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Soziale Verbindungen in Zeiten des Web 2.0

Werden seit der vermehrten Nutzung von Social Network Sites mehr soziale Verbindungen aufrechterhalten?

Bachelorarbeit 2014 53 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1 Einleitung in die Thematik und Formulierung der Forschungsfrage
1.2. Geplante Vorgehensweise

2. Forschungsstand zum Zusammenhang von Social Network Sites, Sozialen Verbindungen und Sozialem Kapital

3. Theorethischer Rahmen zu sozialen Verbindungen und sozialem Kapital
3.1. Mark S. Granovetter: The Strength of weak ties
3.2. Soziales Kapital nach James S. Coleman
3.3. Soziales Kapital als individuelle Ressource
3.4. Bridging und Bonding Social Capital nach Robert D. Putnam
3.5. Maintained Social Ties bzw. Maintained Social Capital nach Nicole Ellison et. al

4. Hauptteil
4.1. Hypothesenentwicklung
4.2. Analyse der Literatur zur Überprüfung der Hypothesen
4.3. Zusammenfassung der Ergebnisse

5. Schlußteil
5.1. Diskussion
5.2. Schlußfolgerung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Einleitung in die Thematik und Formulierung der Forschungsfrage

Seit einigen Jahren gewinnen Social Media Angebote des Internets zunehmend an Beliebtheit und werden auch immer mehr Teil des alltäglichen Lebens eines großen Teils der Bevölkerung Deutschlands, aber ebenso in fast ganz Europa und den ganzen USA, sowie auch Asien und darüber hinaus. Diese Entwicklung kann kurz und langfristig Auswirkungen auf viele Lebensbereiche haben, dadurch dass sich die Kommunikation und die Art und Weise, wie Menschen miteinander in Kontakt kommen und bleiben können, verändert haben.

In meiner Bachelor Arbeit möchte ich mich mit der Entwicklung sozialer Beziehungen in Zeiten von Social Network Sites (SNS) wie z.B. Facebook beschäftigen. Soziale Beziehungen kann man auch als soziale Verbindungen verschiedener Stärke ansehen. Je nach Nähe und Intimität der Beziehung kann man sie als starke oder schwache Verbindungen bezeichnen (Grannovetter 1995).

Seitdem Social Network Sites Einzug in das Leben der Menschen gehalten haben, ist es so ziemlich jedem, der einen Internetzugang hat und Interesse daran hat, möglich, sich ein Profil auf einer der vielen Social Network Sites einzurichten. Hieraus ergibt sich das für die Person die Möglichkeit, seine verschiedenen Kontakte oder Beziehungen in Form von Verlinkungen zu visualisieren und aufzulisten und dauerhaft mit seinen Verbindungen ohne großen Zeit- und Kostenaufwand im Kontakt zu bleiben. Zwar wird sich über die Formulierung ,,Social Network Sites" bzw. Social Networking Sites noch gestritten, wobei u.a. Boyd und Ellison (2009) der Auffassung sind, das der Terminus ,,Networking" hier eher zu verstehen ist als beziehungsbildendes Element zwischen Fremden, während der Terminus ,,Network" sich eher auf das schon vorhandene soziale Netzwerk bezieht. Ich werde im weiteren Verlauf dieser Arbeit den Terminus ,,Social Network Sites" beibehalten, wie auch ein Großteil der Autoren, sie sich mit diesem Thema beschäftigen.(Boyd, Ellison 2009). Desweiteren wurden inzwischen 3 unterschiedliche Dimensionen des sozialen Verhaltens auf SNS ausgemacht: 1. Initiating: Hierbei ist das Hauptaugenmerk des sozialen Handelns darauf ausgerichtet, Fremde kennen zu lernen. 2.. Maintaining: Hauptsächlich soziales Handeln darauf gerichtet, existierende Verbindungen und Kontakte aufrecht zu erhalten. 3. Social Information Seeking: Nutzung der Möglichkeit, über das Profil, persönliche Informationen, Fotos usw. Mehr über seine Offline-Kontakte zu erfahren, sie quasi besser kennen zu lernen (Ellison, Seinfeld, Lampe 2011).

