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Die Tiergestützte Therapie in der Heilpädagogik

Persönlichkeitstraining, Prozessbegleitung

Bachelorarbeit 2014 76 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historische und gesellschaftliche Aspekte der Mensch zur Tierbeziehung

3 Die Mensch-Tierbeziehung

4 Wissenschaftliche Erforschung Tiergestützter Arbeit

5 Tierschutzgesetz

6 Erklärungsmodelle Tiergestützter Therapie
6.1 Biophilie Hypothese
6.2 Anthropomorphisierung
6.3 Pathozentrismus
6.4 Du – Evidenz
6.5 Die Mensch Tier Beziehung bei Rudolf Steiner
6.6 Bindungstheoretischer Ansatz
6.7 Spiegelneuronen Hypothese
6.8 Kommunikationstheoretische Überlegungen

7 Formen Tiergestützter Interventionen
7.1 Begriffsdefinition Tiergestützte Aktivität
7.2 Begriffsdefinition Tiergestützte Förderung
7.3 Begriffsdefinition Tiergestützte Pädagogik
7.4 Begriffsdefinition Tiergestützte Therapie

8 Tiergestützte Therapie in der Heilpädagogik
8.1 Einleitende Überlegungen
8.2 Allgemeine Ziele der Tiergestützten Therapie in der Heilpädagogik
8.3 Allgemeine Wirkungsbereich der Tiergestützten Interventionen in der Heilpädagogik
8.3.1 Physische und Physiologische Wirkungen
8.3.2 Mentale und Psychologische Wirkungen
8.3.3 Soziale Wirkungen
8.4 Spezifische Einwirkungsbereiche der Tiergestützten Therapie in der Heilpädagogik

9 Methodische Ansätze der Tiergestützten Therapie in der Heilpädagogik

10 Konzepte im Kontext Tiergestützter Therapie in der Heilpädagogik

11 Eine Auswahl von Krankheitsbilder bei denen Tiergestützte Therapie in der Heilpädagogik eingesetzt wird

11.1 Autismus

12 Therapieplanung im Rahmen Tiergestützter Therapie in der Heilpädagogik nach dem Institut für Tiergestützte Therapie in der Heilpädagogik Roßdorf

13 Planung und Konzeption eines Projektes

14 Fazit

Abbildungsverzeichnis

Quellenverzeichnis

Literatur

Internetquellenverzeichnis

Anhang

Einverständniserklärung der Eltern

Hygieneplan

Vorwort

Die Themenwahl meiner Bachelor - Thesis ist in die tiergestützte Richtung gelenkt durch meine praktische Arbeit mit Tieren.

In meiner heilpädagogischen Alltagsbegleitung Erwachsener Menschen mit Assistenzanspruch in der vollstationären Unterbringung und meiner heilpädagogischen Begleitung von Kindern im Kindergarten oder in Pflegefamilien, sowie Kinderferienprogrammen und in der nach individuellen Ressourcen orientierten ganzheitlichen Begleitung verschiedenartiger Klienten mit dem Medium Pferd, konnte ich Erfahrungen in der Arbeit mit Tieren erlangen.

Meine Facharbeit als Heilpädagogin schrieb ich zu dem Thema: "Heilpädagogische bewegungsorientierte Begleitung mit dem Pferd bei an Depression erkrankten Menschen mit Assistenzbedarf“

Meine Bachelor - Thesis soll eine vertiefende Arbeit aus den theoretischen Grundlagen heraus werden. Ich will meine Praxiserfahrungen noch weiter stützen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Zusammenhänge erkennen ist ein Ziel für mich.

Willst du das eigene Wesen erkennen,

Sieh dich in der Welt nach allen Seiten um,

Willst du die Welt wahrhaft durchschauen,

Blick in die Tiefen der eigenen Seele.

(Rudolf Steiner)

Mein ganz persönlicher Dank gilt Herr Professor Buchka, dessen freundliche und unterstützende Worte mich ermutigt haben diese Arbeit in die Tat zu bringen.

Für die computertechnische Hilfe bedanke ich mich bei meiner Tochter Mira.

1 Einleitung

Eine Aufgabe der Zukunft ist die Sinnfindung im Schicksal. Daran kann der Mensch wachsen. Schicksal ist kein planloser Zufall, sondern eine Aufgabe an der Menschen arbeiten und wachsen können. Dazu bedarf es in verschiedenartigen Lebenssituationen Unterstützung.

Bekannt ist, dass das seelische System zur Heilung emotional bedingter Störungen imstande ist und der menschliche Organismus als leiblich seelisch geistige Einheit eine angeborene Fähigkeit hat, seine Gesundheit und sein Gleichgewicht selbst wieder herzustellen. Albert Camus sagt: “Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es einen unbesiegbaren Sommer in mir gibt.“ (Françoise Trageser Rebetez, 1995, S.236)

Für den Mensch ist es wichtig, Interesse zu entwickeln, sich mit sich selbst zu beschäftigen, sich an der Gestaltung seines Schicksals zu beteiligen, in der Weise, wie dieser zum Beispiel Rudolf Steiner beschreibt: „So wird das, was sonst gleichsam von unserer Seele nach außen strömt, zunächst auf die Arbeit an dieser Seele selbst verwendet. Dadurch aber wird über den Menschen eine Stimmung der Aktivität gebracht, eine Stimmung des inneren Tätigseins, nicht jene Stimmung des einfachen Hinnehmens der Welt, des Sich-Überlassens der Welt; und damit werden in der Seele aufgerufen die Kräfte, die man nennen könnte die neuen Tätigkeitskräfte der Seele.“ (R. Steiner, 1914, S.3) „.jeder, auch der junge Mensch, das Kind, hat in sich selbst sowohl die Fähigkeit, seine Probleme auf eine zufrieden stellende Weise zu lösen als auch die Tendenz, seinem Wachstumsimpuls zu folgen, der ihm ein reifes Verhalten befriedigender erscheinen lässt, als ein unreifes“ (Vernooije, 2007, S.348).

