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Der Propagandakrieg zwischen Octavian und M. Antonius

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 22 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Altertum

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Historischer Kontext

3. Die Propaganda von Octavian und M. Antonius
3.1. Propaganda der Anfangsjahre
3.2. Der Propagandakrieg

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Jahre zwischen der Ermordung Julius Caesars 44 v. Chr. bis zum Selbstmord von M. Antonius 30 v. Chr. wurden von Gewalt, Instabilität und Krieg geprägt. Neben den Auseinandersetzungen mit anderen Völkern und Reichen waren es vor allem die Bürgerkriege, die das römische Reich bluten ließen. Dabei war es von immenser Bedeutung, sich den Rückhalt der Bevölkerung zu sichern, wofür sich ein Mittel, damals wie heute, besonders gut eignete: Propaganda.

In der folgenden Arbeit sollen also die Inhalte des sogenannten Propagandakriegs zwischen den beiden mächtigsten Männern des römischen Reichs dieser Zeit, Gaius Octavius und Marcus Antonius, untersucht werden. Offiziell sollten beide mit Lepidus als dritten Partner durch ihre außerordentliche Triumviralgewalt die römischen Bürgerkriege beenden, um anschließend das Gemeinwesen in die Hände des Senats und des Volkes zurückzugeben. Doch eine Wiederherstellung der Republik war in weite Ferne gerückt; Octavian und Antonius wussten ganz genau, dass sie nach all den Jahren der Alleinherrschaft nicht einfach auf die Macht verzichten konnten.1 Daher bereiteten sie sich auf den bevorstehenden Konflikt vor, der bestimmen sollte, wer als alleiniger Herrscher über die römische Welt in die Geschichte eingehen sollte. Für beide spielte hierbei die Propaganda eine besondere Rolle, denn die römischen Bürger waren schon lange der Bürgerkriege müde. Um den Rückhalt der Bevölkerung bei einem weiteren Kampf dieser Art zu besitzen, bedurfte es guter Argumente; oder einer derartigen Diffamierung des Gegners, dass das Volk gar nicht anders konnte, als zu einem zu stehen. Dabei bedienten sich Octavian und Antonius fast jedes erdenklichen Tricks politischer Propaganda.2

Im Folgenden soll untersucht werden, wie die Anschuldigungen, mit denen sich beide Seiten überhäuften, lauteten, welche Intentionen damit verfolgt wurden und was für ein Bild der Kontrahenten daraus entsteht. Generell stellt sich eine exakte Darstellung der 30er Jahre vor Christus als schwierig heraus, „denn die Tatsachen wurden von der Propaganda auf beiden Seiten verdunkelt und verdreht, einer Propaganda, die in unseren Quellen noch fortlebt (und sich einer vollkommenen Analyse widersetzt).“3 In dieser Arbeit wird vor allem auf die antiken Autoren Plutarch, Sueton, Appian und Cassius Dio zurückgegriffen. Diese gelten zwar alle, auch im Bezug auf Octavian und Antonius, als einigermaßen untendenziös, doch deren Quellen, die teilweise kritiklos übernommen wurden, sind es nicht immer. Wenn ein Gewährsmann namentlich genannt wird, tritt die Tendenz deutlich zutage, oft lässt sich jedoch nicht bestimmen, ob gewisse Aussagen Tatsachen sind, oder „Echo jenes Verleumdungskrieges“4. Vor diesem Problem steht die Forschung noch heute.

Jedoch wird im Folgenden bewusst auf eine Analyse des Wahrheitsgehalts verzichtet, zum Einen aufgrund der begrenzten Seitenzahl, die nicht mehr zuließ; in erster Linie aber schlicht wegen dem Thema der Arbeit. Bekanntermaßen ist ein bedeutendes Merkmal von Propaganda, das sie auch erlogen und erfunden sein kann, solange sie ihren Zweck erfüllt. So sollen hier auch bei der Beantwortung der Fragestellung nicht unbedingt historisch verifizierte Tatsachen präsentiert werden, sondern die Diskreditierungen und Beschuldigungen, mit denen die Bevölkerung beeinflusst werden sollte; ob sie nun der Wahrheit entsprachen oder nicht.

