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Die Aussagen zu Wählerbewegungen der NSDAP in zeitgenössischer Literatur. Hans Günthers "Der Herren eigener Geist. Ideologie des Nationalsozialismus"

Hausarbeit 2014 14 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Der Autor und Werk

2. Quellen und Intention Hans Günthers

3. Problematik zeitgenössischer Betrachtungen des Wählerverhaltens

4. Vorgehensweise und Probleme der Wahlforschung – Beispiel der Wählerschaft der NSDAP, die sich aus Arbeitern zusammensetzte.
4.1 Forschungsstand
4.2 Region und ihre politische und gesellschaftliche Situation und Vergangenheit
4.3 Quellenlage, -beschaffung
4.4 Soziale Motivation
4.4.1. Propaganda als schwer einzuschätzendes Mittel der Wählergenerierung
4.5 Die Verwertbarkeit von Zahlen
4.6 Definitionsproblematik des Arbeiters

5. Der Arbeiter – Einblick in die Forschungsergebnisse der Wahlforschung

6. Fazit

Literatur

Vorwort

Im Jahr 1935 erschien das von Hans Günther verfasste Buch „Der Herren eigener Geist. Die Ideologie des Nationalsozialismus“. Es war ein bedeutendes Werk für die Auseinandersetzung mit den ideologischen Grundlagen des deutschen Faschismus und verkörpert die Abwendung der Komintern von der Sozialfaschismusthese hin zur Volksfrontpolitik. In diesem Sinne ist Günthers Werk auch als eine Kampfschrift anzusehen, denn sie ruft zum gemeinsamen Kampf der linken Parteien gegen den Faschismus auf, lässt jedoch auch immer wieder Kritik an den sozialistischen Parteien zutage kommen. Der Autor analysiert das Wesen und die Entstehungsgeschichte des Nationalsozialismus und richtet ein besonderes Augenmerk auf die Ideologie dessen, um ihr Erfolgsrezept zu enttarnen. Dabei stellt er eine Doppelstruktur der nationalsozialistischen Ideologie fest, welche ihre eigentliche Absichten, die Rettung des Kapitalismus – tarne. Hans Günther fasst die Fassade dieser Doppelstruktur wie folgt auf:

„Die Opfer wurden durch einen beispiellosen gigantischen Betrug in die Irre geführt“ und um „die Opfer als Heerschar des Nationalsozialismus auch nur zeitweilig gegen die proletarische Revolution führen zu können, versprach ihnen derselbe Faschismus, der Deutschland weiter in der Sklaverei des nationalen und internationalen Finanzkapitals gefangenhält, die nationale Befreiung.“1 Hans Günther betont seine These, dass ein „Schreckensregiment gegen die Massen [...] mit Hilfe der Massen errichtet werden“ sollte. Den Arbeitern versprach die NSDAP „[h]ohe Löhne, Gewinnbeteiligungen an Großbetrieben. Gewerkschaftlichen Schutz ihrer berechtigten Lebensansprüche. Streikrecht. Ausbau der Altersversorgung“ und „[s]ozialen Aufstieg“.2 Günther scheint also einen massentheoretischen Ansatz bei der Erklärung der Wahlerfolge der NSDAP zu vertreten und rückt den Arbeiter in den Fokus der NSDAP-Zielgruppen.3

Diese Arbeit setzt sich das Ziel herauszuarbeiten inwieweit die Aussagen Hans Günthers im nachhinein empirisch belegbar sind und versucht einen Einblick in die Problematik zeitgenössischer Interpretationen von Wahlergebnissen dieser Zeit zu ermöglichen. Hierbei gerät vor allem die Monographie „Hitlers Wähler“ von Jürgen Falter in den Mittelpunkt der Betrachtung, eine Wahlanalyse die bisher alles veröffentlichte mit ihrem hohen Maß an Empirie übertrifft und vielseitig rezeptiert wurde.