An diesen inneren Kraftquellen der unterschiedlichsten Persönlichkeiten bei unterschiedlichsten Diagnosen soll assistierend meine heilpädagogisch Tiergestützte Arbeit anzuknüpfen versuchen. Aus tiefem Interesse am anderen Menschen möchten die Menschen in ihrer Selbstverwirklichungstendenz, die einem jeden Organismus zu eigen ist, unterstützt werden (vgl. Carl R. Rogers). Eric Berne übernimmt in der Transaktionsanalyse die Idee des Lebensplans, den er Skript nennt. Wolfram Kurz, Theologe und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Logotherapie formuliert, dass jeder Mensch einen biophilen Lebensentwurf in sich trägt, von dem das Gelingen von Leben abhängt. Die Kunst ist es, sinnvoll zu leben, Entwicklung zu übernehmen im Leben trotz all der erfahrenen Verletzungen. Hartmann Römer, Albert - Ludwigs Universität Freiburg, sagt, dass sich die Psyche verändert wenn sie sich der Mensch bewusst macht. (Vgl. http://www.tele-akademie.de/begleit/video_ta111204.php, Stand 09.05.2013)

Zusammenfassung:

„Der Mensch scheint instinktiv den Kontakt zu einem Lebewesen zu suchen, welches allein durch sein Dasein auf ihn beruhigend, versöhnlich wirkt“ (Otterstedt, 2001, S.17).

Mit Tieren können wir lernen uns den wirklich wichtigen Dingen des Lebens wieder voll und ganz zuzuwenden.

Ich möchte aufzeigen wie wir lernen über Tiere Interesse zu entwickeln am eigenen Schicksal und wie eine Begleitung in der Selbstverwirklichungstendenz eines Menschen aussehen kann.

So möchte ich in meiner Arbeit zunächst auf die historischen und gesellschaftlichen Aspekte in der Mensch-Tier Beziehung eingehen, um mich dann der Mensch-Tierbeziehung mit ihrer Beziehungsqualität und dem Beziehungsverhalten zuzuwenden. Nachdem ich die wissenschaftliche Erforschung Tiergestützter Arbeit aufgezeigt habe, wende ich mich dem Tierschutzgesetz zu. Im weiteren Verlauf meiner Arbeit gehe ich auf die Erklärungsmodelle Tiergestützter Therapie ein: Biophilie Hypothese, Antropomorphisierung, Pathozentrismus, Du-Evidenz, Mensch Tier Beziehung bei Rudolf Steiner, Bindungstheoretischer Ansatz, Spiegelneuronen Hypothese, Kommunikationstheoretische Überlegungen. Nachdem ich die unterschiedlichsten Formen Tiergestützter Interventionen - Tiergestützte Aktivität, Tiergestützte Förderung, Tiergestützte Pädagogik, Tiergestützte Therapie - vorgestellt habe, wende ich mich ausführlich der Tiergestützten Therapie in der Heilpädagogik zu, um dann auf die allgemeinen Ziele der Tiergestützten Therapie, die Wirkungen Tiergestützter Interventionen und die spezifischen Einwirkungsbereiche der Tiergestützten Therapie in der Heilpädagogik einzugehen. Methodische Ansätze in der Tiergestützten Arbeit und Konzepte im Kontext Tiergestützter Therapien in der Heilpädagogik führen mich über eine Auswahl von Krankheitsbildern bei denen Tiergestützte Therapie eingesetzt wird zur Therapieplanung und meiner Vorstellung eines Menschen mit Assistenzanspruch und dem Fazit meiner Arbeit.

2 Historische und gesellschaftliche Aspekte der Mensch zur Tierbeziehung

Die Beziehung des Menschen zum Tier ist etwas Unvergleichliches. Schon 350 v. Chr. berichtete Xenophon in seinem Buch "Über die Reitkunst „ von der Ausbildung des Pferdes und Reiters, die heute noch Gültigkeit hat. Das Pferd wird als Partner gut behandelt, damit der Mensch sich in Krisensituationen auf es verlassen kann. Belohnung ist dabei eine wichtige Ausbildungshilfe.

Ab dem Mittelalter wird die medizinische Bewegungsbehandlung und ihre Wirkung auf Körper, Geist und Seele in der Encyclopèdie von D. Diderot (1751) beschrieben als "Das Reiten und seine Beziehung zur Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit".

Die Beziehung zwischen Mensch und Tier wird eingebettet in die jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Traditionen, z.B. die Kuhverehrung in Indien und die Schlangenverehrung in Ägypten. Tiere wurden als gleichwertige Mitgeschöpfe gesehen. Seit der „produktiven“ Land - und Viehwirtschaft steht das eigene Wohl des Menschen und nicht mehr der des Tieres im Vordergrund.

Tiere spielen heute im Leben des Menschen eine Rolle als Nahrungsquelle oder Nutz-,Wach- und Schutztier, Jagdgefährten und Spurensucher oder des Haus-, Kuschel - oder Streicheltier, Zirkus-, Wild-, Zoo-, Begleit-, Heim- oder Labortiere. Dieser utilitaristische Aspekt sichert dem Menschen die Befriedigung physischer und materieller Bedürfnisse. Tiere haben aber verschiedenste Bedeutungen für den Menschen. Sie lösen positive Gefühle bei Menschen aus, aber auch Gefühle wie Angst, Abwehr, Grauen oder Faszination und Sympathie. Dabei zählt nicht nur der materielle Gewinn, sondern auch die Beziehung des Menschen zum Tier und die gemeinsame Verbundenheit zur Natur, in der der Mensch Zufriedenheit und Entspannung durch Kontakt erfahren kann. Neben diesem naturalistischen Aspekt lässt der ökologisch wissenschaftliche Aspekt den Menschen seine Beobachtungsfähigkeit fördern, Zusammenhänge verstehen, Kontrollmöglichkeiten erkennen und Wissen erwerben. Die Harmonie und Schönheit der Natur, ihre Anziehungskraft und Bewunderung inspiriert die Menschen und weckt in ihnen ein Gefühl von Harmonie, Frieden und Sicherheit. In seinen neun Kategorien als biologische Grundlagen für die Verbundenheit des Menschen mit der Natur führt Kellert (1993) neben diesem ästhetischen Aspekt auch einen symbolischen, humanistischen, moralischen, Dominanz-Aspekt und einen negativistischen Aspekt an (vgl. Vernooij, 2008).