Die folgende Arbeit beginnt mit einem möglichst knappen historischen Kontext, damit einigermaßen ein Verständnis über die Vorgänge im Hauptteil herrscht, in dem die zuvor erläuterte Fragestellung behandelt wird. Darin wird die Propaganda der ersten Jahre gesondert vorweggenommen, da zu dieser Zeit die Ausgangslage eine andere war und sich damit die Inhalte und Intentionen teilweise unterscheiden. Anschließend wird auf den sogenannten Propagandakrieg eingegangen, in dem die Anschuldigungen erst Form annehmen, was die Herausarbeitung eines Bildes für Octavian und Antonius erst möglich macht.

2. Historischer Kontext

Gaius Julius Caesar fiel an den Iden des März 44 v. Chr. einer senatorischen Verschwörung zum Opfer. Die unvorhersehbare Ermordung des Diktators schaffte in Rom und auf der italischen Halbinsel undurchsichtige Verhältnisse, denn selbst die Caesarmörder hatten keinen Plan gefasst, wie es denn nach dem Attentat weitergehen solle. „Den meisten genügte die Parole, es müsse ein Ende haben mit der Diktatur und alles Weitere sei die Sorge eines anderen Tages.“5 Als amtierender Konsul übernahm somit M. Antonius die politische Führung und handelte sogleich einen Kompromiss mit den Caesarmördern aus, der die Gültigkeit aller Regierungsakte des Diktators bestätigte und gleichzeitig sogar die Attentäter amnestierte.6

Der damals noch 18-Jährige C. Octavius hielt sich aufgrund seiner Studien zu diesem Zeitpunkt in Apollonia auf, einer am adriatischen Meer gelegenen griechischen Stadt. Als ihn die Nachricht der Ermordung Caesars erreichte, verhielt er sich zuerst abwartend, denn die Situation und Gefahrenlage in der Heimat war schwer einschätzbar.7 Als er schließlich mit mit einem kleinen Truppenkontingent nach Italien übersetzte, erreichten ihn neue Nachrichten und er erfuhr, dass er von seinem Großonkel in seinem Testament adoptiert und als Haupterbe eingesetzt worden war. Octavian wird sich der Tragweite dieser Mitteilung bewusst gewesen sein, denn „auch wenn Caesar seine amtliche Stellung nicht vererben konnte und der junge Mann noch kein eigenes Profil im öffentlichen Leben besaß, [war das Testament] wegen der Bedeutung der Freundschafts- und Klientelbindungen, die sich vom Vater auf den Sohn vererbten, mehr als eine bloß private, familienrechtliche Regelung.“8 Laut Cassius Dio war das keine Überraschung: „Denn Caesar, der selbst keine Kinder hatte und große Stücke auf den jungen Mann hielt, liebte und hegte ihn und wollte ihn als Erben seines Namens, seiner Macht und Alleinherrschaft hinterlassen.“9

Octavian machte sich sogleich auf den Weg nach Rom und konnte bereits auf das Klientel seines Adoptivvaters zurückgreifen; schon in Brundisium im heutigen Apulien wurde er von den dortigen Truppen begeistert als Sohn und Erbe Caesars empfangen. Als er am 6. Mai Rom erreichte, betrat er die Stadt auf leisen Sohlen, denn jede „übereilte Aktion konnte angesichts der übermächtigen Stellung des Antonius schon die letzte sein.“10 In der Folgezeit bemühte sich Octavian, seine politische Stellung zu verbessern. Antonius erkannte in dem jungen Mann schnell einen lästigen Rivalen um das Erbe Caesars, so verweigerte er ihm auch die Herausgabe der Gelder, die ihm durch das Testament zugestanden hätten. Gegen Ende des Jahres verschoben sich die Kräfteverhältnisse jedoch deutlich. Octavian hatte zwei Veteranenlegionen in Italien ausheben können und als Antonius vier Legionen aus Makedonien übersetzen ließ, die er im Kampf gegen D. Brutus11 in Norditalien einsetzen wollte, liefen zwei davon aufgrund höherer Prämien zu seinem Rivalen über. Um seine Stellung zu verbessern, begab sich Antonius trotzdem auf schnellstem Wege in den Norden.

