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Salafismus. Eine übliche Form der Religionsausübung unter traditionellen Muslimen oder eine Gefahr für die innere Sicherheit?

Diplomarbeit 2013 57 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Grundlagen des Islams
2.1 Der Prophet Mohammed
2.2 Der Koran
2.3 Sunna und Hadithe
2.4 Sunniten und Schiiten
2.5 Scharia
2.6 Islamische Rechtsschule
2.7 Jihad

3. Der Salafismus
3.1 Begriffsbestimmung
3.2 Salafiyya und Wahhabiya als Entstehungsgeschichte
3.2.1 Salafiyya-Bewegung unter al- Afghani und Muhammad Abduh
3.2.2 Salafiyya-Bewegung unter Hasan al-Banna
3.2.3 Die Salafiyya-Bewegung unter Sayyid Qutb
3.3 Der „moderne“ Salafismus
3.4 Ideologie

4. Die verschieden Strömungen des Salafismus
4.1 Puristischer Salafismus
4.2 Mainstream-Salafismus (Politischer Salafismus)
4.3 Jihadistischer Salafismus

5. Salafismus in Deutschland
5.1 Der salafistische Mainstream (politischer Salafismus) in Deutschland
5.2 Der jihadistische Salafismus in Deutschland

6. Moderne Prediger
6.1 Pierre Vogel
6.2 Ibrahim Abou Nagie

7. Öffentlichkeitswirksame Auftritte der Salafisten in Deutschland
7.1 Koranverteilung
7.2 Eskalation der Kundgebung der Partei „Pro-NRW“
7.3 Verbot salafistischer Vereine

8. Salafismus im Saarland

9. Gefahren für die Innere Sicherheit
9.1 Salafismus eine Gefahr für die FDGO?
9.1.1 Ablehnung der Gesellschaftsordnung
9.1.2 Körperliche Unversehrtheit
9.1.3 Gleichberechtigung von Mann und Frau
9.2 Salafismus als Nährboden für den islamistischen Terrorismus

10. Gefahrenprognose

11. Die Bekämpfung des Salafismus – Lösungsansätze

12. Fazit

Quellenverzeichnis

Anlage

Erklärung (gem. § 18 Abs. 1 Ziff. 5 APO g. D. Pol.)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“

Mit diesen Worten ist die sogenannte Religionsfreiheit in Artikel 4 des Grundgesetzes verankert. Doch wie soll mit einer Religion umgegangen werden, die sich gegen die Grundfeste des deutschen Staates richtet und das Grundgesetz als rechtliche Grundordnung nicht akzeptiert? Ist diese Einstellung nur eine Wunschvorstellung der Religion oder kann sie auch eine wirkliche Gefahr für die Innere Sicherheit darstellen?

Im Fokus dieser Arbeit steht der Salafismus, als besondere Strömung des Islams. Das Phänomen „Salafistische Bestrebungen“ ist seit dem Jahr 2010 Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes, da erkannt wurde, dass das Gedankengut der Salafisten viele Gefahren in sich birgt.1

Im April 2012 machten die Salafisten2 durch Koranverteilungen als Propaganda-Aktion in ganz Deutschland auf sich aufmerksam. Über eine solche Eigenwerbung wurde kontrovers diskutiert, denn Korane zu verteilen ist nicht verboten. Obwohl es zweifelsfrei nicht verwerflich ist, ein Gebetsbuch kostenfrei zu verteilen, stellten sich dennoch viele Menschen die Frage, was mit dieser Verteilungsaktion bezweckt werden soll. Zum Teil wirkt eine derartige Form der Öffentlichkeitsarbeit, nicht zuletzt wegen des oftmals befremdlichen Auftretens der salafistischen Anhänger, bedrohlich auf die Menschen. Doch ist der zum Teil weit verbreitete Unmut auch objektiv begründbar?

Wenn jedoch auf einer Demonstration gegen eine islamkritische Aktion der rechtsextremen Splitterpartei PRO NRW die dort eingesetzten Polizisten mit Steinen beworfen werden und sogar zwei dieser Polizisten gezielt durch einen Salafisten mit einem Messer attackiert und dadurch schwer verletzt werden, zeigt sich ein deutliches Gefahrpotential. Fraglich ist jedoch, ob die Gefahr von der gesamten Strömung ausgeht oder nur von einzelnen Personen.

Weiterhin stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob es nicht möglich ist, eine derartige Eskalation der Lage bereits im Vorfeld zu verhindern?

Ziel dieser Arbeit wird es daher sein, anhand einer Literatur- und Internetrecherche die einzelnen Strömungen des Salafismus näher zu beleuchten und ihre Verbreitung in Deutschland festzustellen. Um die Hintergründe dieser Strömungen besser verstehen zu können, werden zunächst wichtige islamische Grundlagen und die Entstehungsgeschichte der ideologischen Strömung aufgeführt. Ferner wird auch Bezug auf bekannte Prediger und öffentlichkeitswirksame Aktivitäten der Salafisten deutschlandweit genommen. Im Anschluss wird die Verbreitung des Salafismus speziell im Saarland dargelegt. Um eine möglichst detaillierte und möglichst aktuelle Darstellung über die salafistischen Bestrebungen im Saarland gewährleisten zu können, wurde ein Experteninterview mit einem Mitarbeiter des Landespolizeipräsidiums des Saarlandes, Abteilung Staatsschutz, durchgeführt.

Schlussendlich werden die Gefahren aufgezeigt, die vom Salafismus ausgehen, um anschließend eine Gefahrenprognose zu erstellen. Mit dieser Feststellung und dem Ausblick in die Zukunft, folgt die Darstellung einiger Lösungsansätze zur Bekämpfung der salafistischen Ideologie.

2. Die Grundlagen des Islams

Da es sich bei der salafistischen Ideologie um eine ultraorthodoxe Strömung des sunnitischen Islams handelt, ist es für eine transparente Darstellung notwendig, ausgewählte Grundlagen des Islams zu kennen.