In den letzten Jahren beginnt der Einfluss von Tieren in sozialen, pädagogischen, psychologischen und medizinischen Arbeitsfeldern deutlich zu wachsen.

„Die Einsicht, dass Tiere den Menschen nicht nur Fleisch liefern, Lasten tragen und Gesellschaft leisten, sondern helfen und heilen können, führte zu einer weltweiten Bewegung, die inzwischen auch die Bundesrepublik Deutschland erreicht hat“ ( Greiffenhagen, 1991, S.15).

Tiergestützte Intervention meint Tiere als Medium zur Erzielung positiver, fördernder, heilsamer Effekte einzusetzen. Positive Wirkung auf Verhalten und Erleben möchte der Anbieter erzielen bei körperlichen und seelischen Erkrankungen. Durch ein fundiertes Konzept mit systematischen Schritten hin zu einem bestimmten Ziel, als Interventionsform bezogen auf Menschen und deren Entwicklung, Persönlichkeit und Lebenssituation. Dabei ist die Mensch-Tier-Beziehung eine eigenständige Form des interaktionalen Bezugs zwischen den Lebewesen.

3 Die Mensch-Tierbeziehung

Meist wird davon ausgegangen, dass der bloße Heimtierbesitz oder Kontakt zu Tieren alleine bereits positive Auswirkungen bei Menschen hat, unabhängig von der individuellen Beziehungsintensität oder der Bedeutung eines Tieres für den Menschen. Silke Wechsung führte eine Studie durch bezüglich der Mensch-Tier-Beziehung zwischen Mensch und Hund. Diese veröffentlichte sie in dem Buch„Mensch und Hund. Beziehungsqualität und Beziehungsverhalten“ (2008). „Die Ergebnisse zeigen, dass es Konstellationen gibt, in denen sowohl der Mensch als auch der Hund von ihrer Beziehung profitieren. Doch längst nicht jeder Hund tut jedem Menschen gut und umgekehrt. Nicht alle Hundehalter sind mit der Beziehung zu ihren Hunden zufrieden. Bei ca. einem Viertel der Tierbesitzer überwiegen die subjektiv empfundenen Nachteile die Vorteile der Hundehaltung. Ein ähnliches Verhältnis lässt sich auch auf Seiten der Tiere feststellen: Rund 22 Prozent der Hunde werden nicht artgerecht und entsprechend ihrer Bedürfnisse gehalten. Knapp ein Viertel aller Hundehalter, d.h. über eine Million der Hundebesitzer in Deutschland, hat sich mit der Spezies Hund und ihren arteigenen Bedürfnissen unzureichend auseinandergesetzt. Die Beziehungen von Menschen und Hunden gestalten sich vielfältig und sind sehr unterschiedlich. Ob Menschen und Hunde eine gute Beziehung aufbauen, wird nahezu ausschließlich durch den Hundehalter geprägt“ (Wechsung, 2008).

R. Bergler und Tanja Hoff hielten 2008 einen Vortrag: “Die Differentialdiagnose der Mensch-Tier-Beziehung“ auf dem 2. Kongress Mensch und Tier – Tiere in Prävention und Therapie der Humboldt-Universität Berlin. Dort machten sie darauf aufmerksam, dass „nur eine Differentialdiagnose der Beziehungsqualität und des Beziehungsverhaltens von Tierhaltern Aussicht darauf hat, dass gesicherte Vorhersagen für die positiven Wirkungen eines Tieres auf seinen Halter, aber auch auf die Tierhaltung selbst gemacht werden können. Also erst nach dem Vorliegen einer allgemeinen und auch zielgruppenspezifischen typologischen Differentialdiagnose der jeweiligen Mensch-Tier-Beziehung und einer entsprechenden theoretischen Begründung lassen sich darauf aufbauend auch überprüfbare Hypothesen entwickeln über menschliches Verhalten und Erleben im Umgang mit einem Tier und über die Akzeptanz eines Tieres in Verbindung mit seinem Einfluss auf den persönlichen Lebensstil, z. B. Tageslaufregulierung, die Entwicklung von Persönlichkeitseigenschaften wie z. B. sozialer Kompetenz, das Ausmaß der Gesundheitsförderung und Prävention durch Reduktion der Alltagsstressoren und psychosomatischen Dauerbelastungen (z. B. Alleinsein, kritische Lebensereignisse, Krisen, Langzeitarbeitslosigkeit, Körperbehinderung usw.), die Überwindung von Risikofaktoren menschlicher Entwicklung (z. B. Scheidungskrisen, soziale Vereinsamung, Erleben von Sinnlosigkeit des eigenen Daseins, fehlende Zuwendung auch im Krankheitsfall, Belastungen durch die Risikofaktoren des Alterns, Verlust sozialer Kontakte).“ (vgl. http://www.aow-bonn.de/www/wir/bergler/mensch-heimtier-beziehung.html: Stand 12.5.2013)

In der Tiergestützten Therapie steht nicht die Arbeit mit dem Tier im Vordergrund, sondern die zielgerichtete Intervention am und mit dem Klienten. Der Therapeut, die Therapeutin, sind das bestimmende Element tiergestützter Interventionen. Nicht der Einsatz von Tieren alleine bewirkt etwas bzw. führt das Ziel einer Intervention herbei, sondern die geplante, überprüfte und durch vielfältige Qualität sichernde Maßnahmen abgesicherte Intervention von Therapeuten zusammen mit Tieren führen zum Erfolg tiergestützter Interventionen.

4 Wissenschaftliche Erforschung Tiergestützter Arbeit

Als Begründer der Tiergestützten Therapie wird Boris Levinson angesehen. Er erkannte als Kinderpsychotherapeut die therapeutische Wirkung seines Hundes auf Kinder (vgl. Greifenhagen, 1991).