In der Abwesenheit des amtierenden Konsuls wurde in Rom ein „unnatürliches Bündnis“12 geschmiedet. Octavian ging einen Pakt mit Cicero ein, der ihn als Gegengewicht zu Antonius aufbauen wollte, und erwirkte eine nachträgliche Legalisierung seiner illegal ausgehobenen Privatarmee. M. Anton wurde kurzerhand vom Senat zum Staatsfeind erklärt und Octavian erhielt ein militärisches Kommando mit dem Auftrag, gegen diesen vorzugehen. Mit den Konsuln des Jahres 43 v. Chr., A. Hirtius und C. Pansa, und ihren Truppen schlug er im April Antonius bei Mutina, wo dieser D. Brutus belagerte. Daraufhin floh Antonius in den Westen, wo er sich mit den caesarianischen Statthaltern der gallischen und spanischen Provinzen, zu denen auch M. Aemilius Lepidus gehörte, zusammenschloss.

Nach dem Sieg vollzog Caesars Erbe eine politische Kehrtwende, die Ciceros Plan, „den politisch unerfahrenen Octavian nach vollbrachter Arbeit wieder zur Seite [zu] schieben“13, zunichtemachte. Auch wegen der Erfolge von Brutus und Cassius im Osten14 ließen die Republikaner im verfrühten Siegestaumel zu deutlich durchblicken, dass sie sich des jungen Erben bald wieder entledigen würden, was ihn dazu zwang, einen Strategiewechsel zu vollziehen.15 Als Caesarianer wäre es naheliegend gewesen, sich der caesarianischen Partei um Antonius anzuschließen, doch nach den Kämpfen bei Mutina war eine „ostentative Wende“16 notwendig, um wieder bündnisfähig zu werden.

So erzwang Octavian mit einem Marsch auf Rom am 19. August 43 v. Chr. seine Wahl zum Konsul. Sofort machte er die Ächtung von Antonius und Lepidus rückgängig. Mitkonsul wurde sein Miterbe Q. Pedius, der sogleich einen Sondergerichtshof schuf, in dem die Caesarmörder Brutus und Cassius in Abwesenheit verurteilt wurden. Somit war die Wende vollzogen und der Erbe Caesars war wieder bündnisfähig, denn „als Vertreter der legalen Staatsgewalt […] und als Rächer seines Adoptivvaters konnte Octavian von Antonius und dessen Verbündeten nicht gut übergangen werden.“17

So trafen sich nun Ende Oktober 43 v. Chr. Antonius, Lepidus und Octavian als die drei prominentesten Caesarianer in der Nähe von Bononia, wo sie sich „zwei schicksalsschwere Tage lang“18 berieten. Dort beschlossen sie wie Caesar, Pompeius und Crassus 16 Jahre zuvor die Bildung eines Triumvirats, das im Gegensatz „zu dem informellen Machtkartell des 1. Triumvirats“19 staatsrechtlich legitimiert werden sollte. Dies geschah wenige Wochen später durch ein tribunizisches Gesetz, die sogenannte lex Titia. Darin wurde den drei Männern zur Neuordnung des zerrütteten Staates allumfassende Vollmachten für die nächsten fünf Jahre übertragen.20 Neben einer Neuverteilung der westlichen Provinzen21 einigten sich die neuen Triumvirn darauf, dass Octavian und Antonius gemeinsam gegen die Caesarmörder Brutus und Cassius in den Krieg ziehen sollten, während Lepidus in Italien für Ruhe und Ordnung sorgen sollte. Zur Finanzierung dieses Vorhabens und zur Ausrottung jeglicher Opposition wurden zudem die Proskriptionen22 beschlossen, bei denen etwa dreihundert Senatoren und zweitausend Ritter getötet wurden.23

