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Was die Avantgarde dem Broadway brachte. Ästhetisch-stilistische Neuerungen des Amerikanischen Theaters der 60er Jahre

Hausarbeit 2008 20 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Perspektiven auf die Avantgarde

2. Eine kurze Geschichte des Broadway

3. Off-Broadway: „Die neue Amerikanische Welle“
3.1. Körper
3.2. Stimme
3.3. Rolle und Skript
3.4. Schauplatz und Publikum

4. Resümee: Die Gegenwart und Zukunft des Off-Broadway

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung: Perspektiven auf die Avantgarde

Wenn man den Begriff „Theater“ hört, so bildet sich bei den Meisten eine ganz bestimmte Assoziation in Gedanken: Ein großer Raum, vielleicht antiquiert, vielleicht minimalistisch, ein abgedunkelter Saal voller sitzender Leute, eine große oder auch kleine Bühne, auf der Menschen, die „Schauspieler“ genannt werden, dem Publikum ein Stück vorführen – Goethe, Schiller, Shakespeare – das sind Bilder und Namen, die man mit dem Theaterbegriff assoziiert.

Jedoch war das Theater nicht immer so, wie das Bild in den Köpfen der Menschen; nicht immer gab es dieses klassische Szenario, und auch heute gibt es das nicht immer und nicht überall. Im Laufe der Zeit hat das Theater sich den diversesten und interessantesten Wandlungen unterzogen, und zwar nicht nur in Bezug auf das Repertoire, sondern auch in Hinsicht auf die Darsteller, die Skripte, die Schauspieltechniken, die Regie, die Räumlichkeiten und vieles mehr.

Man kann die Wandlungen des Theaters an den Wandlungen der Gesellschaft ungefähr messen: Mit jedem neuen Trend gab es ebenso neue Wellen im Theater, mit jedem gesellschaftlichen Umsturz gab es neue Ideen und neue Ziele. Ebenso gilt dies für die Umwälzungen der Werteschemata und der Thematiken, die vielleicht einst als „Tabu“ galten und heute Gang und Gebe sind.

Natürlich besteht das Theater nicht nur für sich – denn was wäre eine theatrale Situation ohne ein Publikum? Wie jede Massenattraktion, bestimmt zu einem großen Teil die Meinung der Zuschauer die Laufbahn eines Theaters oder einer Theatergruppe, im schlimmsten Fall entscheidet sie über deren weiteres Bestehen oder deren Zusammenbruch. Und so verschieden wie die Hintergründe jedes Einzelnen aus den Zuschauerkreisen sind, so verschieden fallen die Perspektiven aus, die man in Hinsicht auf das Gesehene im Theater bildet und festhält und/oder weitergibt. So liegt es nahe, dass es vor allem auf die markanten Umbrüche in der Zeit der Theateravantgarde stark polarisierte Meinungen gab – die Einen lobten sie, die Anderen hassten sie, die Dritten wogen alle Faktoren ab und kamen in ihrer Kritik zu einer Synthese.

In allen nur denkbaren Bereichen konnte und kann man das Theater untersuchen und beurteilen: im gesellschaftlich-sozialen Bereich, im Bereich der technischen Entwicklung, in dem der Institutionsgeschichte, im ökonomisch-wirtschaftlichen Sinne. Diese Arbeit hier soll sich jedoch auf die ästhetisch-stilistischen Normen und Neuerungen der Theaterformen beschränken, da es eben dieser Bereich ist, der vom Publikum unmittelbar wahrgenommen wird; der Bereich, der ohne übermäßig viel Erfahrung und ohne eine astronomische Kapazität an Spezialistenwissen untersucht und erläutert werden kann.

Nach einer kurzen Geschichte des Broadway-Theaters, des Amerikanischen Kunstgiganten der Vergangenheit und Gegenwart, dessen Namen wohl jedem bekannt sein dürfte, soll näher auf die Theater der Off-Broadway-Welle eingegangen werden, einem Umbruch im klassischen Theaterbegriff, der in den 60er Jahren offiziell anbrach und sich teilweise bis heute in den Künstlerkreisen zu halten vermocht hat. In diesem Teil sollen folgende Punkte näher beleuchtet werden: Wie verändert sich der Einsatz des Körpers der Schauspieler? Welche neue Macht können sie aus ihrer Stimme ziehen? Wie verhalten sich Schauspieler und Stückeschreiber zur Definition des Begriffs „Rolle“ und wie sehen die neuen Skripte der Stücke aus? Welche Atmosphäre entsteht, wenn man die klassische Rampensituation überwindet und die Aufführungen an ungewöhnliche Orte verschiebt, und welche Rolle spielt das Publikum für die Aufführungen des Off-Broadways?

