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Kinderarmut in Deutschland. Kinderarmut aus Kinderperspektive und kindbezogene Armutsprävention

Hausarbeit 2014 19 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Erklärung und Definition von „Armut“
2.1 „Armut“ allgemein
2.2 Absolute und relative Armut
2.3 Armutskonzepte

3. Kinderarmut aus Kinderperspektive
3.1Auswirkungen von Armut
3.2 Bewältigungsstrategien von Kindern
3.3 Bewältigungstypen

4. Kindbezogene Armutspräventation
4.1 Resilienzförderung als Ansatz von Armutspräventation
4.2 Übertragung auf die Praxis
4.3 Ausblicke in die Zukunft

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Kinderarmut ist ein sozialpädagogischer Gegenstand, der in Deutschland in der näheren Vergangenheit in den Fokus der aktuellen Forschung sowie der sozialpolitischen Diskussion gelangt ist und dem somit ein großes Maß an Aufmerksamkeit zu Teil wird. Dies lässt sich anhand der stetig zunehmenden Publikationen belegen. Darüber hinaus ist zu erkennen, dass diese Problematik durch diverse Tagungen, aber auch durch die öffentliche mediale Berichterstattung und die daraus resultierende öffentliche Diskussion in den Fokus der öffentlichen und fachübergreifenden Aufmerksamkeit rückt. [1]

In der deutschen Armutsforschung blieb diese Problematik allerdings lange Zeit unberücksichtigt. Kinder wurden nicht als von Armut betroffene Subjekte wahrgenommen, sondern lediglich als Ursache von Familienarmut oder als Angehörige von sozial benachteiligten oder einkommensarmen Haushalten betrachtet.

Erst zu Beginn der 1990er Jahre, als es zu Sozialberichterstattungen kam wurde Kinderarmut als eigenständiger Gegenstand der Forschung wahrgenommen. Im Laufe der 1990er Jahre kam es zu ersten Publikationen, die sich mit differenzierten Faktoren hinsichtlich Kinderarmut beschäftigten und diesbezüglich Erkenntnisse lieferten.

Doch erst der im Jahr 2001 veröffentlichte 1.Nationale Armut- und Reichtumsbericht der Bundesregierung löste eine öffentliche Diskussion über Armut sowie soziale Ausgrenzung in Deutschland aus. Es zeigte sich eine steigende Armut bei Kindern beziehungsweise Familien mit Kindern.[2]

Auch die darauf folgenden Armuts- und Reichtumsberichte, sowie zahlreiche andere Publikationen, wie beispielweise die World Vision Studie 2010 zeigten auf, dass die Armut bei Kindern unter 18 Jahren stetig stieg.

Besonders die aktuellen Zahlen von Kinderarmut zeigen die immer noch aktuelle Problematik und den daraus resultierenden Forschungs- und Handlungsbedarf auf. Laut Mikrozensus (statistische Erhebung) lag die Armutsquote von Minderjährigen im Jahr 2011 bei 18,9 Prozent. In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass in besagtem Jahr 2.457.000 Kinder unter 18 Jahren von Armut betroffen waren. Die Armutsquote der deutschen Gesamtbevölkerung lag hingegen nur bei 15,1 Prozent und somit 3,8 Prozentpunkte unter der der Minderjährigen.[3] Aus dieser Tatsache lässt sich erkennen, dass die Kinderarmut eine gesellschaftliche Problematik ist und die Gesellschaft als Ganzes mit dieser zu kämpfen hat.

Aus diesem Grund wird diese Thematik auch immer mehr in Fachkreisen der Sozialen Arbeit/ der Sozialpädagogik hinsichtlich möglicher Maßnahmen und den Wegen aus der Kinderarmut kontrovers diskutiert.

Die Thematik der Kinderarmut ist eine besonders sensible, da die betroffenen Kinder einem materiellen, sozialen und kulturellen Mangel hilflos gegenüberstehen und aus diesem hinaus in ihrer persönlichen Entwicklung eingeschränkt werden.[4] Konfrontation mit Armut hat daher für die Zukunft der Kinder weitläufigere Auswirkungen, als es bei Erwachsenen der Fall ist. Infolgedessen stellt sich hier die zentrale Frage, in welcher Weise pädagogische Fachkräfte Kinder unterstützen können, damit diese vor armutsbedingten Folgen geschützt sind und somit lernen Armut zu kompensieren. Zudem stellt sich die Frage, ob Handlungsansätze existieren, die den Fachkräften bei ihrer Arbeit mit armutsgefährdeten Kindern helfen können.

Um diese Fragestellungen zu thematisieren, wird zunächst auf allgemeine Definitionen und Armutskonzepte eingegangen. Diese sollen die Bedeutung von Kinderarmut verdeutlichen. Im Weiteren werden armutsbedingte Auswirkungen und deren Bewältigungsstrategien betrachtet. Wichtig in diesem Kontext sind die unterschiedlichen Bewältigungstypen, die schließlich zur kindbezogenen Armutspräventation überleiten. In diesem letzten Teil der Ausarbeitung wird darauf eingegangen, welche konkreten Handlungsmöglichkeiten Fachkräfte haben und welches Konzept ihnen bei dieser Präventation helfen kann.

