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Zur Theorie des Wissens in Platons "Menon"

Essay 2014 24 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Definition von ''Gestalt'' 74b - 77a und die dritte Bestimmung der Tugend 77b - 79e..
2.1 Sokrates' Auffassung einer ''richtigen Definition''
2.2 Charakterisierung der Gesprächspartner
2.3 Übertragung des Themas ''Gestalt'' auf die ''Tugend''

3. DieAnamnesis-Lehre 79e - 86c
3.1 DieAnamnesis-Lehre im Kontext des Menon
3.2 Die Kritik deselenchos79e - 80d
3.3 Menons Paradox: Wie ist Erkenntnis möglich? 80d - e
3.4 Das Gespräch zwischen Sokrates und dem Sklaven Menons 81e - 85d
3.5 Wiedererinnerung und Unsterblichkeit

4. DieHypothesis-Methode 86c - 89c
4.1 Einführung und Anwendung derHypothesis-Methode
4.2 Zusammenhang zwischen Tugend und Wissen
4.3 Der Erwerb der Tugend ''von Natur aus'' 89b - c

5. Zusammenhang zum Thema Lernen 89d - 96d
5.1 Das Gespräch mit Anytos und die Frage nach den Lehrern der Tugend 89d - 96 d
5.2 Charakterisierung des Anytos
5.3 Das Gespräch mit Menon 95a - 96d

6. Wissen und wahre Meinung 96d - 100c
6.1 Die Unterscheidung zwischen Wissen und wahrer Meinung
6.2 Erlangung der Tugend durch wahre Meinung
6.3 Die Larissa-Parabel 97a - c
6.4 Tugend durch ''göttliche Schickung''? 99b - 100b

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit Platons ''Menon''. Im Menon erfolgt der Einstieg in die Thematik, durch Menons Frage nach der Lehrbarkeit der Tugend. Die Lehrbarkeit der Tugend ist eines der vier zentralen Themen im Menon und führt zum zweiten zentralen Thema, die Frage nach dem Wesen der Tugend. Die Frage danach, was Wissen ist und das Thema der Wiedererinnerung gehören ebenfalls zu den zentralen Themen. Des weiteren spielt die Unterscheidung zwischen Wissen und wahrer Meinung eine große Rolle im Menon. Die Kriterien einer ''richtigen'' Definition und das Thema Aporie (Ratlosigkeit) werden ebenfalls behandelt. Der Dialog wird größtenteils von Sokrates, dem Lehrer Platons und Menon, einem jungen thessalischen Adligen geführt. Im Kontext der Anamnesis -Lehre (Wiedererinnerungslehre), wird der Sklave Menons in das Gespräch eingebunden. Bei der Erörterung der Lehrbarkeit der Tugend, wird ein Gesprächsabschnitt mit Anytos, dem Gastgeber Menons, über die Frage nach den Lehrern der Tugend, geführt.

Ziel dieser Arbeit ist es, die argumentative Struktur des Dialogs und das Gesprächsverhalten der Gesprächspartner zu untersuchen und anhand dessen, eine Charakterisierung Menons, Sokrates' und Anytos' vorzunehmen.

Außerdem sind die Begriffe ''Definition'', ''Lernen'' und ''Wiedererinnerung'' Gegenstand der Untersuchung. Es wird wie folgt auf sie Bezug genommen: Im ersten Teil der Arbeit wird erläutert, wie man nach Sokrates' Auffassung eine ''richtige'' Definition gibt. Des weiteren wird darauf eingegangen, wie Sokrates das Beispiel der Definition von Gestalt auf das Thema der Definition von Tugend überträgt. Im zweiten Teil der Arbeit wird dann auf den Begriff ''Wiedererinnerung'' eingegangen, indem die Wiedererinnerungslehre, also die Anamnesis -Lehre im Menon thematisiert wird, bei der die zentrale These lautet, dass Lernen Wiedererinnerung ist. Der dritte Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Hypothesis -Methode, bei der von einer bestimmten Vorraussetzung aus argumentiert wird. Die Hypothesis- Methode soll dazu dienen, die Frage nach der Lehrbarkeit und dem Wesen der Tugend zu beantworten. Im vierten Teil wird der Begriff ''Lernen'' thematisiert, in dem die Frage nach den Lehrern der Tugend behandelt wird. Der letzte Teil beschäftigt sich mit dem Unterschied von Wissen und wahrer Meinung.

