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Gustave Caillebotte's "Pont de l'Europe". Bildbeschreibung und Forschungsstand

Hausarbeit 2014 14 Seiten

Kunst - Kunstgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Bildbeschreibung

2. Forschungsfragen
2.1 Flaneur und Badaud: Das Zusammenspiel der verschiedenen sozialen Klassen
2.2 Caillebotte und die moderne Stadt: Darstellung und Funktion der Brückenkonstruktion

3.. Forschungsstand: Ein Resumee

Abbildungsteil:

Literatur

1. Bildbeschreibung

Vor Gustave Caillebottes Pont de L'Europe stehend, betrachten wir ein querformatiges und mit 125x180cm monumental angelegtes Bild, das uns den Fußgängerweg einer sehr breiten und für die Enstehungszeit des Bildes, das Jahr 1876, sehr modernen Brücke zeigt. Der Titel des Bildes gibt uns Aufschluss darüber, dass wir uns auf der Pont de l'Europe in Paris befinden. Die Brücke ist großzügig und breit angelegt, hinter ihr öffnet sich uns die Stadt mit ihren Häusern.

Es ist ein sonniger Tag wie der ausschnitthafte blaue Himmel mit Schönwetterwolken in der oberen Hälfte des Bildes und das leicht gelblich wirkende Licht zu verraten scheinen. Trotz des gelblichen Lichtes wirkt die Farbigkeit des Bildes kühl und zurückgenommen. Es überwiegen Blau und Grau sowie helle Gelb- und Brauntöne. Die Szene wirkt insgesamt wie eine städtische Momentaufnahme aus der Sicht eines auf der Brücke befindlichen spazierenden Beobachters.

Ins Auge springt dabei zunächst die gewaltige Eisenkonstruktion der Brücke, die das Bild beherrscht und in der Diagonalen in zwei Hälften teilt: Auf der linken Bildhälfte die breite Straße und der Gehweg, die direkt in den Bildraum zu führen scheinen, auf der rechten Hälfte die Eisenkonstruktion sowie durch diese hindurch zu sehende Bahnhof- und Stadtansichten.

Auf der Brücke befinden sich drei zentrale Personen: Die meiste Aufmerksamkeit ziehen ein Mann und eine Frau in der Mitte der linken Bildhälfte auf sich, die scheinbar nebeneinander laufen, bei genauerem Hinsehen jedoch ist der Mann der Frau einige Schritte voraus. Die beiden laufen auf den Betrachter zu. Beide sind dunkel gekleidet, was sie auf dem hellen Gehweg zu einem Blickfang macht. Der Kopf des Mannes bildet den Fluchtpunkt des zentralperspektivisch angelegten Bildes, weshalb der Blick des Betrachters fast automatisch zu ihm geleitet wird. Er ist elegant gekleidet in der Art eines Flaneurs mit Gehrock und Zylinder. Seine Hände hat er hinter dem Rücken verschränkt und den Kopf leicht zur Seite geneigt. Auf den ersten Blick könnte man meinen, er sei in eine Konversation mit der hinter ihm laufenden Dame verwickelt, doch sein Blick geht eher zur Seite als nach hinten. Über seiner linken Schulter können wir den Kopf eines etwas entfernten weiteren Fußgängers ausmachen, ebenfalls mit Zylinder.

Die Dame dahinter, ebenfalls elegant gekleidet und mit einem Sonnenschirm in der linken Hand, hat den Kopf nach links zu dem vor ihr laufenden Mann gewendet; es ist möglich, dass sie ihn anblickt.

In der rechten Bildhälfte sehen wir einen Mann, der ans Geländer gelehnt im Schatten der Eisenkonstruktion steht und nach unten auf die unter der Brücke befindlichen Schienen des Bahnhofs St. Lazare blickt, dessen Existenz wir durch die im Bildmittel- und Hintergrund zu sehenden Eisenbahnen sowie durch weißen Dampf, der in der linken Bildhälfte über der Brücke wie eine große Wolke hervorquillt, erahnen können. Er trägt Arbeiterkleidung in hellem grau. Durch die Helligkeit seines Anzuges fällt er in der schattigen Umgebung sofort ins Auge.

Genau in der Mitte des unteren Bildrandes trottet ein scheinbar herrenloser Hund mit braunweißem Fell. Sein Kopf weist auf den Flaneur und die Dame, während sein Schwanz hoch zu dem Mann am Geländer zeigt. Seine linke Hinterpfote verschwindet im unteren Bild, was den Eindruck erweckt, als wäre er gerade erst in das Blickfeld des Betrachters gelaufen.

Am linken Bildrand ist die breite Straße zu sehen, die zwischen zwei Trottoiren über die Brücke führt. Auf der Brücke befinden sich weitere Personen: Rechts hinter der Frau geht ein älterer Arbeiter mit grüner Jacke, den Rücken zum Betrachter, in den Bildraum hinein; zwei weitere lehnen hinabschauend am Geländer. Im Hintergrund sieht man kleinperspektivisch weitere Personen sowie zwei Kutschen.

Am Ende der Brücke erkennt man die Häuser der Stadt: die Sichtachse der Brücke führt unseren Blick zu den ordentlichen wirkenden Häuserblöcken nach Hausmannscher Manier des Quartier d'Europe am oberen linken Bildrand. Die gesamte linke Bildhälfte macht einen aufgeräumten und durch und durch konstruierten Eindruck. Die rechte Bildhälfte wirkt auf den ersten Blick etwas unordentlicher. Hinter der blickdurchlässigen Eisenkonstruktion scheint das fortlaufende Eisengeländer der wohl x-förmig verlaufenden Brücke hindurch; darüber befinden sich nicht ganz so geordnet wirkende Häuserreihen.