Ziel dieser Hausarbeit ist es einen Überblick über die Bedeutung von Kinderarmut zu ermöglichen und aufzuzeigen wie Kinder mit ihrer Situation umgehen, welche Faktoren diesen Umgang beeinflussen und wie letztendlich die Soziale Arbeit/Sozialpädagogik eine Kompensation von Armut ermöglichen kann.

2.Erklärung und Definition von „Armut“

2.1 „Armut“ allgemein

In Fachkreisen gibt es bisher kein Grundkonsens zu dem Begriff Armut.[5] Stattdessen existiert eine Vielzahl unterschiedlicher Definitionen, da es sich bei Armut um einen politisch-normativen Begriff handelt, dessen Definition sich einerseits besonders kompliziert darstelle und andererseits nie von langer Dauer wäre. Ein Grund hierfür ist, dass die Mitglieder einer Gesellschaft unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was unter Armut verstanden werden kann. Zurückzuführen ist dies auf die soziale Stellung, Religion sowie Weltanschauung der jeweiligen Personen.[6] Aus diesem Grund ist keine allgemeine, zeitlose und territorial unabhängige Definition möglich.

2.2 Absolute und relative Armut

In der Armutsforschung wird häufig zwischen absoluter und relativer Armut unterschieden. Zu diesen Grundbegriffen sind allgemeine Definitionen möglich, die im Folgenden dargestellt werden.

Absolute Armut

Unter absoluter Armut wird eine lebensbedrohende Armut verstanden, bei welcher es an existentiellen Bedarfsgütern mangelt. Unter existentiellen Bedarfsgütern werden Güter wie beispielsweise Nahrung, Kleidung, Wasser, Obdach, Heizung und medizinische Versorgung verstanden. Daraus resultierend kann das physische Existenzminimum nicht mehr gewährleistet werden.[7] Diese Form von Armut wird zumeist in Ländern der Dritten Welt und Schwellenländern angetroffen.

Relative Armut

Spricht man allerdings von Kinderarmut in modernen Industrienationen wie Deutschland, handelt es sich um relative Armut. In diesem Kontext versteht man unter „arm sein“ das Leben in sozialer Ungleichheit sowie unter sozialem Ausschluss.[8]

Definiert wird relative Armut durch das Verhältnis des individuellen Einkommens zum Durchschnittseinkommen des jeweiligen Landes.[9] Infolge dessen verfügen betroffene Kinder und deren Familien über zu geringe finanzielle Ressourcen.[10] In Zahlen ausgedrückt gelten Familien als arm, wenn weniger als 60% des Medianeinkommens[11] zur Verfügung steht.[12] Bezogen auf das Jahr 2011 wächst somit nahezu jedes 5.Kind unter 18 Jahren armutsgefährdet auf.[13]

2.3 Armutskonzepte

Im Rahmen der relativen Armut existieren zwei Armutskonzepte mit differenzierten Schwerpunkten. Einerseits werden hier der ressourcenorientierte Ansatz und andererseits der Lebenslagenansatz unterschieden.

Armut unter Berücksichtigung des Ressourcenansatzes wird als Unterausstattung monetärer Ressourcen definiert.[14] Somit wird Kinderarmut aus dieser Perspektive über den sozioökonomischen Status der Eltern erfasst. Diese Betrachtung zeigt deutlich die gegenseitige Abhängigkeit von Einkommen und sozialer Teilhabemöglichkeiten.[15] Je geringer sich die finanziellen Möglichkeiten der Familie gestalten, desto weniger können die Kinder an kommerziellen Angeboten teilnehmen. Der Schwerpunkt dieses Konzeptes liegt auf der Messbarkeit und der damit einhergehenden Identifizierbarkeit der in der Gesellschaft vorliegenden Armutspopulation.[16]

Allerdings kann Armut nicht nur über das Einkommen erfasst werden, da neben dem monetären Aspekt die gesamte Lebenssituation des Kindes berücksichtigt werden muss. Somit stellt Armut vielmehr ein mehrdimensionales Phänomen dar.[17] An diesem Punkt greift der Lebenslagenansatz. Neben der unzureichenden Verfügung über ökonomische Ressourcen ergänzt dieser Ansatz die Problematik um vorliegende Unterversorgungen in anderen primären Lebensbereichen, wie beispielsweise den Bereichen Wohnraum, Arbeit, Bildung, soziale Beziehungen, Gesundheit sowie die sozialen Teilhabechancen Freizeit und Kultur.[18] Gerade der Mangel an sozialen Kontakten, Bildungschancen und sozialer Integration stellt für Kinder eine sehr deprimierende und demoralisierende Problematik dar. Darüber hinaus sind sie einerseits den Einflüssen der Werbeindustrie sowie andererseits dem Druck innerhalb des eigenen Freundeskreises stark ausgesetzt.[19] Folgen und Auswirkungen von Armut werden somit nur dann vollständig sichtbar, wenn man sich mehrdimensionalen Ansätzen bedient. Folgerichtig besteht in der Armutsforschung weitestgehend Einigkeit darüber, dass der Lebenslagenansatz die weitreichendste Erfassung darstellt.

