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Zwangsarbeit im "Dritten Reich". Zwischen "ökonomischer Verwertbarkeit" und NS-Ideologie

Hausarbeit 2014 15 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Gruppen von Zwangsarbeitskräften

3. Außerhalb der Arbeitszeit
3.1. Freizeit
3.2. Liebesbeziehungen

4. Lebensbedingungen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In vorliegender Hausarbeit geht es um die Ambivalenz zwischen dem Einsatz von ausländischen Zwangsarbeitern und der NS-Rassenideologie im „Dritten Reich“. Der Einsatz von Zwangsarbeitern war eine sehr wesentlicher Teil der nationalsozialistischen Arbeitspolitik[1], wobei die Frage aufkommt, wie dies mit der nationalsozialistischen Ideologie bezüglich Ausländern zu vereinbaren war. Um diese Frage erörtern und das Ausmaß des Ausländereinsatzes korrekt erfassen zu können, muss zunächst auf die verschiedenen Gruppen von Zwangsarbeitskräften eingegangen werden. Danach wird auf die Freizeitgestaltung sowie das Entstehen von Liebensbeziehungen zwischen den Deutschen aus ausländischen Arbeitern sowie deren Konsequenzen eingegangen. Anschließend wird auf die Lebensbedingungen mit all ihren Bereichen eingegangen. Dabei soll in erster Linie das hierarchisierte nationalsozialistische System im Mittelpunkt stehen, nach dem die Zwangsarbeiter kategorisiert werden können. Zum Schluss folgt dann das Fazit. Als Quellen, die sich im Anhang befinden, wurden Kopien amtlicher Dokumente verwendet. Diese beziehen sich ausschließlich auf die von den Nationalsozialisten genannten „Ostarbeiter“ bzw. „Ostarbeiterinnen“. Als erstes Dokument wird die Polizeiverordnung vom 08. März 1940 herangezogen, auf dem die peniblen Vorschriften zum Tragen des „Polen-P“ ersichtlich werden. Die zweite Quelle zeigt eine „Polizeilichen Strafverfügung“ einer polnischen Arbeiterin, was sich sehr gut dazu eignet, die strengen Überwachung- und Disziplinierungsmaßnahmen des Nationalsozialismus aufzuzeigen. Aus Quellen Drei ist zu erkennen, wie einfach und übersichtlich ein Anwerbeformular seiner Zeit war. Dokument Vier hingegen zeigt eine Arbeiterkarte mit zugehörigem Passfoto sowie die abzugebenden Fingerabdrücke der entsprechenden Person. Bei den Quellen handelt es sich demnach um objektive Quellen, die Aufschluss darüber geben können, wie das nationalsozialistische System im Umgang mit ausländischen Zivilarbeitern fungierte.

