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Die Sprache Calibans

Kommentare zum alltäglichen Hörensagen. Die Sprache der agonalen Überbietungskultur

Fachbuch 2015 643 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhalt

Die Sprache Calibans (1) - Kommentare zum alltäglichen Hörensagen
Überblick
Erstes Hauptstück: Zum Thema
Zweites Hauptstück: Von der Sprachveränderung
Drittes Hauptstück: Vom Verlassen und vom Verlassenen
Viertes Hauptstück: Vom Schwellen und vom Geschwollenen
Fünftes Hauptstück: Von der Sprachkrise
Sechstes Hauptstück: Von der Neusprache
Siebtes Hauptstück: Vom superioren Bewusstsein
Achtes Hauptstück: Nachzutragendes

Die Sprache Calibans (2) - Zur Sprache der agonalen Überbietungskultur
Überblick
Erstes Hauptstück. Das Allegorische
Zweites Hauptstück. Von der Abwicklung
Drittes Hauptstück. Von der Lust am Tode
Viertes Hauptstück. Vom irregeführten Leben
Fünftes Hauptstück. Nachzutragendes

Im Text angebrachte Sternchen (Asteriske, *) verweisen jeweils auf die Erläuterungen unter „Nachzutragendes“.

Coverbild: „The Tempest by William Hogarth“ by William Hogarth -

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2. The Bridgeman Art Library, Object 349. Licensed under Public Domain via Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_Tempest_by_William_Hogarth.JPG#mediaviewer/File: The_Tempest_ by_William_Hogarth.JPG

Die Sprache Calibans (1) Kommentare zum alltäglichen Hörensagen

Überblick

Erstes Hauptstück: Zum Thema

Caliban und Prospero Prospero und Caliban

Zweites Hauptstück: Von der Sprachveränderung

Selbstverständnis der neueren Sprache Gewährspersonen. Quellen Kürze (1) Kürze (2) “Eindeutigkeit”: ein Zeichen - eine Bedeutung “Eindeutigkeit”: eine Bedeutung - ein Zeichen (1) 21 “Eindeutigkeit”: eine Bedeutung - ein Zeichen (2) “Eindeutigkeit”: eine Bedeutung - ein Zeichen (3) Direktheit (1) Dativmeidung (1) Dativmeidung (2) Gefährdung der Endungssilben Dativstützung Kasuskonfusion Direktheit (2) Direktheit (3) Verschieben (1) Verschieben (2) Verschieben (3) Verschieben (4) Neuwörter

Drittes Hauptstück: Vom Verlassen und vom Verlassenen

Vom Verlassen (1) Vom Verlassen (2) Vom Verlassen (3) Vom Verlassen (4) “Ach mir kommen die Tränen” Gewöhnung Urteil der Geschichte Nachleben: Don Quijote Nachleben, nicht eines jeden Leben durch Totes Nachleben: Saniette Nachleben: Schönheit des Verstoßenen

Viertes Hauptstück: Vom Schwellen und vom Geschwollenen

Schwellen (1) “Jede Menge” Schwellen (2) “Nebelbildung” Schwellen (3) Super-GAU Schwellen (4) “Voll und ganz” Geschwollen (1) Geschwollen (2) Geschwollen (3) Geschwollen (4) Geschwollen (5) Geschwollen (6) Das Immense

Fünftes Hauptstück: Von der Sprachkrise

Zeigen Geschwätz Verlangen an die Darstellung (1) Verlangen an die Darstellung (2) Sprache und Kategorien (1) Sprache und Kategorien (2) Sprache und Kategorien (3) Formalisierung und inhaltliches Apriori (1) Formalisierung und inhaltliches Apriori (2) Zum Doppelcharakter der Sprache Satz (1) Zum Naturcharakter der Sprache Retention (1) Retention (2) Satz (2) Satz (3) Satz (4) “Profile” Sprache als Falle (1). Astrologie Sprache als Falle (2) Herrenrunde Sprachkrise (1) Sprachkrise (2) Sprachkrise (3) Auschwitz und Sprachnot Verlegenheit (1) Soviel Wort war nie Formalisierung und inhaltliches Apriori (3) Sprachkrise (4) Sprachkrise (5) Verlegenheit (2) Verlegenheit (3)

Sechstes Hauptstück: Von der Neusprache

Geselligkeit (1) Geselligkeit (2) Geselligkeit (3) Geselligkeit (4) Dialogue de sourds Vergeblichkeit Fremdwörter (1) Fremdwörter (2) Einsilbigkeit Abkürzen Gröberes Wort (1): das drastische Gröberes Wort (2): das schaumige Vokabeln Schlagzeile (1) Analphabetismus Schlagzeile (2) Geselligkeit (5) Grobe Kürze Leere Breite Falschwörter Öffentliche Lüge Schluss-Neun Bereichssprache Entsinnlichung Neuer Wertbegriff (1) Neuer Wertbegriff (2) Bann der Technik- und Warenwelt (1) Bann der Technik- und Warenwelt (2) Bann der Technik- und Warenwelt (3) Bann der Technik- und Warenwelt (4) Schutzhaft der Ideen Klüngelsprache Auftrumpfende Regression Fortsetzung per Schluss-Strich Topics (1) Topics (2) „Opportunist “ Topics (3) Topics (4) Redeweisen (1) Redeweisen (2) Redeweisen (3) Redeweisen (4) Redeweisen (5) Redeweisen (6) Redeweisen (7) Redeweisen (8) Redeweisen (9) Redeweisen (10) Redeweisen (11) Redeweisen (12) Redeweisen (13) Redeweisen (14) Redeweisen (15) Redeweisen (16) Redeweisen (17) Redeweisen (18) Normale Sprache und populäre Theorie (1) Normale Sprache und populäre Theorie (2) Normale Sprache und populäre Theorie (3) Normalität und Wahnsinn (1) Normalität und Wahnsinn (2) “Trottel” Das Wort “normal” Normalität als Schuldigkeit (1) Der schnelle Verträglichkeitstest Normalität als Schuldigkeit (2) Normalität des Zustands Normalität der Zustände “Zur Normalität zurückkehren” (1) Indifferenz von Exzess und Normalität Indifferenz von Normalität und Ausnahmezustand “Glaubwürdig” (1) “Glaubwürdig” (5) “Glaubwürdig” (9) Institution Gehabe “Zur Normalität zurückkehren” (2) “Zur Normalität zurückkehren” (3) “Glaubwürdig” (2) “Glaubwürdig” (3) “Glaubwürdig” (4) “Glaubwürdig” (6) “Glaubwürdig” (7) “Glaubwürdig” (8) “Fasziniert” (1) “Fasziniert” (2) “Fasziniert” (3) Zur Sprache der

Siebtes Hauptstück: Vom superioren Bewusstsein

“Immer schon” (1) “Immer schon” (2) “Immer schon” (3) “Immer schon” (4) Appeasement “Immer schon” (5) “Immer schon” (6) “Immer schon” (7) Das superiore Bewusstsein (1) Das superiore Bewusstsein (2)

Achtes Hauptstück: Nachzutragendes

Die Sprache Calibans (1) Kommentare zum alltäglichen Hörensagen.

Als nun aber die immer fortschreitende Menschheit derartig . . . in jenen Zustand geraten war Wo jeder Fortschritt nunmehr und jede neue Erfindung Ehern die Menschen in immer tiefere Entmenschung hineintrieb Fing auch die Sprache an, rasch zu verkommen und jede Verständigung Wurde unmöglich.

Bertolt Brecht, Über das Begreifen des Vorhandenen Gesammelte Werke, 10, S. 901.

Erstes Hauptstück: Zum Thema.

Caliban und Prospero. - Unausdrücklich beschreibt Pierre Bourdieu eine alte, idealtypisch in Shakespeares Der Sturm mit der Relation Prospero - Caliban nachgezeichnete Konstellation, wenn er in Satz und Gegensatz, Über die Verantwortung des Intellektuellen, 1993*, das Gegenüber des Sprachlehrers, Sprechers, Senders zum Sprachschüler, Hörer, Empfänger kennzeichnet und dabei ausführt, ”daß es beim sprachlichen Tausch - wie bei jedem anderen Tausch - um ein Machtverhältnis zwischen Sender und Empfänger geht“ und ”daß ein bedeutender Teil dessen, was sich in der sprachlichen Kommunikation abspiegelt, ja sogar der Inhalt der Botschaft, unbegriffen bleibt, solange man diese Machtstruktur nicht berücksichtigt“. Bourdieu nimmt die ”Kommunikation zwischen Kolonialherrn und Kolonisierten in einer kolonialen ... Situation“ als Beispiel und fragt: ”welche Sprache werden sie sprechen?“ (S. 17) Die Sprache, in welcher der Herr mit dem Knecht spricht, ist eine, die, indem sie jene Machtstruktur genau reproduziert, beiden gebietet, es zu bleiben. Der in Prosperos Büchern sich abbildende Kosmos der herrschenden Ideen ist ein dem Hierarchieprinzip verschworenes, auf Verknechtung zielendes Herrschaftswissen. Die Geschicke derer, die die unter diesem Ideenhimmel geprägte Sprache erlernen, sind vorweg nach der einen oder der anderen gesellschaftlichen Seite vorentschieden. Herrschaftssprache, der alle Bestandstücke der Sklavensprache korrelieren, weist dem Untergebenen seinen Platz zu und schreibt ihm das diesem gemäße Wort vor. Ein Adliger, ist Prospero zugleich von frühbürgerlich-humanistischem Geist. Der Barbarei halb erst entkommen, ist er zweideutig wie die Sprache, die er lehrt; zweideutig als der Bürger, dessen Sozialcharakter Bildung und Brutalität in sich vereint. An die Zweideutigkeit heftet sich aber die Möglichkeit eines Umschlags des Zustands in einen besseren. Der Sturm beschreibt Prospero immerhin als einen, der sich bewegt. Übers Gegebene hinausweisende Impulse sind keine Gelegenheit des von allen strukturellen Voraussetzungen getrennten Caliban. Prospero, der ihn an der Bildung wollte teilhaben lassen, urteilt zum Schluss: ”Ein Teufel, ein geborner Teufel ist’s, / An dessen Art die Pflege nimmer haftet, / An dem die Mühe, die ich menschlich nahm, / Ganz, ganz verloren ist, durchaus verloren; / Und wie sein Leib durchs Alter garst’ger wird, / Verstockt sein Sinn sich“ (Der Sturm IV, 1; nach Schlegel). Daran ist einiges unbillig; jedoch Caliban, obschon kein geborener Teufel, verhält sich teuflisch. Er stiftet Stephano an, Miranda zu vergewaltigen, Prospero zu ermorden: ”...‘s ist bei ihm die Sitte / Des Nachmittags zu ruhn; du kannst ihn würgen, / Hast du erst seine Bücher: mit ‘nem Klotz / Den Schädel ihm zerschlagen, oder ihn / Mit einem Pfahl ausweiden, oder auch / Mit deinem Messer ihm die Kehl’ abschneiden. / Denk’ dran, dich erst der Bücher zu bemeistern, / Denn ohne sie ist er nur so ein Dummkopf, / Wie ich bin, und es steht kein einz’ger Geist / Ihm zu Gebot / Verbrenn’ ihm nur die Bücher!“ (III,2) Das ist die calibanische Sprache der bösen Anschläge. Caliban wird damit zum Namen jener Kraft, zu deren Äußerung Sprache schließlich herunterkommt: der der Verhinderung von Emanzipation, Souveränität, Subjekt. Sprache wird zum Instrument blinder Zerstörung. Calibans ”fürchterlicher Plan eines Hausfriedensbruchs, bei dem die Bücher zerstört, der Herr des Hauses ermordet, die Tochter geschändet werden sollen, ist emblematisch für den szenischen Zusammenhang, in dem die Bücherverbrennungen zu sehen sind: Auslöschung des Gedächtnisses, die Kriegserklärung an das Individuum, der Rückfall aus der Kontinuität sinnvoller Geschichte in das Nichts, in das Chaos, letzten Endes die Verwandlung des geschichtlichen Raumes in brutale Natur“ (Leo Löwenthal, Calibans Erbe, Schriften, 4, S. 145). Dies alles will mehr noch als für den Caliban des Stückes für die gelten, deren Prototyp er ist, wusste doch jener noch von keinem Begriff einer möglichen sinnvollen Geschichte. - Das Scheusal Zaches, dessen Antagonist der Zauberer Prosper Alpanus ist, ist missgestaltet ähnlich Caliban. Er ist unansprechbar und macht auch darin die calibanische Art aus. Mit Bildung bekannt gemacht, bleibt Zaches ein Ungebildeter. Noch dazu ist er ein Zerstörer; was die in seinem Kreis Lebenden angreifen, misslingt ihnen. In ihm will Rosabelverde, seine Fee, eine Stimme erwecken - doch keine erwacht; er lässt nicht nach in seiner ”Dummheit, Grobheit, Ungebärdigkeit“ (E. T. A. Hoffmann, Klein Zaches, genannt Zinnober). - Von der Bildung selber sich ausschließend und gegen sie sich behauptend mit Hilfe ihrer - barbarisch isolierten - instrumentellen Funktionen erfährt Caliban von der Kultur hauptsächlich das Gewaltmoment, eben jenes, dem er sich selbst in böswilligem Trotz angleicht. An der Sprache, die er gelernt hat, entdeckt Caliban die Umkehrbarkeit; das Mittel der Unterdrückung eignet sich zu dem des Kampfes gegen die abstrakt negierte Kultur. Bildung, Kultur, Sprache rüsten sich in Caliban und seinem ganzen perennischen Tross zum lange ersehnten Selbstmord. ”You taught me language; and my profit on’t / Is, I know how to curse; the red plague rid you, / For learning me your language!“ ”Sprechen lehrtet Ihr mich, und mein Gewinn / Ist, dass ich fluchen kann. Die Pest zerfress’ Euch, / Weil Ihr mir Eure Sprache beigebracht“ (Der Sturm I, 2). Versöhnung hieße es, würde Caliban Prospero, den er schon einmal mit Erlernen der Sprache, nämlich unglücklich, beerbt hat, ein zweitesmal beerben, wiederum durch die Sprache. Denn sie wäre dem Speer zu vergleichen, von dem Goethe in Torquato Tasso mit Anklang an alte Dichtungen sagen lässt, dass er die Wunde, die er schlug, “durch freundliche Berührung heilen” könne. Freilich erfand Caliban den Fluch nicht, es darf nicht übersprungen werden. Er spricht die operationelle Sprache, und er spricht sie mit Betonung des Wesenszugs, der sich ihm schmerzhaft fühlbar gemacht hat: eine Sprache, die auf Zerstörung längst angelegt ist. Wenn es an ihr noch ein Übriges gibt, so wusste er es nicht aufzunehmen, weil es ihm nicht leiblich erfahrbar war. Calibans Sprache lässt alle Korrektive weg. Gleichwohl: ”Die aus Büchern destillierte Unterweisung durch Prospero blieb nicht folgenlos. Man hat mit Recht bemerkt, daß Caliban bei Shakespeare in Versen spricht“ (Hans Mayer, im Essay zu Prospero und Caliban, in Das unglückliche Bewusstsein. Zur deutschen Literaturgeschichte von Lessing bis Heine, 1989 (1986), [S. 234-242] S. 237). - ”Will nicht mehr Fischfänger sein, / Noch Feurung holen, / Wie’s befohlen; / Noch die Teller scheuern rein; / ‘ban, ‘ban, Ka - Kaliban / Hat zum Herrn einen andern Mann: / Schaff’ einen neuen Diener dir an. / Freiheit, heisa! heisa, Freiheit! Freiheit, heisa! Freiheit!“ (II,2) Letzteres ”ein Gebrüll in Prosa ... Er hat das Identitätsgefühl des Knechtes, der den Herrn wechselt, den eigenen Namen weiß, und sogar Sprachspiele damit zu treiben vermag. Da ist nichts von Unschuld der Hyäne oder Schlange. Caliban läuft weg aus der Schule der Aufklärung. Er weiß auch, was Dankbarkeit ist, denn er entschied sich für die Undankbarkeit“ (Mayer, ebd.). ”Caliban wurde zwischen den Mythos und die Aufklärung gestellt. Er entscheidet sich für den Mythos” (S. 238). Jan Kott, sagt Mayer, verstehe ”mit gutem Recht die Geschichte Prosperos als eine solche der gescheiterten Aufklärung“ (ebd.*). Caliban ist seitdem zum Namen für den gegen die Aufklärung aufsässigen neuen Menschentyp geworden. Die Welt ist voll der Sozialphysiognomie Calibans. Ähnlich Löwenthal sieht Wolfgang Koeppen als Kulmination der calibanischen Natur den Faschismus. Er erkennt Caliban in den Hitlerjungen wieder, die er beschreibt: Sie sind: ”bereit zu folgen, bereit zu kämpfen, bereit zu sterben. Es braucht kein Gott zu sein, der sie ruft, ein Plakat auf allen Mauern, eine gerade gängige Larve, ein Bärtchen mit Markenschutz, ... die Roboter-Maske aus gestanztem Blech, ein Gesicht unter dem Durchschnitt, kein Versprechen in den Augen, leere Wasser, geschliffene Spiegel, die immer nur dich zeigen, Kaliban, von dem die Genien sich abwandten, der synthetische Rattenfänger, sein Ruf: Bewährung, Blut, Schmerzen und Tod, ich führe dich zu dir selbst, Kaliban, du brauchst dich nicht zu schämen, ein Scheusal zu sein“ (Koeppen, Tauben im Gras, Roman1951 1986). - Dem calibanischen Prospero folgte kein prosperonischer Caliban. Der existierende Caliban in der spätkapitalistischen Gesellschaft, das ist: der immer noch Eingeschränkte, Perspektivlose, steht somit nicht für das Nichtidentische, er steht als der Sozialcharakter, der er einmal ist, mit seinen Einschränkungen für das identisch Gemachte, welches als dieses sich selbst setzt, als dieses nicht nur sich behaupten, sondern zur Maßgeblichkeit aufschwingen will. - Wie Klein-Zaches, so wiederholt das ”bucklichte Männlein“ (in Des Knaben Wunderhorn) Wesenszüge Calibans. Des Bucklichten Harlekinade schwillt zum Teuflischen an; er hintertreibt, indem er den Schabernack ins Ungemessene treibt, alles Treiben des betroffenen Ichs. Solange Caliban den kennzeichnenden gesellschaftlichen Typ ausmacht, kann der Menschheit nichts gelingen. ”Wenn ich an mein Bänklein knie, / Will ein bißlein beten, / Steht ein bucklicht Männlein da, / Fängt als an zu reden: / ‘Liebes Kindlein, ach ich bitt, / Bet’ fürs bucklicht Männlein mit.” Caliban ist erlösungsbedürftig.

