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Die vergessenen Kinder. Lebensbedingungen und Herausforderungen für Kindern schizophrener Eltern

Hausarbeit 2013 18 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Hinführung zum Thema

1. Empirische Grundlage

2. Das Krankheitsbild der Schizophrenie als Beispiel für eine psychische Krankheit

3. Psychosoziale Folgen /Risikofaktoren
3.1. Desorientierung
3.2. (Nicht-)Wissen über die Krankheit
3.3. Tabuisierung, Isolation und Kommunikationsverbot
3.4. Parentifizierung

4. Resilienz, Bewältigungs- bzw. Vulnerabilitätsfaktoren

5. Herausforderung für Jugendhilfe, Psychiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Hinführung zum Thema

Die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen werden von der Beziehung zu ihren Eltern geprägt. Diese sind in der kindlichen Welt in der Regel die wichtigsten Bezugspersonen, die ihnen Sicherheit und Geborgenheit geben und sich um ihre emotionalen, psychischen und intellektuellen Bedürfnisse kümmern (vgl. Griepenstroh/ Heitmann/ Hermeling 2011, S.35).

Doch wie ist die Situation von Kindern, deren Eltern bzw ein Elternteil an einer psychischen Krankheit leidet? Wie sehen ihre Lebensbedingungen und ihr Alltag aus? Welche Herausforderungen stellen sich an die Jugendhilfe und Psychiatrie?

Viele Kinder psychisch kranker Eltern wachsen unter ungünstigen Sozialisationsbedingungen auf. Denn Kinder benötigen für eine gesunde Entwicklung, neben typischen Dingen wie Ernährung und Hygiene, auch emotionale Wärme und Kommunikation. In akuten Krankheitsphasen können psychisch kranke Eltern auf diese Bedürfnisse nicht oder nur unzureichend eingehen. Zudem ist ihr Risiko selbst eine psychische Krankheit zu entwickeln deutlich erhöht. Neben einer genetischen Veranlagung spielen in diesem Zusammenhang psychosoziale Belastungen in der kindlichen Lebenswelt eine große Rolle (vgl. Griepenstroh/Heitmann/Hermeling 2011, S.23). Da jedoch ihre Lebenssituation meist unauffällig ist, wird ihre Belastung oft erst sichtbar, wenn sie selbst Verhaltensauffälligkeiten zeigen (vgl. Müller 2008, S.3). Doch die Prognosen der Kinder kann deutlich verbessert werden, wenn Aufklärungsarbeit stattfindet und die Risikofaktoren der Familien- und Lebenssituation berücksichtigt und präventiv oder therapeutisch beeinflusst werden (vgl. Plass/Wiegand-Grefe 2012, S.13).

In Kapitel 1 dieser Arbeit werden zunächst die empirischen Grundlagen der Thematik geklärt. Es wird aufgezeigt, wie häufig eine psychische Krankheit auftritt bzw. wie viele Kinder psychisch Kranker es in Deutschland schätzungsweise gibt.

Um darzulegen, wie eine psychische Krankheit aussehen kann, wird ich Kapitel 2 die Schizophrenie kurz vorgestellt, da diese eine der häufigsten psychischen Krankheit in Deutschland ist (vgl. Hoffmann-Richter/Finzen 2008, S.22).

Kapitel 3 listet alle Risikofaktoren auf, welche einem Kind mit einem psychisch kranken Elternteil in seinem alltäglichen Leben begegnen und die Ausbildung einer psychischen Krankheit im späteren Leben begünstigen kann. Hierzu zählen die Desorientierung, das (Nicht-)Wissen über die Krankheit, die Tabuisierung, die Isolierung, das Kommunikationsverbot und schließlich die Parentifizierung.

Mit Hilfe der Resilienz wird in Kapitel 4 erläutert, wieso trotz dieser Risikofaktoren (siehe Kapitel 3) manche Kinder psychisch kranker Eltern dennoch keine Auffälligkeiten zeigen und die psychosoziale Belastung scheinbar unbeschadet überstehen.

In Kapitel 5 werden die Herausforderungen, welche sich in diesem Zusammenhang an die Jugendhilfe, die Erwachsenenpsychiatrie und die Kinder-und Jugendpsychiatrie stellen kurz dargestellt und ein Beispiel für präventive Hilfe für Kinder mit psychisch kranken Eltern vorgestellt.

Abgeschlossen wird die Arbeit mit einem Fazit, in dem alle Punkte kurz zusammengefasst werden und die eigene Meinung zu der Thematik geäußert wird.

1. Empirische Grundlage

Psychische Krankheiten gehören zu den häufigsten Krankheiten überhaupt (vgl. Mattejat 2011, S.70). Im Verlauf eines Jahres leidet rund 30% der erwachsenen Gesamtbevölkerung in Deutschland unter einer psychischen Störung. Es kann also davon ausgegangen werden, dass ca. ⅓ der Erwachsenen im Laufe des Lebens eine psychische Erkrankung ausbildet (vgl. Griepenstroh/Heitmann/Hermeling 2011, S.25f.).

