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Literarische Stolpersteine. Versprecheranalyse bei Zungenbrechern

Hausarbeit 2012 17 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einblick in die Versprecherforschung
2.1. Versprecherdefinition und Häufigkeit von Versprechern
2.2. Versprecheranalysen
2.3. Klassifikation von Versprechern nach Meringer
2.3.1. Vertauschung (XY > YX)
2.3.2. Vorklang/ Antizipation (XY> YY)
2.3.3. Nachklang/ Postposition (XY>XX)
2.3.4. Kontamination (X oder Y > XY)
2.3.5. Substitution (X>Y)

3. Analyse von Zungenbrechern
3.1. Definition von Zungenbrechern unter Berücksichtigung ihrer literarischen Merkmale
3.2. Versprecheranalyse bei Zungenbrechern anhand zweier Beispiele
3.2.1. Zungenbrecheranalyse I
3.2.2. Zungenbrecheranalyse II
3.3. Fazit

4. Ausblick / Ideen für die Einbettung von Zungenbrecheranalysen in den Deutschunterricht

5. Bibliographie

1. Einleitung

An analysis of speech errors provides evidence for the psychological reality of theoretical linguistic concepts such as distinctive features, morpheme structure constraints, abstract underlying forms, phonological rules, and syntactic and semantic features.1

Dieses Zitat einer der führenden Versprecherforscherinnen der letzten Jahrzehnte drückt aus, weshalb es für die Linguistik interessant sein kann, von spontansprachlichen Fehlern- und damit von der parole2 - auszugehen, um die Annahmen, die über die langue, also der Sprache als System, gemacht werden, als effektiv existent zu beweisen. Gerade Versprecher beweisen in mannigfacher Weise, dass auch Fehler im Sprechen regelgeleitet sind und Beliebigkeit dabei außen vor ist3.

Im ersten Teil dieser Hausarbeit wird es darum gehen, die häufigsten Versprechertypen zu definieren. Des Weiteren werden die linguistischen Einheiten, bei denen man sich verspricht, erläutert. Es wird nicht darauf eingegangen, welche außersprachlichen Motive hinter Versprechern liegen können. Auch muss im Rahmen dieser Hausarbeit darauf verzichtet werden, den tieferliegenden linguistischen Gründen des Sich-Versprechens nachzugehen, die im Sprachplanungssystem zu finden wären.

Im zweiten Teil dieser Hausarbeit werden auf Basis der zuvor gegebenen Definitionen Zungenbrecher daraufhin analysiert, welche Arten von Versprechern sie typischerweise auslösen können. Es wird anhand einer exemplarischen Darstellung die These aufgestellt, dass einerseits je nach dem vom Zungenbrecher vorgegebenen Lautprogramm, anderseits aber auch unabhängig davon, nicht alle Versprecherarten gleichermaßen in Erscheinung treten können. In einem abschließenden Ausblick wird darüber reflektiert, inwiefern Zungenbrecher sinnvoll in den Schulunterricht integriert werden können und wie relevant ihre Untersuchung in Hinblick auf einen Zuwachs von Sprachverstehen auf Seiten der Schüler ist.

2. Einblick in die Versprecherforschung

2.1. Versprecherdefinition und Häufigkeit von Versprechern

Laut Boomer und Laver ist ein Versprecher „an involuntary deviation in performance from the speaker´s current phonological, grammatical or lexical intention”4. Durch “involuntary” und “current” wird hier der unwillkürliche und vorübergehende Charakter des Versprechers als einer nicht dauerhaften Performanzfehlleistung hervorgehoben. Damit fallen unter diese Kategorie keine pathologischen Sprachfehler wie etwa das Stottern, keine gewohnheitsmäßigen Aussprach-abweichungen von der Standardsprache, wie dies zum Beispiel bei Dialekten oder bei im Wortschatz schlichtweg falsch verinnerlichten Wörtern („zumindestens“ als Kontamination5 ) von „mindestens“ und „zumindest“) der Fall ist. Auch gehört das Spiel mit Sprache, wie es bei Zungenbrechern betrieben wird, nicht zu Versprechern, da hier der Aspekt des Spontanen, unwillkürlichen Fehlers fehlt. Auf Zungenbrecher wird nachher genauer eingegangen werden.