Zum Schluss sollen einige Gruppen summiert werden, die in der Zeit der Theateravantgarde der 60er Jahre entstanden sind und sich bis heute praktizierend (!) halten konnten, und es soll ein Ausblick auf die theatrale Ästhetik gewährt werden – wie sie sich bereits verändert hat und wie es womöglich weitergehen könnte.

Orientiert ist diese Arbeit an den Veröffentlichungen des Schriftstellers Jürgen Brinkmann und des Regisseurs und Schauspiellehrers Lee Strasberg, um zunächst die etablierten Formen des Broadway zu beschreiben; weiterhin sollen Artikel des Theaterprofessors Theodore Shank, des Universitätsprofessors für Theater Oscar G. Brockett, des Theaterregisseurs und Produzenten Richard Schechner und des Historiographen Stephen J. Bottoms dazu verwendet werden, die Perspektiven auf die Neuerungen, die die Avantgarde mit sich brachte, zu beleuchten und jedem der Leser näherzubringen.

2. Eine kurze Geschichte des Broadway

Das New Yorker Stadtviertel zwischen der 41ten und 53ten Straße und zwischen der Sixth und der Ninth Avenue, unweit vom Times Square, kennt jeder unter dem Namen Broadway. Es ist das größte Amerikanische Zentrum für das Theaterleben, große und kleine Theater findet man dort aufeinandersitzend, tausende von Aufführungen locken pro Jahr immer neues Publikum in deren Hallen. Das Broadway hat sich als ideales Sprungbrett für viele Schauspieler erwiesen; durch ihre Erfahrungen im Theaterviertel wurden große Leute mit Namen wie Grace Kelly, Gene Hackmann, Marlon Brando oder James Dean hervorgebracht.

Doch wie jedes Zentrum gegründet werden muss, so gab es auch einen Anfang für das Broadway. Das Empire Theater war das erste Theater, das seinen Sitz zum Times Square hin verlegte; dem gegenüber befand sich dort schon z.B. das Opernhaus der Metropolitan Opera.

Dieser Umzug veränderte auch das Theater-Business. 1896 wurde das Theatrical Syndicate gegründet, im Rahmen dessen Manager, Produzenten und Schauspieler ihre Projekte rechtzeitig planen konnten. Die Köpfe des Syndicates, in diesem Fall die Theaterbesitzer, hatten so einen Einfluss darauf, welche Schauspieler sie in ihren Häusern sehen wollten. Die Besten, die Begabtesten – zumindest nach der Meinung der Chefs - wurden gebucht, und es dauerte nicht lang, bis sich der Begriff des Stars im Theater etabliert hatte.

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es viele Gründungen von Theatern, die alle am Broadway wachsen sollten. Das Lyceum (urspr. New Lyceum Theatre, gegründet 1903) ist z. B. bekannt als das erste Theater, das bis heute betrieben wird; ebenso war es das erste Aufführungsgebäude, das über eingebautes elektrisches Licht verfügte.

Der sich in den 30er Jahren anschleichende Tonfilm und dessen wachsende Popularität brachte eine Zeit der großen Verzweiflung über das Theaterviertel. Viele Stars und Produzenten sahen im Film ein besseres Geschäft und eine neue, interessante Kunst und wechselten über. Doch die gebündelte Wirtschafts- und Sozialreform unter Präsident Roosevelt unterstützte die Theater finanziell und ermöglichte zwischen 1935 und 1939 eine Vielzahl neu orientierter Produktionen. Die finanzielle Abhilfe erwies sich für die großen Theater nun als unverzichtbar – also musste man sich darauf spezialisieren, nicht in Ungnade der großzügigen Spender zu fallen. So wurden die Formen der Stücke etabliert, die man bis heute vom Broadway kennt: „gesunde“ Geschichten mit Anfang, Mitte und Ende; ein leicht spannender, für Jung und Alt zugänglicher Plot; eine pompöse, beeindruckende Aufmachung, gekleidet in einen Rausch von Farben, Musik und Tanz.[1]

Ca. in der Mitte des 20. Jahrhunderts startete man die ersten Versuche, sich von der weitgreifenden Kommerzialisierung des Theaters abzusondern. Diese Institutionen, die ersten in Greenwich Village sesshaft, hatten es im Sinn, mit neuen Mitteln neues Publikum heranzuziehen. Diese „Revolution“ nannte man „Off-Broadway“.

Die Theater dieser Bewegung etablierten sich teilweise selbst am Broadwayer Theaterviertel. Doch da die Stücke des Off-Broadway sich oft ganz und gar nicht mit denen des Broadway vertrugen, mussten sie an eigenen, günstigeren und kleineren Bühnen aufgeführt werden.