2. Die Definition von ''Gestalt'' 74b - 77a und die dritte Bestimmung der Tugend 77b - 79e

Menon stellt zu Beginn des Gesprächs die Frage, ob die Tugend1 lehrbar oder auf anderem Wege vermittelbar ist. Nachdem Sokrates darauf verweist, dass man, um diese Frage zu beantworten, zuerst klären muss, was die Tugend überhaupt ist, versucht sich Menon an der Tugenddefinition. Er gibt zwei Definitionen der Tugend, die von Sokrates kritisiert werden, da sie die Tugend nicht als etwas Einheitliches, sondern durch Beispiele und Bestandteile der Tugend bestimmen. (Men. 70a - 74b) In Gesprächsabschnitt 74b - 77a versucht Sokrates Menon deshalb, die Natur einer

Begriffsbestimmung zu demonstrieren, indem er ihm anhand der Definition des Begriffes ''Gestalt''2 verdeutlicht, wie man eine ''richtige'' Definition gibt und worauf dabei zu achten ist. Dies soll eine Hilfe zur korrekten Bestimmung der Tugend, im Sinne der Einheitsthese, darstellen. (vgl. Hallich 2013, 52)

2.1 Sokrates' Auffassung einer ''richtigen Definition''

Sokrates erklärt, dass die Unterscheidung zwischen Genus und Spezies einen unerlässlichen Bestandteil der korrekten Definition darstellt. Dies verdeutlicht er anhand der Begriffe ''Gestalt'' und ''Farbe''. So lässt sich ''Gestalt'' nicht durch ''Rundheit'' definieren, da die ''Rundheit'' eine Gestalt unter vielen ist. Dies gilt auch für das Beispiel der ''Farbe'', die sich nicht durch ''das Weiße'' definieren lässt, da ''das Weiße'' nur eine Spezies des Genus ''Farbe'' ist (vgl. ebd., 52):

So: Auch wenn er dich genauso fragte, was 'Farbe' ist, und du antwortest, 'das Weiße', und er dann fortführe: ''Ist Weiß Farbe (schlechthin) oder eine Farbe (unter anderen)?'', würdest du sagen 'eine Farbe', weil es ja noch andere Farben gibt. (Men. 74c)

Nach Sokrates ist es also notwendig, den zu definierenden Begriff nicht durch Unterkategorien bzw. Bestandteile dieses Begriffes zu bestimmen. Dies wird auch in seiner Aufforderung an Menon, den Begriff ''Gutsein'' zu definieren, verdeutlicht:

So: […] hör auf, 'aus einem Vieles zu machen', wie man spöttisch von denen sagt, die etwas zerbrechen. Sag lieber, was Gutsein ist, und laß es dabei ganz und heil. (Men. 77a)

Der zu bestimmende Begriff darf also nicht ''zerstückelt'' werden.

Sokrates bestimmt im Folgenden ''Gestalt'' als etwas, das ''als einziges von allen Dingen immer mit der Farbe einhergeht''. Auf Menons Kritik hin, dass jemand, der den Begriff ''Farbe'' nicht kennt, mit dieser Definition nichts anfangen könne, formuliert Sokrates eine zweite Definition von ''Gestalt'', in der er sie als ''Grenze des Körpers'' definiert. Er akzeptiert somit Menons Kritik und verdeutlicht dies, indem er sich vergewissert, dass Menon alle in der Definition verwendeten Begriffe kennt. (Men. 75b - 76b) Sokrates stimmt Menon also zu, dass dem Gesprächspartner alle im Definiens verwendeten Begriffe bekannt sein müssen, um die Definition korrekt vorzunehmen und dem Gesprächspartner verständlich zu machen. Dies dient dazu, ein Verständnis für den zu bestimmenden Gegenstand zu erlangen:

