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Caesar und Cato in Lucans "Pharsalia"

Victrix causa deis placuit, sed victa Catoni

Hausarbeit 2014 16 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Cato im Corpus Caesarianum

Einschub 1: Textkritische Diskussion

3. Caesar bei Lukan

4. Cato bei Lukan

Einschub 2: Textkritische Diskussion

5. Die Protagonisten der Pharsalia und die Einordnung des Epos

6. Gesichtspunkte zur Deutung des Gesamtwerks

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit analysiert mit Cato und Caesar zwei der drei Protagonisten der Pharsalia Lucans und will den kontrastiven Nutzen dieses in vieler Hinsicht außergewöhnlichen anticaesarischen Dokuments für die Deutung und Bewertung der Prosaschriften des Corpus Caesarianum abschätzen. Da diese Schriften teils aus Caesars eigener, teils aus der Feder seiner Parteigänger stammen, darf die in denselben abundierende im- und explizite affirmative Caesardarstellung, die man in erster Linie als Zeugnis zeitgenössischer politischer Propaganda zu verstehen hat, als unbestrittene Hintergrundvariable betrachtet werden. Nicht zuletzt aus Platzgründen kann die vorliegende Arbeit daher eine Darstellung dieser Charakterisierung entbehren.

Cato bildet, was gleich vorab bemerkt sei, eine ausgesprochene Randgestalt innerhalb des Corpus Caesarianum: lediglich das Bellum Africum widmet ihm einige wenige Abschnitte, Caesar selbst befaßt sich in seinen commentarii über die bloße, mit abwertenden Bemerkungen verbundene Erwähnung seines Namens hinaus gar nicht mit seinem erbittertsten, wiewohl keineswegs mächtigsten Feind. Insofern kann das Bellum Africum zumindest Anhaltspunkte dafür bieten, wie Cato von der gegnerischen Partei wahrgenommen wurde. Die geschlagenen Anhänger des Pompeius und mit ihnen alle, die sich den ebenfalls geschlagenen Idealen der alten Verfassung weiterhin verbunden fühlten, feierten Cato jedenfalls alsbald als exemplum für wahres Römertum und unbedingten Freiheitswillen. Interessanterweise hielt sich dieses politisch potentiell heikle exemplum bis weit in die Kaiserzeit hinein.[1]

2. Cato im Corpus Caesarianum

Die Rezeptionsgeschichte der historischen Gestalt des Cato Uticensis, des Märtyrers der libera res publica, ist ein unüberschaubar weites Feld.[2] Zur Literarisierung Catos hat Lukans Pharsalia wesentlich beigetragen, während der prinzipienfeste Traditionalist im Corpus Caesarianum, das den historischen Ereignissen des Bürgerkrieges von allen relevanten Quellen chronologisch am nächsten steht, eine völlig bedeutungslose Randfigur bildet. Bei Caesar selbst findet Cato überhaupt nur im ersten Buch des Bellum Civile Erwähnung. In I, 4 heißt es beinahe programmatisch: „ Catonem veteres inimicitiae Caesaris incitant et dolor repulsae. “ Der kurze Hinweis auf den erbitterten Widerstand Catos gegen die Verabschiedung eines Caesars Interessen förderlichen Gesetzes durch die Volkstribunen in I, 32 dient offenbar dazu, die Verbohrtheit und acerbitas des unversöhnlichen Feindes aus überlegener Distanz zu glossieren. Daß Caesar seinem Intimfeind zu einem Zeitpunkt, da er bereits zum Märtyrer und insofern zum Gegenstand verstärkter öffentlicher Beachtung geworden war, gerade jenes minimale Maß an Aufmerksamkeit zuteil werden läßt, das ihm den Vorwurf erspart, Cato im Sinne einer damnatio memoriae absichtsvoll zu beschweigen, wird man kaum als Zufall einstufen dürfen. Die dünnen und leicht despektierlich wirkenden Äußerungen zu Cato müssen ganz offenbar als Bestandteil der im Zuge der Publikation der commentarii (sowie einiger weiterer Schriften[3] ) sich entfaltenden brillanten Propaganda-Strategie Caesars verstanden werden.

Ergiebiger ist das Bellum Africum. Der commentarius eines unbekannten Caesar-Anhängers bezeugt die Achtung, die Cato auch auf Seiten der gegnerischen Bürgerkriegspartei genoß. Das Kapitel 22 des Bellum Africum zeigt Cato in der Rolle eines mahnenden Praeceptors gegenüber dem jungen Sextus Pompeius. Mit einer regelrechten Aristie wird Cato dann im Kapitel 88 bedacht. Nach einem nüchternen Bericht über den blutigen Freitod Catos (vgl. den Einschub unten) merkt der Autor an:

quem Uticenses quamquam oderant partium gratia, tamen propter eius singularem integritatem et quod dissimillimus reliquorum ducum fuerat quodque Uticam mirificis operibus munierat turribusque auxerat, sepultura adficiunt.

