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"Is Raising One's Arm a Basic Action?" Untersuchung der Handlungstheorie von Hugh J. McCan

Hausarbeit 2012 12 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Is Raising One’s Arm a Basic Action?
2.1. Die notwendigen Bedingungen für die Basicness einer Handlung
2.2. Der Versuch als ein normaler Akt, den Arm zu heben
2.3. Ist die Anstrengung des Armhebens ursprünglicher als das Armheben selbst?

3. Ist die Anstrengung, den Arm zu heben, eine Handlung?
3.1. Welche Beziehung besteht zwischen der Ursache einer Handlung und der Handlung selbst?
3.2. Fazit

4. Quellen-/ Literaturangaben

1. Einleitung

In der Handlungstheorie gibt es die Frage, ob es eine Klasse von Handlungen gibt, die einen so ursprünglichen Charakter haben, dass sie allen anderen Handlungen zugrunde liegen. Diese Klasse von Handlungen wird „Basic Actions“ genannt. Es ist strittig, welche Charakteristika solche Basishandlungen haben bzw. ob es überhaupt Handlungen gibt, die man einer solchen Klasse zuordnen könnte. Meist werden jedoch körperliche Bewegungen, wie das Heben eines Armes, verdächtigt, solch einen ursprünglichen Charakter zu haben, dass es keine Handlungen gibt, die ursprünglicher (more basic) sind.

Hugh J. McCann widmet sich in dem Kapitel „Is Raising One’s Arm a Basic Action“ seines Buches „The Works of Agency – On Human Action, Will and Freedom“ diesen körperlichen Bewegungen. Er versucht darin zu beweisen, dass körperliche Bewegungen, wie den Arm zu heben, keine solche „Basishandlungen“ (basic actions) sein können. Es geht ihm weder um die Verifikation der Existenz von Basishandlungen noch um die Suche nach einer Klasse von Handlungen, die dafür in Frage kämen. McCann versucht einzig, körperliche Bewegungen als Basishandlungen zu falsifizieren.

Diese Arbeit wird sich mit genau diesem Versuch McCanns befassen. Dafür wird zunächst das besagte Kapitel beleuchtet, um es daraufhin auf Schwächen in der Argumentation zu untersuchen.

Daher lautet die Leitthese wie folgt: Es ist nicht der Fall, dass McCanns Untersuchung zeigt, dass es sich bei dem Heben eines Armes um eine „Nonbasic Action“ handelt.

2. Is Raising One’s Arm a Basic Action?

In diesem Kapitel werden McCanns Ausführungen zu der Frage, ob das Heben eines Armes eine Basishandlung ist, wiedergegeben. McCann verfolgt dabei das Ziel, zu zeigen, dass dies nicht der Fall ist, da eine Handlung wie das Heben eines Armes stets „…involve[s] actions of physical exertion on the part of the agent […].“[1]

Dieses Kapitel ist stark am Originaltext orientiert, was auch auf die Unterteilung der Unterkapitel zu übertragen ist. So werden zunächst die Bedingungen erläutert, die dafür notwendig sind, dass eine Handlung als „basic“ gelten kann (2.1.). Danach werden die Anstrengung, die unternommen wird, um den Arm zu heben, sowie das Armheben selbst charakterisiert (2.2.). Abschließend sollen beide auf ihre Basicness untersucht werden (2.3.).

2.1. Die notwendigen Bedingungen für die Basicness einer Handlung

Eine Basishandlung ist eine Handlung, die einen elementaren Charakter aufweist. Sie lässt demnach elementarere Handlungen nicht zu. Allerdings ist es umstritten, ob es eine solche Klasse von Handlungen überhaupt gibt, und, wenn es sie gibt, welche Charakteristika diese Basishandlungen aufweisen. Körperliche Bewegungen, wie das Heben eines Armes, stehen im Verdacht, der Klasse der Basishandlungen anzugehören, was natürlich voraussetzt, dass es keine anderen Handlungen gibt, die grundlegender (more basic) sind. Solche grundlegenderen Handlungen als die körperlichen Bewegungen könnten beispielsweise „…primitive actions of flexing muscles or willing the movement of the arm “[2] sein.

Zunächst wird geklärt, welche Bedingungen einer Handlung sowie für Basicness erfüllt sein müssen, damit eine Handlung als Basishandlung gelten kann. Dies ist allerdings für sich schon ein recht schwieriges Unterfangen, da es keine klare Übereinkunft darüber gibt, ab wann eine Handlung als basic zählen kann.

