Lade Inhalt...

Darstellung der japanischen Gesellschaft in "Die Blumen von Hiroshima" von Edita Morris

Eine literaturwissenschaftliche Untersuchung der japanischen Figuren mithilfe von Pierre Bourdieus Konzeptionen von Habitus und Kapital

Hausarbeit 2014 30 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theorie: Der Habitus- und der Kapitalbegriff nach Pierre Bourdieu
2.1 Der Habitus
2.2 Das Kapital
2.2.1 Ökonomisches Kapital
2.2.2 Kulturelles Kapital
2.2.3 Institutionalisiertes Kulturkapital
2.3 Soziales Kapital

3. Hiroshima und seine Überlebenden im und nach dem August 1945

4. Analyse der Figuren in „Die Blumen von Hiroshima“
4.1 Habitus
4.2 Kapital

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur und -quellen

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

„Wir sind Kinder jener Bombe, und unsere Kinder sind ebenfalls Kinder jener Bombe, denn ihr Merkmal kann sich von einer Generation auf die andere übertragen.“1

Hinweis: im Verlauf dieser Arbeit wird das generische Maskulinum verwandt, um den Lesefluss des vorliegenden Textes zu erleichtern. In der Regel sind aber auch die weiblichen Pendants gemeint. Ist dies nicht der Fall, geht dies aus dem Gesamtzusammenhang hervor oder wird gesondert herausgestellt.

1. Einleitung

Es gibt nur wenige Ereignisse, die im Gedächtnis der Menschheit oder zumindest mehrere Völker fest verankert bleiben. In Deutschland ist es zweifelsohne besonders die Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. Kaum im Gedächtnis der Deutschen, so ist zu behaupten, ist jedoch das Ende des Zweiten Weltkriegs fernab von Europa, in Japan, geblieben. Mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 wurde der Weltkrieg auch in diesem Teil der Erde, nach Europa, einen Monat später und damit endgültig beendet. Gleichwohl sind zu diesem Ereignis eine Reihe an literarischen Werken, Romane wie Dramen, entstanden.

Die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung im deutschsprachigen Raum beschränkt sich im überwiegenden Maße auf Werke, die nicht das Unglück selbst, sondern deren Vorbereitungen und Auswirkungen in westlichen Gemeinschaften zum Thema haben. So ist auch die Frage nach der Moral der Wissenschaft oder der Wissenschaftler eines der vorherrschenden Themen, bspw. in Friedrich Dürrenmatts Die Physiker oder in Heinar Kipphardts In der Sache J. Robert Oppenheimer. Beide Werke sind auch in den Vorgaben für das Abitur im Fach Deutsch in zahlreichen Bundesländern Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit diesem Thema.

Die japanische Atombombenliteratur wurde von der breiten Öffentlichkeit kaum bis gar nicht rezipiert, auch die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung kann nicht mit der Aufmerksamkeit anderer Ereignisse und ihrer literarischen Verarbeitung verglichen werden. Gänzlich unbekannt – und das gilt sowohl für die deutsche wie auch große Teile anderer Literaturwissenschaften – ist der Roman der schwedisch-amerikanischen Autorin Edita Morris. Edita Morris wurde 1902 in Schweden geboren und verstarb im Alter von 86 Jahren. Sie war mit dem Amerikaner Ira Morris (*1903, ✝ 1972), selbst Journalist und Schriftsteller, seit 1925 verheiratet. 1957 gründeten sie in Hiroshima das ‚Haus der Ruhe‘, in dem die Überlebenden Ruhe finden und andere Menschen mit gleichem Schicksal treffen konnten. Ihr gemeinsamer Sohn, Ivan Morris (*1925, ✝ 1976), war Professor für Japanstudien und Übersetzer japanischer Literatur. Er war als Navy Officer einer der ersten Ausländer, die nach dem Atombombenabwurf Hiroshima betraten und sich von den Folgen ein Bild machte. Er starb 1972 an Krebs. Seine Erlebnisse waren ‚Inspiration‘ und Antrieb für Edita Morris, das Buch ‚Die Blumen von Hiroshima‘ zu verfassen.2 Es erzählt die Geschichte einer japanischen Familie von Überlebenden der Atombombe von Hiroshima und ihrer Tochter, deren gemeinsames Leben sich wandelt als ein junger Amerikaner für einige Zeit bei ihnen zur Untermiete einzieht. Es stellt dar, wie Überlebende mit ihrer gesellschaftlichen Marginalisierung umgehen. Da zu diesem Werk bis dato keine Forschungsliteratur existiert, soll in dieser Hausarbeit der Versuch unternommen werden mithilfe von Pierre Bourdieus entwickelten Konzeptionen von Habitus und Kapital die Lebensumstände dieser Überlebenden (in ihrer Darstellung im Roman) zu untersuchen.

