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Mitteleuropa. Zwischen politischen Strukturen und Utopien

Projekte für einen Bund Mittelosteuropas und Aktualität der Visegrád-Gruppe

Wissenschaftlicher Aufsatz 2015 9 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Zwischen politischen Strukturen und Utopien:

Verschiedene Vorschläge und transnationale Projekte für einen Bund Mittelosteuropas

Es stellt sich die Frage, ob eine politische Einheit Mitteleuropas realisierbar ist.

Anfang des 20. Jahrhunderts und vor allem während des Ersten Weltkriegs fragten sich ein paar Intellektuelle verschiedener Nationalitäten unter der Herrschaft von Wien oder Moskau, wie sie ihre Nationaleinheit verwirklichen könnten. Das Ziel war damals die Unabhängigkeit gegenüber dem Habsburgischen Kaiserreich oder dem Russischen Kaiserreich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dies war die intensive Überlegung von Tomáš Garrigue Masaryk. Zwischen Pangermanismus und Panslawismus waren die Nationen Mitteleuropas häufig auf der Suche nach einer eigenen nationalen und kulturellen Identität. Die kulturelle Einheit könnte sich durch gemeinsame Referenzen und die Kulturgeschichte bilden und die politische Einheit durch ein gemeinsames Schicksal. Masaryk verwies auf die Geschichte der „tschechoslowakischen Nation“, besonders mit den Historikern Jan Kollár1 und František Palacký2. Masaryk, der während des Ersten Weltkriegs seine Sicht des zukünftigen Europas beschrieb, beschuldigte stets den Pangermanismus. Für ihn war dieses Projekt, das die Verantwortung für den Krieg trug, ein Versuch, aus deutscher Perspektive Europa mit einem wirtschaftlichen und materialistischen Ziel zu verbinden3. Er setzte die Konzeption der Nation dem Staat entgegen, von daher sagte er, dass ÖsterreichUngarn ein künstlicher Staat von neun verschiedenen zusammengesetzten Nationen wäre4. Seine Konzeption war etwas anders als die gleichzeitige Konzeption, die Friedrich Naumann in seinem im Herbst 1915 erschienenen Buch Mitteleuropa vorstellt .

Für ihn repräsentierte die Idee der nationalen Unabhängigkeit und der Verteidigung einer nationalen Identität einen sehr großen Reichtum der Reichhaltigkeit Europas. Laut Masaryk bildete der Nationalismus einen ersten Schritt auf dem Weg einer internationalen Vereinigung der Nationen, denen es freistand, daran teilzunehmen oder nicht. Diese Einigkeit wäre gerecht und ohne Hierarchie zustande gekommen. Entfernt vom nationalen Fieber mancher seiner nationalistischen Kollegen verteidigte Masaryk eine nationale Idee weder mit Xenophobie noch mit Chauvinismus, extremen Perspektiven oder Isolation. Er sagte, dass er kein Nationalist war5. Sogar stellte er seinen Nationalismus als Humanismus dar und sagte, dass die Nationen das natürliche Organ der Menschheit wären6. Im Hintergrund seiner Theorie stand die Idee eines Internationalismus als Zusammenarbeit, gegenseitiger Respekt und dauernder Frieden.

Masaryk war nicht nur der Vater der Ersten Republik der Tschechoslowakei, er war auch ein Politiker, ein Philosoph, ein Intellektueller, der ein Projekt für ein friedliches Europa entwickelt hatte, wo eine mitteleuropäische Union eine wichtige Rolle spielen müsste.

Er betrachtete vor allem seine Idee einer europäischen Föderation als ein Bündnis der Völker, die meist zwischen dem germanischen und russischen Reich standen, um sich vor den panslawistischen und pangermanistischen Drohungen zu schützen. Also schlug er ein Bündnis der Romanen, der Slawen Mitteleuropas und der baltischen Völker (Litauen, Lettland und Estland) vor. Diese Kette freier Nationen wie eine Festungsmauer zwischen Russland, Deutschland und Österreich müsste nach einem historischen und geografischen Determinismus all diese Nationen versammeln: Esten, Letten, Polen, Tschechen, Slowaken, Rumänen, Serben, Kroaten, Slowenen, Italiener, Franzosen und Italiener der Schweiz.

