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Wovon hängt die höchste abgeschlossene Bildung in Österreich ab?

Einfluss der Faktoren soziale Herkunft, Migrationsstatus, Deutschkenntnisse, höchste abgeschlossene Bildung der Eltern und des Geschlechts auf die höchste abgeschlossene Bildung

Bachelorarbeit 2014 57 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Bildungssystem von Österreich auf den Punkt gebracht
2.1 Die historische Entwicklung des Bildungswesens
2.1.1 Mittelalter
2.1.2 Beginn der Neuzeit – Renaissance & Humanismus
2.1.3 16. bis 17. Jahrhundert
2.1.4 Kaiserin Maria Theresia: „Das Schulwesen ist und bleibt allzeit ein Politikum“
2.1.5 Das Revolutionsjahr 1848 bringt eine Reorganisation des Schulsystems
2.1.6 Das Ende des 1. Weltkrieges brachte eine weitere Wende im Schulsystem
2.1.7 Die Zweite Republik schaffte den Grundstein des heutigen Schulsystems
2.1.8 Die Regierungsprogramme 2007 und 2008 stellen den Status quo aufseiten der Bildung dar.
2.2 Die Gliederung des derzeitigen Bildungssystems in Österreich
2.2.1 Die Primarstufe des österreichischen Bildungssystems
2.2.2 Die Sekundarstufe 1
2.2.3 Die Sekundarstufe II
2.2.4 Postsekundar- & Tertiärstufe

3 Der Stand der Dinge: Faktoren, die die Bildung in Österreich beeinflussen.
3.1 Soziale Herkunft
3.1.1 Geschlecht
3.1.2 Bildungsabschlüsse der Eltern
3.2 Deutschkenntnisse
3.3 Migrationsstatus

4 Forschungsfrage und Hypothesen
4.1 Je höher die soziale Herkunft, desto höher ist der Bildungsabschluss
4.2 Frauen erzielen höhere Bildungsabschlüsse als Männer
4.3 Je höher die Bildung der Eltern, desto höher ist der Bildungsabschluss ihres Kindes
4.4 Die Alltagssprache Deutsch beeinflusst den höchsten Bildungsabschluss in Österreich
4.5 Personen mit Migrationshintergrund erzielen niedrigere Bildungsabschlüsse als ÖsterreicherInnen ohne Migrationshintergrund

5 Methodisches Vorgehen und verwendetes Datenmaterial
5.1 Analyse der genannten Hypothesen erfolgte mithilfe des GGS-Datensatzes
5.2 Vorstellung des Gender and Generation Survey Datensatzes
5.3 Methodisches Vorgehen und Grundsatzentscheidung

6 Datenauswertung und Überprüfung der Hypothesen
6.1 Vorstellung der Prüfvariablen „Höchste abgeschlossene Bildung“
6.2 Je höher die soziale Herkunft, desto höher ist der Bildungsabschluss
6.3 Frauen erzielen höhere Bildungsabschlüsse als Männer
6.4 Je höher die Bildung der Eltern, desto höher ist der Bildungsabschluss ihres Kindes
6.5 Die Alltagssprache Deutsch beeinflusst den höchsten Bildungsabschluss in Österreich
6.6 Personen mit Migrationshintergrund erzielen niedrigere Bildungsabschlüsse als Personen ohne Migrationshintergrund in Österreich

7 Zusammenfassung der Ergebnisse

8 Fazit und Kritik

9 Literaturverzeichnis

10 Anhang
10.1 Rekodierungen
10.1.1 Alltagsprache Deutsch Ja/Nein
10.1.2 Migrationshintergrund Ja/Nein

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Schullaufbahn Männer im Vergleich zu Frauen

Tabelle 2 Höchste abgeschlossene Bildung

Tabelle 3 Zurechtkommen mit dem Einkommen x Höchste abgeschlossene Bildung

Tabelle 4 Wohnungsgröße x Höchste abgeschlossene Bildung

Tabelle 5 Rücklagen Ja/Nein x Höchste abgeschlossene Bildung

Tabelle 6 Leitungsfunktion im Beruf x Höchste abgeschlossene Bildung

Tabelle 7 Geschlechterverteilung im GGS-Datensatz 2008/9

Tabelle 8 Geschlecht x Höchste abgeschlossene Bildung

Tabelle 9 Höchste abgeschlossene Bildung der Mutter x Höchste abgeschlossene Bildung der/s Befragten

