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"Willkomm und Abschied". Ein Gedicht über eine verbrecherische Liebe?

Hausarbeit 2013 16 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Eine Überschrift, die Fragen aufwirft

1. Ein Gedicht - mehrere Fassungen: Die wesentlichen Unterschiede

2. Der „Willkomm und Abschied“ im rechtskundigen Kontext

3. Die Geschlechterrollen in Deutschland im 18. Jahrhundert
3.1 Gesellschaftlicher Aspekt
3.2 Sexueller Aspekt

4. Goethes Beziehung zu Friederike Brion

5. Strafvollzug oder Erlebnisdichtung: Stellt das Gedicht eine verbrecherische Liebe dar?

Fazit und eigene Meinung

Appendix

6. Bibliografie

7. Abkürzungsverzeichnis

8. Verschiedene Fassungen des Gedichts „Willkommen und Abschied“

Eine Überschrift, die Fragen aufwirft

Das Gedicht „Willkommen und Abschied“ wird nicht nur als eines der berühmtesten Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe angesehen, sondern „als eines der bekanntesten Gedichte der deutschen Literatur überhaupt“1. Dabei ist vielen Lesern nicht bekannt, dass dieses Gedicht von Goethe mehrmals überarbeitet wurde. Während Volker Neuhaus in seinem Werk „Andre verschlafen ihren Rausch, meiner steht auf dem Papiere“ zwar anmerkt, dass Goethes „leichte Änderungen durchweg Verbesserungen sind“2, bleibt die Frage nach dem Grund der Umänderungen offen.

Das Gedicht wird in seiner endgültigen Fassung als Beginn der Erlebnislyrik angesehen und innerhalb der Sesenheimer Lieder als Inbegriff des Liebesgedichts. Der Germanist Benno von Wiese bezeichnet das Gedicht sogar als eine „Ballade des Herzens und ihrer Schicksale“3 Nicht selten werden dabei die Sesenheimer Lieder, welche zu Goethes Zeit in Straßburg entstanden sind, auch autobiographisch interpretiert. Goethes damaliges Liebesverhältnis zur Sesenheimer Pfarrerstochter Friederike Brion legen diese Vermutung nahe. Auch die Tatsache, dass das im Gedicht behandelte Treffen in Goethes Autobiographie „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“ geschildert wird, stützen die biographische Interpretation.4

Die Änderung der Überschrift, welche im Jahr 1789 „Willkomm und Abschied“ lautet und rund zwanzig Jahre später zu „Willkommen und Abschied“ umgeändert wird, erscheint auf den ersten Blick unbedeutend. Bei näherer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass es sich bei der zuerst gewählten Überschrift um einen feststehenden und geläufigen juristischen Begriff handelt, welcher zu Zeiten Goethes auch in der Alltagssprache fest verankert war. Mit dem Terminus „Willkomm und Abschied“ wird nämlich zu jener Zeit eine Zusatzstrafe für Gefängnisinsassen beschrieben.

Dies wirft die Frage auf, welche Assoziationen Zeitgenossen mit dem ursprünglichen Titel verbunden haben. Schwingen in dem vorliegenden Gedicht stillschweigende Voraussetzungen mit, wenn man die Überschrift in ihrer ursprünglichen, juristischen Bedeutung liest? Stellt das Gedicht in seiner Fassung von 1789 also eine verbrecherische Liebe dar? Gesteht sich Goethe möglicherweise bei einer autobiographischen Interpretation unzüchtiges Verhalten ein? Auf diese Fragen sollen in der vorliegenden Hausarbeit Antworten gefunden werden.