Da inzwischen sehr viele Menschen (in Deutschland laut ZDF/ARD-Online Studie waren es 2011 schon 42% der Gesamtbevölkerung (Busemann, Gescheidle 2011), 2012 besaßen 88% der Teens und 74% der Twens eine SNS-Profil (Busemann, Gescheidle 2012), 2013 waren es 46% der gesamten Onliner in der Studie, davon hatten 89% ein Facebook Profil (Busemann 2013)) mindestens ein Profil auf einer der größeren SNS hat, ist es so möglich, ein großes Netzwerk an Freunden und Bekannten zu verwalten, und das auf einfache und kostengünstige Art und Weise. Denn einer der drei Hauptaspekten von SNS ist das Beziehungsmanagement, und die Online Netzwerke überlappen sich oft mit den Offline Netzwerken, geben aber ebenso die Möglichkeit, sein Netzwerk weiter zu expandieren. Aus einem größeren, erweiterten Netzwerk können sich dann auch neue Möglichkeiten eröffnen, denn vielseitige Kontakte können auch als eine Art ,,Schlüsselqualifikation" dienen, und in der modernen Gesellschaft, die durch hohe Mobilität in Beruf und Lebensweise geprägt ist, dem Individuum durchaus von Nutzen sein (Schmidt, Paus-Hasebrink, Hasebrink 2009)

Daraus ergibt sich für mich die Frage: Haben sich seit der vermehrten Nutzung von Social Network Sites soziale Verbindungen verändert? Haben SNS-Nutzer mehr Verbindungen als vorher und als Nicht-Nutzer, durch die Möglichkeit, große Netzwerke effektiver aufrecht erhalten zu können, oder haben sie genauso viel Kontakte wie vorher und kommunizieren nur mit den eh schon vorhandenen Verbindungen? Zwar schliese sich, langsam aber sicher, die Kluft, auch als ,,Digitaler Graben" bezeichnet, zwischen Nutzer und Nicht-Nutzern, dennoch gibt es auch Überlegungen in die Richtung, ob nicht die Nicht-Nutzer jetzt von der Gefahr bedroht seien, aufgrund ihrer mangelden Teilhabe innerhalb dieser Social Network Sites, isoliert zu werden (Erb, Dashevska, Thyssen 2009). Unterschiedliche Studien haben sich auch schon mit dem Thema beschäftigt und stellten tatsächlich gewisse Unterschiede zwischen Nicht-Nutzer und Nutzer in Sachen Isolation fest, u.a. stellte Hargiatti (2007) fest, das Studenten, die noch zuhause wohnen und nicht auf SNS aktiv mit ihren Kommilitonen verknüpft sind, verstärkt soziale Isolation empfinden. Dies bestätigt jedenfalls ansatzweise diverse Thesen, das Personen, die nicht digital miteinander vernetzt sind, von der Kommunikation ausgeschlossen sind und isoliert sind. (Hargiatti 2007; Erb, Dashevska, Thyssen 2009; Schmidt, Paus-Hasebrink, Hasebrink 2009).

Es besteht natürlich auch immer die Möglichkeit eines Trugschlusses bei dem Vergleich Nutzer und Nicht-Nutzer, da eventuell die Gruppe der Nichtnutzer größtenteils aus Personen bestehen könnte, die lediglich kein Interesse an der Nutzung von Social Network Sites haben oder keinen Bedarf zum Beispiel. Man kann diese Personengruppe der Nichtnutzer aber auch als Vorher-Zustand betrachten, da auf ihr persönliches Netzwerk diese Technologie noch nicht eingewirkt hat, und sie demnach noch immer Kontakt halten, kommunizieren und auf den Laufenden bleiben wie SNS-Nutzer, bevor sie angefangen haben, diesen neuen Kommunikationskanal zu nutzen. Deswegen möchte ich darauf verweisen, wenn ich im weiteren Verlauf meiner Arbeit von Nicht-Nutzern spreche, meine ich diesbezüglich den Fokus auf die Einwirkung von SNS auf ihr persönliches Netzwerk und ihre Form zu Kommunizieren und Kontakte aufrecht zu erhalten, nicht auf die persönliche Motivation oder den Bedarf jener Personen. Der Korrektheit halber werde ich aber, wann immer möglich, auch Daten über den Vorher-Zustand der SNS-Nutzer selbst miteinbeziehen, um eventuelle Trugschlüsse; so weit wie eben möglich; ausschliessen zu können.

Die Frage, die sich hieraus anschließt, ist: Wenn SNS-Nutzer tatsächlich mehr soziale Verbindungen inne haben, was resultiert daraus? Aus den meisten sozialen Verbindungen resultiert Sozialkapital, was man als Ressource ansehen kann. Je nach der Stärke der Verbindungen zu verschiedenen Menschen kann daraus Bridging oder Bonding Social Capital resultieren, und hiermit gehen Möglichkeiten einher, dieses Soziale Kapital zu nutzen, je nach Typ in materieller oder infomeller Form oder auch als emotinale Unterstützung. Deswegen ergibt sich weitergehend die Frage, wenn SNS-Nutzer tatsächlich über mehr soziale Verbindungen verfügen, verfügen sie auch über mehr Sozialkapital als vorher bzw. als Nicht-Nutzer?