Ebenfalls durch die Eisenkonstruktion blickend können wir unter der Brücke ein graues Gebilde ausmachen, wohl das Glasdach des Bahnhofs St. Lazare, das sich von der sonst freien und in hellem braun gestaltenen Fläche abhebt, auf der man Schienen, Eisenbahnen und einen Schaffner erkennen kann. Zur Zeit befindet sich das Bild im Musée du Petit Palais in Genf.

2. Forschungsfragen

Gustave Caillebotte, geboren 1848 und schon mit 45 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls verstorben, war ein von seinen Zeitgenossen durchaus beachteter und anerkannter wenn auch umstrittener Maler. Seine Karriere war dabei eng verknüpft mit dem Werdegang der Impressionisten, die er dank seines Reichtums fördern und unterstützen konnte. So war er auch Mitinitiator der 13. Impressionistenausstellung, auf der unter anderem die heute in Genf befindliche Pont de L'Europe erstmals ausgestellt wurde.

Bereits im Jahr 1966 erwarb die wohlhabende Familie Caillebotte ein Haus im neu entstandenen sogenannnten Quartier de l'Europe, keine zehn Minuten von der auf dem Bild gezeigten Pont de l'Europe entfernt, die sich zu diesem Zeitpunkt noch im Bau befand.[1] Es ist also davon auszugehen, dass Caillebotte die Brücke und die Phasen ihrer Entstehung sowie den Bahnhof St. Lazare aus eigener Anschauung sehr gut kannte. Seine Faszination für die neue Form der Architektur schlägt sich nieder in der starken Dominanz der Brückenkonstruktion. Daher wird ein Aspekt dieser Arbeit die Frage nach der Rolle der Brücke sein

Eine weitere auffällige Komponente des Bildes ist das dichte Nebeneinander von gehobenem Bürgertum und Arbeitern, das dem Bild eine gewisse Ambivalenz und soziale Spannung verleiht. Blickt der Flaneur zu dem am Geländer lehnenden Arbeiter hinüber? Wieso dreht dieser ihm den Rücken zu? All dies wirft Fragen auf, die von der Forschung unterschiedlich ausgelegt werden. Besonders ambivalent ist der Aspekt, dass der Flaneur die Gesichtszüge des Malers trägt, wie einst ein zeitgenössischer Kritiker bemerkte[2].

Welche Schlüsse die Forschung in der Betrachtung dieser beiden Themenfelder gezogen hat, werde ich auf den folgenden Seiten zu präsentieren versuchen.

2.1 Flaneur und Badaud: Das Zusammenspiel der verschiedenen sozialen Klassen

Der erste, der sich in seiner Untersuchung ausführlich den beiden zentralen Personen des Bildes gewidmet hat, ist Kirk Varnedoe in seinem Aufsatz für die Zeitschrift art interational von 1974 sowie in seinem 1987 erschienenem Werk „Gustave Caillebotte“, in dem er seine Gedanken weiter führt[3]. Er hebt besonders die Anlage des Bildes als X-Komposition mit zwei Fluchtpunkten hervor, die den Blick des Betrachters zwischen dem Flaneur und dem Arbeiter oszillieren lässt .[4] Diesen Gedanken finden wir auch 2011 bei Karin Sagner wieder.[5] Der Hund fungiert Varnedoes Ansicht nach dabei als Brücke zwischen Bourgoisie und Arbeitermilieu.[6] Diese Anordnung versteht er als ein Zeichen der Zerissenheit des Malers, der sich, selbst reicher Bourgois, in dem arbeiterfreundlichen „democratic milieu“ der Impressionisten bewegt und so in zwei Welten zu Hause ist. [7]

[...]


[1] Juliet Bareau-Wilson: Manet, Monet and the Gare St. Lazare, New Haven/London 1998, S. 77f

[2] Juliet Wilson-Bareau: Manet, Monet and the Gare St. Lazare, New Haven/London 1998, S. 84

[3] Kirk Varnedoe: Caillebotte, NewHaven/London 1987.

[4] Kirk Varnedoe: Le Pont de l'Europe. A new Slant (1974) in: Norma Broude: Gustave Caillebotte and the Fashioning of Identity in Impressionist Paris, New Brunswick u.a. 2002, S. . Vgl hier auch die Ausführungen von Peter Galassi: Caillebotte's Method, in: Varnedoe 1987, S. 28ff

[5] Karin Sagner (Hrsg.): Gustave Caillebotte. Neue Perspektiven des Impressionismus, München 2009, S. 86: Sagner beschreibt Flaneur und Arbeiter als zwei Blickzentren zwischen denen eine verbindung besteht.

[6] Varnedoe (1974) 2002, S. 19

[7] Varnedoe 1987, S. 74 u. 76 . Auf Varnedoes Ausführungen stützt sich auch Barbara Palmbach in B. Palmbach: Paris und der Impressionismus. Die Großstadt als Impuls für Wahrnehmungsformen und

Details

Seiten
14
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656918318
ISBN (Buch)
9783656918325
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294087
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,7
Schlagworte
Caillebotte Pont de L'Europe Europabrücke Flaneur Badaud Forschungsstand Brückenkonstruktion Eisenträger Impressionismus Stadtgenese Paris Gare St. Lazare Varnedoe

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Titel: Gustave Caillebotte's "Pont de l'Europe". Bildbeschreibung und Forschungsstand