Wie häufig Versprecher in der täglichen Kommunikation auftreten, wurde bisher von der Forschung nicht einheitlich beantwortet6. Leuninger geht von einem Versprecher auf rund 1000 Wörtern aus7. Weshalb die Versprecherforschung bisher Schwierigkeiten hatte, die Häufigkeit zu beziffern, hat wohl zwei Hauptgründe: Zum Einen bereits die Natur des Versprechers als ein ungeplanter Performanzfehler, der durch seine spontane und nicht vorhersehbare Erscheinung nur schwer im Rahmen einer repräsentativen empirischen Studie herbeigeführt werden kann. Zum Anderen ist bei der Versprecherbeobachtung eine gewisse Verzerrung durch den Beobachter zu vermuten: Entstehen durch den Versprecher bereits existierende oder lustig klingende neue Wörter (etwa durch Onsetvertauschung der Anfangssilbe und der 3. Silbe: „schnutenpitzel“ statt „putenschnitzel“8 ), werden diese eher bemerkt, als wenn es sich lediglich um Verwechslungen eines phonologischen Merkmals handelt (z. B. das stimmlose Aussprechen des eigentlich stimmhaften bilabialen Plosivs [b] als [p]).

2.2. Versprecheranalysen

Um Versprecher zu beschreiben, genügt es nicht, sie in unterschiedliche Klassen einzuteilen. Es muss darüber hinaus die syntaktische Einheit benannt werden, an der sich versprochen wurde. Ein Laie könnte auf Grund seiner alltäglichen Beobachtungen den Eindruck gewinnen, Versprecher passierten nur auf Wort- oder höchstens Silbenebene. In Wahrheit jedoch finden manche Versprecher schon auf Ebene der distinktiven Merkmale der Laute statt. Die versehentlich stimmlose statt stimmhafte Aussprache des dorsalen Plosivs [g] lässt so zum Beispiel ein [k] entstehen. Auch sind nicht nur phonologische, sondern auch syntaktische Einheiten nicht davor gefeit, verwechselt zu werden: So können zum Beispiel auch Genus, Numerus, Tempus oder Person durcheinander gebracht werden. Im analytischen Teil dieser Hausarbeit werden allerdings ausschließlich solche Versprecher in den Fokus genommen, die auf „phonological similarity“9 beruhen.

2.3. Klassifikation von Versprechern nach Meringer

Schon Anfang des letzten Jahrhunderts haben Sprachwissenschaftler die Bedeutung von Versprechern erkannt und Versprecher in Hinblick darauf, was sie über das System Sprache aussagen, analysiert. Auch heute berufen sich Versprecherforscher wie Leuninger10 oder Dufva11 auf die 1895 angefertigte Versprecherklassifikation von Rudolf Meringer, einem Zeitgenossen Freuds, die er auf der Basis seines rund 880012 Versprecher umfassenden Korpus´ angelegt hatte. Zum Teil wurde die Klassifikation verfeinert, ihre Grundkategorisierung blieb jedoch unverändert.

Die fünf Hauptkategorien von Versprechern nach Meringer werden im Folgenden vorgestellt. Bei der theoretischen Kategorisierung sollte bedacht werden, dass die in der Performanz produzierten Versprecher häufig Mischformen der Kategorien darstellen und sie oftmals nicht eindeutig zugeordnet werden können.

2.3.1. Vertauschung (XY > YX)

Die häufigsten Sprechfehler bestehen in Verschiebungen der Teile des Satzes, den man sprechen will; man sagt ein Wort, einen Laut, an unrechter Stelle, zu früh oder zu spät.13

Falls bei besagter Verschiebung die betroffene Einheit mit der Einheit, die sie verdrängt hat, gleichsam „den Platz tauscht“, so spricht man von Vertauschungen. Meringer hat dafür zahlreiche Beispiele aufgelistet:

a) Vertauschung von Wörtern: z.B. „Die Milo von Venus“14 statt „Venus von Milo“

b) Vertauschung von Silben: z.B. „Gebrecherverhirne“15 statt „Verbrechergehirne“

c) Vertauschung von Lauten und Lautmerkmalen:

c.1. Es werden Vokale vertauscht, die innerhalb des Wortes ähnlich oder gleich stark betont werden, z.B. „Stutáten“ statt „Statúten“16
c.2. Es werden silbenanlautende Konsonanten oder Konsonantengruppen vertauscht, deren Silben innerhalb des Satzes oder Wortes ähnlich oder gleich stark betont werden, z.B. Die „Sórte von Tácher“ statt der „Tórte von Sácher“17
c.3. Auslaute ähnlich oder gleich betonter Silben werden vertauscht, z. B. „Ich verganz gaß“ statt „Ich vergaß ganz“18