Im Sommer des nächsten Jahres setzten die beiden Caesarianer mit ihrem Heer nach Griechenland über; bei Philippi in Makedonien kam es letztlich zur Entscheidungsschlacht, die gleichzeitig auch, wie Cassius Dio anmerkt, das Ende der Römischen Republik besiegelte: „[V]ielmehr triumphierte das Volk und wurde zugleich durch sich selbst unterworfen, bezwang sich und wurde bezwungen und vernichtete dadurch das demokratische System, während es das monarchische stärkte.“24

Nach dem Sieg bei Philippi begab sich Antonius in den Osten, um weitere finanzielle Mittel aufzutreiben und die politischen Verhältnisse neu zu ordnen. Octavian bekam indes die schwierige Aufgabe aufgetragen, 50-60.000 Mann25 aus ihrem mittlerweile riesigen Heer in Italien anzusiedeln, sowie den Krieg gegen Sextus Pompeius aufzunehmen. Im Hinblick auf die Veteranenansiedlung war ein Konflikt vorhersehbar, denn dafür mussten 16 Städte in Italien enteignet werden. So vollzog sich der Prozess aufgrund des Widerstands der Enteigneten „unter tumultuarischen Zuständen“26 ; jedoch erfolglos, da sie sich „einer Soldateska gegenüber[sahen], die mit roher Gewalt auf das Eigentum losging.“27

Die chaotische Lage in Italien machte sich der amtierende Konsul Lucius Antonius, Bruder des M. Antonius, zu eigen, indem er sich zum Fürsprecher der betroffenen Städte stilisierte. Eigenmächtig betrieb er nun Stimmungsmache gegen die Gewaltherrschaft der Triumvirn und erklärte letztendlich Octavian und Lepidus zu Staatsfeinden.28 Seinen Bruder jedoch schonte er, da er beteuerte, dass dieser, sobald er aus dem Osten zurückgekehrt sei, freiwillig auf seine Ausnahmegewalt verzichten werde.

Mit dieser aggressiven Politik provozierte L. Antonius den nächsten Bürgerkrieg, der in der Belagerung von Perusia ein schnelles Ende fand. Octavian und seinen Feldherren gelang es den Konsul in der Stadt einzuschließen, woraufhin er im Februar 40 v. Chr. zur Kapitulation gezwungen wurde. Aus Rücksicht zu M. Antonius wurden sein Bruder und seine Soldaten jedoch begnadigt.29

Die Ereignisse in Italien ließen einen baldigen militärischen Konflikt zwischen den beiden mächtigsten Triumvirn30 erahnen, hatte doch L. Antonius, zumindest hatte er dies verkündet, auch im Namen seines Bruders gehandelt. Beide Seiten bereiteten sich nun auf einen Krieg vor, Octavian gelang es sogleich die antoninische Provinz Gallia comata zu okkupieren. M. Antonius war derweil mit einem Parthereinfall beschäftigt, musste jedoch der Krise im Westen eine höhere Bedeutung einräumen, weshalb er die Verteidigung der östlichen Provinzen seinen Generälen überließ und nach Griechenland eilte. Dort verbündete er sich mit Sextus Pompeius und dem republikanischen Flottenkommandanten Cn. Domitius Ahenobarbus, der sich nach Philippi selbstständig gemacht hatte. Antonius zog nun weiter und belagerte Brundisium während Pompeius Sardinien einnahm. Doch für beide Seiten kam der Krieg zu früh.31 Die Soldaten weigerten sich schlicht gegeneinander zu kämpfen und unter deren Druck wurde Frieden und ein neues Abkommen beschlossen: der Vertrag von Brundisium.32

