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Die Fallanalyse im Geschichtsunterricht

Hausarbeit 2014 15 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Fallanalyse
2.1. Einordnung in die Geschichtsdidaktik
2.2. Historischer Fall
2.3. Prinzip
2.4. Vorteile der Anwendung
2.5. Beispiele für die Anwendung

3. Fiktives Unterrichtsbeispiel
3.1. Ausgangssituation
3.2. Stundenplanung (Eingliederung der Fallanalyse) und Verlauf der Stunde
3.3. Erfolgsaussichten
3.4. Vor- und Nachteile einer solchen Stunde
3.4.1. Vorteile
3.4.2. Nachteile

4. Fazit

5. Literatur/Weblinks

1. Einleitung

Die Mehrzahl der Kinder hat in ihrem Leben schon einmal Bilderbücher mit Titeln wie "Das Leben auf der Ritterburg", "Das mittelalterliche Turnier" oder "Der Hadrianswall" besessen und diese mehr oder weniger begeistert gelesen. Mit diesen Büchern soll Kindern Geschichte nahegebracht, verständlich gemacht und ihre Begeisterung für verschiedene historische Themen geweckt werden.

Dabei setzt das Konzept dieser "Geschichtsbücher für Kinder" darauf, nicht die gesamte Geschichte einer historischen Periode abzubilden, sondern auf punktuelle historische Ereignisse, Konflikte oder Lokalmodelle einzugehen und diese möglichst altersgerecht darzustellen.

Dieses Konzept ist nicht nur bei Kinderbüchern verbreitet. Auch historische Literatur für Erwachsene und auch der Großteil der geschichtswissenschaftlichen Fachliteratur ist häufig auf einen geringen Zeitraum ausgelegt und untersucht nur einzelne Ereignisse.

Grundsätzlich kann man sagen, dass all diese Literatur, vom Kinderbuch über Ritter und Mönche im Mittelalter angefangen, bis hin zur oben angesprochenen Fachliteratur für Historiker, Fallanalysen sind.

Warum ist das Prinzip der Fallanalyse auch außerhalb der Geschichtswissenschaften, in nahezu jedem Bücherregal so erfolgreich und präsent?

Auf den nachfolgenden Seiten werde ich zunächst die Fallanalyse an sich und das Prinzip, welches ihr zugrunde liegt, darstellen. Im darauf folgenden Kapitel werde ich versuchen, anhand eines konstruierten fiktiven Unterrichtsbeispiels eine mögliche Verwendung der Fallanalyse als Methode im Geschichtsunterricht erläutern.

2. Die Fallanalyse

2.1. Einordnung in die Geschichtsdidaktik

In dem weiten Feld der Geschichtsdidaktik ist die Methode der Fallanalyse den Thematischen Strukturierungskonzepten zuzuordnen.

Eine thematische Strukturierung der im Geschichtsunterricht vorkommenden historischen Gegenstände wurde lange Zeit vernachlässigt. Besonders in den 1970er und 1980er Jahren erhielt diese Thematik bemerkenswert wenig Aufmerksamkeit und gewann erst in den 1990er Jahren wieder an Bedeutung.1

Diesem neuen Interesse verdankt der Geschichtsunterricht ein Wiederaufflammen der Diskussion um die "leitende[n] Gesichtspunkte für die Auswahl, Strukturierung und Anordnung geschichtlicher Erscheinungen" (Schmid 1974, 53), kurz: unter welchen Gesichtpunkten organisiere ich als Geschichtslehrer historische Ereignisse/Prozesse usw. im Geschichtsunterricht.2

Hilke Günter-Arndt forderte daher 2003, "... dass innerhalb eines jeden Schuljahres unterschiedliche Strukturierungskonzepte angewandt und im Hinblick auf ihre Leistungen, Vorzüge und Grenzen reflektiert werden sollen." 3 Natürlich setzt die Umsetzung dieser Forderung auch eine entsprechende Qualifikation der zuständigen Lehrkräfte, sprich Geschichtslehrer, voraus.4