Die theoretischen Konzeptionen des französischen Soziologien Pierre Bourdieu bieten ein umfangreiches, wenngleich relativ unspezifisches Instrumentarium zur Untersuchung literarischer Texte und ihrer Gestaltung sozialer Beziehungen. Seine soziologisch-theoretischen Überlegungen hat der 2002 verstorbene Bourdieu stets selbst mit empirischer Arbeit, auch an literarischen Texten am Beispiele von Gustave Flauberts L'Éducation sentimentale, geknüpft. Ihre empirische Anwendbarkeit ist seitdem in manchen, wenngleich wenigen Untersuchungen getestet worden.3 Bourdieus Überlegungen bieten einen theoretischen Rahmen, mit denen vorliegende Strukturen erfasst und untersucht werden können (vgl Suderland 2013 326). Das Konzept Bourdieus ermöglicht zum einen eine Sozioanalyse der Figuren eines Textes oder eine Positionsanalyse des Autors im literarischen Feld.4 Bei letzterer Anwendung wird der Schriftsteller „als Subjekt einer literarischen Objektivierung […] selbst im Sozialgefüge des literarischen Feldes zu objektivieren.“5 Eine Sozioanalyse von Figuren indes konzentriert sich auf den Text als Ausgangspunkt und möchte die Figuren anhand ihres Habitus‘, ihres Kapitals, ihres Geschmacks etc., ihre Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse und ggf. ihre Teilnahme an einem Feld untersuchen. Mit der Reduzierung auf Habitus und Kapital soll diese Arbeit sich auf diese zweite Anwendungsmöglichkeit der Analyse konzentrieren.

Dabei stellt sich unweigerlich die Frage der Zulässigkeit dieser Herangehensweise: Inwiefern können literarische Texte Aufschluss über gesellschaftliche Realitäten geben? In Soziologie wie Literaturwissenschaft ist die Frage nach der Zulässigkeit weiterhin strittig. Kritikpunkte sind insbesondere die Zweifel daran, dass Autoren objektiv Realitäten erfassen und abbilden können und inwiefern zuverlässige und valide Erkenntnisse aus diesen Werken gewonnen werden können.6 Suderland weist darauf hin, dass die „Frage nach den ‚wahren‘ Aussagen […] an ein grundsätzliches Problem der Darstellbarkeit von Wirklichkeit“7 stößt. Niemals verwechseln dürfe man die „Darstellung der Wirklichkeit“ mit „der ‚Wirklichkeit‘“8 selbst. In Rückgriff auf Helmut Kusmics und Gerald Mozetič erkennt Suderland drei Gründe für die Verwendung literarischer Texte zur Erkenntnisgewinnung an:

1. Literatur illustriert nur die Erkenntnisse, die bereits nachgewiesen wurden.
2. Literatur zeigt, inwiefern das Gesellschaftliche in das Private vorgerückt ist. Sie zeigt, wie Individuen Tatsachen bewerten und damit umgehen.
3. Literatur ist ein Kommentar der sozialen Umstände, der zugleich analysiert und interpretiert. 9

Voraussetzung für das Heranziehen literarischer Werke zur Analyse sozialer Realitäten ist, dass das literarische Werk „alle erforderlichen Instrumente zu seiner eigenen soziologischen Analyse“ liefert.10 Des Weiteren ist Voraussetzung, dass die Figuren im Text „das Soziale verinnerlicht haben und es als Habitus“11 in sich tragen. Dies geschieht durch den Autor, der wiederum selbst einem bestimmten Habitus bestimmter Felder unterliegt12 und seine wahrgenommenen Erkenntnisse in „synthetisierter sprachlicher Form“13 in Worte fasst und damit Figuren gestaltet. Wolf weist ferner darauf hin, dass soziale Realität im literarischen Text nicht einfach widergespiegelt wird, „sondern einer aktiven Konstruktionsarbeit“14 bedürfe.