Etwa 1,5 Milliarden Menschen, also ein Viertel der Menschheit, gehören der Glaubensrichtung des Islams an und leben auf verschiedenen Kontinenten über die ganze Welt verteilt. Aber alle Muslime werden durch den Glauben an den Propheten Mohammed und dessen Offenbarung, dem Koran verbunden.3 Der Koran ist die wichtigste Grundlage für die Muslime und der Autor des Korans ist Gott, dessen Worte als unantastbar gelten. Die Entstehung des Korans ist mit dem Leben des Propheten Mohammed derart eng verbunden, dass es einer gesonderten Erläuterung bedarf.4 Im Folgenden werden nun die dazugehörigen Grundlagen des Islams dargestellt.

2.1 Der Prophet Mohammed

Der Literatur ist weder das Jahr noch der genaue Tag von der Geburt Mohammeds bekannt. Berechnungen zufolge müsste er aber zwischen den Jahren 569 und 572 n.Chr. in Mekka geboren und am 8. Juni 632 n.Chr gestorben sein.5

Das Leben von Mohammed lässt sich in drei Phasen untergliedern.6 Von seiner Geburt bis zum Jahre 610 lebte er als Kaufmann und Karawanenführer in Mekka. In dieser Zeit heiratete er auch seine erste Frau Chadidscha, die als einzige Frau in Mohammeds Leben bedeutsam war. Aus der Ehe gingen vier Töchter mit den Namen Zainab, Umm Kulihum, Fatima und Ruqayya hervor. Seine Tochter Fatima heiratete später den Sohn eines Mönches, und zeugte mit diesem zwei Söhne.7 Das Ende dieser Phase stellt das Jahr 610 dar, da ihm in einer Höhle auf dem Berge Hira in der Nähe Mekkas der Erzengel Gabriel erschien und ihm die ersten Verse des Korans überbrachte.8 Danach predigte er von 610 bis 622 in Mekka das, was ihm in weiteren Visionen eingegeben worden war. In dieser Zeit gewann er auch Anhänger, die seine Offenbarungen schriftlich festhielten. Heute wird diese Sammlung der Schriften als Koran bezeichnet.9

„Je mehr aber seine Gemeinde wuchs, desto mehr avancierte er vom belächelten Eiferer zur öffentlichen Gefahr, jedenfalls in den Augen des mekkanischen Establishments.“10

Denn zu dieser Zeit herrschte in Mekka ein Pilgertourismus zur Ka’aba, mit der als heidnisches Heiligtum viel Geld verdient wurde. Schimmel bezeichnet die damalige, vorislamische Religion sogar als primitive Religion, da beispielsweise Bäume und Grotten als heilig verehrt wurden.11 Da kam ein Prophet, der den Pilgern die Wallfahrt durch seine monotheistische Lehre verdarb, sehr unrecht. Er wurde sogar als Scharlatan verspottet, dem kein Glaube geschenkt wurde. Diese penetranten Anfeindungen bekamen mit der Zeit sogar gewalttätigen Charakter und deshalb flüchtete Mohammed im Jahr 622 mit ungefähr 100 Anhängern nach Yathrib, dem späteren Medina. Mit dieser Auswanderung, die die letzte Phase seines Lebens darstellt, beginnt sowohl die Nullstelle des Islams, als auch das Einsetzen des islamischen Kalenders.12 Auch für Mohammed selbst setzte hier die entscheidende Entwicklung ein, denn er wird vom Religionsstifter zum Staatsmann. Seine Offenbarungen verzeichneten mehr einen politischen Charakter und er wurde sogar als skrupelloser Machtpolitiker bezeichnet.13 Er erlangte in Medina großen Ruhm und hatte es fortan nicht mehr nötig, sich verspotten zu lassen. Diejenigen, die sich als Gegner seiner Religion herausstellten, wurden aus Medina vertrieben oder sogar getötet. In den zehn Jahren bis zu seinem Tod führte er 27 Kriege, in deren Verlauf er nicht nur Mekka erobert, sondern auch die gesamte arabische Halbinsel unterwirft. Auch in dieser Zeit empfängt Mohammed durch Gott weitere Offenbarungen, die er unmittelbar durch Schreiber festhalten ließ. All dies wurde später im Koran niedergeschrieben.14

2.2 Der Koran

Anhand Mohammeds Leben lässt sich also auch die Entstehung des Korans erklären. Für die Muslime ist der Koran jedoch nicht das Wort des Propheten, sondern das unverfälschte Wort Gottes, das nur durch Mohammed in die arabische Sprache verwandelt wurde. Die Anordnung der Worte und der Buchstaben sowie der Stil, indem der Koran geschrieben wurde, ist für die Muslime eine Art Kunstwerk. Daher ist es aus islamischer Sicht auch unmöglich, den Koran richtig zu übersetzen.15 Der Koran besteht aus 114 Kapiteln, die als Suren bezeichnet werden. Die vorgenannten Suren werden wiederum in ca. 6200 Verse untergliedert.16 Der Koran beginnt mit der längsten Sure, wobei die Suren zum Ende des Korans tendenziell kürzer werden. Jedoch wird diese Ordnung nicht konsequent eingehalten.17

2.3 Sunna und Hadithe

Nach dem Tod des Propheten Mohammed wurde früh erkannt, dass der Koran nicht alle Verhaltensweisen des täglichen Lebens genügend klärt. Daher hielten die Gefährten und die Generation nach Mohammed dessen Worte und Handlungen fest, um dem Geiste der Religion möglichst treu zu bleiben. Die Gewohnheiten des Propheten werden in der Sunna festgehalten und von Generation zu Generation weitergegeben. Die Sunna gilt als eine Art Auslegung des Korans18 und wird in Hadithen überliefert. Als Hadithe bezeichnet man die menschlichen Worte des Propheten, die in ihrer Gesamtheit die Sunna bilden.19

2.4 Sunniten und Schiiten

Da es sich beim Salafismus um eine sunnitische Strömung des Islams handelt, ist zur Abgrenzung der Glaubensrichtungen eine Darstellung der beiden Hauptströmungen notwendig.

