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Pädagogik und Identität. Die Rolle der fiktiven Lebensläufe in Hesses "Glasperlenspiel"

Hausarbeit 2012 16 Seiten

Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhaltsangabe
2.1 Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht
2.2 Josef Knechts Lebensläufe
2.2.1 Der Regenmacher
2.2.2 Der Beichtvater
2.2.3 Indischer Lebenslauf

3. Identität

3.1 Identität nach Hilarion G. Petzold
3.2 Identität nach Wolfgang Krieger
3.3 Pädagogik und Identität

4. Identifikation und Selbstreflexion in fiktiven Lebensläufen?

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hermann Hesse lässt in seinem Roman Das »Glasperlenspiel« einen anonymen Erzähler die Lebensgeschichte des Josef Knecht erzählen. Die Geschichte spielt dabei vorwiegend in der Provinz Kastalien und wird oftmals als pädagogischer Roman interpretiert.

In der vorliegenden Arbeit werde auch ich mich mit dem pädagogischen Gehalt des Werkes auseinandersetzen. Mein Schwerpunkt liegt hierbei auf dem Begriff der Identität. Identität ist für jeden Menschen und jede Gesellschaft von Bedeutung. Sie stellt kein statisches Gebilde dar, sondern befindet sich in ständigem Wandel. Identität muss also als Prozess begriffen werden. Dieser Prozess ist besonders im Kontext der Pädagogik interessant. Es stellt sich die Frage, inwieweit Erziehung und Bildung die Entwicklung von Identität beeinflussen und fördern können. Hierzu werde ich speziell die Rolle der Lebensläufe beleuchten, die sich in der zweiten Hälfte des Buches finden. Josef Knecht soll sie angeblich selbst im Rahmen seiner schulischen Ausbildung verfasst haben. Ich werde mich mit der Frage beschäftigen, ob das Schreiben solch fiktiver Lebensläufe Einfluss auf die Identitätsbildung bzw. -konstruktion des Schülers hat und inwieweit es folglich als pädagogische Methode geeignet scheint.

Einleitend werde ich zunächst den Inhalt des Romans sowie der Lebensläufe skizzieren. Neben den drei biographischen Aufsätzen, die im Buch enthalten sind, existieren noch weitere, die später separat veröffentlicht wurden. Ich werde mich in meinen Betrachtungen allerdings auf die drei im Buch enthaltenen Biographien beschränken.

Anschließend werde ich mich mit dem Identitäts-Begriff auseinandersetzen. Ich werde zu diesem Zwecke verschiedene Konzepte (nach Hilarion G. Petzold und Wolfgang Krieger) des Begriffs beleuchten und allgemein auf die Rolle der Pädagogik für die Identitätskonstruktion eingehen. Daran anknüpfend werde ich auf die eigentliche Frage nach dem pädagogischen Gehalt der fiktiven Lebensläufen eingehen. Am Ende werde ich die wichtigsten Punkte der Arbeit noch einmal in Kürze zusammenfassen.

2. Inhaltsangabe

2.1 Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht

Da der Schwerpunkt meiner Arbeit auf dem Begriff der Identität in der Pädagogik liegen soll, beschränke ich mich an dieser Stelle auf eine sehr knappe Inhaltsbeschreibung. Sie ist zunächst nur insofern von Interesse, da es einige Motive in Josef Knechts Lebenslauf (sowohl im realen, als auch im fiktiven) gibt, die sich wiederholen und somit möglicherweise als Teil einer, zumindest teilweise, stabilen Identität beschrieben werden können. Weiterhin ist - wie noch zu zeigen sein wird - Selbstreflexion wichtiger Bestandteil der Identitätsbildung. Anhand der Lebensgeschichte und den fiktiven Lebensläufen lässt sich bereits erkennen, dass Knecht einige seiner individuellen Wesenszüge reflektiert. Auf die Bedeutung der Lebensläufe und den Prozess der Selbstreflexion gehe ich an späterer Stelle noch ausführlicher ein.