Ebenfalls in Kapitel 88 wird berichtet, daß Cato vor seinem Tod mit Sorgfalt und Umsicht nicht nur die Angelegenheiten seiner Kinder geordnet, sondern auch dafür gesorgt hatte, daß jene Angehörigen der Senatspartei, die nach Caesars Sieg bei Thapsus den Mut verloren hatten, unversehrt aus der afrikanischen Katastrophe entkommen konnten.[4]

Einschub 1: Textkritische Diskussion

Cato gelang es nach dem Zeugnis der Überlieferung nicht sogleich, sich zu entleiben. Dem Bellum Africum zufolge trug er heimlich, d.h. in der Absicht, der nächsten Umgebung seine Entscheidung zur Selbsttötung zu verhehlen, ein Schwert in sein Schlafzimmer und stieß es sich in den Leib („ ferrum intro clam in cubiculum tulit atque ita se traiecit “, Bellum Africum 88). Infolgedessen fiel er aber offenbar zu Boden und verursachte dadurch Lärm, der ihm Aufmerksamkeit und unerwünschten medizinischen Beistand bescherte: „ medicus familiaresque continere atque volnus obligare coepissent “, berichtet der Text. Cato selbst, noch bei Bewußtsein, riß sich allerdings die frisch verbundene Wunde mit großer Gewalt („ crudelissime “) wieder auf, um zu verbluten. Hier findet sich nun ein Detail, das textkritische Beachtung verdient. Alle Handschriften haben für dieses Aufreißen devellit, was entweder ein gemeinsamer Fehler der Überlieferung oder dem geringen literarischen Rang des Autors anzulasten ist, da devello eher das Ausrupfen von Federn und pikanterweise auch die Intimrasur bezeichnet. Schon früh haben daher diverse Herausgeber[5] die Konjektur divellit (‚riß auseinander‘) angebracht; das Verb ist in Bezug auf Wunden auch bei Vergil und Gellius bezeugt. Dieser Konjektur wird man sich anschließen, um das Aufkommen eines bizarren oder gar obszönen Beiklangs in einem so ernsten Kontext zu vermeiden.

3. Caesar bei Lukan

Lukans Pharsalia [6] ist das mit Abstand schärfste Zeugnis einer Ablehnung und Verdammung der Person Caesars und zugleich der politischen Ordnung des Prinzipats, das aus der Antike überliefert ist.[7] Schon an und für sich stellt die Tatsache, daß ein solches Werk (teilweise) unter Nero erscheinen und bis über das Ende der Antike hinaus tradiert werden konnte, ein bemerkenswertes Phänomen dar. Der vieldiskutierten Frage nach der Beziehung Lukans zu Nero sowie den damit verbundenen Problemen der Deutung des Gesamtwerks und insbesondere des prima facie geradezu speichelleckerisch wirkenden Nero-Elogiums[8] im ersten Buch der Pharsalia kann hier aus Platzgründen leider nicht nachgegangen werden.

Das Urteil des Erzählers, den man mit der Person Lukans wohl weitestgehend wird identifizieren können[9], über Gaius Iulius Caesar könnte kaum schärfer ausfallen. Caesar figuriert als Blitz, der den Weltbrand[10] auslöst (vgl. I, 143-157), als dessen erstes Opfer jedoch die altehrwürdige, obschon innerlich längst morsche Eiche fällt, die in einem äußerst wirkungsvollen Bild die Stelle des Pompeius vertritt (vgl. I, 135-143).

Caesar agiert als blutrünstiger Schlächter und mutwillig-brutaler Zerstörer der alten Ordnung:

Caesar, in arma furens, nulla, nisi sanguine fuso, / Gaudet habere vias, quod non terat hoste vacantes / Hesperiae fines, vacuosque irrumpat in agros, / Atque ipsum non perdat iter, consertaque bellis / Bella gerat. Non tam portas intrare patentes , / Quam fregisse, iuvat: nec tam patiente colono / Arva premi, quam si ferro populetur et igni. / Concessa pudet ire via, civemque videri.” (II, 439-446 )

Er betätigt sich als Usurpator und höhnischer Zerstörer der republikanischen Verfassung, indem er die einst sakrosankten politischen Prozeduren des römischen Staates zur Farce degradiert. (Vgl. V, 381-399.)[11] Geradezu nietzscheanisch klingt die Summe der persönlichen Ethik, die Lukan seinem Caesar in Gestalt eines Aphorismus in den Mund legt: „ Humanum paucis vivit genus. “ (V, 343)