Die wohl weitverbreiteteste bzw. anerkannteste Definition für Basicness ist, dass „…an action A of the agent M must satisfy the negative condition that it not involves something B which is also an action of M’s and which is related to A […].“[3] Wobei natürlich zunächst vorausgesetzt werden muss, dass B überhaupt eine Handlung ist. Die Bedingungen, die für eine Handlung erfüllt sein müssen, werden bei McCann recht kurz zusammengefasst: B ist demnach eine Handlung des Akteurs (agent) M,

- wenn B als etwas beschrieben werden kann, das M tut,
- wenn M weiß, dass er B tut,
- wenn M absichtlich B tut,
- wenn M für B verantwortlich gemacht werden kann,
- und wenn M’s B’en eine Veränderung in der Welt hervorruft.

Um die Relation zwischen den Handlungen A und B des Akteurs M zu verdeutlichen, führt McCann ein Beispiel an: Smith führt eine Handlung aus, die Jones tötet (Handlung A). Zu dem Töten kommt eine weitere Handlung, die mit dem Tötungsakt in Verbindung steht, wie z.B. das Schießen auf Jones (Handlung B). Die Verbindung der beiden Handlungen besteht darin, dass das „Töten“ nicht direkt, sondern immer nur durch eine Nebenhandlung durchgeführt werden kann, in diesem Fall das Schießen auf Jones.

Es liegen zwei typische Relationen der beiden Handlungen zueinander vor, nämlich hinsichtlich der Unterscheidung der Resultate und der Konsequenzen von Handlungen. Der Charakter einer bestimmten Handlung hängt u.a. von der Art der Änderungen ab, die durch sie ausgelöst werden. Falls also Jones nur angeschossen wird und nicht stirbt, oder wenn nicht gesagt werden kann, dass Smith es war, der Jones tötete (weil Jones Tod evtl. noch andere Ursachen gehabt haben könnte), dann lässt sich nicht daraus folgern, dass Smith Jones getötet hat. Das Resultat der Handlung des Schießens ist demnach die Änderung, dass Jones tot ist. Dem gegenüber steht die Konsequenz, die sich aus dieser Änderung (d.h. aus dem Resultat der Handlung) ergibt. Eine solche Konsequenz könnte beispielsweise die Trauer von Jones’ Witwe sein.

Entscheidend dabei ist, dass sowohl das Resultat von Handlung A als auch die Konsequenz von Handlung B zu derselben Veränderung führen können. So ist der Tod von Jones das Resultat von Smiths Handlung des Tötens (Handlung A). Diese Handlung wird dadurch verursacht, dass eine Kugel in den Körper von Jones eindringt, was seinerseits das Resultat der Handlung des Schießens ist (Handlung B). Wenn A und B in einer solchen Relation zueinander stehen, dann lässt sich sagen, dass B auf einer kausalen Ebene ursprünglicher (more basic) ist als A.[4]

Durch eine teleologische Betrachtungsweise erschließt sich eine zweite Relation dieser beiden Handlungen. Wenn man nun behaupten, dass Smith auf Jones schießt, um die Handlung des Tötens auszuführen, dann ließe sich sagen, dass das Schießen (B) eine Hilfshandlung (ancillary to his action) bzw. ein Mittel (means) ist, um den Zweck des Tötens (A) zu erreichen. B wäre demnach A untergeordnet. Daher ist Handlung B teleologisch ursprünglicher als Handlung A.[5]

B ist in diesem Fall also auf zwei Ebenen – nämlich sowohl auf einer kausalen als auch auf einer teleologischen Ebene – ursprünglicher als A. Damit eine Handlung als Basishandlung gelten kann, darf diese keine andere Handlung eines Akteurs mit einschließen, die sowohl kausal als auch teleologisch ursprünglicher ist.

2.2. Der Versuch als ein normaler Akt, den Arm zu heben

Im Weiteren wird überprüft, ob die Anstrengung, den Arm zu heben (B) eine teleologisch ursprünglichere Handlung darstellt als das Armheben selbst.