Aus dem dargelegten Forschungsinteresse und der dargelegten theoretisch-methodologischen Annäherung ergibt sich folgende Forschungsfrage, der in den nachfolgenden Kapiteln nachgefangen werden soll:

Wie gestaltet sich die literarische Darstellung der japanischen Gesellschaft in Hinblick auf die Opfer der Atombombenabwürfe in Edita Morris‘ Die Blumen von Hiroshima unter Zuhilfenahme der von Bourdieu entwickelten Konzeptionen von Habitus und Kapital als Teil der Sozioanalyse von literarischen Figuren?

Dazu folgt zunächst ein ausführliches Theoriekapitel, dass die Konzepte des Habitus‘ und des Kapitals erläutert15. Um die Realität der Atombombenopfer von Hiroshima darzulegen, folgt anschließend vor der eigentlichen Textanalyse ein kurzer historischer Abriss über die Vorgänge und Auswirkungen des August 1945 und den Lebensumständen der Opfer resp. der Überlebenden. In der Textanalyse schließlich soll anhand der japanischen Figuren schließlich Habitus und Kapital nachgewiesen und ihre Positionierung festgestellt werden.

2. Theorie: Der Habitus- und der Kapitalbegriff nach Pierre Bourdieu

Ausgangspunkt von Bourdieus Überlegungen ist die Annahme, dass die Gesellschaft und ihre Akteure innerhalb von sozialen Feldern handeln. Diese sozialen Felder sind stetes das „Netz objektiver Beziehungen […] zwischen Positionen.“16 In diesen Feldern stellen sich die „Kräftebeziehungen zwischen Akteuren und Institutionen, deren gemeinsame Eigenschaft darin besteht, über […] Kapital zu verfügen“17 dar. Ziel der Akteure und Institutionen ist es jeweils, eine möglichst gute Position zu erreichen, um andere zu dominieren. Dabei setzen sie ihnen zur Verfügung stehendes Kapital in unterschiedlicher Art und Höhe (Wert) ein.18 Zwar sind alle Felder historisch entstanden, wodurch sie mit der Zeit „Bedeutung und Sinnzuschreibungen“19 gewonnen haben, doch stehen sie und die Struktur des Feldes immer wieder zur Disposition. Was ein Feld umfasst, wird durch feldinterne Kämpfe ausgefochten und festgelegt. Des Weiteren wird darum ‚gerungen‘ welche Akteure Teil eines Feldes sind, und welche Akteure nicht. Bourdieu greift immer wieder auf den Vergleich mit Wettkämpfen oder Spielen ein.20 Auch hier folgen Akteuren ihrem Selbstinteresse, inwiefern ein Feld das eine umfassen, das andere jedoch nicht umfassen soll und es ihnen nützt.21 Bourdieu hat in seinen Arbeiten eine Vielzahl von Feldern selbst definiert und untersucht: Das Feld der Kunst, der Ökonomie, der Wissenschaft, der Politik und weitere.

Neben dem Kapital, das Akteure haben oder sammeln, um ihre Macht auszubauen, ist ihr Habitus zentral für ihre Teilnahme an einen Feld. Jedes Feld hat seine eigenen ‚Spielregeln‘, die einen bestimmten Habitus von den Akteuren verlangen. Der Habitus ist stets prägend für das Handeln in einem Feld und hinterlässt bei der Positionierung der Akteure im Feld Spuren, die Bourdieu mit dem Begriff des modus opernadi beschreibt. Werke (bspw. literarische Werke) können ebenfalls Träger dieser Spuren sein, sie werden so zum opus operatum.22 In Die Regeln der Kunst untersucht Bourdieu bspw. die Struktur des Feldes der literarischen Produktion und die Spuren, die sich in den Werken von Autoren finden lässt. In den folgenden Unterkapiteln sollen die Begriffe des Habitus‘ und des Kapitals näher betrachtet werden.