Anmerkung (1). - Caliban nimmt die kannibalische Routine der bürgerlichen Gesellschaft vorweg. Die Klangverwandschaft der Namen ist, wie man weiß, kein Zufall. Am calibanisch-kannibalischen Wesen sticht die universal gewordene mechanisierte Gier, das Andere sich einzuverleiben, hervor. Schon die prädikative Satzstruktur drückt das Essen aus, die Umwandlung des zu Assimilierenden in gleichsam körpereigenen Stoff. Solange man fremd Anmutendes sich zu assimilieren trachtet, anstatt es entweder in einem neutralen Verhältnis respektvoll für sich fortbestehen zu lassen oder sich in Liebe daran zu entäußern - das wäre die Einlösung der Utopie, nicht man selbst zu sein, die Freiheit zum Objekt* als dem unterschiedenen Anderen - , ist alles Verstehen gestört. Caliban, der neue Menschentyp, flucht großer Musik nicht, weil er sie nicht versteht. Eine Melodie soll eingängig sein. Die Liebe zum Eingängigen dankt sich nicht der unmittelbaren Hinneigung zu ungefilterter Sinnlichkeit, sie entsteigt vorweg und krass dezisionistisch der Vorentscheidung eines fremdgeleiteten Willens zur intoleranten Insistenz auf dem, was nicht in Konflikte bringt. Das Verlangen geht aufs Verdauliche. Verstehen soll denn auch nur heißen; das Erratische durch die ”Tätigkeit des Vermeinigens“* zu neutralisieren. Jedes Segment unassimilierte Welt, das nicht seiner bestürzenden Fremdheit sich entkleiden, nicht in bekömmliche Kost sich umsetzen lässt, soll außer Kurs gesetzt werden. Immer soll bloß Gleiches zum Gleichen kommen. So hat denn doch jener Menschentyp am Unassimilierten einen bezeichnenden Zug sozusagen erkannt.

Anmerkung (2). - Prospero und Caliban sind Dr. Jekyll und Hyde. Prospero hat Caliban schon vorweg in sich als eine Komponente seines Sozialcharakters. Sie stehen ”zueinander keineswegs in Form der reinen Position und der reinen Negation“. Mayer, der dies bemerkt hat, fügt hinzu, es sei ”spät erst verstanden worden“ (S. 235). Die merkwürdigen Verschränkungen, in denen die Figuren existieren, ihre in der Geschichte sich verändernde Wechselseitigkeit, die Drehung in ihrem Verhältnis wurden oft beschrieben. Es ist nicht möglich, mit abschließender Verwerfung des einen gegen den anderen Partei zu nehmen. Und es ist angesichts dieses Spiels auch nicht müßig, zu fragen, ob nicht Caliban Anspruch auf Sympathie habe. Für diese These spricht Heiner Müller in einigen Reflexionen über das Theater im Kampf um die Zukunft. Der Autor - der Stückeschreiber - übe die Sprache im Namen ”Calibans, des neuen Shakespearelesers“, um der Barbarei der Kultur, auch sich selbst als dem, der der Welt die Stücke schreibt, zu fluchen (Heiner Müller, Shakespeare, eine Differenz. Shakespeare Factory 2, S. 230). Die Befreiung der Leidenden, an der er wirke und die auch die seiner selbst sei, sei die Calibans, des Leidenden. - Steht Caliban als dem Gebrauchten, dem im erwartungslosen Frustrationsalltag Hinlebenden, eine dialektische Sympathie zu - dialektisch, weil nicht dem calibanischen Prinzip, sondern der lebendigen Person geltend, an der sich jenes versinnlichte und die auch nur das ist, was die Welt, vertreten durch Prospero, aus ihr gemacht hat - , so steht eine dialektische Sympathie für Prospero gleichfalls an. Wohl ist Prospero ein Sklavenhalter. Jefferson, der Verfasser der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, besaß Sklaven: ein Widerspruch. Er macht das Dokument nicht zur Makulatur.

Prospero und Caliban. - Den Namen Prospero zu nennen, heißt von dem, der dem Einspruch offensteht, eigentlich von der Utopie, zu sprechen. Prosperos Sinn, das lehrt Der Sturm, steht jenem Einspruch offen, der aus den Büchern, der verheißungsvoll mehrschichtigen, mit Antagonismen geladenen Tradition, ergehen kann, gesetzt, der Empfänger zerteile ihren autoritativen Bann und emanzipiere sich kraft ihrer von ihnen zu jener Autonomie selbsttätig vollbrachter Einsicht, die die Lehre der Bücher in sich aufhebt. Der Einspruch erginge zugleich aus dem inneren Geschichtsgedächtnis der Gattung, der “in den Subjekten aufgespeicherte[n] Geschichte”*, somit denn aus ihm selbst. Und so ist er imstande, des Zauberstabs, des technischen Wissens, der gegen die Natur eingesetzten Macht - des sicheren Mittels der Herrschaft - , sich zu entledigen und das selbsterhaltende Ich zu opfern. Prospero ist zunächst bloß das im Zeichen von Naturbeherrschung konstituierende, hegemoniale Subjekt; im Ausgang ist er der, der, indem er der Affektion durchs Objekt zugänglich bleibt, in einem Akt bürgerlicher Selbstbesinnung die Skepsis jenes urbürgerlich-superioren, gleichwohl nicht immer falschen ”Tis new to thee“* außer Kraft setzt, eine andere, eine herrschaftsfreie, Synthesis erstellt. Prosperos Verzicht präludiert die geschichtliche Trennung von Bildung und Macht. Der der Herrschaft entblößte Prospero steht fürs Eingedenken, schließlich dafür, dass ”die menschlichen Qualitäten, die sich im Laufe der Geschichte gebildet haben, nicht zurückgehen, sondern in einen höheren Zustand der Gesellschaft mit hineingenommen werden...“ (Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, hrsg. von Gunzelin Schmid Noerr, 8, S. 213). Unverstellte Menschlichkeit hätte sich nur aus der Kultur, für die Prospero steht, entwickeln können, gesetzt, dass diese durch ihren Zusammenbruch sich umgeformt hätte, so denn durch kritische Verwandlung wäre gerettet worden. Sie hatte den Keim ihres Untergangs in sich selbst. Peter Szondi sagt von der Hegelschen dialektisch-logischen Konzeption der Geschichte: ”Deren Wendepunkte werden nicht durch ein Neues, von außen Hinzukommendes herbeigeführt. Sondern das Alte selbst bringt das Neue hervor, indem seine innere Gegensatzspannung eine Änderung erzwingt, den alten Zustand von innen her sprengt und einen neuen erschafft“ (Szondi, Poetik und Geschichtsphilosophie I, Studienausgabe der Vorlesungen, Bd. 2, 1976, S. 419). Man kann fragen, ob Barbarei vermöge des inneren Widerspruchs real sich selbst ins Entgegengesetzte aufzuheben imstande sei. Es wird durch keine Gewissheit der Hoffnung verbürgt. Jedenfalls kann von keinem Automatismus die Rede sein. Der Untergang der Kultur - Prosperos als der zwiespältigen Einheit des Kolonisators und des Humanisten - ist bereits eingetreten, jedoch ihr Lösendes hat sich nicht von ihrem repressiven Zug loszureißen vermocht. Prospero, der Herr der Bücher, erlag seinem Antagonisten: dem Traditions- und Bildungsfeind, dem Bücherverbrenner, seiner abstrakten Negation. Caliban, der ein kannibalisches Wohlsein in der Horde mit Stephano und Trinkulo findet, betrinkt sich, singt und brüllt. Mit dem Erwerb der Sprache hat Caliban sich die instrumentelle Intelligenz des Bürgers Prospero einverleibt, imstande, diesen zu vernichten. Er nimmt Wort und Wesen des heute Lebenden vorweg, der die eigenen Belange gegen die des anderen durchsetzen will und es auf dessen Vernichtung durch Integration seines Potentials an technischer Intelligenz absieht. Es gibt in der Gegenwart nur mehr den Caliban, der Prospero, den Techniker der Herrschaft, in sich hat, er haust und herrscht ohne Tradition und Gedächtnis. Er betreibt die Ausmerzung des expliziten Geschichtsgedächtnisses. Noch ist Prospero dank der “objektiven Verlogenheit” (Walter Benjamin) ein gespenstisches Nachleben als Reminiszenz und Maske beschieden, denn noch rationalisiert sich Macht, indem sie mit Werten, zu hütenden Fetischen, spielt, die teils entseelte Nachbilder von Gestalten der entsinkenden Tradition sind, teils auch anderen Quellen entsprangen. Caliban, die Barbarei ohne kulturelle Verpackung, führt Prospero jetzt am Hundeband.

Zweites Hauptstück: Von der Sprachveränderung.

Vom Selbstverständnis der neueren Sprache. - Die Sprache der alltäglichen Verständigung, nicht die irgendeiner Schicht oder Gruppe, sondern das sämtliche Gebiete und Stufen der Gesellschaft durchgehend bestimmende Basisidiom, versteht sich selbst als hinzugewonnene Freiheit. Von der Vergangenheit betont sich absetzend, ist sie in Räume eingedrungen, in denen zuvor ein am traditionellen Bildungsstandard orientierter Ton verbindlich war, so auch in den akademischen Schulbetrieb. - Dass Sprache telle quel ein Selbstverständnis habe, ist nicht allgemein zugestanden. Die überwiegende Auffassung erklärt sie für ein neutrales Instrument beliebig zu wählender Absichten und Gehalte; sie nehme als bloß äußerliche Form die Inhalte passiv in sich auf. - Wird sie selbst als bloße Form geübt, muss sie doch auch als solche geschichtlich vermittelt, in sich reflektiert und immer schon vorweg inhaltlich bestimmt sein. Sprache ist nicht leere Form, sondern ein Gebilde aus Formen, in der sich Inhalte aus verschiedenen Zeiten niederschlugen. Als Forminhalt ist Sprache Selbstreflexion der jeweiligen Sozialwelt, von ihr nicht zu isolieren. Das ihr zuzuschreibende Bewusstsein ist das der Gesellschaft. Die Eigenschaften, deren sie sich bewusst ist, sind solche, die diese selbst sich als ihre auszeichnenden Prinzipien zumisst. Sie ist demnach auch mehr als Wortsprache, ist in eins damit Äußerung im umfassenderen Verständnis, - mit einem Begriff Strindbergs: eine “Art des Schaffens”. - Zu den Zügen der derzeit vorherrschenden Sprache rechnet sich eine mit dem Titel der Ehrlichkeit und des Realismus sich auszeichnende umschweifelose Direktheit. Nimmt man alle die Eigenschaften, die sie sich beilegt, zusammen: Verständlichkeit, Umstandslosigkeit, Prinzip des kleinsten Mittels, Kürze, Eindeutigkeit (Präzision, Klartext), ungekünstelte Natürlichkeit (Verachtung des schmückenden Beiworts, Distanzierung von Schwulst, Umgänglichkeit), Sachlichkeit, Positivität, Aktualität, Tempo, so gewahrt man einen gewissen einheitlichen Zug, von dem sich sagen lässt, dass er in einer Beziehung zur derzeit vorwaltenden industriellen und wirtschaftlichen Rationalität steht. Miteinander erbringen die genannten Eigenschaften einen Satz verwandter, miteinander verschworener Postulate, durch den sie schon vor aller Anwendung einen eigenen Sinnzusammenhang und apriorischen Inhalt beschreiben. Lässt in ihm der Anspruch der neueren Sprache sich fassen, so muss sich klären, wie realistisch denn dieser sei, ob mithin die Sprache der alltäglichen Verständigung ihm gerecht werde. Diskrepanzen zwischen den in der Liste beschriebenen Ansprüchen und dem, was ihre - in der unmittelbaren Wortgestalt wie im situativen Wortgebrauch latent bleibenden - Impulse tatsächlich bezielen, bedürften der Deutung.