Darin wurde in erster Linie eine Neuverteilung der Provinzen beschlossen: Octavian erhielt den Westteil des Reiches, mit Ausnahme von Afrika, das Lepidus zufiel, wohingegen Antonius der Osten zugesprochen wurde. Zur Bekräftigung des Bündnisses heiratete letzterer Octavia, die Schwester des jungen Caesar. Octavian weigerte sich jedoch, S. Pompeius wegen seiner angeblichen Beteiligung an dem Mord an Caesar in den Frieden miteinzubeziehen. Dazu sah er sich erst gezwungen, als es wegen der von Pompeius verhängten Seeblockade zu Hungersnöten in Rom kam. So wurde im Frühsommer 39 v. Chr. der Vertrag von Misenum geschlossen. Dem Handel zur See sollte nun kein Hindernis mehr in den Weg gelegt werden, dafür erhielt Pompeius die Inseln Sardinien, Sizilien und die Peloponnes für die gleiche Dauer wie die Triumvirn ihre Provinzen inne hätten.33

Der Vertrag hielt Octavian jedoch nicht davon ab, sich mit dem Bau einer Flotte auf einen Krieg mit S. Pompeius vorzubereiten, der bereits 38 v. Chr. ausbrach. Das erste Kriegsjahr endete für den jungen Caesar in einem Debakel, als er seine halbe Flotte verlor und einen Angriff auf Sizilien, dem Hauptquartier seines Gegners, verschieben musste. Doch „seltsamerweise machte er [Anm.: S. Pompeius] keinerlei Anstrengungen, seinen Sieg auszunützen“34, weshalb Octavian in Ruhe eine neue Flotte bauen und eine weitere Offensive planen konnte.

Im Jahre 37 v. Chr. konnte der Erbe Caesars sogar noch auf die Unterstützung von Antonius hoffen, als sich die beiden in Tarent trafen und sich für ihre militärischen Unternehmungen gegenseitig Hilfe zusprachen. Nebenbei verlängerten sie auch noch ihr bereits ausgelaufenes Triumvirat um weitere 5 Jahre. Ein Jahr später begann somit die letzte große Offensive, die von Erfolg gekrönt werden sollte und den Weg für Octavian freimachte. Denn nach der Entscheidungsschlacht bei Naulochos und der kampflosen Entmachtung des Lepidus35 36 v. Chr. lag das römische Reich in den Händen zweier Männer; „das gesetzlich gestützte Triumvirat war zu einem eigenmächtig verfügten Duovirat geschwunden.“36

So ging es nun für beide langsam in die Vorbereitungen für den letzten, alles entscheidenden Krieg, bei dem der Rückhalt der Bevölkerung und der Soldaten ein besonders wichtiger Faktor darstellen sollte. Denn „der Sieger mußte nicht nur über einen Namen und Prestige verfügen, er brauchte vor allem einen triftigen Grund und einen Schlachtruf, womit er die Unschlüssigen gewinnen und Soldaten wie Bürger überzeugen konnte, daß die Einheit der römischen Welt auf dem Spiel stehe.“37

3. Die Propaganda von Octavian und M. Antonius

3.1. Propaganda der Anfangsjahre

Auch wenn der wirkliche Propagandakrieg erst gegen Ende des Jahres 34 v. Chr. einsetzte, versuchten Octavian und Antonius bereits in den Jahren zuvor, sich gegenseitig in der Öffentlichkeit zu diskreditieren. Kaum verwunderlich, waren doch beide erbitterte Rivalen um das Erbe Caesars, die sich sogar militärisch gegenüberstanden (Mutinensischer Krieg 43 v. Chr.). Erst durch die Bildung des 2. Triumvirats im November 43 v. Chr. konnten ihre Streitigkeiten vorerst beiseite gelegt werden.