1.2. Geplante Vorgehensweise

Um dieser Frage nachzugehen, möchte ich zu Beginn meiner Arbeit erstmal einen knappen Überblick über den immer umfassender werdenden Forschungsstand speziell zu dem Thema Social Network Sites und deren Zusammenhang und Einflussnahme auf die sozialen Verbindungen und soziales Kapital liefern. Im Anschluss möchte ich dem Verständnis halber einen theoretischen Rahmen spannen um das Thema soziale Verbindungen und Sozialkapital. Zu Beginn möchte ich mich auf Grannovetter und Putnam und die verschieden Arten von sozialen Verbindungen und Sozialem Kapital beziehen (strong und weak ties, bridging und bronding social capital), ebenso möchte ich auf James Coleman eingehen und ein generelles Verständnis von Sozialem Kapital herzustellen, und im Besonderen auch die Betrachtungsweise von Sozialkapital als Ressource zu betrachten. Im Anschluss daran werde ich die von Nicole Ellison, Charles Seinfeld und Cliff Lampe neu definierte Form ,,Maintained Social Capital" und die damit verbundenen maintained ties vorstellen (Ellison, Seinfeld und Lampe 2007).

Im Hauptteil meiner Arbeit in Form einer Literaturstudie möchte ich mich speziell mit dem Zusammenhang sozialer Verbindungen und Social Network Sites beschäftigen. Dazu werde ich aus meinen Forschungsfragen ableitend Hypothesen formulieren und diese dann anhand verschiedener Studien und Untersuchungen zum Thema Social Network Sites und sozialen Verbindungen zu untersuchen und zu überprüfen, um dann am Ende meiner Arbeit Aussagen darüber treffen zu können, welche meiner Hypothesen zutreffen und welche nicht. Aus den Ergebnissen meiner Untersuchung möchte ich dann Rückschlüsse ziehen über die kurz- und langfristigen Folgen und Möglichkeiten für das Individuum im einzelnen und sein persönliches Netzwerk im Ganzen. Im Anschluss daran möchte ich meine Ergebnisse zusammenfassen und einen Überblick liefern über das, was ich herausgefunden habe, um dann daraus ableitend im Diskussionsteil eventuell offen gebliebene Fragen zu benennen und für die zukünftige Forschung rauszuarbeiten. Ebenfalls möchte ich im Diskussionsteil nochmal kurz auf einige Aspekte wie Nutzungsmotive und Nutzertypen eingehen sowie weitere Aspekte, die sich aus bedeutsam herausgestellt haben, hinsichtlich der sich ergebenden Möglichkeiten interpretieren und diskutieren. Zum Abschluss werden ich auf den Ergebnissen meiner Analyse und Diskussion Schlußfolgerungen ziehen darüber, ob durch die neue Art der Kommunikation über Social Network Sites sich die Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen tatsächlich verändert haben.

2. Forschungsstand zum Zusammenhang von Social Network Sites, Sozialen Verbindungen und Sozialem Kapital

In einem umfassenen Bericht zu Social Networking Sites geben Boyd und Ellison (2009) eine allgemeine Übersicht zur Geschichte und Entstehung von SNS, ebenso eine Definition die seither von vielen anderen Studien in diesem Gebiet übernommen wurde. Ebenso gehen sie in diesem Artikel auf die bisherige Forschung ein, auf Veränderungen im Laufe der Jahre und mögliche Entwicklungen. Zentrale Ergebnisse waren bis dato das sich der größte Teil der Kommunikation auf Verbindungen konzentriert, die man schon vorher aus dem Offline-Leben kannte und das Hauptmotiv für die Nutzung die Aufrechterhaltung vorhandener Kontakte bzw. Ties ist.

2012 haben dann Seinfeld et. al. die Idee dieses Berichts erweitert und direkt in Beziehung mit dem Konzept Sozialkapital gebracht und alle entscheidenden bisherigen Ergebnisse zusammengefasst, hauptsächlich die Ergebnisse von Ellison et. al. die einen positiven Zusammenhang zwischen SNS und Bridging Social Capital nachweisen. Als Schlußfolgerung aus den Ergebnissen akzentuieren die Autoren, dass SNS-Gebrauch die Aufrechterhaltung großer, heterogener Netzwerke erleichtert (Seinfeld, Ellison, Lampe, Vitak 2012).

