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Identitätsarbeit im Spannungsfeld von Migration und Arbeit

Theoretische Grundlagen für eine qualitative empirisch-wissenschaftliche Arbeit

Bachelorarbeit 2011 119 Seiten

Psychologie - Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Eigenständigkeitserklärung

1. Abstract
2. Einleitung
3. Aufbau der Arbeit

Erster Teil: Definitionen migrationspolitischer und rechtlicher Begrifflichkeiten sowie soziostrukturelle Positionierungen von Menschen mit Migrationshintergrund

4. Begriffsbestimmungen
4.1 Migration und Menschen mit Migrationshintergrund
4.2 Ausländer
4.3 Arbeit
4.4 Arbeitslosigkeit
4.5 Bildung

5. Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland

6. Vergesellschaftung und Chancen auf Teilhabe
6.1 Die Kapitalien des Menschen nach Bourdieu
6.2 Wie kann ein „Ausländer" ein „Inländer" werden? Assimilation, Integration und Inklusion
6.2.1 Vom sichtbar und unsichtbar sein - Assimilation
6.2.2 „Irgendwie" dabei sein - Integration
6.2.3 Ich-Sein in allen Bezügen - Inklusion
6.2.4 Zusammenfassende Diskussion

7. Der Einfluss von Kultur und Struktur als Einfluss auf gesellschaftlichePositionierungen in Deutschland
7.1 Die SINUS-Sociovision-Studie - Migranten-Milieus in Deutschland und das Dossier der „Heymat"-Arbeitsgruppe Foroutan, Schäfer, Canan und Schwarze
7.2 Zusammenfassung

Zweiter Teil: Die Bedeutung von Arbeit für die Teilhabe an der Gesellschaft unter Einbezug des Migrationshintergrundes

8. Arbeit und Bildung in unserer Gesellschaft
8.1 Arbeit als Voraussetzung zur Teilhabe an der Gesellschaft
8.2 Bildungsverläufe bei Menschen mit Migrationshintergrund
8.2.1 Schulbildung
8.2.2 Ausbildung und berufliche Entwicklung
8.2.3 Zusammenfassende Diskussion

DritterTeil: Wissenschaftliche Konzeptionen von Identität und Identitätsarbeit

9. Möglichkeiten wissenschaftlicher Konzeption von Identität und Identitätsarbeit

9.1 Das Forschungsprojekt „Identitätskonstruktionen - Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne" von Keupp, Ahbe, Gmür, Höfer, Mitzscherlich, Kraus und Straus

9.2 Identität-ein theoretisches Konzept

9.2.1 Die Kapitalarten nach Bourdieu als Moderatoren der Identitätsarbeit

9.2.2 Identitätsarbeit als narrativer Aushandlungsprozess

9.3 Hybride Identitäten und Dritter Stuhl - Konzepte zur Beschreibung von multikultureller Zugehörigkeiten und Identitätsarbeit

9.4 Diskussion und Umgang mit den Theorien zur Identitätsarbeit

Vierter Teil: Forschungsmethodischer Zugang

10. Methodischer Zugang
10.1 Paradigmen Qualitativer Forschung
10.2 Wissenschaftliche Forschungskriterien in der Qualitativen Forschung
10.3 Diskussion
10.4 Narrative Analysen
10.4.1 Auswertung von narrativem Interviewmaterial
10.4.2 Analyse Narrativer Identität
10.4.3 Zusammenfassende Diskussion

Fünfter Teil: Zusammenführung der drei Themengebiete und erarbeiten Forschungsansätze

11. Abschließende Zusammenführung forschungsmethodischer Zugänge zu Identitätsarbeit, Arbeit und Migration
11.1 Tabellarischer Überblick der zusammengeführten Forschungszugänge
11.2 Fazit

12. Persönliche Schlussfolgerungen

Danksagung

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Literatur

1. Abstract

Menschen mit Migrationshintergrund machen 19 % der deutschen Bevölkerung aus. Für den Großteil ist ihre Zugehörigkeit zu Deutschland selbstverständlich und sie haben einen offenen und leistungsorientierten Lebensstil. Nur ein geringer Teil lebt völlig abgewandt von der Mehrheitsgesellschaft. Die Motivation, Teil der deutschen Gesellschaft sein zu wollen und sich als ein solches zu sehen steht im starken Widerspruch zu statistisch eindeutigen Ungleichheiten im Bildungs-, Ausbildungs- und Berufsbereich. Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund haben im Verhältnis zu jenen ohne Migrationshintergrund durchschnittlich schlechtere Schulabschlüsse oder gar keinen Schulabschluss. Im Berufsleben arbeiten sie häufiger in schlecht bezahlten oder von Stellenabbau bedrohten Jobs und sie sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen. Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich in der Regel im Berufsleben belasteter als Menschen ohne Migrationshintergrund. Inklusion in Sinne von gleichberechtigten Teilhabechancen wie Menschen ohne Migra­tionshintergrund ist so für viele Menschen mit Migrationshintergrund nicht gegeben. Ein Teil der Menschen mit Migrationshintergrund erlebt hierdurch herkunftsbezogenen Akkulturationsstress, der auf Ablehnung durch die Gesellschaft begründet ist und ihre Kompensationsressourcen überfordert, ein anderer Teil lernt mit der Situation aufgrund des Migrationshintergrundes eine schlechtere Ausgangsposition zu besitzen umzugehen und ein anderer Teil fühlt sich von den Benachteiligungen nicht betroffen. Menschen mit Migrationshintergrund scheinen daher einerseits unterschiedliche Erfahrungen zu machen und andererseits unterschiedliche Wege der Verarbeitung ihrer Erfahrungen zu haben. Die Art der Verarbeitung von Erfahrungen, die Identitätsarbeit, im Berufsleben und deren Auswirkung auf das Individuum und dessen weitere Lebensbereiche hängt von verschiedenen Einflussfaktoren ab. Hierzu gehören die Kapitalien nach Bourdieu, Staatsbürgerlichen Rechte, die verschiedenen Wahrnehmungsebenen des Menschen, Akkulturationsstress und wie sie im Laufe des Lebens auf den Menschen wirken. Sie können mittels qualitativer Interviews erhoben und anhand Narrativer Analysen, der Analyse Narrativer Identität und Konstrukten aus der Identitätsarbeit ausgewertet werden, sodass ein Bild der „Identitätsarbeit im Spannungsfeld von Migration und Arbeit" entstehen kann.

2. Einleitung

Kaum jemand wird nicht registriert haben, wie omnipräsent die Themen Migration und Integration seit Jahren in der Öffentlichkeit auftauchen. Man kommt kaum darum herum, sich mit dem Themengebiet gedanklich zu beschäftigen, darüber zu reden, Meinungen zu bilden und zu äußern. Häufig genug weiß man gar nicht mehr, was man aufgrund der zahlreichen und auch widersprüchlichen Meldungen in den Medien und seitens der Politik zu diesem Thema überhaupt noch denken soll. Es ist die Rede von einem „schwindelerregenden Aktionismus" (Bommel,2008, S.20) der uns zum Thema umgibt und die Soziologin Roswitha Breckner (2009) konstatiert in ihrem Buchbeitrag „Migration als Forschungsgegenstand": „Die sozialwissenschaftliche Forschungslandschaft zum Thema Migration ist inzwischen nahezu unübersehbar." (S.21). Die Entscheidung, eine Bachelorarbeit zu diesem Thema zu schreiben ist mein Versuch, ein Stück überschaubares Land zum Verhältnis der Menschen ohne- und mit Migrationshintergrund in Deutschland zu gewinnen und zu ergründen, wie dieses beforscht werden kann. Das Interesse entsprang dem Gefühl, wann immer ich selbst über das Themengebiet sprach oder nachdachte, einen Tanz auf Eierschalen zu vollführen: alle Welt spricht über Menschen mit

Migrationshintergrund (und vor allem über den Islam), aber ich habe eigentlich niemanden mit Migrationshintergrund in meinem Bekanntenkreis - und selbst wenn, wäre er ja auch nicht repräsentativ für die gesamte Population. Trotzdem begann ich aufgrund von Meinungen anderer sowie medialen und politischen Informationen in Gesprächen, Aussagen zum Thema zu treffen, aber auf welcher Grundlage eigentlich? Gleichzeitig habe ich bei Gesprächen zur Thematik immer das Gefühl, jemandem Unrecht zu tun, über den Kamm zu scheren und auszugrenzen, sobald ich über Unterschiede überhaupt nachdenke.