Gewährspersonen. Quellen. - „Zu der Zeit, als ich noch glaubte, was man sagte, wäre ich versucht gewesen, wenn ich Deutschland, dann Bulgarien, dann Griechenland ihre friedlichen Absichten äußern hörte, ihnen Glauben zu schenken. Aber seitdem das Leben mit Albertine und mit Françoise mich daran gewöhnt hatte, bei beiden Gedanken und Pläne zu vermuten, die sie nicht in Worte kleideten, ließ ich mich durch keine auch noch so überzeugend klingende Reden von Wilhelm II., von Ferdinand von Bulgarien, von Konstantin von Griechenland in meinem Instinkt mehr täuschen, der allmählich erriet, welche Machenschaften sich hinter einer jeden verbargen“ (Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, deutsch von Eva Rechel- Mertens, 12, S. 120). Man braucht eben nur, anstatt der andere zu sein, als ein Dritter’ - von jenseits der Relation ‘Sender’-‘Empfänger - ihnen zuzuhören, und dem Erkennen werden jene im Versteck ihrer Reden sich verschließenden “Gedanken und Pläne” nicht länger widerstehen. Es finden sich Zeitgenossen in Fülle, von denen man wenig, an denen man aber Entscheidendes lernt. An ihnen, die kraft ihrer Zahl unsere Welt ausmachen, kann dem Betrachtenden ein rundes Bild des Gesamtzuges aufgehen. Eine fünfzehnjährige vorüberschlurfende, kaugummiekauende, gepiercte Ramona, die, wenn sie ihres Pop-Idols ansichtig wird, aufkreischt; ein gleichaltriger Patrik, der, phlegmatisch herumstehend, sein Bier aus der Pulle trinkt und sich garantiert nicht verschluckt, ersetzen uns Albertine und Françoise, denen sie übrigens auch ungleich sind, da von ihren Bekundungen mancherlei Rücksichten, Konzessionen an traditionale Geltungen, abfallen. Sie bringen auf den Punkt, was die Eltern hinter den Türen aussprechen. Sie als trivial niveauvoll zu ignorieren, macht trivial. Authentisch entfährt den unreflektierten Köpfen die Meinung, deren Durchgangsstation sie sind. Sie sind nach ihrer Erscheinungsweise repräsentativ. Presse- und Prominentensprüche runden das Bild nur ab. Wie die Niederen, so tragen die Hochmögenden in sich, was Günther Anders „die Geheimmaximen der Epoche“ nannte: „die nicht zugestandenen, aber allem Denken, Fühlen und Benehmen zugrunde liegenden Voraussetzungen“ (Die Antiquiertheit des Menschen, 2, Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, 1980, S. 338). Als Quellen bieten sich nächst dem eigenen involvierten Ich mitgehörte Gespräche in Wartezimmern, in Bussen und auf Straßen, Erinnerungen an Sitzungen, zudem Reklamefaszikel, Horoskope, Ratgeber-Literatur, Boulevard-, Regionalzeitungen, Leserbriefe, Heftchenromane, Schlagertexte, Anzeigen unter der Rubrik Heiraten und Bekanntschaften an.

Kürze (1). - Der Beliebtheit nach sticht unter den Postulaten der neueren Sprache die Kürze am meisten hervor. Sie ist Bedingung und Implikat aller anderen. An ihr lässt die Stellung zur Tradition sich studieren. Unbeschadet des rebellischen Zugs nimmt die Neusprache zur Tradition, in der fast alle ihre Postulate schon immer, obwohl in ungleicher Dichte und verschiedener Einschätzung, figurierten, auch mit dem der Kürze, eine vage Nähe in Kauf. Solange Ökonomie des Ausdrucks als Gradmesser seiner Wahrheit galt, ging es um eine Kürze, in der nicht so sehr die Komprimation, nicht das Maximum im Minimum, auch nicht das Äußerste an Exaktheit erstrebt wurden; in der es es auch um keine Diktion ging, deren Begriffe ihren Vorzug an der Trennschärfe gehabt hätten. Denn gerade durch die präzisierende Bedeutungszuspitzung hätten der heraufrufende Geist des körperhaften Wortes, seine Fluoreszenz, seine Kraft vielseitiger Korrespondenz, absterben müssen. Manches konnte cum grano salis gesagt werden; der Gedanke konnte sich vermöge der Assoziationskraft des Worts ausdrücken. Dem zuliebe aber war ein kontrolliertes Moment von Vagheit zu setzen. Zu fragen ist, welchen eigenen Begriff von Kürze die herrschende Sprache gewonnen hat und, mehr noch, in welchem Aspekt - wenn überhaupt - ihre Kürze dem klassischen Begriff korrespondiert. Es muss dafür von Nutzen sein, sich nach den generativen gesellschaftlichen Impulsen umzusehen, die die Sprachveränderung herbeiführten. Die neuere Sprache ist zwar eine späte Frucht der Moderne, doch wurzelt sie tief in deren Anfängen. Strindberg hat gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts das Prinzip der Kürze als das auszeichnende Merkmal der Moderne gesehen und gepriesen: „In der guten alten Zeit, in der das Leben gemächlich dahinfloss, mit Postkutsche, Postpferden, Postboten, einem Brief in drei Tagen, einer Zeitung die Woche, war für den Menschen richtig: Romane in sechs Bänden, Dramen in fünf Akten und sechsunddreißig Bildern, Gemälde, gemalt in sechs Monaten, nach der Natur.“ „Für uns Menschen des Dampfes, der Elektrizität, der Eilpost, des Telefons: der Band mit zweihundertfünfundsiebzig Seiten, der sich zwischen Paris und Versailles liest; für uns die Telefonsprache, kurz, klar, korrekt!“ „Und keine Analysen im Text! Machen wir die Analysen vorher zu Hause, und bieten wir dem Leser, in aller Kürze, das Resultat!“ „Ganz das gleiche in der Malerei. Alla prima! Es leben die Studien, die man in fünf Minuten in den Konzertcafés auf die Leinwand gebracht hat!“ „Die Journalistik hat die Feuilletons von zweihundert Seiten erfunden: wahre Juwele! Was ist nicht alles darin? Eine Beobachtung aus dem Leben, eine Anekdote, ein Körnchen Philosophie, eine poetische Stimmung, ein Schlagwort, ein Geistesblitz.“ „Die Kunst, Briefe von drei Seiten zu schreiben, entfällt. Die Benutzung des Telefons bringt die Notwendigkeit der Postkarte und des Telegramms mit sich. Und das Telegramm ist das Ideal. Nur einmal der Name, und ohne Titel. Die nackten Tatsachen ohne Phrasen, bilden den Text: Frage und Antwort. Schluss mit ‘Seien Sie, sehr geehrter Herr, meiner ausgezeichneten Ergebenheit versichert’, die Sie nichts angeht, die Sie nicht interessiert und deren wahren Charakter Sie nicht erraten werden.“ „Den menschlichen Umgang vereinfachen. Ein Diner von vier Gängen, Wein dementsprechend, und die Gäste könnten gehen, wenn es ihnen beliebt.“ „Keine Reden, niemand glaubt mehr daran! Ein Toast, und alles wäre gesagt .Konversation: Guten Tag. Adieu. Warum reden? Niemand glaubt, was ihm der andere sagt, und keiner will länger der Betrogene sein“ (August Strindberg, Verwirrte Sinneseindrücke. Schriften zur Malerei, Photographie und Naturwissenschaften. Deutsch 1998, Fundus-Bücher 150, S. 45, 46, 49). Diese Worte, die das Thema der Sprache bloß streifen, spielen implicite auf die Beschaffenheiten an, die sich als die der neueren Sprache hervortun. Sie sind die Prinzipien der Moderne insgemein. In dieser sieht Strindberg eine „Art des Schaffens“ (S. 45). Man gewinnt aus diesen Überlegungen, ihrer Ambivalenz von Einverständnis und Unbehagen, einige Aufschlüsse, doch unbeschadet ihrer Richtigkeit im ganzen entbinden sie nicht von der Einzeluntersuchung. Diese hat das im vorigen umrissene Bewusstsein der neueren Sprache in sich aufzunehmen, freilich ohne sich ihm zu unterwerfen. Sie hat auch jenen von Strindberg nur eben angedeuteten Zweifel, der das Indiz einer in den Anfängen des neueren Prozesses schon sich regende Skepsis ist, mitzubedenken. Aufs genaueste ermessen wird das in Frage Stehende erst durch eine Kritik, die auf die von jenem selbst eingegebene Sicht zwar stets Bedacht, von ihr aber zugleich Distanz nimmt, indem sie untersucht, ob jenes Bewusstsein der neueren Sprache denn dem eigenen Anspruch, allem voran dem Postulat der Kürze, genügt. Dafür ist in die Einzelheiten zu gehen. Befassung tut not mit den im Zuge des Wandels geopferten Sprachelementen wie auch mit den Gesetzen, nach denen Worte und Sprachformen verlassen wurden, denn die Charaktere der normalen Sprache lassen sich aus den Verwerfungen erschließen. Was hat es mit dem Verlassen, Verlieren, Verschieben von Wörtern, Wortbedeutungen, Redeformen überhaupt auf sich? Warum werden Wörter, auch vormals geläufige Wortverbindungen und -bedeutungen als veraltet empfunden? Nur Stichproben sind angebracht, wäre doch hier nichts so vergeblich wie der Versuch, das Thema zu erschöpfen.

Kürze (2). - Dem Urteil, das der gesellschaftliche Prozess vollstreckte, als er das Wort Wandeln - im Sinne von langsam, geruhsam Gehen - aus dem Sprachgebrauch verabschiedete, ist recht zu geben, da ja das Gehetztsein der derzeit Lebenden alle Beschaulichkeit ohnehin vereitelt.

Peripatetisches wäre Pose, weil der durchschnittliche Gesellschaftsmensch, ein potentieller Bankrotteur, verurteilt ist, beständige Wachsamkeit zu üben, vor allem anderen auf Außenreize anzusprechen und die Befassung mit den materiellen Bedingungen des Lebens zum Leben selbst zu machen. Was als Beschaulichkeit sich äußert, ist vorgetäuscht. Äußeres, aber auch inneres Getriebensein sowie der Ausfall von Ichkontinuität und Bewusstseinseinheit gehören zu den Realitäten, die die Kontemplation, soweit sie denn noch geübt wird, mit Vergeblichkeit strafen. Der Kampf um das Leben und Überleben wie auch um den Status erzwingt eine Rationalität, die abweist, was immer sich als Verspieltheit ausnimmt und sich dem Kriterium der Realitätsgerechtigkeit nicht fügt. Ihr zuliebe hat das Prinzip des kleinsten Mittels und kürzesten Weges als Existenzial sich auferlegt. Verlassen wurde Wandeln, weil es mit dem historisch verurteilten Dasein von Existenzen, die autonom über Zeit gebieten, zu tun hat. Sie machen längst nicht mehr den kennzeichnenden sozialen Typ aus. Zur Kürze gezwungen, haben die Sprecher verlernt, die Gedanken auch nur eine Sekunde lang anzuhalten, jener Kürze mächtig zu werden, die mehr sagt, als gesagt wird. Beziehungsvolle, vielsagende Andeutung scheint ihnen anrüchig. Die erbracht wird, ist es zumeist auch. Sie haben “keine Zeit”. Es ist unwidersprechlich, aber es ist auch ihr Stolz. Muss es schon so sein, so will man es auch: Sprache wird zur Front gegen das Subjekt, während sie doch ein Zweck an sich ist und, ohne davon etwas einzubüßen, die authentische Kundgebung des Subjekts zu sein imstande wäre. Der Eindruck, die von der Falschsprache ambitionierte Kürze rücke in kardinalen Punkten dem überlieferten Begriff nahe, wäre unrecht. Wird jedoch ihre Rede wenigstens dem eigenen Begriff von Kürze gerecht? Der Wegfall der Ellipse spricht dagegen. E.T.A. Hoffmann ließ sagen: „welchen Jammer dies Leben, nur ein im leeren Raum ohne Halt schwimmendes Bewusstsein zu nennen, über mich bringen musste!“ (Die Serapionsbrüder II, 39). Neuere Sprache, auch die literarische, wüsste ohne das Relativum („das“) und ohne die Kopula („ist“) nicht auszukommen. In Hegels Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, Bd.1, liest man: „Die Bestimmungen des Wesens als wesentliche Bestimmungen genommen, werden sie Prädikate eines vorausgesetzten Subjekts, das, weil sie wesentlich, Alles ist.“ In der Frankfurter Hegel-Ausgabe, Werke 8, § 115, S. 237, ergänzen die Herausgeber „sind“ nach „weil sie wesentlich“, während sich doch über die objektive Verständlichkeit des Satzes, wie er ist, anders urteilen ließe. Gleichviel, das Verstehen manch heutiger Leser scheitert gerade der Kürze wegen, halten sie doch das “weil sie wesentlich” für einen verunglückten Satz. Sie müssten, ohne Organ für möglichen Wohlklang, erst einmal ausmachen, wovon denn überhaupt die Rede sei. Daher könnte denn auch beispielsweise Jean Paul wenig auf das Verständnis der Heutigen hoffen, wenn er in der Vorschule der Ästhetik (Werke 9, S. 328) darlegt: dass durch Nachtragung der Hilfsverben Sein und Haben der Wohlklang untergehe, und hinzusetzt, sie seien „abscheuliche Rattenschwänze der Sprache“. Man habe, fährt Jean Paul sogar fort, „jedem zu danken, der in eine Schere greift und damit wegschneidet.“ Aber es wird ihm voraussichtlich weniger Dank als Hohn eintragen. Kein Zweifel: Wohlklang, den die Ökonomie des Ausdrucks erweckt, wird nicht mehr verspürt und, wo er nicht ist, auch nicht vermisst. Ein Schreibender im einundzwanzigsten Jahrhundert, erst recht ein Sprecher, der wie die Alten das Stilmittel der Ersparung übte, hätte die Zurechnung von Etiketten zu gewärtigen, die der in der kurrenten Sprache sich ausdrückende neue Menschentyp für ihn bereithält: manieriert, gestelzt, ausgefallen, hochgestochen, und so weiter. - Muss aber auf einmal gerade die Kürze sich für Manieriertheit verantworten, so tut sich in ihrem Falle bereits eine Diskrepanz des Anspruchs zu dem hervor, was die tatsächliche Funktion der prätendierten Kürze und aller an ihrem Begriff beteiligten Vorstellungen ist. - Das Bewusstsein der normalen Sprache wüsste hier anzuführen: wenn auch die Kürze litte, seine auf den ausgeführten Hilfsverben bestehenden Sätze träten unter den Schutz einer anderen Leitidee, der vorhin gleichfalls genannten Deutlichkeit. Man bemerkt es nebenbei: Alle diese Postulate stehen nur je bedingterweise in jenem Wechselverhältnis der Kohärenz oder der Kompatibilität, dessen Anschein der ersten Wahrnehmung sich aufdrängte. Mit dem der Deutlichkeit hat es eine eigene Bewandtnis. Der Satz, der auf Glieder verzichtet, die der Leser und Hörer erst zu ergänzen hätte, ist hauptsächlich dem raschen Auffassen von Informationen ungünstig. Informationen müssen von dem, der seinen Vorteil wahren will, mit eben jener Plötzlichkeit aufgefasst und umgesetzt werden, mit der sie einen ereilten. Sprache wird auf die Bedeutungsschicht eingeschränkt, diese wird zur Informationsschicht heruntergebracht**, Verstehen auf promptes Aufschnappen eingeschränkt. Was soll man auch auffassen, wenn nicht eine mit Auslösungs- und Anweisungscharakter versehene Tatsachenmitteilung, deren Deutlichkeit mit der narrensicheren Abfassung identisch ist, die sie sucht, damit sie, neudeutsch ausgedrückt, ankomme. Bezieht man nun beide, Kürze und Deutlichkeit, auf den auszulösenden Automatismus, so sind sie nicht inkompatibel. Sie kommen überein in der Ungeduld, im Prinzip der schnellen Erledigung. Was gelten will, muss auf Zack sein, augenblicks funktionieren. Auch Sprache soll so funktionieren. Sie ist ihrer Idee nach mehr als Information, aber es wird überspielt; etwaige andere, außer der Bedeutungsschicht existente Sprachschichten könnten die Reaktion nur verlangsamen. Unabtrennbar ist die in der neueren Sprache gemeinte Deutlichkeit von Tempo. Das des Hörverstehens, des Aufnehmens an der Oberfläche, ist die Kürze, um die es geht. Sie meint nicht die Ökonomie des der auszudrückenden Sache aufs beste genügenden - deren selbstverständlichen Widerstand nicht überspielenden Satzes, sondern die Widerstandslosigkeit einer in kürzester Zeit aufzufassenden Mitteilung. Kürze ist hier nicht Lakonie, sondern streamlining; ausgeschlossen sein soll alles, was an ihr sperrig ist, das, was sich in Sicht der instrumentellen Sprache gerümpelhaft ausnimmt. Denn je weniger Widerstand die Sprache dem Hörer bietet, desto bemessener wird sein Widerstand gegen sie sein.