Nach dem Tod Mohammeds entstand unter der ersten muslimischen Gemeinde eine Auseinandersetzung über die Nachfolgefrage, welche zu einer Spaltung der islamischen Gesellschaft in mehrere Gruppierungen führte. Die bedeutendsten Gruppen sind hierbei die Sunniten und die Schiiten, deren Namensgebung erst nachträglich entstanden ist.20

Mit dem Begriff „Schiiten“ werden die Anhänger ‘Alis bezeichnet, die als Nachfolger eine Person aus der Familie des Propheten forderten. ‘Ali ist der Schwiegersohn Mohammeds, der Ehemann von seiner Tochter Fatima. Sie begründen diese Forderung mit der Annahme, dass Mohammed bei seiner letzten Wallfahrt seinen Schwiegersohn ausdrücklich als Nachfolger ernannt habe.21 Diese Gruppierung wurde zur damaligen Zeit als „Shi’at‘Ali“ bezeichnet, was übersetzt „Partei des Ali“ bedeutet.22

Die Sunniten verlangten jedoch nur einen fähigen Führer, der durch Wahl oder Ernennung zu bestimmen war, da Mohammed zu seiner Lebenszeit keinen Nachfolger benannt habe.23

Im Jahr 632 wurde ein enger Vertrauter von Mohammed, Abu Bakr, zum ersten Nachfolger gewählt, danach folgten `Umar und `Uthman. Man bezeichnet die Nachfolger als „Kalifen“, welches das weltliche und geistliche Nachfolgeamt der frühen muslimischen Gemeinschaft bezeichnet.

Die Schiiten konnten ihre Forderung nach ‘Ali nicht durchsetzten, da sie zahlenmäßig unterlegen waren.

„Aus schiitischer Sicht waren die drei ersten Kalifen “unrechtmäßige“ Herrscher und ihre Wahl eine schwere Sünde.“24

Die Schiiten warfen den Sunniten sogar eine Koranfälschung vor, denn diese hätten die Nachfolge ‘Alis, welche Mohammed noch vor seinem Tod schriftlich hätte festhalten lassen, aus dem Koran gestrichen. Im Jahr 656 konnte ‘Ali dennoch als vierter Kalif die Macht erringen und begründete damit für die Schiiten die einzige legitime Herrschaft.

Durch diese Uneinigkeit erfolgte eine Spaltung der Muslime25, die sich sogar als Feindschaft entwickelte und bis heute politische Konflikte in der islamischen Welt nach sich zieht.26

Im weiteren Verlauf wird nur noch die sunnitische Entwicklung des Islams betrachtet, da allein sie maßgeblich für den Salafismus ist.

2.5 Scharia

Der Begriff Scharia stammt aus dem Koran und bedeutet ursprünglich „Weg zur Tränke“.27 Heute gilt die Scharia im Islam als Leitlinie für Theologie und Rechtsfindung. Als Quelle der Scharia gilt sowohl der Koran als auch die Sunna.28 Beide enthalten jedoch zu wenige rechtliche Normen und waren nach dem Tod Mohammeds noch nicht vollständig verschriftet. Da sich der Islam unter den Kalifen sehr rasch ausbreitete und sich unter anderem Streitfragen über die richtige Weitergabe der Offenbarung entwickelten, wurde der Ruf nach Rechtsnormen immer stärker. Daher entwickelte sich aus dem ursprünglichen Begriff nach und nach ein juristischer Oberbegriff, der sich auf das gesamte islamische Werte-, Normen- und Rechtssystem bezieht und die Gesamtheit aller Gebote und Verbote für das muslimische Leben regelt.29 Sie beschäftigt sich mit göttlichen Bereichen, aber auch mit Familienrecht, Strafen und dem Umgang mit Nichtmuslimen.30

„Die Scharia wurzelt also in der Regelung bestimmter Rechtsfragen einer arabischen Stammesgesellschaft des 7. und 8. Jahrhunderts, die kein verfasstes Staatswesen und kein formales Rechtswesen kannte.“31

Daher handelt es sich bei der Scharia um altertümliches Recht, welches in der Praxis ausgelegt und angewandt werden muss und folglich stets einer neuen Interpretation bedarf. Das hatte zur Folge, dass die unterschiedlichen Ansichten der islamischen Länder, beispielsweise zu Frauenrechten, zu einem gewissen Teil Ergebnis der verschiedenen Auslegungen der Scharia sind.32 Da selbst zwischen den offiziellen Interpreten der Scharia und den Vertretern des islamischen Rechts große Unterschiede in der Deutung herrschten33, entstanden recht unterschiedliche Auffassungen innerhalb der muslimischen Gemeinschaft.

2.6 Islamische Rechtsschule

Wie bereits unter 2.5 erwähnt, konnten die Sunna und der Koran nicht alle strittigen, juristischen Probleme lösen. Daher entwickelten sich neben der Scharia auch vier Rechtsschulen34, die aus den Primärquellen Koran und Sunna neue Lösungsmöglichkeiten erschlossen und Antworten auf neue Zeitfragen fanden.35 Die einzelnen Rechtschulen der Sunniten besitzen jeweils die Namen ihrer Gründungsväter und erkennen sich gegenseitig an. Folgende Rechtsschulen sind bis heute noch existent:

Die hanafitische Rechtsschule

Die malikitische Rechtsschule

Die schafiitische Rechtsschule

Die hanbalitische Rechtsschule36

Die Rechtsschule der Hanafiya geht auf den Juristen Abu Hanifa an Nu’man ibn Thabit zurück und wird als die liberalste aller Rechtsschulen bezeichnet. Sie ist die am weitesten verbreitete Rechtsschule, der etwa die Hälfte der Muslime folgt. Sie ist vor allem auf dem Balkan, dem Kaukasus, Zentralasien, Indien, China und in der Türkei vertreten. Die anderen Rechtschulen sind nicht sehr stark verbreitet und werden daher auch nicht näher erwähnt.37

2.7 Jihad

Zunächst muss erwähnt werden, dass in der Literatur verschiedene Schreibweisen für Jihad verwendet werden. Dr. Christine Schirrmacher benutzt „Jihâd“, Prof. Dr. Bassam Tibi von der Universität Göttingen verwendet die Schreibweise „Djihad“, jedoch gibt es noch weitere Schreibweisen wie „Jihad“ oder „Dschihad“. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wird in vorliegender Arbeit nur der ins Deutsche transkribierte Begriff „Jihad“ verwendet.