Ich wollte daher zum einen mehr darüber wissen, was an der ganzen Debatte zu Migration und Integration dran ist und zum anderen dem eigenen Anspruch gerecht werden, anstelle von Verallgemeinerungen konkretes Wissen über Lebenswelten von Gruppen und Individuen mit Migrationshintergrund gewinnen zu können um darüber zu entscheiden, ob es Unterschiede zwischen Menschen ohne und mit Migrationshintergrund es gibt - oder eben auch nicht gibt. Vor diesem Hintergrund fand ich es spannend und relevant, den Fokus auf „Identitätsarbeit im Spannungsfeld von Arbeit und Migration" zu legen. Die Frage nach Erwerbstätigkeit beantwortet mehr als: „Arbeiten Sie, ja oder nein?" Sondern auch Fragen die mit wichtigen Erfahrungen zur Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Leben verknüpft sind. Automatisch, so dachte ich, sollte mit dem Thema „Arbeit" das ganze Leben berührt und die Biographie im Herkunfts- und Aufnahmeland, oder auch in Deutschland als Geburtsland, mit aufgewickelt werden. Des Weiteren spielt die Integrations- und Teilhabedebatte in der Politik vor allem auf der Bühne des Arbeitsmarktes eine Rolle, die da etwa lautet: Welches Potenzial stellen in Deutschland lebende Menschen mit Migrationshintergrund für die wirtschaftliche Zukunft des Landes dar? Somit scheint es doch wichtig, wie Menschen mit Migrationshintergrund (MmM) ihre Zukunft und Chancen in Deutschland selbst sehen und ob sie mit ihren Zugängen und Positionierungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt zurecht kommen. Denn wenn man das Ziel der Inklusion ernst nimmt, lautet ja auch die Frage: Welches Inklusionspotenzial stellt Deutschland für die Zukunft von Menschen mit Migrationshintergrund dar?

Durch Lektüre zeigte sich, dass ein Teil der MmM im (Aus-) Bildungs- und Arbeitsbereich sehr erfolgreich ist und keine Ungleichheiten zu Menschen ohne Migrationshintergrund (MoM) existieren. Gleichzeitig gibt es im Gros jedoch starke Unterschiede bei Schul- und Berufsabschlüssen und der Arbeitsfindung sowie Art der Arbeit, die auf eine weitläufige Benachteiligung von MmM hinweisen. Darüber gelangte ich zu der Auseinandersetzung mit Identitätsarbeit: Wie nehmen Menschen mit Migrationshintergrund ihre sozialen und ökonomischen Positionierungen in einer Gesellschaft, in der fast alles auf Arbeit und Kapital ausgerichtet ist wahr (nehmen sie Sie überhaupt wahr?) und wie integrieren Menschen mit Migrationshintergrund Erfahrungen im Berufsleben in ihr Selbst? Wirken die starken Ungleichheiten auf die Selbstbilder? Und wovon hängen die Antworten auf diese Fragen, also die Art der Identitätsarbeit, ab? Letztere Frage kann helfen zu verstehen, worin günstige und ungünstige Bedingungen für die Entwicklung von Menschen mit Migrationshintergrund abhängen.

Als angehende Rehabilitationspsychologin bin ich durch mein Studium geprägt von dem bio-psycho-sozialen Modell der Internationalen Klassifikation für Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF), in der Behinderung nicht ausschließlich im Individuum, sondern auch in der Umwelt begründet liegt. Die Umwelt ist Teil des Konglomerats an Barrieren, welche die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verhindern. Dieses Paradigma beeinflusst mich auch in der Betrachtung von Ungleichheiten, die sich nicht auf eine Abweichung von der „Norm" im psychischen oder körperlichen Bereich bezieht. Die vorliegende Arbeit fokussiert sich stark auf die Beschreibung der MmM in Deutschland: Ich gehe auf den Anteil in der Bevölkerung ein, beschreibe (Un-) Gleichheiten zwischen Menschen mit- und ohne Migrationshintergrund und greife hierauf bezogen die Situation im deutschen (Aus-) Bildungs- und Berufssystem auf, spreche über „Milieus" in denen MmM leben und setzte dies in Bezug zur Frage, wie Identitätsarbeit die sich im Spannungsfeld zwischen der Zugehörigkeit zur Gruppe der MmM und dem Weg durch das deutsche (Aus-) Bildungs- und Berufssystem befindet, beforscht werden kann, um die kleinen Lebensweltkosmen unserer Gesellschaft zu begreifen. Damit scheine ich den oft zu einseitigen politischen und medialen Fokus und die Überstrapazierung des Themas zu reproduzieren. Letztendlich möchte ich aber, dass meine Arbeit einer anschließenden Beforschung von Subjekten dient, welche nicht nur deren Verarbeitung ihrer „Welt" verstehbarer macht, sondern darüber ebenso die gesellschaftlichen Verhältnisse mit seinen Barrieren und Stärken aufzeigt, wenn sie durch die Augen der Beforschten betrachtet werden. Ziel der Arbeit ist es, hierfür Instrumente, Modelle, Theorien und empirische Herangehensweisen aus wissenschaftlichen Arbeiten zu Migration und Identitätsarbeit herauszuarbeiten und zu thematisieren, wie sie als Grundlage für eine qualitative Fallstudien zur „Identitätsarbeit im Spannungsfeld von Arbeit und Migration" genutzt und verknüpft werden können. Die Forschungsfrage dieser Arbeit lautet demgemäss:

Mit welchen forschungsmethodischen Ansätzen kann erforscht werden, wovon die Verarbeitung beruflicher Entwicklung von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland abhängt?

Mit der Beantwortung dieser Forschungsfrage soll es möglich sein, verschiedene spezifische Fragestellungen zum Themenfeld „Identitätsarbeit im Spannungsfeld von Arbeit und Migration" empirisch nachzugehen.

Die zielführende Vorgehensweise und der Aufbau der Arbeit werden nachfolgend beschrieben.

