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Der Beginn der Liebe von Tristan und Isolde bei Gottfried von Straßburg

Ist der Minnetrank Ursache oder lediglich Symbol dieser Liebe?

Hausarbeit 2013 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Wann beginnt die Liebe von Tristan und Isolde?
2.1. These 1: Die Liebe von Tristan und Isolde beginnt vor der Minnetrankszene
2.2. These 2: Die Liebe von Tristan und Isolde beginnt erst mit dem Minnetrank

3. Betrachtung der beiden Interpretationsweisen anhand ihrer Textbelege

4. Schluss

5. Anhang
5.1. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der wohl wichtigste Streitpunkt in der Tristanforschung ist der Liebesbeginn von Tristan und Isolde. Diesem widme ich mich in der vorliegenden Hausarbeit.

Die Minnetrankszene ist der Knotenpunkt der Erzählung. An dieser Stelle vollzieht sich eine entscheidende Wendung, egal wie der Liebesbeginn der Protagonisten verstanden wird, da ab der Einnahme des Trankes die Liebe von Tristan und Isolde deutlich erkennbar und bewusst auftaucht. An genau an dieser bedeutenden Stelle gibt der Autor, Gottfried von Straßburg, keine eindeutigen Hinweise oder Kommentare, wodurch ein großer Interpretationsspielraum entsteht. Gerade deshalb ist die Interpretation und Deutung um den Liebesbeginn so stark diskutiert.1

Unter den klassischen mittelhochdeutschen Dichtungen ist Gottfrieds Tristan die schwierigste und dunkelste. Die schillernde Oberfläche des Textes und die Musikalität der Sprache nehmen den Leser gefangen, so daß er der Erzählung folgt, ohne sich immer ihres Doppelsinns oder ihrer Tiefe bewußt zu werden.2

So macht es Gottfried dem Publikum noch schwerer, sich auf ein einheitliche Deutung des Minnetranks zu einigen. Folglich ist der Kern aller Diskussionen die Frage, ob der Minnetrank die Liebesursache und der Liebesbeginn ist oder nicht.3

Vom Beginn der Liebe hängt wiederum die Rolle des Minnetranks in Gottfrieds Werk ab: Wenn die Liebe schon vor dem Trank vorhanden ist, ist die Trankszene und der Trank selbst lediglich ein traditionelles Relikt der Tristangeschichte und ein simples Symbol der Liebe. Wenn der Trank die Liebe stiftet, dann ist er ein zentrales Motiv des Werks und bildet einen Wendepunkt.4

In der Forschung haben sich mehrere Möglichkeiten der Minnetrankdeutung herausgebildet. Diese erläutere ich in den nächsten Kapiteln, wobei ich mich auf die wichtigsten Vertreter der Forschungsdebatte konzentriere, um meine Arbeit in einem übersichtlichen Rahmen zu halten und verständlicher zu machen.

2. Wann beginnt die Liebe bei Tristan und Isolde?

Bevor ich die verschiedenen Meinungen der Forschungsdebatte darstelle, möchte ich eine kurze Zusammenfassung des Geschehens um den Minnetrank geben, sodass die Stelle im Folgenden bekannt ist.

Der Minnetrank in Gottfrieds Tristan wird von der irischen Königin Î s ô t, der Mutter von Isolde, durch ihre magischen Kräfte für ihre Tochter und deren zukünftigen Ehemann König Marke hergestellt. Er besitzt die besondere magische Kraft, Liebe zwischen den Personen zu stiften, die ihn trinken. Der Trank berücksichtigt weder Status noch den eigenen Willen der Personen.5 Durch ihn wird die „Liebe als anonyme[r], überwältigende[r] Macht“6 dargestellt. Seine Bestimmung ist es, Isolde die bevorstehende Ehe erleichtern, da sie Marke noch nicht kennt und die beiden keine Liebeshochzeit eingehen werden.7

Die Königin betont ausdrücklich, wie gefährlich der Trank ist und befiehlt der Überbringerin Brangäne, ihn zu bewachen und sicherzustellen, dass er ausschließlich Marke und Isolde in der Hochzeitsnacht zukommen darf.8 Die Tragweite des Trankes wird besonders deutlich, nachdem Isolde und Tristan ihn getrunken haben, er also entgegen seiner Bestimmung von Königin Î s ô t verwendet wurde:

ez was diu wernde swaere, diu endelôse herzenôt, von der si beide lâgen tôt. nu was aber ir daz unrekant.9

