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Das Nähe-Distanz-Dilemma an der Odenwaldschule. Begünstigt stark am Individuum orientierte Pädagogik sexuellen Kindesmissbrauch?

Hausarbeit 2013 15 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung & Fragestellung

2. Reformpädagogik in Schulen
2.1. Reformpädagogik und pädagogischer Eros
2.2. Konzept der Landerziehungsheime Bsp. Odenwaldschule

3. Das Nähe- Distanz Dilemma an pädagogischen Institutionen
3.1. Definition sexualisierte Gewalt
3.2. Nähe und Distanz- Dilemma an der Odenwaldschule
3.3. Das Schweigen der Schüler

4. Fazit
4.1 Zusammenhang zwischen Individuums orientierte Pädagogik und sexueller Missbrauch

5.Literatur

1.Einleitung und Fragestellung

Durch die rasante Industrialisierung und Modernisierung entwickelte sich im 20. Jahrhundert in der Gesellschaft der starke Wunsch nach einer Veränderung und einer Umgestaltung in jeglichen Bereichen des Lebens. Dies löste vor allem im Erziehungswesen und in der Bildungspolitik vehemente Kritik aus. Die daraus resultierenden Ansätze von unterschiedlichen Erziehungskonzepten, die auf die Verbesserung im Bildungs- und im Erziehungsbereich zielten, wurden unter dem Begriff „Reformpädagogik“ zusammengefasst.

Im Zuge der Reformpädagogik entstand unter anderem das Konzept des Landerziehungsheims, dessen Hauptziel die Entwicklung einer „Erziehungsgemeinschaft“ ist, in der Schüler und Lehrer im Laufe der Zeit ein familiäres Verhältnis miteinander aufbauen. Das sehr Individuums orientierte Konzept bringt jedoch auch seine Schattenseiten mit sich. Die Odenwaldschule in OberHambach, die auch mit dem Konzept des Landerziehungsheims bedacht ist, zeigt uns weshalb das familiäre und enge Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern nicht immer pädagogisch wertvoll ist. Seit 1999 kamen immer mehr Missbrauchsfälle aus der Schule ans Tageslicht, nachdem sich zwei ehemalige Schüler der Odenwaldschule dazu entschieden mit ihren Vorwürfen an die Öffentlichkeit zu gehen.

Die Frage, mit der sich diese Hausarbeit beschäftigt ist, ob gerade diese stark am Individuum orientierten Institutionen, die durch die Reformpädagogik ausgelöst wurden, Formen von sexuellem Missbrauch begünstigen. Meine Aufgabe besteht darin das Erzieher-Zögling Verhältnis an ausgewählten Landerziehungsheimen zu analysieren und anschließend einen Zusammenhang zwischen dem Verhältnis der Schüler und Lehrer und dem sexuellen Kindesmissbrauch zu finden. Als Grundlage dient das Beispiel der Odenwaldschule, da diese durch die Vorfälle des sexuellen Missbrauchs bekannt geworden ist. Wie konnte es an solch einer Schule, die aufgrund von Kritik der herkömmlichen traditionellen Schulen entstanden ist, zu einer sexualisierten Gewalt kommen? Wie ist es möglich, dass ein komplettes pädagogisches Institut mehrere Jahre Fälle von Kindesmissbrauch verdeckt hielt? Um diese Fragen systematisch zu beantworten wird zunächst ein Überblick über die Reformpädagogik und dem pädagogischen Eros gegeben. Anschließend wird das Konzept der Landerziehungsheime an Hand des Beispiels der Odenwaldschule allgemein erläutert. Um das Dilemma der Nähe-Distanz Beziehung zwischen Erzieher und Zögling zu verstehen, wird versucht eine Definition von sexualisierter Gewalt herzuleiten und diese in Bezug auf die pädagogischen Institutionen zu betrachten. Wie sich das Nähe-Distanz Dilemma ausgewirkt hat, wird in einem gesonderten Kapitel an Hand der Odenwaldschule verdeutlicht.