2.1 Der Habitus

Das Konzept des Habitus‘ ist von einer „vielschichtige[n] Bedeutung von Anlage, Haltung, Erscheinungsbild, Gewohnheit [und] Lebensweise geprägt“23. Bourdieu schreibt, „der Habitus ist Erzeugungsprinzip objektiv klassifizierbarer Formen von Praxis und Klassifikationssystem […] dieser Formen“24 zugleich. Dem Habitus zuvor geht ein Sozialisationsprozess, bei dem Individuen einen gewissen Habitus erlernen resp. sich aneignen. Ausgehend von diesem Habitus handeln Akteure dann in Situationen eigenständig so, wie sie es (er-) lernten. Er beschränkt sich dabei nicht nur auf das reale Handeln, sondern umfasst ebenso Strukturen des Denkens und der Wahrnehmung. 25 Er beinhaltet nicht für jede denkbare Handlung spezifische Handlungsabläufe. Stattdessen liefert der Habitus Muster, die je nach Situation und sozialem Umfeld angewandt und ggf. auch modifiziert werden kann.26, 27 Diese Muster sind nicht bei allen Individuen innerhalb eines Feldes oder felderübergreifend identisch, „sondern [werden] so transformiert, dass sie zu den bereits vorhandenen Zügen ‚passen‘“.28 Das Individuum passt seine aus Eigentrieb vorhandenen Handlungs-, Denk- und Wahrnehmungsmustern einem Feld an, um „der gesellschaftlich für sie vorgesehene[] Karriere“29 zu erfüllen. Entscheidend für Art und Ausprägung des Habitus sind zudem nicht genetische sondern, soziale Faktoren, d. h. er ist abhängig von der sozialen Herkunft und in Bourdieus Terminologie abhängig von der sozialen Klasse. 30

Der Habitus macht sich am stärksten in bewussten Handlungen bemerkbar (bspw. in „ einer klassenspezifischen Körperlichkeit (Haltungen, Mimik, Gesten))“31, unterliegt aber dem Paradox, dass er dem Bewusstsein des Individuums zumeist entzogen ist.32 Deshalb kann das Individuum diesen auch nicht bewusst verändern. Die Konstituierung des Habitus passiert stattdessen durch Einübung (der Praxis) in spezifischen sozialen Umfeldern und prägt so „Denk-, Wahrnehmungs- oder Handlungsweisen“33, die später Grundlage von Handlungen werden. Die Handlungen indes, die der Habitus erzeugt können unbewusst wie bewusst geschehen: „Das soziale Handeln enthält meist Bestandteile sowohl des Automatismus als auch der Überlegung“.34 Es gibt kein Raum, keine Zeit, die frei von Spuren des Habitus ist.35

Die angesprochene Inkorporierung von gesellschaftlichen (Klassen-)Strukturen macht den Habitus eines Individuums träge und langlebig, sodass seine Veränderlichkeit begrenzt ist. Bourdieu sieht darin die Funktion, eine Gesellschaft zu stabilisieren und zu reproduzieren.36

Der Habitus ist in „sämtlichen Lebensäußerungen und Zeichenverwendungen der Menschen“37 erkennbar, d. h. also bspw. in Äußerungen (in Gesprächen wie in Monologen), in Gedanken, Haltungen, Gesten, der Mimik und auch in Nicht-Handlungen erkennbar38. Auch Figuren in literarischen Werken müssen einen bestimmten Habitus aufweisen (resp. zugeschrieben bekommen), der sie glaubhaft erscheinen lässt. Dazu ordnet der Autor den Figuren „jeweils bestimmte körperliche Merkmale, eine individuelle Herkunft und Geschichte, persönliche Umgangs- und Ausdrucksformen, soziale und ökonomische Verhaltensweisen, Denkgewohnheiten, politische Präferenzen und geschmackliche Vorlieben zu, stimmt diese Zuordnungen aufeinander ab und formt sie zu einem mehr impliziten als expliziten Gesamtbild“.39