Anfang Oktober des Jahres 44 v. Chr. beschuldigte Antonius den jungen Caesar, ein Attentat auf ihn geplant zu haben, was dieser empört zurückwies und wiederum mit Anschuldigungen begegnete:

Doch schon kurz danach beschuldigte Antonius den Freunden gegenüber einige aus seiner Leibgarde, sie hätten dem Octavian, der gegen ihn einen Anschlag schmiede, Hilfsdienste geleistet. Sei es nun, daß Antonius damit eine Verleumdung aussprach oder tatsächlich an die Sache glaubte […], [158] jedenfalls führte das Gerücht mit seinem Bekanntwerden sofort zu allgemeiner Unruhe und lebhafter Empörung. […] Octavian aber rannte in rasendem Zorn selbst zu jenen, welche diese Auffassung [Anm.: die Auffassung, dass Octavian wirklich ein Attentat plante] von ihm hegten, und betonte mit lauter Stimme, Antonius konspiriere gegen ihn, um ihm die Freundschaft des Volkes zu rauben, die ihm noch als einziger Besitz geblieben sei. Er rannte auch vor die Türe des Antonius und wiederholte lauthals die erwähnten Erklärungen, wobei er die Götter zu Zeugen anrief, alle Arten von Flüchen auf sein Haupt häufte und Antonius zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung aufforderte. […] Dann entfernte er sich und rief das Volk zum Zeugen dafür an, daß Antonius, wenn ihm etwas widerfahre, mit seinen Anschlägen Schuld an seinem Tod trage. Angesichts dieser Worte, die er mit großer Leidenschaft hervorstieß, vollzog sich ein Stimmungswandel bei der Masse, und sie empfand so etwas wie Reue über ihre bisherige Einstellung.“38

Appian nimmt bei seiner Darstellung dieser Episode eine neutrale Stellung ein, er erlaubt sich kein Urteil über den Wahrheitsgehalt von Antonius' Anschuldigungen. Ob Octavian damals nun wirklich einen Anschlag plante, soll hier auch nicht der Untersuchungsgegenstand sein. Ohnehin vertraten antike Autoren bei dieser Frage ganz unterschiedliche Meinungen und selbst die Zeitgenossen hätten sie nicht beantworten können. Der Vorfall zeugt auf jeden Fall von der Notwendigkeit, die Bevölkerung auf die eigene Seite zu ziehen. Beide gaben ihr Bestes, um den Rivalen öffentlich zu diskreditieren, und dieser Fall beschleunigte noch das Ringen um die Vorherrschaft über Italien.39

[...]


1 Vgl. Schlange-Schöningen, Heinrich: Augustus. Darmstadt 2005. S.69.

2 Scott, Kenneth: The Political Propaganda of 44-30 B. C., in: Memoirs of the American Academy in Rome, Vol. 11 (1933). S. 7.

3 Tarn, W.W., Charlesworth M.P.: Octavian, Antonius und Kleopatra. London 1967. S. 134.

4 ebenda, S. 135.

5 Dahlheim, Werner: Augustus. Eine Biographie. München 2010. S. 22.

6 vgl. Bringmann, Klaus, Schäfer, Thomas: Augustus und die Begründung des römischen Kaisertums. Berlin 2002. S. 26.

7 vgl. Schlange-Schöningen, Heinrich: Augustus. S. 45.

8 Bringmann, Klaus, Schäfer, Thomas: Augustus und die Begründung des römischen Kaisertums. S. 26.

9 Cass. Dio, 45, 1, 2

10 Dahlheim, Werner: Augustus. S. 36.

11 Der Caesar-Attentäter D. Brutus war Statthalter der Provinz Gallia cisalpina und weigerte sich, das Gebiet an M. Anton zu übergeben, dem es gesetzlich zugewiesen wurde. Daraufhin zog er Ende November nach Norditalien, um Brutus gewaltsam zur Herausgabe zu zwingen.