2.Reformpädagogik in Schulen

2.1. Reformpädagogik und der „pädagogische Eros“

Um der Fragestellung eine Einleitung zu bieten und der Epoche Reformpädagogik einen Umriss zu geben, ist es zunächst wichtig sich mit der Entstehung und Ausweitung der Reformpädagogik so wie mit dem Begriff „pädagogischer Eros“ zu beschäftigen. Wir beschäftigen uns besonders mit dieser Epoche, da die Odenwaldschule seit Jahren als Vorzeigeschule der Reformpädagogik gilt.1

Durch die Kritik der Modernisierungsprozesse der bürgerlichen Gesellschaft, entstand der reformpädagogische Gedanke zwischen 1890 und 1933. Der Begriff fasst die Vielfalt von Ideen und Ansätzen zur Erneuerung von Erziehung und Schule zusammen. Der Gedanke war dabei, dass mithilfe einer speziell für Kinder entwickelten Pädagogik die Kultur und die Gesellschaft verbessert werden könnte. Die Hoffnung darauf, dass durch die Macht der Erziehung ein seelischer, geistiger, körperlicher und kultureller Fortschritt erzielt werden könnte, wurde im Laufe der Zeit immer größer. Ziel dieser Bewegung ist den Blick auf das Kind zu richten. Das Kind sollte vor allem als wertvolles, individuelles Wesen betrachtet werden und in seiner Persönlichkeit im Mittelpunkt des erzieherischen Denkens und Handelns stehen. Die Lebensphase Kindheit sollte neu entdeckt werden und der Fokus sollte nicht auf die Defizite, sondern auf die Stärke des Kindes gesetzt werden. Zuvor wurde das Kind als „unvollkommener Erwachsener“ gesehen. Diesen Gedanken verwerfen die Reformpädagogen und fordern stattdessen die „Pädagogik vom Kinde aus“.2 Dies bedeutet für die Kinder eine individuelle Lebensgestaltung mit einem positiveren „neuen Lebensgefühl“, das in einem „neuen Körper- und Naturleben“ ausschlägt.3 Die Erziehung durch die „rückhaltlosen Liebe des Erziehers zum Kind“ zu Subjektivität und Sinnlichkeit sollen dazu verhelfen die „Ausdrucks-, Erlebnis- und Gestaltungskräfte“ und die „körperlich- sinnliche Entfaltung“ des Kindes zu entwickeln.4 Diese Nähe, Empathie und der pädagogische Idealismus wurde im Laufe der Reformpädagogik mit dem Ausdruck „pädagogischer Eros“, welcher sich auf Platons Ideenlehre bezieht, umschrieben.5 Nach Platon stellt Eros eine Form von Liebe zwischen dem Lehrenden und Lernenden dar. Die Liebe zum Zögling hat jedoch keinen erotischen Aspekt, sondern dient zum reinen und liebevollen nicht-körperlichen Verhältnis zwischen Erzieher und Zögling.6 „Das Streben nach der Veredelung des Geschlechtstrieb durch seine Transformation hin zu körperlicher und geistiger 'Wohlgestalt', zu sittlicher Tugend und Vortrefflichkeit“, beschreibt den Ausdruck des platonischen Eros näher.7 Nach reformpädagogischen Ansätzen haben sowohl Jungen als auch Mädchen das Recht auf die Entfaltung ihres Wesens und auf die gemeinsame Erziehung. Die Nähe zwischen Erzieher und Zögling soll laut den Reformpädagogen in der Erziehung fest verankert sein.

Vor allem das Konzept der Landerziehungsheime, das im Laufe der Reformpädagogik entstand, hat den Fokus auf das „Gemeinschaftsideal“ so wie auf das besondere Erzieher-Zögling Verhältnis. Im nächsten Abschnitt soll auf dieses Konzept näher eingegangen werden.