Dass es sich bei dem Anspannen um eine kausal ursprünglichere Handlung handelt, ist schnell bewiesen. Man müsste sich nur eine Person vorstellen, die über alle notwendigen physiologischen Kenntnisse verfügt, um zu wissen und zu benennen, welche Muskeln angespannt werden müssen. Bei einer solchen Person wäre die Handlung des Anspannens kausal ursprünglicher als die des Armhebens.

Um die teleologische Ursprünglichkeit zu klären, werden nun Fälle, in denen der Versuch unternommen wird, einen Am zu heben, untersucht. Diese beschreiben McCanns Ansicht nach den Sachverhalt des Armhebens besser. Als Versuche werden folgende Fälle betrachtet: wenn ein Akteur eine Handlung ausführt, aber unerwartet scheitert, oder wenn der Akteur zu dem Zeitpunkt der Ausführung daran zweifelt, dass seine Handlung gelingt.[6] Weiter führt McCann die folgenden Beispiele von Versuchen, den Arm zu heben, an:

„(1) A man’s arm is being held down by his young son, who in a test of strength challenges him to raise it. The father doubts he can, but says he will try. He then tries to raise his arm, and succeeds.

(2) The same as (1), except that the father fails to raise his arm. It does not move the slightest bit.

(3) A man seated at a lecture wishes to ask a question. Unbeknownst to him his sleeve has gotten caught on the arm of his chairs. He tries to raise his arm to get the speaker’s attention. He fails; the arm does not move at all.“[7]

Stellte man den Akteuren dieser drei versuchten Handlungen die Frage, welches Mittel bzw. welche Nebenhandlung sie vollzogen haben, um den Arm zu heben, dann wäre die Antwort wohl eine Verneinung, dass überhaupt Mittel bzw. Nebenhandlungen eingesetzt wurden, um das Heben des Armes zu erreichen. Die Akteure würden vielmehr eine Beschreibung von etwas, was sie getan haben, abgeben. Sie haben also ausschließlich die Körperpartien benutzt, die normalerweise als Instrument zum Heben des Armes verwendet werden. Demnach bestehen alle drei Versuche in der physikalischen Anstrengung[8], die unternommen wurde, um den Arm zu heben, wobei der Grad der Anstrengung und Plötzlichkeit variieren dürfte.[9] Jeder der drei Akteure würde auf die Frage, was er tat mittels des Versuches, den Arm zu haben, wohl etwas antworten wie: „I exerted effort to raise my arm,“ „I strained to raise it.“[10] Die bloße Anstrengung, die unternommen wird, um den Arm zu heben, wird demnach schon als Versuch des Hebens gewertet.

Dem Versuch des Hebens kann nicht das Heben selbst zugrundeliegen, da dies die Annahme beinhielte, dass das Heben nach einem Versuch des Hebens immer glückt. Ob der Versuch glückt oder misslingt, ist jedoch völlig offen, lediglich die Anstrengung, die unternommen wird, ist in allen Fällen vorhanden. Demnach muss die Anstrengung dem Versuch des Hebens zugrunde liegen.

Meist tut ein Akteur bei dem Versuch, eine Handlung A auszuführen, etwas, was ohnehin zum A’en dazugehört.[11] So schließt auch der Versuch, den Arm zu heben, nicht zwingend einen physikalisch anstrengenden Akt, aber dennoch ein gewisses Maß an Anstrengung mit ein. Da es beispielsweise dem Akteur aus (3) nicht bewusst war, dass er festhängt, kann er auch keine besondere Anstrengung unternommen haben, um seinen Arm zu heben.[12] Allerdings gibt es kein normales Maß an Kraft, das man für die Durchführung des Hebens benötigt. Daher lässt sich auch kein außergewöhnliches, also vom Standard abweichendes, Maß an Kraftaufwand ausmachen. Die Annahme, dass sich ein Akteur bei dem normalen Armheben nicht anstrengt, täuscht, es lässt sich lediglich behaupten, dass die Handlung des Armhebens ohne erwartete oder unerwartete Komplikationen abläuft. Es handelt sich um eine ganz gewöhnliche Handlung, die normalerweise nicht genauer reflektiert wird. Dies verleitet zu der Behauptung, dass man bei dem Akt des Armhebens nichts weiter getan hat, als den Arm zu heben, ohne eine zusätzliche Anstrengung unternommen zu haben.

Der typische Fall des Armhebens stellt sich also so dar wie in (1): Ein Akteur bringt eine (mehr oder weniger große) physikalische Anstrengung auf, um den Arm zu heben.