Schizophrenie ist etwa so häufig wie eine Zuckererkrankung. Jeder 100. erkrankt daran. Die Wahrscheinlichkeit beträgt somit 1%. Der Formenkreis der Schizophrenie gilt somit als eine der Häufigsten und ernsteren psychischen Erkrankungen (vgl. Hoffmann-Richter/Finzen 2001, S.22).

Die Elternschaftsrate psychisch Kranker ist aufgrund verschiedenster Faktoren, wie geringere Fertilität und stärkerer psychosozialer Belastung, geringer als in der Gesamtbevölkerung. Allerdings steigt die Rate psychisch Kranker, die Kinder haben aufgrund verbesserter Behandlungsmöglichkeiten an (vgl. Plass/Wiegand-Grefe 2012, S.19). Mattejat schätzt die Zahl der Kinder, die einen psychisch kranken Elternteil hat auf ca. 3 Millionen (vgl. Mattejat 2008, S.74). Schizophrene weisen eine Elternschaftsrate von ca. 47% auf. Durch Hochrechnungen schätzt man somit, dass es ca. 270 000 Kinder mit einem schizophren erkrankten Elternteil gibt (vgl. Griepenstroh/Heitmann/Hermeling 2011, S.28).

Bei Kindern psychisch kranker Eltern ist wiederrum die Wahrscheinlichkeit an einer solchen Krankheit ebenfalls zu erkranken, drei- bis siebenfach höher als bei der Gesamtbevölkerung. Das Erkrankungsrisiko eines Kindes mit einem schizophrenen Elternteil erhöht sich von 1 auf 13% (vgl. Plass/Wiegand-Grefe 2012, S.20). Dieses Phänomen ist nicht rein genetisch bedingt, sondern liegt v.a an den häuslichen psychosozialen Bedingungen (siehe Kapitel 3).

2. Das Krankheitsbild der Schizophrenie als Beispiel für eine psychische Krankheit

Psychische Störungen lassen sich als klinisch erkennbarer Komplex von Symptomen oder Verhaltensauffälligkeiten definieren, die immer auf der individuellen und oft auch auf der Gruppen- oder sozialen Ebene mit Belastung und mit Beeinträchtigung von Funktionen verbunden sind (vgl. Behla 2008, S.11).

Zu den psychischen Störungen gehören die Psychosen. Diese bezeichnen schwerwiegende psychische Erkrankungen, deren Hauptmerkmal eine Störung des Realitätsbezugs ist. Sie haben sowohl für den Betroffenen selbst, als auch für seine direkte Umwelt massive Folgen. Allerdings kann der Psychosebegriff nicht allgemeingültig definiert werden, weshalb in der ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) der Psychosebegriff aufgegeben wurde und von schizophrenen und affektiven Störungen gesprochen wird (vgl. Behla 2008, S.15).

In dieser Arbeit werde ich mich folglich mit den schizophrenen Störungen befassen.

„Die Schizophrenie ist eine schwere psychische Erkrankung, die Denken, Empfinden und Verhalten oft ein ganzes Leben lang beeinträchtigt.“ (Hautzinger/Thies 2009, S.51) Unter der Schizophrenie fasst man eine Anzahl von vergleichsweise unterschiedlichen Symptombildern zusammen (vgl. Köhler 1998, S.65). Sie ist eine der schwerwiegendsten psychischen Störungen und es gibt kein zentrales Symptom, welches für eine Diagnose vorhanden sein muss (vgl. Hautzinger/Thies 2009, S.51).

Zunächst sind die formalen Denkstörungen, wie zum Beispiel Zerfahrenheit oder Inkohärenz des Denkens, zu nennen. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten eine Aussage zu Ende zu führen, die Gedanken reißen ab. Zudem befinden sich in ihrer Sprache zahlreiche Bizarrheiten und Neologismen. Der eigentliche semantische Gehalt des Gesagten wird also sehr gering. Zudem erscheint das Gesprochene für Außenstehende meist als völlig sinnlos (vgl. Köhler 1998, S.67).

Ein weiteres Symptom sind die inhaltlichen Denkstörungen. Diese erkennt man am Wahn bzw. der Paranoia, welche häufig in der Gestalt des Verfolgungs-, Beeinflussungs-, Beziehungs-, oder Größenwahns auftreten (vgl. Köhler 1998, S.68). Die Betroffenen verfolgen objektive, falsche Überzeugungen und verkennen die Realität. Sie haben das Gefühl, dass sie von einer Macht verfolgt und ihre Handlungen oder Impulse von einer äußeren Kraft gesteuert werden (vgl. Hautzinger/Thies 2009, S.52).

