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Deutsche Schulen weltweit. Geschichtsunterricht im internationalen Vergleich hinsichtlich der global history

Seminararbeit 2015 22 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Deutsche Schulen weltweit
a.Historische Entwicklung der Deutschen Schule im Ausland
b.Normative Übersicht von deutschen Schultypen im Ausland
c.Interkulturalität an Deutschen Schulen im Ausland

3. Global history und Weltgeschichte
a.Die geschichtswissenschaftlichen Entwicklungen hin zur Globalgeschichte
b.Global history in der deutschen Geschichtsdidaktik und die Anwendung im Schulunterricht

4. Einblicke in den internationalen Geschichtsunterricht
a.Geschichtsunterricht an Deutschen Schulen im Ausland
b.Geschichtsunterricht in England
c.Geschichtsunterricht in Japan

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Durch die Globalisierung scheint die Welt immer kleiner zu werden. In den letzten Jahrzehnten fand eine immense globale Vernetzung statt, welche auch das Geschichtsbild prägt. Eine Trennung Europas von der restlichen Welt, welche in der Geschichtsschreibung lange Zeit vorgenommen wurde, ist nun undenkbar. Europas Einfluss, global betrachtet, ist in den letzten Jahrhunderten zurück gegangen, ebenso wie die geschichtliche Definition des Begriffes der „Welt“. Ein Bezug auf die „außereuropäische Welt“ ist heutzutage, im Zeitalter der Globalisierung, unvermeidbar bei der Analyse der europäischen Geschichte. Demzufolge ist auch eine Neuorientierung des Geschichtsunterrichts von Nöten. Die Globalgeschichte soll in der Geschichtsdidaktik größere Beachtung bekommen und das europäisch geprägte Geschichtsbild auflockern und ausbauen. Bei diesem Prozess entstehen Fragen nach den notwendigen Kompetenzen und Perspektiven für ein global orientiertes Geschichtsbewusstsein. Auch ist es wichtig die Lebenswelt der Lernenden mit einzuschließen und nach Möglichkeit im Geschichtsunterricht historische Ereignisse mit einer glokalen Perspektive zu betrachten. Doch welches historische Wissen sollen die Lernenden heute im Geschichtsunterricht erwerben und welche thematischen Zugänge gibt es hinsichtlich der Folgen der Globalisierung? Diese und ähnlich Fragen werden in den folgenden Kapiteln diskutiert und analysiert.

Zu Beginn wird auf die Deutschen Schulen im Ausland eingegangen, welche einen wichtigen Teil zur Globalisierung und zur interkulturellen Sensibilisierung beitragen. Im Anschluss daran folgt eine Analyse des Begriffes global history und deren Einfluss auf die deutsche Geschichtsdidaktik. Durch die Erläuterung des Geschichtsunterrichts an den deutschen Auslandsschulen und in den staatlichen Schulen in England und in Japan wird ein Einblick im Hinblick auf die Anwendung der global history in den jeweiligen Ländern gegeben.

2. Deutsche Schulen weltweit

Zum Globalisierungsprozess gehört, dass die internationalen Klassenzimmer und auch die internationalen Schulen immer zahlreicher werden. In Bezug auf Deutschland gibt es beispielsweise in Berlin die englischsprachige Ganztagsschule, die International School Villa Amalienhof, oder in Trier die katholische offene Ganztagsgrundschule, an welcher bilingual auf Spanisch und Deutsch unterrichtet wird. Solche Schulen gibt es auch im Ausland mit Deutsch als Fremdsprache, oder als bilingualen Bildungsgang mit finanzieller und materieller Unterstützung aus Deutschland. Diese Schulen tragen einen wichtigen Teil zur Sensibilisierung hinsichtlich der Interkulturalität bei, da die Schüler an diesen Schulen ständig mit mehreren Kulturen und Sprachen konfrontiert werden. Doch wie verläuft der Geschichtsunterricht an solchen Schulen? Tritt im Vergleich zu dem eher national geprägten Geschichtsunterricht Deutschlands die Globalgeschichte in den Vordergrund? Unterliegt der Geschichtsunterricht an einer Deutschen Schule im Ausland dem deutschen System oder dem des Gastlandes? Im Folgenden wird auf die Entwicklung der Deutschen Schule im Ausland, deren verschieden Schultypen und auf den besonders interkulturellen Charakter dieser Bildungsinstitution eingegangen. Im vierten Kapitel werden die eben genannten Fragen nach einem globalen Geschichtsunterricht diskutiert.