Seit 1970 bildeten sich zahlreiche Vereine und Gesellschaften (vgl. Vernooij, 2008):

1977 Oregon / USA „ The Delta Society“ - McCullochs

Institut für interdisziplinäre Erforschung der Mensch - Tier - Beziehung (IEMT) (Prof. Dr. Konrad Lorenz)

Association Francaise d`Information et de Recherche sur l`Animal de Compabnie (AFIRAC)

Society for Companion Animal Studies (SCAS)

Forschungskreis >Heimtiere in der Gesellschaft (Prof. Dr. Reinhold Bergler)

International Association of Human – Animal – Interaction – Organisation (IAHAIO)

Tiere helfen Menschen

seit 2004 ESAAT – Europen Society for Animals Assisted Therapy/ Wien

5 Tierschutzgesetz

In Deutschland wurde das erste Tierschutzgesetz im Jahr 1933 vom nationalsozialistischen Regime erlassen nachdem schon im Reichsstrafgesetzbuch 1871 § 360 Nr. 13 mit Strafe belegt werden, wer Tiere boshaft quält oder misshandelt (vgl. Lemcke, 2008).

Aus der Verantwortung des Menschen für das Tier entwickelten sich weitere ethische Gesichtspunkte, die im heutigen Tierschutzgesetz verankert sind, wie Tierschutz auch angesichts widersprüchliche Mensch-Tier-Beziehungen (vgl. Baumgartner 2007).

„§ 1 Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.

§ 2 „Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, 1.) muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen, 2.) darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden, 3.) muss über die für eine angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung des Tieres erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen“.

§ 2a Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (Bundesministerium) wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates, soweit es zum Schutz der Tiere erforderlich ist, die Anforderungen an die Haltung von Tieren nach § 2 näher zu bestimmen und dabei insbesondere Vorschriften zu erlassen über Anforderungen

1.) hinsichtlich der Bewegungsmöglichkeit oder der Gemeinschaftsbedürfnisse der Tiere,
2.) an Räume, Käfige, andere Behältnisse und sonstige Einrichtungen zur Unterbringung von Tieren sowie an die Beschaffenheit von Anbinde-, Fütterungs- und Tränkvorrichtungen,
3.) hinsichtlich der Lichtverhältnisse und des Raumklimas bei der Unterbringung der Tiere,
4.) an die Pflege einschließlich der Überwachung der Tiere; hierbei kann das Bundesministerium auch vorschreiben, dass Aufzeichnungen über die Ergebnisse der Überwachung zu machen, aufzubewahren und der zuständigen Behörde auf Verlangen vorzulegen sind,
5.) an Kenntnisse und Fähigkeiten von Personen, die Tiere halten, betreuen oder zu betreuen haben und an den Nachweis dieser Kenntnisse und Fähigkeiten.

In § 11 wird darauf aufmerksam gemacht, dass wer gewerbsmäßig Wirbeltiere halten will einer Erlaubnis der zuständigen Behörde bedarf. Die Erlaubnis darf nur erteilt werden, wenn die für die Tätigkeit verantwortliche Person die erforderlich Zuverlässigkeit hat und die genutzten Räume eine entsprechende Ernährung, Pflege und Unterbringung der Tier ermöglichen (vgl. http://www.gesetze-im-internet.de/tierschg/BJNR012770972.html, Stand 12.12.2013).

Selbstverständlich müssen Tiere in der Arbeit der Tiergestützten Therapie auch in der Seuchenkasse gemeldet, versichert sein und es sind Hygienevorschriften einzuhalten.

6 Erklärungsmodelle Tiergestützter Therapie

6.1 Biophilie Hypothese

Unter Biophilie (altgr. bios ‚Leben‘ und philia ‚Liebe‘, wörtlich „Liebe zum Leben“) versteht man die Handlungsgrundgesinnung des Menschen das Leben in all seinen Dimensionen zu erhalten und zu entfalten. "Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern; böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen." Albert Schweizer hat diesen Begriff als ethisches Prinzip „Ehrfurcht vor dem Leben“ in die Ethik eingeführt (Gross, 1974, S. 516).

Erich Fromm unterscheidet zwei grundlegende menschliche Charakterstrukturen: den biophilen und den nekrophilen Charakter. Der biophile Charakter möchte das Leben entfalten, der nekrophile Charakter engt mögliche Lebensentfaltungen ein und ist angezogen vom Zerstören. "Die meisten Menschen sind individuell ausgeprägte Mischungen von nekrophilen und biophilen Orientierungen, und es kommt darauf an, welche der beiden Tendenzen dominiert" (Fromm, 1979, S.47).

Edward O. Wilson, Verhaltensbiologe geht davon aus, dass der Mensch eine angeborene biologisch begründete Verbundenheit mit der Natur und eine Bezogenheit zu allen Lebewesen ausgebildet hat. Biophilie als Regelwerk welches das Verhalten, die Gefühle, die Ästhetik, die geistige Fähigkeit und die spirituelle Entwicklung des Menschen betrifft (vgl. A. Vernooij / Schneider, 2008).

Kellert (1997) hat Biophilie in der menschlichen Evolution und im Lebenslauf analysiert. Er meint mit Biophilie eine physische, emotionale und kognitive Hinwendung zu Leben und zur Natur (vgl. Olbrich, 2012). Als Mitbewohner des gleichen Lebensraumes signalisiert das Tier mit seinen differenzierten Sinnesausstattungen dem Menschen Sicherheit und Gefahr, Entspannung und Anspannung (vgl. Frömming).

Biophilie bezeichnet somit die archaischen Wurzeln der Mensch-Tier-Beziehung.

Nikolaas Tinbergen, Konrad Lorenz und Karl von Frisch studierten in der Beobachtung von Tieren wie diese sich durch Körpersprache ausdrücken und kommunizieren.

In seinem Buch „Sprache ohne Worte“ beschreibt Peter A. Levine wie der Körper des Menschen noch in unserer Zeit spontane körperliche Reaktionen als angeborene Fähigkeit zur Selbstregulation nutzt. Er beschreibt daher die phylogenetischen Wurzeln des Menschen: „Er (Freud) erkennt die Notwendigkeit an, das Wissen um unsere animalischen Wurzeln in den therapeutischen Prozess einzubeziehen“ (Levine, 2011, S.315).