3. Aufbauder Arbeit

Die vorliegende Arbeit unterteilt sich zur Beantwortung der Forschungsfrage in fünf thematische Blöcke:

1. Definitionen migrationspolitischer sowie rechtlicher Begrifflichkeiten sowie soziostrukturelle Positionierungen von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland
2. Die Bedeutung von Arbeit für die Teilhabe an der Gesellschaft unter Einbezug des Migrationshintergrundes
3. Wissenschaftliche Konzeptionen von Identität und Identitätsarbeit
4. Forschungsmethodischer Zugang
5. Zusammenführung der drei Themengebiete und erarbeiten Forschungsansätze

Im ersten Themenblock werden zunächst kurze Begriffsklärungen von Migration/Menschen mit Migrationshintergrund, Ausländer, Arbeit, Arbeitslosigkeit und Bildung gegeben um anschließend eine kurze Übersicht zum Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland zu geben. Darauf folgt die Erklärung der Kapitalarten nach Bourdieu als Instrument, um (Un-) Gleichheiten in der Gesellschaft zu beschreiben. Im Anschluss findet eine Auseinandersetzung mit den Theorien der Assimilation, Integration und Inklusion von MmM statt, um hieraus abschließend ein einheitliches Verständnis von Teilhabe mit Bezug auf Bourdieus Kapitalarten des Menschen zu erarbeiten. Hieran schließt ein Einblick in die Einflüsse von Kultur und sozio-strukturellen Gegebenheiten auf die Teilhabechancen von MmM an der deutschen Gesellschaft an. Den Einstieg in den zweiten Teil der Arbeit bildet die anschließende Bestimmung der Bedeutsamkeit von Arbeit in unserer Gesellschaft unter Berücksichtung der Relevanz von Bildungs- und Ausbildungsverläufen als Zugang in den Arbeitsmarkt. Bildungs- und Ausbildungsverläufe werden für die Population der MmM anhand statistischer Daten des Bundesamtes für Statistik beschrieben um in einem weiteren Schritt die berufliche Entwicklung der MmM die auf Grundlage dieser (Aus-) Bildungsverläufe stattfindet zu thematisieren. Hierin wird vor allem auf Arbeitsbedingungen und Belastungen sowie deren Ursachen eingegangen. Im Resümee des Kapitels werden (Aus-)

Bildungsverläufe und Arbeitssituation nochmals zusammengefasst und Überlegungen angestellt, wie die erarbeiteten Informationen für eine empirische Forschungsarbeit zu „Identitätsarbeit im Spannungsfeld von Migration und Arbeit" genutzt werden können.

Im Anschluss folgt der dritte Thementeil, der sich mit Identität und Identitätsarbeit auseinandersetzt. Hierzu wird zunächst die wissenschaftliche Arbeit von Keupp et al. „Identitätskonstruktionen - Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne" vorgestellt, da sie wesentlicher Bezugspunkt in der darauf folgenden Beschäftigung mit der wissenschaftlichen Konzeption von Identität und Identitätsarbeit darstellt. Es folgt daran eine erneute Einbeziehung von Bourdieu's Kapitalarten hinsichtlich deren Relevanz für zu leistende Identitätsarbeit. Zudem wird Identitätsarbeit als zu leistende narrative Aushandlungsprozess thematisiert und in einer Zusammenfassung abschließend auf den Umgang mit dem theoretischen Wissen für Forschungsarbeiten eingegangen. Durch die Einführung in die Konzeptionen „Hybride Identitäten" und „Dritter Stuhl" sollen die Spezifika der zu leistenden Identitätsarbeit von MmM in Deutschland aufgegriffen und beschrieben werden. Anschließend wird mit dem vierten Teil dieser Arbeit ein forschungsmethodischer Zugang zur Erhebung von Datenmaterial entworfen. Es wird die Wahl des qualitativen Zugangs begründet und eine Einführung in Sichtweisen und Kriterien Qualitativer Forschung gegeben. Die Beschreibungen in den Kapiteln „Narrative Analysen" und der „Analyse narrativer Identität" im Speziellen sollen exemplarisch Instrumente mit Eignung als methodisches Handwerkszeug für das Forschungsfeld dieser Arbeit einführen.

Der fünfte und letzte Teil widmet sich der Zusammenführung aller im Verlauf der Arbeit diskutierten methodischen Zugänge und Instrumente, und entwirft einen Vorschlag, wie „Identitätsarbeit im Spannungsfeld von Arbeit und Migration" beforscht werden kann.

Erster Teil: Definitionen migrationspolitischer und rechtlicher Begrifflich- keiten sowie soziostrukturelle Positionierungen von Menschen mit Migrationshintergrund

4. Begriffsbestimmungen

Die Begriffe „Migration", „Menschen mit Migrationshintergrund", „Ausländer", „Bildung", „Assimilation", „Integration", „Inklusion", „Arbeit", „Arbeitslosigkeit" und „Identität/Identitätsarbeit" sind im Kontext dieser Arbeit von besonderer Bedeutung. Alle gemeinsam bieten für sich oder auch miteinander in Beziehung gesetzt ein hohes Potential kontrovers diskutiert zu werden; daher werden sie zum einheitlichen Verständnis für den Kontext dieser Arbeit definiert und erläutert, wobei den fünft letztgenannten Begriffen eigene Kapitel gewidmet werden. Die z.T. starke Orientierung an Gesetzestexten und Publikationen der Bundesregierung lässt sich mit dem großen Einfluss der deutschen Gesetzgebung und den Programmschriften der Regierung auf die Gesellschaft und Inklusionsprozesse begründen: durch deutsche Gesetzestexte ist u.a. geregelt, was unter Arbeit, Arbeitslosigkeit und Menschen mit Migrationshintergrund zu verstehen ist. Auf der Basis dieser gültigen rechtlichen Definitionen treten gesetzliche Bestimmungen in Kraft (wie etwa Hartz IV, ALG 1, Integrationskurse, Richtlinien zum Aufenthaltsstatus), die Menschen mit Migrationshintergrund im Zuge ihres Lebens in ihrer Arbeit bzw. Arbeitslosigkeit unmittelbar betreffen. Um die soziale Situation von MmM zu verstehen, ist es relevant, jene allgemeingültigen gesetzlichen Auffassungen und Bestimmungen zugrunde zu legen, die vor dem Hintergrund meiner Forschungsfrage für sie relevant sind. Jedoch ist es ebenso wichtig und unbedingt nötig, gesetzlichen Definitionen und programmatische Begriffe wie z.B. „Integration" zu hinterfragen und zu diskutieren, wie es z.T. im Verlauf und abschließend in der Diskussion am Ende meiner Arbeit geschieht.

4.1 Migration und Menschen mit Migrationshintergrund

Migration als ein Prozess verstanden werden, in dem eine „Ablösung von der Umwelt, Kultur und Nation, in die man hineingeboren wurde und die Eingliederung in eine für sich zunächst fremde Umwelt, Gesellschaft, Kultur und Nation" (Hoffmann, 1981, S.19) stattfindet, wovon auch die folgenden Generationen noch geprägt sein können. Migration kann ein sehr komplexer und belasteter Schritt sein, der in der Regel auf einem Konglomerat von Motiven beruht. Die häufigsten Motive sind Arbeit, Lohngehälter, Familienzusammenführung, Flucht, belastetes Dasein als ethnische Minderheit, demographischer Wandel, Studium, vielversprechende Erzählungen über ein besseres Leben und die Empfehlung durch bereits migrierte Bekannte, der geringste Teil migriert aus Abenteuerlust oder Neugierde an einem fremden Land (Han, Soziologie der Migration, 2010; Treibel, 2003). Findet die Migration statt, ist sie ein Prozess, der nicht erst mit dem Übertreten der Landesgrenze des Einwanderungslandes beginnt, denn migrierende Menschen müssen schon zuvor entscheidende Schritte bedenken und durchführen, welche hohe Anforderungen an die emotionale Verarbeitung und an das logistische Planen stellen (Han, 2010).

