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Notwendigkeit und Unmöglichkeit soziologischer Kritik in der spätmodernen Industriegesellschaft

Essay 2011 7 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

"Angesichts offenkundig widersprüchlicher Tatsachen besteht die kritische

Analyse weiterhin darauf, daßdas Bedürfnis nach qualitativeränderung so dringend ist wie je zuvor."1

In dem zitierten Textauszug wird bereits deutlich, dass Herbert Marcuse die Kritik als notwendige Aufgabe der Soziologie betrachtet. In der Vorrede zu Der eindimensionale Mensch vertritt er die These, dass soziologische Gesellschaftskritik zwar notwendig ist, zugleich aber durch die hochentwickelte Industriegesellschaft erschwert wird. Im Folgenden möchte ich Marcuse' Argumentation erläutern und dabei seine Auffassung über die Aufgaben der Kritik genauer betrachten. Dazu werde ich mich zuerst mit Marcuse' Analyse der Widersprüchlichkeiten in der etablierten Gesellschaft beschäftigen. Anschließend gehe ich auf die Probleme ein, vor denen sich kritische Theorie angesichts der modernen Industriegesellschaft sieht. Zum Schluss werde ich mich mit der Frage beschäftigen, ob Soziologie kritisch sein kann oder ob sie sich auf Beobachtung beschränken sollte.

Die Widersprüchlichkeit der fortgeschrittenen Industriegesellschaft

Marcuse stellt fest, dass die Industriegesellschaft in ihren eigenen Abläufen und Organisationen widersprüchlich und irrational ist.

Beispielsweise der Eintritt einer atomaren Katastrophe führt nicht dazu, dass die gesellschaftlichen Akteur_innen nach den Ursachen forschen und versuchen diese zu bekämpfen. Stattdessen treten die Ursachen angesichts der Bedrohungssituation von außen in den Hintergrund. Die Gefahr schützt also gleichzeitig diejenigen, die sie verursacht haben. Die Industriegesellschaft wird durch vergleichbare Gefährdungsszenarien nicht etwa in Frage gestellt, sie gewinnt im Gegenteil dadurch eher noch an Stärke und Stabilität. Der Versuch der Betrachter_innen die Ursachen einer Gefahr in der Struktur der Gesellschaft zu suchen, stellt sie gleichsam vor dieses Phänomen.

Produktivität und Wirtschaftlichkeit, die nahezu in allen Lebensbereichen gefordert werden, stehen im Widerspruch zur freien Entfaltung der menschlichen Individualität. Materielle Interessen stehen über den persönlichen Interessen der Akteur_innen. "Die wirtschaftliche Charaktermaske und das, was darunter ist, decken sich im Bewußtsein der Menschen, den Betroffenen eingeschlossen, bis aufs kleinste Fältchen. Jeder ist so viel wert, wie er verdient."2 Die ständige Bedrohung im gesellschaftlichen Konkurrenzkampf den Anschluss

zu verlieren zwingt den Akteur_innen ein "Eigeninteresse" an der Erhaltung und Verbesserung ihrer eigenen wirtschaftlichen Lage auf. Die Befriedigung wirtschaftlicher Interessen sorgt somit neben der Förderung der geschäftlichen Ziele auch für das "Gemeinwohl". Das System als Ganzes erscheint dadurch zutiefst rational, da es vermeintlich alle Bedürfnisse befriedigt. Weiterhin stellt Marcuse fest, dass zunehmend materielle, technische und geistige Ressourcen zur Verfügung stehen, die es ermöglichen würden die Lage der Menschen entscheidend zu verbessern, Elend zu beseitigen und ein selbstbestimmtes Leben zu erreichen. Stattdessen bleiben diese Kapazitäten ungenutzt. Der Zuwachs an Produktivität hat eher einen negativen Effekt, da sie zur Produktion von (Atom-)Waffen und Verschwendung (in Form der Produktion überflüssiger Waren) genutzt wird.

Diese "Rationalität", die sich durch nahezu alle Bereiche der Gesellschaft zieht, ist also in sich irrational. Ihre Irrationalität besteht darin, dass das Leistungsparadigma den individuellen Wünschen und Bedürfnissen der gesellschaftlichen Akteur_innen widersprüchlich gegenüber steht und trotz dieser Tatsache in der gesamten Gesellschaft handlungsleitend ist. Alles gesellschaftliche Handeln zielt auf Steigerung der Produktivität und Wachstum ab und unterbindet somit die freie Entfaltung der individuellen Bedürfnisse und Interessen.

Die Unterdrückung ist in den entwickelten Industriegesellschaften stärker, die Macht über das Individuum größer als je zuvor. Jedoch stellen sich die Unterdrückungsmechanismen anders dar als in früheren Gesellschaften. Sie funktionieren nicht über direkten Zwang, beispielsweise durch staatliche Institutionen, sondern durch den steigenden Konkurrenzkampf, die wachsende Leistungsfähigkeit und zugleich einen erhöhten Lebensstandard.

Er stellt die These auf, dass die Unterbindung sozialen Wandels die größte Leistung der bestehenden Gesellschaft sei. Die Integration der internen Widersprüche bildet dabei zugleich Ausgangspunkt wie auch Ergebnis dieser Leistung.

Diese "Fähigkeit" stellt die Gesellschaftskritik vor ein Problem. Im folgenden Absatz werde ich auf die Schwierigkeiten eingehen, mit denen die kritische Theorie in der hochentwickelten Industriegesellschaft konfrontiert ist.

[...]


1 Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch, Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Neuwied/Berlin. 1968. Darin: Vorrede. S. 11-20.Frankfurt/M.: 2007, S.15

2 Adorno, Theodor/ Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main, 19.Auflage, 1988, S.220

Details

Seiten
7
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656926078
ISBN (Buch)
9783656926085
Dateigröße
366 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294816
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
Soziologie Kritische Soziologie Industriegesellschaft soziologische Kritik Herbert Marcuse
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