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Sind Savants die Zukunft der menschlichen Evolution? Eine neurobiologische Betrachtung des Savant-Syndroms

Facharbeit (Schule) 2015 35 Seiten

Biologie - Neurobiologie

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Beschreibung und Definition des Savant-Syndroms

3 Fallbeispiele
3.1 „Congenital and present at birth“-Savants
3.1.1 Henning Breuß
3.1.2 Kim Peek
3.2 „acquired and developed“ Savants
3.2.1 Jason Padgett
3.2.2 Daniel Tammet

4 Ätiopathogenetische Hypothesen zum Savant-Syndrom
4.1 Rechshemisphärische Kompensation
4.2 Automatisierte savant skills: prozedurales Gedächtnis
4.3 Erklärungsmodelle für einzelne savant skills
4.3.1 Eidetisches Gedächtnis
4.3.2 Synästhesie
4.3.3 Tonhöhengedächtnis
4.4 Das genetisch verankerte Gedächtnis und Wissensvererbung
4.5 Latente savant skills
4.6 Eigenes Modell

5 Savants und ihre Rolle in der menschlichen Evolution
5.1 Beeinträchtigungen von Savants
5.2 Vorteile der Savants
5.3 Beantwortung der Forscherfrage

Quellen

Weiterführende Veröffentlichungen

Abbildungen und Tabellen

Anhang

Angehörige

Was können wir uns von Savants abschauen?

1 Einleitung

Unter dem Gesichtspunkt der heutigen Gesellschaftsstruktur, die auf Leistung und Karriere ba- siert, fällt ein kleiner Teil der Bevölkerung mit verblüffenden Fähigkeiten auf - die Savants Savants bringen sich über Nacht Klavierspielen bei, sprechen 20 Sprachen oder kennen den Inhalt von 12.000 Büchern auswendig.1

Um ihre Fähigkeiten werden Savants beneidet, denn es scheint, als habe man mit diesen bessere Voraussetzungen, um in dieser Gesellschaftsstruktur Erfolg zu haben. Erst auf den zweiten Blick werden auch die mit den Fähigkeiten der Savants einhergehenden Defizite wahrgenom- men.

In Anbetracht der Entwicklung von Gesellschaft und Gentechnik frage ich mich, ob Savants die Zukunft der menschlichen Evolution sind.

Die Forschung über Savants ist verhältnismäßig jung und deshalb noch nicht sehr umfangreich. Mittelpunkt der Forschung ist weniger die Enwicklung passender Hilfestellungen für Savants, sondern mehr das Ziel, das menschliche Gehirn besser zu verstehen. So ist es nicht überra- schend, dass unter den wichtigsten Auftraggebern dieser Forschung Organisationen wie die NASA sind. Die meisten Publikationen, die als Quellen für diese Arbeit fungieren, sind deshalb in englischer Sprache verfasst und auf viele hat man gar nicht oder nur gegen Bezahlung Zu- griff.

Es existiert kein umfassendes deutsches Werk über das Savant-Syndrom, vor allem keines aus neurobiologischer Perspektive. Die meisten gehen vom psychologischen Standpunkt aus, was meiner Meinung nach nicht die ideale Herangehensweise an dieses Syndrom ist. In dieser Arbeit werde ich zunächst eine Definition des Savant-Syndroms aufstellen und versuchen, die wichtigsten neurobiologischen Erkenntnisse darüber zusammenzutragen, ehe ich mich der Beantwortung meiner Forscherfrage widme.

Diese Arbeit soll als Anstoß für weitere fachlich fundiertere deutsche Ausarbeitungen über das Savant-Syndrom dienen.

2 Beschreibung und Definition des Savant-Syndroms

Der Begriff „Savant-Syndrom“ wird im Deutschen im Allgemeinen synonym mit dem Begriff „Inselbegabung“ verwendet.

Bisher gibt es aus meiner Sicht keine allgemeingültige Definition für das Savant-Syndrom; die Gründe hierfür sind in Kapitel 4 beschrieben. Nachfolgend gehe ich näher darauf ein, wie der Begriff „Inselbegabung“ im Kontext des Savant-Syndroms in dieser Arbeit verstanden wird. Der Begriff der Begabung ist in Psychologie und Erziehungswissenschaft stark umstritten; in dieser Arbeit wird von der Definition des Begriffs „Begabung“ als das Vorliegen einer besonde- ren Fähigkeit ausgegangen.