a. Historische Entwicklung der Deutschen Schule im Ausland

Die erste Quelle zur Schulgründung Deutscher im Ausland verweist auf die Domschule in Reval, Estland, im Jahr 1348. Im 16. Jahrhundert und im 17. Jahrhundert entstanden mehrere evangelische Schulen in Stockholm, Kopenhagen, Moskau und St. Petersburg in welchen in deutscher Sprache unterrichtet wurde. Der regelrechte „Boom“ der deutschen Schulen im Ausland fand im 19. Jahrhundert statt. Aufgrund von Hungersnöten, Arbeitslosigkeit und politischen Verfolgungen zog es viele Menschen, auch aus dem deutschsprachigen Raum, in die „Neue Welt“ nach Amerika.[1] Viele der noch heute bestehenden Schulen in Lateinamerika haben daher ihre Wurzeln im europäischen Raum. Die Auswanderergruppen blieben vorerst unter sich und gründeten auch eigene Schulen. Diese Schulgründungen führten jedoch zu Integrationsproblemen, da man sich von der ortsansässigen Bevölkerung abgrenzte. Die Auswanderer verließen ihr Land größtenteils aufgrund äußerer Faktoren, wie Hungersnöte, Kriege oder politische Verfolgungen und nicht, weil sie von sich aus in einem fremden Land einen Neuanfang wagen wollten. Daher versuchten sie in gleicher Weise zu Leben, wie sie es von der alten Heimat gewohnt waren. Es wurden eigene Kolonien gegründet, in welchen die Herkunftssprache und deren Kultur praktiziert wurden. Man versorgte sich selbst und gründete eigene Schulen, welche den nicht-deutschen Kindern kaum offen standen, da die Unterrichtssprache deutsch war. Auch die konfessionelle Bindung an einen fremden Glauben erschwerte ein Zusammenleben mit der ortsansässigen Bevölkerung, denn der Großteil der Auswanderer war protestantisch.[2] Demnach herrschte eine Integrationshemmung durch die Sprache, als auch durch die Religion. Jedoch erhielt die Institution der Deutschen Schule in einigen Ländern auch positive Anerkennung. In Chile äußerte sich der chilenische Schulinspektor im Jahr 1854 zur Schulgründung der Deutschen Schule in Osorno:

„Bei der Erziehung der Kinder verdient das Verhalten der Deutschen aus Osorno Lob und ist nachahmenswert; sie sehen nicht auf die Ausgaben, wenn es darum geht, diese noch zu verbessern[3]

Demnach hatte die Deutsche Schule in Chile einen gewissen Vorbildcharakter. Der Einfluss ging so weit, dass der chilenische Staat im Jahr 1884 Abgesandte nach Europa schickte, damit diese Anregungen für den Aufbau des chilenischen Schulwesens und für die Lehrerausbildung sammelten. Auch wurden Lehrkräfte aus dem Deutschen Reich geworben.

Bei der Gründung des Deutschen Reiches dienten die „Ausländsdeutschen“ als nützliche Repräsentanten Deutschlands in der Welt. Zu dieser Zeit wurden mehrere Schulgründungen vorgenommen, was auch mit dem im Jahr 1878 eingerichteten Reichsschulfond zusammenhängt. Dieser Reichsschulfond unterstützte die deutsche Kultur in fremden Ländern finanziell. Im Jahr 1914 gab es bereits 900 geförderte Schulen und 4000 schulische Einrichtungen von Deutschen in den USA und in Kanada, worunter viele Sonnabendschulen waren. In Brasilien gab es zudem etwa 1000 Siedlerschulen. Die größte Verbreitung der deutschen Schulen fand demnach während der Gründung des deutschen Nationalstaates und dem 1. Weltkrieg statt.[4]

Ab dem Jahr 1907 traten die Propagandaschulen in den Vordergrund welche das völkisch­nationale Gedankengut zur Bindung an die Heimat verstärken sollten.