Hierzu werden zunächst Werk und Autor ein wenig genauer betrachtet. Nach einem kurzen biografischen Überblick wird die empirische Grundlage der Monographie überprüft. Es folgt eine kurze Übersicht über Problematiken, denen sich ein zeitgenössischer Autor zwischen 1920 und 1945 ausgeliefert sah und wie sich die aktuelle Forschung ihren Problemen stellt. Der Hauptteil der Arbeit wird anschließend versuchen, am Beispiel des Arbeiters die vielseitigen Facetten einer retroperspektiven Wahluntersuchung exemplarisch darzustellen. Den Schluss bildet ein Fazit, das die durch die Arbeit zutage geförderten Aspekte resümiert.

1. Der Autor und Werk

Hans Günther (1899-1938) leitete in der „‘Deutsche Länder-Kommission‘ [...] die Interessen der deutschen Literaten innerhalb der in Moskau residierenden ‚Internationalen Vereinigung Revolutionärer Schriftsteller‘“ und schrieb später als Exilschriftsteller in der „‘Deutsche[n] Sektion‘ im sowjetischen Schriftstellerverband weiter“.4 Er promovierte 1923 nach seinem Studium der Volkswirtschaft und Jura mit einer Arbeit zur Marxschen Mehrwerttheorie. Günther publizierte unter anderem in der kommunistischen Presse theoretische Beiträge und Kritiken zu Theater, Film und Literatur. Er trat 1930 der KPD bei und siedelte 1932 nach Moskau über. 5

2. Quellen und Intention Hans Günthers

Bevor diese Arbeit beispielhaft darstellen wird, wie empirische Vorgehensweise bei Wahlanalysen aussehen sollte, soll vorerst das Buch auf die Konsistenz seiner Quellen untersucht werden. Hierfür wird zunächst das Quellenverzeichnis der Monographie Hans Günthers genauer betrachtet. Ein an das Quellenverzeichnis angehangenes Zitat sticht besonders ins Auge:

„Für seine Arbeit standen dem Verfasser nicht immer die Originalwerke, sondern nur seine Exerpte zur Verfügung, so daß einige Quellenangaben in Bezug auf Verlagsort, Auflage, Jahr des Erscheinungsdatums nicht ganz vollständig sind.“6

Sämtlichen Zitationen Hans Günthers wird hier die wissenschaftliche Basis geraubt. Eine Nachprüfbarkeit ist aufgrund der fehlenden Angaben in keiner Weise gewährleistet. Zumal er nicht einmal auf Fragmente in Form von Kopien zurückgreift, sondern auf eigene Exerpte. Wie frei diese Exerpte formuliert sind, ob sie überhaupt Zitate aufweisen, ist fraglich. Da weiter die Standards eines Exerptes, also die korrekte Zitation des Werkes, sämtliche Angaben zu Autor, Erscheinungsdatum und Publikationsort beinhaltend, fehlt, sind die anderweitigen Qualitäten der Exerpte Hans Günthers ebenfalls mit einem Fragezeichen zu versehen.

Weiter erschüttert der Eintrag „Diverse Zeitungen und Zeitschriften“7 die Empirie des Werks. Zu dieser Quellengattung sind keinerlei Zitationsangaben im Quellenverzeichnis vermerkt – jedoch sind an den entsprechenden Stellen der Monographie Verweise vermerkt. Betrachtet man beispielhaft die Zitationen „‘Hamburger Anzeiger‘ 28 .8. 1934.“ und „Zitiert nach ‚Frankfurter Zeitung‘, 28. 8. 1934“ fällt jedoch weiter auf, dass hier die Angaben des Autoren fehlen. Die zitierten Abschnitte der Zeitungen weisen alle Anzeichen eines Kommentars und keines objektiven Berichtes auf. Gerade bei einem Kommentar wäre die Angabe des Autors unverzichtbar.8 Widmet der Autor doch ein ganzes Kapitel (2.E.) den „besonderen Sophismen der Kriegspropaganda“, sollte er sich doch der Tragweite von Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln bewusst sein – insbesondere ihrer in vielen Fällen eventuell in Frage zu stellenden Objektivität. (In Kapitel 5.4.1. wird dieser Aspekt in dieser Arbeit noch einmal angeschnitten. Die Propaganda von Zeitschriften wird aufgrund der Zitationen von Hans Günther dort noch einmal am Beispiel der „ABZ“ dargestellt)

