliche Geschlecht zu empfinden. Auch Elektras indirekte Teilnahme an der Tat durch Überredungsversuche und Zusehen wird als unweiblich bemerkt, obwohl Elektra selbst nicht mordet16.

2.4 Das Motiv der Rache und die Vergangenheitsbewältigung – Freud in den Interpretationen

Elektra wird von Worbs als Psychopathin wahrgenommen und als anziehend anwidernd beschrieben Er sieht den Zweck der Eroberung der „brutalen Bühne“ als Befreiung von der Hysterie durch das Ausleben unterdrückter Erinnerungen und die Gegenüberstellung bewusster und unbewusster Vorstellungen. In Elektras Tagesrythmus lassen sich Parallelen zu Freuds Patientin Anna O. erkennen, da erstere abends die Abwesenheit des Vaters verstärkt bemerkt und durch die entstehende Einsamkeit den Mord erneut durchlebt. Daraus resultiert bei Hofmannsthal eine Bewusstseinsspaltung und die Hysterie Elektras wird mit deren Kampf gegen ihre eigenen Sexualität, welche sie mit Mord gleichsetzt, begründet. Die Verbindung von Sexualität und Mord entsteht durch den Mord der Mutter am Vater aus sexuellen Motiven. Dass nicht nur Elektra mit der Verarbeitung des Vatermordes kämpft, wird deutlich, als deren Mutter Hilfe bezüglich ihrer Albträume verursacht durch den ungerechtfertigten Mord sucht17. Elektras verstecktes menschliches Geschick kommt zum Vorschein, als sie die Hilfe suchende Mutter zum Sprechen bringt, nur um dieser dann Vorwürfe zu machen – Worbs sieht die Sprache als Mittel zur Rache Elektras an der Mutter. Die Hysterie Elektras an sich gilt beim Publikum als „zeitbedingte Krankheit“ und da die Götter als Rechtfertigung nicht existent sind, dient nun die Psychologie dazu, das Schicksal nachvollziehbar zu machen – Hofmannsthal wagt so als einer der ersten den Rückgriff auf die Psychologie18. Von Kerr wird Elektras Todestanz am Ende des Stücks im Sinne von Freude über die Erfüllung ihrer Gefühle gedeutet – Da jetzt ihr Lebensziel erreicht ist, stirbt sie. Elektras Ende und das Blutbad davor war dem Rezipienten durch gewisse Anspielungen unterbewusst bereits von Beginn an klar19. Harden interpretiert die Hysterie im Stück als Folge Elektras unterdrückter Affekte und sieht den Zweck der Tragödie in der Erinnerung an die Folgen einer Verdrängung20. Goldmann empfindet die Hysterie durch das Weglassen ihrer Ursache als barbarisch, nicht psychologisch hergeleitet – Elektra erscheint als „pervers und blutgeil“, da sie das Blutbad des Vatermordes immer wieder freiwillig durchlebt. Ihre Schwester hingegen strebt eine menschliche Bedürfnisbefriedigung nach Liebe, Geborgenheit und Sex an21. Ae Nam bemerkt, dass Elektra den Geschlechtsakt lediglich als biologischen lebenserhaltenden sieht. Es wird aufgezeigt, wie die fehlende Vorgeschichte die Mutter als sexuellgetriebene Frau erscheinen lässt22. Von Esselborn wird Elektras als animalisch und dämonisch dargestelltes Wesen auf deren Isolation und Einsamkeit zurückgeführt. Vor allem die Unterschiede zwischen den drei Frauen werden bei ihm hervorgehoben: Chrysothemis will vergessen und bewahrt deshalb den Lebenswillen, wohingegen Elektra nicht vergessen kann und in der Vergangenheit lebt, bis der Tod ihres Vaters gerächt ist; Klytämnestra möchte von ihrem Gewissen und den Träumen geheilt werden23.

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1 https://portal.hogrefe.com/dorsch/literaturpsychologie/, 20.02.2015, 12:20

2 Worbs, Michael: Mythos und Psychoanalyse in Hugo von Hofmannsthals Elektra. In: Psychoanalyse in der modernen Literatur. Kooperation und Konkurrenz (Hg. Thomas Anz). Würzburg: Könighausen & Neumann 1999, S. 3 ff

3 Worbs: Würzburg 1999, S. 15

4 Kerr, Alfred: Elektra. In: Wirkungen der Literatur. Deutsche Autoren im Urteil ihrer Kritiker. Band 4: Hofmannsthal. Frankfurt a. M.: Athenäum Verlag 1972, S. 78 f

5 Goldmann, Paul: „Elektra“ von Hugo von Hofmannsthal. In: Wirkungen der Literatur. Deutsche Autoren im Urteil ihrer Kritiker. Band 4: Hofmannsthal. Frankfurt a. M.: Athenäum Verlag 1972, S. 116

6 Goldmann: Frankfurt a. M. 1972, S. 116

7 Brandes, Georg: Griechische Gestalten in neuerer Poesie. In: Wirkungen der Literatur. Deutsche Autoren im Urteil ihrer Kritiker. Band 4: Hofmannsthal. Frankfurt a. M.: Athenäum Verlag 1972, S. 172

8 Ae Nam, Jeong: Das Religiöse und die Revolution bei Hugo von Hofmannsthal. Sprache und Literaturwisschenschaft. Band 36. München: Herbert Utz Verlag 2010, S. 26 ff

9 Esselborn, Karl: Hofmannsthal und der antike Mythos. München: Wilhelm Fink Verlag 1969, S. 135

10 Worbs: Würzburg 1999, S. 14 f

11 Kerr: Frankfurt a. M. 1972, S. 80 f

12 Harden, Maximilian: Elektra. In: Wirkungen der Literatur. Deutsche Autoren im Urteil ihrer Kritiker. Band 4: Hofmannsthal. Frankfurt a. M.: Athenäum Verlag 1972, S. 84 ff

13 Goldmann: Frankfurt a. M. 1972, S. 117

14 Bahr, Hermann: Eletra. In: Wirkungen der Literatur. Deutsche Autoren im Urteil ihrer Kritiker. Band 4: Hofmannsthal. Frankfurt a. M.: Athenäum Verlag 1972, S. 136

15 Ae Nam, München 2010, S. 27

16 Esselborn: München 1969, S. 135

17 Worbs: Würzburg 1999, S. 12

18 Worbs: Würzburg 1999, S. 5 ff

19 Kerr: Frankfurt a. M. 1972, S. 81

20 Harden: Frankfurt a. M. 1972, S. 83

21 Goldmann: Frankfurt a. M. 1972, S. 116

22 Ae Nam: München 2010, S. 32

23 Esselborn: München 1969, S. 135 ff

Details

Seiten
12
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656929123
ISBN (Buch)
9783656929130
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295144
Note
Schlagworte
hofmannsthals elektra interpretationen blick

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Titel: Hofmannsthals "Elektra" und deren Interpretationen unter einem literaturpsychologischen Blick