Eine frühere Studie von Nicole Ellison, Charles Seinfeld und Cliff Lampe (2006) stellte einen großen Einfluß von Facebook auf die Entwicklung und Aufrechterhaltung sozialem Kapitals fest, zumeist auf das wahrgenommene Bridging Social Capital, die Ergebnisse deuteten aber ebenfalls an, das die Aufrechterhaltung von strong ties bzw. Bonding social Capital ebenfall beeinflusst wird. Die User können größere Netzwerke schnell und kostengünstig aufrechterhalten, die größte Motivation ist dennoch die Aufrechterhaltung des schon vorhandenen Netzwerks bzw. der schon vorhandenen Verbindungen (Ellison, Seinfeld, Lampe 2006). Im darauffolgenden Jahr folgte die nächste, entscheidende Untersuchung zum Zusammenhang von Social Networking Sites und Sozialem Kapital ist von Nicole Ellison, Charles Seinfeld und Cliff Lampe (2007). Hier wurde eine definitiv positive Beziehung zwischen dem Gebrauch von Facebook und der Aufrechterhaltung und Herstellung sozialem Kapitals festgestellt. Eine Schlussfolgerung aus dieser Studie ist, dass der Gebrauch von Facebook eine wichtige Rolle spielt für alle drei Formen sozialem Kapitals: Bridging, Bonding und Maintained Social Capital. Diese neue Form von Sozialem Kapital wird von den Autoren hier erstmals erwähnt und definiert, ebenso wie Items entwickelt worden sind, um Maintained Social Kapital zu messen (Ellison, Seinfeld, Lampe 2007). Eine darauf folgende Untersuchung, ebenfalls von Seinfeld et. al. (2008) fand zusätzlich heraus, dass ein Anstieg der Facebook-Intensität zu einem Anstieg an Bridging Social Capital führt. Die Netzwerke von Facebook Usern seien demnach eine große und heterogene ,,Sammlung an weak ties". Zusätzlich stellten die Autoren fest, das Probanden mit einem höherem Selbstwert und einer höheren Lebenszufriedenheit in diesem Kontaxt mehr Bridging Social Kapital wahrnehmen (Seinfeld, Ellison, Lampe 2008). In einer neueren Studie haben Ellison et. al. dann auch die 3 Dimensionen sozialen Handelns herausgearbeitet. 1. Initiating, 2. Maintaining und 3. Social Information Seeking. Hierbei fiel vor allen Dingen auf, das die dritte Dimension, das Social Information Seeking, hochsignifikant mit dem wahrgenommenem Bridging Social Capital der User korreliert ist. (Ellison, Seinfeld, Lampe 2011)

Sebastian Valenzuela et. al. (2009) fanden einen positiven Zusammenhang zwischen dem Gebrauch von Facebook, einer der beliebtesten SNS in Europa und den USA, und sozialem Vertrauen, politischem und zivilem Engagement und politischer Teilhabe, den Komponenten, aus denen nach Putnam Sozial Kapital besteht, bei den Studenten ihrer Untersuchung.

Burke et. al. fanden einen Zusammenhang zwischen dem Selbstwert und der Lebenszufriedenheit von SNS-Usern und der empfundenen Einsamkeit sowie Bridging Social Capital heraus. Generell steht ihren Ergebnissen zufolge allgemeiner SNS-Gebrauch in einem positivem Zusammenhang mit beiden Arten von Social Capital: Bridging und Bonding. Zusätzlich wird zwischen Inhalten konsumieren und Direkter Kommunikation unterschieden, wobei sie herausfanden das das Konsumieren eher in einem negativem Zusammenhang mit Social Capital steht, während direkte Kommunikation einen positiven Einfluss auf das Bridging Social Capital hat (Burke, Marlow, Lento 2010).

Eine weitere Untersuchung über Facebook-User von Brandtzaeg und Heim (2009) aus Norwegen fand heraus, das die Nutzung von SNS beiderlei Arten von Sozialem Kapital unterstützt, Bonding sowie Bridging, resultierend durch einen vermehrten Kontakt mit beiderlei, Freunden und Familie sowie Bekannten (Brandtzaeg, Heim 2009). Eine Untersuchung von Brandtzaeg, Lüders und Skjetne (2010) entdeckte ebenfalls einen Zusammenhang zwischen SNS Gebrauch und dem wahrgenommenem Bridging und Bonding Social Capital. Dies aüßere sich vor allem durch den vermehrten Kontakt mit Familie, Freunden und Bekannten durch die vielseitigen neuen Möglichkeiten schnell und unkompliziert im Kontakt zu bleiben. Eine Langzeitstudie, ebenfall aus Norwegen von Petter Bae Brandtzaeg (2012), ,,Social Networking Sites – Their Users and Social Implications" vergleicht die sozialen Implikationen zwischen Usern und Nicht Usern auf 4 verschieden Sozialkapitalebenen und identifiziert 5 verschiedene Handlungstypen von SNS-Nutzern: Sozializer, Debaters, Advanced, Sporadics und Lurkers. Wobei das interessanteste Erbeniss ist, dass generell User im Vergleich zu Nicht-Usern einen signifikanten Anstieg an Bekanntschaften bzw. Bridging Social Capital haben. Den höchsten Grad an wahrgenommenem Bridging Social Capital weisen dabei die Nutzertypen Socializer und Advanced auf (Brandtzaeg 2012).