Nicht genug damit, daß Lukan auf die angedeutete Weise den direkten Vorfahren und die wichtigste Legitimationsquelle der Herrschaft Neros in den schwärzesten Farben zeichnet, er macht zudem bei mehreren Gelegenheiten deutlich, daß es eben das geschichtliche Wirken dieses diabolischen Caesar gewesen sei, das die Römer in die Unfreiheit und Knechtschaft unter ihren gegenwärtigen domini gestürzt habe. Am eindrucksvollsten sind in dieser Hinsicht die Passagen VII, 432-448 und 638-636. Mehr als deutlich äußert sich Lukan hier offenbar in eigener Person:

Proxima quid suboles aut quid meruere nepotes / In regnum nasci? pavide num gessimus arma / Teximus aut iugulos? alieni poena timoris / In nostra cervice sedet. post proelia natis / Si dominum, Fortuna, dabas, et bella dedisses.” (VII, 642-646)

Die für die Handlung zentrale Rolle Caesars in der Pharsalia hat einige Interpreten zu der Überzeugung geführt, es handle sich bei dem Werk insgesamt um ein Caesar-Epos,[12] während andere ausgehend von der äußerst stilisierten Charakterzeichung der Caesar-Figur das Epos als eine Art Kakangelium, als großangelegte Aristie des radikal Bösen zu erklären versuchten.[13]

[...]


[1] Als Haupttradierungsorte fungierten übrigens die Rhetorenschulen, worauf Seo, Lucan‘s Cato and the Poetics of Exemplarity, 205 hinweist.

[2] Einen sehr knappen Überblick gibt Thomas Frigo im DNP-Artikel „Porcius“. Erschöpfend rekonstruiert Goar die Cato-Rezeption bis zum Ausgang der Antike in seiner Monographie The Legend of Cato Uticensis from the First Century BC to the Fifth Century AD.

[3] Bis auf geringste Fragmente verloren sind die beiden Bücher des Anticato, die über Caesars Verhältnis zu Cato reicheren Aufschluß zu geben imstande wären. Diese Invektive, die Caesar als Erwiderung auf Ciceros bekannte laudatio funebris verfaßt hat, ist der exzellenten Analyse Tschiedels zufolge als ein mit kühlem Kopf ausgeführter Schachzug Caesars im propagandistischen Kampf mit der Senatspartei zu bewerten, muß also entgegen einer weitverbreiteten Meinung nicht unbedingt ein Indiz dafür sein, daß Caesar der Person Catos starke Affekte entgegenbrachte. Tschiedel arbeitet besonders gut heraus, welch großes Problem der Freitod Catos für Caesars „Öffentlichkeitsarbeit“ bedeutete: „In dem toten Cato … trat Caesar das Opfer in seiner am meisten nach Teilnahme heischenden Ausprägung, nämlich als Märtyrer, gegenüber, und damit wurde aus dem Sieger geradezu zwangsläufig ein Tyrann. Sein propagandistischer Kampf gegen den freiwillig aus dem Leben Geschiedenen war von Anfang an zum Scheitern verurteilt.“ (Tschiedel, Caesars 'Anticato', X)

[4] Auch D’Alessandro Behr macht auf diese bewundernde Darstellung des Altruismus Catos in einem explizit procaesarischen Werk aufmerksam, vgl. Lucan's Cato, Joseph Addisons's Cato , and the Poetics of Passion, 537.

[5] Diese „ coniecturas quae inveniuntur in recentioribus codicibus “ versieht Klotz mit der Sigle ϛ.

[6] Ich zitiere im folgenden nach der Ausgabe von Georg Luck, Darmstadt 1985. Die Bücher werden römisch durchnumeriert.

[7] Besonders mit Blick auf VII, 432-448 und 638-636 sagt Ahl: “In fact, there is no comparable outburst in Latin literature, from the time of Cicero onwards, that so clearly and savagely indicts the oppressiveness of the writer’s own day.” (Ahl, Lucan. An Introduction, 43f.)