Unter MmM in Deutschland sind nach dem Mikrozensus 2008 alle „nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil" (Statistisches Bundesamt, 2010, S.6) zu zählen. Der Status „mit Migrationshintergrund" endet nach der zweiten Generation (Statistisches Bundesamt, 2010), welche Kinder von Einwanderern, die in Deutschland geboren sind und dort ihre gesamte Schul- und Ausbildung erhalten haben, umfasst (Christensen & Stranat, 2006). Als Menschen mit Migrationshintergrund werden in dieser Arbeit sowohl diejenigen Menschen bezeichnet, die nicht in Deutschland geboren wurden und im Verlauf ihres Lebens eingewandert sind, als auch jene, die in Deutschland geboren sind und nach der obigen Definition einen Migrationshintergrund besitzen. Abgesehen von der gemeinsamen Bezeichnung als MmM sind diese Menschen in ihrem Lebensstile und Persönlichkeiten stark heterogen und nicht einer homogenen Gruppe zuzuordnen (Belwe, 2009).

4.2 Ausländer

„Ausländer ist jeder, der nicht Deutscher im Sinne des Artikels 116 Abs. 1 des Grundgesetzes ist." (Bundesministerium der Justiz, 2011). Dieser besagt, „Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat." (Bundesministerium der Justiz, 2011).

4.3 Arbeit

Erwerbstätigkeit wird in Deutschland in Beschäftigung und selbstständige Arbeit unterteilt. Im Zuge einer Beschäftigung unterliegt der Angestellte den Bestimmungen des Weisungsgebers, von dem er ein monatliches Arbeitsentgelt bezieht. Unter Beschäftigung ist ebenso der Erwerb beruflicher Kenntnisse, Fertigkeiten oder Erfahrungen im Rahmen betrieblicher Berufsbildung zu verstehen. Eine Beendigung des Beschäftigungsverhältnisses erfolgt durch Kündigung, verminderter Erwerbsfähigkeit, Erwerbsunfähigkeit, Rente oder Tod (SGB IV). Die selbstständige Tätigkeit wird gesetzlich nicht definiert. Es wird gesetzlich lediglich umschrieben, welche Berufe bspw. unter selbständige Tätigkeiten fallen und woraus sich die Arten der Einkommensmöglichkeiten für Selbständige ergeben. Zusammenfassend heißt es im Einkommenssteuergesetz zur Voraussetzung selbständiger Tätigkeit, dass man auf Grund eigener Fachkenntnisse leitend und eigenverantwortlich arbeiten muss (Bundesministerium der Justiz, 2010). Arbeit ist somit entweder in einem Beschäftigten - oder Selbstständigenverhältnis zu stehen.

4.4 Arbeitslosigkeit

Arbeitslosigkeit wird gesetzlich in den SGB II[1] und III festgelegt. Demnach besagt § 16 SGB III:

„ (1) Arbeitslose sind Personen, die wie beim Anspruch auf Arbeitslosengeld vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis stehen, eine versicherungspflichtige Beschäftigung suchen und dabei den Ermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung stehen und sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet haben.
(2) Teilnehmer an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik gelten als nicht arbeitslos." (Bundesministerium der Justiz, 2011).

4.5 Bildung

Für den deutschsprachigen Raum lässt sich feststellen, dass der Bildungsbegriff sich mit den staatlichen Institutionen wie Schule, Berufsschule, Lehrstelle, Hochschule etc. verbindet und Bildungsleistungen als Aufgabe von Staat und Gesellschaft aufgefasst werden (Dollinger, Hörmann & Raithel, 2009). Gesellschaftlich betrachtet bedeutet sie die Erwartung an das Individuum sich Wissen und Erfahrung durch Schulbildung zu erwerben um an der Gesellschaft (produktiv) partizipieren zu können (Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), 2004) bzw. reziprok die Erwartung, dass Bildung durch den Staat gesichert wird. 1948 wurde das Recht auf Bildung in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte im Artikel 26 durch die UNO erklärt: „Jeder bot dos Recht auf Bildung." (Amnesty International, 2003). In Deutschland jedoch ist das Recht auf Bildung derzeit nicht im Grundgesetz, und somit als jedermanns Recht, festgeschrieben (Deutscher Bundestag, 2010). Stattdessen wird durch die Bundesländer die so genannte Schulpflicht und somit eine gewisse Allgemeinbildung geregelt. Aus der subjektiven Sicht kann Bildung als die „Aneignung von Welt, die Auseinandersetzung mit ihr, um die eigene Lebenslinie und Lebensgestalt zu finden" (Thiersch, 2008, S.977), welche ein Leben lang andauert, verstanden werden (Thiersch, 2008). Es geht hierin um "Identitätsfindung und die Fähigkeit zu einer selbstbestimmten Lebensführung, aber auch Beziehungskompetenz, Solidarität, Gemeinsinn und die Fähigkeit zur Übernahme sozialer Verantwortung" (Otto & Rauschenbach, 2004, S. 223).

5. Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland

Dieses Kapitel dient dem kurzen Überblick zur Gesamtzahl von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland, um einen Eindruck von der Population zu bekommen und Zahlen die im Verlauf der Arbeit fallen besser einordnen zu können.

In Deutschland lebten zum Zeitpunkt der letzten statistischen Erhebung des Statistischen Bundesamtes im Rahmen des Mikrozensus 2008 15,6 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland, vornehmlich in den alten Bundesländern und Berlin (96 %). Damit machen sie 19 % der Gesamtbevölkerung von insgesamt 82,1 Mio. Bürgerinnen und Bürgern aus. Von den 15,6 Mio. MmM in Deutschland besitzen 10,6 Mio. eigene Migrationserfahrung, womit sie 2/3 der Gruppe ausmachen. Von diesen 10,6 Mio. besitzen 5 Mio. die deutsche Staatsbürgerschaft. 1,7 Mio. der 4,9 Mio. MmM ohne eigene Migrationserfahrung sind per gesetzlicher Definition Ausländerinnen, demnach besitzen 3,3 Mio. ohne eigene Migrationserfahrung die deutsche Staatsbürgerschaft und 8,3 Mio. der MmM insgesamt (s. Tabelle 1).

Tabelle 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Aus „Lagebericht 2010" (S.38) der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (2010).

6. Vergesellschaftung und Chancen auf Teilhabe

In den Kapiteln Б-8.2.4 wird dargelegt, welche Relevanz Arbeit für die Teilhabe von Menschen besitzt. Hierfür werden einführend die in diesem Kontext mit MmM verwendeten Begriffe Assimilation, Integration und Inklusion diskutiert, um ein Verständnis darüber zu generieren, was Teilhabe überhaupt bedeuten kann. In der Literatur sind die Kapitalien nach Bourdieu (1985) ein häufiger Bezugspunkt um die Chancen auf Teilhabe an der Mehrheitsgesellschaft zu beschreiben. Da sie in der Theorie zur Identitätsarbeit nach Keupp et al. auf die ich mich im Besonderen beziehen werde ebenfalls einen Relevanzrahmen einnehmen, wird deren Konzeption zum allgemeinen Verständnis vorweg zusammenfassend beschrieben. In einem weiteren Schritt folgt die theoretische Auseinandersetzung mit der Bedeutsamkeit von Arbeit in unserer Gesellschaft und wie diese zur Vergesellschaftung beiträgt. Abschließend wird anhand statistischer Daten beschrieben, wie sich die derzeitige Chancenlage von MmM bzgl. Erwerbstätigkeit darstellt. Hierbei stehen Bildungs- und Ausbildungsverläufe, sowie die Situierung auf dem deutschen Arbeitsmarkt unter den Gesichtpunkten Besitz von Arbeit, Arbeitslosigkeit und Arbeitsbedingungen im Vordergrund. Abschließend wird die Erkenntnislage zusammengefasst und deren Nutzbarmachung für eine empirische Arbeit unter Einbezug der „Akkulturationsstresstheorie" diskutiert.