Eine thematische Strukturierung im Geschichtsunterricht ist grundsätzlich so zu verstehen, dass verschiedene historische Ereignisse unter einem bestimmten Gesichtspunkt zusammengefasst werden. Beispiele für eine solche Strukturierung sind unter anderem das genetisch-chronologische Verfahren (klassisches historisches Erzählen in zeitlich korrekter Reihenfolge und damit Verknüpfung von vorher zusammenhanglosen einzelnen Vorfällen 5 ), der Längsschnitt (genauer Blick auf thematisch zusammenhängende Ereignisse ohne chronologische Reihenfolge, beispielsweise "Friedensmodelle und Friedensschlüsse in der Geschichte"; bei diesem Beispiel würden verschiedene Ereignisse dieses Themas quer durch die Geschichte, von der Antike bis zur Neuzeit, untersucht 6 ), oder eben die Fallanalyse, auf die ich in den nun folgenden Kapiteln näher eingehen werde.

2.2. Historischer Fall

Um das Arbeitsprinzip der Fallanalyse verstehen zu können, muss man zunächst wissen, was man sich konkret unter einem historischen Fall vorzustellen hat.

Aut Michele Barricelli stellt ein historischer Fall "... ein konkretes, d.h. einmaliges und unwiederholbares Ereignis dar, das zeitlich und räumlich begrenzt ist und in dem einzelne Personen handeln."7

Zudem sollte ein historischer Fall "... genügend themenspezifische Merkmale aufweisen, um als Stellvertreter für eine historische Phänomenklasse, eine Struktur oder ein Narrativ zu dienen."8

Für eine Fallanalyse ist also anscheinend nicht jedes historische Ereignise gleichermaßen gut geeignet. Der entsprechende historische Fall sollte so bemerkenswert und außergewöhnlich sein, dass man ihn als Beispiel für andere ähnliche Fälle sehen kann, um erfolgreich in einer Fallanalyse verwendet zu werden.

2.3. Prinzip

Barricelli vergleicht die Fallanalyse mit einem querlaufenden Schnitt, "... der erkenntnistheoretisch oft nur an der Oberfläche kratzt..." und beschreibt diese als einen "... tiefen Messerstich in das historische Mark – die oft gebrauchte geologische Metapher der Tiefenborhung will besagen, dass ´historische Sedimentschichten´ zerstoßen werden, um das Urgestein sichtbar zu machen..."9

Nach dieser metaphorischen Definition stellt die Fallanalyse eine punktuelle und ausführliche Untersuchung eines einmaligen und zeitlich und räumlich begrenzten historischen Ereignisses (also eines historischen Falles) dar. Laut Barricelli ist diese Form der Erkenntnisgewinnung weit verbreitet, "... ein Großteil der geschichtswissenschaftlichen Spezialliteratur ist dieser mikrohistorischen Untersuchungsform zuzurechnen."10

Obwohl eine perfekt ausgeführte Fallanalyse eines konkreten historischen Ereignisses äußerst schwierig durchzuführen ist, besitzt sie dennoch viele Vorteile. Sie "... sorgt für überschaubare Sinneinheiten, die in der Regel mit einer problemorientierten Fragestellung verknüpft sind und von daher für sich in Anspruch nehmen können, dass sie uns etwas Wissenswertes und Lernwürdiges mitzuteilen haben."11

Pandel sieht die Fallanalysen grundsätzlich als "... exemplarische Geschichten ..." an, "... die ein allgemeines Problem am konkreten Fall darstellen". 12 Als Beispiele nennt Barricelli unter anderem Athen für die griechische Polis und die Schlacht von Verdun stellvertretend für den Typus der Materialschlacht im Ersten Weltkrieg.13