2. Gruppen von Zwangsarbeitskräften

Der Begriff „Zwangsarbeiter“ kann nicht ohne weiteres erläutert werden. Dazu muss vorerst auf die verschiedenen Gruppen von Zwangsarbeitern eingegangen werden, die durch teilweise sehr verschiedene Arbeitsverhältnisse, Behandlungsweisen sowie Lebensbedingungen unterschieden werden müssen. Die mit Abstand größte Gruppe bilden die ausländischen Zivilarbeiter, auch „Fremdarbeiter“ genannt, die zwischen 1939 und 1945 zum „Arbeitseinsatz“ nach Deutschland gebracht wurden. Diese sind von den ausländischen Kriegsgefangenen zu differenzieren, die hauptsächlich aus Polen, der Sowjetunion und aus Frankreich sowie später aus Italien als Arbeitskräfte eingesetzt wurden. Hinzu kommen die Häftlinge der Konzentrationslager der SS im Reichsgebiet wie auch europäische Juden, die zunächst in Polen und später auch im Reichsgebiet Zwangsarbeit verrichten mussten.[2] In Deutschland war es schon lange Zeit Tradition, polnische Landarbeiter zu beschäftigen, was aber nach Kriegsbeginn in radikale und mit unter Zwang versehenen Rekrutierungsmaßnahmen mündete. Jahrgangsweise Dienstverpflichtungen, Razzien sowie kollektive Repressionen sind nur wenige Beispiele wie Arbeitskräfte eingefangen wurden.[3] Hinzu kommen zahlreiche Bestimmungen, die zu einem umfangreichen System entwickelt wurde, um den Verstoß gegen die „rassischen“ Prinzipien des Nationalsozialismus rechtfertigen zu können – nämlich die Errichtung der hierarchisierten Zweiklassengesellschaft. Beispiele hierfür sind Barackenlager, sehr geringe Löhne und überaus lange Arbeitszeiten und das Verbot von Besuchen öffentlicher Einrichtungen sowie deutscher Gottesdienste, um die Arbeiter von der deutschen Lebenswelt rigoros abzutrennen. Darüber hinaus mussten die polnischen Arbeiter bzw. Arbeiterinnen das „Polen-P“ zur Kennzeichnung an der Arbeitskleidung tragen.[4] Auch über Aussehen und Größe dieses Abzeichens hatte das NS-Reichsregime genauste Vorstellungen, was in der Polizeiverordnung vom 08. März 1940 schriftlich festgehalten wurde. Aus dieser Quelle geht hervor, dass das Abzeichen, ein violettes „P“ auf gelbem Grund, das auf der rechten Brustseite jedes Kleidungsstücks stets sichtbar zu tragen war.[5] Diese Stigmatisierung sollte sich durch den ganzen Alltag der polnischen Arbeiter begleiten, wobei Zuwiderhandlungen strafrechtlich verfolgt wurden. Ein Beispiel hierfür bietet Quelle Zwei über eine „Polizeiliche Strafverfügung“[6], aus der ersichtlich wird, wie weit die Überwachungs- und Disziplinierungspraxis des Nationalsozialismus geht. Aus dieser polizeilichen Strafverfügung geht hervor, dass eine polnische Zwangsarbeiterin ohne die obligatorische Kennzeichnung ihrer nationalen Herkunft, nämlich dem „Polen-P“ auf ihrer Kleidung die Straße entlang gelaufen sei. Aufgrund dessen wurde sie verurteilt, Zwanzig Reichsmark sowie Zwei Reichsmark Verwaltungsgebühr zu bezahlen. Konnte sie dies nicht bezahlen, würde sie in Haft genommen werden. Hier sei darauf hingewiesen, dass Zwanzig Reichsmark den Monatslohn einer polnischen Zwangsarbeiterin bei weitem überschritten hatte. In den folgenden Monaten konnte der Einsatz der Polen den Arbeitskräftebedarf in Deutschland nicht decken und so wurden französische Kriegsgefangene ins Deutsche Reich gebracht und auch die Arbeiteranwerbung in den deutsch besetzten Gebieten stieg enorm an. Im Gegensatz zu den Polen galten für diese Arbeitskräfte deutlich günstigere Vorschriften in den Bereichen Unterkunft, Lohn und Behandlung. Gerade die französischen Arbeiter waren als Westarbeiter ziemlich hoch angesehen, auch deshalb, da sich unter ihnen viele Facharbeiter befanden.