Umgangssprachlich wird der Begriff „Inselbegabung“ auf Menschen mit speziellen außerge- wöhnlichen Fähigkeiten in einem kleinen Teilbereich („Insel“) angewendet.

Die Bezeichnung „Syndrom“ wird in der Medizin für ein Krankheitsbild verwendet, bei dem verschiedene charakteristische Symptome zusammen auftreten.2 „Savant-Syndrom“ beschreibt dabei das gleichzeitige Auftreten einer Inselbegabung mit einer oder mehreren kognitiven Beeinträchtigungen. Mit einer kognitiven Beeinträchtigung ist die zum Teil erhebliche Einschränkung von Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Orientierung, Imagination, Introspektion und anderen kognitiven Fähigkeiten gemeint.

Die Inselbegabung kann angeboren oder erworben sein, aber auch verloren gehen. Einer der führenden Forscher auf dem Gebiet des Savant-Syndroms, Darold A. Treffert, beschreibt das Syndrom daher weniger als eine Krankheit oder Störung, sondern mehr als einen Zustand bzw. als ein dauerhaftes Phänomen.3

Bereits 1789 veröffentlichte Benjamin Rush die erste Beschreibung des Savant-Syndroms in der wissenschaftlichen Literatur. Der englische Neurologe J. Langdon Down erörterte 1887 das Phänomen ausführlicher. Er berichtete über zehn Inselbegabte und gab ihnen den Namen „idiot savant“. Bei dieser Bezeichnung handelt es sich um eine Kombination aus der damals medizi- nisch akzeptierten Klassifikation des „Idioten“ als einen Menschen mit einem niedrigen Intelli- genzquotienten und „savoir“, dem französischen :ort für „wissen“ („idiot savant“ könnte mit „schwachsinniger :issender“ übersetzt werden). Diese Bezeichnung beschreibt die von Down bei diesen Menschen gefundene aus seiner Sicht bemerkenswerte „Koexistenz fehlender und überragender Fähigkeiten“4. Heutzutage wird nur noch das :ort „Savant“ benutzt und man spricht vom „Savant-Syndrom“, was mit „:issendensyndrom“ übersetzt werden könnte: Die Savants sind „die :issenden“.

In seinem :erk „Extraordinary People: Understanding Savant Syndrome“ unterscheidet Darold Treffert zwei Arten von Savants. Er nennt diese talented savants („talentierte Savants“) und prodigious savants („:underkinder“).

Die talented savants sind jene Savants, deren Inselbegabung höchstens durchschnittliche Leis- tungen in einem Teilbereich ermöglicht, die aber in Anbetracht ihrer Beeinträchtigungen be- merkenswert sind. Die prodigious savants verfügen über Fähigkeiten, die auch für nicht beein- trächtigte Menschen bemerkenswert wären. Der Intelligenzquotient von Savants liegt meist unter 70.5

Laut Darold A. Treffert ist eine weitere Unterteilung wichtig: Er unterteilt zusätzlich in „conge- nital and present at birth” und „acquired and developed“ Savants. Die Savants, die als „congeni- tal and present at birth“ bezeichnet werden, wurden als Savants geboren, während die als „ac- quired and developed“ bezeichneten Savants erst im Laufe ihres Lebens - beispielsweise durch einen Unfall - zu Savants wurden.

Die Inselbegabungen können sich von Fall zu Fall unterscheiden (sowohl in der Art als auch in der Ausprägung der Begabung). In der Fachliteratur und deshalb auch im Folgenden dieser Arbeit wird von savant skills statt „Inselbegabung“ gesprochen.

Bei der Mehrheit der Savants werden diese skills primär von der rechten Hemisphäre gesteuert. Skills wurden bisher nur im musikalischen, rechnerischen, künstlerischen, sprachlichen und visuellen Bereich beobachtet. Sie spiegeln sich aber vor allem in einem außergewöhnlichen Erinnerungsvermögen wider. Einige wenige Savants besitzen in mehreren Bereichen skills; die Mehrzahl weist lediglich einen auf. Eine wichtige Charakteristik der savant skills ist, dass ledig- lich die motorische Seite des jeweiligen skills durch Übung erweitert werden kann. Die jeweili- gen savant skills werden stark von den persönlichen Interessengebieten der Betroffenen beein- flusst.