“Eindeutigkeit”. Ein Zeichen - eine Bedeutung. - “Er wendet sich” wird, wenn damit “er dreht sich um” gemeint ist, als affektiert empfunden. Kaum dürfte einer mehr von sich selbst sagen: “Ich wandte mich”, eher wohl: ”Ich wandte mich um”. Dem neunzehnten Jahrhundert war Sich wenden, als Umkehren oder Sich umdrehen, auch als Sich abwenden verstanden, noch sehr geläufig. So auch dem zwanzigsten im ersten Viertel: „meine kleinen Kinderaugen haben sich von ihm nicht wenden können“ (Franz Kafka, Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß, hrsg. von Max Brod, 19801951, S. 145). Das bloße Sich wenden hat sich freilich im Sinne von Sich an jemand wenden erhalten. Sein Gebrauch erhält so sich noch in Verbindung mit bestimmten, nicht allzu häufigen Gelegenheiten. Im weiten Feld jenseits dieser Gelegenheiten sind im zwanzigsten Jahrhundert der Näherbestimmung dienende Partikel dem Verb beigetreten. Nicht Verknappung, sondern Blähung fand, auf die Quantität des sprachlichen Materials gesehen, statt. Jedoch nicht darum haben die pleonastischen Wörter Abwenden und Sich umwenden sich durchgesetzt, weil die in Wenden ohnedies schon gelegenen Valenzen der Präfixe Um und Ab nicht mehr gehört würden, sondern weil Wenden - fälschlich, aber im Einklang mit der Tendenz, als Denominativum von Wende aufgefasst - sich nach den Regeln richtet, denen das Nomen unterliegt, dem ein spezielles Anwendungsfeld zugewiesen wird. Daran sich selbst bindend, schließt das Verb die von den Komposita übernommenen Zuständigkeiten aus. Der Wendung dessen, was in der räumlich-sinnlichen Determination des Wortes sich wendet, versagt sich das Wort Wende zusehends, freilich mit Ausnahme der ums Auto sich rankenden Sondersprache: ein Auto vermag zu wenden. Sonst will Wenden nur mehr den politischen oder gesellschaftlichen Umschwung benennen. Die Wende sei “ein sehr beliebtes Kunstwort der Hitlerei“, hat Victor Klemperer notiert (LTI. Notizbuch eines Philologen, 19751957, S. 346). Ihr Begriff evoziert Vorstellungen von Geistigem und Moralischem. Für eine Akademietagung wurde in Rücksicht auf das Datum des 8. Mai ein Vortrag zum Thema „Wie wendet sich eine Nation?“ angekündigt (FR, 2. 5. 1995). Das Hocherhabene von Wende erzeigt sich in Zeitwende. Eine Schlagzeile (SZ, Herbst 2006) lautete: “Wende am Arbeitsmarkt”. Arbeitsmarkt ist ein kaum vom Sinnlich-Konkreten abhebender Begriff und passt ohnehin nicht zu Geistigem und Moralischem. Aber es gibt eine generelle Eingenommenheit der Zeitungssprache für Schwülstiges; man beliebt, sich solcher sprachlicher Zeichen zu bedienen, die, obwohl sie als alltagsfern empfunden und nicht einmal mehr als Korrektiv wahrgenommen werden, einem Archiv von Requisiten zur besonderen Verwendung überlassen sind, unter ihnen Worte wie Meilenstein, Aufbruch, neue Ära, nach vorn blicken. Vorspiegelndes wie “Wende am Arbeitsmarkt”, an Zeitwende gemahnend, soll das Geschwätz - denn diese Wende geschah nicht - in Glanz setzen. Mit der angemaßten Signifikanz des Boten, der sich im Vorteil weiß, weil er den Informationsvorsprung hat, und der, so ausgerüstet, den Verblüfften mit Überbringung unerhörter Nachrichten imponiert, erglänzt das Blatt selber in augenblicklicher Wichtigkeit. - Einzelnen scheint die Neusprache die Wende nicht zuzugestehen. Wird aber einem nachgesagt, er habe „sich um 180 Grad gewendet“, so wird entweder die Ausnahme, wenn nicht die Anmaßung, oder aber ein opportunistischer Akt beschrieben. Polysemie ist ein der heutigen Sprache schwer erträglicher Zustand. In ihrem Widerwillen gegen das Mehrbedeutende tendiert sie zu entschiedenem Disambiguieren. Das abschreckend Unübersichtliche und Vieldeutige der Lebensverhältnisse, das - vor allem freilich für die ins Dunkel sich bergenden, unaufgehellten, Gemüter - Dunkle, Unaufgehellte fast aller Bewandtnisse und Belange, das Unabsehbare der Konsequenzen von fast allem, die Schwierigkeiten des Urteils in einer “Kultur des doppelten Maßstabs” (Günther Anders) wirkt sich auf die Sprachgestalt aus. Es schwellt das Verlangen nach Unzweideutigkeit. Es vergreift sich am Wort, dem falschen Objekt, das richtige wären die Verhältnisse. Weil ein Wort nur eine einzige Bedeutung tragen soll - die Rede ist nicht von Äquivokationen wie Hahn, Kran, Kreuz, die Entlegenes in sich versammeln - schränkt die Sprache die Vielseitigkeit seiner Anwendung ein. So nimmt sie dem Wort Sich wenden die Determination von Sich umdrehen oder Umkehren. Der Pleonasmus Sich umwenden disambiguiert und stellt unterm Gebot der efficiency als des ausschließlichen Zwecks Eindeutigkeit her. “Klipp und klar” soll gesprochen werden, dem dient nicht Kürze, sondern Häufung. Das Ideal, das der Vorgang bezeugt, ist das Prinzip der Simultanübersetzung. Das Bedürfnis, Ambiguität abzubauen, ist eine hauptsächliche Triebkraft der neueren Sprachveränderung. Wer noch wie vordem sich äußert, soll des Pathetischen verdächtig sein. Aber nicht deshalb wird Er wendet sich nicht mehr gesagt, weil es, einerlei warum, einen pathetischen Ton angenommen hätte. Man hört, umgekehrt, diesen Ton allererst heraus, seitdem es und weil es aus der allgemeinen Übung fiel. - Als weiteres Beispiel der Begrenzung auf eine einzige Bestimmtheit sei Zerfallen gewählt. Die Fügung Mit jemandem zerfallen nutzt zusehends sich ab, weil die Valenz, die das Wort in dieser Kollokation trägt, die auf Klartext gerichtete durchschnittliche Determinationserwartung verfehlt. Der Sprachteilhaber versteht die Einzelheit nicht von der ganzen Verbindung, sondern diese von jener her, kurz, er versteht sie nicht mehr. Denn wie auch könnte das Wort in einer solchen Verbindung - einmal als Hypostase dem linguistischen Begriff der durchschnittlichen Determinationserwartung strikt unterworfen, als Information kraft seiner zugewonnenen, nicht als Verlust beklagten, sondern als Gewinn fetischisierten Trennschärfe eng und philisterhaft pedantisch geworden - anderes als Unsinn aushecken. - Goethe sagt in Dichtung und Wahrheit ”: „Schon in meiner frühesten Jugend fühlte ich einen Untersuchungstrieb gegen natürliche Dinge“, und: “meine Verehrung gegen die Prinzessin...“ Lessing illustriert in Laokoon einen Gedanken (der außer Betracht bleiben kann), indem er das Dasein eines Schwerkranken annimmt, der von “gefälligen Freunde[n]” umgeben ist, „gegen die er unverhohlen klagen und jammern darf“ (Gotthold Ephraim Lessing, Laokoon, Einzelausgabe, Paderborn o.J., S. 27). Ein heutiger Leser wird, gewöhnt an die Verbindung Gegen jemand klagen im Sinne von Anklagen, den Satz zunächst in dieser Bedeutungsrichtung aufzufassen trachten. Womit er sogleich scheitert, weil es ja die “gefälligen Freunde” sind, gegen die jener klagt, - Lessing beschreibt sie als solche, die ihn ”an nichts Mangel leiden lassen, die sein Übel, soviel in ihren Kräften steht, erleichtern“ (ebd.). Jetzt müsste klar werden: gerade die Freundschaft erlaubt jenem, so unverhohlen zu klagen. Die zitierte Wortverbindung ist demnach ein durchaus nicht mit der erwähnten Determinationsvermutung zusammengehöriger, sie ist ein ganz anderer Ausdruck. Die neuere Sprache will die Sprechenden von den Mühen befreien, die ihnen aus der Vieldeutigkeit des Wortes erwachsen, indem sie es einer Determination im strikten Sinne unterwirft. Die schleichende Reform erschwert das Verstehen historischer Texte erheblich. An den Unterschieden zu deren Sprache wird die Art der heutigen - eher noch im Modus ihrer fortwirkenden Tendenzform als in dem des fixierten Augenblickszustands - kenntlich. Die Tendenz, die im Verlassen von Sprachformen sich auswirkt, arbeitet unermüdlich. Ehemals über einen weiteren Bedeutungshof verfügend, konnte das Wort sogar für das gerade Gegenteil jener Bestimmtheit, die ihm bis heute verblieben ist, stehen. Das wird, entgegen dem Lessingschen Satz, in welchem mit Gegen nicht so sehr auf ein affiziertes als auf ein distanziert partizipierendes Objekt der Äußerung hingewiesen wurde, in einem Satz aus Jean Pauls Titan kenntlich, der die zwei nach heutigem Empfinden antonymischen Bedeutungen Für und Gegen in dem einen Wort Gegen zusammennimmt, wobei eine Mehrdeutigkeit durchaus nicht empfunden, geschweige denn als Problem aufgefasst würde: „ferner hegt’ er mehr Grimm als Achtung gegen die Artolatrie (Brotdienst) unseres Zeitalters.“ Gegen steht hier zwar auch für das feindliche Verhältnis, aber dieses wird schon durch Grimm ausgedrückt, und nur in Verbindung damit ist Gegen von feindlicher, in Einheit mit Achtung ist es von freundlicher Bestimmtheit. Gegen und Wider konnten beides ausdrücken, dem Gruß konnte der freundliche Gegengruß antworten, auch vermochte man ´gegen` jemanden ehrerbietig, freigebig, freundlich zu sein. „Die Leute sind ja sehr nett gegen mich gewesen“, sagte eine Romanfigur Arthur Schnitzlers (Der Weg ins Freie, 1909). War man treu ´gegen` jemand, so konnte eine gewisse Abgesetztheit, die die Treue nicht mindern musste, ihren Anteil an diesem Verhältnis haben. Es konnte darin das Moment jener Freiheit liegen, die eine geklärte Anschauung der zwanghaften voraus hat. Gegen färbte daher Treu und Ehrerbietig um eine Abschattung anders. Es ist durch Gegenüber plump ersetzt worden. Da Wörter ihrem Herkommen nach im Kern inkommensurabel sind, musste, solange die Sprachentwicklung sie nicht in der Grundschicht veränderte, der Begriff der Äquivalenz gegenstandslos sein. Was als Äquivalenz sich anbietet, ist daher von der Schlechtigkeit des Ersatzes. Der Unterschied der reinen Bedeutung mag mäßig sein: ins Gewicht fällt die Physiognomie, der vom Bedeutungsmoment scharf abzugrenzende, wenngleich von ihm nicht gänzlich zu trennende Geschmack oder aromatische Geist des Wortes. Erwidern, Entgegnen, Begegnen, alle im Verbund mit dem reinen Dativ, evozieren ein Subjekt, das in seiner Abgesetztheit nicht lediglich reagiert. Wie in den antiken Sprachen Πρός und Adversus hat Gegen zunächst die Richtung aufs Objekt ausdrücken wollen. Klar beschränkt sich auf einen solchen Gebrauch ein Satz im Roman Der Nachsommer (1857), in welchem Adalbert Stifter ein Haus beschreibt, das “einen großen Hof [hatte], der gegen den Garten zu offen war und gegen welchen die Fenster der Küche ... herab sahen.” Hier ist der Gebrauch neutral. Erst spätere Zeiten konnten sich an der offenlassenden, entgegengesetzte Denkbarkeiten einschließenden Eigenart des Worts stoßen, die der Freundlichkeit oder auch nur der Neutralität gegen das Objekt wurde ausgeschlossen.* - Die gewonnenen Aufschlüsse stehen als Einzelheiten nicht allein für sich selbst; sie beschreiben zugleich eine Tendenz in ihren Gesetzmäßigkeiten, deren Objektivationen zu einer Zahl von ungemessener Höhe auflaufen. Hier kann nur geboten sein, Beschränkung auf eine Anzahl von Proben zu üben, deren Zahl so niedrig wie möglich sein und doch ausreichen muss, um repräsentativ zu sein. - Lessing schrieb einige Zeilen vor dem oben angezogenen Text: ”Denn wir sind selten mit der menschlichen Gesellschaft so zufrieden, daß uns die Ruhe, die wir außer derselben genießen, nicht sehr reizend dünken sollte“. Der erwähnte Leser wird zunächst verstehen wollen, etwas solle ´mit Ausnahme` der Gesellschaft, ‘abgesehen von’ ihr, gelten, und keinen vernünftigen Sinn finden. Ähnlicher Konfusion könnte ein Satz von Marx, der von der Natur ´außer` dem Menschen handelt, Anlass geben : ”Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigene Natur“ (Karl Marx, Das Kapital, Kritik der politischen Ökonomie, 1, Der Produktionsprozess des Kapitals, Ullstein Materialien, Berlin 1987, S.148). Außer überlebt in einigen festen Verbindungstypen. Das plumpe Außerhalb verdrängt sonst in der heutigen Sprache Außer, wo immer es mit ihm bedeutungsgleich ist, und beschränkt es auf jenen Sinn, den der zitierte Leser zunächst vermutet. Der Mühe des Disambiguierens, die dieser bei Mehrdeutigkeit trug, ist er entbunden; die Sprache selbst disambiguiert bereits, sie schränkt das eine Zeichen auf die eine Determination ein, welche dem durchschnittlichen Leser und Hörer bei Nennung des Worts als erste oder hauptsächlich in den Sinn kommt. - Ähnliches trägt sich zu mit der Metapher Abstehen von... Als Beispiel mag ein Satz aus Hegels Ästhetik* dienen: ”Am weitesten steht die Musik von der Skulptur ab, sowohl in Rücksicht auf das Material als auch in Ansehung der vollendeten Ineinsbildung von Innerem und Äußerem, zu welcher es die Skulptur bringt.“ Das wahrhaft kurze Abstehen ist heute selten, eher entscheidet man sich für Abstand haben (oder halten). Aber man sagt auch: unterscheidet sich von. Dem weicht Abstehen, weil eine Bedeutung nicht zwei Zeichen haben soll. Sie verschwindet in der zitierten Anwendung, um das Feld einzig dem Wort in derjenigen Bestimmtheit, die etwa in der Bezeichnung “abstehende Ohren” sich äußert und die das Hörverstehen immer schon als erstes aufgefasst haben mag, zu überlassen. Was aber In Rücksicht auf... und In Ansehung des... (oder der...) anbelangt - hinzugefügt sei noch Nach seiten des... (oder der... ) - , so gelten abermals die genannten Ursachen. Es behauptet sich In bezug auf..., dem der Rang nur wenig mehr durch In Hinsicht auf ... abgesprochen wird. Für Zulangen gibt Wahrigs Deutsches Wörterbuch zwei Hauptbedeutungen an: ”zugreifen (bei Tisch); <umg.> genügen, reichen, langen.“ Von der zweiten Bestimmtheit ist Zulänglich abgeleitet, das sich hält, während das Grundwort, in derselben Bedeutung gebraucht, dem Ambiguitätstabu zu erliegen scheint, jedenfalls nur mehr wenig in Gebrauch ist. - Ein gleiches Geschick ereilt Säumen. Es ist gerade noch verständlich, dass Bäume den Weg säumen; unverständlich ist die Frage : “Was säumen Sie so lange!” Man zieht den längeren Satz vor: “Was lassen sie mich so lange warten!” ”Er dauert mich“ kommt abhanden wegen des Gleichklangs mit dem durativen Dauern, welches sinnverwandt mit Währen ist. - ”Hilfe ist not“, konnte es einmal heißen. Der abermals zu nennende Leser oder Hörer ist, da not an Not gemahnt, zu verstehen imstande, Hilfe bedeute Not, welches zwar oftmals zutrifft, hier aber nicht gemeint ist. Ihm, der der Mehrdeutigkeit entwöhnt ist, schiene geholfen zu sein, würde not durch nötig oder notwendig abgelöst. Das nur prädikativ mögliche Adjektiv - not - führt freilich einen emphatischeren Ton. Die Ersatzvokabeln lassen nichts von der Dringlichkeit spüren und geben dem Satz ein müdes Gesicht. - Klare Verhältnisse schafft die öffentliche Sprache auch mit Kunde. Die Kunde übersteht in Heimatkunde und analogen Prägungen, wird aber verlassen, weil allzusehr mit dem Kunden verwechselbar, allerdings noch verstanden. Bei Gottfried Keller (in Martin Salander, Roman) findet sich die Form Jemandem Kundschaft geben. Der Leser wird den Gehalt aus dem Zusammenhang erschließen. Eben noch verstanden wird auch Kundschaft im Sinne von Auf Kundschaft schicken. In Gebrauch ist es kaum mehr, das erklärt sich aus der Äquivokation: Kundschaft soll nur mehr die Gesamtheit der Kunden heißen. - ”Er hieß mich warten“ wird von vielen nicht mehr verstanden, weil Heißen als Gebieten gleichfalls dem Prinzip der Eindeutigkeit geopfert wird. - Kosten, aufgefasst als Den Geschmack prüfen, wird ungebräuchlich, weil es die andere Bestimmung gibt: Einen Preis haben. - Vor dem Traditionsbruch konnten Schrecken und Locken ohne näher bestimmende Präfixe gebraucht werden. Jean Paul schrieb: ”...ein so fester, mit hohem, fruchttragenden Gipfel gen Himmel wachsender Jüngling, den nicht einmal Geisterstimmen aus seiner treuen Kindheitsliebe gegen sie Unbedeutende schrecken oder locken konnten“ (Titan). Das Simplex, das, bloß als lexikalische Einheit ermessen, von differenzloser Weite ist, entdeckt sich da, wo Worte einzig leben, im Stoffwechsel mit der Welt, als unausschöpfbarer Schoß von Denkbarkeiten. Abschrecken wie auch An- und Weglocken sind zwar spezieller, aber auch festgelegter, schmaler im Umfang der Möglichkeiten, so denn exklusiver, mit dem zweifelhaften Vorzug der größeren Trennschärfe versehen, zur Überbenennung tendierende Versatzstücke. Wo die Komposita allein gelten, ist den Wörtern die Virtualität benommen. Das Simplex dagegen vermöchte im Zusammenspiel mit dem Kontext eine immer wieder überraschende Benennungskraft zu entwickeln. Es hat sich aber die Tendenz eingestellt, Wörtern durch Präpositional- und andere Präfixe, denen leicht weitere für den Prozess der neueren Sprache spezifische Zeichen der Entmischung sich beifügen ließen, die Vagheit, jenes Unobjektivierbare, die Schwäche des Inkommensurablen, die zugleich ihre Kraft wäre, zu nehmen. In dieser, die in ihrem Ungefähr dem cartesianischen clare et distincte trotzt und gerade darum genauer und deutlicher zu sein vermag, kann sich das sprachliche Medium herstellen, in welchem die äußerste Wahrnehmungsschärfe für Übergänge und Zwischentöne möglich wird, eines Vermögens der Innervation, das im Verschwinden begriffen scheint.