2.3. Ist die Anstrengung des Armhebens ursprünglicher als das Armheben selbst?

Nun soll festgestellt werden, ob die Bedingungen für Basicness bei (1) sowie bei dem normalen Fall des Armhebens zutreffen. Dabei ist es zunächst entscheidend, dass die Art der Handlung des Sichanstrengens, um den Arm zu heben, charakterisiert wird.

Zunächst einmal ist es klar ersichtlich, dass „einen Arm zu heben“ alle Charakteristika einer Handlung aufweist. Das Armheben kann einer bestimmten Person zugeschrieben werden, es ist ein Tun, über das der Handelnde volle Kontrolle hat. Daher ist die Person auch für ihr Tun verantwortlich[13], der Arm wird absichtlich und wissentlich gehoben[14] und es wird eine (sehr geringfügige) Veränderung der Welt herbeigeführt. Welche Veränderung genau herbeigeführt wird, also was das Resultat der Handlung des Armhebens ist, steht noch nicht fest. Diese Bestimmung ist jedoch entscheidend für die Charakterisierung einer jeden Handlung.

Die physiologisch offensichtlichste Änderung ist die, dass die Muskeln angespannt werden (tensing of those muscles), die für die Aufwärtsbewegung verantwortlich sind und diese kontrollieren. Durch die Anstrengung, den Arm zu heben, führt der Akteur also das Anspannen der entsprechenden Muskeln herbei. Wobei sich das Anspannen von der Anstrengung, den Arm zu heben, insofern unterscheidet, als sich das Anspannen in physiologischen Begriffen ausdrücken lässt, während das Anstrengen etwas Gefühltes bezeichnet.[15] Das Anspannen von Muskeln wird nur selten als Handlung verstanden, und zwar dann, wenn der Akteur selbst das Anspannen als eine Handlung versteht, er es demnach absichtlich tut. Solche Handlungen sind eher für den Physiologen relevant. Eine normale Person würde das Anspannen als ein Gefühl beschreiben, was wohl auch die einzig mögliche Beschreibung dafür wäre, da das bloße Anspannen nicht als etwas Sichtbares wahrgenommen wird. Das Gefühl, das durch die Anspannung der Muskeln entsteht, ist allerdings nicht das Resultat der Anstrengung, den Arm zu heben. Wenn es dies wäre, ließe sich dieses Gefühl auch künstlich durch Stimulationen des Gehirns hervorrufen: „[…] [T]he result of the action is the exertion itself, the event characterized by the tension felt, when it occurs.“[16] Die Anspannung der Muskeln ist also das Resultat der Anstrengung, die für das Armheben benötigt wird. Sie kann als das Gefühlte beschrieben werden, weil dies die Ebene ist, auf der der Akteur den Akt wahrnimmt.

Eine solche Beschreibung des Resultats ist jedoch nicht hinreichend, da das Gefühlte lediglich für den Armhebenden direkt verfügbar ist. Eine solche Beschreibung wäre nicht überprüfbar und in hohem Maße subjektiv, zudem sind die sprachlichen Voraussetzungen unzureichend. Daher lässt sich das Resultat des Aktes der Anstrengung, den Arm zu heben, am besten als die offenkundige Bewegung charakterisieren. Diese Beschreibung ist dem Anstrengen nicht intrinsisch, kann diese allerdings in einer indirekten Art beschreiben, weil jede Person, die eine solche Beschreibung hört, etwas damit assoziieren kann. Woraus keinesfalls folgt, dass die Anstrengung, den Arm zu heben, nur durch die offenkundige Bewegung beschrieben werden kann. Allerdings handelt es sich bei dieser Charakterisierung um die nützlichste, da sie keiner physiologischen Fachtermini bedarf.[17]

Nun sollte die Frage, ob die Anstrengung ursprünglicher ist als die Bewegung des Armes, hinreichend geklärt werden können: „[T]he event that is the tensing of those muscles is the result of an action of physical exertion on the agent’s part, it follows that the upward motion of the arm is a consequence of the act of exertion. But the motion of the arm is the result of the action of raising it.“[18] Die Anstrengung, den Arm zu heben, ist eine kausal ursprünglichere Handlung als das Armheben selbst.