So: […] Wenn er aber einer ist wie ich und du, die wir als Freunde miteinander ein Gespräch führen wollen, muß ich etwas umgänglicher und mehr einem solchen Gespräch entsprechend antworten, und das heißt, daß man nicht nur richtig antwortet, sondern auch mit Worten, die der Fragende zugestandenermaßen kennt. […] (Men. 75d)

Die Beantwortung der Frage nach unbekannten Begriffen, soll jedoch nur in dialektischen, kooperativen und sachbezogenen Gesprächen vorgenommen werden. In einem Streitgespräch jedoch, soll die Frage zurückgewiesen und der Fragende zum elenchos (sokratisches Prüfgespräch) aufgefordert werden, so Sokrates.

Für ihn ist das Verständnis der im Definiens verwendeten Ausdrücke hinreichend, da durch dieses bereits ein Verständnis für den zu definierenden Ausdruck geschaffen wird. So ist er der Meinung, dass Menon durch das Verständnis der verwendeten Begriffe im Definiens, eigentlich schon verstanden habe, was ''Gestalt'' bedeutet (vgl. Hallich 2013, 55-57):

So: Du könntest schon aus diesen Begriffen verstehen, was ich 'Figur' nenne. […] (Men. 76a)

Auf Menons Frage hin, was Farbe ist, antwortet Sokrates auf ironische Weise, indem er den Sophisten Gorgias3 imitiert, um zu verdeutlichen, dass die Erläuterung der im Definiens verwendeten Ausdrücke nicht bloß eine Verbaldefinition sein darf, da diese nicht dazu beiträgt, die Ausdrücke zu verstehen. Menon ist von dieser Antwort begeistert (vgl. Hallich 2013, 58-59):

Men: Ich finde, diese Antwort ist dir ganz vortrefflich gelungen, Sokrates. (Men. 76d)

Zusammenfassend kann man sagen, dass nach Sokrates' Erläuterungen, eine ''richtige'' Definition die Unterscheidung zwischen Genus und Spezies und das Verständnis der im Definiens verwendeten Begriffe, das zu einem verstehenden Wissen führt, beinhaltet.

2.2 Charakterisierung der Gesprächspartner

Das Gesprächsverhalten Sokrates' zeigt, dass er nicht als autoritärer Lehrer fungieren möchte und deshalb aus der Rolle des Belehrenden zurücktritt. Dies wird daran sichtbar, dass er nicht selbst spricht, sondern einen anderen, fiktiven Unterredner für seine Gesprächsführung wählt (vgl. Hallich 2013, 59-60):

So: […] Wenn dich jemand, wie ich jetzt, fragte: ''Menon, was ist Figur?'' […] Auch wenn er dich genauso fragte, was 'Farbe' ist […] Und wenn er dich bäte, andere Farben zu nennen […] Wenn er nun die Frage verfolgte wie ich […] (Men. 74b - 74d)

Sokrates verdeutlicht sein Anliegen, nicht als Lehrer betrachtet zu werden, indem er erläutert, dass er die Bestimmung von ''Farbe'' gegen seinen Willen und nur widerwillig vornimmt, um Menon einen Gefallen zu tun. (Men. 76a-c; vgl. Hallich 2013, 60)

Menon orientiert sich im Gespräch an fremden Autoritäten, was durch seine kritiklose Annahme der Definition ''nach Art des Gorgias'' und seiner Autoritätszuweisung an Sokrates deutlich wird. Statt selbst eine Bestimmung für ''Gestalt'' zu geben, überträgt er diese Aufgabe auf Sokrates (vgl. Hallich 2013, 59):

Men: Nein, sag du es, Sokrates. (Men. 75b)

Des weiteren verhält er sich im Gespräch störrisch und kindisch, weshalb Sokrates ihn als ''verwöhntes Kind'' bezeichnet, das den Gesprächsgang dominieren möchte. (Men. 76b) Sein aggressives Gesprächsverhalten gleicht dem eristischen Argumentieren der Sophisten, bei dem nicht die Klärung des Sachverhaltes, sondern das Durchsetzen der eigenen Position vordergründig ist. Sokrates fordert ihn daraufhin zu einem kooperativen und freundschaftlichen Gespräch auf. (Men. 75d)