Tabelle 10 Höchste abgeschlossene Bildung des Vater x Höchste abgeschlossene Bildung des/r Befragten

Tabelle 11 Sprachen im Alltagsgebrauch aufgeteilt nach Deutsch / Nicht-Deutsch

Tabelle 12 Höchste abgeschlossene Bildung x Alltagssprache Deutsch / Nicht-Deutsch

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Höchste abgeschlossene Bildung nach Geschlecht getrennt

Abbildung 2 Höchste abgeschlossene Bildung nach Alltagssprache

Abbildung 3 Höchste abgeschlossene Bildung nach Migrationshintergrund

1 Einleitung

Die vorliegende Bachelorarbeit entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung „2013S 230108-1 Soziale Ungleichheit - Theorien, Konzepte, Diagnosen“ und versucht die Faktoren soziale Herkunft, Sprachkenntnisse, Migrationsstatus und Geschlecht bezüglich deren Einfluss auf den höchsten Bildungsabschluss in Österreich zu analysieren.

Die Arbeit beginnt mit einem historischen Überblick über die Entwicklung des österreichischen Schulsystems bis zur Gegenwart. Danach wird der derzeitige Forschungsstand bezüglich dieser Faktoren erläutert und dargestellt.

Den dritten Block bildet die Forschungsfrage mitsamt den Hypothesen und im letzten Block werden diese Hypothese anhand des Gender and Generations Survey 2008/9 der ersten Welle für Österreich überprüft.

Diese Arbeit fußt auf dem Erkenntnisinteresse der Situation bezüglich des Bildungssystems in Österreich, da es sehr viel Datenmaterial für Deutschland und größere Länder gibt. Es scheint, als wäre Österreich für Studien zu unbedeutend klein. Es wurden zahlreiche qualitative Studien im Bereich von Diplomarbeiten über einzelne Schulen in Österreich im Zusammenhang mit Bildung durchgeführt, aber größer angelegte Studien gibt es nur vereinzelt von den verschiedenen Ministerien.

Aus diesem Grund war es interessant, die Faktoren auf das Bildungssystem zu prüfen und zu deuten, wie sie sich auf die höchste abgeschlossene Bildung der Personen, die in Österreich leben, auswirken.

Viel Vergnügen beim Lesen wünscht Christian Dörr, ein Student der Soziologie.

2 Das Bildungssystem von Österreich auf den Punkt gebracht

2.1 Die historische Entwicklung des Bildungswesens

2.1.1 Mittelalter

Der Beginn des geordneten Schulwesens ist im Mittelalter angesiedelt, und die Bildungsaufgabe oblag zu dieser Zeit dem Klerus und war dementsprechend bis zum 13. Jahrhundert ein kirchlich geprägtes Schulwesen. Dementsprechend errichtete die Kirche Pfarr-, Kloster- und Domschulen (in aufsteigender Reihenfolge bezüglich der Qualität des Unterrichts).

Die Domschulen waren die Ausbildungsstätten der Kleriker, und der Unterricht fand in lateinischer Sprache statt, da Latein die Sprache der Gelehrten war und fast alle Schriften in Latein verfasst waren. Vermittelt wurden die „Artes Liberales“, die freien Künste.

An den Klosterschulen wurden die Novizen in die Grundlagen der Theologie eingeführt und auch höhere Bildung vermittelt. Sie entsprachen der heutigen Sekundärbildung.

Die unterste Bildungsstufe bildeten die Pfarrschulen, in denen Pfarrer im Hochmittelalter unterrichteten. Es wurde neben theologischen Dingen auch Lesen und Schreiben gelehrt. Die Primärausbildung fand hier statt und der Unterricht war unentgeltlich.