Meringer stellt aufgrund seiner von ihm angefertigten Versprechersammlung verschiedene Thesen in den Raum, ohne auf diese näher einzugehen. Er behauptet, dass bei Vertauschungen ganzer Wörter meist funktionsähnliche oder –gleiche ihre Stelle untereinander tauschen, und daß in dem Falle, daß funktionsungleiche Wörter vertauscht werden, sie meistens ihren Funktionscharakter (Ableitungssilben, Endungen) wechseln.19

Desweiteren vermutet Meringer aufgrund seiner Recherche, dass man weder Vokale unbetonter mit Vokalen betonter Silben verwechselt20 (also etwa „bakénnt“ statt „bekánnt“), noch, dass „man An- und Auslaut desselben Wortes verwechselt (also etwa „tug“ für „gut“)“21.

2.3.2. Vorklang/ Antizipation (XY> YY)

Anders als bei Vertauschungen, verdrängt bei Antizipationen eine syntaktische Einheit nicht eine andere, die dann an deren Stelle wieder auftritt. Bei Antizipationen setzt sich die jeweilige Einheit insofern durch, als dass sie nicht nur an ihrem geplanten Platz auftaucht, sondern schon davor. Eines von Meringers Beispielen ist „Ich werde nun zur Abschreitung der Anträge schreiten“22 (statt „Abstimmung“). Als zaghaften Versuch, dieses Phänomen zu erklären, gibt er an, „daß die Anticipation umso leichter erfolgt, je ähnlicher das Anticipierte mit dem zu Sprechenden ist“23.

2.3.3. Nachklang/ Postposition (XY>XX)

Wirkt das soeben Gesprochene noch im Bewusstsein des Sprechenden nach, verweilt sein Sprach- und Sprechzentrum gleichsam bei einer eben geäußerten Einheit, so kann sich dies insofern auch den Rest seiner Äußerung auswirken, als daß man ganz sinnlos Wörter oder Laute nachsagt, an Stelle von anderen, die man beabsichtigt hat. […]> Auch hier kann man die Beobachtung machen, daß Nachklänge umso leichter wirksam werden, je ähnlicher sie dem zu Sprechenden sind24.

Wenn man sich dies vor Augen führt, ist es nicht schwer zu erkennen, dass bei dem Lapsus „Er wünscht zu wünschen…zu wissen“25 das [v] von „wissen“ die Postposition dahingehend favorisiert hat, als auch das eigentlich zu sagen beabsichtigte Wort mit diesem unfrequenten Laut anfängt.

[...]


1 Fromkin, Victoria(1971): The Non-anomalous nature of anomalous utterances. IN: Language, 47. Band, Nr. 1, S. 27-52, S. 27

2 Dichotomie Langue-Parole nach de Saussure, Ferdinand (1916): Cours de linguistique générale. Zitiert nach: Sokol, Monika (2007): Französische Sprachwissenschaft: Ein Arbeitsbuch mit thematischem Reader, 2., völlig neu bearbeitete Auflage. Tübingen: Gunter Narr Verlag, S.38

3 Meringer, Rudolf (1908): Aus dem Leben der Sprache. Berlin: Behr, S. 3: „Der Zufall ist beim Versprechen vollkommen ausgeschlossen, das Versprechen ist geregelt.“

4 Boomer, Donald S. & Laver, John D.M. (1968): Slips of the tongue. IN: Fromkin, Victoria (1973) (Hrsg): Speech errors as linguistic evidence. The Hague: Mouton, S. 123

5 Zur Begriffsklärung von Kontamination s. Punkt 2.2.4

6 s. Dufva, Hannele (1992): Slipshod utterances: A study of mislanguage. Jyväskylä: Jyväskylä University Press, S.15

