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Die Theorie des freien Handels nach Adam Smith unter Berücksichtigung der Kritik von Friedrich List

Hausarbeit 2010 17 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 England im 18. Jahrhundert

3 Die Theorie von Adam Smith
3.1 Merkantilismus und Physiokratie
3.2 Die Arbeitsteilung
3.3 Der Freihandel

4 Die Theorie von Friedrich List
4.1 Die Theorie der produktiven Kräfte
4.2 Die „Nationalökonomie“ und die „Universalunion“

5 Smith, List und die heutige Welt

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Verlauf der Geschichte zeigt, dass es immer wieder zu Einbrüchen in der Wirtschaft kommt. Die letzte Wirtschaftskrise, die fast die gesamte Welt ergriff, ist nicht lange her und die Staaten haben sich noch nicht wieder von ihr erholt. Gerade in diesen Zeiten wird die Frage nach einer funktionierenden Wirtschaftsordnung wieder aktuell.

Schon vor rund 250 Jahren war die Antwort auf wirtschaftliche Probleme die Entwicklung einer umfassenden Wirtschaftstheorie: Adam Smith setzte mit seinem „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ (1776) den ersten Schritt hin zu dem, was wir heute als Volkswirtschaftslehre kennen.

Zwar gilt Smith noch heute als einflussreicher Wirtschaftstheoretiker, doch blieb er schon damals nicht lange unwidersprochen: 70 Jahre nach ihm verfasste der Deutsche Friedrich List sein Werk „Das nationale System der politischen Oekonomie“, in welchem er wesentliche Irrtümer Smiths darlegte und dessen Theorie weiterzuentwickeln versuchte.

Interessant ist hierbei, ob die Kritik Lists tatsächlich in jedem Punkt berechtigt war und was heute von ihren Ansätzen übrig geblieben ist.

In meiner Untersuchung werde ich zunächst zum besseren Verständnis der historischen Umstände, in denen Adam Smith schrieb, einen kurzen geschichtlichen Abriss über England im 18. Jahrhundert geben.

Anschließend werde ich zwei Theorien, zu denen sich Smith kritisch äußert, darlegen und davon ausgehend zwei wichtige Punkte seiner Theorie erläutern, die Arbeitsteilung und den freien Handel.

Ein weiteres Kapitel widme ich mich den Theorien und Einwürfen von Friedrich List, wobei ich hier vor allem auf seine Smith widersprechenden Thesen eingehen werde.

Abschließend zeige ich auf, welche Punkte von List in meinen Augen korrekt waren und wo er meines Erachtens ungenau gearbeitet hat. Außerdem gebe ich einen kleinen Einblick in die heutigen Verhältnisse, wobei dies knapp gehalten wird, da eine genaue Analyse der derzeitigen wirtschaftlichen Umstände in der Welt den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

2 England im 18. Jahrhundert

Auf politischer Ebene begann das 18. Jahrhundert für England mit der Sicherung der Errungenschaften der „Glorreichen Revolution“ des Jahres 1689, welche die absolutistische Monarchie durch die noch heute existierende Form der parlamentarischen Monarchie ablöste. Innerhalb dieses Parlaments stritten verschiedene Gruppierungen der Adligen, so zum Beispiel die so genannten „Whigs“ und „Tories“, um die Macht, aber auch private Handelsgesellschaften spielten in diesem System eine wichtige Rolle.[1]

Nicht nur politische, sondern auch wirtschaftliche Macht war ausschlaggebend, um in diesem neuen System in der Politik mitwirken zu können, denn sowohl aktive als auch passive Wahlrechte waren an die Höhe des Einkommens geknüpft.[2] Da nun auch Menschen außerhalb der adeligen Schichten durch Geld zu politischem Einfluss kommen konnten, wandelten die Werte der Gesellschaft sich hin zu Besitzindividualismus und Eigentumsschutz.[3]

Im Zuge der Stabilisierung des politischen Systems setzte ein wirtschaftlicher Aufschwung ein, der die Grundlage für die am Ende des Jahrhunderts stattfindende Industrielle Revolution bildete. Verschiedene Handelsgesellschaften wie zum Beispiel die South Sea Company wurden gegründet und traten als frühe Form der Aktiengesellschaften auf.