Das »Glasperlenspiel« spielt in der Zukunft, in einer Zeit mehrere hundert Jahre nach der heutigen Gegenwart. Die Erzählung wird aus der Perspektive eines anonymen Erzählers wiedergegeben, der die Lebensgeschichte von Josef Knecht anhand archivierter Dokumente und Unterlagen rekonstruiert. Die Zeitepoche der Geschichte grenzt sich von der Gegenwart deutlich ab. Das 19. und 20. Jahrhundert in Europa wird als "feuilletonistisches Zeitalter"1 charakterisiert und war gekennzeichnet von Kriegen und moralischem Zerfall.2 Die Menschen lebten in ständiger Angst vor Tod und Untergang und versuchten sich selbst von dieser Angst abzulenken, indem sie Autos fuhren, Kreuzworträtsel lösten oder Karten spielten. Gleichzeitig herrschte jedoch auch das starke Bedürfnis nach Recht, Vernunft und der Bewahrung der Wissenschaft. Daher konnte das feuilletonistische Zeitalter schließlich überwunden werden. Aus Verzweiflung über den Verfall von Kultur und Wissenschaft formierte sich Widerstand. Der Bund der Morgenlandfahrer begründete zur damaligen Zeit den kastalischen Orden, der sich der Pflege der reinen Wissenschaft (speziell Mathematik, Musikwissenschaft und Philologie) verschrieb und auf wirtschaftliche Geschäfte, äußere Erfolge und weitgehend sogar auf schöpferisches Künstlertum verzichtete.

Der Orden unterhält in der Provinz Kastalien Eliteschulen, in denen die besten und charakterlich geeigneten Kinder (in Hesses Erzählung ist nur von männlichen Kindern und Jugendlichen die Rede) abgeschieden und in streng hierarchischer Ordnung erzogen werden. Diese Eliteschulen sind nahezu völlig abgeschottet von der Alltagswelt. Die Schüler können und sollen sich also vollkommen auf die Ausübung der Wissenschaft konzentrieren, ohne sich mit den profanen Dingen des alltäglichen Lebens beschäftigen zu müssen. Mittelpunkt und zugleich höchste Errungenschaft des Ordens stellt das Glasperlenspiel dar. Die Idee das Spiels findet sich allerdings auch schon in weitaus früheren Kulturen. Was genau das Spiel ist und wie es gespielt wird, kann man im Verlauf der Geschichte nur erahnen. Es wird zumeist nur als eine Art Philosophie bzw. als die Vereinigung aller bekannten Wissenschaften und Künste beschrieben. Im Laufe ihrer Schul-Laufbahn werden die Schüler in diesem Spiel unterwiesen und die besten und begabtesten werden später selbst Mitglieder des Ordens.

In eben jenen Eliteschulen spielt sich der Großteil des Lebens der Hauptfigur Josef Knecht ab. Er wuchs in einem Waisenhaus auf und besuchte später eine Lateinschule. Aufgrund seiner außergewöhnlichen musikalischen Begabung wurde der Musikmeister des Glasperlenspieler-Ordens auf ihn aufmerksam und holte ihn in die Eliteschule. Er durchlief diese als einer der besten Schüler und wurde schließlich Mitglied des Ordens. Als der Glasperlenspielmeister starb, wurde Josef Knecht vom Orden zu dessen Nachfolger bestimmt. Entsprechend der kastalischen Philosophie bedeutete dieser Aufstieg in der Hierarchie zugleich die Zunahme von Verantwortung und Selbstaufopferung. Bereits von Beginn an graute ihm vor diesen Pflichten und der enormen Verantwortung, die er mit dem Amt übernehmen sollte. Dies führt letztendlich so weit, dass Knecht faktisch nur noch seine Funktion erfüllte und seine Individualität völlig ablegen musste. Durch einige Personen seines Freundes- und Bekanntenkreises und die Erfahrungen seines bisherigen Lebens inspiriert, entschloss er sich seine Entlassung aus dem Amt zu beantragen. Dieser Antrag stellte ein noch nie dagewesenes Phänomen innerhalb des Ordens dar und wurde erwartungsgemäß abgelehnt. Knecht nahm daraufhin Urlaub von seinem Amt auf unbestimmte Zeit. Außerhalb Kastaliens, übernahm er die Erziehung des Sohnes eines früheren Schulfreundes. Er fühlte sich bereits seit seiner Ankunft gesundheitlich nicht wohl. Doch als ihn sein neuer Edukand voller Begeisterung zum Wettschwimmen überreden wollte, vermochte er den Jungen nicht zu enttäuschen. Bei diesem Wettschwimmen ertrank Knecht. Er verstarb also bereits am ersten Tag seiner neuen Tätigkeit im Gebirgssee. Doch selbst durch seinen Tod bzw. seine Selbstopferung übte er noch starken Einfluss auf seinen Schüler aus: "Und indem er sich, trotz allen Einwänden, an des Meisters Tod mitschuldig fühlte, überkam ihn mit heiligem Schauer die Ahnung, daß diese Schuld ihn selbst und sein Leben umgestalten und viel Größeres von ihm fordern werde, als er es bisher je von sich verlangt hatte"3