Noch heute gibt es in den USA zahlreiche Stätten des Off-Broadway, die sich mit experimentelleren Seiten des Theaters beschäftigen, während das Broadway in New York seinen klassischen Formen nachgeht.[2]

Doch um als Nächstes vom Allgemeinen zum Wesentlichen zu kommen, soll nun ein Blick auf eine ästhetische Perspektive der Darstellung geworfen werden. In diesem Fall scheint es angemessen, die Methoden eines Schauspiellehrers in Betracht zu nehmen, der sich Anfang der 40er Jahre schon einen Namen gemacht hatte, nämlich die von Lee Strasberg.

Der Kern seiner Arbeit ist es, Methoden und Herangehensweisen für ein sogenanntes „gutes Spielen“ festzuhalten. Dabei orientiert er sich an Größen des Bereichs – namentlich erwähnt er z. B. Shakespeare oder Molière und nennt sie die Begründer des modernen Theaters - denn laut Strasberg war es das Ziel beider, einen Schauspieler zu sehen, der seine Rolle echt machte, der nicht nur jemanden zeigte, sondern auch jemand war. In der Technik Strasbergs finden sich Parallelen zu denen von Konstantin S. Stanislawski, einem russischen Regisseur, Schauspieler und Theaterreformer: beiden geht es darum, dass das Publikum am Ende nicht mehr zwischen Schauspieler und Rolle unterscheiden kann, dass der Schauspieler mit seiner Rolle verschmilzt und sie ist. Doch die Schauspielhandbücher, die es zu ihrer Zeit gibt, stellen sich ihren Vorhaben in den Weg, denn sie schreiben Reaktionen auf bestimmte Umstände vor. Um sich also von diesen festgefahrenen Richtlinien zu befreien, schlägt Strasberg folgende Techniken vor: Der Schauspieler ist dazu da, um vor dem Publikum ein möglichst echtes Bild eines Charakters zu erzeugen. Also muss er tatsächlich all das denken und fühlen können, das seine Figur in einem Moment durchmacht. Hierbei soll der Darsteller sich auf seine imaginären Reize berufen: sich an eine Situation erinnern, die der der Figur ähnlich war, sich möglichst lebhaft in Erinnerung rufen, was er dabei gedacht und erlebt hat und daran arbeiten, diesen Zustand immer wieder hervorrufen zu können. Mit dieser „Gefühls-Wiederbelebungs-Technik“ sollen sich also Interpretation, Kreativität und Emotionalität im Inneren des Darstellenden zu einem großen Ganzen zusammenschließen und eine undurchschaubare, unfehlbare Illusion einer anderen, lebendigen Person hervorbringen. Diese Illusion gehört zu dem großen charakterisierenden Begriffsfeld des Broadway-Theaters.[3]

3. Off-Broadway: „Die neue Amerikanische Welle“

Und wie auch immer dieses oben erwähnte Begriffsfeld aussehen mag, so gibt es auch zu ihm einige ziemlich entgegengesetzte. Auf jede Norm folgt irgendwann ein Umbruch; auf jeden Umbruch und die daraus hervorgehenden Effekte eine Vielzahl neuer Perspektiven.

So folgte auf die zunehmende Kommerzialisierung und Standardisierung der amerikanischen Theater die Entwicklung gegensätzlicher Meinungen, die der freien Denker, die sich weder an Ökonomisches noch an Etabliertes binden wollten. Die neue Strömung an Veränderungen in jedem denkbaren Bereich war es, was man letztendlich unter dem Namen Off-Broadway zusammenfasste.

Die Schaffer des Off-Broadway distanzierten sich bewusst von der Kommerzialisierung und den vielen anderen Gewohnheiten, die dem Broadway auferlegt worden waren, zum einen, um als eigenständiges Milieu wahrgenommen zu werden, zum anderen, um eine neue Art von Publikum herbeizuziehen, die nicht nur auf die Garantie reibungsloser Unterhaltung aus war. Wie sie sich letztendlich in doch recht breiten Kreisen Gehör verschafften und was sie dabei am auffälligsten von den gewohnten Formen und Normen des Broadway trennte, das soll in den folgenden vier Unterkapiteln genauer geschildert werden.

[...]


[1] Vgl. Brinkmann, Jürgen: „Das Etablierte Theater“, In: Ders. Off-Off-Broadway. Das amerikanische Experimentiertheater der sechziger Jahre. Kiel 1973. S. 14-21

[2] Vgl. dazu: http://www.ibdb.com/index.php

[3] Vgl. dazu: Strasberg, Lee: „Schauspielen und das Training des Schauspielers“. In: Wermelskirch, Wolfgang (Hrsg.): Lee Strasberg und das Training des Schauspielers. Beiträge zur „Method“. Berlin 1941

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656917335
ISBN (Buch)
9783656917342
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294063
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Theater- und Medienwissenschaft
Note
2,7
Schlagworte
Theaterwissenschaft Theatergeschichte Broadway Off-Broadway Avantgarde 60er Jahre

Autor

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