Besonders interessant ist, dass Masaryk, der eigentlich von einer der Schweiz ähnlichen Föderation träumte, an ein Bündnis mit den romanischen Schweizern dachte, was auch ein Ende der Schweizerischen Eidgenossenschaft (lat. Confoederatio Helvetica) bedeutete. Diese europäische Organisation müsste eine Föderation primus inter pares sein und auf keinen Fall supranational und überstaatlich. Die Organisation Europas müsste auch demokratisch werden und nicht aristokratisch7. Da inspirierten die Ideen der Aufklärung und der französischen Revolution Masaryk, der die mittelalterliche Aristokratie der modernen Demokratie entgegenhielt. Seine Idee war, eine Kette von Nationen zu verbinden, die von freiwilligen selbständigen Nationen als demokratische Republiken gebildet wurde.

Er rückte Polen und die Tschechoslowakei durch den gemeinsamen slawischen Ursprung und nicht nur die geografische, sondern auch die kulturelle Nähe zusammen. Er sah also zwischen der tschechischen und polnischen Nation eine große nationale und intellektuelle Verwandtschaft. Laut Masaryk haben sich die Polen und Tschechen geografisch nebeneinander parallel entwickelt und hatten seit Beginn ihrer nationalen Geschichte Kontakt zueinander. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern waren meistens freundschaftlich und beide Nationen hatten sogar manchmal einen gemeinsamen König8.

Schließlich hätte laut Masaryk kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs diese traumatisierende Erfahrung die Ankunft und Schöpfung eines neuen Menschen bewirken müssen: Der homo europaeus 9, der dazu hätte fähig sein müssen, die Konsequenzen dieses Krieges zu verstehen und mit Frieden, Freiheit und Brüderlichkeit in Europa zu leben. Im Jahr 1918 nach dem Krieg wurde er nach Akzeptanz der Triple Entente der Gründer und der erste Präsident der Ersten Republik der Tschechoslowakei10. Masaryk kam am 14. September 1937 nach Lany bei Kladno in Böhmen in ein Europa, das weder befriedet noch harmonisch noch brüderlich war. Er war 87 Jahre alt. Ein Jahr später wurde in der Nacht auf den 30. September 1938 Das Münchner Abkommen unterzeichnet und der Zweite Weltkrieg peu à peu vorbereitet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Europa in zwei Lager geteilt. Der Hauptteil Mitteleuropas wurde willkürlich im Osten des Eisernen Vorhangs

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1 Ján Kollár (slowakisch) bzw. tschechisch Jan Kollár (* 29. Juli 1793, Mošovce (Slowakei); † 24. Jänner 1852 in Wien) war einer der bedeutendsten mitteleuropäischen Lyriker und Gelehrten des frühen 19. Jahrhunderts. Obwohl Slowake, schrieb er fast ausschließlich auf Tschechisch. Drei seiner großen Werke weckten in Europa Interesse an der slawischen Geschichte und Kultur und prägten die nationalen Bewegungen der Slawen bis in die Gegenwart.

2 František Palacký (* 14. Juni 1798 in Hodslavice in Mähren; † 26. Mai 1876 in Prag) war ein tschechischer Historiker und Politiker. Seine Werke haben eine Hauptrolle für die tschechische nationale Identität gespielt. Heutzutage ist sein Porträt auf dem Schein von 1000 Kronen in der tschechischen Republik abgebildet.

3 MASARYK Tomáš Garrigue, La Nouvelle Europe, Paris, 2002, S. 52.

4 MASARYK Tomáš Garrigue, La Nouvelle Europe, Paris, 2002, S. 109.

5 MASARYK Tomáš Garrigue, La Nouvelle Europe, Paris, 2002, S. 137.

6 MASARYK Tomáš Garrigue, La Nouvelle Europe, Paris, 2002, S. 84.

7 MASARYK Tomáš Garrigue, La Nouvelle Europe, Paris, 2002, P. 138.

8 MASARYK Tomáš Garrigue, La Nouvelle Europe, Paris, 2002, P. 167. Masaryk bezieht sich auf die JagiellonenDynastie, die im 15.-16. Jahrhundert über den größten Teil Mitteleuropas (Polen, Litauen, Böhmen, Ungarn, die Ukraine, Moldawien, den Westteil Russlands usw.) herrschte.

9 MASARYK Tomáš Garrigue, La Nouvelle Europe, Paris, 2002, P. 210.

10 Am 28. Oktober 1918 wurde in Prag der neue Staat, d.h. die Erste Tschechoslowakische Republik (ČSR: tschechisch und slowakisch Č eskoslovensk á republika) proklamiert.

Details

Seiten
9
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656919773
ISBN (Buch)
9783656919780
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294246
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde
Note
Schlagworte
Mitteleuropa Visegrad Nationaleinheit

Autor

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Titel: Mitteleuropa. Zwischen politischen Strukturen und Utopien