Ab dem 13. Jahrhundert änderte sich dieses „kirchliche Monopol“ im Bereich der Bildung, als auch Städte begannen, Schulen zu errichten. Von diesen frühen Formen des Schulwesens profitierten vor allem die höheren Stände, da das niedere, einfache Volk kaum Zugang zu den Schulen bzw. die nötigen Ressourcen zur Verfügung hatte. (vgl. Haslauer 2010, S. 11f)

In den Stadtschulen wurden im Laufe der Zeit auch besoldete Schulmeister verpflichtet, die Söhne der höheren Bürgerschicht im Lesen, Schreiben, Rechnen und in den Grundlagen des Triviums (Grammatik, Dialektik, Rhetorik) zu unterrichten.

Diese Stadtschulen wurden aufgrund des steigenden Bildungsbedürfnisses der Bürger in den Städten gegründet, da die Pfarrschulen überfüllt waren und oft nur sehr beschwerlich und gefahrvoll zu erreichen waren. Ebenso wurden die Schulen in Lateinschulen und Deutsche Schulen aufgrund der Unterrichtssprache unterteilt, wobei die Lateinschulen die Klosterschulen zum Vorbild hatten. Der Unterricht an den Deutschen Schulen war für Kinder beiderlei Geschlechts im Alter von sieben bis zwölf Jahren konzipiert.

Im Laufe der Zeit etablierten sich die Deutschen Schulen immer mehr, da Deutsch die Sprache des Volkes war und auch im wissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Bereich immer häufiger genutzt wurde. Neben diesen beiden Schultypen wurden ungefähr ab dem 13. Jahrhundert die ersten Privatschulen gegründet, welche von sogenannten Schreib- und Rechenmeistern geführt wurden. Die frühe Form der Globalisierung und des Warenverkehrs erforderte einfach diese grundlegenden Fähigkeiten des Schreibens und Rechnens. (vgl. Haslauer 2010, S.13 & Esslinger-Hinz 2011, S.18)

Als die ersten Universitäten gegründet wurden, erlitten die Domschulen einen Verlust des Monopols für die höchste Bildungsstufe und verloren dementsprechend an Bedeutung. Das Niveau sank ebenso herab auf das von Klosterschulen. Wobei zu erwähnen ist, dass die erste Universität im deutschsprachigen Raum erst im 14. Jahrhundert gegründet wurde. Nach dem Vorbild der Pariser Sorbonne wurde die Universität Wien am 12. März im Jahre 1365 von Rudolf IV. gegründet und feiert im Jahr 2015 ihr 650-jähriges Jubiläum. In den literarischen Quellen wurde die Universität Wien als „Alma Mater Rudolphina Vindobonensis“ geführt, und die Angehörigen der Universität. die „universitas magistrorum et scholarium" waren privilegiert, da sie von den Abgaben und Steuern befreit waren und eine eigene Gerichtsbarkeit besaßen, welche vom Rektor ausgeübt worden war.[1]

Ab dieser Zeit im Spätmittelalter war das Schulwesen in Österreich breit gefächert und erstreckte sich von der Primärausbildung der Pfarrschulen und Stadtschulen bis zur Universität, wobei die Domschulen nur mehr die Bedeutung von mittleren Schulen hatten, um auf das Universitätsstudium vorzubereiten. Allerdings darf hier nicht außer Acht gelassen werden, dass nur die privilegierten Schichten Zugang zu höherer Bildung oder Bildung überhaupt hatten. Daher gab es neben dem Schulwesen auch eine außerschulische Bildung und Erziehung vonseiten der Zünfte und Bruderschaften, wobei die Pfarrschule bzw. Stadtschule die Basis bildete, bevor die Kinder als Lehrlinge bei Handwerkern und dergleichen die für ihre Zunft bzw. Bruderschaft nötige Ausbildung zur Ausübung des jeweiligen Berufes erhielten.