2.2. Das Konzept der Landerziehungsheime am Beispiel Odenwaldschule

Der Ausdruck „Landerziehungsheim“ verrät schon den Grundgedanken des Konzepts, welches erstmals durch Hermann Lietz entstanden ist. Lietz wollte eine familienähnliche Gemeinschaft auf dem Land schaffen, dessen Aufgabe vor allem in der Erziehung der Charakterbildung liegt.8 Seine Kritik richtete sich auf die Gymnasien, die nur das Lernen und Wissen als Hauptaufgabe sehen und sich der erzieherischen Aufgabe fernhalten. Er postulierte den Erziehungsauftrag an die Lehrer und war der Meinung, dass das Elternhaus immer weniger in der Lage sei diese Verantwortung übernehmen zu können.9 Zu dem erwähnt Lietz häufig, dass die „Stadtschule“ krank mache, das deutsche Volk jedoch gesunde Menschen brauche und Schulen somit auf dem Land gebaut werden sollen.10 Landerziehungsheime sind Internate, die auf dem Land angesiedelt sind und die Distanz zur Familie und auch zur gewohnten Umwelt ermöglichen, bei der die Lehrer nicht nur die lehrende Funktion haben, sondern ein Erzieher darstellen. Man kann jedoch keine allgemeinen Aussagen über alle Landerziehungsheime treffen, da diese in ihrer Struktur häufig unterschiedlich sind. So sollte sich die Odenwaldschule durch eine persönliche Beziehung und Zuwendung zwischen den Erwachsenen und Kindern auszeichnen. 1910 wurde die Odenwaldschule von Paul Geheeb (1870-1961) zusammen mit seiner Ehefrau gegründet.11 Mit dem Konzept der Landerziehungsheime und dem der Gesamtschule sollte eine Schule gegründet werden, an der Schülerinnen und Schüler nicht nur Lehrinhalte vermittelt bekommen, sondern auch in ihren individuelle Fähigkeiten gefördert werden. Dabei stellt die Odenwaldschule verschiedene Angebote zur Verfügung, die frei nach Interesse gewählt werden können.12 So können die Schüler in Werkstätten, in den Labors, im Schülerparlament, im Kunstatelier, beim Sport und im Theater ihre Interessen ausleben.13 Was die Odenwaldschule von herkömmlichen Schulen am meisten unterscheidet, ist das Gemeinschaftsleben. Es leben Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit ihren Lehrern „in 29 alters- und geschlechtsgemischten 'OSO Familien'“.14 Diese Familien bestehen aus 6 bis 10 Personen, wobei der Lehrer als Familienoberhaupt gilt. Die Odenwaldschule wirbt auf ihrer offiziellen Homepage mit Geborgenheit und Rückhalt in den Familien, in denen Beziehungen wachsen können .15 Wichtig für das Prinzip der Odenwaldschule ist der freier Wille. So hat jedes Kind die Möglichkeit seine „eigene Familie“ selbst auszusuchen und Verantwortung für sein eigenen und gemeinsamen Alltag zu übernehmen.16 Beim Lernen setzt die Schule auf die individuelle Lernanregung. Sowohl die eher intellektuell als auch die eher handwerklich und musisch-künstlerisch begabten sollen ihre Fähigkeiten in für sie eingerichteten heterogenen Kleingruppen entfalten können.17 Der Unterricht wird nicht wie bei dem herkömmlichen Unterricht mit einem 45-Minuten Rhythmus abgehandelt, sondern erfolgt durch „die Einbindung des Lernens in Handlungsvollzügen und sinnvolles Tun“.18 Was die Leistungsbeurteilung betrifft, so werden in der Odenwaldschule die von der Reformpädagogik kritisieren Noten nicht verteilt.

[...]


1 Vgl. Oelkers, Jürgen: Eros und Herrschaft. Die dunklen Seiten der Reformpädagogik. Basel 2011, S.

2 Vgl. Schaub, Horst/ Zenke , Karl: Art. Reformpädagogik. In: Dies. (Hrsg.):Wörterbuch Pädagogik, München 2000, S.453

3 Vgl. Klinger, Magdalena: Pädagogischer Eros. Erotik in der Lehr- und Lernbeziehung aus kontextanalytischer und ideengeschichtlicher Perspektive. Berlin 2011, S. 157

4 Vgl. ebd.

5 Vgl. Oelkers 2011, S. 130

6 Wyneken, Gustav: Eros. Lauenberg 1924, S. 3

7 Vgl. Klinger 2011, S. 158

8 Vgl. Böhm, Winfried: Die Reformpädagogik. Montessori, Waldorf und andere Lehren. München 2012, S. 88

9 Vgl. ebd.

10 Vgl. ebd., S. 89

11 Vgl. Kutting, Dirk: missbrauchte Schule?! Die Institution neu erden. Göttingen 2010, S. 75

12 Vgl. Kaufmann, Margarita: 100 Jahre Odenwaldschule, 100 Jahre Odenwaldschule. Der wechselvolle Weg einer Reformschule. Berlin 2010, S. 248

13 http://www.odenwaldschule.de/home/leitbild/was-uns-ausmacht.html

14 Vgl. http://www.odenwaldschule.de/internat/wie-wir-leben.html

15 Vgl. ebd.

16 Vgl. ebd.

17 Vgl. http://www.odenwaldschule.de/schule/wie-wir-lernen.html

18 Vgl. ebd.

Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656919636
ISBN (Buch)
9783656919643
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294257
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Erziehungswissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
Odenwaldschule sexueller Missbrauch Reformpädagogik Individuum Kindesmissbrauch Institutionen

Autor

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