Um die Anwendungsgebiete der Fallanalyse zu verdeutlichen, hat Hilke Günther-Arndt drei Varianten dieser Methode unterschieden:

1. Lokalmodell: Hier wird besonders auf lokale Besonderheiten geachtet. Der zu untersuchende historische Fall ist deswegen charakteristisch, weil er nur in dieser bestimmten lokalen Gegebenheit stattfinden konnte. Der Fall der Berliner Mauer wäre ein Beispiel für den Ansatz des Lokalmodells.
2. Konfliktanalyse: Hierbei steht ein Konflikt zwischen mehreren Parteien im Mittelpunkt, den es zu untersuchen gilt. Dabei geht es hier hauptsächlich um den Konflikt an sich. Ein Beispiel hierfür wäre die Schlacht an den Thermopylen während des zweiten Persereinfalles in Griechenland 480 v. Chr.
3. Ereignisanalyse: Bei dieser dritten Form wird das Ereignis als solches einer genauen Untersuchung unterzogen. Es wird also eine, selbst für die Fallanalyse sehr beschränkte historische Periode betrachtet.14

Bei allen drei Varianten ist die Vorgehensweise relativ identisch. Als erstes sollte eine sogenannte Orientierungsphase durchgeführt, danach die Fallanalyse selbst angeschlossen werden und nach erfolgreichem Abschluss von dieser eine "... Wiedereingliederung des Falles in eine womöglich weiterentwickelte historische Wirklichkeit folgen." 15 Man soll also trotz genauer Betrachtung eines einzelnen kurzen Ereignisses auf keinen Fall versäumen, die Ergebnisse dieser Untersuchung wieder in den gesamten historischen Kontext, der dieses Ereignis umgibt, einzuordnen. Die Fallanalyse dient augenscheinlich dazu, den Gesamtkontext anhand von exakten Untersuchungen punktueller Ereignisse besser zu verstehen.

Natürlich ist bei manchen historischen Fällen eine Eingliederung in nur eine der oben genannten Varianten der Fallanalyse unmöglich. Es gibt durchaus Ereignisse, die allen drei Varianten zugerechnet werden können. Dies ist unter anderem in dem von mir konstruierten fiktiven Unterrichtsbeispiel in Kapitel 3 der Fall (s.u.)

Laut Barricelli hängt "... der Erfolg des Verfahrens [...] davon ab, ob die am fassbaren Einzelfall gewonnenen Erkenntnisse tranfer- und anschlussfähig sind." 16 Die Fallanalyse war nur dann erfolgreich, wenn man durch sie "... auf ähnliche Fälle zu anderen historischen Zeiten oder an anderen Orten, auf "Grundzüge des Geschichtlichen" oder auf etwas allgemein Menschliches verweisen" kann.17

2.4. Vorteile der Anwendung

Zwar wird laut Barricelli "... das Dilemma des Geschichtsunterrichts, gleichzeitig Vertiefung und Überblick, Singularität und Allgemeingültigkeit vermitteln zu müssen..." mit der Fallanalyse nicht überwunden. 18 Allerdings bietet die Anwendung der Fallanalyse viele Vorteile im Geschichtsunterricht, wie viele Didaktiker schreiben:

[...]


1 s. Barricelli: Thematische Strukturierungskonzepte; in: Günter-Arndt: Geschichts-Methodik, S. 46

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Ebd., S. 47

5 Ebd.

6 Ebd., S. 50-51

7 Ebd., S. 56

8 Ebd.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Ebd., Barricelli 2007

12 Ebd., Pandel 2006

13 Ebd., S. 57

14 Ebd.

15 Ebd.

16 Ebd.

17 Ebd.

18 Ebd., S. 58

Details

Seiten
15
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656917359
ISBN (Buch)
9783656917366
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293942
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Philosophische Fakultät I
Note
2,0
Schlagworte
Fallanalyse Geschichtsunterricht Didaktik
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Titel: Die Fallanalyse im Geschichtsunterricht