Hierbei darf allerdings nicht vergessen werden, dass mehrheitlich nur die bürgerliche Jugend und Kinder aus der höheren Schicht Zugang zu Bildung hatte und die niedrigeren sozialen Schichten zwar formal ebenso Zugang hatten, aber dennoch oft nicht die nötigen Ressourcen vorhanden waren. Nichtsdestotrotz war die Möglichkeit des Erlernens von den grundlegenden Fähigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens nun einer größeren Bevölkerungsgruppe im Vergleich zu früheren Epochen zugänglich. (vgl. Haslauer 2010, S.15f)

2.1.2 Beginn der Neuzeit – Renaissance & Humanismus

Im 15./16. Jahrhundert leiteten die Renaissance und der Humanismus die Neuzeit ein. Gutenbergs Erfindung des modernen Buchdrucks trug zur raschen Verbreitung der neuen Kultur- und Bildungsströmung bei. Dennoch muss erwähnt werden, dass diese neuen Sichtweisen fast ausschließlich auf den aristokratischen Stand beschränkt war.

Durch die Förderung von Kaiser Maximilian I.[2] verbreitet sich der Humanismus über ganz Europa und damit auch in Österreich. Der Humanismus, mit dem Menschen im Zentrum der Betrachtung und der Antike als Vorbild, führte durch seine Gelehrten und der Unterstützung Maximilian I. in Österreich zur Gründung von Privatschulen, freien Stadtschulen, welche nichts mehr mit der Kirche zu tun hatten.

2.1.3 16. bis 17. Jahrhundert

Der Tod von Kaiser Maximilian I. im Jahr 1519, zusammen mit dem Schwarzen Tod, der Pest, welche Österreich in den Jahren 1521 und 1527 heimsuchte, stürzte das Schulsystem in eine Krise, da dieses nun nicht mehr gefördert wurde. Der Protestantismus mit dessen Reformen durch Martin Luther brachte das Bildungssystem noch mehr ins Wanken, da die katholische Kirche zusätzlich zur Katastrophe des Schwarzen Todes kritisch hinterfragt wurde. Dementsprechend verloren die lateinischen Schulen, die Kloster- und Pfarrschulen an Boden und die Zahl der Deutschen Schulen, der Stadtschulen, stieg im Vergleich zu diesen. (vgl. Haslauer 2010, S.16f) In die gleiche Kerbe schlug Erasmus von Rotterdam, indem er die Einrichtung von öffentlichen Schulen forderte, da gemäß der Denkweise des Humanismus und der Renaissance, Schulbildung und Unterricht für die Entwicklung von Kindern zu guten Menschen wichtig seien. (vgl. Haslauer 2010, S.17)

Die Reformation und die damit einhergehenden Konflikte erstickten diese Forderungen und den Fortschritt des Schulwesens im Keime. Ein Bildungsnotstand war die Folge dieser Entwicklungen. Die religiöse Erziehung stand wiederum im Vordergrund neben der elementaren weltlichen Bildung des Lesens und Schreibens. Martin Luther (1483-1546) forderte Lesekompetenzen des Volkes bei der Obrigkeit ein, und dass sich die Obrigkeit darum kümmern sollte, dass das Volk zur Schule geht, und bahnte damit bereits indirekt eine Schulhoheit des Staates an. Er gehörte mit dieser Forderung mit zu den Begründern des protestantisch-humanistischen Bildungswesens, zusammen mit seinem Vertrauten Philipp Melanchton. (vgl. Esslinger-Hinz 2011, S.18 & Haslauer 2010, S.17f)

Dieses Schulwesen bezog allerdings nur eine elementare Ausbildung für Mädchen ein, und er war der Meinung, dass jede Stadt eigene Schulen für Mädchen errichten sollte und in diesen Schulen weibliche Lehrkräfte die Mädchen unterrichten sollten. Dies ist von Bedeutung, da bei Mädchen vonseiten der Protestanten und Katholiken nur eine elementare Schulbildung möglich war und jede höhere Bildungsstufe verwehrt war. Erst durch die Gründung von weiblichen Schulorden wie beispielsweise den Orden der Ursulinen im Jahre 1535 und den Englischen Fräulein im Jahre 1609 wurde den Mädchen der Zugang zu einer höheren Bildungsstufe ermöglicht. Ebenso schloss 1579 Kaiser Rudolf II. in der Schulordnung von Wien den Unterricht von Mädchen mit ein und wirkte damit der Ausgrenzung von Mädchen im Schulsystem bereits entgegen. (vgl. Pacher 2008, S.19f)