Es gibt knapp 100 bekannte prodigious savants, aber wesentlich mehr talented savants, wobei es wahrscheinlich in beiden Fällen eine hohe Dunkelziffer gibt.6 Studien haben gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein kognitiv eingeschränkter Mensch das Savant-Syndrom zeigt, bei 1: 2.000 liegt.7 9,8 % aller Autisten sind Savants, wobei Schätzungen zufolge ungefähr die Hälf- te aller Savants Autisten sind („autistic savants“).8 Unter Autismus versteht man ein Spektrum tiefgreifender neuronaler Entwicklungsstörungen (man unterscheidet in frühkindlichen und aty- pischen Autismus sowie in Asperger-Syndrom.), die sich auf die sprachlichen Fähigkeiten und auf die Fähigkeiten, soziale Kontakte zu knüpfen, auswirkt und häufig zu zwanghaftem Verhal- ten führt. Die Hälfte der Savants leidet an anderen kognitiven Beeinträchtigungen.9

3 Fallbeispiele

Um einen besseren Einblick in die Thematik der „Savants“ zu geben, möchte ich einige Fallbeispiele geben.

3.1 „Congenital and present at birth“-Savants

3.1.1 Henning Breuß

In mehreren persönlichen Gesprächen schilderte Henning Breuß [Name geändert, der Autorin bekannt], nach Trefferts Einteilung ein autistic talented savant, mir seine Geschichte:

Mein Leben war kein Zuckerschlecken. Jeder der keinen Autismus hat, kann sich glücklich schätzen. Da haben auch die Inselbegabungen nichts, wofür es sich lohnt zu leben.

Ich hatte die ersten Anzeichen mit eins bis drei Jahren, als ich nicht mit den anderen Kindern gespielt habe. Ich wurde ärztlich falsch behandelt, weil eine weitere Krankheit [Anmerkung der Autorin: Breuß leidet zusätzlich unter schizophrenen Psychosen.] nicht entdeckt wurde und ich zu viele Medikamente wie Ritalin nehmen musste, die das Problem weiter verschlimmerten. Weil mein Vater mit der Krank- heit von mir nicht leben wollte, hat er über zehn Jahre meiner Mutter vor Gericht die Hölle heiß ge- macht und sich von ihr getrennt. Es gab oft Streit. Meine Mutter habe ich bis ans Limit belastet [An- merkung der Autorin: Hauptsächlich kam diese Belastung durch die unentdeckten Psychosen zustan- de.], bis es dann besser wurde [Anmerkung der Autorin: Die Verbesserung kam durch Diagnostizie- rung und medikamentöse Behandlung der Psychosen zustande.]. Deswegen wurde ich zu Dutzenden Psychiatern geschickt. Es wurde alle paar Monate neu diagnostiziert für das Gericht. Meine ersten In- selbegabungen zeigten sich so etwa mit drei bis vier Jahren, als ich begann, mich für Astronomie zu interessieren. Es war wie eine Sucht. Ich habe alles in mich reingefressen und mit einmal Lesen wuss- te ich alles und ich hatte den Drang, immer mehr zu erfahren. [Anmerkung der Autorin: Breuß besitzt ein eidetisches Gedächtnis (Kapitel 4.3.1), er kann beispielsweise sehr detailgetreu Gebäude (ab- )zeichnen.] Mein Leben war eine Achterbahnfahrt. Der Autismus hat mich wegen meiner Isolation, die ich bis ich 15 war hatte, zu schlimmen Dingen hingezogen, die ich jedoch nicht weiter beschreiben möchte. Ich habe erst mit zunehmendem Alter begonnen, mich zu integrieren. Mittlerweile habe ich nur noch wenige Probleme. Auch dank meines jetzigen Medikamentes.10

Breuß macht momentan per Fernschule sein Abitur, da der Schulalltag für ihn zu viele Probleme birgt. Er hat sich zu einem aufgeschlosseneren Menschen entwickelt, der den Kontakt zu seinen Mitmenschen sucht und so wie viele Gleichaltrige oft auf Partys anzutreffen ist.

3.1.2 Kim Peek

Der bekannteste Savant ist wohl Kim Peek. Er wurde von Darold A. Treffert persönlich als prodigious savant diagnostiziert, dessen savant skills schon angeboren bzw. „congenital and present at birth“ waren.