[8] Vgl. I, 33-66. Am plausibelsten scheinen mir die Versuche, das Nero-Elogium als ironisch-satirischen Text zu verstehen, der bekannte körperliche Fehler Neros durch geschickt gewählte Bilder karikiert und zugleich in seinen vordergründigen Ergebenheitsadressen doppelbödige inhaltliche Kritik an der Herrschaft des jungen Kaisers übt. (Vgl. Ahl, a.a.O. 48: „every element admits of double entendre“.) Diesen Deutungsansatz vertritt jedoch nur eine Minderheit der Exegeten, für Gegenpositionen vgl. etwa Schaaf, Das Prooemium zu Lucans bellum civile sowie Burck/Rutz, Die 'Pharsalia' Lucans. Pfligersdorffer, der eine ironische Deutung ebenfalls ablehnt, muß doch immerhin eingestehen: „Auch mit der schamlosesten Schmeichelei hätte Lucan das Regimefeindliche seines Unterfangens nicht aufwiegen können, zudem würde eine solche Sachlage unser Bild vom Charakter Lucans erheblich stören“. (Pfligersdorffer, Lucan als Dichter des geistigen Widerstandes, 368)

[9] Michael von Albrecht und mit ihm einige andere Interpreten haben versucht, den Pessimismus und die radikale Zeitkritik der Pharsalia nicht als Ausdruck der tatsächlichen politisch-weltanschaulichen Einstellung des Dichters, sondern als Konsequenz aus dem Entwurf des Epos zu deuten. (Vgl. von Albrecht: Der Dichter Lucan und die epische Tradition.) Doch die hermeneutische Technik, die literarische Persona des Dichters deutlich von dessen empirischer Persönlichkeit abzuheben, ist m.E. im Falle Lukans völlig fehl am Platz. Mag es mit der Redefreiheit unter Nero bestellt gewesen sein, wie es will, so wird man doch festhalten müssen, daß Lukan mit der Publikation der Pharsalia in ihrer überlieferten Gestalt (und sei es auch nur der Bücher I-III) ein erhebliches persönliches Risiko einging. Es ist hochgradig unplausibel, daß er seinem Werk die ausgeprägte anticaesarisch-antineronische Tendenz allein aus künstlerischen Erwägungen heraus gegeben haben soll. Hätte er als Person dem Stoff so gleichgültig gegenübergestanden, wie von Albrecht suggeriert, was hätte ihn dann gehindert, das Epos als eine Rechtfertigung des Prinzipats und – eine Möglichkeit, die das Nero-Elogium zu eröffnen scheint – als Erzählung der von historisch-kosmischer Tragik umwölkten Vorgeschichte eines mit Nero anbrechenden neuen goldenen Zeitalters anzulegen? Nun hat sich Lukan anders entschieden und einen Weg beschritten, der mit höchster persönlicher Gefahr verbunden sein mußte. Aus welchem anderen Grund sollte er ein solches Risiko eingegangen sein, als daß ihm die Denunziation und Verurteilung der Monarchie und der Lobpreis der Freiheit ein intimes Herzensanliegen war?

[10] Das Motiv der Ekpyrosis, jenes bekannten Lehrstücks stoischer Eschatologie, durchzieht die gesamte Pharsalia. Lapidge hat den kunstvollen Einsatz dieses Motivs durch Lukan umfassend analysiert. Seinem Fazit ist zuzustimmen: “Lucan clearly employed the Stoic imagery of dissolution because it was germane to a central theme of his poem: that the destruction of the state through civil war is a disaster on a scale commensurable with the dissolution of the universe at ἐκπύρωσις.” (Lapidge, Lucan’s Imagery of Cosmic Dissolution, 362). Vgl. zum Thema auch Schotes, Stoische Physik, Psychologie und Theologie bei Lucan.

[11] Weitere radikal anticaesarische Stellen finden sich etwa II, 511ff.; III, 360ff.; V, 300ff., 340ff.; VII, 557ff., 786ff.; IX, 1035ff.

[12] So Haffter: „Lucans Epos ist ein Cäsar-Epos; dem Cäsar als dem gigantischen Täter des Bösen im Bürgerkrieg, ihm gilt das Interesse, ihm die künstlerische Sympathie des Dichters.“ (Haffter, 'Dem schwanken Zünglein lauschend wachte Cäsar dort', 276)

[13] Die stringenteste Formulierung für diesen Deutungsansatz stammt von Thierfelder: „Es handelt sich bei Lucan mit einem Worte um ein Epos, welches Satan zum Helden hat, eine Verkörperung schlechthin des bösen Prinzips, die mit dem geschichtlichen Julius Cäsar nur noch wenig Ähnlichkeit aufweist.“ (Thierfelder, Der Dichter Lucan, 64)

Details

Seiten
16
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656919513
ISBN (Buch)
9783656919520
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294289
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Klassische Philologie
Note
1,0
Schlagworte
caesar cato lucans pharsalia victrix catoni

Autor

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Titel: Caesar und Cato in Lucans "Pharsalia"