Wenn ein Akteur die Anstrengung unternimmt, seinen Arm zu heben, dann verwendet er die Anstrengung als ein Mittel / eine Nebenhandlung mit der Intention, den Arm zu heben.[19] Die Anstrengung als Nebenhandlung ist dem Heben untergeordnet, was bedeutet, dass sie dem Zweck des Hebens dient. Daher ist die Anstrengung, den Arm zu heben, eine teleologisch ursprünglichere Handlung als das Heben selbst.

Daraus folgt, dass das „Heben eines Armes“ die Voraussetzungen für Basicness nicht erfüllt, weil die Anstrengung ursprünglicher ist als das Heben. Dies bedeutet aber nicht, dass der Anstrengung selbst nun alle Aufmerksamkeit gebührt, denn es handelt sich dabei lediglich um ein Mittel zu dem Zweck des Hebens: „[…][W]hen an action B is part of one’s normal plan for A-ing, to consider A-ing ist to consider B-ing. Independent deliberation about B thus becomes unnecessary.“

Analog zu der Feststellung, dass das Armheben keine Basishandlung ist, lässt sich vermuten, dass auch andere körperliche Bewegungen keine Basishandlungen sind. Das wirft die Frage auf, welche Handlungen denn sonst diesen Status haben können, bzw. ob es überhaupt so etwas wie Basishandlungen gibt. Die Beantwortung dieser Fragen war jedoch nicht das Ziel McCanns, sondern lediglich der Beweis, dass das Heben des Armes keine Basishandlung darstellt.[20]

3. Ist die Anstrengung, den Arm zu heben, eine Handlung?

Im folgenden Kapitel wird die erste Voraussetzung, die eine ursprünglichere Handlung erfüllen muss, damit die vermeintliche Basishandlung als „nonbasic“ gilt, untersucht. Diese Voraussetzung besagt, dass es sich bei B (der Anstrengung, den Arm zu heben), welches im Verdacht steht, ursprünglicher als A (das Armheben) zu sein, um eine Handlung handeln muss. Dies ist nach McCanns Definition zweifellos der Fall, allerdings weisen die beiden Handlungen eine ungewöhnliche Beziehung zueinander auf. Und genau diese Beziehung, die im Folgenden erläutert wird, verleitet zu der Annahme, dass es sich bei der Anstrengung nicht um eine Handlung handelt.

3.1. Welche Beziehung besteht zwischen der Ursache einer Handlung und der Handlung selbst?

McCanns Ausführungen sind mit den vorangegangenen Definitionen zu den Begriffen „action“ sowie „basic“ schlüssig. Nur wenn eine (kausal und teleologisch) ursprünglichere Handlung als das Armheben gefunden wird, kann das Armheben als nonbasic gelten. Es ist also eine notwendige Voraussetzung, dass es sich bei der Anstrengung um eine eigenständige Handlung handelt: „The first requirement is that B [which is also an action of M’s and which is related to A] be an action“[21]. An anderer Stelle schreibt McCann hingegen, dass es gleichgültig sei, wie diese beiden Ereignisse genau beschrieben werden.[22]

McCann schlägt für den Begriff „action“ eine Liste von Bedingungen vor, welche alle erfüllt sein müssen. A ist demnach eine Handlung des Akteurs M,

- wenn A als etwas beschrieben werden kann, das M tut,
- wenn M weiß, dass er A tut,
- wenn M absichtlich A tut,
- wenn M für A verantwortlich gemacht werden kann,
- und wenn M’s A’en eine Veränderung in der Welt hervorruft.[23]

Diese Bedingungen treffen auf die Anstrengung zu, es stellt sich nur die Frage, ob diese Eigenschaften auch hinreichend sind, um den Sachverhalt einer Handlung darzustellen.