3. Theorethischer Rahmen zu sozialen Verbindungen und sozialem Kapital

3.1. Mark S. Granovetter: The Strength of weak ties

Nach Granovetter hat man zu jeder bekannten Person aus seinem Umfeld, also primär Kollegen, Bekannte, Freunde und Familie, eine soziale Verbindung. Diese Verbindungen können von verschiedener Stärke sein. Die Stärke der Verbindung setzt sich aus einer Kombination aus verbrachter gemeinsamer Zeit, der emotionalen Intensität, der Intimität und den ,,gegenseitigen Diensten" zusammen. Alle diese Faktoren sind zwar unabhängig voneinander, aber korrelieren im Ganzen und ergeben somit eine entweder schwache (weak) oder starke (strong) Verbindung (tie) zwischen zwei Individuen. Schwache Verbindungen verbinden eher Menschen aus heterogenen Gruppen mit verschiedenartigen Hintergründen, während starke Verbindungen sich eher auf partikulare, homogenere Gruppen konzentrieren. Eine Verbindung ist eine Brücke, wenn sie den einzigen Pfad darstellt, worüber zwei Punkte verbunden sind, und über diese Verbindung können Informationen zu anderen Punkten bzw. Personen fliessen. Daher spielen Brücken eine sehr wichtige Rolle für die Diffusion. Schwache Verbindungen zwischen zwei Individuen können nach Granovetter als eine Brücke dienen, die eine Person über eine andere wieder mit einer anderen Person oder einem anderem Personenkreis verbinden kann. Nicht alle weak-ties sind Brücken, dennoch sind alle Brücken schwache, weak-ties. Aufgrund dessen, dass, wann immer eine Person eine starke Verbindung zu zwei verschiedenen Personen hat, die eigentlich nicht verbunden sind, durch die starke Verbindung zur ersten Personen auch die beiden anderen in irgendeiner Art verbunden sind (forbidden triad). Daher könen starke Verbindungen keine Brücken sein. Starke Verbindungen bilden nach Granovetter ein dichtes Netzwerk zu Freunden und Familie, während das weak-tie Netzwerk meist weniger dicht ist. In seiner Untersuchung stellt Granovetter fest, dass ein Individuum die meisten informellen Resourcen über seine weak ties bezieht, daher sind diese schwachen Verbindungen von wichtiger Bedeutung für das Individuum und begünstigen soziale Kohäsion. Durch die Mobilität, die durch die weak-ties zustande kommt, können mehr Infos ,,fliessen" zwischen verschiedenen Individuuen und Gruppen. Aus dem folgt, dass, umso mehr weak ties als lokale Brücken zwischen Personenkreisen dienen, umso höher wird der Grad an Kohäsion in der Gesellschaft. In Granovetters Untersuchung stellt er fest, das Personen, die überwiegend weak-tie Verbindungen haben, durch diese leichter einen Job nach Arbeitslosigkeit fanden als über strong-tie Verbindungen, da durch den heterogeneren Personenkreis, der die weak-ties umfasst, sich ein breiteres Angebot am Möglichkeiten und Informationen ergibt. Das ist das Phänomen das Granovetter als ,,The Strength of weak-ties" bezeichnet (Granovetter 1973).