Die große Salzburger Synode des Jahres 1569 hatte mit Forderung der Errichtung von öffentlichen Schulen den größten Einfluss auf das damalige Schulsystem. Die Basisbeschlüsse für die Schulerziehung, Schulverwaltung und Schulaufsicht wurden festgelegt und es wurde ein Dienstrecht für Lehrpersonen formuliert und enthielt auch methodische und didaktische Anweisungen. Im ganzen Land sollten „Schola Publica“, öffentliche Schulen errichtet werden und die bereits vorhandenen Dom- und Klosterschulen ausgebaut und unterstützt werden. (vgl. Pacher 2008, S.16f) Kurzum kam es zu einer Rekatholisierung des Schulwesens, und an den Feiertagen und an Sonntagen wurde wieder die „Christenlehre“ eingeführt. Die Erhaltung der Domschulen erwies sich als schwierig und sie wurden durch andere Institutionen sowie durch die Universitäten ersetzt. Des Weiteren gab es nun eigene Seminare für die Priesterausbildung. Die Klosterschulen überdauerten die Domschulen noch eine Weile, doch durch das Aufkommen des Gymnasiums unter Anleitung der Jesuiten wurden diese obsolet und verloren ihre Bedeutung. Die nächsten beiden Jahrhunderte bis zur Zeit Maria Theresias bestimmten die Jesuiten das Schulwesen, und unter ihrer Anleitung entstand eine neue komplexere Schulform, welche im 17. Jahrhundert mit dem Begriff Gymnasium bezeichnet wurde. (vgl. Haslauer 2010, S.20)

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts erließen die jeweiligen Landesherren großräumig gültige Schulordnungen, um zur Verbesserung und Vereinheitlichung des damaligen „deutschen Schulwesens“ beizutragen. Am 18. März des Jahres 1600 wurde die Schließung aller evangelischen Schulen in den landesfürstlichen Städten mit kaiserlichem Dekret erwirkt und bis zum Jahre 1602 waren alle „nicht-katholischen Schulmeister“ ausgewiesen und ihres Dienstes enthoben worden. Der Beginn des 30-jährigen Krieges beendete die Entwicklung des Schulwesens, und es begann ein Ausschaltungsprozess der protestantischen Landschaftsschulen und lediglich dem Adel wurde von Ferdinand II. noch Religionsfreiheit gewährt. (vgl. Pacher 2008, S.16ff)

Die ersten systematischen Abhandlungen zum Thema Pädagogik und Schulwesen beschrieb Johann Amos Comenius (1592-1670) in seinem Werk „Didactica Magna“ (Große Didaktik), welches 1657 erschien. Er forderte einen Unterricht für alle Menschen unabhängig von Stand und beiderlei Geschlechtszugehörigkeit. (vgl. Esslinger-Hinz 2011, S.18f)

2.1.4 Kaiserin Maria Theresia: „Das Schulwesen ist und bleibt allzeit ein Politikum“

Kaiserin Maria Theresia erließ am 13. Oktober 1770 das Hofdekret: „Das Schulwesen ist und bleibt allzeit ein Politikum.“ (Denk 2003, S. 392) Im Jahre 1770 entschied Kaiserin Maria Theresia per Erlass, dass nunmehr der Staat für die Bildung der Bevölkerung zuständig war, und nahm damit der Kirche und deren Institutionen das Heft der Verantwortung für ein funktionierendes Schulwesen aus der Hand. (vgl. Eder 2010, S. 543) Ebenso befahl Kaiser Joseph II., dass nunmehr das Gebet vor und nach dem Unterricht, da es einen streng katholischen Charakter hatte, wegfalle, damit kein Schüler in seinem religiösen Bewusstsein verletzt werden würde. (vgl. Wolf 1880, S.25) Auf dem Papier sah dieses Dekret gut aus, aber war fern der Realität, da nur jedes dritte Kind im Jahr 1774 dem eigentlich verpflichtenden Schulbesuch nachkam, und erst als den Eltern mit Strafsanktionen gedroht wurde, stieg die Schulbesuchsquote an. (vgl. Haslauer 2010, S.26f)