McCanns Ausführungen liegt die Annahme zugrunde, dass die Anstrengung, den Arm zu heben, als von dem Armheben selbst getrennte Handlung betrachtet werden kann, wie es auch anhand des Schießens auf Jones dargestellt wurde. Die Akte des „Tötens“ und des „Schießens“ (shooting) lassen sich beide getrennt voneinander betrachten und können auch unterschiedliche Folgen bzw. Ursachen haben. Um die Handlung des Tötens durchzuführen, muss eine Nebenhandlung ausgeführt werden, welche die Eigenschaft besitzt, dass ihre Durchführung hinreichend ist, um zu einer Tötung führen zu können. Das „Schießen“ muss nicht zwingend den Tod von Jones verursachen, es kann auch eine „nicht tödliche Verletzung“ verursachen. Ebenso lässt sich das „Töten“ auch auf andere Arten hervorrufen als durch das „Schießen“ (z.B. durch Vergiften). So haben unterschiedliche Handlungen („Schießen“, „Vergiften“, „Erdolchen“ etc.) die Eigenschaft gemeinsam, dass ihre Ausführung eine hinreichende Bedingung darstellen kann, um die Handlung des „Tötens“ durchzuführen. Allerdings stellt keine dieser Handlungen eine notwendige Bedingung für die Durchführung der Handlung des Tötens dar, weil zum einen ihre Durchführung auch scheitern kann und zum anderen alternative Nebenhandlungen möglich wären.

„Der Zusammenhang zwischen externen Determinanten und der Handlung ist […] kein innerer Zusammenhang im Sinne einer logischen Inklusion. … [Es] liegt […] keine in irgendeinem vernünftigen Sinne „kausale“ Beziehung vor.“[24] Zwischen dem Schießen auf Jones und dem Töten liegt also keine kausale Determiniertheit vor.[25] Die Nebenhandlung des Schießens ist zwar eine hinreichende, aber nicht notwendige Bedingung für die Durchführung der Handlung des Tötens.

Übertragen auf das Heben des Armes hieße das Folgendes: Die Nebenhandlung des „Anstrengens“ ist eine hinreichende, aber nicht notwendige Bedingung für die Durchführung der Handlung des „Armhebens“. Dass man sich anstrengen kann, auch ohne dass man den Arm hebt, wurde schlüssig anhand der Versuche, den Arm zu heben, dargestellt.[26] Aber ist auch ein Armheben ohne vorangegangene Anstrengung denkbar? Dies scheint, außer in Fällen, in denen man den Arm nicht selbst bzw. unabsichtlich hebt, nicht möglich zu sein. Die „Anstrengung“ ist demnach – auch wenn sie nicht immer zum Armheben führt – eine notwendige und alternativlose Bedingung für die Durchführung der Handlung des „Armhebens“. Es liegt zwischen dem „Armheben“ und dem „Anstrengen“ also eine andere Beziehung vor als zwischen dem „Töten“ und dem „Schießen“.

Die Anstrengung, den Arm zu heben, hat – vorausgesetzt der Arm wird nicht wie im Fall (2) und (3) davon abgehalten – die notwendige Folge, dass sich der Arm hebt. Es ist undenkbar, dass die Anstrengung, den Arm zu heben, nicht zumindest den Versuch, den Arm zu heben, zur Folge hat. Eine solche Determiniertheit ist bei Handlungen im allgemeinen nicht vorzufinden.[27] Daher liegt der Schluss nahe, dass diese beiden Handlungen dies eben nicht sind, sondern zusammengefasst nur eine Handlung darstellen, da sowohl auf kausaler als auch auf teleologischer[28] Ebene eine Notwendigkeit besteht. Dies wäre bei zwei eigenständigen Handlungen nicht der Fall.

3.2. Fazit

McCanns Ausführungen sind für sich genommen schlüssig, allerdings verwendet er unzureichende Definitionen für zentrale Begriffe. So sind die Bedingungen, die von einer Handlung erfüllt werden müssen, um als solche zu gelten, sehr offen formuliert. Der für seine Untersuchung so bedeutende Ausdruck „Anstrengung“ wird mit unterschiedlichen Begriffen, die unterschiedlich verstanden werden können, bezeichnet („effort“, „straining“ und „exertion“). Die Anstrengung erfüllt die erste Voraussetzung, dass es sich bei der mutmaßlich ursprünglicheren Handlung um eine Handlung handelt, nicht, da sich die Anstrengung zu dem Armheben anders verhält, als dies normalerweise zwischen einer Handlung und einer Nebenhandlung der Fall wäre. Das Armheben benötigt notwendigerweise die vorangegangene Anstrengung[29] und auf die Anstrengung folgt notwendigerweise, wenn keine Störfaktoren auftreten, das Armheben. Das Armheben ist also durch die Anstrengung, einen (nicht behinderten) Arm zu heben determiniert. Die Anstrengung, den Arm zu heben, ließe sich als ein „intentionales Tun“[30], welches der Akteur für geeignet hält, um den Arm zu heben, besser beschreiben denn als Handlung selbst.