Im Gespräch wird deutlich, dass Menon sich noch im Zustand des ''scheinbaren Wissens'' befindet, denn er erkennt seine Grenzen nicht und gibt sich mit ''wohlklingenden Leerformeln statt mit informativen Erläuterungen'' zufrieden, was an seiner positiven Reaktion auf Sokrates' parodistischer Definition von ''Farbe'' ''nach Art des Gorgias'' zu erkennen ist. Dies lässt sich auch als Hinweis auf seine Eitelkeit interpretieren. (vgl Hallich 2013, 60) Menon scheint also von philosophischer Erkenntnis weit entfernt, ist jedoch nicht als ''bloßer Stichwortgeber'' und eindimensionaler Charakter zu betrachten, da er einen wichtigen Einwand zu Sokrates' Definition von ''Gestalt'', die von Sokrates akzeptiert und weiter thematisiert wird, gibt. (vgl. Hallich 2013, 60-61)

2.3 Übertragung des Themas ''Gestalt'' auf die ''Tugend''

Das Beispiel der Bestimmung von ''Gestalt'' dient als Vorbild, um die Definition von ''Tugend'' vorzunehmen. (vgl. ebd., 57) Durch die Klärung, was eine korrekte Begriffsbestimmung ausmacht, will Sokrates ein Verständnis vermitteln, das nötig ist, um eine adäquate Bestimmung von Tugend vorzunehmen. Die Bestimmung von ''Gestalt'' ist der Bestimmung von ''Tugend'' systematisch vorgelagert und dient so als Überleitung zu dieser. Es findet also eine Rückbesinnung auf die Argumentationsvorraussetzungen statt, die als Vorgriff auf die im nächsten Kapitel behandelte Anamnesis -Lehre gesehen werden kann. Durch die Definition von ''Gestalt'', soll an die einheitliche Bestimmung der ''Tugend'' näher herangeführt werden. Sie dient dabei als Paradigma, also als Maßstab, an dem sich Definitionen messen lassen und der die Unterscheidung zwischen ''richtigen'' und falschen Definitionen ermöglichen soll. Die Definition von ''Gestalt'' dient also als Maßstab, für die gesuchte Definition von ''Tugend''. (vgl. ebd., 53-54)

Sokrates fordert Menon in diesem Abschnitt auf, eine dritte Definition von ''Tugend'' zu geben, der diese als ''sich an dem Schönen zu freuen und dessen mächtig zu sein'' bestimmt. (Men.77b) Im weiteren Gesprächsverlauf bejaht Menon Sokrates' Frage, ob ''Gerechtsein'', ''Besonnensein'' und ''Frommsein'' Bestandteile von Gutsein sind:

So: Haben wir nicht vorhin über jedes, Gerechtsein, Besonnensein und dergleichen, gesagt, es sei ein Bestandteil von Gutsein? - Me: Ja. (Men. 79a)

Nachdem Sokrates das ''Schöne'' in Menons Definition, durch das ''Gute'' ersetzt hat, kritisiert er Menons Definition der ''Tugend'', da sie nicht beachtet, was Sokrates ihm zuvor am Beispiel der Definition von ''Gestalt'' erläutert hat und was Menon auch schon bei seinen ersten beiden Bestimmungen der Tugend falsch gemacht hat: Sie enthält einen Bestandteil der Tugend, zerbricht und zerstückelt sie und bestimmt nicht die ganze Tugend:

So: Nun, obwohl ich dich gerade noch gebeten habe, das Gutsein nicht zu zerbrechen und zu zerstückeln, und dir Beispiele gegeben habe, wie man antworten muß, läßt du das einfach beiseite und sagst mir, Gutsein sei, sich Gutes mit Gerechtigkeit beschaffen können, diese aber, sagst du, sei ein Bestandteil von Gutsein. (Men. 79a-79b)