Damit eng verknüpft sind die Halluzinationen. Sie beschreiben subjektiv erlebte Wahrnehmungen ohne objektiv vorliegende Umweltreize (vgl. Hautzinger/Thies 2009, S.52). Diese Wahrnehmungsstörungen sind meist akustischer Natur (vgl. Köhler 1998, S.68). Die Betroffenen hören also Stimmen, die sich mit dem Erkrankten unterhalten, ihre Gedanken wiederholen, kommentieren, die ihr Verhalten beschreiben bzw. bewerten, oder sich über sie streiten (vgl. Hautzinger/Thies 2009, S.52).

Affektstörungen gehören ebenfalls zu den Symptomen der Schizophrenie. Sie treten in Form von Gesagter oder Gehörter, nicht angemessener emotionaler Reaktion auf. Ein Beispiel hierfür wäre das Lachen bei Erhalt einer schlechten Nachricht (vgl. Köhler 1998, S.68). Zu den Affektstörungen gehört auch die Affektverflachung, welche sich an fehlendem Ausdruck von Emotionen zeigt (vgl. Hautzinger/Thies 2009, S.52).

Ebenfalls zu nennen ist die Apathie. Dem Erkrankten fehlt es an Energie und Antrieb, er ist teilnahmslos und ist unempfindlich gegenüber äußeren Reizen. Zudem hat er keine Interesse mehr an Alltagsaktivitäten und entwickelt dadurch bedingt eine verlangsamte Reaktionszeit (vgl. Hautzinger/Thies 2009, S.52).

Es wird also deutlich, dass die Schizophrenie kein einheitliches Krankheitsbild aufweist. Aufgrund dieser Heterogenität wird die Schizophrenie nach Diagnosesystemen (Symptomatik und Dauer) in verschiedene Subtypen aufgeteilt (vgl. Kipp/Unger/Wehmeier 2006, S.52):

Die häufigste Form ist die paranoide Schizophrenie. Sie ist durch Wahnerleben und akustische Halluzination gekennzeichnet. Formale Denkstörungen, Katatonien und Affektverflachung treten bei diesem Typ zurück.

Bei der hebephrenen Schizophrenie stehen die affektiven Veränderungen im Vordergrund. Zudem ist ein Verlust von Antrieb und Zielstrebigkeit typisch. Halluzinationen treten bei dieser Form weniger auf (vgl. Hautzinger/Thies 2009, S.51).

Eine eher seltene Form ist die katatone Schizophrenie. Hier sind vor allem Erregungszustände, psychomotorische Symptome und wächserne Biegsamkeit zu beobachten

Bei der undifferenzierten Schizophrenie sind zwar alle Kriterien für diese Krankheit erfüllt, eine eindeutige Zuordnung gelingt allerdings nicht (vgl. Köhler 1998, S.71).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es DIE Schizophrenie nicht gibt. Jeder Betroffene entwickelt seine ganz eigene Krankheit (vgl. Behla 2008, S.15). Durch die vielfältigen Symptombilder (Störungen des Denkens, der Wahrnehmung, der Psychomotorik, des Antriebs und der Affekte) können diese nur im Gespräch mit den Patienten richtig verdeutlicht werden (vgl. Köhler 1998, S.67). Zudem ist die Entstehung der Schizophrenie multikausal determiniert, es gibt also nicht eine bestimmte Ursache für die Krankheit (vgl. Leitner 2010, S.7).

Der Verlauf der Schizophrenie ist so Vielfältig wie ihr Erscheinungsbild. Sie kommt abrupt oder schleichend, sie kommt früh oder eher spät, die Krankheitsepisoden sind mehrwöchig oder dauern monatelang,…(Kipp/Unger/Wehmeier 2006, S.52). Aber wie eine vollständige Heilung erreicht werden kann, ist noch nicht bekannt (vgl. Hautzinger/Thies 2009, S.51). Die Symptome lassen sich zwar durch Therapie und Medikamente mit einem Gewissen Erfolg behandeln, eine vollständige Rekonvaleszenz bleibt jedoch bis heute unerreicht (vgl. Hautzinger/Thies 2009, S.57). Aus diesem Grund stellt die Schizophrenie eine chronische Krankheit dar.

3. Psychosoziale Folgen /Risikofaktoren

Im Folgenden werden die wichtigsten und häufigsten Risikofaktoren erläutert, mit denen ein Kind von einem psychisch kranken Elternteil in seinem alltäglichen Leben konfrontiert wird.

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Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656925668
ISBN (Buch)
9783656925675
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294770
Institution / Hochschule
Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes
Note
1,2
Schlagworte
Kinder Schizophrenie Schizophrene Eltern

Autor

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Titel: Die vergessenen Kinder. Lebensbedingungen und Herausforderungen für Kindern schizophrener Eltern