„Hierarchien in Gehirn, Geist und Verhalten“ nennt Gerald Wiest sein 2009 erschienenes Buch über die Idee einer hierarchischen Organisation des menschlichen Geistes.

Somit ist Biophilie physische, emotionale und kognitive Hinwendung zum Leben und zur Natur mit folgende Kategorien: utilitaristischer, naturalistischer, ökolgisch-wissenschaftlicher, ästhetischer, symbolischer, humanistischer, moralistischer, negativistischer und Dominanz Aspekt.

6.2 Anthropomorphisierung

Es handelt sich um die Neigung des Menschen, das Tier wie einen Menschen zu behandeln, ohne den Blick ob das auch gut für das Tier sei. Der Mensch fühlt sich dem Tier ähnlich verbunden wie einem menschlichen Partner. So gibt er ihm einen Namen, schreibt ihm menschliche Gefühle und Eigenschaften zu, fühlt mit ihm, betrauert seinen Tod oder pflegt die Erinnerung an ein verstorbenes Tier. Der Mensch versteht sich selbst als den Mittelpunkt der weltlichen Realität und macht den menschlichen Nutzen zum alleinigen Maßstab der Bewertung des Tieres und seiner Schutzwürdigkeit. Eigene Merkmale, Einstellungen und Gefühle überträgt er auf das Tier und stellt so eine Verbundenheit, Partnerschaft und Seelenverwandtschaft her. Erwachsene können diese Tendenzen reflektieren und gegebenenfalls zum Wohle des Tieres ändern. Kinder bis zur Pubertät glauben an die Beseeltheit der Natur. Übertragungsphänomene finden sich auch bei Tieren, sodass eine wechselseitige Übertragung stattfindet. Dem gegenüber stehen pathozentrische Konzepte, die den Schutz des Tieres vor allem anhand dessen Leidensfähigkeit begründen. Diese Perspektive findet in der heutigen Tierschutzgesetzgebung seinen Niederschlag, wo der Schutz empfindungsfähiger (Wirbel-)Tiere grundsätzlich normativ verankert ist (vgl. Grimm, Agro- und Tierethiker auf einer Tagung bei Bündnis Mensch & Tier am 9.11.2010; (vgl. http://www.buendnis-mensch-und-tier.de/pages/forschung/Das-Tier-an-sich_Neue-wissenschaftliche-Perspektiven-der-Mensch-Tier-Beziehung.htm, Stand 27.05.2013).

6.3 Pathozentrismus

Pathozentrismus betont vor allem die biologische Ähnlichkeit zwischen Mensch und Tier: Beide sind leidensfähig, und diese Leidensfähigkeit ist moralisch relevant. Diese von den Philosophen Bentham und Singer vertretene Position stellt im heutigen Europa mittlerweile common sense.

In seinem Vortrag „Theologische und anthropologische Fundamente der Mensch-Tier-Beziehung“ nahm Michael Rosenberger, Moraltheologe Katholische Privatuniversität Linz, nach einem Blick auf das neuzeitliche Konzept Descartes, welcher Tiere einzig als vernunftlose Maschinen beschrieb, denen keinerlei Schutzwürdigkeit zukommt, auf biblische Quellen Bezug und interpretierte sie auf die Mensch-Tier-Beziehung hin. Beispielsweise verwies er auf Aussagen aus dem Buch Genesis, die nicht die Unterschiedlichkeit, sondern die Gleichheit von Mensch und Tier betonen. Beide sitzen in „ dem selben Boot“ und bilden einen Teil der Rechtsgemeinschaft des Bundes, den Gott den Menschen und Tieren anbietet. Dieses Verhältnis, das von einer deutlichen Wertschätzung der Tiere geprägt ist, spiegelt sich auch in den Gesetzestexten der Bücher Mose wider.

Dennoch stehen Mensch und Tier nicht völlig auf einer Stufe. Der Mensch trägt Verantwortung für das Tier, es ist also keine Beziehung der Ebenbürtigkeit, da der Mensch als derjenige fungiert, durch den Heil vermittelt wird und der als Garant der göttlichen Schöpfungsordnung für Gerechtigkeit Sorge trägt. Insofern ist die Rolle des Menschen in der Beziehung zum Tier von Verantwortung den Mitgeschöpfen gegenüber geprägt, die aus biblischer Sicht nicht als ein Freibrief, sondern als Aufgabe verstanden werden muss.

Kann man nun aber davon sprechen, dass dem Tier eine „Würde“ zukommt? Rosenberger erinnerte daran, dass in der Bibel wörtlich übersetzt von der „Fleischwerdung“ (nicht Menschwerdung) Christi die Rede ist. Christus wurde ein Geschöpf der Erde. Insofern sind auch die Tiere in die Gemeinschaft der Würdenträger eingeschlossen. Der normative Gehalt von Würde besteht nach Rosenberger darin, dass ein Geschöpf nicht ausschließlich unter ökonomischen Gesichtspunkten beurteilt werden darf, sondern ein Adressat von Gerechtigkeit ist. Es besitzt eine Unersetzbarkeit, die sich nicht in quantitativen Begriffen fassen lässt. Die moralischen Grundhaltungen, die diesem Anspruch entsprechen, sind Ehrfurcht und Empathie für das Tier, welche sich in der Übernahme von Verantwortung manifestieren. Im Hinblick auf das Tier bedeutet Gerechtigkeit für Rosenberger, dass die Bedürfnisse der Tiere ernst genommen werden und sie an dem Wohlstand, den unsere Gesellschaft erreicht hat, teilhaben. Insofern meint Tierschutz auch eine faire Güterabwägung (vgl. http://www.buendnis-mensch-und-tier.de/pages/forschung/Das-Tier-an-sich_Neue-wissenschaftliche-Perspektiven-der-Mensch-Tier-Beziehung.htm, stand: 14.03.2013).