Aufgrund dieses Dekrets der Kaiserin wurden im darauffolgenden Jahr 1771 sogenannte „Normalschulen“ gegründet, die neben dem elementaren Unterricht in Lesen, Schreiben, Rechnen auch Fächer wie Geografie, Geschichte, Naturkunde, Haushaltskunde, Sitten- und Pflichtlehre lehrten. Nur gab es zu dieser Zeit keinen einheitlichen Lehrplan, was zu einer Krise der Schulen führte, da jeder Lehrer und jede Lehrerin andere Methoden anwandte. (vgl. Haslauer 2010, S.24f und Wolf 1880, S.9f)

Die Aufgabe der Neuordnung des Bildungswesens wurde vier Jahre später 1774 Johann Ignaz Felbiger übertragen, welcher die „Allgemeine Schulordnung“ entwarf. Diese „Allgemeine Schulordnung“ teilte die Elementarschule nach topografischen Gesichtspunkten in drei verschiedene Zweige auf: Normalschulen, Hauptschulen und Trivialschulen.

Die Hauptschulen, später Bürgerschulen genannt, wurden für größere Städte vorgesehen und die Trivialschulen für kleinere Ortschaften. Die Normalschule sollte als Modellschule für die jeweilige Region dienen. Der Unterricht sollte für Kinder im Alter von 6 bis 13 verpflichtend sein, und für Lehrlinge sollte es wöchentliche verpflichtende Wiederholungsstunden jeweils am Sonntag bis zum 20. Lebensjahr geben. Der Staat sollte ebenso für die Schulbücher Sorge tragen.

In den Trivialschulen der kleinen Ortschaften wurde lediglich gemäß ihren niedrigerem Status entsprechend die elementaren Grundlagen des Trivium (Lesen, Schreiben und Rechnen) gelehrt im Gegensatz zu den Hauptschulen der größeren Städte, wo der Unterricht auch Latein, Zeichnen, Geografie, Geometrie und Geschichte beinhaltete um auf ein Studium, Handwerk oder Militärlaufbahn vorzubereiten. (vgl. Schmutzer 2010, S. 31f & Eder 2010, S. 543)

Kaiserin Maria Theresia unterschrieb diese „Allgemeine Schulordnung“ für die drei Schultypen im selben Jahr und der genaue Titel war „Allgemeine Schuldordnung für die deutschen Normal-, Haupt- und Trivialschulen in sämtlichen Kaiserlich-Königlichen Länder“. Damit wurde auch eine genaue Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung eingeführt, und es gab sogar eigene Einrichtungen zur Kontrolle, und auch die Schulbücher wurden einheitlich gedruckt und produziert. (vgl. Haslauer 2010, S.25f & Eder 2010, S.543)

Als Kaiser Joseph II. im Jahr 1780 den Thron bestieg, führte er die Reform, welche seine Mutter, die Kaiserin, begonnen hatte, weiter. (vgl. Wolf 1880, S.1f & Pacher 2008, S.80) Er legte sein Augenmerk auf den praktischen Alltagswert der Bildung und nicht auf den theoretischen. Ihm war eine sittsame, gesittete und ordentliche Jugend wichtiger als eine gelehrte Jugend. Sie sollten in der Schule nichts lernen, was sie nicht zum Besten des Staates gebrauchen oder anwenden können. Er vertrat die Auffassung eines mechanischen Unterrichts und des Erlernens von Disziplin. (vgl. Pacher 2008, S.80)