Bereits im Koran wird der Begriff Jihad erwähnt und bedeutet dort im ursprünglichen Sinn „Anstrengung“. Diese Anstrengung, die im Koran von jedem Muslim erwartet wird, kann friedlich, aber auch mit Gewalt erfolgen. Jedoch unterliegt die Gewaltanwendung im Koran sehr strengen Vorschriften. Hierbei handelt es sich um die theologische Bedeutung des Begriffs Jihad.

Weiterhin gibt es eine historische Bedeutung, die sich nach dem Tod Mohammeds entwickelt hat. Denn hier gewann der Jihad eine andere Bedeutung, indem die Muslime Jihad-Kriege führten, um den Islam weltweit zu verbreiten. Man bezeichnet diese Kriege jedoch nicht als „Heilige Kriege“, denn der Islam verstand sich damals als Friedensmission für die ganze Welt, die durch den Jihad auch als Krieg in Form einer Welteroberung durchzusetzen ist.38 Dr. Christine Schirrmacher übersetzt den Begriff Jihad zu dieser Zeit mit „kämpferischer Auseinandersetzung.“39

Auch wenn nach dem Koran eine terroristische Deutung des Wortes Jihad nicht möglich ist, verbinden heute viele dieses Wort mit dem „Heiligen Krieg“ oder sogar dem „Märtyrertum“. Diese Verknüpfung geht auf das Jahr 1928 zurück, da zu dieser Zeit eine Bewegung entstand, die sich als „Bewegung der Muslimbrüder“ bezeichnete. Seinerzeit erfolgte auch die Neudeutung des Jihads durch Hassan al-Banna, dem Gründer dieser Bewegung. Nach seiner Anschauung ist jede gewaltförmige Handlung im Namen des Islams rechtmäßig, um die Ziele der Bruderschaft durchzusetzen.40 Im Mittelpunkt stand dabei das Konzept des Jihads als heiliger Krieg und das damit verbundene Ziel, im Krieg als Märtyrer zu sterben. Al-Banna färbte daher den Begriff Jihad negativ und gab ihm sogar eine terroristische Assoziation. Später wurde diese Ideologie unter anderem durch Sayyid Qutb weiterentwickelt.41

3. Der Salafismus

3.1 Begriffsbestimmung

Der Begriff Salafismus kann durchaus missverständlich sein. Dies zeigt sich auch dadurch, dass in der Literatur und Forschung unterschiedliche Synonyme wie "Salafiyya", "Neofundamentalismus" oder "Wahhabismus" benutzt werden, um das Phänomen zu beschreiben. Daher ist es im Folgenden notwendig, besonders auf die Entstehungsgeschichte dieser Strömung einzugehen, um somit auch die verschiedenen Bezeichnungen nachvollziehen zu können.

Grundsätzlich wird der Begriff Salafismus vom arabischen Wort „Salafiyya“ abgeleitet42 und bezeichnet eine Strömung im Islam, die sich an den ersten drei Generationen der Muslime nach dem Propheten Mohammed orientiert. Diese Generationen werden als die „rechtschaffenden Altvorderen“ bezeichnet. Der arabische Begriff dafür ist „al-salaf al-salih“. Die ersten drei Generationen sind nach der islamischen Geschichtsschreibung, erstens die Anhänger Mohammeds, die unmittelbaren Kontakt mit dem Propheten hatten, zweitens die Nachfolger, die die Anhänger des Propheten kannten und drittens diejenigen, die die Nachfolger kannten und welche als Nachfolger der Nachfolger bezeichnet werden. Nach dem Verständnis der Salafiya endet die Generation der Altvorderen mit dem Begründer der hanbalitischen Rechtsschule.43

3.2 Salafiyya und Wahhabiya als Entstehungsgeschichte

Die Salafiyya und die Wahhabiya sind zwei Strömungen, die sich an dem Ideal der muslimischen Urgemeinde in Medina orientieren. Beide kritisieren die Bildung der verschiedenen Rechtsschulen und sind der Meinung, dass diese nur die sunnitische Gemeinde spalte, weshalb sie eine eigenständige Rechtsfindung bevorzugen. Jedoch verlaufen die Entwicklungen der Strömungen völlig unterschiedlich. Die Wahhabiya entwickelt sich im 18. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel im politischen Zusammenspiel mit dem saudischen Königshaus. Jedoch ist die Entwicklung und Entstehung der Salafiyya von größerer Bedeutung für vorliegende Arbeit.

3.2.1 Salafiyya-Bewegung unter al- Afghani und Muhammad Abduh

Ursprünglich bezeichnete der Begriff Salafiyya am Ende des 19. Jahrhunderts eine Reformbewegung im ägyptischen Raum, deren Protagonisten unter anderem Jamal ad-Din al-Afghani und Muhammad Abduh waren.44 Während der Kolonialisierung stellten sich die Muslime die Frage, warum sie dem aufsteigenden Westen immer mehr unterlegen waren. Die Schuld an der Schwäche gab man der Abweichung vom wahren Islam.45 Daher entwickelten die Protagonisten die Vision einer stark idealisierten Urgesellschaft in Medina, deren Nachahmung dem Islam zu einem besseren Platz in der Weltgeschichte verhelfen sollte. Hierbei ging es jedoch nur um eine friedliche Modernisierung der Gesellschaft aus der Kraft der wiederbelebten Tradition46, wobei die Salafiyya keinerlei politischen Charakter hatte.47 Sie wollten eine Reform, die zwar auf der Rückbesinnung beruht, jedoch gleichzeitig die zeitgenössischen Erfordernisse berücksichtigt. Dabei sollte die Zeit der rechtschaffenden Altvorderen als Inspiration für Lösungsansätze dienen, um gegenwärtig eine ideale Ordnung zu erreichen. Obwohl der Koran als wahrhaftiges Wort Gottes angesehen wurde, sah die Salafiyya-Bewegung trotzdem die Möglichkeit ihn weiter neu- und umzudeuten. Durch die Neuinterpretation war es möglich, tatsächlich neue Ideen islamisch und historisch zu verankern. Es war dadurch sogar möglich, westliche Fortschritte im Bereich der Wissenschaft zu begründen, da Errungenschaften sogar im Koran erwähnt wurden. Weiterhin wurde die Verbesserung der Bildung und der Sprachkenntnisse als Möglichkeit gesehen, um erfolgreicher zu werden.48