Domestikation, die Umwandlung von Wildpflanze und Wildtieren in der Menschheitsgeschichte ermöglichte es den Menschen sesshaft zu werden und ist auch heute noch notwendig. (vgl. http://www.uni-jena.de/Veranstaltungskalender/2o11/April/Domestikation-p-244633.html, stand: 8.1.2013)

Der Biologe Kurt Kotrschal vom Department für Verhaltensbiologie der Universität Wien sieht seine Vermutung bestätigt, dass das darwinsche Kontinuum nicht nur für körperliche, sondern auch für kognitive Funktionen gilt. Bei Versuchen mit Schimpansen und Rabenvögel wurde nachgewiesen, dass diese eine Art „Theory of Mind“ besitzen. Viele Tiere besitzen basale moralische Fähigkeiten wie Beziehungswissen, Empathie und haben einen Sinn für „Gerechtigkeit“, so der Verhaltensforscher. Funktionalen Eigenschaften von Beziehungen die sich sowohl beim Menschen als auch beim Tier finden lassen laufen nie völlig harmonisch ab und dienen vor allem der gegenseitigen Befriedigung sozialer Bedürfnisse. Bei der Analyse von Mensch-Tier-Beziehungen ergab sich die Einsicht, dass diese wesentlich von der Beziehung des Menschen zu anderen Menschen geprägt ist.

„Integrität“ wird dabei als ein zusätzliches Kriterium für Gesundheit und Wohlergehen verstanden. Es beinhaltet sowohl den statischen Aspekt der Unversehrtheit des körperlichen Ganzen wie auch das dynamische, interaktive Gleichgewicht zwischen Organismus und Umwelt. Des Weiteren spielen die Integrationsfähigkeit als aktiv-gerichtete Komponente und das Verständnis des Tieres als handelndes Subjekt eine entscheidende Rolle. Diese ganzheitliche Perspektive eröffnet nach Kirsten Schmidt, Ethikerin der Ruhr-Universität, Bochum, eine neue Möglichkeit, die Beziehung von Mensch und Tier adäquat zu gestalten (http://www.ruhr-uni-bochum.de/philosophy/angewandte_ethik/team/assoziierte/schmidt/index.html.de, 6.5.2013).

1992 wurde die „Würde der Kreatur“ in die Bundesverfassung der Schweiz § 8 aufgenommen und ist mittlerweile auch im Tierschutzrecht verankert (vgl. http://www.admin.ch/ch/d/sr/814_91/a8.html, stand: 7.5.2013).

6.4 Du – Evidenz

Unter „Du-Evidenz“ versteht man die Tatsache, dass Menschen und höhere Tiere miteinander Beziehungen knüpfen können, die den Beziehungen zwischen Menschen bzw. Tieren untereinander ähnlich sind. „Die Du-Evidenz ist die unumgängliche Voraussetzung dafür, dass Tiere therapeutisch und pädagogisch helfen können“ (Greiffenhagen, 1991, S. 28).

Wenn ein Mensch eine Du-Evidenz gegenüber einem Tier hegt, wird das unter anderem dadurch deutlich, dass der Mensch im Tier einen Kameraden sieht, der nahezu menschliche Qualitäten besitzt. Das Tier wird zu etwas Besonderem, so dass der Mensch dem Tier sogar einen Namen gibt. Das Tier wird zu einem Individuum und Familienmitglied und ragt somit aus der Vielzahl anderer artgleicher Tiere heraus.

Martin Buber erkennt in seinem Werk „Das dialogische Prinzip“, dass jeder Mensch sich in eine Beziehung zur Natur begeben kann, die von Sprache befreit ist. Er beschreibt, wie er mit einer Katze Blickkontakt aufnahm und letztlich eine Reaktion in ihren Augen abzulesen vermochte. Er kommentierte diesen Blick der Katze mit den Worten: „Meinst Du mich wirklich?“ Dieser kurze Moment stellt für Buber den Wechsel von der Es-Welt in die Du-Welt dar, in der die Sache zum individuellen Gegenüber wird. Entscheidend ist dabei das subjektive Erleben, dass es sich bei der Beziehung um eine Art Partnerschaft handelt. Dies ist die erforderliche Voraussetzung dafür, dass Tiere therapeutisch und pädagogisch helfen können. Das Tier wird als Genosse gesehen, bekommt personale Qualitäten zugeschrieben, eine Namensgebung findet statt, es besitzt Individualität und hat Bedürfnisse und Rechte. ( vgl. Greifenhagen, 1991, S. 28)

6.5 Die Mensch Tier Beziehung bei Rudolf Steiner

„Die drei andern Leiber hat der Mensch mit den drei Reichen der Natur, dem Mineralreich, Pflanzen- und Tierreich gemeinsam. Durch den Ich-Träger aber unterscheidet er sich von diesen, dadurch ist er die Krone der Schöpfung.“ (Rudolf Steiner, GA 109, S.179)