Daraus folgt, dass McCann körperliche Bewegungen wie das Armheben als Basishandlungen nicht widerlegt hat, womit die Leitthese bestätigt ist.

4. Quellen-/ Literaturangaben

DAVIDSON, Donald: Essays on Actions and Events; Oxford University Press – Oxford, 1980.

McCANN, Hugh J.: The Works of Agency – On Human Action, Will and Freedom; Cornell University Press - New York, 1998.

WRIGHT, Georg Henrik von/ POSER, Hans (Hg.): Handlung, Norm und Intention – Untersuchungen zur deontischen Logik; Walter de Gruyter – Berlin/ New York, 1976.

[...]


[1] McCANN, Hugh J.: Is Raising One’s Arm a Basic Action?; in: The Works of Agency – On Human Action, Will and Freedom; 1998, S. 61.

[2] Ebd.

[3] Ebd. S. 62.

[4] Vgl. Ebd. S. 62 f.

[5] Vgl. Ebd. S. 63 f.

[6] Fälle in denen die Ausführung an der physikalischen Beschaffenheit des Akteurs scheitert, wie z.B. bei einer Lähmung sind davon ausgenommen.

[7] Ebd. S. 65.

[8] Es ist nicht ganz klar, ob und wenn ja in welcher Art, McCann die Begriffe „effort“, „straining“ und „exertion“ unterscheidet. Im folgenden werden diese drei Begriffe als „Anstrengung“ verstanden, es wird also keine Unterscheidung vorgenommen.

[9] So wäre in (1) und (2) ein großes und in (3) ein weniger großes Maß an Anstrengung zu erwarten, wobei der Versuch keinen bestimmten Grad an Anstrengung voraussetzt. Wenn (3) z.B. weiß, dass er festhängt, wird er seinen Arm erst zögerlich versuchen zu heben, um seinen Ärmel nicht zu beschädigen. Dieser Unterschied scheint jedoch der einzige zwischen diesen Fällen zu sein.

[10] Ebd. S. 66.

[11] Mittels des Versuches Jones zu töten erschießt ihn Smith.

[12] Evtl. hat er diese unternommen, nachdem er bemerkt hatte, dass er festhängt.

[13] Wenn es nicht die Person selbst wäre, die den Arm hebt, würde diese Verantwortlichkeit (sowohl für das Heben, als auch für die unternommene Anstrengung) wegfallen.

[14] Fälle, in denen eine andere Person den Arm hebt bzw. reflexartige Reaktionen vorliegen sind hiervon ausgenommen.

[15] Vgl. Ebd. S. 69.

[16] Ebd. S. 70.

[17] Mithilfe physiologischer Fachtermini ließe sich zwar ebenfalls die Anstrengung den Arm zu heben beschreiben, dies wäre jedoch, weil es nicht für jeden verständlich wäre, irreführend.

[18] Ebd. S. 72.

[19] Ebd. S. 73.

[20] Vgl. Ebd. S. 74.

[21] Ebd. S. 62.

[22] Siehe: Ebd. S. 72 ff.

[23] Vgl. Kapitel 2.1.

[24] WRIGHT, Georg Henrik von: Handlung, Norm und Intention – Untersuchungen zur deontischen Logik; 1976, S. 143.

[25] Siehe auch: DAVIDSON, Donald: Causal Relations; 1967; in: Essays on Actions and Events; 1980, S. 149 f.

[26] Siehe: McCANN, S. 65 f.

[27] Vgl. WRIGHT, S. 137 ff.

[28] Die teleologischen Ebene wurde zwar nicht ausführlich besprochen, es sollte aber einleuchtend sein, dass die Anstrengung den Arm zu heben den inhärenten Zweck hat die Handlung des Armhebens durchzuführen.

[29] Dies beschränkt sich nicht nur auf das Armheben. Es scheint als ob jeder Handlung - die nach einer properen Definition als solche bezeichnet werden kann – eine Anstrengung vorangeht, um diese Handlung durchzuführen.

[30] Vgl. Ebd. S. 73 f.

Details

Seiten
12
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656923602
ISBN (Buch)
9783656923619
Dateigröße
385 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294459
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Philosophisches Seminar
Note
2,3
Schlagworte
Handlungstheorie Basic Action Basishandlung Hugh J. McCan

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