[7] Der größte Teil der ausländischen Zivilarbeitern und Kriegsgefangenen wurden überwiegend in der Landwirtschaft eingesetzt, während im Bereich der Industrie Ausländer bis zum Zeitpunkt des Sommers 1941 keine Rolle spielten. Dies änderte sich aber schlagartig aufgrund der militärischen Rückschläge in der Sowjetunion. So musste sich die deutsche Rüstungswirtschaft auf einen länger andauernden Krieg einstellen, wobei ihre Kapazitäten erheblich vergrößert werden mussten. Die Rüstungsindustrie musste demnach umorganisiert werden. Da keine westeuropäischen Arbeitskräfte mehr einzusetzen waren, musste auf die Einsetzung sowjetischer Kriegsgefangener zurückgegriffen werden. Da dies aber bereits vor dem Krieg von der NS-Reichsführung aus „rassischen“ und sicherheitspolitischen Gründen vehement abgelehnt wurde, entstand ein enormer ökonomischer Druck, dem die Regimeführung bald nachgeben musste. Die Initiative zur Einsetzung sowjetischer Kriegsgefangenen ging nun von der Industrie, insbesondere vom Bergbau aus, wo bereits ein erheblicher Arbeitermangel zu verzeichnen war. Problem war hier aber nun, dass der Großteil der sowjetischen Gefangenen bereits verhungert oder erfroren war bzw. bereits umgebracht wurde. Folglich wurde entgegen die eigene ideologisch-rassistische Überzeugungen und parteipolitische Einwände sowjetische Arbeitskräfte rekrutiert, die ebenso wie die Polen unter ähnlich schlechten Bedingungen arbeiten und leben mussten. Sie wurden mit Bildern und Broschüren geworben, die ein glückliches Leben in Deutschland versprachen. Hierzu ist aus Quelle Drei[8] ein Anwerbeformular einer „Ostarbeiterin“ aus der Ukraine ersichtlich. Quelle Vier[9] hingegen zeigt eine bereits ausgestellte „Arbeiterkarte“ einer „Ostarbeiterin“. Auch diese nun offiziell genannten „Ostarbeiter“ bzw. „Ostarbeiterinnen“ wurden ebenso wie die Polen, hier durch ein Abzeichen „Ost“ an Kleidung gekennzeichnet.[10] Da es nur wenigen Zivilarbeitern erlaubt war, sich privat eine Unterkunft zu suchen, folgte ein stetiger Anstieg an Arbeiterlagern, von denen es v.a. in den größeren Städten in der Regel mehrere Hundert gab. Die Arbeiter wurden aber nicht nur im meist eigens errichteten Barackenlager untergebracht, sondern ebenso in Turnhallen, Pfarrhäuser oder Herbergen. Obwohl die Ausstattung in allen Unterbringungen karg war, ist auch hier wieder ein hierarchisches rassenideologisches System erkennbar, bei dem v.a. die sowjetische Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge der SS unter menschenunwürdigsten Bedingungen zu leben hatten. Aber nicht nur Hunger und Kälte waren ein Merkmal dieser Einrichtungen. Auch mussten die Arbeiter auf engstem Raum und mit unzureichenden sanitären Anlagen sowie mit Schmutz und Ungeziefer herumschlagen.[11] Darüber hinaus differenzierten sich die ausländischen Arbeitskräfte von den deutschen Arbeitern nicht nur durch ihre nationale Herkunft, denn auch in Bezug auf Löhne, Lebensmittelrationen oder Arbeitsbedingungen herrschte ein klar hierarchisiertes System, bei dem die Arbeiter aus dem Osten erheblich schlechter gestellt waren. Diejenigen Arbeiter, die aus den befreundeten Ländern oder den besetzten Westgebieten stammten unterlagen meist denselben Arbeitsbedingungen wie Deutsche in vergleichbaren Stellungen.[12] Darüber hinaus unterschied sich die Lage der Zwangsarbeiter stark von Betrieb zu Betrieb bzw. von Lager zu Lager. Arbeiter, die in der Landwirtschaft eingesetzt wurden ging es größtenteils erheblich besser als in der Industrie. Zudem kommt, dass die meisten Arbeiter auch bei den Bauern, für die sie tätig waren, wohnen konnten. Auch die als private Haushaltshilfen eingesetzten Arbeiterinnen lebten bei ihren Arbeitgebern. Dieses „Glück“ hatte aber nur der geringste Teil der ausländischen Arbeiter und Arbeiterinnen. Zum Thema Lebensbedingungen wird an späterer Stelle eingehender eingegangen. Auch an den verschiedenen Arbeitsplätzen sind ebenfalls große Unterschiede aufzuweisen waren, wobei zu erwähnen ist, dass sich die Beschäftigung von Zwangsarbeitern auf die gesamte deutsche Wirtschaft erstreckte.