„Das Tier schließt mit einer in sich vollendeten Gestalt ab und entwickelt innerhalb derselben das wechselvolle Empfindungs- und Triebleben. Und dieses Leben hat sein Dasein in der seelischen Welt. So wie nun die Pflanze das ist, was wächst und sich fortpflanzt, so ist das Tier dasjenige, was empfindet und seine Triebe entwickelt. Diese sind für das Tier das Formlose, das sich in immer neuen Formen entwickelt. Sie haben letzten Endes ihre urbildlichen Vorgänge in den höchsten Regionen des Geisterlandes. Aber sie betätigen sich in der seelischen Welt. So kommen in der Tierwelt zu den Kraftwesenheiten, die als sinnlich-unsichtbare das Wachstum und die Fortpflanzung lenken, andere hinzu, die noch eine Stufe tiefer gestiegen sind in die seelische Welt. Im tierischen Reich sind als die Werkmeister, welche die Empfindungen und Triebe bewirken, formlose Wesenheiten vorhanden, die sich in seelische Hüllen kleiden. Sie sind die eigentlichen Baumeister der tierischen Formen. Man kann das Gebiet, dem sie angehören, in der Geisteswissenschaft als das dritte Elementarreich bezeichnen. – Der Mensch ist außer mit den bei Pflanzen und Tieren genannten Fähigkeiten noch mit derjenigen ausgestattet, die Empfindungen zu Vorstellungen und Gedanken zu verarbeiten und seine Triebe denkend zu regeln. Der Gedanke, der in der Pflanze als Gestalt, im Tiere als seelische Kraft erscheint, tritt bei ihm als Gedanke selbst, in seiner eigenen Form, auf. Das Tier ist Seele; der Mensch ist Geist. Die Geistwesenheit ist noch um eine Stufe tiefer herabgestiegen. Beim Tiere ist sie seelenbildend. Beim Menschen ist sie in die sinnliche Stoffwelt selbst eingezogen. Der Geist ist innerhalb des menschlichen Sinnenleibes anwesend. Und weil er im sinnlichen Kleide erscheint, kann er nur als jener schattenhafte Abglanz erscheinen, welchen der Gedanke vom Geistwesen darstellt. Durch die Bedingungen des physischen Gehirnorganismus erscheint im Menschen der Geist. – Aber der Geist ist dafür auch des Menschen innerliche Wesenheit geworden. Der Gedanke ist die Form, welche die formlose Geistwesenheit im Menschen annimmt, wie sie in der Pflanze Gestalt, im Tiere Seele annimmt. Dadurch hat der Mensch kein ihn aufbauendes Elementarreich außer sich, insofern er denkendes Wesen ist. Sein Elementarreich arbeitet in seinem sinnlichen Leibe. Nur insofern der Mensch Gestalt und Empfindungswesen ist, arbeiten an ihm die Elementarwesen derselben Art, die an den Pflanzen und Tieren arbeiten. Der Gedankenorganismus aber wird im Menschen ganz vom Inneren seines physischen Leibes herausgearbeitet. Im Geistorganismus des Menschen, in seinem zum vollkommenen Gehirn ausgebildeten Nervensystem, hat man sinnlich-sichtbar vor sich, was an den Pflanzen und Tieren als unsinnliche Kraftwesenheit arbeitet. Dies macht, dass das Tier Selbstgefühl, der Mensch aber Selbstbewusstsein zeigt. Im Tiere fühlt sich der Geist als Seele; er erfasst sich noch nicht als Geist. Im Menschen erkennt der Geist sich als Geist, wenn auch – durch die physischen Bedingungen – als schattenhaften Abglanz des Geistes, als Gedanke. – In diesem Sinne gliedert sich die dreifache Welt in der folgenden Art:

1. Das Reich der urbildlichen formlosen Wesen (erstes Elementarreich);
2. das Reich der gestaltenschaffenden Wesen (zweites Elementarreich);
3. das Reich der seelischen Wesen (drittes Elementarreich);
4. das Reich der geschaffenen Gestalten (Kristallgestalten);
5. das Reich, das in Gestalten sinnlich wahrnehmbar wird, an dem aber die gestaltenschaffenden Wesen wirken (Pflanzenreich);
6. das Reich, das in Gestalten sinnlich wahrnehmbar wird, an dem aber außerdem noch die gestaltenschaffenden und die sich seelisch auslebenden Wesenheiten wirken (Tierreich); und
7. das Reich, in dem die Gestalten sinnlich wahrnehmbar sind, an dem aber noch die gestaltenschaffenden und seelisch sich auslebenden Wesenheiten wirken und in dem sich der Geist selbst in Form des Gedankens innerhalb der Sinnenwelt gestaltet (Menschenreich).“ ( Steiner, 1904, GA 9)

„Die Tierseele ist eine Gattungsseele. Und was sich im Tierreich wiederverkörpert, ist die Gattung“ (Steiner, 1904, S.365).

6.6 Bindungstheoretischer Ansatz

Das emotionale und soziale Verhalten des Menschen und die Qualität seiner Sozialbeziehungen gehen auf Bindungsmuster aus der frühen Kindheit zurück (vgl. Bowlby, 1968). Die Grundbehauptung der Bindungstheorie, mit Wurzeln in der Psychoanlyse, ist der frühe Einfluss von Müttern auf die psychische Entwicklung ihrer Kinder ab der vorgeburtlichen Entwicklung. Die Möglichkeit zum Ausdruck seiner Bindungsbedürfnisse nach Nähe ist dem Säugling evolutionsbiologisch in die Wiege gelegt. Das zentrale Konzept Feinfühligkeit gegenüber den Signalen des Kindes zeichnet sich aus durch die Wahrnehmung der kindlichen Signale, ihre richtige Interpretation und ihre prompte und angemessene Beantwortung. Der freie Zugang zur Mutter als liebevolle sichere Basis ist die Ausgangsbasis zur Entwicklung von Bindungsqualitäten. Die Qualität des mütterlichen Reagierens beeinflusst die Entwicklung unterschiedlicher Bindungsqualitäten. Somit reflektiert Bindungsqualität verschieden Organisationsarten von Verhalten: Sichere, unsicher ambivalente, desorientierte, vermeidend unsichere Bindung. Veranlagungen und Erfahrungen können zusätzlich zu Desorganisation und Desorientierung in der Bindungsorganisation führen. Die zielkorrigierte Partnerschaft kann mit Hilfe sprachlicher Diskurse durch Hineinversetzen in die Lage des Klienten eine neue Deutung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schaffen. Die Kohärenz sicherer Bindungsrepräsentationen reflektiert den verbal oder bewusst frei zugänglichen Umgang mit eigenen Gefühlen, Erinnerungen, Motiven Absichten und dem auch diskursiv erfahrenen Wissen über andere und sollten miteinander in Einklang sein. (vgl. Grossmann, 2011, S. 359)

Tiere sind für den Menschen Bindungsobjekte, da sie Quelle für Trost und Sicherheit sein können, ihre körperliche Nähe positive Emotionen auslöst, der Mensch sie bei emotionalem Stress aufsuchen kann und bei einer Trennung negative Emotionen verspürt werden können.