Anmerkung. - Von den Ursachen der Indignation gegen die Texte Hegels wird einiges erkennbar, bedenkt man, wie fern sie, nämlich aus selbstbestimmter Gedankenführung, dem positiven Normalbewusstsein aller Zeiten, vorzüglich aber dem derzeitigen mit seinem kardinalen Prinzip der Eindeutigkeit - ein Zeichen: eine Bedeutung - stehen; es will von Spiegelung wechselnder Gedankenverhältnisse durch das Wort, das Changierende, Opalisierende, Irritierende nichts wissen. “Eindeutigkeit”: Eine Bedeutung - ein Zeichen (1). - Viele deutsche Wörter erinnern an viel zu viel, was die massenhafte Einbürgerung englischer Wörter bevorteilt, die im neuen Kontext von störenden Assonanzen befreit und damit geschichtslos werden. Von flacher Inhaltlichkeit, werden sie funktional auf die Sphäre der Erscheinung und des je aktuellen Aktionsraums bezogen. Den herangedeihenden Begriff eines Neudeutsch im Blick, das nach dem Modell des Neuenglisch und des Pilotprojekts Englischdeutsch sich formt, arbeitet die Sprache daran, alle dysfunktionale Fracht abzuwerfen. -„Ich wähnte dich in Berlin“: Wähnen erinnert unliebsam an Wahn, Wahnsinn; daher rührt die Akzeptanzverweigerung, die dem seiner Knappheit ungeachtet widerfährt. Wahn, mit Wahnsinn keineswegs synonym, umschreibt eine unruhevolle Komplexität, dies nicht im Sinne von in sich binär-gegensätzlicher Verfasstheit, sondern - da imstande zu einer beträchtlichen, unabgestimmten Weite von Ausschlägen - im Sinne von außergewöhnlicher Vielstelligkeit. Erasmus von Rotterdam urteilt, Dialektiker müssten „Wahn und Wahn unterscheiden“. „Denn nicht jeder Wahn ist gleich ein Unglück...“ Platon habe „die Besessenheit der Dichter, der Seher und der Liebenden zu den herrlichsten Gaben des Lebens gerechnet“. Für diese Auffassung beruft Erasmus sich auf einen Sprecher in Platons Symposion, der „die eine Aphrodite und den einen Eros zerschnitt“, und so muss man denn „Wahn und Wahn unterscheiden“ (Das Lob der Torheit, [Laus stultitiae], 1515, deutsch von A. Hartmann, S. 75). Auch in den Jahren nach Erasmus - wenn auch wohl nur gelegentlich, trat Wahn unter diesen besonderen Akzent, den einer keineswegs schimpflichen, sondern zu rühmenden Besessenheit. Es meint bei alledem überhaupt nichts vorwegnehmend Bestimmbares; es ist ein Begriff der Abgrenzung von der kollektiven Normalität, die Spontaneität andeutend, die, auf nichts generativ Vorhergehendem bezogen, einem Sprung sich dankt, wiewohl allerdings ihr Einfall nicht schlechterdings erratisch ist. Der Autor Juan Huarte urteilte (gegen Ende des 16. Jahrhunderts), es gebe eine Verstandeskraft, dank welcher einige Menschen imstande seien, “überraschende, jedoch wahre Dinge” auszusprechen, “die nie zuvor gesehen, gehört oder geschrieben, ja noch nicht einmal gedacht worden sind” und, indem sie den normalen Verstand übersteigen, “eine Mischung von Wahnsinn” einschließen können.* In Die Meistersinger von Nürnberg lässt Richard Wagner seinen Hans Sachs sagen, dass Bedeutendes „nie ohn` ein´gen Wahn“ gelinge. Diese Sentenz markiert wiederum den Extremausschlag. Die vorweg nicht fixierbare Ausschlagsweite mögen einige Sätze Gustav Landauers ins Licht rücken: „Wahn ist das höchste, was der Mensch hat; immer ist etwas von Liebe in ihm; Liebe ist Geist und der Geist ist die Liebe; und Liebe und Geist sind Wahn ... Der echte Wahn trägt den Geist in alles hinein, was er berührt; er hat den alten Städten, den Häusern, den toten Dingen des Gebrauches Form und Schönheit und Leben gegeben... “ (Landauer, Erkenntnis und Befreiung. Ausgewählte Reden und Aufsätze. Hrsg. von Ruth Link-Salinger, S. 36. 37) - Kein Zweifel, dass solcher Wahn nicht den Irrtum ausschließt, wohl sich auch mit dem Wahnsinn berührt. Man muss hier nicht von fixen Bedeutungen ausgehen; dichter heranführen würde die Vorstellung einer Amplitude verschiedener Ausschläge, die eine kaum oder nur dunkel zu umschreibende Assoziationsweite andeuten, eine Art Spielraum, der keiner von vorweg abgestimmten Maßen ist, dessen Enden vielmehr in actu stets neu bestimmt werden. Die mit den Ausschlägen erreichten Extreme stehen nicht einmal adversativ zueinander. Ihre Relationen sind subkutan. Sie bewegen sich gleichsam allseitig-dissipativ. - Doch nennt die Tradition auch Gebrauchsweisen desselben Wortes, die von der soeben zitierten um einiges abstehen, solche, die in den Umkreis der - nicht mehr ganz einhelligen - durchschnittlichen Determinationserwartung weisen, indem nämlich Wahn, ohne geradezu auf einen klinischen Zustand deuten zu wollen, ein mit Erregung geladenes falsches Bewusstsein meint, das an die Schwelle des Psychotischen rührt. Ein Beispiel bietet Gottfried Benns Gedicht „Rosen“: „Wahn von der Stunde Steigen / Aller ins Auferstehen“. Allgemein tritt Wahn, ohne noch die darin sich andeutende Affektivität beschwören zu wollen, zu Irrtum in jene Stellung der scheinbaren Nähe, die man als „Sinn- und Sachverwandtschaft“ aufzufassen sich gewöhnt hat. So in einer Passage aus Heinrich von Kleists Der zerbrochene Krug: „Walter:...Wie viele Kassen habt Ihr? - Adam: Fünf, zu dienen. - Walter: Wie, fünf! Ich stand im Wahn - Gefüllte Kassen? Ich stand im Wahn, dass Ihr nur vier-“ (4. Auftritt). Der Dorfrichter Adam hatte eine Kollektenkasse für Schäden angelegt, die es nicht gab. Als irrig entpuppt sich die bislang gutgläubig gewahrte Meinung, welche der inspizierende Gerichtsrat von der hierorts geübten Gerechtigkeit hatte. Wahn ist hier die zerbrechliche Utopie, eine Utopie im kleinen, solche zwar, die sich als Irrtum erweist, die aber den, der ihr anhing, nicht bloßstellt, weil sie die freundliche, verdachtsfreie Präokkupation für den Probanden ausmacht. Hier wird keine banale Verkennung richtiggestellt; etwas wie ein Glaube geht mit Schock zu Bruche. Die Neusprache ist für solches Ermessen der Unterschiede stumpf. Ihre grob zusammenwerfende Wahrnehmung, die von Ähnlichkeiten ausgeht, die höchst sinnfällig sind und kraft dessen zu Gleichsetzungen einladen, die das Leben der Wörter unterschlagen, unterstellt suggestiv eine Übereinstimmung in Sinn und Sache, die es weder auf der Bedeutungs- noch auf irgendeiner anderen Ebene gibt. Das Leben, das Wahn im außerordentlichen Fall annimmt - grundsätzlicher gedacht: das physiognomische und semantische Verhältnisspiel der Möglichkeiten, welche wie in den zitierten Texten ihm zufliegen können - , wird im Prozess der Sprachumprägung nach der Regel ‘ein Zeichen - eine Bedeutung’ niedergeschlagen. Kaum ließe sich sagen, es würde aus dem Wort ausgeschieden. Denn um keine fixen Bestandteile eines schon abschließend umrissenen Bedeutungs- und Ausdrucksquantums geht es, sondern um Möglichkeiten, die sich unerwartet nach Art von Ausschlägen vollführen, deren keiner das Wort derart festlegt, dass er andere abschnitte. Möglichkeiten ließen beide Zitate auf sehr verschiedenen Ebenen aufsteigen. Beide sind in ihrer Verschiedenheit inkompatibel mit der in der derzeitigen Umgangssprache sich verdichtenden Tendenz und damit für deren Verständnis kaum fassbar. Fragt man nach einem Gemeinsamen der blockierten Möglichkeiten, so ergibt sich die Antwort weniger aus direkten semantischen Vergleichen als aus der Erwägung der Stimmung. Die der Ent-Täuschung ergeht aus der erschütterten Utopie. Aus den extremen Jeweiligkeiten des Ausschlags mit ihren situativ bedingten verschiedenen Möglichkeiten des Gebrauchs schält sich als Referent eine Sache von hoher Verbindlichkeit, als subjektives Korrelat ein dringliches Dabeisein der Beteiligten heraus, Motive, die der frigide homo communis mit Blockade belegt, - könnte doch Wahn mit diesem Stimmungsgehalt schlafende Hunde wecken. Es musste weg. Das ließ sich besorgen unter der Annahme einer Selbigkeit der Stämme Irr- und Wahn. Das neuere Hörverstehen und Sprechen ignorierte und überging die feinen Unterschiede, die weniger im Begrifflichen und Signifikativen als im Sinnlich-Physiognomischen lagen. Dieser so oft verkannten Schicht wegen dürfte wohl nie ein Wort dem anderen schlechterdings gleich gewesen sein, dies nicht einmal in der der Bedeutung, die durch jene andere, mit ihr in demselben Wort vereinigte, eine eigene Tönung annimmt. - Die mit den Stichworten Ein Zeichen - eine Bedeutung und Eine Bedeutung - ein Zeichen benannten Prozeduren beruhen wie sämtliche Verfahrensregeln der Sprachumprägung auf blinder Abstraktion. - Die Wörter vom Stamm Wahn sollen nur eine Bedeutung haben, es soll nicht die von Wahn, Wähnen, sondern die von Wahnsinn sein. Vornehmlich macht die Regel Eine Bedeutung - ein Zeichen sich geltend. Die dem Stamm Irr- zugeordnete Bedeutung soll nur durch Wörter eben dieses Stammes vertreten werden. Demnach wollte die Neusprache für dieselbe Bedeutung neben Irrtum nicht auch noch Wahn gelten lassen. Aber es war eben ein Irrtum, für beide eine differenzlose Identität der Bedeutung anzunehmen. Das Zurücktreten von Wahn, Wähnen aus dem Bedeutungskreis um Irr- beruht freilich - unter anderem - auf dieser Annahme der Synonymität. Wahn übersteigt seiner Nähe zu Wahnsinn wegen an Intensität die von Irrtum. Die Sprachgeschichte hatte Wahn und damit natürlich Wähnen zwischen Irrtum und Wahnsinn eine ganz eigene Stellung zugewiesen.* Allein der Sinn für die Differenzen schrumpft. Den Ausschlag für die Assoziierung von Wahn mit Wahnsinn dürfte die bloße Assonanz geben. Das Entfallende entfällt, ohne dass Ausgleich geschaffen würde. „Ich nahm an“ ist für „ich wähnte“ kein Äquivalent, da das Fatale des Wähnens in der Annahme nicht kenntlich wird. Man sagt daher, aber auch unter Verlegenheit: „Ich nahm irrtümlich an“. Fragt einer einen anderen: „Beirrt dich das?“, so beirrt das diesen. Ungewohnt, Irrtum, Irresein und Beirrung auseinander zu halten, hört er darin die Infragestellung der geistigen Gesundheit, den Anschlag auf seinen Ruf. Das Zeugnis der Unbeirrbarkeit pflegt er sich gern auszustellen, ein dem Irrtum, wohl auch dem Irresein verhafteter Begriff der Abwehr, in welchem der Stamm Irr- noch einige Zeit überleben könnte, ohne dass Hoffnung daran sich zu knüpfen vermöchte, es könnte die Einsicht in das, was in Wahrheit irr ist, sich daraus erneuern. Die vorgebliche und auch vermeintliche Unbeirrbarkeit ist ein kardinaler Zug der obligatorisch gewordenen Ataraxie. Wer ihres Besitzes sich freut, wird schwerlich je an etwas irre werden, am allerwenigsten an dem normalen Wahnsinn. - Desgleichen wähnt das Normalbewusstsein sich gegen Verwirrung immun. Daher auch dieses Wort in der vormaligen Bedeutungsbreite aus der alltäglichen Sprache ausscheidet. Verwirrt sei das Alter, möglich, dass dank dieser Relation das Wort eine Zeitlang noch sich erhält. Und sie ist es auch, die die heutige Übung überwiegend kennzeichnet. Man sagt nicht mehr: „Das hat mich verwirrt“, weil die Störung der Zerebralfunktion assoziiert wird. Mag auch der Instinktwiderstand gegen Beirren und Verwirren, außerhalb seiner Anwendung in einigen festgewordenen Bezügen, als den gegen die Peinlichkeit des Veralteten sich empfinden, so rührt er in Wahrheit von dem generellen Verdacht her, in welchen man vor sich selbst fällt und welchen man, um ihn von sich abzulenken, gegen andere zu kehren imstande ist: dem des Wahnsinns. Der Verdacht birgt ein Erkenntnispotential, das über sich selbst nicht zur Klarheit gelangt, solange die objektiv-gesellschaftliche Ursache, genauer der in ihm sich reflektierende Allgemeinzustand, nicht erfasst wird, sondern die Ichdissoziation, die allerdings eine Verwirrung und zugleich die Vorstufe akut klinischer Zustände ist, als ein ausnehmend persönliches Unglück aufgefasst wird. Selten verstanden wird es auch, will einer einen ‘necken’. Das Wohlmeinende des Neckens wird kaum mehr vernommen, daher denn auch das Wort in allmählichen Abbau geriet. Zu schnell fühlt man sich aus dem Tritt gebracht. Mit mir kann man das nicht machen! So stößt es zuzeiten auch dem Versuch zwanglosen ‘Scherzens’ zu.