Peek kam mit einem überdimensionalen Kopf zur Welt; MRT-Aufnahmen zeigten, dass sein Gehirn mehrere Anomalien aufwies. Ihm fehlten der Balken, der normalerweise beide Hemi- sphären miteinander verbindet, und die Querbahn, die die Temporallappen verbindet, und er wies ein stark beschädigtes Kleinhirn auf. Nach dieser Diagnose rieten die Ärzte Peeks Eltern, ihn in ein Heim für geistig behinderte Kinder zu geben. Peeks Eltern zogen ihn dennoch selbst auf.

Die ersten skills zeigte Peek im Alter von 16-20 Monaten. Peek konnte sich an jedes Buch, das ihm vorgelesen worden war, wortwörtlich erinnern. Die Eltern hatten beim Vorlesen Kims Fin- ger von Zeile zu Zeile mitgeführt. So konnte er mit den Augen die zu lesenden Zeilen mitverfolgen und sich die Buchstabenbilder der einzelnen Wörter einprägen - im Alter von drei Jahren begann Peek, Wörter wiederzugeben, die ihm schriftlich vorlagen, was seine Eltern zu der falschen Annahme verleitete, er könne lesen. Er zeigte also die Symptome einer Hyperlexie („Lesen ohne erstehen“).

Peek überstrich mit beiden Augen gleichzeitig jeweils eine Seite eines Buches in ungefähr acht Sekunden. Seine Wiedergaberichtigkeit lag bei Erinnerungstests gleich, nachdem er eine Seite gelesen hatte, bei 98 %.11 Im Laufe seines Lebens hatte er sich schätzungsweise 12.000

Bücher eingeprägt.

Aufgrund der Anomalien seines Kleinhirns konnte Peek bis zu seinem vierten Lebensjahr nicht laufen. Das aufrechte Gehen hat er bis zu seinem Lebensende nicht erlernen können; er lief immer zu einer Seite geneigt.12 Ebenfalls in seinem vierten Lebensjahr zeigte er eine Faszination für Zahlen, das Rechnen und das Lesen von Telefonbüchern: Er genoss es beispielsweise, Zahlen von Autokennzeichen zusammenzurechnen.

Nach Angaben von Peeks Vater zeigte Peek nie autistisches Verhalten. Das ermöglichte es ihm, ab seinem 18. Lebensjahr in einem Tagesheim für Erwachsene mit Behinderungen zu arbeiten: Ohne die Hilfe von Taschenrechnern schrieb er die Lohngehälter auf.

Peek war die Inspiration für die auptfigur des Films „Rainman“ aus dem -ahr 1988. Seit dem Oscargewinn für Rainman bis zu seinem Tod im Alter von 58 Jahren reisten er und sein Vater als Botschafter für Menschen mit kognitiven Behinderungen durch ganz Amerika.

3.2 „acquired and developed“ Savants

3.2.1 Jason Padgett

Jason Padgett wurde während einer Kneipentour überfallen. Dabei wurde immer wieder auf seinen Hinterkopf eingeschlagen und -getreten. Im Krankenhaus diagnostizierte man später eine schwere Gehirnerschütterung.

Seitdem malte Padgett freihändig Muster, die in der Mathematik Fraktale genannt werden. Für seine Bilder hat er mittlerweile sogar Kunstpreise gewonnen. Nachdem er sich vor dem Überfall nicht für Naturwissenschaften interessiert hatte, begeisterten ihn jetzt Geometrie, Mathematik und Physik und er verstand auf einmal beispielsweise Albert Einsteins Relativitätstheorie. Seit der Schlägerei berichtet Padgett von zwagsneurotischem Verhalten wie ständigem Händewa- schen oder dem seltenen Verlassen seines Hauses aus Angst vor Krankheiten. Auch grelles Licht bereite ihm Unbehagen.13

Bei Untersuchungen fand man keine großartigen Anomalien seines Gehirns - deshalb vermute ich, dass Padgetts Wahrnehmungen synästhetischer Natur sind (weitere Ausführung zu Synästhesie sind in Kapitel 4.3.2 zu finden).