6.1 Die Kapitalien des Menschen nach Bourdieu

Bourdieus Konzeption der menschlichen Kapitalien bietet einen soziologischen Ansatz, um (Un-) Gleichheiten aufgrund struktureller und gesellschaftlicher Gegebenheiten, sowie individueller Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen im sozialen Raum zu beschreiben (Juhasz & Mey, 2003; Bourdieu, 1985). Somit ist sie sowohl für eine empirische Arbeit, deren theoretische Grundlage diese Arbeit bildet, als auch für ein theoretisches Verständnis nützlich, um Ursachen sozialer Positionierungen und Ungleichheiten zwischen MmM und MoM besser beschreiben zu können..

Bourdieu differenziert zwischen ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital[2]. Die Wechselwirkung der Kapitalarten untereinander wird als dynamisch angesehen, wobei die ökonomischen Ressourcen, die als Geld und Besitz definiert werden, in ihrer Relevanz dominanter sind und als positiver Wachstumsmotor für die „Anreicherung" der beiden weiteren Kapitalsorten genannt wird (Keupp et al., 2008). Dies deckt sich mit sozialstrukturellen Analysen, wonach u.a. der Bildungsgrad synchron mit dem finanziellem Gradienten innerhalb der deutschen Gesellschaft verläuft, also wohlhabendere Schichten bessere Bildungsbiographien vorweisen können als ärmere (Statistisches Bundesamt, 2005; http://www.bpb.de/files/V3MBP7.pdf Zugriff 07.08.2011, 11:33). Andererseits kann natürlich kulturelles und soziales Kapital auch die Anreicherung materiellen Kapitals bewirken, i.d.R. jedoch in geringerem Ausmaß. Die Abhängigkeit vom ökonomischem Kapital drückt sich im Fall von kulturellem Kapital in den Möglichkeiten objektiviertes Kulturkapital zu erwerben aus (Kauf von Büchern, Musikinstrumenten, Internetzugang usw.). Dieses muss, um es zu binden, in einem weiteren Schritt vom Subjekt erarbeitet und verinnerlicht werden. Letzteres gilt ebenfalls für die Bildung persönlicher Fertigkeiten und Haltungen, von Bourdieu als inkorporiertes Kulturkapital bezeichnet (Auffassungsgabe, Lernen, Bildung, Wissen, Werte usw.) welches als geistiger Besitz angesammelt wird. Gesellschaftliche Strukturen legen wiederum den Grundstein für den Zugang und geregelten Gewinn von Wissen (Museen, Büchereien, Bildungsinstitutionen, Erwerbsmöglichkeiten von Bildungsabschlüssen und Ausbildungen). Diese kulturellen Strukturen sind das institutionalisierte Kulturkapital eines Individuums und der Gesellschaft (Keupp et al., 2008; Juhasz & Mey, 2003; Bourdieu, 1992; Bourdieu, 1985). Die Qualität und Größe des sozialen Kapitals lässt sich durch die Zugehörigkeit zu anderen Menschen und Gruppen (Bourdieu, 1985), sowie über das Ausmaß von „Nähe, Bindung, Empathie, Respekt und Verständnis" (Keupp et al., 2008, S.201) und der Investition von „Arbeit und Geld, Zeit, Mühe, Aufmerksamkeit" (Keupp et al., 2008, S.201) im sozialen Netzwerk beschreiben. Zentraler Gewinn durch soziales Kapital ist die Anerkennung der Person und das daraus empfundene Gefühl einen Platz in der Welt zu besitzen (Bourdieu, 1985).[2]

Die Nutzbarmachung der Kapitalien hängt nach Bourdieu vom Umfang und der Zusammensetzung des Kapitals ab. In den weiteren theoretischen Überlegungen wird es daher um gesellschaftliche Strukturen und individuelle Faktoren gehen, die Anreicherung, Verlust und Anwendung der Kapitalien bedingen. Insgesamt ist Bourdieus Konzeption ein wichtiges Instrument für Sozialraumanalysen, Analysen gesellschaftlicher (Macht-) Strukturen und Beschreibung von Teilhabemöglichkeiten- und nutzung, sodass die Idee der Kapitalien auch in der Beforschung von systematischen Ungleichheiten zwischen MmM und MoM, aber auch in der Beforschung von Identitätsarbeit hilfreich ist.

6.2 Wie kann ein „Ausländer" ein „Inländer" werden? Assimilation, Integration und Inklusion

Im Verständnis dieser Arbeit wird Erwerbstätigkeit als Schlüsselelement zur Teilhabe an der Gesellschaft gesehen (s. Ausführlicher Kap.8). Daher soll vorab geklärt werden, was unter Teilhabe im Bezug auf MmM verstanden werden kann. Es gibt viele verschiedene Begriffe und damit verbundene Konzepte um die Eingliederung von MmM in die Gesellschaft des

Einwanderungslandes, sowie die Anpassung des Einwanderungslandes an MmM, zu beschreiben. Für diese Arbeit beschränke ich mich auf die Begriffe Ass/rn/lat/on, Integration und Inklusion, da sie wesentlich umfangreichere Migrations- und Vergesellschaftungsabläufe zu beschreiben suchen, als andere. So nehmen sie Bezug auf soziale, kulturelle, politische, identifikative und strukturelle Ebenen, jene, die auch im Zusammenhang mit Arbeit oder Arbeitslosigkeit (mit-) betroffen sind. Die drei Konzepte scharf voneinander abzugrenzen ist ein hoffnungsloses Unterfangen: jedes für sich thematisiert menschliche und strukturelle Anpassungs- und Aufnahmeprozesse und sie alle haben in ihrer historischen Entwicklung semantische Veränderungen und Überlagerungen erfahren. Die ihnen zugrunde liegenden Theorien gehen ab einem gewissen Punkt ineinander über, ineinander auf oder beschreiben je nach Autor oder Autorin von Anfang an nahezu identische Vorgänge (Aumüller, 2009). Die folgende Darstellung der drei Konstrukte ist daher der Literatur so entnommen, dass sie versucht zeitgemäße Modelle aufzugreifen und verstehbar zu machen, um ein gemeinsames

Verständnis zu generieren, welcher Begriff bzw. welches Begriffsverständnis am sinnvollsten für die Bedeutung von Arbeit im Kontext der Teilhabe von MmM an unserer Gesellschaft ist.

6.2.1 Vom sichtbar und unsichtbar sein - Assimilation

Assimilation wird in der Literatur mit „Angleichung" übersetzt und in den Assimilationstheorien tauchen vier Hauptuntergliederungen immer wieder und nahezu identisch auf: kulturelle, strukturelle, soziale und identifikative Assimilation von Ausländern und MmM (Aumüller, 2009; Hans, 2008). Daher beschränkt sich dieser Abschnitt auf die Erläuterung dieser vier Unterscheidungen im Assimilationskonzept und lässt alle weiteren Untergliederungen im Hinblick auf die Relevanz für diese Arbeit außer Acht.