2.2 Das Kapital

Der Begriff des Kapitals ist zentral für Theorie und Realität des Kapitalismus‘ und findet seinen Ursprung in der Antike40. Mit dem sich ausbreitendem Kapitalismus als vorherrschendes Wirtschaftssystems im Zuge der von England ausgehenden Industrialisierung gewann der Begriff zunehmend an Bedeutung. Er wurde und wird insbesondere von der Ökonomie, aber auch der Soziologie verwendet, definiert und erweitert. Der Ökonom David Ricardo definiert Kapital durch oder anhand akkumulierter Arbeit.41 Der Soziologie David Hume erweitert die Verwendung des Begriffs und weitet ihn auf soziale Beziehungen aus, und fasst darunter bspw. Machtpositionen.42 Karl Marx schließlich verband beide Definitionen: die der akkumulierten Arbeit und die der sozialen Beziehungen. Er erklärte „das aus dem Kapital erwachsende Einkommen“ mit „der Herrschaft des Kapitalbesitzers über die Arbeitszeit von Produzenten, die jenem kostenlose Mehrarbeit des Produzenten zur Verfügung stellte.“43 Weitere Ökonomen weiteten die Definition nicht nur, wie Marx es getan hatte, auf den Ort des Kapitals (bei Marx die sozialen Beziehungen) aus, sondern fügten hinzu, dass soziale Beziehungen selbst die Funktion von Kapital haben. Talente und Fähigkeiten wurden später unter dem heute in der (betrieblichen wie volkswirtschaftlichen) Ökonomie gängigen Begriff44 des Humankapitals zusammengefasst.45

Diese Vorüberlegungen bilden den Ausgangspunkt für Bourdieus Überlegungen. Er greift Ricardos Idee vom „Kapital als akkumulierte Arbeit“ auf. Dabei stellt es sich „[e]ntweder in Form von Material oder in verinnerlichter, ‚inkorporierter‘ Form“ dar.46 Bourdieu stellt fest, dass die Ansammlung von Kapital Zeit braucht47 und der Prozess damit anders als das Spielen eines Glücksspiels funktioniere: Es gebe eben keine vollkommene Konkurrenz, Chancenungleichheit, eine Trägheit der Welt und Vererbung von materiellem wie inkorporierten Kapitals.48 Bourdieu kritisiert weiter den ökonomischen Kapitalbegriff, der „die Gesamtheit der gesellschaftlichen Austauschverhältnisse auf den bloßen Warenaustausch [reduziert]“ und bloß „auf Profitmaximierung ausgerichtet und vom (ökonomischen) Eigennutz geleitet wird.“49 Impliziert erklärten die Wirtschaftswissenschaften damit „alle anderen Formen sozialen Austausches zu nicht-ökonomischen, uneigennützigen Beziehungen“50. Aus diesem Grund bezieht Bourdieu neben dem ökonomischen Kapital, noch weitere Formen des Kapitals mit ein, die keinen „objektiv ökonomischen Charakter“51 haben. Je nachdem wie hoch das Kapitalvermögen eines Individuums ist, werden Handlungen und Profite erweitert resp. beschränkt52. Zusätzlich unterstellt er, dass all diese Formen des Kapitals untereinander ineinander transformiert werden können, abhängig von den jeweiligen Transformationskosten. Die Transformation hängt dann – ganz nach rein ökonomischer Überlegung – davon ab, ob diese Kosten niedrig oder hoch sind.53 Generell gilt der Erhaltungsgrundsatz, der besagt, dass kein Kapital verschwendet werden kann, da es ohne Verluste in andere (wenngleich auch nicht beabsichtigte Formen) Kapitalformen transformiert wird.54 Eine erste Übersicht über die Kapitalformen (ökonomisches, kulturelles und soziales) sowie deren mögliche Transformation und Institutionalisierung bietet folgende Tabelle, der ausführlichere Beschreibungen der Kapitalformen folgen:

Tabelle 1: Kapitalformen und ihre mögliche Transformation sowie Institutionalisierung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Darstellung nach Bourdieu, Pierre: Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital – Soziales Kapital. In: Steinrücke, Margareta (Hg.): Pierre Bourdieu. Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zu Politik & Kultur 1. Hamburg 1992, S. 52ff.