3.2.2 Daniel Tammet

Daniel Tammet wurde am 31. Januar 1979 als erstes von neun Kindern in London geboren. Tammet war als Kind schwer verhaltensauffällig, ohne motorische oder sprachliche Entwick- lungsverzögerungen zu zeigen: Mit knapp 13 Monaten konnte Tammet laufen und erste Wörter sprechen, aber geringe Routineabweichungen führten zu Wutanfällen mit selbstverletzendem Verhalten. Er suchte keinen Kontakt zu anderen Kindern.

Mit vier Jahren erlitt Tammet einen epileptischen Anfall. Seither, so berichtet Tammet in sei- nem Buch „Elf ist freundlich und fünf ist laut“, begeistert er sich für Zahlen und nimmt diese synästhetisch wahr. Er kann innerhalb von einer Woche eine Sprache auf Muttersprachenniveau lernen.

Im Alter von 25 Jahren wurde bei ihm das Asperger-Syndrom diagnostiziert.

Da Daniel Tammet zwar erst nach seinem epileptischen Anfall savant skills entwickelte und schon im Vorfeld autistisches Verhalten gezeigt hatte, ist die Einteilung in „acquired and deve- loped“ Savant oder „congenital and present at birth“ Savant nicht eindeutig. Tammets Autismus war vermutlich Auslöser des epileptischen Anfalls, der wiederum die synästhetische Wahrneh- mung verursachte.

4 Ätiopathogenetische Hypothesen zum Savant-Syndrom

Zum Verständnis des Savant-Syndroms wurden in der Vergangenheit vielfältige - im Wesentli- chen auf Fallstudien basierende - Erklärungsansätze vorgestellt. Obwohl diese Ansätze indivi- duell betrachtet ihre Berechtigung haben, liegt bisher „kein einheitliches Modell vor, das in der Lage wäre, die Vielfalt des Savant-Syndroms abzubilden.“14 Grund hierfür sind in erster Linie das Fehlen einer übereinstimmenden Klassifizierung und eine uneinheitliche Ätiologie des Syn- droms bei den Betroffenen. Die geringe Prävalenz des Savant-Syndroms und der Facettenreich- tum bekannter Fälle führen zu großen Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Teilnehmern für aussagekräftige Analysen; auf dem Gebiet der Klassifizierung des Savant-Syndroms ist noch nicht genug geforscht worden. Zudem sind nur wenige Savants zu einer adäquaten Selbstrefle- xion fähig.

Obwohl die Savants viele skills, wie etwa ein erstaunliches Gedächtnis, gemeinsam haben, unterscheiden sich diese enorm im Grad ihrer Ausprägung. Es steht jedoch fest, dass dem SavantSyndrom kognitive Beeinträchtigungen zugrunde liegen (siehe Kapitel 2). Dort will ich mit meiner Betrachtung zur Ätiologie ansetzen.

4.1 Rechshemisphärische Kompensation

Über die Ursachen, die Entstehung oder die Entwicklung solcher kognitiven Beeinträchtigungen wird viel spekuliert. Da sich die meisten Fälle des Savant-Syndroms durch solche kognitiven Beeinträchtigungen auszeichnen, die durch linkslaterale Gehirnanomalien hervorgerufen wer- den, beziehen sich die geläufigsten Theorien zur Ätiologie des Savant-Syndroms auf eine Schä- digung der linken Hemisphäre durch Schäden am Frontal,- oder Temporallappen, teilweise auch durch Schäden am Balken. Im Zuge dessen sind savant skills, vorrangig von autistic sa- vants, meistens Funktionen der rechten Gehirnhälfte, während ihre am schlechtesten entwickel- ten Fähigkeiten die Funktionen der linken Gehirnhälfte betreffen.15 Bei „congenital and present at birth“ Savants werden diese kognitiven Beeinträchtigungen vermutlich vermehrt durch Ent- wicklungsstörungen hervorgerufen; auch genetische und neurochemische Faktoren werden ver- mutet.

Simon Baron-Cohen geht beispielsweise davon aus, dass solchen Schädigungen der linken He- misphäre eine Testosteronvergiftung während der Embryonalentwicklung zugrunde liegen. Er beobachtete, dass sich die linke Hemisphäre im Embryonalzustand langsamer entwickelt als die rechte, wodurch sie länger für Testosteron angreifbar ist. Sind erhöhte Werte des Hormons im Mutterleib vorhanden, kann dies die linke Hemisphäre schädigen. Baron-Cohen konnte dies durch Messungen vor allem bei Autisten bestätigen, die allerdings nicht immer auch eine Insel- begabung hatten.16

Für diese Hypothese spricht, dass sechs von sieben Savants männlich sind, aber die Bestätigung von Baron-Cohens Hypothese durch aussagekräftige Studien ist wegen des o.g. Mangels an Teilnehmern schwierig.