Zu Beginn der Arbeit werden deshalb die Fassung von 1789 und die Endgültige miteinander verglichen und die wesentlichen Unterschiede herausgestellt. Dies soll aufzeigen, dass sich beide Versionen an grundlegenden Stellen voneinander unterscheiden und mögliche Argumente liefern, was Goethe zur Überarbeitung bewegte. Daran anschließend wird der Ausdruck „Willkomm und Abschied“ unter den juristischen Aspekten des 18. Jahrhunderts untersucht, um festzustellen, welche Bedeutung ihm beigemessen und für welche Strafen er angewendet wird. Im nächsten Schritt sollen dann die zu Goethes Zeit vorherrschenden Geschlechterrollen genau unter die Lupe genommen werden. Dies ist notwendig, um später argumentieren zu können, ob es sich im ausgewählten Gedicht um eine verbrecherische Liebe handelt. Aus dem selben Grund wird daran anschließend, Goethes Beziehung zu Friederike Brion genauer beleuchtet, um auch hinsichtlich der autobiographischen Interpretation argumentieren zu können. Als letzter Schritt wird nun, basierend auf den herausgearbeiteten Thesen untersucht, ob es sich in Goethes Fassung des Gedichts „Willkomm und Abschied“ von 1789 um einen gewaltsamen Akt handelt, oder doch wie oftmals angenommen, um eine romantische Liebesgeschichte. Ein Fazit, sowie meine eigene Meinung sollen die Arbeit abrunden.

1. Ein Gedicht - mehrere Fassungen: Die wesentlichen Unterschiede

Johann Wolfgang von Goethes Gedicht, welches uns heutzutage unter dem Titel „Willkommen und Abschied“ bekannt ist, wurde zunächst ohne Überschrift im März 1775 in der Zeitschrift „Iris“ veröffentlicht. Vierzehn Jahre später wurde es von Goethe überarbeitet und mit der Überschrift „Willkomm und Abschied“ versehen.5 Erst im Jahre 1810 ist die Überschrift wiederum in „Willkommen und Abschied“ geändert worden.6 Dabei ist auffallend, dass die überarbeitete Fassung des Gedichts dem Urtext an manchen Stellen widerspricht:

Diese Veränderungen werden schon in den ersten beiden Zeilen des Gedichts deutlich. In der ursprünglichen Fassung tritt das lyrische Ich leidenschaftlich und überschwänglich auf. Dabei wird dem Leser der Mut und die Entschlossenheit des Reiters vor Augen geführt, der als „Held in die Schlacht zieht“ (Str.1, Z.2). Im Gegensatz dazu steht die zweite Zeile der ersten Strophe der überarbeiteten Version („es war getan fast eh’ gedacht“). Sie wirkt auf den Leser zwielichtig, fast so, als ob das lyrische Ich etwas zu verbergen hätte. Dadurch verändert sich bereits zu Beginn die Grundstimmung des Gedichts, wodurch der Fokus des Lesers von der allgemeinen Liebe abrückt und auf den Geliebten allein projiziert wird.

Dieses Phänomen wird auch in der zweiten Strophe der Gedichte deutlich. Während in der ursprünglichen Fassung der Mut des lyrischen Ichs durch eine Hyperbel („tausendfacher“, Str. 2, Z.5) dargestellt wird, ist dieser in der überarbeiteten Fassung nur noch „frisch und fröhlich“. Zwar verbessert Goethe durch diese Alliteration sein Gedicht stilistisch, da die Wortwiederholung „tausendfach“ vermieden wird, doch der feurige und stürmische Ritt zur Geliebten wirkt dadurch, wie schon in der ersten Strophe, verhaltener und zurückhaltender.

Ein weiterer signifikanter Unterschied zwischen den beiden Fassungen ist, dass im ersten Vers der dritten Strophe das Reflexivpronomen „dich“ und das Personalpronomen „ich“ vertauscht werden. Dadurch wird in der neueren Version die Freude des lyrischen Ichs über den Anblick der Geliebten deutlicher hervorgehoben.

Die vierte Strophe des Gedichts zeigt schließlich, gegenüber dem Urtext, einen signifikanten Widerspruch. In der ursprünglichen Fassung lässt die Geliebte den Liebenden alleine zurück. Dieser schaut seiner Liebe nach und ist der Trennung wegen traurig. Im Gegensatz dazu, ist es in der überarbeiteten Version der Mann, der sich von der Geliebten trennt. Diese schaut ihrem Freund mit Tränen in den Augen nach, doch dem Leser kommt es vor, als ob es ein Abschied für immer wäre.

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Geliebte in der überarbeiteten Fassung aktiver wird.7 Dies hängt damit zusammen, dass von ihm die Trennung von der Geliebten ausgeht. Deshalb kann man anführen, dass in der ersten Version des Gedichts eine Begegnung zweier Liebenden beschrieben wird, deren Treffen am Morgen nach der Liebesnacht endet, indem die Geliebte nach Hause zurückkehrt.