Aber nicht nur der Erzähler kennzeichnet eindeutig, dass die Beiden nun dem Tod geweiht sind, sondern auch Brangäne: „ouwê Tristan unde Isôt, / diz tranc ist iuwer beider tôt.“10.11 Sofort wirkt der Zaubertrank und breitet sich fast gewaltsam über Isolde und Tristan aus: ê sîs wurden gewar, dô stiez sir sigevanen dar und zôch si beide in ir gewalt.12

Er wirkt schlagartig, plötzlich und gegen den Willen der Betroffenen, sodass diese die Kontrolle über ihren eigenen Willen, ihr Bewusstsein und den Verstand sowie ihr Gefühl für Zeit und Raum verlieren.

Wie lange der Trank wirkt, wird nicht gesagt. Dafür verdeutlich Gottfried die Folgen umso mehr. Ausführlich beschreibt er die Symptome der Liebeskrankheit indem er z.B. die wechselnde Gesichtsfarbe, die Nahrungsverweigerung oder die Schlafstörungen darstellt.13 Auf der Handlungsebene betrachtet ist der Trank in Gottfrieds Tristan ein pharmakologisches Erzeugnis mit starken psychologischen Reaktionen. Dies fügt sich gut in das mittelalterliche Verständnis von Liebe als lebensbedrohliche Krankheit ein.14

Seine herausragende Position im Gesamtwerk bekommt der Trank, weil er entgegen des Plans von Isolde und Tristan eingenommen wird15, während sie sich mit dem Schiff auf dem Meer befinden. Dieser Ort bietet sich an, da er „eine jeder menschlichen Behausung und fremder Gesellschaft entrückte, dämonischen Gewalten ausgelieferte Stätte16 “ ist, an dem ein solch überirdischer, magischer ‚Zauber’ stattfinden kann.

In der Forschung werden zwei Ansätze bezüglich der Deutung von Tristans und Isoldes Liebesbeginn vertreten:

Die eine Richtung sieht den Minnetrank als magisches Mittel, das die Liebe von Tristan und Isolde schlagartig entstehen lässt, wogegen die andere Richtung die Liebe schon vor dem Minnetrank erkennt und den Trank nur als Symbol der bereits vorhandenen Liebe sieht.17 Im nächsten Kapitel werden diese vorgestellt.

2.1. These 1:

Die Liebe von Tristan und Isolde beginnt schon vor der Minnetrankszene Der Minnetrank ist Symbol der Liebe - so sehen ihn die Vertreter, die schon vor der Minnetrankszene unbewusste oder bewusste Liebe bei Tristan und Isolde erkennen. Dennoch lassen sich auch in dieser Gruppe noch drei verschiedene Ansätze fassen.

Einige Forscher18 sehen den Trank als Symbol, welches das Bewusstwerden der schon vorhandenen, unbewussten Liebe kennzeichnet. Folglich entstehe die Liebe nicht, sondern gelange lediglich ins Bewusstsein der angeblich Verliebten.

Ebenso gibt es die Deutung19 des Trankes als Symbol, das die Sinnenliebe, also den „unwiderstehlichen Zwang der Begierde und der Sinnesekstase“20, erweckt. Der dritte Ansatz21 gesteht dem Zaubertrank lediglich simplen Symbolcharakter zu, wodurch er überflüssig und ohne echten Symbolcharakter sei.22

Einer der bekanntesten Forscher in der Diskussion um den Liebesbeginn bei Gottfrieds Tristan ist Friedrich Ranke. Er erklärte 1925 als erster Forscher, dass Gottfried die Liebe schon vor dem Trank erkennen lasse. Der Zaubertrank hebe lediglich das ins Bewusstsein, was in den Herzen der Liebenden längst vorhanden sei. Durch seine Darstellung wolle Gottfried dem Trank eine neuere, modernere Bedeutung geben, sodass er die traditionelle Trankfunktion als ‚Liebesstifter’ aufhebe und ihn lediglich als Symbol der Liebe beibehalte.23

Er begründet seine These z.B. mit Tristans Isoldenpreis24 oder dadurch, dass Isolde die Erste ist, die Tristan in seiner Verkleidung als Spielmann erkennt. In Tristans Preis stecke so viel Leidenschaft, dass diese nur auf liebende Gefühle zurückgeführt werden könne. Und Isolde erkenne Tristan, weil sie sein Äußeres - aufgrund ihrer Liebe zu ihm - in sich trage. Fast in jeder Szene kann Ranke einen Hinweis auf unbewusste Liebe aufzeigen. Auch der Hass, den Isolde empfindet nachdem sie die Täuschung Tristans erkennt, ist für Ranke eine Reaktion auf ihre zerbrochene Liebe. Er vertritt die Meinung, dass „Gottfried die schon bestehende Liebe nicht ausdrücklich verrate, aber doch zugleich erraten lassen wolle“25 und deswegen eine verhüllende Sprache verwende.26

[...]