2.2.1 Ökonomisches Kapital

Das ökonomische Kapital ist in seiner Erscheinung und in seiner möglichen Transformation sowie Institutionalisierung leicht zu erklären. Hierbei handelt es sich um finanzielle Mittel in einer jeweiligen (oder mehreren) Währung(en) in Form von Bar- oder Giroguthaben. In den folgenden zwei Unterkapiteln werde ich deshalb einen detaillierten Blick auf die komplexer zu durchschauenden Formen von kulturellem und sozialem Kapital werfen.

2.2.2 Kulturelles Kapital

Das kulturelle Kapital stellt sich nach Bourdieu in drei möglichen Formen dar: dem inkorporierten, dem objektivierten und dem institutionalisierten kulturellen Kapital.

2.2.2.1 Inkorporiertes Kulturkapital

Bei dem inkorporierten Kulturkapital geht ein Prozess der „Verinnerlichung“ (Bourdieu 1992: 55) voraus, der wiederum nicht automatisch und ohne Kosten, sondern in Form von Zeit ‚bezahlt‘ wird.55 Entsprechend des französischen Begriffes der culture, zu Deutsch Bildung, fasst Bourdieu beispielsweise Fähigkeiten und Wissen, abstrakt zusammengefasst die „dauerhaften Dispositionen des Organismus“56 darunter auf. Diese Fähigkeiten oder dieses Wissen wohnt einem Menschen inne, ohne, dass er es direkt vererben oder delegieren kann.57 In diesem Zusammenhang spielt die Tradition einer Familie, einer sozialen Klasse etc. eine wichtige Rolle, denn durch sie werden bestimmte Dispositionen geschaffen resp. deren Entstehung unterstützt.58 Dieser Prozess ist im Gegensatz zur Schenkung, Vererbung etc. kein kurz- sondern ein langfristiger.59 Anders als bei juristischen Eigentum handelt es sich bei inkorporiertem Kulturkapital weiterhin wie erwähnt um keine materiellen Objekte. Stattdessen aber spielt das Konzept des Habitus‘ eine zentrale Rolle: Das inkorporierte Kulturkapitel wird zu einem Teil des eigenen Habitus‘ („aus ‚Haben‘ ist ‚Sein‘ geworden“60 ).

Der Prozess der Verinnerlichung kann abhängig vom Wert des Kapitals für eine soziale Klasse, soziale Gruppe, Gesellschaft etc. und weiterer Umstände der jeweiligen Zeit bewusst oder unbewusst geschehen.61 Während in Adelsfamilien die Einübung von korrektem Benehmen bewusst gelehrt und gelernt wird, ist die Aneignung eines Regio- oder Soziolekts bspw. eher unbewusster Natur.

Voraussetzung für die Verinnerlichung ist der Umstand, dass der Mensch die Zeit haben muss, d. h. er sie nicht zum Ziel der Gewinnung anderer Kapitalformen (wie der ökonomischen) aufwenden muss.62

2.2.1.2 Objektiviertes Kulturkapital

Im Gegensatz zum inkorporierten Kulturkapital findet sich das objektivierte Kulturkapital in materialisierter Form wieder, das bedeutet auch, dass juristisch von Eigentum gesprochen werden kann. Objektiviertes Kulturkapital können bspw. Gemälde, Bücher(sammlungen) oder Musikinstrumente sein.63 Dabei wird sehr deutlich die Verbindung von ökonomischen Kapital und objektiviertem Kulturkapital deutlich: Ist die Aneignung von inkorporierten Kulturkapital theoretisch auch ohne größeres ökonomisches Kapital vorstellbar, so ist die Beschaffung von objektiviertem Kulturkapital in aller Regel abhängig von den finanziellen Mitteln. Eine Ausnahme bilden Menschen, die inkorporiertes Kulturkapital (bspw. musikalische oder künstlerische Fähigkeiten) besitzen und selbst objektiviertes Kulturkapital schaffen können.64 Nach Bourdieu bedarf es einer Wirkung dieser Kapitalform aber, dass ihr Besitzer es „in Auseinandersetzungen als Waffe und als Einsatz verwendet“65.