Wilhelm Rein, ein Pädagoge und Theologe aus Jena, äußerte sich im Jahr 1907 hinsichtlich der Propagandaschulen folgendermaßen:

„Deutschen Geist, deutsche Gesinnung, deutsches Fühlen und Denken nimmt das Kind in der Schule durch den Unterricht in sich auf und überträgt sie ganz unbewusst auf seine Familienangehörigen. Es bringt sozusagen die nationale Atmosphäre der Schulen in das Elternhaus und wirkt auf dieses in deutschvölkischem Sinne ein.“[5]

Die Verbreitung der Deutschen Schulen ging jedoch nicht nur von Deutschland aus. Auch herrschte eine starke schulische Nachfrage seitens der Gastländer. In Shanghai wurden beispielsweise eine „Deutsche Medizinschule“ und eine „Deutsche Technische Schule“ gegründet. Doch woher kam dieses große Interesse an der deutschen Bildung im Ausland? Dies lag vor allem daran, dass Deutschland zur wirtschaftlichen Weltmacht aufstieg. Das Erlernen der Deutschen Sprache und Bildung versprach demnach beruflichen Erfolg.

Zum Zeitpunkt der Machtergreifung Hitlers lag die Aufgabe der Deutschen Schulen im Ausland darin, das deutsch-nationale Gedankengut zu pflegen. Die alte Heimat wurde zum wichtigen Bezugspunkt hinsichtlich der eigenen Identifikation und des Zugehörigkeitsgefühls.

Mit der Traditionspflege bestand jedoch, vor allem in Kriegszeiten, die Gefahr ein unkritisches und verklärtes Geschichtsbild der alten Heimat zu entwickeln. Die Auslandsorganisation der NSDAP, „Gau Ausland“, welche im Jahr 1931 gegründet wurde, unterstützte die Auslandsschulen in sofern, dass diese weiterhin als Propagandastätten genutzt werden sollten.[6] [7] In der Monatsschrift „Die Deutsche Schule im Auslande“ aus dem Jahr 1933 unterstreicht folgendes Zitat die damalige Aufgabe der Schulen:

„ Unsere Worte werden auch zu denen dringen müssen, die als Ausländer ihre Kinder in unsere Schulen schicken und werden sie überzeugen müssen von dem reinen Willen unseres Volkes7

Ein Großteil der Schulvorstände schloss sich der nationalsozialistischen Bewegung an, aus eigener Überzeugung oder aufgrund des Drucks aus Deutschland.

Das aktuelle Selbstverständnis der deutschen Schulen im Ausland betont einen ausdrücklichen Bruch mit der Geschichte. Die Deutsche Schule im Ausland hat nun das Ziel, das Bildungsangebot des Partnerlandes zu ergänzen und zu erweitern. Das Ziel der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik ist die Begegnung mit der Kultur und der Gesellschaft des Gastlandes und eine Garantie der schulischen Versorgung deutscher Kinder im Ausland sowie die Förderung der deutschen Sprache.[8]

b. Normative Übersicht von deutschen Schultypen im Ausland

Ist die Rede von der Deutschen Schule im Ausland, so meint man oft, dass es nur eine Schulform gibt welche Deutschland und die deutsche Sprache im Ausland vertritt. Dies ist jedoch ein Irrglaube, da es eine Vielzahl an deutschen Schultypen im Ausland gibt. Da wäre zum einen die Begegnungsschule, welche Schüler zweier Kulturkreise und Muttersprachen aufnimmt. Diese sollen im Idealfall miteinander und voneinander lernen. Bei diesem Schultyp besteht jedoch die Notwendigkeit, dass die Nachfrage der deutschsprachigen Bevölkerungsgruppe und die der Bevölkerung des Gastlandes gleichstark ist. Schulen mit verstärktem Deutschunterricht sind ähnlich wie die Begegnungsschulen, jedoch ist der Anteil an deutschen Kindern wesentlich geringer. Die Europäische Schule bildet den jüngsten Schultypus und ist eine offizielle Bildungseinrichtung, deren gemeinsame Kontrolle den Regierungen der Mitgliedsstaaten der EU unterliegt. Aktuell gibt es von diesem Schultypus 13 Schulen in sieben Ländern. Bei dieser Schulform gelangen die Schüler in 12 Jahren zur Europäischen Abiturprüfung. Die deutschsprachige Auslandsschule ist eine Serviceleistung des deutschen Staates für Familien seiner vorübergehend im Ausland weilenden Diplomaten und Wirtschats- oder Industrieexperten. Darunter fallen auch Bundeswehr oder Firmenschulen. An diesen Schulen werden keine Kinder des Gastlandes aufgenommen, da diese Einrichtungen wie eine innerdeutsche Schule aufgebaut sind. Unter den letzten großen Schultypus fallen die Sprachgruppenschulen, Sonnabendschulen und Sprachkurse. Diese sind vor allem in Süd- und Nordamerika vertreten und dienen häufig zur Identitätspflege von Bevölkerungsgruppen deutscher Herkunft. Man versucht an diesen Schulen die sprachlichen und kulturellen Wurzeln zu erhalten.[9]