2.2 Josef Knechts Lebensläufe

Der zweite Teil des Buches besteht aus einer Reihe von Schriften, die Josef Knecht selbst verfasst haben soll. Darunter finden sich auch drei fiktive Lebensläufe. Im Gegensatz zu den Gedichten, die sich ebenfalls in diesem Teil des Werkes finden, stellen die Lebensläufe keine freiwillige Arbeit von Knecht dar, sondern wurden im Rahmen der Schulausbildung jedem Schüler als Aufgabe gestellt. Einmal pro Schuljahr musste jeder Schüler einen Lebenslauf verfassen. Diese Lebensläufe sollten in verschiedenen Zeitepochen spielen und die Aufgabe bestand darin, eine möglichst authentische Geschichte um die eigene Person herum zu erfinden. Zum Einen erfordert diese Aufgabe also genaues Wissen über die Epoche, in der man die jeweilige Geschichte spielen lässt, zum Anderen erfordert es ein gewisses Maß an Selbstreflexion um sich selbst in eine andere Zeit versetzen zu können. Auf diesen Punkt werde ich jedoch an späterer Stelle noch genauer eingehen. Hier soll es zunächst um eine kurze Inhaltsangabe der von Josef Knecht verfassten Lebensläufe gehen.

2.2.1 Der Regenmacher

In diesem ersten Lebenslauf versetzte sich Josef Knecht einige tausend Jahre zurück in eine matriarchale Gesellschaft. Nachdem er seine gesamte Kindheit lang den Regenmacher des Dorfes bewundert hatte, nahm dieser ihn schließlich in die Lehre und Knecht trat später seine Nachfolge an. Da es zu seiner Aufgabe gehörte den eigenen Nachfolger auszubilden, nahm er einen Jungen aus dem Dorf in die Lehre. Als sich dieser jedoch als ungeeignet entpuppte, entließ er ihn wieder. Später bildete er seinen eigenen Sohn aus und bereitete ihn auf die Übernahme seines Postens vor. Als das Dorf in seiner Amtszeit von einer schweren Dürre heimgesucht wurde und all seine Versuche diese zu beenden scheiterten, ließ er sich feierlich den Dämonen opfern. Seinen Sohn ließ er als Nachfolger zurück und gab ihm vor der Opferung genaue Anweisungen, wie dieser das Ende der Dürre herbeiführen sollte.

2.2.2 Der Beichtvater

In der zweiten Erzählung versetzte sich Knecht in die Rolle des Josephus Famulus. Dieser war streng gläubiger Christ und beschloss im Alter von sechsunddreißig Jahren die Stadt zu verlassen, all seine Habe der Gemeinde zu überantworten und ein Leben als Büßer in der Wüste zu führen. In dieser Zeit entwickelte er die Gabe des Zuhörens und einige Leute reisten lange Strecken, um ihre Sünden bei ihm beichten zu können. Zur gleichen Zeit lebte Dion Pugil, der schon Jahre vor Josephus als großer Beichtvater berühmt war. Irgendwann entschloss er sich dazu seinen Platz in der Wüste zu verlassen und eben diesen berühmten Beichtvater aufzusuchen, um sich beim ihm Rat zu erbitten. Bei der Hälfte seine Weges traf er schließlich auf Pugil, der sich derweil auf dem Weg zu Famulus befand um bei ihm Rat zu suchen. Die beiden verbrachten die darauf folgenden Jahre gemeinsam und als Pugil schließlich starb, beerdigte Josephus ihn.

[...]


1 Hesse, Hermann: Das Glasperlenspiel - Versuch einer Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht, Frankfurt am Main, 9. Auflage, 2002, S.16.

2 vgl. ebd. S.20.

3 a.a.O. S.436.

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656921073
ISBN (Buch)
9783656921080
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294472
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Hermann Hesse Glasperlenspiel Identität Pädagogik pädagogischer Roman

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