3.2. Soziales Kapital nach James S. Coleman

Nach einem Bedeutungswandel des Begriffs ,,Sozial Kapital" wird er heute vermehrt dazu eingesetzt, die Umwandlung von Humankapital zu erklären. Sozialkapital und Humankapital stehen demnach in einer komplementären Beziehung zueinander, in der das Humankapital als Knoten in der Netzwerkstruktur zwischen mehreren Individuen darstellbar ist. Das Sozialkapital ist dann in den Beziehungen zwischen den Individuen zu finden (Coleman 1990:304, 1991:395; Sonja Haug 1997:2). Es besteht eine Interaktionswirkung zwischen beiden Kapitalsorten. Beispielweise kann das Soziale Kapital, in Form von Familienbeziehungen, aber auch in Form von Normen und den damit verbundenen Sanktionen, den schulischen Erfolg ebenso wie das vorhandene Humankapital der Eltern beeinflussen (Coleman 1988). Coleman betrachtet die Sache in einem Makro-Mikro-Makro-Modell. Auf der Makroebene existieren Handlungsstrukturen, diese beeinflussen über Ressourcenausstattung, Kontrolle und Interesse das Handeln der Individuen auf der Mikro-Ebene, wodurch z.B. Tauschhandlungen entstehen, und durch diese entstandenen Handlungen lassen sich auf der Makroebende eben wieder die Entstehung von sozialen Strukturen wie Vertrauensbeziehungen, Normen, kollektives Handeln u.ä. erklären. Auf der Makroebende dienen dann soziale Beziehungen, Kontext und Normen als Teil der Sozialstruktur, auf der Mikroebene lassen sich aber soziale Beziehungen auch als Ressourcen für die einzelnen Individuen betrachten, die als Randbedingungen für Entscheidungen dienen (Coleman 1990).

Nach Colemans Sozialkapitaldefinition ist es keine Einzelgebilde, sondern besteht aus vielen verschiedenen Gebilden, die zwei Dinge gemeinsam haben: Sie bestehen alle aus irgendeinem Aspekt der Sozialstruktur, und durch die werden bestimmte Handlungen der Individuen innerhalb dieser Sozialstruktur begünstigt (Coleman 1990:302, 1991:392; Haug 1997:3). Damit hat das Soziale Kapital zwei unterschiedliche Komponenten: Zum ersten ist es ein Teil der Sozialstruktur, zum zweiten besteht seine Wirkung in einer Handlungsbegünstigung. Dies kann nur aufgrund von Vertrauen und Reziprozität funktionieren, da einer Person der anderen z.B. einen Gefallen tut, in dem Vetrauen in die Reziprozität der Beziehung, dadurch quasi einen ,,Kredit" bei dem anderen hat, was man als soziales Kapital im purem Sinne verstehen kann (Coleman 1988:102).

Coleman definierte demnach verschieden Formen von Sozialem Kapital: Das Vertrauen, bestehend aus der Vertrauenswürdigkeit der Umgebung und der tatsächlichen Menge der einzulösenden Verpflichtungen; dem Informationspotential, das sozialen Beziehungen innewohnt und als Handlungsgrundlage dienen kann; Normen und die damit verbunden wirksamen Sanktionen; Herrschaftsbeziehungen zur Lösung von Kollektivproblemen; Übereignugsfähige soziale Organisationen, in denen soziales Kapital bereitgestellt werden kann; und zielgerichtete Organisationen, in den Soziales Kapital als Nebenprodukt entsteht.(Coleman 1990).

3.3. Soziales Kapital als individuelle Ressource

Coleman und Putnam, aber ebenso Pierre Bordieu's Vorstellung von Sozialkapital folgend, kann man verschiedene Aspekte von Sozialem Kapital betrachten. Im weiteren Verlauf möchte ich die Ebene des Sozialkapital als Ressource betrachten.

Nach Bordieu stellt Sozialkapital die Zugehörigkeit zu sozialen Netzen dar, in der gegenseitige Verpflichtungsbeziehungen, Vertrauen und Reputation existieren, die ein ,,Kapital" an Beziehungen bilden (Bordieu 1992:204). Diese sozialen Beziehungen können gewinnbringen eingesetzt werden und ökonomisches und kulturelles Kapital verwerten, sodass sie einen Ressourcencharakter innehaben. Da es in den Beziehungen innewohnt, existiert keine Sicherheit über das Kapital, ebenso kann es nicht ohne die betreffende Person genutzt werden, also wird es nie zu einer persönlichen Ressource (Haug 1997:10).

Individuen investieren in Form von ,,Beziehungsarbeit" in die sozialen Beziehungen und somit auch in die Ressourcen, die diesen Beziehungen innewohnen, wobei davon ausgegangen wird, dass Investitionen effektiv sein sollten im Sinne der Erhöhung des Gesamtkapitals (Esser 1996). Die meisten Formen des entstandenen Sozialkapitals kann mal als moralische Ressourcen auffassen, wie z.B. Moralische Anteilnahme, Gemeinsinn, Liebe etc.. Dies sind aber auch Ressourcen, die immer wieder erneuert werden müssen, bzw. durch Nutzung intakt bleiben und auch nicht weniger, sondern eher mehr werden (Putnam 1993:169; Haug 1997:11). Hier wird dann wieder Beziehungsarbeit geleistet, um diese Beziehungen und somit auch Ressourcen, aufrechtzuerhalten.