„Somit ist die ursprüngliche Salafiyya vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung als modernistische, Kompromiss suchende und zukunftsorientierte Reformbewegung zu verstehen, die gleichzeitig, bedingt durch die geforderte Rückbesinnung auf die Altvorderen, Veränderungen und dabei Allem voran eine „Verunreinigung“ des Islams durch fremde Einflüsse als „bid‘a“ ablehnte.“49

Al-Afghani und Abduh gründeten 1884 in Paris die Zeitschrift „al-Urwa al-Wuthqa“ in der sie ihre Ideen und wichtige Inhalte der Salafiyya-Ideologie verbreiteten. In Ägypten wurde diese Zeitschrift verboten.50 Daher folgte 1898 eine weitere Zeitschrift von Rashid Rida, der zur damaligen Zeit Schüler und Vertrauter von Abduh war.51 So verbreitete Rida von Kairo aus salafistisches Gedankengut. In Algerien geschah dies durch Abdelhamid Ibn Badis, der dies im maghrebinischen Raum tat. Dadurch entwickelte sich aus dem Gedankengut Einzelner, die Salafiyya als eine sich ständig weiterentwickelnde Bewegung.

3.2.2 Salafiyya-Bewegung unter Hasan al-Banna

In dieser Zeit des Wandels wurde Hasan al-Banna geboren. Wie bereits in Kapitel 2.7. beschrieben, gründete er 1928 die ägyptische Muslimbruderschaft und wurde zu einem der wichtigsten Wegbereiter des politischen Islams im 20. Jahrhundert.52 Al-Banna wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Von der islamischen Welt wurde der aufsteigende Westen zu dieser Zeit als existenzielle Bedrohung wahrgenommen.

Die vorgenannte Muslimbruderschaft stellte gleichzeitig eine neue Basis für die Salafiyya-Bewegung dar und unterstützte diese in beachtlicher Weise bei der Umsetzung des Reformvorhabens. Hier erlangte die Salafiyya-Bewegung einen politischen Flügel, denn auf ihr aufbauend versuchte die Muslimbruderschaft den Islam als staatliches Ordnungsmodell einzuführen. Auch hier wurde eine Rückbesinnung auf die ersten drei Generationen gefordert, denn das wurde als einziger Weg verstanden, um die Spaltung und den Niedergang des Islams zu überwinden. Dieses Gedankengut entsprach absolut den Reformgedanken der Salafiya-Bewegung und wurzelte in der empfundenen Überlegenheit des Westens. Jedoch erweiterten die Anhänger ihre Ansichten, indem sie eine Einheit zwischen Politik und Religion forderten. Sie sahen im Islam eine Lösung für alle Probleme, egal ob von politischen oder gesellschaftlichen Charakter.53 Al-Banna selbst wollte die ägyptische Gesellschaft stärken, indem er aufgrund der politischen Interpretation des Islams die Einführung der Scharia als Kernstück forderte. Daher verlangte er die Aufhebung aller Gesetze, die der Scharia widersprachen und sogar die Abschaffung des Parteiensystems, welches für ihn die Gemeinschaft nur spaltete.

Im weiteren Verlauf gab es ab 1940 immer wieder Gewaltakte von Muslimbrüdern gegen ägyptische Politiker. Der Konflikt erreichte 1948 mit der Ermordung des damaligen Ministerpräsidenten einen Höhepunkt. Dies hatte zur Folge, dass al-Banna vom ägyptischen Geheimdienst im Februar 1949 liquidiert wurde.54

Die nun politische Salafiyya-Bewegung nahm sowohl auf die islamische Welt, als auch auf den Westen Einfluss und gewann dadurch weitere Anhänger.

3.2.3 Die Salafiyya-Bewegung unter Sayyid Qutb

Die Konflikte zwischen der Regierung Ägyptens und den Muslimbrüdern nahmen in den darauffolgenden Jahren weiter zu. Jedoch eskalierte der Konflikt 1954, als ein Anschlag auf den Präsidenten Abd al-Nasser scheiterte.55 Danach schlug die Regierung zurück, indem sie zum einen ihre Aktivitäten unterdrückte und zum anderen viele Mitglieder der Bruderschaft inhaftieren ließ. Zu den Festgenommenen gehörte auch Sayyid Qutb, der geprägt durch die brutale Folter, während seiner Haft mehrere Bücher schrieb, die dazu führten, dass sich die Salafiyya-Bewegung weiter radikalisierte.56 Im Gegensatz zu den frühen Reformgedanken der Salafiyya, rief Qutb zum Widerstand gegen die westliche Welt auf und auch gegen die islamischen Regime, die er als falsch und heuchlerisch bezeichnete. Nach seiner Vorstellung sollten sich zunächst die Muslime aus der Gemeinschaft der Ungläubigen zurückziehen, wie es auch der Prophet Mohammed tat, als er aus Mekka nach Medina flüchten musste. Anschließend soll eine Phase des Kampfes folgen, um den Unglauben zu überwinden, mit dem Ziel, eine göttlich legitimierte Herrschaft zu errichten. Dabei sollte jeder Muslim, der diese Sichtweise nicht teilen wollte, als Ungläubiger erklärt und bekämpft werden.57 Die ägyptische Regierung ließ Sayyid Qutb im Jahr 1966 aufgrund seiner Aktivitäten und seines gefährlichen Gedankenguts exekutieren.58

3.3 Der „moderne“ Salafismus

Der moderne Salafismus ist nicht einheitlich59 und die heutigen Muslime, die als Salafisten bezeichnet werden, lehnen die traditionellen Ansichten der Salafiyya sogar meistens ab, da eine Modernisierung von ihnen strikt abgelehnt wird. In diesem Zusammenhang ist Oliver Roy der Ansicht, dass die Bezeichnung „Salafismus“ historisch in die Irre führen kann.60 Klaus Hummel (einer der führenden Politikwissenschaftler auf diesem Gebiet), bezeichnet das Phänomen sogar als ein Kategorienproblem, da er nicht nur in den unterschiedlich benutzen Begriffen Schwierigkeiten sieht. Ein weiteres Problem stellen die zeitgenössischen Salafisten dar, weil sie für sich selbst keine einheitliche Bezeichnung haben und sich eher als „wahre“ Muslime bezeichnen. Daneben sind sich die Anhänger des Salafismus sogar uneinig, wer oder was als „salafistisch“ zu bezeichnen ist.61 Auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird der Salafismus als eine schwer auf einen Nenner zu bringende Strömung innerhalb des Weltislams bezeichnet, die heute eher als aggressiv und rückwärtsgewandt zu betrachten sei und keinen modernistischen Schwung mehr besitze, wie zur Zeit von al-Afghani.62