In der überarbeiteten Version wird dagegen vom endgültigen Ende einer Liebe berichtet, bei welcher der Liebende die Geliebte verlässt und alleine zurück lässt.8 Dieser Umstand wird mit dem Hinzufügen eines Titels verstärkt. Dabei muss aber kritisch betrachtet werden, dass die erste Version der Überschrift einen juristischen Ausdruck wiedergibt, der Goethe nicht nur als eingeschriebener Student der Rechtswissenschaften bekannt sein dürfte, sondern auch ein fester Begriff in der damaligen Gesellschaft darstellte.9 Aus diesem Grund liegt es nahe, die Beschaffenheit des Ausdrucks genauer zu betrachten.

2. Der „Willkomm und Abschied“ im rechtskundigen Kontext

Der Terminus „Willkomm und Abschied“ wird in Trübners Deutschem Wörterbuch wie folgt beschrieben:

Höhnisch wird es [= Der Willkomm und Abschied] auf die Hiebe übertragen, die ein Sträfling bei seiner Einlieferung in das Zuchthaus erhielt: „Im Wiederholungsfall erfolgte Zuchthaus, wo sie mit dem Ochsenziemer10 empfangen und entlassen wurden, was man Willkomm und Abschied nannte.“11

Darüber hinaus erscheint der Ausdruck erstmals im Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten (ALR), welches am 5. Februar 1794 erlassen wurde.12 Am 14. April 1851 wurde derselbe Terminus auch in das Strafgesetzbuch der Preußischen Staaten übernommen. Unter dem Abschied „Unnatürliche Sünden“ gilt gemäß --1069, 1070, 1072 ALR :

- 1069: Sodomiterey und andre dergleichen unnatürlichen Sünden, welche wegen ihrer Abscheulichkeit hier nicht genannt werden können, erfordern eine gänzliche Vertilgung des Andenkens.
- 1070: Es soll daher ein solcher Verbrecher, nachdem er ein-oder mehrjährige Zuchthausstrafe mit Willkommen und Abschied ausgestanden hat, aus dem Orte seines Aufenthalts, wo sein Laster begannt geworden ist, auf immer verbannt (…) werden
- 1072: Machen sich Altern, Vormünder, Lehrer oder Erzieher dieses Verbrechens schuldig: so soll gegen dieselben vier- bis achtjährige Zuchthausstrafe mit Willkommen und Abschied statt finden.13

Der Fachbegriff „Willkomm und Abschied“ wird in diesem Zusammenhang also als Zusatzstrafe für Gefangene verwendet, welche vorwiegend abartige Strafen begangen haben. Die zusätzliche Züchtigung wird zu Beginn und am Ende des Gefängnisaufenthaltes vollzogen. Dabei kann man den „Willkomm und Abschied“ als Inbegriff der Gewalt und Unmenschlichkeit ansehen, welche zu Zeiten Goethes in den Gefängnissen an der Tagesordnung waren.14 Prügelstrafen und körperliche Züchtigungen waren in damaligen Zuchthäusern nichts ungewöhnliches. Der „Willkomm und Abschied“ soll dem Straftäter einerseits seine Tat nochmals vor Augen führen und andererseits Reue heraufbeschwören.

3. Die Geschlechterrollen in Deutschland im 18. Jahrhundert

Um belegen zu können, ob im Gedicht „Willkomm und Abschied“ von einer gewaltsamen Liebe gesprochen wird, müssen die zu Zeiten Goethes vorherrschenden Rollenbilder vor Augen geführt werden. Dabei ist es wichtig, sowohl den gesellschaftlichen, als auch den sexuellen Aspekt zu beachten.