Als Ursache für kognitive Beeinträchtigungen bei „acquired and developed“ Savants wurden in der Regel Schlaganfälle, aufgetretene Erkrankungen bzw. durch Unfälle verursachte Verletzungen des zentralen Nervensystems beobachtet.

Da bei fast allen Savants eine Schädigung der linke Hemisphäre oder des Balkens beobachtet wurde, geht die gängigste Theorie (die Theorie von der rechtshemisphärischen Kompensation) davon aus, dass savant skills entstehen, weil die rechte Hemisphäre versucht, die Defizite der linken auszugleichen.

Viele Fälle von sehr jungen Patienten mit unbeeinflussbarer Epilepsie zeigen, wie flexibel und anpassungsfähig das Gehirn ist. Wird diesen Patienten die Hemisphäre operativ entfernt, die ihre Epilepsie verursacht, gelingt es der verbleibenden Gehirnhälfte mit einer hohen Erfolgsquo- te, die Funktionen der entfernten vollständig zu übernehmen. Dies ist allerdings so vollständig nur im Kleinkindalter möglich, da die Entwicklung des Gehirns zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu weit fortgeschritten ist.17

Der Psychologe T. L. Brink beschrieb im Jahr 1980 einen ähnlichen Fall, der den Zusammen- hang des „acquired and developed“ Savant-Syndroms und der Theorie der rechtshemisphäri- schen Kompensation nachzeichnet: Ein neunjähriger Junge entwickelte - nach einer Schussver- letzung der linken Hirnhälfte, die diesen taub und stumm machte und rechtsseitig lähmte - einen bei Savants selten beobachteten mechanischen skill: Er konnte Fahrräder mit Gangschaltungen reparieren und machte technische Erfindungen.18

Weitere Fälle untersuchte Bruce L. Miller 1998 an Patienten mit Frontotallappendemenz. Paral- lel zum Auftreten und Fortschreiten ihrer Demenz waren diese in der Lage, akribisch genaue Kopien von Kunstwerken herzustellen, ohne zuvor auffällig genau oder gut zeichnen zu können. MRT-Untersuchungen dieser Patienten brachten vor allem linkshemisphärische Gehirnschäden hervor. Gleiches stellte Miller später bei weiteren Patienten fest, die nach dem Beginn ihrer Demenz musikalische und andere künstlerische Fähigkeiten entwickelt hatten.19

Welche neurobiologischen Prozesse eine solche rechtshemisphärische Kompensation wirklich ermöglichen, ist noch nicht geklärt. In MRT-Untersuchungen an Autismus-Patienten wurde 2004 eine Verminderung der Aktivität von langen Nervenfasern festgestellt.20 Deshalb wird vermutet, dass sich als Kompensation verstärkt kurze Nervenfasern (Dendriten) ausbilden; dies wäre die Grundlage der rechtshemisphärischen Kompensation und damit der skills.21 Aufgrund der Lateralisation des Gehirns ist anschaulich nachzuvollziehen, dass die rechtshemi- sphärische Kompensation zu den Symptomen des Savant-Symptoms führen kann: Die allge- meine Leistung der linken Hemisphäre ist durch eine abstrakte, kategorisierende, analytische, rechnende und verbale Denkweise sowie durch ein punktuelles Einzelbewusstsein gekennzeich- net. Bei einer Schädigung der linken Hemisphäre versucht die rechte Hemisphäre - im Zuge der rechtshemisphärischen Kompensation - mit einer Nervenzellenvermehrung und einer Vermeh- rung der kurzstreckigen Dendritenbildung den Funktionsausfall der linken Hemisphäre auszu- gleichen. Savant skills sind durch ein synthetisches, bildhaftes Denken sowie eine übergeordne- te Gesamtvorstellung bzw. ein „überindividuelles“ Gesamtbewusstsein charakterisiert.22 So liegt es nahe, dass nach einer Schädigung der linken Hemisphäre bei rechtshemisphärischer Kompensation Probleme wie die Sprache oder das Rechnen, die normalerweise ohne viel Auf- wand mit den passenden Denkweisen von der linken Hemisphäre gelöst werden, in der rechten Hemisphäre auf synthetische, bildhafte Weise gelöst werden.