Die Angleichung an die Gesellschaft des Einwanderungslandes unter der Bedingung, dass wir jemandem kulturell nicht mehr oder kaum anmerken, dass er yema/s von außen kam, weil die Grenzen zwischen seiner Kultur und der Kultur des Einwanderungslandes verschwinden, ist in den klassischen Assimilationstheorien als ku/ture//e Assimilation zu verstehen (Hans, 2008; Juhasz & Mey, 2003). Die vom Einwanderungsland abweichende kulturelle Prägung mit ihren spezifischen Einstellungen, Verhaltensweisen, Normen und Werten verändert sich insofern bzw. wird soweit ergänzt, dass sie keine Teilhabebarriere darstellt und ein kulturell im Einwanderungsland vertrautes und akzeptiertes Verhaltensrepertoire existiert. Aspekte davon wären Sprache, Religion, Kunst, Musik, Gestik, Kleidung u.v.m.. Kulturelle Assimilation muss nicht die totale Aufgabe der vorigen kulturellen Prägung bedeuten, diese kann lediglich in den Hintergrund treten (Hans, 2008). Die Identifizierung mit diesem Wandel im Sinne einer authentischen kulturellen Verhaltensänderung ist die identifikative Assimilation. Es findet nicht nur ein Wandel im Verhalten, sondern auch im persönlichen Erleben statt. Beide, kulturelle und identifikative Assimilation, können je nach sozialer Position und Umgebung im Einwanderungsland ganz unterschiedlich Ausdruck finden, da wir bei der heutigen sozialen Mobilität und Entwicklung von Subkulturen nicht mehr von „der deutschen" oder „der amerikanischen" usw. Kultur sprechen können (Hoffmann-Nowotny, 1973; Hans, 2008; Aumüller, 2009; Breckner, 2009).

Beispiel:

Anna H. ist mit fünf Jahren gemeinsam mit ihren Eltern nach Deutschland eingewandert. Sie spricht fließend Deutsch mit thüringischem Dialekt und hat sich mit ihrer eigenen Bäckerei in E. selbstständig gemacht. Sie wird von vielen Kunden frequentiert und hat auch ein solides privates Umfeld, welches zeitgleich selbst nicht ausschließlich aus Menschen besteht, die ihre ursprünglichen Wurzeln teilen. Zuhause in der Familie pflegt sie weiterhin den Gebrauch der polnischen Sprache und Besuche in

Polen mit traditionellen Festen. Somit taucht diese Frau in die Kultur, die sie in Deutschland vorfindet, ein, wird ein Teil der deutschen Gesellschaft, ohne dabei ihre polnischen Wurzeln zu verlieren und gleichzeitig fühlt sie sich darin wohl.[3]

In der Regel zuvor oder parallel von kultureller und identifikativer Assimilation finden eine strukturelle und soziale Assimilation statt (Hans, 2010; Juhasz & Mey, 2003), in deren

Rahmen sich die Eingewanderten in die gegebenen sozialen Strukturen und in sozial anerkannte Positionen einfügen, indem sie z.B. beginnen zu arbeiten, Steuern zu zahlen, zur Schule zu gehen und sich ein soziales Netzwerk innerhalb der Gesellschaft des Einwanderungslandes aufzubauen. Strukturelle und soziale Assimilation müssen nicht zugleich kulturelle und identifikative Assimilation bedeuten, auch wenn dies meistens durch die Berührungspunkte der Kulturen miteinander einhergeht und beide Stück für Stück vorantreiben kann, bis immer weniger kulturelle Distanzen existieren (Aumüller, 2009).

Einer Assimilation im Sinne der Möglichkeit, absolut „gleich" zu sein oder des Gleichwerdens auf allen vier Assimilationsebenen steht der Standpunkt Hoffmeyer-Zlotniks entgegen. Er subsumiert: „[...] das kaum Mögliche muss geschafft werden: ,rot' muß zu ,orange' werden [...] wobei der ,Umfärbungsprozeß' so oft korrigiert und wiederholt werden muß, bis keinerlei unterschiedliche ,Farbschattierungen' mehr wahrnehmbar sind (und anschließend muß noch das Wissen um den ,Färbungsprozess' ausgelöscht werden). Im Bereich sozialer Gruppen ist dieser ,Umfärbungsprozeß' ein fast unmögliches Unterfangen." (1986, S.16). Aumüller legt in der Auseinandersetzung mit dem Soziologen Gordon dar, dass dieser des Weiteren darauf hinweist, dass diese „Umfärbungsprozesse" nicht linear vom einwandernden Subjekt aus zu erwarten sind, sondern auch von der Aufnahmegesellschaft ausgehen können bzw. müssen (Aumüller, 2009). Auch die amerikanischen Soziologen Alba und Nee stimmen laut Aumüller darin mit ihrem Assimilationskonzept überein, wenn sie Assimilationstheorien ablehnen, welche von der absoluten Kompetenz des Individuums ausgehen, sich ohne strukturelle und soziale Hilfen selbst vergesellschaften zu können.

Weiter distanzieren sie sich von der Typisierung von Ethnien in der Hinsicht, dass keine verallgemeinerbaren Aussagen über den Assimilationsprozess anhand der Ethnie eines Individuums getroffen werden können. Assimilation wird stattdessen als lebensweltlicher Prozess konzipiert, in der Entscheidungen wie arbeiten zu gehen, Kinder zur Schule zu schicken, ein Umzug in eine bestimmte Nachbarschaft etc. aus Nutzenabwägungen und lebensweltlichen Einflüssen (z.B. die Tochter zum Klavierunterricht zu schicken, weil deren bester Freund auch Klavier spielt und sie es nun auch möchte) heraus getroffen werden und den Assimilationsprozess bestimmen. Außerdem rückt die Ethnie durch solche Entscheidungsprozesse von Generation zu Generation mehr und mehr in den Hintergrund (2009). Ebenso wie Alba und Nee sieht auch Gordon, so Aumüller, Assimilation als einen reziproken Prozess, zwischen der Bevölkerung des Einwanderungslandes und den Einwandernden selbst, wenn die Offenheit dafür existiert. Ein „rot zu orange" ist also gar nicht notwendig, um ein gemeinsames gesellschaftliches Zusammenleben zu entwickeln (2009), denn soziale Gewohnheiten und Phänomene ändern sich durch gemeinsame Interaktion und eine gemeinsame kulturelle nationale Identität kann sich theoretisch so als ein Teilresultat von Assimilation herausbilden (Hans, 2010; Aumüller, 2009). „Es geht nicht um [...] Verschmelzung bis zur Unkenntnis, sondern darum, dass die ethnische

Gruppenzugehörigkeit und damit verbundene Unterschiede nicht zu Vorurteilen führen und keine Rolle für die Teilhabe am gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Leben spielen." (Hans, 2010, S.15). Hierfür spielt in der Debatte um den reziproken Prozess das Kapital gesellschaftlicher Akteure im Sinne Bourdieus und die Flexibilität institutioneller Strukturen eine Rolle, da sie den Spielraum der Handlungsfähigkeit und somit für Angleichungsprozesse ermöglichen. Hier setzt die zentrale Kritik an Assimilationstheoretikern an, da sie kein Programm zur Förderung dieses notwendigen Kapitals und zur Schaffung von politischen Initiativen des Staates entwerfen, sondern auf einer rein beschreibenden Ebene haften bleiben (Aumüller, 2009).