Denn leicht wartet die ergrimmte Unsicherheit auf mit: Seehr witzig! Oder: Das soll wohl ein Witz sein! - ‘Scherzen’, zur Zeit noch bekannt, jedoch wenig gebraucht, wird hinunter müssen, weil das Bewusstsein der normalen Sprache im Scherz nur die Herausforderung vernimmt. Die generelle Überempfindlichkeit, die leugnet, es zu sein, spiegelt sich in den Konjunkturwörtern Verunsicherung und Überforderung. Auch, das fügt sich zu dem allen, liebt man es nicht, durch ungeläufige Gedanken oder durch Mitteilung eines nicht Bedachten, Übersprungenen, Unvorhergesehenen ‘stutzig’ gemacht, was hieße: aufgehalten zu werden. Wie man auch selber es weislich sich überlegt, wen man womöglich stutzig zu machen versuchen darf, was ja, weil es imstande ist, Routine zu stören, Gefahr läuft, übel aufgenommen zu werden, gerade auch, wenn dem, den es angeht, der stutzig machende Hinweis zu seinem Vorteil gegeben wird. Wie man weiß, halten Berater eines Mächtigen mitunter das allernützlichste Wissen zurück, wenn es in sein Realitätsbild nicht passt. Die Reduktion der auf Ähnliches und vermeintlich Gleiches zielenden Wörter nach dem Prinzip Eine Bedeutung - ein Zeichen scheint zugunsten von Irritieren auszugehen, dem jedoch wegen der phonetischen Nähe zu irre ebenfalls keine günstige Prognose gestellt werden kann.

Anmerkung (1). - Der Irritierte steht womöglich dumm da. Real geschädigt braucht er nicht zu sein, man hat ihn vielleicht nur an der Nase herumgeführt und damit womöglich vorgeführt. Aber die neuere Wahrnehmung kennt letztlich keinen Bruch zwischen dem einen und dem anderen, man kennt das eine als des anderen Vorstufe und weiß: zuletzt ist man wahrhaftig der Dumme, als der man im Vorstadium bereits sich fühlte: als Verwirrter, Beirrter, Irritierter. Die Wendung An der Nase herumführen wies schon hinüber in den Bezirk der realen Schädigung, vorab der wirtschaftlichen, durch die der erst mit Worten Hingehaltene oder Geäffte sich letzthin zum Narren gemacht oder für dumm verkauft vorkommt. Mit Irritieren konkurriert daher ein scheinbar in gleiche Gesamtrichtung zielendes, jedoch, wie es beim Austausch von Wörtern meistens sich zuträgt, den angesprochenen Sachverhalt - den „Referenten“- bezeichnend veränderndes Wort, das dem Argot entstammt und auf das, wenn seine Karriere anhält, das ganze Wortfeld um Beirren und Verwirren einmal zusammenschmelzen könnte: Verarschen. Es führt mit dem, was verwirrt und beirrt, von vornherein den Aspekt des Aggressiven. Auf die aggressive Tendenz antwortet es seinerseits mit Aggression. Nicht schlechterdings improbativ gedacht, eignet ihm keine Sicherung dagegen, dass man es anderen antut. Den verarschen wir mal! Indem das Hörverstehen der Wörter, die durch das Neuwort überflügelt werden, seine Erwartung schrittweise auf die weiträumig-diffuse - und wohl nur so im Sinne der operationellen Zwecke funktionierende - Semantik dieser einen Großraumvokabel umstellt, werden jene ohnehin ihr gleich, darum überflüssig. Sie lässt alle Nuancen in sich untergehen. Sohin ergibt sich: Eine summarische Determination - ein starres Zeichen, nämlich das festgelegte, nicht durch die jeweils gewirkte Gedankenverbindung mit jeweils veränderter Geltung belehnte, sondern in allem stets das Gleiche meinende. Die jeweils benannten Sachverhalte werden zu Fällen einer einzigen Bestimmtheit gestempelt; sie sind so festgelegt wie das Wort selbst, das seinerseits autoritär und abstrakt den Kontext determiniert.

„Eindeutigkeit“: Eine Bedeutung - ein Zeichen (2). - Der Grundsatz, dass es für eine Bedeutung keine zwei Zeichen geben soll, ist wenig bewusst und hält gerade darum nach. Das Empfinden dafür verliert sich, dass Sinn- und Sachverwandte von sehr differierender Bedeutung sein können, noch dazu, dass Wörter nächst der Bedeutung etwas wie Physiognomie in die Rede eintragen und ihr eine eigene, unverwechselbare Stimmung mitteilen, daher denn in dieser kardinalen Schicht unaustauschbar, nämlich nicht miteinander identifizierbar sind. Abgebaut wurde Allgemach, nicht aber Allmählich. Der Tendenz kommt entgegen, dass beider Bedeutungsumfänge sich stark überschneiden, dergestalt, dass bei häufigen Gelegenheiten tatsächlich das eine das andere ersetzen kann. Beide haben indessen einen differierenden Überschuss. Allgemach war einzig als Adverb gebräuchlich, wogegen Allmählich die Dienste des Adjektivs wie des Adverbs versieht. Mit ersterem können auch Bummelei und Aufschub einer Sache sich assoziieren - es berührt beispielsweise jemandes nach und nach fortschreitendes Tun, wie es Adalbert Stifter in Abdias erzählt: er „kaufte in den darauffolgenden Tagen allgemach ein, was er brauchte...“ Hier hätte Allmählich weniger gepasst, es meint zwar gleichfalls ein Nach und nach, steht jedoch näher beim gebräuchlichen Mehr und mehr als beim untergehenden Je mehr und mehr, das eine in Schüben sich zutragende Anstrengung andeutet. Gerade dies steht näher beim Allgemach, das - tendenziell - eher auf ein greifbar gegenständliches Tun als auf ein sei´s personales, sei´s apersonales Entwickeln verweist. Mit Allmählich verknüpft sich leichter die Vorstellung von beharrlicher, zeitüberspannender Zielstrebigkeit, es stützt daher das topic des kontinuierlichen Fortschritts. Wie die Natur macht Geschichte nach dem in Allmählich sich andeutenden Bild keine Sprünge. Der Moderantismus hat immer schon das Allmähliche vorgezogen, das Plötzliche aber verschrien. Daher auch ist die erwähnte adverbiale Bestimmung Je mehr und mehr dem Mehr und mehr gewichen, das einen gleitenden Anstieg vermerkt. Allmählichkeit suggeriert Vorhersicht. Weil die von den Privilegierten stets gern gesehene Zuversicht bei den Unterprivilegierten, mit ihr die Geduld des Wartens, genährt werden soll, sollen alle Vorstellungen vom Leben einen ruhig und stetig verlaufenden Progress, somit Zuverlässigkeit vorspiegeln. Mit Allmählich lässt gut sich vertrösten. Es schützt angepasste Verrichtungen. Dies bewahrt es vor dem Entsinken. Für das Zurücktreten von Gemach, Allgemach, Gemächlich lässt an erster Stelle das Moment des Behäbigen, Saumseligen als Voraussetzung sich nennen. Die Ausschließung oder Zurückdrängung dieser Wörter ist primär durch die zu den Merkmalen der Gegenwartskultur rechnende Hochschätzung des Tempos, der Geschwindigkeit an sich bedingt. Meinen sie doch ein entschiedenes sich Zeit Lassen. Dies beleuchtet die Antipathie gegen sie. Sie mag erstaunlich anmuten, insofern ja der am Höchstgeschwindigkeitsdelirium partizipierende durchschnittliche Sprachteilhaber ein Stoiker sein will und die Simulation einer gewissen Gemächlichkeit ihm zur Routine wurde. Nicht wahrhaft gelassen, jedoch verwachsen mit der Gelassenheitspose, perhorresziert er jede nicht durch stillschweigende Sozialübereinkunft lizenzierte Form von Motorik. Gerenne, Gewimmel, Ausdruck, Affekt sind ihm zuwider. In Wahrheit sind freilich die Meister der kompletten Innenabdichtung Psychotiker, die die angenommene kennerhafte Ruhe von den inneren Panikstürmen nicht befreit. Der Bann liegt darum auf allen Ausdrücken der Gemächlichkeit, weil die Sehnsucht nach dem nie gewonnenen Leben in ihnen sich rührt. Zu den Abwehrmechanismen des Ichs nach Freud gehört die Verkehrung ins Gegenteil, die Affektvertauschung mit Reaktionsverstärkung. „Es pocht eine Sehnsucht an die Welt, / An der wir sterben müssen“ (Else Lasker-Schüler, Weltende). Das Sterben beginnt damit, dass wir die Sehnsucht in Antiutopismus verkehren: Es soll nicht sein.

“Eindeutigkeit”: Eine Bedeutung - ein Zeichen (3). - Als würde er von unbekannter Hand zusammengestrichen, schmilzt der Wortbestand dahin. Ein bezeichnendes Beispiel ist das Zurücktreten von Zuträglich, Dienlich, Förderlich, Gedeihlich, Ersprießlich zugunsten von Nützlich.