7 s. Leuninger, Helen (1993): Reden ist Schweigen, Silber ist Gold: Gesammelte Versprecher. Zürich: Amman Verlag, S.94

8 Leuninger, Helen (1998): Danke und Tschüs fürs Mitnehmen: Neue gesammelte Versprecher. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S.30

9 Keller, Timothy A./ Carpenter, Patricia A./ Just, Marcel Adam (2002). Brain imaging of tongue-twister sentence comprehension: Twisting the tongue and the brain. IN: Brain and Language (2003), S. 189-203, S. 191

10 s. Leuninger, Helen (1993): Reden ist Schweigen, Silber ist Gold: Gesammelte Versprecher. Zürich: Amman Verlag, S.82 ff.

11 s. Dufva, Hannele (1992): Slipshod utterances: A study of mislanguage. Jyväskylä: Jyväskylä University Press, S. 16

12 s. Fromkin, Victoria(1971): The Non-anomalous nature of anomalous utterances. IN: Language, 47. Band, Nr. 1, S. 27-52, S. 28

13 Meringer, Rudolf/ Mayer, Carl (1895): Versprechen und Verlesen. Eine psychologisch-linguistische Studie. Stuttgart: Göschen´sche Verlagshandlung, S.13

14 Meringer, Rudolf/ Mayer, Carl (1895): Versprechen und Verlesen. Eine psychologisch-linguistische Studie. Stuttgart: Göschen´sche Verlagshandlung, S. 14

15 Meringer, Rudolf/ Mayer, Carl (1895): Versprechen und Verlesen. Eine psychologisch-linguistische Studie. Stuttgart: Göschen´sche Verlagshandlung, S. 18

16 Meringer, Rudolf/ Mayer, Carl (1895): Versprechen und Verlesen. Eine psychologisch-linguistische Studie. Stuttgart: Göschen´sche Verlagshandlung, S. 19

17 Meringer, Rudolf/ Mayer, Carl (1895): Versprechen und Verlesen. Eine psychologisch-linguistische Studie. Stuttgart: Göschen´sche Verlagshandlung, S. 20

18 Meringer, Rudolf/ Mayer, Carl (1895): Versprechen und Verlesen. Eine psychologisch-linguistische Studie. Stuttgart: Göschen´sche Verlagshandlung, S. 23. In Zitaten wird die vom Meringer und Leuninger benutzte alte Rechtschreibung beibehalten.

19 Meringer, Rudolf/ Mayer, Carl (1895): Versprechen und Verlesen. Eine psychologisch-linguistische Studie. Stuttgart: Göschen´sche Verlagshandlung, S. 14

20 S. Meringer, Rudolf/ Mayer, Carl (1895): Versprechen und Verlesen. Eine psychologisch-linguistische Studie. Stuttgart: Göschen´sche Verlagshandlung, S. 24

21 Meringer, Rudolf/ Mayer, Carl (1895): Versprechen und Verlesen. Eine psychologisch-linguistische Studie. Stuttgart: Göschen´sche Verlagshandlung, S. 24

22 Meringer, Rudolf/ Mayer, Carl (1895): Versprechen und Verlesen. Eine psychologisch-linguistische Studie. Stuttgart: Göschen´sche Verlagshandlung, S. 29

23 Meringer, Rudolf/ Mayer, Carl (1895): Versprechen und Verlesen. Eine psychologisch-linguistische Studie. Stuttgart: Göschen´sche Verlagshandlung, S. 29

24 Meringer, Rudolf/ Mayer, Carl (1895): Versprechen und Verlesen. Eine psychologisch-linguistische Studie. Stuttgart: Göschen´sche Verlagshandlung, S. 44

25 Meringer, Rudolf/ Mayer, Carl (1895): Versprechen und Verlesen. Eine psychologisch-linguistische Studie. Stuttgart: Göschen´sche Verlagshandlung, S. 45

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656918882
ISBN (Buch)
9783656918899
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294167
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für deutsche Sprache und Linguistik
Note
1,0
Schlagworte
literarische stolpersteine versprecheranalyse zungenbrechern

Autor

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Titel: Literarische Stolpersteine. Versprecheranalyse bei Zungenbrechern