Dieses System basiert auf Gegenseitigkeit, d.h. wenn einer mehr gibt als der andere, besteht die Möglichkeit, diese Beziehung zu überstrapazieren. Somit ist eine Ausgewogenheit zwischen Investition und Nutzung sehr entscheidend für eine funktionierende Beziehung.(Haug 1997:11)

Bei der Betrachtung des Ressourcencharakters wird deutlich, dass durch soziale Beziehungen und dem innewohnenden Sozialem Kapital auch Vorteile und Nutzen für die beteiligten Individuen entstehen, somit kann das Soziale Kapital zu Handlungsbegünstigungen führen, was auch weiter oben erwähnt als eine der zwei Hauptkomponenten des Sozialkapitalbegriffs nach Coleman anzuerkennen ist (Coleman 1988; Haug 1997).

3.4. Bridging und Bonding Social Capital nach Robert D. Putnam

Im Wesentlichem enthält das Sozialkapital nach Robert Putnam drei Aspekte: Das soziale Vertrauen, dass den Menschen ein koordinierteres gesellschaftliches Beieinander ermöglicht; die Normen-Reziprozität, die der Lösung sozialer Konflikte behilflich ist; und Netzwerke zivilgesellschaftlichem Engagements, die den beiden vorausgegangenen Punkten förderlich sind, also sich positiv auf soziales Vertrauen und Reziprozität auswirken. Der die Förderung informeller Kooperation und der Schaffung eines ,,generalisierten" Vertrauens dienen hierbei die ,,civic associations" in Form von Vereinigungen und Gruppen mit hoher Konnektivität unter den Mitgliedern, für Putnam ein ,,Grundpfeiler" der Demokratie. Hier werde jenes soziales Verhalten erlernt, was dem Individuum auch außerhalb dieser Assoziationen und Vereine behilflich sein kann. Dabei bildet sich gerade innerhalb dieser Assoziationen Sozialkapital während des gemeinschaftlichem Handels (Putnam 1995).

Putnam unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Arten Sozialem Kapitals: Bridging und Bonding. Bridging Social Capital ist ein ,,überbrückendes" soziales Kapital und inklusiv, das heißt es gibt generell keine Individuen oder Personengruppen die hiervon prinzipiell ausgeschlossen wären. Es tritt auf wenn Verbindungen zwischen Individuen mit verschiedenen Hintergründen und aus heterogenen Personengruppen gebildet werden. Diese Verbindungen können zaghafte, schwache Verbindungen sein, aber was ihnen quasi an Tiefe fehlt, wird wieder durch Weite erreicht. Durch Bridging Social Kapital, als Fortsetzung von Granovetters weak-tie-Konzept, können informelle und materielle Resourcen besser ,,fliessen", soziale Horizonte und Weltsichten können sich erweitern durch den Einfluss aus vielseitigen, heterogenen Personengruppen. Auf der negativen Seite erhält man vom Bridging Social Kapital wenig bis gar keine emotionale Unterstützung.

Im Gegensatz dazu kann Bonding Social Capital exklusiv sein. Es tritt bei stark miteinander verbundenen Individuen auf, also zumeist bei Familienmitgliedern und engen Freunden, die sich gegenseitig wenn nötig emotionale und substantielle Unterstützung leisten. Meist weisen die miteinander verbundenen Individuuen einen ähnlichen sozialen Hintergrund und eine strong-tie Verbindung auf. Ein wichtiger Faktor hierbei ist die Reziprozität, durch sie tritt eine Art Beziehungsnorm in Kraft, die wiederkehrende und gegenseitiges Geben und Nehmen mit einschließt. Durch sie wird zwar starke emotionale Unterstützung möglich macht, aber weitere Mobilisation zu anderen Personen(gruppen) durch die enge Verknüpfung zwischen diesen Individuen wird verhindert oder zumindest erschwert (Putnam 1995; 2000).