6.2.2 „Irgendwie" dabei sein - Integration

Um den Integrationsbegriff entspinnt sich in der Fachwelt eine semantische Kontroverse, denn dort, wo er verwendet wird, bleibt er oft diffus. Dennoch findet er vielfach

Verwendung und ist zum Kernbegriff integrationspolitischer Debatten und Programme geworden. Kritiker führen daher an, dass der Begriff ein „terminus technicus" (Aumüller, 2009, S.44) sei, um jegliche Politik und Maßnahmen zu beschreiben, die das Ziel haben, MmM in irgendeinen Teilbereich der Gesellschaft einzubinden. Außerdem sei er eingeführt worden, um den negativen Beigeschmack früher gängiger Begriffe wie Assimilation, Akkommodation, Akkulturation u.a. wegzuspülen - diese seien im Laufe der Migrationsdebatte zu häufig mit der Forderung an MmM ihre kulturelle Identität und ethnischen Wurzeln auszulöschen, um sich in die Einwanderungsgesellschaft einzufügen, verknüpft worden (Juhasz & Mey, 2003; Aumüller 2009). Eine Forderung, von der derzeit mehr Abstand genommen wird, weil sie anscheinend nicht zum Ziel - der Beseitigung von Problemen entstanden durch die Entwicklung Deutschlands zu einem Einwanderungsland - geführt hat. Unklar bleibt aber, was unter Integration genau zu subsumieren ist und in welchen Kontexten der Begriff verwendet werden sollte. In Deutschland hat sich vordergründig das Verständnis durchgesetzt, dass Integration unter der Bedingung geschieht, dass derjenige, der von außen kommt, einen Teil seines Fremdseins durch die Toleranz der Umwelt behalten kann/darf, ohne Diskriminierung zu erfahren. Im Gegenzug fügt er sich jedoch in die gegebenen gesellschaftlichen Strukturen und nimmt eine sozial anerkannte Position ein, indem er z.B. beginnt zu arbeiten, sich selbst zu versorgen, sich an Gesetze zu halten etc. (Juhasz & Mey, 2003) und sich so „unter das Volk" zu mischen, dass es keine Probleme mehr gibt, die zu Lasten des Staates oder der Gesellschaft gehen und auf den Migrationshintergrund zurückzuführen sind. Riegel (2009) bemerkt hierzu: „Integration ist damit auch immer als eine Praxis der Bestimmung und Sortierung und letztendlich auch eine Praxis der Ein- und Ausgrenzung zu betrachten. Über Integration werden Einteilungen begründbar: die Unterscheidung zwischen Innen und Außen, Wir und die Anderen, den Einheimischen und den Ausländern, den Zugehörigen und Nicht-Zugehörigen, den Integrierten und Nicht-Integrierten." (S.24). Das heißt, Integration beschreibt, ob eine Person oder eine Gruppe in einem Sozialraum - dass kann eine Nachbarschaft, der Arbeitsplatz, die Stadt, das Land sein - ein- oder ausgegrenzt ist, warum dies der Fall ist und was dies bewirkt. Weiter umfasst Integration die zur „Eingrenzung" von MmM initiierten sozialpolitischen und rechtlichen Interventionen des Staates und anderer Träger, sowie das persönliche Wohlbefinden des Individuums mit der Situation, welches von Esser auch als Frage der „Spannungsfreiheit des Persönlichkeitssystems" bezeichnet wird (2003, zitiert nach Aumüller, 2009). Ob im Zuge des Prozesses, der in Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft resultieren soll, auch eine Identifikation und Angleichung an die Gesellschaft stattfindet, ist in der Theorie von Integration zunächst nicht ausschlaggebend.

Beispiel:

Kinder von MmM - seien es Flüchtlinge, Menschen mit begrenztem Aufenthaltsstatus, Duldung oder mit unbegrenztem Aufenthaltsstatus - dürfen oder müssen (je nach Bundesland) zur Schule gehen und werden somit gemeinsam mit deutschen Kindern in das Bildungssystem integriert. Dies bedeutet aber nicht, dass es z.B. automatisch

Sprachförderunterricht, gemeinsamen Religionsunterricht, Rücksicht auf kulturell unterschiedliche Feiertage oder Bildungserfolge gibt. Die Integration bleibt auf einer institutionell-strukturellen Ebene und muss sich vorerst nicht weiterbewegen. Kinder und Eltern können damit völlig zufrieden sein, da sie sich z.B. in ihrem Wohnhaus, umgeben von Landsleuten, sehr aufgehoben fühlen und schulische Bildung nicht zu ihrem primären Interessenfokus gehört: Ziel der Migration waren ein Dach über dem Kopf und Grundversorgung.

Integration muss also nicht bedeuten, dass a) eine Einbindung in sämtliche gesellschaftlichen Ebenen stattfindet und b) zwingend Angleichung geschieht. Annäherung und Angleichung sind währenddessen stets mit dem Assimilationsbegriff assoziiert.

Desintegration als Gegenstück zu Integration kann nach Imbusch so verstanden werden, dass der Kontakt zur Gesellschaft abbricht, d.h. ich werde aus einer Einheit verstoßen, die durch spezifische Elemente zusammengehalten wird und derer ich nicht mehr habhaft werden kann oder noch nie habhaft werden konnte. Diese Elemente bestehen ebenso wie in der Assimilationstheorie nach Alba und Nee aus persönlichem Humankapital und Maßnahmen zu dessen Förderung: Arbeit, politische Einflussnahme, toleriert werden, bürgerliche Rechte, Bildung, Anschluss an eine Gruppe, Wahlberechtigung, solidarische Sicherungsprinzipien u.a. (Aumüller, 2009; Imbusch, 2008; Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 2007). Vor diesem Hintergrund kann Integration als ein Prozess verstanden werden, in der das Habhaftwerden der Elemente die Zugehörigkeit zu einem sozialen Raum bedingen. Der Besitz und die Aneignungsmöglichkeiten von Elementen welche Zugehörigkeit bedingen zeigen daher das Ausmaß von Integration und Unterschiede zwischen Individuen und Gruppen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen an. Dies deckt sich mit der Theorie der Kapitalarten nach Bourdieu. Eine solche Analyse kann aufzeigen, ob und wo es notwendig ist zu fördern, damit benachteiligte Menschen in spezifischen Bereichen genau so viel „haben" (also integriert sind) wie diejenigen, die in allen gesellschaftlichen Teilbereichen so integriert sind, dass sie sehr gute Lebensbedingungen haben. An der Integrationspolitik wird hier kritisiert, dass der Fokus hierfür zu oft auf kulturelle Angleichung seitens der MmM gelegt wird, statt auf ihre Individualität und Bedürfnisse einzugehen und Forderungen an die Aufnahmegesellschaft zu stellen (Aumüller, 2009). Integration ist daher ein Begriff, der dort, wo er verwendet wird, klar definiert werden muss. Riegel fordert hier die Klärung der

Fragen: „Wohin soll integriert werden? (Frage nach Ziel und Raum) Wer soll integriert werden bzw. wer integriert wen und warum? (Frage nach den Positionierungen, Beziehungen, Machtverhältnissen und Nutzen für die unterschiedlichen Akteure) Wer benutzt den Begriff und mit welcher Absicht?" (2009, S.37). Mit einer Orientierung welche nicht das Nebeneinander, sondern dass Miteinander bei der Beantwortung dieser Fragen zum Ziel setzt, kann Integration durch seinen initiierenden Charakter durchaus ein sinnvolles Konzept zur Herstellung gesamtgesellschaftlich gleicher Teilhabechancen sein.