- Man findet, wer sagt: “Dies ist eine sehr dienliche Bibliothek”, rede gespreizt. An Akzeptanz gewönne der Satz, ersetzte man Dienlich durch Zweckdienlich, das eine Tautologie ist, weil Dienlich bereits die Zweckmäßigkeit andeutet. Kommentare erübrigen sich; Zweckdienlich fasst schon als bloßes Wort ein Urteil in sich; es sagt, was von der Liebe zur Kürze wie von der Objektivität in der Wahl verwerfender Wörter wie Gespreizt zu halten ist. - Ersprießlich und Gedeihlich beziehen sich auf ein Wachstumsvorgängen vergleichbares Werden. Die derzeitigen Erfahrungen widerlegen freilich alle Stetigkeit des Werdens, ein Umstand, der als irreversibel zu notieren, gewissermaßen zu protokollieren, nicht jedoch mit fatalistischem Respekt oder gar mit dem Aufatmen sich befreit Fühlender zu verzeichnen ist. Nicht dass die fraglichen Wörter allesamt schon nicht mehr bekannt wären oder nicht einmal mehr verstanden würden. Aber die Möglichkeit ihrer Verknüpfung in freien Kontexten, jenseits eingeschliffener Redeformen - ”das Klima ist ihm nicht zuträglich”- ist sehr bemessen. Die Sprache zieht sich zusehends von ihnen zurück, vornehmlich aus Abneigung gegen die Nuance. Sie sind ja auch nicht in ihrer Andeutungs- und Benennungsweise einander deckungsgleich und gegeneinander austauschbar. Doch der Sinn für die feineren Differenzen schwindet. Unter dem falschen Schein der Identität der Zeichen verlässt die Sprache tendenziell alle außer dem einen, welches das, was noch zu sagen sein soll, tragen muss. Die Regel Eine Bedeutung - ein Zeichen ist kein Begriff, der den Vorgang vollständig deckt. Es fragt sich jetzt, warum es gerade diese Wörter sind, die das Nachsehen haben. Der Grund könnte in dem liegen, was ihnen gemeinsam ist: Dienlich, Zuträglich, Förderlich verweisen sämtlich auf eine Welt, die es erlaubt, sich Zeit zu lassen. Sie nennen die Bedeutung, die etwas für ein anhaltendes, Zeit beanspruchendes Betreiben hat und sprechen von dem, was der Arbeit zugute kommt. Das konnte Nützlich auch leisten, aber es meint nicht sowohl den Nutzen für die Arbeit, sondern eher noch den der geleisteten Arbeit für ein anderes. Jene lassen die Sukzessivität in Relation zum Zweck sinnlich empfinden. Dienen wie Zutragen und Fördern sind Zeit ausfüllende Tätigkeiten, deren Nützlichkeit sich mehr auf den Gebrauchswert bezieht, während die Komponente von Dienlichkeit in Nützen schon auf die Wirtschaftlichkeit, hier: auf den Tauschwert, und nicht nur darauf, sondern auch auf den Symbolwert vorausdeutet. Die Stellung zur Zeit tritt darin sehr zurück, jenen ist sie wesentlich. In Jean Pauls Titan beteuert einer, der sich zur „Wahrheit“ bekehrt haben will, jetzt ”sag’ er den ganzen Tag Wahrheiten, und im Kartäuser-Kloster gedenk’ ers noch mehr.“ Ein anderer versetzte: ”In Klöstern wohnen sie sonst eben nicht, daher wird, glaub’ ich, eben das Gelübde des Schweigens gefo [r]dert, das immer der Wahrheit zuträglicher ist als dessen Bruch.” Wahrheit selbst ist als ein nie ganz Fertiges gedacht, sie existiert im Werden. Wohl meint auch Zuträglichkeit einen Nutzen, jedoch zielt die Anwendung von Nützlich weit über das bloß Zuträgliche hinaus auf das Resultat jenseits der Arbeit. Ist mit Zuträglich eher vom Werden die Rede, so mit Nützlich vor allem vom Resultat in seiner Bedeutung für ein Drittes. Wenn Hegels Wissenschaft der Logik das Verschwinden des Werdens im Resultat entdeckte und das Thema als eines der philosophischen Logik behandelte, so war sie erstmals, ohne davon zu wissen, dem Produktionsgesetz auf der Spur: Das Produkt als Tauschwert ist das, was zählt; in der Unmittelbarkeit seiner Erscheinung unterschlägt es den Begriff dessen, worauf es beruht, die das Produkt als Mehrwert zeitigende Arbeit. Auf deren Zeitablauf jedoch deuten das Zuträgliche, Dienliche, Förderliche. Sie benennen die Erfahrungen solcher, denen ein eigenes Verhältnis zu ihrer Arbeit, auf deren Verlauf sie gemäß ihrer Autonomie als Arbeiter Einfluss nehmen konnten, vergönnt war. Das führt auf die Vormoderne zurück, aufs Handwerk, so also auf eine Arbeit, der man das Beiwort Konkret geben kann, die aber aus der industriellen Produktion immer mehr herausfiel, weil es ihrer nicht mehr bedurfte. Nutzen meint ein als Geldwert Schätzbares, die Realisation des Mehrwerts: Rückverwandlung der verausgabten Arbeitsquanten in die Form des prozesshaft sich bewegenden, weil mit dem unstillbaren Trieb der Selbstmaximierung behafteten Geldkapitals. Dieser Gang der ”Verwertung des Wertes“ ist die eigentliche Realität der Epoche, von der alles, was dissentiert, einmal eingeholt werden könnte; am allerwenigsten wird davon gerade die Sprache verschont werden, die zum Zeichensystem schrumpfend, jener einen Bewegung zu dienen hat. Ein nützliches Nomen war Nützlich in Nutzen beigegeben; nebst der ihm abgehenden Zeitbedingung und dem - scheinbar - weiteren Umfang der Anwendungs-Denkbarkeiten half es ihm, die Prüfung zu bestehen. Dergleichen entbehrten die Konkurrenten. Es war in den Rang einer der kardinalen Kategorien dieser Kultur aufgestiegen. Es vermag freilich jene nicht zu ersetzen. Man mag bezweifeln, ob etwa die Sprache der Altvorderen, die von Erfahrungen konkreter Arbeit und gestalteter Zeit wusste, das ungeminderte Glück solcher dokumentiert habe, deren Leben von ihnen erfüllt gewesen sei; und man mag sich fragen, ob der Verlust an Sprache ein Manko genannt werden müsse, weil man ihrer nicht mehr bedürfe, da sie ja einer unwiederbringlich versunkenen Welt verhaftet sei; ob man - endlich - nicht klug täte, sie, ohne erst mit sich zu Rate zu gehen, sogleich zu vergessen. Es scheint reaktionär, sich von der Betrachtung der Sprachgeschichte nicht einfach loszureißen. Doch es fragt sich allzusehr, ob nicht gerade, wer die Befassung mit untergehenden Sprachelementen anprangert, reaktionär denke. Das Studium verlorener Wörter spürt im Vergangenen dem Begriff eines anderen Lebens nach, dem Widerschein einer Welt, die noch nicht war, aber werden könnte. Es ist um die mit zunehmender Entfernung von ihrem historischen Zeitkern ihnen zuwachsende utopische und darum aktuelle Note von Wörtern zu tun, die dem Schuldzusammenhang ihrer Epoche zuinnerst verhaftet waren und von der Geschichte mit Recht verurteilt wurden, aber als verurteilte in ihrer Unwiederbringlichkeit von einer anderen, noch ausstehenden Geschichte ins Recht gesetzt werden könnten.

Anmerkung (1). - Die schleichend sich verfestigende Verwerfung mag sich als Gleichgültigkeit wissen. Man mag sich fragen, ob sie irgend von sich weiß. Sie weiß von sich. Im bestimmten Falle vor die Frage gestellt, ob dies oder das schon halb entsunkene Wort gebraucht werden sollte, schrickt der Sprecher instinktiv zurück. Dies geht zunächst die Nuance, den kleinen Unterschied, an. Der Gleichgültigkeit mischt sich ein entschiedener Widerwille zu, der an die Ursache, das Zurückscheuen vor der Nuance, keinen Gedanken wendet, dem statt dessen das Resultat an sich, die Tatsache des Verworfenseins, genügt. Jedoch liegt auch ein Zug von Bewusstheit, eine Ahnung der Ursache, in alledem, muss doch dem gleichgültig Gewordenen, so sehr es aus dem Bewusstsein ausgeschlossen ist, immer auch einiges von der initialen Stimmung gegen die Nuance mit zufließen, somit ein Rest von unbewusster Bekanntheit ihm anhaften. So verbleibt denn auch den Sprechern ein Rest von Bewusstheit eigenen Beschlusses, zugleich eigenen Unrechts, mögen sie auch passiv von überindividueller Tendenz bestimmt werden. Dies beleuchtet ihre aufs untergegangene Wort gerichtete Stimmung, sie ist eher eine feindlich gereizte als eine gleichgültige.

Anmerkung (2). - Es soll nicht ausgelassen werden, dass der Widerwille gegen das verlassene Wort sich auch als Besonderung eines um vieles allgemeineren Widerwillens fassen lässt. Er richtet sich primär gegen den Mitlebenden, der nicht erfolgreich war und den Makel des Gescheiterten trägt, darüber hinaus gegen schlechthin alles, was nicht sich zu wehren wusste.

Direktheit (1). - In Ludwig Tiecks Geschichte des Herrn William Lovell (I, 3, 30) findet sich der Satz: „ich denke recht lebhaft an Dich, um des Grauens los zu werden, das sich zu mir hinanschleicht“ (1795/96). Ganz ähnlich sagt Georg Büchner in Lenz: „Er hatte, um seiner unendlichen Qual los zu werden, sich ängstlich an alle geklammert“ (1835). Der heutige Leser stutzt vor diesen Sätzen, empfindet zwar vage das Passende des Wortlauts, weiß aber nur schwer zu sagen, was im besonderen den Genitivgebrauch vom derzeit eingespielten Gebrauch des Akkusativs abhebt. Er empfindet den Unterschied, wenn er darüber sich klar wird, dass der Akkusativ gröber ist. Er mag sich dann fragen, ob nicht das Gröbere passender gewesen wäre, da es ja um das Abschütteln eines Befangenseins in Grauen und Qual gegangen sei; der Akkusativ, der aufs Restlose gehe, hätte dies geleistet. Bei dieser Erwägung kann aber auch der Gedanke einfallen, es sei vielleicht den den Akkusativ hintanstellenden Texten um das Restlose nicht einmal zu tun gewesen, es seien andere Wege, sich von der Angst zu lösen, ihnen womöglich gangbar erschienen - der Genitiv könne sogar die Möglichkeit andeuten, die überreizte Empfindsamkeit, die die das Grauen auslösenden Eindrücke ins unausdenkbar Große rückt, zu zähmen, in ein Anderes, Verträglicheres zu verwandeln. Es mag sich sogar darin ein tieferes Verstehen der Signale ankündigen, die seinen Grund mochten gebildet haben, und, mehr noch, man wüsste dem Ganzen des fraglichen Zustandes, in dem sich jene verzerren, so gerade noch wirksamer gegenüberzutreten; das Ungemach würde zum Zuträglichen umgeschaffen, Fühlfäden der Seele würden nicht abgeschnitten. - Der Genitiv lässt offen, wie mit dem Grauen umzugehen sei. Er ist von einer gewissen absichtsvollen Vagheit, die der Einbildungskraft des Rezipierenden einigen Spielraum belässt, jedoch mit jener Direktheit der neueren Sprache, welche im Zurückstehen des Genitivs hinter dem Akkusativ sinnfällig wird, sich nicht verträgt. - Das einzig noch geläufige Schone mich unterscheidet sich von Schone meiner, wird es doch eindringlicher noch dem gesagt, der die Macht hätte, den Bittenden zu verderben. Viele Verben kannten einst beides, den Genitiv- und den Akkusativgebrauch. Für Genießen zeichnete sich gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts noch keine einheitliche Regel ab, was ein Vergleich zwischen zwei zeitgleichen Autoren belegen kann. Immanuel Kant sagte (in Was ist Aufklärung, 1783) vom Gelehrten, welcher von seiner Vernunft einen öffentlichen Gebrauch mache, indem er sich schreibend an die Welt wende: Er ”genießt einer uneingeschränkten Freiheit, sich seiner eigenen Vernunft zu bedienen.“ Jean Paul hingegen lässt seinen Siebenkäs (1795) sagen: ”Genießest du aber deine warme Jugend ungescheuet vor der im Hintergrunde wartenden Eisgrube des Alters.” - Mit Erwähnen und Vergessen steht es ebenso.* Bei E. T. A. Hoffmann, Das öde Haus (Die Serapionsbrüder, II, 3), ist von einer Frau die Rede, die in Paris war und ”laut der herrlichen Oper” erwähne, deren Aufführung sie dort gesehen habe. Der Genitiv lässt die Sache im Offenen, nicht näher Bestimmten. Sätze Arthur Schnitzlers belegen diesen Genitivgebrauch noch für das zwanzigste Jahrhundert: ”Auch erwähnte sie der Absicht, nächstes Jahr nach Frankreich zu reisen” (Casanovas Heimfahrt, 1917). ”Robert glaubte sich zu erinnern, dass die musikalischen Abende im Hause Rolf ... eines gewissen Rufs genossen“ (Flucht in die Finsternis, 1917). Eine Sprache, die für die zu umschreibende Subjekt-Objekt-Lage den Genitiv setzt, trägt sich mit dem Begriff des nicht aufs Letzte Gehenden, des bloß Partitiven. Sie setzt dem zu Sagenden spielerisch mancherlei Schatten auf und trägt dem Ungefähren in der Stellung von Wort und Sache, dem Überschuss des Wortes gegen die Sache, der Sache gegen das Wort, Rechnung. Die Wahrnehmung lässt vom Ding einen Anteil im Träumerisch-Ungenauen. Halbbestimmtes ist den Heutigen unausstehlich; es forciert die Angst vor dem Chaos. Der Rückgang des Genitivs bezeugt sie. Scheint ihnen doch dieser die Sache dicht an die Schranke zu rücken, hinter der das schlechterdings Unbestimmte, das Diffuse, sich ausbreitet, worin Form und Gestalt in ein umrisslos Zuckendes, Flackerndes, verfließen. - Die Beispiele bestätigen die vormalige Freiheit der Wahl zwischen Genitiv und Akkusativ. Es gab in der Sprachgeschichte ein Empfinden für den Unterschied dieser Kasus beim Objekt, das lehrt ein Blick in die Welt der Alten. Die griechische Sprache konnte mit beiden Kasus konstruieren. Die Konstruktion mit dem Genitiv, κρατεîν τινόs, stand für Beherrschen, dagegen die Akkusativkonstruktion, κρατεîν τινά, für Besiegen. Dieses deutete auf die Aktion, die aggressive Unmittelbarkeit zum Objekt, jenes auf ein anhaltendes Verhältnis, welches nicht bösartig sein musste; es ließ offen, ob Tyrannei oder ein freundliches Walten gemeint sei. Der hier sich andeutende Unterschied beim Objektkasus in Verbalverbindungen hat für jene frühe Zeit, aber auch noch für das achtzehnte wie für das neunzehnte Jahrhundert keine autoritative Steuerung des Sprachgebrauchs angeregt, geschweige denn eine schroffe Festlegung von Genitiv und Akkusativ auf zweierlei strikt getrennte Weisen des Umgangs mit dem Objekt ergeben. So sind denn die Sätze Jean Pauls, der auch Bedürfen - wie schließlich noch Adalbert Stifter - mit dem Akkusativ verbindet*, nicht anders zu interpretieren, als hätte er den Genitiv gewählt. Denn allgemein schwebte die Stellung zum Objekt zwischen Schonung und Bemächtigung. Dass der Genitiv dem Akkusativ da, wo er mit ihm wechseln konnte, merklich gewichen ist, zeigt an, wie der Verkehr mit dem Objekt nunmehr gedacht wird: dass er ganz unter das Gesetz der Bemächtigung treten soll. - Ebensosehr setzt der Akkusativ sich gegen Präpositionalverbindungen durch. Mit diesen, die ihr zu umständlich sind, gibt sich die Hausfrau nicht länger ab, wenn sie sich fragt: Wie bekoche ich meinen Mann? Nach etwas fragen wird ersetzt durch Nachfragen, meistens auf Ware bezogen und mit dem Akkusativ zu setzen. An jemand schreiben wird ersetzt durch Jemanden anschreiben, Mit jemandem sprechen durch Jemand(en) sprechen. Eine Internetseite soll man anwählen. Wie An- den Akkusativ des direkten Zugriffs aufs Objekt unterstützt, wird ersichtlich an einigen in verschiedenener Nähe zu Anrempeln figurierenden Redeweisen: Eine Stadt anfahren - die Stadt ist Aktionsobjekt - Jemand(en) anfragen, anhauen. In diese Reihe fällt das vorhin zitierte Anschreiben. Der Sprachgebrauch hat in der neueren Geschichte des Objekts, im residualen Objektbegriff, seine Voraussetzung. In der genitivischen wie der präpositionalen Verbindung konnte ein nicht verzehrendes, sondern die Integrität des Objekts bestehen, ihm Freiheit und Raum lassendes, ein vermittelndes, ja umständliches, in Wechseltätigkeit sich entwickelndes Verhältnis angedeutet werden. Teilhaft, nicht habhaft wollte das Subjekt des Objekts werden. - Umständlichkeit stand, bevor das Diktat einer rigiden Umstandslosigkeit sich durchsetzte, in keinem schlechten Ruf; kein Postulat der Logik oder Rhetorik stand ihr entgegen. Goethe wies mehrmals in der Farbenlehre auf eine andernorts in derselben Schrift ausgeführte Darstellung hin, in welcher er „umständlich“ einen für sein Werk grundlegenden Gedanken entfaltet habe (Goethe, Gedenkausgabe, Bd.16, S. 15. 21). Schopenhauer bemerkt einmal, er erinnere sich einer Sache „lebhaft und umständlich“ (Kleinere Schriften, Sämtliche Werke III, hrsg. von W. Frhr. von Löhneysen, S. 86). Kleist lässt in Die Hermannschlacht sagen: „Sogleich jedwedem Irrtum zu begegnen ... Will ich umständlich von dem Schritt, Zu dem ich mich entschloß, dir Kenntnis geben“ (2. Akt). Umständlich war im achtzehnten und beginnenden neunzehnten Jahrhundert kein pejorativer Begriff. Das müsste es auch gegenwärtig nicht sein. Die heutige Aversion gegen das Umständliche entspricht dem Prinzip der schnellen Erledigung, das zwar nicht gänzlich neu ist, jedoch, seitdem es dem ungeschriebenen Corpus der praxisleitenden Regeln angehört, einen beherrschenden Rang einnimmt. Der Akkusativ des direkten Zugriffs auf die als unbemessen verfügbare, auszubeutende Rohstoffe oder schon als nutzbare Ware gedachten Gegenstände, unter die auch das Lebendige rechnet, weiß von der Welt nur als Aktionsobjekt. Die cartesianische Zweisubstanzenlehre, die die Subjekt-Objekt-Dichotomie ratifizierte, war die bloße Reflexionsform dessen, was an der produktionsgeschichtlichen Basis sich zutrug. Die Veränderungen gingen in Schüben vonstatten, als Indizes einer Reihe von Traditionsbrüchen, deren erster das Abrücken des Bürgertums von seinen Ideen, der Übergang zum Positivismus seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, war. Die sprachlichen Folgen stellten sich nie ohne Verzug ein, die volle Konsequenz steht sogar bis heute noch aus. Ihre Gestalt ist abzusehen. Wie und was sie sein werden, ist an kaum einer Veränderung so klar zu bemerken wie am schleichenden, unspektakulären Übergang zur Dominanz des Akkusativs des direkten Objektbezugs. Unvermerkt zerrinnen die Chancen eines anderen Bewusstseins, wenn denn eines entstünde, in der Sprache hervorzutreten. Ein qualitativ Neues kann sich nicht außer in Fühlung mit jenem Wort entwickeln, das das der Vergangenheit, genauer der in sie einbezeichneten Gegenvergangenheit, ist, jener sprachschöpferischen Augenblicke, in denen das Licht einer Utopie des besseren Lebens aufschien. Die Gegenvergangenheit wahrzunehmen, um ein wahrhaft Neues daraus zu machen, ist die Chance, jener Vergangenheit sich zu erwehren, die sich verewigt, indem sie verschwindet.