Weniger als ein Drittel der Kinder, welche der Schulpflicht unterlagen, gingen bei seiner Machtübernahme tatsächlich zur Schule. Die Kinder wurden als Arbeitskräfte von ihren Eltern benötigt und mussten zum Familieneinkommen beitragen. Aufgrund dieser Tatsache erging im Oktober des Jahres 1781 ein Schulzwang-Erlass an die Kreisämter. Dieser beinhaltete Sanktionen für Eltern, deren Kinder nicht zur Schule gingen in Form von doppeltem Schulgeld oder öffentlichen Arbeiten. Den untersten Schichten wurden sogar die Stockstrafe und der Entzug jeglicher Unterstützung angedroht. Alle Schüler vom 6. bis zum 12. Lebensjahr unterlagen damit dem Schulzwang, die öffentliche Volksschule zu besuchen. Des Weiteren brauchte für Knaben kein Schulgeld mehr bezahlt zu werden, nur mehr Mädchen mussten dieses Schuldgeld bezahlen. (vgl. Pacher 2008, S.81 & Haslauer 2010, S.26)

Da der Schulweg zu dieser Zeit oft weit und gefährlich war, ordnete Kaiser Joseph II. zudem im Jahr 1784 an, dass in jeder Ortschaft, wo zumindest 100 schulfähige Kinder seien, eine Schule zu errichten sei. (vgl. Pacher 2008, S.82) Ebenso erhöhte er das soziale Ansehen des Lehrerberufs, da diese nun ein festes Gehalt zugesprochen bekamen und vom Militärdienst nunmehr befreit wurden. Er musste damit das Schulgeld nicht mehr selbst bei seinen SchülerInnen einfordern. (vgl. Pacher 2008, S.83)

Ebenso hatte der Unterricht ab 1788 in deutscher Sprache zu erfolgen, wo es organisatorisch möglich war, und es durften nur mehr geprüfte Lehrer, die Deutsch beherrschten, angestellt werden. Eine staatliche Schulaufsicht setzte Joseph II. zusätzlich durch, um die Schule noch mehr der staatlichen Aufsicht und Kontrolle zu unterwerfen. Der Posten des Kreiskommissärs wurde eingeführt und dieser hatte die Aufgabe, die Schulen in seinem zugewiesenen Bereich mindestens einmal im Jahr zu kontrollieren und nach dem Rechten zu sehen. (vgl. Haslauer 2010, S.27 & Pacher 2008, S.82ff)

Seine Reformversuche des Schulsystems wurden allerdings nicht ohne Weiteres akzeptiert, obwohl der Unterricht nunmehr kostenlos und das Schulnetz ausgebaut worden war. Ebenso wurde die Bildung der Unterschicht hinterfragt, da die einfachen Leute keinen Sinn in der Bildung ihrer Kinder sahen und sie nur den Entfall der Arbeitskraft ihrer Kinder im Blickfeld hatten. Aus diesem Grund kamen seine Reformideen und Reformen nach seinem Tod im Jahre 1790 kaum mehr voran bzw. wurden teilweise revidiert.

Von seinem Ziel der Schulbildung für alle Schichten blieb nur die fünfjährige Ausbildung, das Klassenlehrersystem und das traditionelle, auf wenige Fächer beschränkte Curriculum ohne Naturwissenschaften blieb neben einem restriktiv gehandhabten Zugang zur Bildung erhalten. Dieses Schulsystem blieb bis zum Revolutionsjahr 1848 erhalten. (vgl. Eder 2010, S.543)

2.1.5 Das Revolutionsjahr 1848 bringt eine Reorganisation des Schulsystems

Im Jahr 1849 entstand eine Neuorganisation des gesamten Bildungswesens basierend auf einem Entwurf des Philosophen Franz Exners und des preußischen Altphilologen Herbert Bonitz. Diese Neuerung beinhaltete eine tragfähige Grundlage für die Reform des Gymnasiums, welches nunmehr 8 Klassen umfasste, da zwei Jahre der universitären Ausbildung in das Gymnasium integriert worden waren und damit auch philosophische Fächer in das Gymnasium Einzug hielten. Ebenso wurden auch musische Fächer im Gymnasium angeboten und universitär gebildete Fachlehrer erteilten den Unterricht. Das Gymnasium wurde des Weiteren in zwei vierjährige Zyklen geteilt. (vgl. Eder 2010, S. 543f & Haslauer 2010, S.34f)