Dennoch ist es wichtig nicht außer Acht zu lassen, dass die beschränkten finanziellen Ressourcen als Ursache für die Unterversorgungen in den jeweiligen Lebensbereichen zu bewerten sind. [20]

Olaf Groh-Samberg verknüpft mit seiner Definition von Armut die zuvor aufgeführte Vielzahl unterschiedlicher Armutsdefinitionen miteinander und bietet damit eine Definition, die zur Aufstellung und Erklärung von Arbeitshypothesen herangezogen werden kann:

„Eine Person gilt in dem Maße von Armut betroffen, wie sie sich im Hinblick auf ihre ökonomischen Ressourcen und die mit ihnen in unmittelbarer Wechselwirkung stehenden Lebenslagen dauerhaft unterhalb des gesellschaftlichen Wohlstandesniveaus bewegt.“ [21]

Mit dieser Definition verbindet er zudem die zuvor aufgeführten Armutskonzepte miteinander.

3. Kinderarmut aus Kinderperspektive

Folgende Definition von UNICEF zeigt auf, wie stark Kinder von Armut getroffen werden und wie stark sich diese Armut auf ihr weiteres Leben auswirken kann:

„Kinder erfahren alle Formen von Armut akzentuierter als Erwachsene, weil sie auf Grund ihres Alters und ihrer Abhängigkeit gefährdeter sind und weil in der Kindheit nicht genutzte Möglichkeiten im späteren Alter nicht aufgeholt werden können.“ [22]

Unter Berücksichtigung dieses Aspektes ist es von enormer Relevanz, dass betroffene Kinder dieser Lebenslage gegenüber eine Resilienz entwickeln beziehungsweise diese notwendige Resilienz von pädagogischem Fachpersonal ausreichend gefördert wird.

3.1Auswirkungen von Armut

Ausgehend von dem Lebenslagenansatz soll untersucht werden inwiefern sich Armut auf die Lebenssituation aber auch die Entwicklung des Kindes auswirkt. Hierzu wandelten Chassé, Zander und Rasch das ursprünglich auf Erwachsene spezialisierte Spielräumekonzept von Ingeborg Nahnsen, so um, dass es auf die Lebenslage von Kindern übertragbar ist.[23] Ausgangspunkt bei diesem Konzept ist die einschränkende Auswirkung der Armut auf folgende kindlichen Handlungs- und Entwicklungsspielräume:

Einkommens- und Versorgungsspielraum (z.B. Ernährung, Kleidung, Wohnen)

Lern- und Erfahrungsspielraum (z.B. schulische Bildung, Freizeitaktivitäten in Familie und häuslichem Umfeld)

Kontakt- und Kooperationsspielraum (z.B. kindliches / familiäres Netzwerk, soziale Teilhabemöglichkeiten, Spiel- und Freizeitmöglichkeiten)

Regenerations- und Mußespielraum (z.B. Wohnumfeld, Alltagsstrukturen)

[...]


[1] vgl.Hammer, Lutz, 2010, S.7

[2] vgl.Chassé, Rasch, Zander, 2010, S.39

[3] vgl.Meyer, Seils, 2012, S.3

[4] vgl.Hammer, Lutz, 2010, S.7

[5] vgl.Butterwegge ,2009, S.11

[6] vgl.Butterwegge, 2011, S.13

[7] vgl.a.a.O., S.18

[8] vgl.Chassé,et al., 2010, S.12

[9] vgl.Reichwein, 2012, S.36

[10] vgl.Chassé, et al., 2010, S.12

[11] statistischer Mittelwert

[12] vgl.Andresen, Hurrelmann, 2013, S.35

[13] vgl.ebd.

[14] vgl.Chassé, et al., 2010, S.17

[15] vgl.Hock, Holz, Kopplow, 2014, S.13

[16] vgl. Chassé, et al., 2010, S.17

[17] vgl.Butterwegge, 2011, S.18

[18] vgl.Chassé, et al., 2010, S.18

[19] vgl.Butterwegge, 2011, S.20 zit.n.Hurrelmann, Unverzagt, 2001

[20] vgl. Chassé, et al., 2010, S.18-19

[21] vgl.Butterwegge, 2011, S.16

[22] vgl. Zander, 2011, S.27 7 zit.n.Fajth/Holland, 2007

[23] vgl.Chassé, et al., 2010, S.59

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656917410
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293999
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Karlsruhe
Note
1,00
Schlagworte
Kinderarmut Kinderperspektive Armutsprävention

Autor

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Titel: Kinderarmut in Deutschland. Kinderarmut aus Kinderperspektive und kindbezogene Armutsprävention