Wenn nachfolgend die Rede von Salafismus ist, ist damit ein in der ganzen Welt verbreitetes Phänomen von sunnitischen Lehrer- und Schülernetzwerken gemeint, die in verschiedenen Ländern ihre Anhänger haben. Ihre Ideologie ist durch den saudi-arabischen Wahhabismus und die Salafiyya-Bewegung geprägt.63

3.4 Ideologie

Demzufolge erscheint es erforderlich, die aus dem Wahhabismus und der Salafiyya-Bewegung entstandene Ideologie des heutigen bzw. modernen Salafismus aufzuführen. Sofern sie von den heutigen Salafisten übernommen wurden, werden auch die im Kapitel Entstehungsgeschichte aufgeführten Aspekte erneut Gegenstand der Darstellung.

Für die Salafisten steht die Einzigkeit Gottes im Mittelpunkt ihres Glaubens. Sie sind außerdem der Auffassung, dass der Monotheismus nur durch sie tatsächlich repräsentiert wird. Der Volksislam hat ihrer Meinung nach zu viele Brauchtümer, wie beispielsweise der Besuch von Heiligengräbern, welche im Koran jedoch gar keine Erwähnung finden. Auch die Feier des Geburtstages des Propheten wird von ihnen abgelehnt. Ein solches Brauchtum stellt in ihren Augen bereits eine polytheistische Haltung dar, da Gott weitere Autoritäten zur Seite gestellt werden, die von Muslimen gefeiert bzw. verehrt werden. Weiterhin lehnen die Salafisten die Entstehung der verschiedenen Rechtsschulen ab, da diese nur zu einer Spaltung der muslimischen Gemeinschaft geführt hätten. Ein Salafist hat deshalb keiner Rechtsschule zu folgen, sondern folgt ausschließlich den Altvorderen. Dies hat zur Folge, dass die Salafisten eine eigene Form der Rechtsfindung praktizieren, die nur unter Berücksichtigung der „wahren“ Quellen, also Koran und Sunna erfolgt.64 Trotz dieser Ablehnung der Rechtsschulen weist Hummel darauf hin, dass die Salafisten keine einheitliche Auffassung darüber vertreten, wie nun das islamische Recht aufgefasst und umgesetzt werden soll.65

Des Weiteren bekämpfen die Salafisten alle Neuerungen im Glauben, die sich nach der Zeit der Altvorderen ergeben haben. Daher reduzieren sie sogar die Sunna nur auf die Aussprüche (Hadithen), die in ihren Augen wirklich vom Propheten stammen. Einige Hadithen, die von ihnen nicht anerkannt werden, waren ihrer Meinung nach nur dazu geeignet, den Islam für andere Kulturen und Veränderungen zu öffnen. Oliver Roy bezeichnet die Salafisten sogar als besessen davon, die Erneuerungen zu bekämpfen.66

„Der außenstehende Beobachter ist oft überrascht über die Zeit, die Neofundamentalisten damit verbringen, über anscheinend recht banale weltliche Angelegenheiten zu diskutieren. Sie möchten dem Propheten in allen, selbst den allerweltlichsten Dingen nacheifern, weswegen sich alle Aktionen, Einstellungen und Verhaltensweisen auf eine religiöse Norm beziehen sollen. Neofundamentalisten betrachten die Religion als einen Code und das Leben als eine Art Ritual.“67

Salafisten verstehen sich als einzig wahre Muslime, da nur sie eine Form des Islams praktizieren, wie sie durch Gott vorgeschrieben wurde. Sie gehen sogar soweit, dass sie allen anderen Muslimen vorwerfen, den Islam falsch auszuleben und dafür in die Hölle zu kommen.68

Man erkennt die Salafisten häufig an ihrem Aussehen. Sie kennzeichnen sich besonders durch die charakteristisch langen Kinnbärte. Dazu tragen sie knöchellange Gewänder und putzen ihre Zähne mit einem Stöckchen einer bestimmen Holzsorte. Auch dies tun sie, um der Lebensart des Propheten Mohammed möglichst nahe zu kommen.69 Zudem legen sie großen Wert auf eine korrekte religiöse Praxis. Daher achten die Salafis beim Beten darauf, dass sie Schulter an Schulter und Fußsohle an Fußsohle stehen, damit der Teufel nicht die Einheit ihres Glaubens durchbrechen kann.

Des Weiteren treten die Salafisten für eine Umsetzung der Scharia ein. Durch eine Neuinterpretation wollen sie zu einer stärkeren Stellung in der Welt gelangen. Denn sie betrachten nicht den Islam als rückständig, sondern nur deren Umsetzung. Gleichzeitig lehnen die Salafisten alle westlichen Regierungsmodelle, auch das Demokratieprinzip, ab. Ihrer Vorstellung nach soll in der muslimischen Gemeinschaft ein religiöses und weltliches Oberhaupt ernannt werden.70 Allein die Scharia ist für sie das einzig legitime Gesetz, da sie eine von Gott gewollte Ordnung darstellt. Daher ist diese göttliche Ordnung für sie unantastbar und widerspricht zum einen der westlichen Gesetzgebung und zum anderen der demokratischen Grundordnung.71

Diese Ideologie prägt das Konzept der Salafisten, welches gegenüber den „wahren“ Muslimen Loyalität verspricht und gegenüber denjenigen, die nicht der salafistischen Muslimvorstellung entsprechen Ablehnung garantiert. Jedoch werden diese salafistischen Vorstellungen nicht einheitlich aufgefasst. Die Auslegung kann von einer sozial konservativen Einstellung bis zur individuellen Berufung zum militanten Glaubenskampf reichen. Dennoch ist unumstritten, dass dieses salafistische Gedankengut polarisierende und mobilisierende Wirkung besitzt.72

4. Die verschieden Strömungen des Salafismus

Aus den Darstellungen wird ersichtlich, dass es unterschiedliche Auslegungen des salafistischen Gedankenguts73 gibt und sich daher im Laufe der Zeit unterschiedliche Strömungen entwickelten. Jedoch ist sich die Literatur über die genaue Einteilung und Bezeichnung uneinig.