Diese Neuorganisation des österreichischen Gymnasiums kann als eine große bildungspolitische Leistung des 19. Jahrhunderts bezeichnet werden neben dem Reichsvolksschulgesetz des Jahres 1869, welches Kindern unabhängig von sozialer, ethnischer und religiöser Herkunft eine für die damalige Zeit einmalige gute Grundbildung sicherte. Diese Volksschule ersetzte die Trivialschule und Hauptschule. Neben der 5-jährigen Volksschule wurden in größeren Ortschaften auch Bürgerschulen eingeführt und stellte eine dreijährige Oberstufe der Volksschule dar. Des Weiteren fanden Schüler über den Weg einer siebenjährigen Realschule Zugang zu den neu eingerichteten Akademien und Hochschulen für Technik, Tierarznei, Agrar- und Handelswesen sowie der Künste. Allerdings standen diese Bildungswege nur den männlichen Schülern offen, da nicht einmal die Revolution von 1848 etwas für die Bildungslage der Mädchen bewirken konnte. Bis ins Jahr 1900 hinein wurden ihnen eine vollwertige Matura und die Studienberechtigung verwehrt. Ebenso muss dabei bedacht werden, dass die allgemeine Schulpflicht damit verlängert worden war und dennoch nicht für alle Kinder gleichermaßen galt, da Kinder, welche in Fabriken, Bergwerken und dergleichen arbeiteten von dieser Schulpflicht ausgenommen worden waren und in eigenen Fabrikschulen einen minderwertigeren Unterricht erhielten. (vgl. Eder 2010, S.544 & Haslauer 2010, S.34)

1908 wurde das Realgymnasium als dritter Schultyp geschaffen als Vorbereitung für die Beamtenlaufbahn im Gegensatz zu den Gymnasien, die für die Ausbildung der damaligen Eliten vorgesehen war. Es stand somit ein Unterschied zwischen der Realschule und dem Gymnasium. Daneben entwickelten sich im 19. Jahrhundert rasch die Berufsschulen, welche für Schüler als Zusatzausbildung nach der Volksschule vorgesehen waren und auf die entsprechenden Berufe vorbereiteten. (vgl. Haslauer 2010, S.36f und Eder 2010 S.544)

2.1.6 Das Ende des 1. Weltkrieges brachte eine weitere Wende im Schulsystem

Nach dem Krieg wurde versucht, auch das Schulsystem demokratischer zu gestalten. Insbesondere wurde das Schulsystem von den beiden großen Parteien, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und der Christlichsozialen Partei geprägt und von den Konflikten der beiden. (vgl. Haslauer 2010, S.37) Die Initiative des damaligen Unterrichtsministers Otto Glöckel rückte die Bildungspolitik und die dringende Neuordnung derselben in den Vordergrund der Politik und setzte sich für reformpädagogische Maßnahmen ein. Das Thema der Mittelstufe des Schulsystems, das in Österreich ein langes Schattendasein gefristet hatte, wurde 1920 von ihm wieder aufgenommen, und mit dem Argument von höheren Bildungschancen vor allem für Arbeiter- und Landkinder sowie für Mädchen disputiert. Dieser Konflikt im Schulsystem wurde sogar auf der Straße ausgetragen und fand im Ausland ebenso Beachtung. (vgl. Eder 2010, S.545)

1926 und 1927 waren die Schulgesetze wieder konservativ geprägt und der Lehrplan der Volksschule wies nur wenige Reformen auf und war in 4 Jahre Unterstufe und 4 Jahre Oberstufe geteilt und die Koedukation der Mittelschulen blieb weiterhin stark eingeschränkt. Ein Erfolg war allerdings die 4-jährige Hauptschule, deren Absolvierung in Kombination mit einem 1-jährigen Aufbaulehrgang den Aufstieg in eine Mittelschule ermöglichte. (vgl. Eder 2010, S.545)

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Details

Seiten
57
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656930044
ISBN (Buch)
9783656930051
Dateigröße
755 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294610
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
Soziologie Bildung Soziale Ungleichheit

Autor

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