2.2.3 Institutionalisiertes Kulturkapital

Die dritte Form des Kulturkapitals, das Kulturkapital, stellt eine besondere Form des inkorporierten Kulturkapitals dar. Es ist nämlich „die Objektivierung von inkorporierten Kulturkapital in Form von Titeln“66. Titel, insbesondere akademische Titel wie des Doktors und des Professors, basieren auf der Institutionalisierung von Wissen. Anders als der „Autodidakt[], [der] ständig unter Beweiszwang steht“67 manifestieren Titel einen Ist-Zustand, gleichwohl es sich mit der Zeit positiv oder negativ verändern kann. Titel garantieren auf unbestimmte Zeit einem Menschen die Zuschreibung von Kompetenz. Auch diese Form des Kulturkapitals steht in enger Beziehung zum ökonomischen Kapital eines Menschen, kann es doch auf dem Arbeitsmarkt gegen ökonomisches Kapital getauscht werden.68 Ähnliches – wenngleich in geringerer Ausprägung und Abhängig von Epoche, sozialer Klasse und Gesellschaft – mag auch für den Heiratsmarkt gelten.

[...]


1 Morris, Edita: Die Blumen von Hiroshima. o. O. 1966, S. 108.

2 Vgl. Wikipedia- Edita Morris. In der Version vom 17. Juli 2014. Online abrufbar unter: http://en.wikipedia.org/wiki/Edita_Morris und vgl. Wikipedia: Ivan Morris. In der Version vom 4. August 2014. Online abrufbar unter: http://en.wikipedia.org/wiki/Ivan_Morris.

3 Dazu etwa Wolf, Norbert Christian: Kakanien als Gesellschaftskonstruktion. Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts. Wien u.a. 2011.

4 Wolf weist zudem darauf hin, dass in einem dritten Schritt vorstellbar sei, den Beobachtenden zur Betrachtung der Analyse zu machen.

5 Wolf: Kakanien als Gesellschaftskonstruktion, S. 49.

6 Vgl. Suderland, Maja: Habitus und Literatur. Literarische Texte in Bourdieus Soziologie. In: Lenger, Alexander/Schneickert, Christian/Schumacher, Florian (Hgg.): Pierre Bourdieus Konzeption des Habitus. Grundlagen, Zugänge, Forschungsperspektiven. Wiesbaden 2013, S. 329.

7 Ebd.

8 Ebd., S. 330.

9 Vgl. ebd., S. 330f.

10 Bourdieu, Pierre: Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes. Frankfurt am Main 1999, S. 19.

Coulmas, Florian: Hiroshima. Geschichte und Nachgeschichte. München 2010, S. 19.

11 Suderland: Habitus und Literatur, S. 331.

12 Zur näheren Erläuterung der Begriffe von Habitus und Feld siehe Kapitel 2.

13 Ebd., S. 332.

14 Wolf: Kakanien als Gesellschaftskonstruktion, S. 47.

15 Bewusst werden in den folgenden Ausführungen Begriffe und Konzeptionen wie Stil, Geschmack und auch auf Feld, Klasse und Raum nicht oder nur begrenzt erläutert. Unter Beachtung des Umfanges dieser Arbeit geschieht wohlmöglich eine Komprimierung der Konzeptionen, die allerdings keiner Verfälschung gleich kommt.

16 Bourdieu: Die Regeln der Kunst, S. 365.

17 Ebd., S. 362.

18 Vgl. ebd., S. 342.

19 Suderland: Habitus und Literatur, S. 327.

20 Vgl. ebd., S. 326.

21 Vgl. Bourdieu: Die Regeln der Kunst, S. 353.

22 Vgl. Suderland: Habitus und Literatur, S. 327.

23 Schwingel, Markus: Pierre Bourdieu zur Einführung. Hamburg 1995, S. 60.

24 Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main 1982, S. 277. Hervorhebung im Original.