Klaus Hummel erkennt ebenfalls die Notwendigkeit, das salafistische Spektrum differenziert zu betrachten, jedoch empfindet er diese Unterteilung als irreführend. Er begründet diese Ansicht damit, da sich jede einzelne Strömung wieder in verschiedene Gelehrtennetzwerke unterteile, deren Ideologie keineswegs übereinstimme. Des Weiteren würden sich die Einstellungen zu Themen wie Demokratie oder Jihad ständig verändern, da diese von räumlichen und zeitlichen Faktoren abhängig sind.

Hummel erkennt jedoch auch an, dass die Unterteilung des Phänomens ein bewährtes Mittel ist, um einen guten Überblick zu gewinnen. Vor diesem Hintergrund wird in vorliegender Arbeit eine Unterteilung des Phänomens betrachtet, welche sich ebenfalls im wissenschaftlichen Diskurs durchgesetzt hat.74

Es wird daher eine Dreiteilung des Phänomens in puristischen, politischen und jihadistischen Salafismus erfolgen, die sich an Guido Steinberg, Oliver Roy und auch Klaus Hummel orientiert.

Jedoch gibt es weiterhin eine Untergliederung, die als Mainstream-Salafismus bezeichnet wird. Die Verfassungsschutzbehörde des Landes Nordrhein-Westfalen verzichtet in seiner Darstellung auf den politischen Salafismus und beschreibt stattdessen den Mainstream Salafismus. Es stellt sich daher die Frage, ob der politische Salafismus mit dem Mainstream-Salafismus gleichgesetzt werden kann.

Hierzu gibt es unterschiedlichste Meinungen in der Wissenschaft.

Oliver Roy benutzt in seinem Werk „Der islamische Weg nach Westen“ den Begriff Mainstream-Salafismus als Synonym für puristischen Salafismus. Dirk Baehr zitiert in seinem Werk „Der deutsche Salafismus“, mehrfach Oliver Roy. Auch er sieht in Roy‘s Gleichsetzung eine Irritation und Konfusion, da andere Wissenschaftler gerade den politischen Salafismus als Mainstream-Salafismus bezeichnen.

Vergleicht man jedoch die Inhalte des politischen Salafismus und des Mainstream-Salafismus, so kommt man zu dem Ergebnis, dass es sich hierbei um dieselbe Strömung handelt. Auch Peter Fuchs setzt in seiner Masterarbeit die beiden „Strömungen“ gleich.75

4.1 Puristischer Salafismus

Die wichtigsten Religionsgelehrten der Puristen sind unter anderen Al-Afghani76, Rashid Rida und ein Denker der Neuzeit, Nasir ad-Din al-Albani (1914-1999). Al-Albani war vor allem darum bemüht, durch die Hadith-Forschung ein noch genaueres Bild des Propheten Mohammed und der dazugehörigen islamischen Frühzeit zu erlangen.77 Dies sollte zu einer noch korrekteren und gottgewollten Religionsausübung führen. Er selbst verfasste daher Textkommentare und Textauslegungen, die sehr konservativ waren und alle Neuerungen ablehnten. Al-Albani wollte daher ein Gelehrten-Netzwerk erstellen, welches sich streng an dem Koran und an der Sunna orientiert und die Muslime zu einer „gereinigten“ islamischen Lebensart bewegt. Durch dieses vorbildliche Verhalten sollen andere Menschen vom Islam überzeugt werden.78

Obwohl sich Al-Albani einen islamischen Staat wünschte, konzentrierte er sich primär auf die Umkehr des Einzelnen und lehnte die politischen Aktivitäten von Muslimen ab. An Al-Albani orientiert, geht es der puristischen Strömung daher um die reine Lehre des Islams und um ein gottgefälliges Leben.79

Weiterhin waren sie der Ansicht, dass eine politische Aktivität unrein ist und sich Muslime davon fernzuhalten haben. Jedoch lehnen sie den Kampf gegen jede politische Herrschaft ab, um eine mögliche gewaltsame Gegenreaktion zu vermeiden. Denn diese würde nur unnötig das Leben der Muslime erschweren. Daher lehnen die Puristen alle Gruppierungen ab, die durch Gewalt ihren politischen Willen durchsetzen wollen.80

Die Landesbehörde für Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen formuliert eine Art Definition für diese Strömung:

„Der puristische Salafismus ist eine apolitische, streng gewaltablehnende und ausschließlich auf Missionsarbeit gerichtete Form der Salafiya.“81

Jedoch muss noch einmal zusammenfassend erwähnt werden, dass trotz ihrer friedlichen Einstellung das Demokratieprinzip abgelehnt wird, da Gesetze nicht nur den Menschen erschaffen werden dürfen. Deshalb wünschen sie sich auf lange Sicht einen Staat, in dem nur die gottgegebenen Gesetze vorherrschen.82

4.2 Mainstream-Salafismus (Politischer Salafismus)

„Die politischen Salafisten verbinden die Forderung nach einer Einführung der Sharia und einem gottgefälligen Leben mit einer deutlich politischen Agenda.“83

[...]


1 Vgl. Blatt, http://www.bundestag.de/dokumente/analysen/2012/Salafismus.pdf, 2012

2 Im folgenden Text wird aus Gründen der leichteren Lesbarkeit durchgängig die männliche Form benutzt. Im Sinne des Gleichbehandlungsgesetzes sind diese Bezeichnungen als nicht geschlechtsspezifisch zu betrachten.