Neue wissenschaftliche Perspektiven der Mensch-Tier-Beziehung wurden bei einer Tagung des Vereins Bündnis Mensch & Tier: „Das Tier an sich?“ als zentraler Ansatzpunkt für zukünftigen Tierschutz formuliert: „Wer über das Tier an sich nachdenkt, kommt nicht umhin, auch über den Menschen nachzudenken. Dabei ist das Tier das Maß für einen adäquaten menschlichen Umgang mit ihm: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse aus Natur- und Geisteswissenschaften helfen dabei, genauer zu bestimmen, welche tierlichen Bedürfnisse in einer angemessenen Mensch-Tier-Beziehung eine Rolle spielen und was es heißt, ein Tier in seiner Eigenart zu respektieren“ (vgl. http://www.buendnis-mensch-und-tier.de/pages/forschung/Das-Tier-an-sich_Neue-wissenschaftliche-Perspektiven-der-Mensch-Tier-Beziehung.htm#Fazit, Stand: 09.02.2013).

Sozial lebende Säugetiere sind auf das Eingehen von Beziehungen ausgerichtet, denn sie zeigen Bindungs- und Pflegeverhalten und gehen Paarbeziehungen ein.

6.7 Spiegelneuronen Hypothese

Für ein positives soziales Zusammenleben bilden Empathie und emotionale Resonanz mit anderen Menschen die Grundlage. Spiegelung von Emotionen ist ein unwillkürlich ablaufender Vorgang, der nicht der kognitiven Steuerung unterliegt, sondern auf einem biologisch hirnphysiologischen Spiegelsystem basiert. Neurone haben die erstaunliche Eigenschaft, immer gleich zu reagieren, egal ob eine Handlung selber ausgeführt wird oder ob diese Handlung bei anderen beobachtet wird. Angeborene Spiegelsysteme können sich beim Säugling nur entfalten, wenn adäquate soziale Interaktionen stimulierend wirken. Spiegelzellen sind Nervenzellen, die die gleichen Potenziale auslösen. Sie spielen eine Schlüsselrolle, wenn wir uns in andere Menschen einfühlen, wenn wir ihre Gefühle und Absichten erspüren, wenn wir Mitleid empfinden (vgl. Rizzolatti). Setzt man dieses Konzept der Übertragbarkeit zwischen Mensch und Tier voraus, lassen sich positive Effekte, wie z.B. Stimmungsverbesserung durch das Tier, erklären.

6.8 Kommunikationstheoretische Überlegungen

Die Kommunikationstheorie nach Watzlawick (1969, 63f.) besagt, dass jede Kommunikation einen Inhalts - und einen Beziehungsaspekt hat. Beziehung oder Begegnung beginnt immer mit Wahrnehmung mit all unseren Sinnen. Das bewusste Beobachten nonverbaler Zeichen ist der Dialog zwischen Mensch und Tier. Jede Tierart hat ihre eigene Ausdrucksweise. Wenn wir das Tier mit seinem Namen ansprechen, wird es zu unserem Kommunikationspartner, zum Du. Bei einem Dialog mit Tieren müssen immer eindeutige und verständliche Zeichen gegeben werden. Meist ist es eine Kombination aus nonverbaler und verbaler Zuwendung. Verbale Kommunikation vermittelt Information auf der Inhalts- und Sachebene. Die analoge, nonverbale Kommunikation ist die Kommunikationsebene zwischen Mensch und Tier und spricht eine subjektiv emotionale Ebene an. Analoge Kommunikation beinhaltet Körperbewegung, Gesten, Mimik, Körperhaltung, die Phonemik, Stimmqualität, Sprechpausen, Schweigen, nichtsprachliche Laute, Raumposition, Individualdistanz, Revierverhalten, Olfaktorik, Haptik und personengebundene Sachprodukte, ein Prozess von Ursache und Wirkung. Für einen sensiblen Dialog mit dem Tier ist das Akzeptieren seiner Grenzen Basis. Der Lebensraum des Tieres ist wahrzunehmen und zu respektieren. Dies löst im Menschen in der Regel Empathie aus. Ein gelungener Mensch-Tier-Dialog lässt uns das Tier als lebendiges Wesen mit all unseren Sinnen wahrnehmen. Wahrnehmung von Mimik, Gestik, Körperhaltung, Bewegung, Luft und Lichtsignale, Farbe und Form erfahren wir über die optische Kommunikation. Laute, Sprachelemente, Herzschlag, Atemgeräusch erfahren wir über die akustische Kommunikation. Die olfaktorische Kommunikation lässt uns Duftmarken wahrnehme, den Eigengeruch des Haustieres erkennen. Die haptische Kommunikation begegnet uns in der Körperpflege der Tiere und bildet unser Vertrauensverhältnis zum Tier. Die thermische Kommunikation setzen wir z.B. bei der Kontrolle der Gesundheit ein, die chemische Kommunikation kommt dem Menschen z.B. unterstützt die Signalhunde bei Menschen mit Epilepsie. In der feien Begegnung ist der Dialog zwischen Mensch und Tier wirkungsvoll möglich (vgl. Carola Otterstedt, 2007).

7 Formen Tiergestützter Interventionen

Bei der Tiergestützten Intervention als Zusatzangebot handelt es sich bisher noch nicht um eine eigenständige unabhängige Arbeitsmethode. Man unterscheidet dabei:

TGA: Tiergestützte Aktivität

TGF: Tiergestützte Förderung

TGP: Tiergestützte Pädagogik

TGT: Tiergestützte Therapie (vgl. Vernooij, 2008)

Im anglo–amerikanischen Raum werden die offiziell anerkannten Begrifflichkeiten Animal-Assisted-Activities (AAA) und Animal-Assisted-Therapy (AAT) verwendet. Gravierende Unterschiede ergeben sich aus der Zielsetzung, der Professionalität der Durchführenden und der Dokumentation und Evaluation des Prozesses (vgl. Vernooij, 2008, S.33).

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Details

Seiten
76
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656919995
ISBN (Buch)
9783656920007
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294404
Institution / Hochschule
Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter
Note
1,9
Schlagworte
tiergestützte therapie heilpädagogik persönlichkeitstraining prozessbegleitung
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Titel: Die Tiergestützte Therapie in der Heilpädagogik