3. Problematik zeitgenössischer Betrachtungen des Wählerverhaltens

Jürgen Falter sieht es als die Hauptaufgabe „des historischen Wahlforschers“ an „solche Annahmen möglichst genau und umfassend zu überprüfen“ und thematisiert die zeitgenössischen Wahlbeobachtungen.9 Er betont, dass die von zeitgenössischen Autoren vorausgesetzte Richtigkeit „der von ihnen unterstellten Wählerbewegungen und der sozialen Basis der NSDAP-Wählerschaft“ nicht „immer gerechtfertigt ist“.10

Zwar seien die von zeitgenössischen Autoren aufgestellten Beschreibungen der Wählerschaft nicht durchweg als falsch zu bezeichnen, doch gäben sie „-in zumeist spekulativer oder zumindest erfahrungswissenschaftlich ungenügend abgesicherter Weise – Auskunft darüber, woher die Wähler des Nationalsozialismus gekommen sind“. Solche Erklärungsversuche sind laut Falter „vielmehr die Zurückführung [...] auf allgemeine Verhaltensgesetze, aus denen sich das zu erklärende Phänomen im Idealfall vollständig logisch ableiten läßt“. Dies sei aber nur dann der Fall, wenn zum einen bewiesen ist, dass wirklich das vom Autor untersuchte Wählerverhalten existierte, zum anderen muss belegt sein, dass die vorausgesetzten sozialen Gesetzmäßigkeiten wirklich in der Gesellschaft vorhanden waren. „Und schließlich muß eine logische Ableitungsbeziehung zwischen dem zu erklärenden Ereignis und den angeführten Ursachen bestehen.“ Doch all dies kann aufgrund der in Kapitel 3 dieser Arbeit festgestellten lückenhaften Quellenlage Hans Günthers zumindest stark in Frage gestellt werden.11

Eine in die tiefe blickende Analyse aller Quellen Hans Günthers und dessen verwendeten Zahlen zu den Wahlen im Kontext des NS-Regimes kann im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden. Vielmehr setzt sich diese Ausarbeitung das Ziel, für die Ansprüche, die an die Arbeit eines Wahlforschers gestellt werden können, zu sensibilisieren. Eine eher skeptische Haltung Empirie der von Hans Günther zum Erstellen seiner Monographie verwendeten Quellen, geht aus den bisherigen Kapiteln hervor. Doch maßt sich diese Arbeit kein festlegendes Urteil über die Arbeit Hans Günthers an. Als Autor, der im Exil seine Werke verfasste, kann über eine problematische Situation bezüglich des Quellenbezugs nachvollzogen, aber dennoch nicht als akzeptabel klassifiziert werden.

4. Vorgehensweise und Probleme der Wahlforschung – Beispiel der Wählerschaft der NSDAP, die sich aus Arbeitern zusammensetzte.

Dieses Kapitel der Arbeit soll, den Arbeiter als Beispiel fokussierend (sie stellten vermutlich den Großteil des von Hans Günther vertretenen massentheoretischen Ansatzes der Zusammensetzung der Wählerschaft der NSDAP dar), die Arbeit eines Wahlforschers, der rückblickend Wahlen analysiert, vorgestellt werden. Hierbei wird versucht mehrere Autoren, die zu diesem Thema publizierten vorzustellen und einen kleinen Einblick in ihre, teils unterschiedlichen, Ergebnisse zu gewähren. Der Fokus wird jedoch stets auf Jürgen Falter liegen, der die breiteste empirische Grundlage für seine Forschung nutzte und die bisher sichersten Analysen präsentieren konnte. An einigen Stellen wird auf Hans Günther verwiesen, um dem Leser eine eigenständige Einschätzung des Werks „Der Herren eigener Geist“ zu ermöglichen. Um dies zu leisten, sind die folgenden Kapitel nach dem jeweiligen Faktor benannt, die ein Wahlforscher bei der Untersuchung seiner Zielgruppe, hier der Arbeiter, berücksichtigen muss.