[13] Im Gegensatz dazu hatte der Einsatz von KZ-Häftlingen primär einen völlig anderen Sinn. Hier standen v.a. Arbeit als „Erziehung“, „Strafe“ oder auch „Rache“ im Vordergrund, was die Form von Vernichtung annahm. Aber auch an dieser Stelle trat das Bestreben nach „ökonomischer Verwertbarkeit“ der Konzentrationslager immer mehr in den Mittelpunkt politischer Zielsetzungen. Zunächst wurden die KZ-Häftlinge nur leihweise von der SS an die Industrie zur Verfügung gestellt. Dabei wurden die Häftlinge in ein „Außenlager“ überführt, das sich in unmittelbarer Nähe der Arbeitsstätte befand, wobei sich die Lebensbedingungen aber nicht veränderten. Die durchschnittliche Arbeits- und somit Lebenszeit der Häftlinge betrug in den Jahren 1943/44 zwischen einem und zwei Jahren. Auch in SS-eigenen Wirtschaftsbetrieben wurde zunehmend auf KZ-Häftlinge zurückgegriffen. Grund dafür war in erster Linie die verstärkte Umstellung auf die Rüstungsproduktion.[14] Juden hingegen, die im Deutschen Reich lebten und Arbeitslosenunterstützung erhielten, wurden nach entsprechendem Erlass der deutschen Arbeitsverwaltung im „Geschlossenen Arbeitseinsatz“ als Hilfsarbeiter hauptsächlich bei Straßenbauarbeiten und auf Müllplätzen, etc. eingesetzt, wobei erwähnt werden muss, dass der Arbeitszwang für Juden bereits 1939 im „Generalgouvernement“ erlassen wurde. Mit dem wachsenden Ziel des NS-Reichsregimes, die Juden aus Deutschland zu deportieren, entstand eine immer größere Kluft zur Rassenideologie des Nationalsozialismus. Aber auch hier wurde wiederum eine Lösung gefunden, indem man die Arbeiter nach der „ökonomischen Verwertbarkeit“ in den Rüstungsbetrieben selektierte, was aber keinesfalls Schutz vor der Deportation war. Einzig der Zeitpunkt der Deportation konnte so etwas hinausgeschoben werden.[15] In der Tat war die Verbesserung der Arbeitsleistung in den Betrieben auf die ausländischen Arbeiter zurückzuführen.[16] Dennoch muss hierbei erwähnt werden, dass die Betriebe freie Hand im Umgang mit den Arbeitskräften hatten. Auch gab es erhebliche Unterschiede zwischen der Arbeit in der Stadt und auf dem Land. Dies lag vermutlich daran, dass das „Straf- und Kontrollsystem“ auf dem Land weniger dicht war.[17] Aufgrund der strikten Trennung von ausländischen Arbeitern und Deutschen in allen Lebensbereichen, sah das NS-Regime ihre Prinzipien durchaus als ungefährdet an und der Einsatz ausländischer Arbeiter konnte bedenkenlos gerechtfertigt werden. An dieser Stelle kann nun in Bezug auf die unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen das rassenideologische Prinzip und somit die Kategorisierung in diesem System zusammengefasst werden. An der Spitze dieses Systems standen ganz klar die deutschen Arbeiter mit den besten Arbeitsbedingungen. Danach folgen die französischen Zivilarbeiter, die gerade bezüglich der Höhe der Löhne den Deutschen sehr nahe kamen. Zu dieser Gruppe gehörten auch diejenigen aus den anderen westlichen Ländern wie Belgien und den Niederlanden. Darunter fielen die Arbeiter aus Südeuropa, wie Ungarn, Rumänien, Griechenland und Kroatien sowie Serbien und Slowenien. Eine Stufe darunter wurden die Böhmen und Mähren, daneben die Polen und Balten eingeordnet. Unter ihnen die Arbeiter aus der Sowjetunion, wobei nochmals zwischen Ukrainern und Russen unterschieden wurde.

[...]


[1] Herbert, Ulrich, S. 1116.

[2] Ebd., S. 1116.

[3] Ebd., S. 1116.

[4] Herbert, Ulrich, S. 1117.

[5] Anhang, Quelle 1.

[6] Anhang, Quelle 2.

[7] Arnaud, Patrice, S. 183.

[8] Anhang, Quelle 3.

[9] Anhang, Quelle 4.

[10] Ebd., S. 1117-1118.

[11] Kaiser, Jochen-Christoph, S. 39.

[12] Ebd., S. 1119.

[13] Herbert, Ulrich, S. 1119/1120.

[14] Ebd., S. 1121.

[15] Ebd., S. 1122.

[16] Spoerer, Mark, S. 194.

[17] Ebd., S. 192.

Details

Seiten
15
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656921172
ISBN (Buch)
9783656921189
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294456
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,0
Schlagworte
zwangsarbeit dritten reich zwischen verwertbarkeit ns-ideologie

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