Dass so eine vielleicht effizientere Methode zur Lösung von linksspezifischen Problemen entsteht, wird bei Savants in deren skills sichtbar. Zudem gibt diese Erkenntnis einen Denkanstoß: So sind möglicherweise manche Fälle von Hochbegabung nicht primär durch einen überdurchschnittlich hohen IQ gekennzeichnet, sondern eher durch andere, kreativere Denkmuster bzw. Herangehensweisen an Probleme.

[...]


1 Vorwerk-Gundermann, Liane: Genial und doch geistig behindert. http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/gehirn/tid-12850/inselbegabung-genial-und-doch-geistig- behindert_aid_355173.html (Stand: 01.01.15).

2 Vgl. Dorsch, Friedrich / Häcker, Hartmut / Stapf, Kurt: Dorsch Psychologisches Wörterbuch. 11. ergänzte Auflage, Deutschland 1987.

3 Vgl. Treffert, Darold A.: Extraordinary People. Understanding Savant Syndrome, Lincoln 2000.

4 Vgl. Treffert, Darold A. /Wallace, Gregory L.: Inselbegabung. In: Spektrum der Wissenschaft, September 2002, S. 44.

5 Vgl. Miller, L. K.: Defining the savant syndrome. In: Journal of Developmental and Physical Disabilities, 1998, S.73-85.

6 Vgl. Treffert, Darold A.: Extraordinary People. Understanding Savant Syndrome, Lincoln, Nebraska 2000.

7 Vgl. Hill, A. Lewis: Idiot Savants: Rate of incidence. In: Perceptual and Motor Skills, 44/1977, S. 161-162.

8 Vgl. Rimland, B.: Savant capabilities of autistic children and their cognitive implications. In: The Excerptional Brain S.44-63 New York.

9 gl. Steinhausen, ans-Christoph: Psychische Störungen bei Kindern und -ugendlichen. München 2002.

10 Auszug aus persönlichem Gespräch mit der Autorin.

11 Vgl. Hughes, J. R.: A Review Of Savant Syndrome And Its Possible Relationship To Epilepsy. In: Epilepsy & Behavior Vol.17/2010, S.147-52.

12 Vgl. Treffert, Darold A.: Kim Peek - The Real Rain Man https://www.wisconsinmedicalsociety.org/professional/savant-syndrome/profiles-and-videos/profiles/kim-peek-the- real-rain-man/ (Stand: 05.12.2014).

13 Vgl. Padgett, Jason / Seaberg, Maureen: Struck by Genius: How a Brain Injury Made Me a Mathematical Marvel, Boston 2014.

14 Schinardi, Alessia: Fallbericht über ein 5-jähriges Kind mit Savant Syndrom (Autismus Savant) In: Swiss Archives of Neurology and psychiatry 165/2014 S. 25-30.

15 Vgl. Casanova, Manuel F.: Recent developments in autism research, New York 2005.

16 Vgl. Baron-Cohen, Simon / Lutchmaya, Svetlana / Knickmeyer, Rebecca: Prenatal testosterone in mind, Cam- bridge 2004.

17 Vgl. Borgstein, Johannes / Grootendorst, Caroline: Half a brain In: The Lancet, 9. Februar 2002, S.473. 9

18 Vgl. Treffert, Darold A. / Wallace, Gregory L.: Inselbegabungen In: Spektrum der Wissenschaft September 2002, S. 44.

19 Vgl. Miller, B.L. et al.: Emergence of artistic talent in frontotemporal dementia In: Neurology 51/1998, S. 978- 982.

20 Vgl. Just, M. A.: Cortical activation and synchronization during sentence comprehension in high-functioning autism: evidence of underconnectivity. In: Brain. 127/2004, S. 1811-1821.

21 Vgl. Hughes, J. R.: A Review Of Savant Syndrome And Its Possible Relationship To Epilepsy. In: Epilepsy & Behavior Vol.17/2010, S.147-52.

22 Vgl. Rohen, Johannes W.: Funktionelle Neuroanatomie. Stuttgart 2001. 10

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