12 Bringmann, Klaus, Schäfer, Thomas: Augustus und die Begründung des römischen Kaisertums. S. 29.

13 Schlange-Schöningen, Heinrich: Augustus. S. 49.

14 Den beiden Caesarmördern war es gelungen, den römischen Osten unter ihre Kontrolle zu bringen. Nun bereiteten sie sich auf eine Invasion Italiens vor.

15 Vgl. Bringmann, Klaus, Schäfer, Thomas: Augustus und die Begründung des römischen Kaisertums. S. 29.

16 ebenda, S. 30.

17 Bringmann, Klaus, Schäfer, Thomas: Augustus und die Begründung des römischen Kaisertums. S. 30.

18 Tarn, W.W., Charlesworth M.P.: Octavian, Antonius und Kleopatra. S. 39.

19 Bringmann, Klaus, Schäfer, Thomas: Augustus und die Begründung des römischen Kaisertums. S. 30.

20 Vgl. Schlange-Schöningen, Heinrich: Augustus. S. 55.

21 Antonius erhielt die strategisch wichtigsten Provinzen Gallia cisalpina sowie Gallia comata, Lepidus Gallia narbonensis und Spanien. Octavian wurde mit Afrika, Sizilien und Sardinien abgespeist, die mit inneren Unruhen und der Bedrohung durch Sextus Pompeius zu kämpfen hatten.

22 Dabei wurden auf öffentlichen Listen die Namen der Proskribierten gesetzt, die nun als vogelfrei galten. Bei deren Ermordung erhielt man eine stattliche Belohnung.

23 Vgl. Tarn, W.W., Charlesworth M.P.: Octavian, Antonius und Kleopatra. S. 39 ff.

24 Cass. Dio, 47, 39, 3

25 Vgl. Bringmann, Klaus, Schäfer, Thomas: Augustus und die Begründung des römischen Kaisertums. S. 33.

26 ebenda

27 Höhn, Karl: Augustus und seine Zeit. Wien 1953. S. 53.

28 Vgl. Schlange-Schöningen, Heinrich: Augustus. S. 62.

29 Vgl. Bringmann, Klaus, Schäfer, Thomas: Augustus und die Begründung des römischen Kaisertums. S. 34.

30 Lepidus ist bereits nach der Schlacht von Philippi in eine schwache Stellung geraten.

31 Vgl. Schlange-Schöningen, Heinrich: Augustus. S. 63.

32 Vgl. Bringmann, Klaus, Schäfer, Thomas: Augustus und die Begründung des römischen Kaisertums. S. 34.

33 Vgl. Höhn, Karl: Augustus und seine Zeit. S. 66.

34 Tarn, W.W., Charlesworth M.P.: Octavian, Antonius und Kleopatra. S. 90.

35 Lepidus unterstützte Octavian tatkräftig im Krieg gegen Sextus Pompeius. Nach ihrem Sieg liefen acht Legionen des Pompeius zu Lepidus über, weshalb er sich in einer stärkeren Stellung wähnte. Er erhob daraufhin Anspruch auf Sizilien und verlangte Octavians Abzug. Jedoch liefen seine Soldaten wiederum zum jungen Triumvirn über, folglich musste sich Lepidus ihm unterwerfen.

36 Tarn, W.W., Charlesworth M.P.: Octavian, Antonius und Kleopatra. London 1967. S. 100.

37 Tarn, W.W., Charlesworth M.P.: Octavian, Antonius und Kleopatra. London 1967. S. 100.

38 App. civ. 3, 39, 157-162

39 Vgl. Scott, Kenneth: The Political Propaganda of 44-30 B. C., in: Memoirs of the American Academy in Rome, Vol. 11 (1933). S. 10.

Details

Seiten
22
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656913894
ISBN (Buch)
9783656913900
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293740
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Schlagworte
Rom Kaiserzeit Triumvirat Propaganda Bürgerkrieg Antike Augustus Octavian Marc Anton Kleopatra Lepidus Actium Mutina

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