Sokrates argumentiert, dass jemand, der nicht wisse was Gutsein ist, auch nicht einen einzelnen Bestandteil dessen kenne und die Definition deshalb unzureichend sei. (Men. 79c) Sokrates erinnert Menon daran, dass sie zuvor, beim Beispiel der Definition von ''Gestalt'', genau eine solche Antwort, die einen Bestandteil des gesuchten Begriffes enthielt, verworfen haben:

So: Wenn du dich nämlich daran erinnerst, was ich dir vorhin im Hinblick auf die Figur geantwortet habe, da haben wir doch eine solche Antwort verworfen, die das verwendete, was noch gesucht wurde und noch nicht zugestanden war. (Men. 79d)

Sokrates' Entrüstung über Menons Definition, die genau das missachtet, was er zuvor über das ''richtige'' Definieren erläutert hatte, wird durch seine Frage an Menon ''Dann willst du mich wohl auf den Arm nehmen?'' (Men. 79a) verdeutlicht. Sokrates erklärt erneut, dass man einen Begriff, der noch gesucht wird, nicht durch einen Bestandteil dessen definieren könne. (Men. 79d-79e)

Sokrates' Argumentation, in Bezug auf den ersten Teil der Definition Menons, Tugend bedeute, das Schöne zu wollen, besagt, dass niemand (für ihn selbst) Schlechtes will und somit alle, also auch nicht tugendhafte Menschen, das Schöne bzw. Gute wollen. Mit seinem Argument widerlegt er die These, dass Menschen Schlechtes wollen. Die schon erwähnte Ersetzung Sokrates' von ''Schön'' in ''Gut'' wird von ihm aus argumentationsstrategischen Gründen vorgenommen, da er so seine Position, die besagt, dass die Tugend nicht darauf abzielt, etwas, das dem Selbstzweck dient, zu erlangen, vertreten kann. (vgl. Hallich 2013, 62-64)

In Bezug auf den zweiten Teil der dritten Tugenddefinition Menons, Tugend bedeute, sich des Guten mächtig zu sein, fordert Sokrates ihn auf, die ''guten Dinge'' zu präzisieren und kritisiert daraufhin seine Erläuterung, da diese sich nur auf die äußeren Güter bezieht und ihn somit ruhmsüchtig erscheinen lassen.

Die wichtigste Charakterisierung Menons wird in diesem Abschnitt durch seine dritte Bestimmung der Tugend deutlich, in der er den gleichen Fehler wie zuvor begeht, die Tugend durch einen Teil der Tugend zu definieren, obwohl er vorweg von Sokrates am Beispiel der Definition von ''Gestalt'' darauf hingewiesen wurde, dies nicht zu tun. Dies zeigt, dass Menon nicht aus zuvor begangenen Fehlern in seiner Argumentation lernt und Einsichten nicht auf andere Situationen übertragen kann, wie zum Beispiel seine Einsicht der Wichtigkeit der Unterscheidung von Genus und Spezies bei der Bestimmung von ''Gestalt''. Dies bedeutet, dass er Dinge nur als wahr akzeptiert, sie aber nicht versteht und somit kein Wissen erlangt. (vgl. ebd., 73-75) Sokrates' Kritik an dieser dritten Definition Menons, kann als Hinweis darauf verstanden werden, dass ein Vorverständnis eine Notwendigkeit von begrifflichen Bestimmungen darstellt. (vgl. ebd., 77)

3. Die Anamnesis -Lehre 79e - 86c

Gesprächsabschnitt 79e-86c thematisiert die Anamnesis -Lehre, die besagt, dass Lernen Wiedererinnerung ist und die als ''Kernstück'' des Menon gilt. (vgl. Hallich 2013, 78) Abschnitt 79e-81a dient dabei als Einführungskontext, Abschnitt 81e-85d stellt den wichtigsten Teil der Anamnesis -Lehre dar, nämlich das Gespräch zwischen Sokrates und dem Sklaven Menons, in dem veranschaulicht wird, wie Wissen durch Wiedererinnerung erworben werden kann. Im letzten Abschnitt, 81a-e, 85d-86c wird die Anamnesis -Lehre mit dem Thema Unsterblichkeit in Verbindung gesetzt.