4.1 Forschungsstand

Bei dem Auseinandersetzen mit dem vorherrschenden Forschungsstand wurde Falter mit einem lückenhaften Bild des Erkenntnisstandes konfrontiert. Bis er eigene Fortschritte durch seine Forschung erlangte, schloss sich Falter der „Geigerschen und Lipsetschen Mittelstandshypothese“ an, „die damals [...] die historische Diskussion dominierte“. Er las sich in die vorliegenden Studien zum Thema „Massenbasis des Nationalsozialismus“ ein „(so arg viele gab es gar nicht)“ und stellte fest, „daß diese Theorie wissenschaftlich keineswegs so abgesichert war, wie man oftmals glaubte“. Falter diagnostizierte „[g]ravierende Methoden- und Datenprobleme der einschlägigen Untersuchungen“. Eine Festlegung darauf, dass die NSDAP „tatsächlich [...] von radikalisierten Mittelschichtwählern unterstützt worden war“, schien nicht möglich.12

4.2 Region und ihre politische und gesellschaftliche Situation und Vergangenheit

Zunächst darf durch eine Analyse des Wählerverhaltens nicht die politische und gesellschaftliche Situation und Vergangenheit der zu untersuchenden Region/des zu untersuchenden Landes vernachlässigt werden. So kann „man die soziale Trägerschaft der NSDAP unter vielen Aspekten betrachten; z.B. nach geschlechts- und altersspezifischen Merkmalen, im Stadt-Land-Vergleich, nach Schicht und Konfessionsmustern“ (und hier wird von Hans Günther keinerlei Differenzierung vorgenommen!). Zudem hatte Deutschland „im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten (z.B. Großbritannien) so gut wie keine demokratische Tradition. Obrigkeitsstaatliches, antidemokratisches Denken war weitverbreitet“, auch diese gesellschaftliche Ausgangssituation vernachlässigt Hans Günther bei seiner Betrachtung.13

[...]


1 Hans Günther: Der Herren eigener Geist. Die Ideologie des Nationalsozialismus, Moskau 1935, S. 214f. Im Folgenden zitiert als: Hans, Günther: Der Herren eigener Geist.

2 Hans Günther: Der Herren eigener Geist, S. 56.

3 Hans Günther: Der Herren eigener Geist, S. 55.

4 Gerd, Ueberschär: Handbuch zum Widerstand gegen Nationalsozialismus und Faschismus in Europa 1933/39 bis 1945, Berlin 2011, S. 317.

5 Hermann, Weber u. Andreas, Herbst: Deutsche Kommunisten. Biografisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, S. 275.

6 Hans, Günther: Der Herren eigener Geist, S. 226.

7 ebenda

8 Hans Günther: Der Herren eigener Geist, S. 128f.

9 Jürgen Falter: Hitlers Wähler, München 1991, S. 43.

10 Jürgen Falter: Hitlers Wähler, München 1991, S. 44.

11 Jürgen Falter: Hitlers Wähler, München 1991, S. 42.

12 Jürgen Falter: Arbeiter haben erheblich häufiger, Angestellte dagegen sehr viel seltener NSDAP gewählt als wir lange Zeit angenommen haben. Ein Rückblick auf das Projekt „Die Wähler der NSDAP 1928-1933“, in: Geschichte und Gesellschaft 16. Jahrg. H.4. – Mediziner im „Dritten Reich“, 1990, S.536. Im Folgenden Zitiert als: Jürgen Falter: Ein Rückblick auf das Projekt „Die Wähler der NSDAP 1928-1933“.

13 Peter Manstein: Die Mitglieder und Wähler der NSDAP 1919-1933. Untersuchung zu ihrer schichtmäßigen Zusammensetzung, in: Europäische Hochschulschriften: Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 344, Frankfurt am Main 1988, S. 2f. Im Folgenden zitiert als: Peter Manstein: Mitglieder und Wähler der NSDAP.

Details

Seiten
14
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656924173
ISBN (Buch)
9783656924180
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294665
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
Sein Kampf Nationalsozialismus Wähler Arbeiter Hans Günther Günther Wählerschaft Propaganda

Autor

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Titel: Die Aussagen zu Wählerbewegungen der NSDAP in zeitgenössischer Literatur. Hans Günthers "Der Herren eigener Geist. Ideologie des Nationalsozialismus"