3 Vgl. Halm, 2011, S. 7

4 Vgl. Kleine-Hartlage, 2010, S. 60

5 Vgl. Bobzin, 2000, S. 67,68, 115

6 Vgl. Kleine-Hartlage, 2010, S. 60

7 Vgl. Bobzin, 2000, S. 72

8 Vgl. Hamdan, http://www.scilogs.de/chrono/blog/der-islam/koran/2009-05-30/der-koran-eine-kurze-einf-hrung ,2009

9 Vgl. Kleine-Hartlage, 2010, S. 61

10 Kleine-Hartlage, 2010, S. 62

11 Vgl. Schimmel, 1990, S. 14

12 Vgl.Kleine-Hartlage, 2010, S. 62

13 Vgl. Bobzin, 2000, S. 93

14 Vgl. Kleine-Hartlage, 2010, S. 62

15 Vgl. Schimmel, 1990, S. 30

16 Vgl. Neuenhausen, http://www.bibelbund.de/htm/2002-1-53.htm,2002

17 Vgl. Kleine-Hartlage, 2010, S. 63

18 Vgl. Schimmel, 1990, S. 49

19 Vgl. N.N., http://www.islamkennenlernen.de/islam-allgemein/sunna-und-hadithe

20 Vgl. Schirrmacher, 2009, S. 1

21 Vgl. Faath, 2010, S. 28

22 Vgl. Schirrmacher, 2009, S. 1

23 Vgl. Faath, 2010, S. 28

24 Vgl. Schirrmacher, 2009, S. 2

25 Ebd., S. 1-2

26 Vgl. Hartert-Mojdehihttp://www.dw.de/rivalen-seit-fr%C3%BCher-zeit-sunniten-und-schiiten/a-16188198

27 Vgl. N.N., http://www.eslam.de/begriffe/i/islamisches_recht.htm, 2006

28 Vgl. Schirrmacher , http://christineschirrmacher.info/archives/tag/auslegung-der-scharia ,2012

29 Vgl. Heesemann, http://www.ekhn.de/inhalt/download/standpunkt/rel/05_scharia_akislam.pdf,2005 und Schimmel, 1990, S. 55

30 Vgl. Schimmel, 1990, S. 58-86

31 Schirrmacher , http://christineschirrmacher.info/archives/tag/auslegung-der-scharia, 2012

32 Vgl. ebd.

33 Vgl. N.N. http://ag-friedensforschung.de/themen/Islam/scharia.html

34 Vgl. Schimmel, 1990, S. 55

35 Vgl. Rieger, http://home.arcor.de/islambase/PDF/Rechtsschulen.pdf

36 Vgl. Müller, www.bpb.de/nachschlagen/lexika/islam-lexikon/21625/rechtsschulen

37 Vgl. N.N., http://www.orientdienst.de/muslime/minikurs/rechtsschulen/,2009

38 Vgl. Tibi, 2002, S. 97-102

39 Vgl. Schirrmacher, http://www.igfm.de/fileadmin/igfm.de/pdf/Publikationen/Dokumentationen/IGFM_jihad_im_Islam_2005.pdf ,2005

40 Vgl. Tibi, 2002, S. 98,102

41 Vgl. Landesamt für Verfassungsschutz, http://www.verfassungsschutz-bw.de/index.php?view=article&catid=51%3Aislamistische-organisationen&id=310%3Adie-muslimbruderschaftq-mb&format=pdf&option=com_content&Itemid=214

42 Vgl. Steinberg, 2005, S. 16,17

43 Vgl. Nordrhein-Westfalen, 2009, S.3

44 Vgl. Steinberg, 2005, S. 16,17

45 Vgl. Nordrhein-Westfalen, 2009, S. 3

46 Vgl. Steinberg, 2005, S. 17

47 Vgl. Nordrhein-Westfalen, 2009, S. 3

48 Vgl. Ebd. S.4

49 Nordrhein-Westfalen, 2009, S. 4

50 Vgl. Nordrhein-Westfalen, 2009, S. 4

51 Vgl. Conermann, http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/islam-lexikon/21632/rida-rashid

52 Vgl. Steinberg, 2005, S. 18

53 Vgl. Nordrhein-Westfalen, 2009, S. 4,5

54 Vgl. Steinberg, 2005, S. 18,19

55 Vgl. Nordrhein-Westfalen, 2009, S. 5

56 Vgl. Steinberg, 2005, S. 19

57 Vgl. Nordrhein-Westfalen, 2009, S. 19

58 Vgl. Steinberg, 2005, S. 19

59 Vgl. Grotepass,http://sekten-info-nrw.de/index.php?option=com_content&task=view&id=201&Itemid=46

60 Vgl. Roy, 2006, S. 299,230

61 Vgl. Hummel, 2009, S. 4

62 Vgl. Lerch, 2012

63 Vgl. Hummel, 2009, S. 5,6

64 Vgl. Nordrhein-Westfalen, 2009, S. 6

65 Vgl. Hummel, 2009, S. 5

66 Vgl. Roy, 2006, S. 239,240

67 Roy, 2006, S. 240

68 Vgl. Nordrhein-Westfalen, 2009, S. 6

69 Vgl. Steinberg,http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2012A28_sbg.pdf ,2012

70 Vgl. Nordrhein-Westfalen, 2009, S. 6

71 Vgl. Gutachten zur Verfassungsfeindlichkeit- Salafistische Bestrebungen, 2011, S.12

72 Vgl. Hummel, 2009, S. 5

73 Vgl. Nordrhein-Westfalen, 2009, S. 6,7

74 Vgl. Hummel, 2009, S. 5,6

75 Vgl. Fuchs, 2009, S. 33

76 Nordrhein-Westfalen, 2009, S. 7

77 Vgl. Steinberg,http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2012A28_sbg.pdf ,2012

78 Vgl. Nordrhein-Westfalen, 2009, S. 7

79 Vgl. Steinberg,http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2012A28_sbg.pdf ,2012

80 Vgl. Nordrhein-Westfalen, 2009, S. 7

81 Nordrhein-Westfalen, 2009, S. 8

82 Vgl. Ebd.,S.7

83 Steinberg,http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2012A28_sbg.pdf ,2012

Details

Seiten
57
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656939504
ISBN (Buch)
9783656939511
Dateigröße
683 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294575
Institution / Hochschule
Fachhochschule für Verwaltung Saarland; Saarbrücken
Note
13
Schlagworte
salafismus eine form religionsausübung muslimen gefahr sicherheit

Autor

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Titel: Salafismus. Eine übliche Form der Religionsausübung unter traditionellen Muslimen oder eine Gefahr für die innere Sicherheit?