c. Interkulturalität an Deutschen Schulen im Ausland

Aufgrund der tagtäglichen Konfrontation mit Interkulturalität in den Deutschen Schulen im Ausland, sowohl im Klassenzimmer, als auch auf dem Schulhof, wird im Folgenden näher auf die interkulturelle Bildung und Kompetenz eingegangen. Bereits an innerdeutschen Schulen ist oftmals ein hoher Anteil an Schülern welche einen Migrationshintergrund haben, zweisprachig sind oder zumindest mit weiteren Schülern im Kontakt stehen, welche eben diese Merkmale aufweisen. An den deutschen Auslandsschulen ist diese Interkulturalität ein fester Bestandteil in der Lebenswelt der SuS.[10] Abgesehen davon, dass viele SuS zwischen zwei Kulturen aufwachsen, wird auch innerhalb der Schule Wert darauf gelegt, die Interkulturalität hervorzuheben. Dies wird oft durch Projektwochen, Arbeitsgruppen und bilingualen Unterricht realisiert, wobei immer wieder auf die beiden Kulturen verwiesen wird. Die interkulturelle Bildung ist eine Teildisziplin der Erziehungswissenschaft, mit dem Prinzip der Gleichheit und Anerkennung der zahlreichen und verschiedenen Gemeinschaften und deren Kulturen. Es ist eine notwendige Bedingung für den Bildungserfolg und für die berufliche und soziale Integration. Des Weiteren gilt die interkulturelle Bildung als eine Querschnittsdimension, da sie auf jegliche Bereiche der Bildung Einfluss ausübt. Nach der Beschreibung Allemann-Ghiondas[11] beinhaltet die interkulturelle Bildung die Wahrnehmung und Anerkennung von Vielfalt im Hinblick auf Sprachen und soziokulturelle Strukturen. Auch verweist sie auf das Bewusstsein für Vorurteile und deren Hintergründe und ermöglicht die Auseinandersetzung mit möglichen Konflikten, Fremdenhass und Rassismus und zu guter Letzt verhilft sie zur interkulturellen Kommunikationsfähigkeit. All diese Aspekte sind in der Schule äußerst wichtig und sowohl als Lehrkraft, als auch im Privatleben wird man in unserer heutigen, multikulturellen Gesellschaft immer häufiger damit konfrontiert.

[...]


[1] Winter, Klaus, Deutsche Schulen im Ausland, S.8.

[2] Ebd.: S. 9f.

[3] George, Dinah, Die Schulen deutscher Siedler in Chile. Eine Untersuchung zu ihrer Geschichte, ihrer gesellschaftlichen und pädagogischen Bedeutung, dargestellt am Beispiel der Deutschen Schule Punta Arenas, S. 33.

[4] Winter, Klaus, Deutsche Schulen im Ausland, S. 11f.

[5] Rein, Wilhelm, Deutsche Schulerziehung, S. 508.

[6] Winter, Klaus, Deutsche Schulen im Ausland, S. 14f.

[7] „Die Deutsche Schule im Auslande“: Monatsschrift für deutsche Erziehung in Schule und Familie, S. 363

[8] Winter, Klaus, Deutsche Schulen im Ausland, S.16- 20.

[9] Winter, Klaus, Deutsche Schulen im Ausland, S. 6-8.

[10] „ SuS“ wird im Folgenden anstelle von „Schüler und Schülerinnen“ verwendet.

[11] Allemann-Ghionda, Cristina, Interkulturalität und interkulturelle Bildung, S. 424f.

Details

Seiten
22
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656928331
ISBN (Buch)
9783656928348
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295016
Note
Schlagworte
deutsche schulen geschichtsunterricht vergleich

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