Für das Handelsmonopol in Spanisch-Amerika übernahm die South Sea Company einen Großteil der Schulden, die England in den Jahren zuvor angesammelt hatte. Zwar war im Jahr 1711, als die Company gegründet wurde, der spanische Erbfolgekrieg noch nicht entschieden und somit noch keine Rechtsgrundlage für einen Handel mit Spanisch-Amerika geschaffen. Dennoch stieg der Preis der Aktie rasch an. Im Jahr 1713, als der Krieg zu Gunsten Englands entschieden wurde, konnte die Company den Handel aufnehmen. Der Wert der Aktie stieg und weitere Aktienunternehmen wurden gegründet. Sechs Jahre später erreichten die Spekulationen ihren Höhepunkt und brachen ein, viele Unternehmer, aber auch Politiker verloren ihr Vermögen.[4] Daraufhin wurde mittels des „Bubble Act“ verfügt, dass Aktiengesellschaften nur noch auf Gesetzesentschluss des Parlamentes entstehen durften.

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts war es England gelungen, seine Mitstreiter um Kolonien zum Beispiel in Amerika abzuhängen. Einerseits erlangte es damit eine Vormachtstellung gegenüber allen anderen Ländern des Westens. Gleichzeitig hatte sich aber der Charakter des Staates gewandelt, er war nicht länger ein Nationalstaat, sondern ein „Empire“, wie es der Politikwissenschaftler Manfred Henningsen ausdrückte.[5]

Diese plötzlichen Veränderungen im politischen wie auch wirtschaftlichen Leben waren nach der Ansicht des Politologen Michael Hereth die Ursache dafür, dass eine neue Art von Analysen über den Menschen angestellt wurden, die ihn nun hauptsächlich im Rahmen seiner wirtschaftlichen Bedürfnisse und Überlegungen betrachteten.[6] An eben solche Überlegungen knüpfte Adam Smith an, für den nicht mehr der Mensch, sondern dessen Rolle im System des selbstregulierenden Marktes eine zentrale Rolle spielte.[7]

3 Die Theorie von Adam Smith

3.1 Merkantilismus und Physiokratie

In seinem Abschnitt über Systeme der politischen Ökonomie legt Adam Smith die grundlegenden Funktionsweisen zweier unterschiedlicher Wirtschaftssysteme seiner Zeit dar, den Merkantilismus und die Physiokratie, welche er als Agrarsystem bezeichnet. Die Betrachtung dieser beiden Systeme ist für ihn wichtig, da er in Abgrenzung zu diesen grundlegende Gedanken seines eigenen Systems entwirft. Aus diesem Grund stelle ich eine kurze Erläuterung beider Systeme den Ausführungen zu Smiths Theorie voran und beziehe mich dabei auf die Abschnitte in den Werken von Adam Smith und Friedrich List, in welchen diese Systeme behandelt werden.

Das Merkantil- oder Handelssystem, wie Adam Smith es nennt, zeichnet sich besonders durch die staatliche Reglementierung der Wirtschaftsprozesse aus.[8] Das Ziel dieser Reglementierungen ist es, möglichst viel Gold und Silber oder Geld zu besitzen, um so den Reichtum zu fördern.[9] Er nennt insgesamt sechs verschiedene Mittel des staatlichen Eingriffs, welche er in die beiden Kategorien „Einfuhrbeschränkungen“ und „Ausfuhrförderung“ unterteilt.[10]

Während Smith dieses System kritisiert, zeigt Friedrich List, der es „Industriesystem“ nennt, auf, welche Entwicklungen sich daraus ergeben haben und welche Vorteile es gegenüber anderen Systemen hat: Einerseits sei der Zustand, dass die Manufakturen in der Stadt mit den landwirtschaftlichen Provinzen auf dem Land wenig Kontakt hatten, durch einen „Agrikulturmanufakturhandelsstaat“, der Monarchie, Feudalaristokratie und Bürgertum „harmonisch“ zusammenführe, abgelöst worden.[11] Andererseits nennt er insgesamt drei Vorteile, unter anderem, dass durch die Reglementierung die inländische Manufaktur und Industrie gestärkt werden. Allerdings sieht auch List Probleme, so zum Beispiel die Gefahr, dass durch die Stärkung der eigenen Nation der Rest der Welt übersehen und daher nicht nach einer „Union aller Nationen“ gestrebt werde.[12] Hierauf gehe ich in Kapitel 4.2 noch einmal genauer ein.