Anmerkung. - Das Wort ist nach Wilhelm von Humboldt „nicht das Äquivalent des den Sinnen vorschwebenden Gegenstandes, sondern der Auffassung derselben durch die Spracherzeugung im bestimmten Augenblick der Worterfindung … Denn die Sprache stellt niemals die Gegenstände, sondern immer nur die durch den Geist in der Spracherzeugung selbsttätig von ihnen gebildeten Begriffe dar“ (Humboldt, Schriften zur Sprache, hrsg. v. M. Böhler, S. 86 f.). „Unter Wörtern versteht man die Zeichen der einzelnen Begriffe“ (ebd., S. 68). “Die einmal fest geformten Elemente bilden zwar eine gewissermaßen tote Masse, diese Masse trägt aber den lebendigen Keim nie endender Bestimmbarkeit in sich” (S. 55). Das Wort ist von Unbestimmtheit. Aber durch diese weist es über sich hinaus. Dies über sich Hinausweisen wird sprachlich im Satz vollbracht. Der Kontext vollendet erst die Bedeutung des Wortes; darauf verweist Hans-Ernst Schiller, Die Sprache der realen Freiheit. Sprache und Sozialphilosophie bei Wilhelm von Humboldt, 1998, S. 194-197.

Dativmeidung (1). - Nicht erst heutige Sprecher*, vor allem jedoch diese weichen den Dativverbindungen mit einer instinktiven Sicherheit aus. Drei Sätze mögen es belegen - der eine gehört einem Journalisten, der andere einem Germanisten, der letzte einem Philosophen. Der Überblick über die Studien und Berufe demonstriert die Verbreitung des fraglichen Idioms bei denen, die man akademisch Gebildete nennt. Der Journalist berichtete: „Einer der Ermordeten ... soll ... auch Insulin gespritzt bekommen haben“ (Frankfurter Rundschau, 1991). Bundestagspräsident Wolfgang Thierse befand: „dass ein ehemaliger Bürger der überwundenen DDR dieses Amt übertragen bekommt, ...ist durchaus ein historisches Datum“ (KSt-A 1998).* Heinz Steinert (Kulturindustrie, Münster 1998, S. 169) äußerte: „und daher müssen wir auch etwas geboten bekommen, damit wir nicht wegbleiben oder mittendrin rausgehen.“ Käme es auf Kürze an, empfähle sich der reine Dativ: „einem ... soll ... gespritzt worden sein“; „dass einem ... übertragen wird“; „muss uns auch etwas geboten werden“. Der Dativ weicht jedoch einer ungefügen Konstruktion, deren Bedeutungsschwerpunkt in ein participium passivi gefasst wird, das mit Beihilfe von Bekommen der semantischen Schwäche aufhelfen soll, die der Sprecher am Dativ zu spüren vermeint. Dieser wird förmlich geflohen, worin sich eine hochwirksame Tendenz bekundet. - Man hört sagen: Davon wird man warm; Ich bin schwindelig. Man sagt: Dafür kannst du dich auf mich verlassen. Das verlassene „Dafür stehe ich dir“ war unüberbietbar kurz und wurde ersetzt durch Verbosität. Da werden Sie geholfen ist ein Satz aus Prominentenmund, der in der Reklame ausdauernd wiederholt wurde.

Dativmeidung (2). - Während es Sätze gibt, in denen der Dativ, wenn auch geschwächt, nämlich durch eine Präposition gestützt, sich noch behauptet, zeigen andere Proben von Präpositionalverbindungen den vollständigen Ausfall. In der Presse war zu lesen: „Firmen, die an dem Geschäft interessiert waren, wurden ... aufgefordert, ein Zehntel der Gesamtsumme an einen ‘Briefträger’ zu übergeben“ (Frankfurter Rundschau, 24. 2. 1991). Der Dativ, der hier sich anbietet, wird übergangen, dafür tritt die den Akkusativ regierende Präposition ein. - Während das mit Dativ zu konstruierende ‘Eintrag tun’ zusehends verlassen wird - wohl weil Eintrag auch Eintragung heißen kann - kommt das daraus entwickelte stroherne Beeinträchtigen zu Ehren, das durch atmosphärische Nähe zur aseptischen Sprache der Verwaltungs- und Vollzugsorgane geschützt wird. - Auf den Akkusativ, dem das Objekt reines Aktionsobjekt ist, dürfte zuletzt alles hinauslaufen. Die Entwicklung ist noch im Gange. Einem zusprechen ist noch nicht ganz hinunter, Einem beistehen noch weniger; gleichwohl ist den rein dativbetonten Wendungen eine ungünstige Prognose zu stellen. Unauffällig flaut schon die Akzeptanz von Zustimmen und Beipflichten ab; man sagt gern: „Ich gehe (oder bin) damit einig“. „Dem Vieh nachahmen“ sagte Johann Gottfried Herder (Abhandlung über den Ursprung der Sprache), „dem Tiger nachahmen“, so überträgt August Wilhelm Schlegel eine Stelle bei Shakespeare (König Heinrich V; III,1). ”Ich ging den Tälern entlang” und “Dieses ließ mir manches vergessen”, lässt Adalbert Stifter sagen ( Der Nachsommer). Ein Unterschied zum Akkusativ ist hier nicht schnell wahrnehmbar. Der Anlass des Verschwindens des Dativs aus derlei Verbindungen liegt in seiner Grundleistung. Sie ist die der Zuwendung. Eine Ahnung vom “Vorrang des Objekts” (Adorno) scheint in ihr sich zu reflektieren. Sicher hat diese Grundleistung immer auch die Gelegenheit bösartiger Zuwendung geboten. Diese bestimmt aber den Dativ keineswegs ausschließlich; gerade das war Anlass genug, ihn zurückzudrängen. Chamissos Peter Schlemihl erzählt: „Ich stand still und rief ihm zu. Er sprang bellend an mich mit tausend rührenden Äußerungen seiner unschuldigen, ausgelassenen Freude“ (Adelbert von Chamisso, Peter Schlemihls wundersame Geschichte). Noch in dem 1927 erschienenen Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnisbuch von Oskar Maria Graf findet sich diese Dativverbindung: “Ich blieb stehen, besann mich, wollte ihm rufen, ihm nach und schritt heimwärts.” Den Unterschied der alten Dativverbindung Einem rufen zum üblichen Einen rufen hat Walter Höllerer, Sprache im technischen Zeitalter, Nr. 4, 1962, erörtert.* Im ersten Fall wendet sich der Ruf „an den in seiner Entscheidung frei gesehenen Menschen. Im zweiten Fall wird ohne weiteres angenommen, dass der Gerufene dem Ruf auch Folge leistet. Der Chef ruft ihn, und er kommt. Im einen Fall erscheint der Gerufene als Dativ-Objekt und damit als die Stelle, die dem Geschehen Sinn verleiht; in dem anderen als Akkusativ-Objekt; der Gerufene wird zum Schauplatz eines Eingriffs, er wird Objekt, Sache, er hat keine eigene Kraft gegen den Ruf zu setzen. Im Dativ bleibt er sinngebende Person ... Im Akkusativ wird der Mensch einer Verfügungsgewalt unterworfen. Im Dativ ist der Mensch Mittelpunkt des Geschehens, bleibt er als Person gültig. Im Akkusativ wird er ´erfasst`, wird er Gegenstand einer Machtausübung.“* Jemanden rufen - das ist die Sprache, die sie verstehen, rechtfertigen sich die Rufenden. Die Gerufenen sprechen sie ihnen nach, sie simulieren sie im je eigenen abhängigen und beschränkten Machtkreis. Das Denken nach dem Prinzip der schnellen Erledigung ist allgegenwärtig. Nichts soll im Wege stehen. Sprachformen sind Denkformen, Kategorien, die auf die Tendenzen, die sich ihrer bedienen, zurückwirken und sie verschärfen. Die Sprache des positiven Normalbewusstseins hat dieses Denken in ihren Formen archiviert; sie ist die eine und einzige in allen gesellschaftlichen Äußerungen; ohne alle Relation zu ihr wäre auch keine, in der Kategorien der Freiheit das Wort hätten, weil Freiheit selbst nur das dem täglichen Zwang allererst sich Entringende, Anfängliche sein kann. Keiner entzieht dieser Sprache sich ganz, alles Wohlmeinen ist gefährdet durch Rückvergiftung.

Anmerkung (1). - Die Wortgruppe „es kommt mir (so) vor, als ob... ” widersetzt sich dem Untergang, weil mit ihr gerade von dem, was formgleiche Wendungen, andere mit Es eingeleitete Verbindungen (Es fror mich; Es hat mich nie gereut, dass...), dem Untergang zuführt, ein positiver Gebrauch sich machen lässt. Kann man doch leicht die Verantwortung für das, was einem „so vorkommt”, dem Es, einem Nicht-Ich, einer undurchschaubaren, zugleich autoritativen, steuernden Instanz, an der nichts Individuelles ist, zuweisen: Ich kann nichts dafür. Die Bescheidenheit kann spaßig, aber auch anzüglich sein. Das Individuum ist „Schauplatz objektiver Prozesse“ (Adorno), - diese unpopuläre Theorie wird durch die populäre verstohlenerweise bestätigt.

Anmerkung (2). - ´Mir widerfährt’ kommt selten noch vor, im geschriebenen öfter als im gesprochenen Wort. In einem Verriss, verfasst von einem Germanistikprofessor, wurde dem Autor der Gebrauch von ‘Widerfahrnis’ angekreidet, mit dem Bemerken, er sei der “Stilgebung” beflissen und im Sprachverhalten den Fünfzigerjahren verhaftet. Mir widerfährt ist dem triumphierenden Narzissmus unerträglich. Er zieht Ich erlebe seiner aktiven Tendenz wegen vor. Aber Ich erlebe ersetzt gerade darum nicht Mir widerfährt.

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Details

Seiten
643
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656919322
ISBN (Buch)
9783656919339
Dateigröße
7.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293508
Note
Schlagworte
Sprache Kommunikation Soziologie Linguistik Gegenwartssprache Sprache heute neue Sprache Gesellschaft Philosophie

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Titel: Die Sprache Calibans