3.1 Gesellschaftlicher Aspekt

Im 18. Jahrhundert herrschen in der deutschen Gesellschaft strikt getrennte Geschlechter- rollen. Während der Wirkungskreis der Frau hauptsächlich auf das eigene Haus beschränkt ist, kann der Mann sich beruflich verwirklichen und bewegt sich folglich mehr in der Öffentlichkeit.15 Die Frau wird zu dieser Zeit als das schwache oder zweite Geschlecht angesehen und von ihrem Ehemann bevormundet. Dabei wird die Ehe als das primäre und erstrebenswerteste Ziel im Leben einer Frau gesehen. Der Frau werden folglich die häuslichen Tätigkeiten, wie die Beaufsichtigung und Erziehung der Kinder, sowie die Führung des Haushaltes zugeschrieben. Um diese zu bewältigen waren Tugenden wie Ordnung und Sanftmut, aber auch Reinlichkeit und Sparsamkeit essentielle Eigenschaften einer guten Hausfrau.16

In der Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten die Frauen vermehrt Zugang zu leichter Literatur, wie beispielsweise Romanen und moralischen Wochenzeitschriften. Jedoch werden auch die darin behandelten Themen nach den Interessen und Vorstellungen der Männer gestaltet. Gelehrte und wissenschaftliche Literatur bleiben den Männern vorbehalten.17

Während die Frauen sich also im geschützten und sicheren Raum des Hauses aufhalten, treten die Männer als Familienoberhaupt und Ernährer auf. Schon an dieser grundlegenden Ordnung erkennt man, dass die Geschlechter zu Zeiten Goethes keinesfalls Gleichberechtigung erfahren. Auch die Aufklärung ändert nichts an der Stellung der Frau, man kann sogar sagen, dass die soziale Abgrenzung nochmals verstärkt wird.18

[...]


1 Sauder, Gerhard: Willkomm und Abschied: wortlos. Goethes Sesenheimer Gedicht „Mir schlug das Herz“, in: Gedichte und Interpretationen. Aufklärung und Sturm und Drang, hrsg. v. Karl Richter. Reclam Verlag, Stuttgart 1983, S.412.

2 Neuhaus, Volker: Andre verschlafen ihren Rausch, meiner steht auf dem Papiere. Goethes Leben in seiner Lyrik. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2007, S. 104

3 Ebd., S.106.

4 Vgl.: Goethe, Johann Wolfgang: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, hrsg. v. Walter Hettche. Philip Reclam Verlag, Stuttgart 2012., S. 486.

5 Vgl.: Otto, Regine & Witte, Bernd: Goethe Handbuch. Band 1. Gedichte. JB Metzlersche Verlagsbuchhandlung & Carl Poeschel Verlag GMBH, Stuttgart/Weimar 1996, S.77.

6 Vgl.: Neuhaus: Andre verschlafen ihren Rausch (wie Anm. 2), S. 104.

7 Vgl.: Sauder: Willkomm und Abschied wortlos (wie Anm.1), S.421.

8 Vgl.: Neuhaus: Andre verschlafen ihren Rausch (wie Anm. 2), S. 110.

9 Vgl.: Sauder: Willkomm und Abschied wortlos (wie Anm.1), S.18-19.

10 Ein Ochsenziemer ist ein Schlagwerkzeug, welcher aus getrocknetem Rinderpenis hergestellt wird (Vgl.:

Grimm, Jacob & Grimm, Wilhelm: Deutsches Wörterbuch, Bd.7. Verlag von S. Hirzel, Leipzig 1889, S. 1138.)

11 Götze, Alfred: Trübners Deutsches Wörterbuch. Band 8 (W-Z). Walter de Gruyter & Co Verlag, Berlin 1957, S.175.

12 Vgl.: Sauder: Willkomm und Abschied wortlos (wie Anm.1), S.55.

13 Allgemeines Landrecht für die Preußischen Staaten von 1794. Textausgabe. Alfred Metzler Verlag, Frankfurt a.M./Berlin 1970, S. 708.

14 Vgl.: Sauder: Willkomm und Abschied wortlos (wie Anm.1), S.16.

15 Vgl.: Dülmen, Andrea van: Frauen Leben im 18. Jahrhundert. C.H. Beck Verlag/Gustav Kiepenhauer Verlag, München/Leipzig&Weimer 1992, S. 29.

16 Vgl.: Ebd., S. 33.

17 Vgl.: Ebd., S. 211.

18 Vgl. Ebd., S. 22.

Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656912569
ISBN (Buch)
9783656912576
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293686
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,3
Schlagworte
Goethe Willkommen und Abschied Gedicht

Autor

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