Im Gegensatz zu zum Beispiel den Theorien über Wirtschaft, die Adam Smith entwickelte, ist der Merkantilismus kein geschlossenes System, keine Theorie an sich. List beschreibt ihn viel mehr als ein „praktisch geübtes“ System, welches von der Politik umgesetzt und kaum von einem Schriftsteller gelehrt werde.[13]

Während Adam Smith den Erläuterungen zum Merkantilismus einen bedeutenden Platz in seinem Werk einräumt, handelt er die von ihm als „Agrarsystem“ bezeichnete Physiokratie innerhalb weniger Seiten ab, da es sich hierbei um ein System handle, das nirgends auf der Welt in die Praxis umgesetzt und lediglich von französischen Theoretikern erdacht worden sei.[14]

Im Gegensatz zum Merkantilismus sehen die Physiokraten, deren wichtigster Vertreter der Franzose Francois Quesnay war, in der Landwirtschaft, also dem Grund und Boden, die einzige Quelle für Reichtum und Wohlstand.[15] Ausgehend von diesem Grundgedanken werden die Menschen in drei verschiedene Klassen geordnet: Grundeigentümer bilden die erste Klasse, die Pächter bzw. Landwirte die zweite und der dritten Klasse werden alle übrigen, also Handwerker, Fabrikanten und Kaufleute zugeordnet, wobei diese als unproduktiv bezeichnet werden.[16] Da ausschließlich der Grund und Boden als Quelle des Reichtums angesehen werde, zähle zu dem gesamten Jahresertrag eines Landes auch nur das, was an Einnahmen und Ausgaben in diesem Bereich entstehe.[17] Dies ist auch das Argument, mit dem die übrigen Berufe der unproduktiven, dritten Klasse zugeordnet werden, was aber nicht bedeutet, so Smith, dass die dritte Klasse verzichtbar sei. Vielmehr sei es so, dass es durch zum Beispiel den Handel der Kaufleute für die produktive Klasse erst möglich werde, für sie wichtige Erzeugnisse günstiger aus dem Ausland zu erhalten. Es sei daher nicht im Interesse der Grundbesitzer und Landwirte, dass der Handel und das übrige Gewerbe irgendeinem staatlichen Zwang oder einer Regulierung unterliegen, da durch die Freiheit des Handels die benötigten Waren günstiger erworben werden könnten.[18]

Zwar kritisiert Smith, dass dieses System die Klasse der Handwerker und Kaufleute als unproduktiv bezeichnet, doch gesteht er gleichzeitig ein, dass es „der Wahrheit vielleicht am nächsten“ komme, da es sowohl den Wert von Waren betone als auch die Wichtigkeit des freien Handels erkenne.[19]

[...]


[1] Vgl. Haan, Heiner: Geschichte Englands vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, C.H. Beck, München 1993, S. 204.

[2] Vgl. ebd. S. 208f.

[3] Vgl. ebd. S. 215.

[4] Vgl. ebd. S. 204.

[5] Vgl. Hennigsen, Manfred: Die englische Vorgeschichte des Westens, In: Henningsen, Manfred (Hrsg.): Vom Nationalstaat zum Empire – Englisches politisches Denken im 18. und 19. Jahrhundert, Paul List Verlag KG, München 1970, S. 23.

[6] Vgl. Hereth, Michael: Adam Smith, In: Henningsen, Manfred (Hrsg.): Vom Nationalstaat zum Empire – Englisches politisches Denken im 18. und 19. Jahrhundert, Paul List Verlag KG, München 1970, S. 73.

[7] Vgl. ebd. S. 74.

[8] Vgl. Imbusch, Peter / Lauth, Hans-Joachim: Wirtschaft und Gesellschaft, In: Mols, Manfred / Lauth, Hans-Joachim / Wagner, Christian (Hrsg.): Politikwissenschaft: Eine Einführung, 5., akt. Aufl., Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2006, S. 255.

[9] Vgl. Smith, Adam: Der Wohlstand der Nationen, 6. Aufl., Dt. Taschenbuch-Verl., München 1993, S. 347f.

[10] Vgl. ebd. S. 366f.

[11] Vgl. List, Friedrich: Das nationale System der politischen Oekonomie, 6. Aufl., Verlag von Gustav Fischer, Jena 1950, S. 446.

[12] Vgl. List, Friedrich: Das nationale System der politischen Oekonomie, 6. Aufl., Verlag von Gustav Fischer, Jena 1950, S. 448f.

[13] Vgl. ebd. S. 447.

[14] Vgl. Smith, Adam: Der Wohlstand der Nationen, 6. Aufl., Dt. Taschenbuch-Verl., München 1993, S. 560.

[15] Vgl. ebd. S. 561.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. ebd. S. 563.

[18] Vgl. Smith, Adam: Der Wohlstand der Nationen, 6. Aufl., Dt. Taschenbuch-Verl., München 1993, S. 566.

[19] Vgl. ebd. S. 574.

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656922339
ISBN (Buch)
9783656922346
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294494
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Politikwissenschaft und Japanologie
Note
3,0
Schlagworte
theorie handels adam smith berücksichtigung kritik friedrich list

Autor

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Titel: Die Theorie des freien Handels nach Adam Smith unter Berücksichtigung der Kritik von Friedrich List