3.5. Maintained Social Ties bzw. Maintained Social Capital nach Nicole Ellison et. al.

Nicole Ellison, Cliff Lampe und Charles Seinfeld entwicklten das Konzept vom ,,Maintained Social Capital". Es beschreibt die Möglichkeit wertvolle Verbindungen über Lebensveränderungsprozesse hinaus aufrechtzuerhalten. Dieses Konzept ermöglicht zu erforschen, ob Online Netzwerk Tools, also Soziale Netwerk Seiten und die beinhalteten Anwendungen , den Individuen ermöglichen mit ihren Sozialen Netzwerken in Kontakt zu bleiben, nachdem sie sich physich von ihnen getrennt haben. In den betreffenden Untersuchungen waren die Probanden Collegestudenten, sodass ihr "Maintained Social Capital" die Verbindungen zu ehemaligen Schulfreunden umfasste (Ellison, Seinfeld, Lampe 2007). Ebenfalls stellten sie von ihnen entwickelte Meßzahlen für ,,Maintained Social Capital" vor, mit dem Fokus auf der Aufrechterhaltung Sozialem Kapitals nach einer erheblichen Lebensveränderung. Da in der dazugehörigen Untersuchung College-Studenten die Probanden waren, wurde davon ausgehend das Augenmerk auf die Möglichkeit der Einflussnahme und Aufrechterhaltung sozialer Verbindungen aus der Highschool gelegt, da dies die sozialen Netzwerke der Probanden sind, die von einem Wegzug zum College betroffen wären. Denn hierbei handelt es sich oft große, ethablierte Netzwerke, die zurückgelassen werden, was ein enormer Verlust an Sozialem Kapital bedeutet für die betreffenden Personen. Gerade solche Verbindungen, die zumeist zwar schwache Verbindungen sind, gerade wenn sie aber nicht mit anderen starken Verbindungen assoziert sind, können viele Vorteile mit sich bringen (Granovetter 1973), was erklärt, warum diese Dimension von Sozial Kapital auch eine Bedeutung zuzumessen ist und ein Interesse besteht, sich näher damit zu befassen.

Um die Rolle der Aufrechterhaltenen Beziehungen als schwache, Bridging Verbindungen zu testen, haben Ellison et. al. generelle Befragungen nach Bridging Social Capital adaptiert, basierend Größtenteils auf der von Williams (2006) entwickelten Online Social Capital Skala (ISCS; Williams 2006). Die von ihnen entwickelte Skala adaptierte darüber hinaus traditionelle Meßzahlen Sozialem Kapitals welche auf die Möglichkeit der Individueen zielen, Unterstützung zu mobilisieren mit dem Fokus darauf, Hilfe und Unterstützung zu erhalten von einer Gemeinschaft, der man ehemals angehört hat. Dabei werden für die ,,Maintained Social Capital Scale" Items abgefragt wie: ,,Ich finde über Bekannte etwas über Ereignisse in der befindlichen Stadt heraus"; ,,Wenn es nötig wäre, könnte ich einen High School Bekannten nach einen kleinen Gefallen fragen"; ,,Es wäre möglich bei einem High School Bekannten zu bleiben wenn ich in eine andere Stadt reisen würde"; ,,Es wäre möglich über High School Bekannte an Informationen über einen Job oder eine Partnerschaft heran zu kommen" und ,,Es wäre einfach Personen zu unserem High School Klassentreffen einzuladen"(Ellison, Seinfeld,Lampe 2007).

4. Hauptteil

4.1. Hypothesenentwicklung

Entgegen der früheren Annahme, dass die Menschen durch die vermehrte Nutzung von Computern und dem Internet vereinsamen, ist in den letzten Jahren immer deutlicher geworden, dass höchstwarscheinlich eher dass Gegenteil der Fall ist. Die Menschen sind durch ihre Computer und das Internet vernetzter als je zuvor. Seit dem Aufkommen Sozialer Netzwerk Seiten (Social Network Sites, kurz SNS) und Communtitys im neuen Mitmach-Internet 2.0 gibt es für die Menschen eine größere Vielfalt an Möglichkeiten, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und zu bleiben. Dies müsste bedeuten, dass die Menschen weniger Kontakte verlieren, verlorene Kontakte eventuell wiederbeleben und auch zusätzlich die Möglichkeit besteht, immer mehr andere Menschen kennenzulernen, im offline Leben sowie dem Online-Netzwerk, und auch diese Kontakte zu halten. Aus diesen gegebenen Entwicklungen ergibt sich meine Forschungsfrage : Haben die Menschen seit der vermehrten Nutzung von Social Network Sites mehr soziale Verbindungen als vorher?

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Details

Seiten
53
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656917052
ISBN (Buch)
9783656917069
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v294004
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,7
Schlagworte
Social Web Social Media Social Network Sites Social Networking Sites SNS Soziale Verbindungen Facebook Web 2.0 Disclosure Social Seeking Bonding Social Capital Bridging Social Capital Social Ties Strong ties weak ties Mark S. Granovetter Internet Soziales verhalten im Cyberspace Aufrechterhaltung sozialer Verbindungen Maintained Social Capital

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