1 Vgl. Abschnitt mit Ganz, P. F.: Minnetrank und Minne. Zu ‚Tristan’, Z. 11707f. Göppingen 1970. S. 63-75.

2 Ebd. S. 63.

3 Vgl. Abschnitt Ebd. S. 63-75.

4 Vgl. Furstner, H.: Der Beginn der Liebe bei Tristan und Isolde in Gottfrieds Epos. 1957. S. 25-38.

5 Vgl. Von Straßburg, G.: Tristan. Band 2. Stuttgart 2009. S. 94-97. V. 11429-11444.

6 Keck, A.: Die Liebeskonzeption mittelalterlicher Tristanromane - Zur Erzähllogik der Werke Bérouls, Eilharts, Thomas’ und Gottfrieds. München 1998. S. 206.

7 Die Hochzeit findet statt, weil Tristan Isolde für Marke erobert hat, indem einen Drachen getötet hat.

8 Vgl. Von Straßburg, G.: Tristan. Band 2. Stuttgart 2009. S. 96-99. V. 11445-11479.

9 Ebd. S. 108/109. V.11674-11677.

10 Von Straßburg, G.: Tristan. Band 2. Stuttgart 2009. S. 110/111. V. 11705-11706.

11 Vgl. Keck, A.: Die Liebeskonzeption mittelalterlicher Tristanromane - Zur Erzähllogik der Werke Bérouls, Eilharts, Thomas’ und Gottfrieds. München 1998. S. 206.

12 Vgl. Von Straßburg, G.: Tristan. Band 2. Stuttgart 2009. S. 110/111. V. 11713-11715.

13 Vgl. Müller, I.: Liebetränke, Liebeszauber und Schlafmittel in der mittelalterlichen Literatur. In: Liebe - Ehe - Ehebruch in der Literatur des Mittelalters. Gießen 1984. S. 77.

14 Vgl. Tomasek, T.: Gottfried von Straßburg. Stuttgart 2007. S. 202/203, 218.

15 Vgl. Ebd.

16 Müller, I.: Liebetränke, Liebeszauber und Schlafmittel in der mittelalterlichen Literatur. Gießen 1984. S. 76.

17 Vgl. Abschnitt mit Dietz, R.: Der ‚Tristan’ Gottfried von Straßburgs. Göppingen 1974. S. 89-115.

18 z.B. Schwietering und Ranke

19 z.B. Weber

20 Weber, G.: Gottfrieds von Straßburg Tristan und die Krise des hochmittelalterlichen Weltbildes um 1200. Teil I. Stuttgart 1953. S. 125.

21 z.B. Nickel, Naumann, Ehrismann, Schneider

22 Vgl. Abschnitt mit Furstner, H.: Der Beginn der Liebe bei Tristan und Isolde in Gottfrieds Epos. 1957. und Krohn, R.: Gottfried von Straßburg, Tristan. Band 3. Stuttgart 1980. S. 114-116.

23 Vgl. Abschnitt mit Ranke, F.: Tristan und Isold. München 1925.

24 Von Straßburg, G.: Tristan. Band 1. Stuttgart 2009. S. 495-499. V. 8253-8300.

25 Dietz, R.: Der ‚Tristan’ Gottfried von Straßburgs. Göppingen 1974. S. 91.

26 Vgl. Abschnitt mit Dietz, R.: Der ‚Tristan’ Gottfried von Straßburgs. Göppingen 1974. S. 89-115. & Ranke, F.: Tristan und Isold. München 1925.

Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656910022
ISBN (Buch)
9783656910039
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293558
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für deutsche Sprache und Literatur I
Note
1,0
Schlagworte
beginn liebe tristan isolde gottfried straßburg minnetrank ursache symbol

Autor

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Titel: Der Beginn der Liebe von Tristan und Isolde bei Gottfried von Straßburg