6.2.3 Ich-Sein in allen Bezügen - Inklusion

Der Inklusionsbegriff hat seine Wurzeln in einer Bewegung die sich kritisch mit der Konzeption von Behinderung auseinandersetzt und wird in Deutschland vor allem in den Berufsfeldern der Sonderpädagogik, Pädagogik und Sozialen Arbeit verwendet. Diese setzen sich in diesem Zusammenhang vor allem mit dem Ziel der umfassenden gemeinsamen Bildung für stark heterogene Gruppen auseinander. Dort ist „heterogen = normal" und hat zur logischen Konsequenz, dass strukturelle Angebote geschaffen werden müssen, die diese Normalität nicht bedrohen sondern erhalten bzw. wieder herstellen. Ziel ist aber nicht etwa die Erzeugung eines unnahbaren Respekts der Unterschiede innerhalb eines gemeinsamen Lebensraums, sondern Durchmischung und Kommunikation trotz aller Unterschiede (Hinz, 2002).

„Ist mit Integration die Eingliederung von bisher ausgesonderten Personen gemeint, so will Inklusion die Verschiedenheit im Gemeinsamen anerkennen, d.h., der Individualität und den Bedürfnissen aller Menschen Rechnung tragen. Die Menschen werden in diesem Konzept nicht mehr in Gruppen (z.B. hochbegabt, behindert, anderssprachig...) eingeteilt [...] Inklusion bedeutet davon auszugehen, dass alle Menschen unterschiedlich sind und dass jede Person mitgestalten und mitbestimmen darf. Es soll nicht darum gehen, bestimmte Gruppen an die Gesellschaft anzupassen." (Krög, 2005)

In dieser Herangehensweise kann das theoretische Netz ausgemacht werden, dass u.a. von Luhmann aufgespannt wurde: „Inklusion (und entsprechend Exklusion) kann sich nur auf die Art und Weise beziehen, in der im Kommunikationszusammenhang Menschen bezeichnet werden [...] Man kann [...] auch sagen: die Art und Weise, in der sie als ,Personen' behandelt werden." (Luhmann, 2008, S.149, In: Imbusch & Heitmeyer).

Von diesem Ansatz ausgehend hat der Inklusionsbegriff mit seinem Gegenbegriff der „Exklusion" auch Eingang in andere gesellschaftliche Diskussionen gefunden, in denen es um Diversität und Gleichbehandlung bzw. Ausgrenzung geht. Im Abschlussbericht der „Koordinationsstelle zur Förderung der beruflichen Bildung der italienischen Migrantinnen und Migranten in Nordrhein-Westfalen - VERSUS" greift Pichler (2006) vor allem die Dimension der Gleichbehandlung auf. Hierbei ist benennt sie Kriterien verbunden mit

Bourdieus Kapitalarten, mit denen der Grad der Inklusion bzw. Exklusion bestimmt werden kann. Pichler (2006) greift hierzu die Theorie zu Staatsbürgerschaftsrechten des Soziologen

T.H. Marshall auf, welche nach ihm in zivile, politische und soziale Staatsbürgerschaftsrechte unterteilen lassen:

- Zivile Staatsbürgerschaftsrechte: Recht auf Schutz der Persönlichkeit und die Nutzung des Rechtssystems des demokratischen Staates
- Politische Staatsbürgerschaftsrechte: Recht auf Beteiligung am politischen Geschehen
- Soziale Staatsbürgerschaftsrechte: Recht auf Grundversorgung, wirtschaftliche Sicherheit und ein Leben in Würde

Der Mensch kann demnach gesellschaftlich nur teilhaben, wenn er gesamtgesellschaftlich dasselbe (rechtliche) Kapital wie seine Mitmenschen besitzt und hierum bemüht sich demnach Inklusion u.a. (Pichler, 2006). Dies bedeutet, dass je nach Forschungssubjekt und - frage die juristische Lage und ggf. deren Veränderung von Interesse sind, z.B. mehr

Anerkennung von ausländischen Bildungsabschlüssen, Recht auf innerdeutsche Reisefreiheit bei Asylberechtigten etc. - andersherum muss es auch darum gehen, ob und warum Rechte wahrgenommen werden oder nicht.

Inklusion betont also im Gegensatz zu Assimilation und Integration explizit das Recht auf Diversität und Parität und fordert die hierfür notwendigen Bedingungen ein: Respekt und Akzeptanz auf zwischenmenschlicher und rechtlicher Ebene, welche die Verteidigung und Verwirklichung von Diversität auf zivil-, politisch- und sozialstruktureller Ebene vor allem mittels Mitsprache ermöglichen. Hinzu kommt die Forderung nach ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital in gleichem Maß für alle, als Ergänzung der zivilen Staatsbürgerschaftsrechte, um an der Gesellschaft teilzuhaben. Die Schwäche der juristischen Konzeption von Inklusion ist meines Erachtens darin zu sehen, das Gesetzte zwar gewisse Garantien auf Schutz und Ansprüche vergeben, allerdings nicht die Haltung von

Individuen gegenüber anderen Menschen bestimmen können. Daher bleibt Inklusion mit der Notwendigkeit des Dialogs und kontinuierlicher Begegnungsarbeit verknüpft, um tatsächlich soziale Räume zu schaffen, welche angereichert mit Diversität die Einstellung von Menschen hin zu einem offenen und einander anerkennendem Umgang zu beeinflussen vermögen. In diesem Ziel besteht die Stärke des Inklusionskonzeptes: Teilhabe nicht durch das Bestimmen übereinander, sondern das Bestimmen und Erleben miteinander.

[...]


[1] Im SGB II gibt es folgende typische Fallkonstellationen, in denen erwerbsfähige Hilfebedürftige nicht als arbeitslos geführt werden:
„a. Beschäftigte Personen, die mindestens 15 Stunden in der Woche arbeiten, aber wegen zu geringem Einkommen bedürftig nach dem SGB II sind und deshalb Arbeitslosengeld II erhalten, werden nicht als arbeitslos gezählt, weil das Kriterium der Beschäftigungslosigkeit nicht erfüllt ist.
b.Erwerbsfähige hilfebedürftige Personen, denen Arbeit nach § 10 SGB II nicht zumutbar ist, werden wegen mangelnder Verfügbarkeit nicht als arbeitslos gezählt. Darunter fallen insbesondere Hilfebedürftige, die Kinder erziehen, Angehörige pflegen oder zur Schule gehen.
c.Erwerbsfähige Hilfebedürftige, die nach Vollendung des 58. Lebensjahres mindestens für die Dauer von zwölf Monaten Leistungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende bezogen haben, gelten nach § 53a Abs. 2 SGB II dann nicht als arbeitslos, wenn ihnen in diesem Zeitraum keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten werden konnte." (Bundesministerium der Justiz, 2011)

[2] als eine vierte Dimension existiert das symbo//scäe Kapital, dass an dieser Stelle vernachlässigt wird, da es auch in der verwendeten Literatur zu Identitätsarbeit, Arbeit und Migration nicht thematisiert wurde und der zeitliche Rahmen der B.A. es nicht zuließ, sich zusätzlich mit dieser Tatsache kritisch auseinanderzusetzen

[3] Als problematisch am Konzept ist hier anzumerken, dass äußere Merkmale die nicht assimilierbar sind, z.B. im Falle einer anderen Hautfarbe, welche immer wieder Außenstehenden als Fremdheitsmerkmal verstanden werden kann, an dieser Stelle zunächst nicht mitgedacht werden.

Details

Seiten
119
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656925521
ISBN (Buch)
9783656925538
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294673
Institution / Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Stendal
Note
1,0
Schlagworte
identitätsarbeit spannungsfeld migration arbeit theoretische grundlagen

Autor

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Titel: Identitätsarbeit im Spannungsfeld von Migration und Arbeit