25 Vgl. Rehbein, Boike/Saalmann, Gernot: Habitus. In: Fröhlich, Gerhard/Rehbein, Boike (Hgg.): Bourdieu-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart/Weimar 2009, S. 111.

26 Vgl. Rehbein/Saalmann: Habitus, S. 112.

27 bourdieu feinen unterschiede 278

28 Rehbein/Saalmann: Habitus, S. 112.

29 Dörner, Andreas/Vogt, Ludgera: Kultursoziologie (Bourdieu – Mentalitätengeschichte – Zivilisationstheorie). In: Bogdal, Klaus-Michael (Hg.): Neue Literaturtheorien. Eine Ein-führung. 3. Auflage. Göttingen 2005, S. 138.

30 Rehbein/Saalmann: Habitus, S. 113 und 115.

31 Dörner/Vogt: Kultursoziologie, S. 139.

32 Vgl. Rehbein/Saalmann: Habitus, S. 111 und 115.

33 Rehbein/Saalmann: Habitus, S. 112.

34 Ebd., S. 114.

35 Vgl. Suderland, Maja: Wie kommt der Habitus in die Literatur? Theoretische Fundierung – methodologische Überlegungen – empirische Beispiele. In: Zeitschrift für Literatur- und Theatersoziologie (2010), Heft 3, S. 41.

36 Vgl. Dörner/Vogt: Kultursoziologie, S. 129.

37 Ebd.

38 Vgl. Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 281.

39 Wolf: Kakanien als Gesellschaftskonstruktion, S. 52.

40 Vgl. Rehbein, Boike/Saalmann, Gernot: Kapital. In: Fröhlich, Gerhard/Rehbein, Boike (Hgg.): Bourdieu-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart/Weimar 2009, S. 134.

41 Vgl. ebd.

42 Vgl. ebd.

43 Ebd.

44 So werden Personalabteilungen auch im deutschsprachigen Raum zunehmend mit dem englischen Begriff der „Human Resources“ bezeichnet und „Humankapital“ ist in vielen VWL-Lehrwerken mittlerweile einer der wichtigen Produktionsfaktoren neben Arbeit, Boden und (Finanz-)Kapital.

45 Vgl. ebd.

46 Vgl. Bourdieu, Pierre: Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital – Soziales Kapital. In: Steinrücke, Margareta (Hg.): Pierre Bourdieu. Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zu Politik & Kultur 1. Hamburg 1992, S. 49.

47 Vgl. ebd., S. 50.

48 Vgl. ebd., S. 49f.

49 Ebd., S. 50.

50 Ebd., S. 50f.

51 Ebd. S. 52.

52 Vgl. Schwingel: Bourdieu, S. 80.

53 Vgl. Bourdieu: Kapital, S. 52.

54 Vgl. ebd., S. 71.

55 Vgl. ebd., S. 52f.

56 Ebd., S. 53.

57 Vgl. ebd., S. 55.

58 Vgl. Rehbein/Saalmann: Kapital, S. 137.

59 Vgl. Bourdieu: Kapital, S. 56.

60 Ebd., S. 56.

61 Vgl. ebd., S. 56f.

62 Vgl. Bourdieu, Pierre: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. Übersetzt von Reinhard Kreckel. In: Kreckel, Reinhard (Hg.): Soziale Ungleichheiten (Soziale Welt Sonderband 2), Göttingen 1983, S. 188.

63 Vgl. Bourdieu: Kapital, S. 59.

64 Vgl. ebd. , S.59f.

65 Bourdieu: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital (1983), S. 189.

66 Bourdieu: Kapital, S. 61.

67 Ebd., S. 62. Hervorhebung im Original.

68 Vgl. Bourdieu: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital (1983), S. 190.

Details

Seiten
30
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656927198
ISBN (Buch)
9783656927204
Dateigröße
647 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294968
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Seminar für Deutsche Philologie
Note
1,3
Schlagworte
Edita Morris Pierre Bourdieu Sozionalyse Habitus Kapital Literaturanalyse Japan Atombombenliteratur Hiroshima Nagasaki

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Darstellung der japanischen Gesellschaft in "Die Blumen von Hiroshima" von Edita Morris