3.1 Die Anamnesis -Lehre im Kontext des Menon

Die Wichtigkeit der Anamnesis- Lehre wird schon in den vorhergehenden Abschnitten verdeutlicht, indem immer wieder Anspielungen auf diese gemacht werden, wie zum Beispiel bei der Definition von ''Gestalt'', bei der Sokrates Menon auffordert, sich selbst an das zu erinnern, was Gorgias sagte. Hierbei müssen zwei verschiedene Arten von Erinnerung unterschieden werden. Einerseits die Erinnerung in Form der bloßen Reproduktion und andererseits die Erinnerung in Form eines aktiven Erkenntnisprozesses. Menon ist zu diesem Zeitpunkt nur zur ersten Form der Erinnerung fähig. Wie im vorherigen Kapitel erläutert, verfügt er nicht über Wissen, kann wahre Meinungen, indem er sich an diese erinnert, nicht auf andere Kontexte übertragen und vergisst bereits getroffene Einsichten. Auch die Erkenntnis, dass zu einer ''richtigen'' Definition das Verständnis der im Definiens verwendeten Begriffe maßgeblich ist, steht in Verbindung mit der Wiedererinnerungslehre, denn sie kann als Versuch verstanden werden, die Natur dieses Vorverständnisses zu klären. (vgl. ebd. 79-80)

3.2 Die Kritik des elenchos 79e - 80d

Dem Gespräch zwischen Sokrates und dem Sklaven Menons geht die Kritik des elenchos voraus, in der Menon auf Sokrates' erneute Frage nach dem Wesen der Tugend, das sokratische Prüfgespräch grundsätzlich in Frage stellt und Sokrates mit einem Zitterrochen vergleicht, der seinen Feind lähmt. (Men. 79e-80b) Hier wird deutlich, dass Menon ein fehlerhaftes Verständnis für das sokratische Prüfgespräch besitzt, denn die Aporie (Ratlosigkeit), in die das Gespräch seiner Meinung nach geraten ist, ist keinesfalls negativ, sondern stellt einen wichtigen Schritt zur Erkenntnis dar, da sie aus dem Zustand des nur ''scheinbaren Wissens'' befreit. Die Erkenntnis des eigenen Nichtwissens ist dabei entscheidend, weshalb Sokrates die vorgeworfene ''Lähmung'' zugesteht und sich auf eine Stufe mit Menon stellt, indem er seine eigene Unwissenheit offenlegt und so jegliche Autorität von sich weist. Durch den Zitterrochen-Vergleich weicht Menon der Argumentation aus und greift Sokrates persönlich an. Er vergleicht ihn ''äußerlich und auch sonst'' mit dem Fisch.

[...]


1 Für den Begriff ''Gutsein'' in Platons Menon, wird in dieser Arbeit der Begriff ''Tugend'' verwendet. (vgl. Hallich 2013)

2 Die Übersetzung von sch ē ma lautet in der für diese Arbeit genutzten Ausgabe des Menon ''Figur''. Für diese Arbeit wurde jedoch die von Hallich gewählte Übersetzung von sch ē ma als ''Gestalt'' übernommen. (vgl. Hallich 2013, 52)

3 ''Durch die Nennung des Gorgias von Leontinoi (ca. 485-376 v. Chr.) wird der Menon in den Kontext der Auseinandersetzung des Sokrates mit der Sophistik gerückt. Gorgias […] war neben Protagoras der bedeutendste Vertreter der älteren Generation der Sophisten. […] Sokrates und, ihm folgend, Platon [werden] als die bedeutendsten Kritiker der Sophisten angesehen […].'' (Hallich 2013, 31)

Details

Seiten
24
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656925880
ISBN (Buch)
9783656925897
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294811
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Kulturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Platon Menon Wissen Kulturwissenschaft Wissenschaftstheorie Gestalt Sokrates Definition Anamnesis Anamnesis-Lehre Elenchos Kritik des Elenchos Paradox Hypothesis Hypothesis-Methode Tugend Lernen Anytos Larissa-Parabe

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Titel: Zur Theorie des Wissens in Platons "Menon"