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Die Programmstruktur als flow. Wie der Privatsender ProSieben den Rezipienten in der Primetime an sich bindet

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 16 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Voraussetzungen der Betrachtung
1.1. Die Fernsehrezeption
1.2. Auswirkung auf die Fernsehsender

2. Die Programmstruktur als flow
2.1. Das Konzept der Abfolge als Programm
2.2. Das Konzept der Abfolge als flow

3. Die Programmstruktur von ProSieben
3.1. flow-orientierte Strategien
3.1.1. Das Logo
3.1.2. Stripping
3.1.3. Lead-in-Placement
3.1.4. Blocking
3.2. Programmverbindung
3.2.1. Werbung
3.2.2. Trailer
3.2.3. Teaser
3.3. Sonstiges
3.4. Fazit

4. Abschließende Bewertung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Ich gehe in der vorliegenden Hausarbeit von Raymond Williams Text Programmstruktur als Sequenz oder flow (1975) aus. Ich habe mich aus mehreren Gründen dafür entschieden, gerade diesen im Seminar besprochenen Text zu vertiefen. Die Diskussion im Seminar war sehr anregend, denn der im Text behandelte Gegenstand ließ sich in unseren eigenen Fernseherfahrungen wiederfinden. Es fielen uns viele interessante Punkte und auch einige spannende Fragen ein, auf die im Rahmen der Seminarsitzung aber leider nicht genauer eingegangen werden konnte. Dies weckte mein Interesse mich näher mit dem Gegenstand des Textes beschäftigen zu wollen.

Im ersten Teil der Hausarbeit werde ich zunächst eine kurze Einführung in das Thema geben, indem ich darstelle, welche Situation bei der Fernsehrezeption vorzufinden ist und welche Auswirkungen dies auf die Fernsehsender hat. Anschließend werde ich Williams These zur Programmstruktur als flow herausarbeiten.

Davon ausgehend werde ich im zweiten Teil der Hausarbeit die gegenwärtige, deutsche Programmstruktur untersuchen, um herauszustellen, inwieweit Williams These zutreffend ist. Die Fragen, die sich diese Arbeit dazu stellt, lauten: Ist das gegenwärtige, deutsche Programm als flow strukturiert? Lassen sich bei den Fernsehsendern gezielte Strategien finden, um die Rezipienten zu fesseln? Und falls ja, wie sehen diese Strategien aus?

Um diese Fragen genauer behandeln zu können, werde ich mich auf einen einzigen, privaten Fernsehsender, namentlich ProSieben, und eine bestimmte Fernsehzeit, die Primetime (20.15-24 Uhr)[1] an Werktagen, beschränken.

1. Voraussetzungen der Betrachtung

1.1. Die Fernsehrezeption

Das Sehen bzw. Anschauen von Fernsehinhalten findet in einer besonderen Situation statt, die sich von der Situation, wie sie im Kino oder Theater vorzufinden ist, unterscheidet. Im Gegensatz zur öffentlichen Rezeption im Kino oder Theater, findet Fernsehen im privaten, häuslichen Bereich statt.

Durch die Rezeption Zuhause hat der Rezipient zum Einen immer die Möglichkeit aufzustehen und den Raum zu verlassen und zum Anderen besteht ein höheres Risiko der Unterbrechung und Störung durch andere Personen oder der Ablenkung durch die spontane Lust auf andere Tätigkeiten, beispielsweise Telefonieren oder Surfen im Internet.

Da der Rezipient - mittels Fernbedienung, Programmzeitschrift oder Videotext - über einen guten Marktüberblick verfügt, hat er zudem die Möglichkeit zwischen verschiedenen Fernsehsendern auszuwählen und sich sein Programm aus verschiedenen Sendungen und Spielfilmen zusammenzustellen. Er ist mobil und kann sich nach Bedarf aus jedem Programm schnell und umstandslos hinein- und herausbewegen und durch die Programme zappen.[2]

1.2. Auswirkung auf die Fernsehsender

Da die einzelnen Fernsehsender somit in großer in Konkurrenz zueinander stehen, wollen sie den Rezipienten - aus ökonomischen Gründen – fesseln und ihn vor allem für die Primetime, also für den gesamten Ablauf eines Abends, an sich binden. Dafür reicht es nicht aus, nur auf die Qualität des Programms zu achten. Die Fernsehsender müssen das Programm speziell strukturieren und gezielte Strategien anwenden, um das Umschalten und Zappen zu verhindern und die Verweildauer des Rezipienten beim eigenen Programm zu maximieren. So sagt auch Jan Körbelin, der von 1994 bis 1998 Programmdirektor der ProSieben Media AG war, dass Programmplanung in Wirklichkeit ein Denkspiel wie Schach ist, da es immer um „[…] Taktiken/Gegentaktiken, um Möglichkeiten, an den Zuschauer heranzukommen und natürlich auch um Möglichkeiten, Konkurrenten schachmatt zu setzen“[3] geht.

2. Die Programmstruktur als flow

2.1. Das Konzept der Abfolge als Programm

Williams unternimmt zunächst einen geschichtlichen Diskurs und beginnt bei den Kommunikationssystemen, die der Rundfunktechnologie vorausgegangen sind. Ursprünglich wurde beispielsweise eine Theateraufführung oder ein Fußballspiel besucht bzw. ein Buch gelesen oder ein Film geguckt und als diskretes Ereignis aufgefasst, das grundlegend von anderen Ereignissen getrennt ist. Was das Fernsehen diesbezüglich vollbrachte war, dass es solche Ereignisse dem Rezipienten als Palette vielfältiger und abgeschlossener Einheiten am Bildschirm anbot. Mit der stetigen Aufeinanderfolge von Sendungen war somit das Programm geboren.

Zu den Anfängen der Fernsehübertragung war demnach die normale Erwartung an Ereignisse noch die einer Abfolge davon. So gab es, im Gegensatz zu heute, nach jeder Programmeinheit eindeutige Intervalle, also durch Klang oder Bild kenntlich gemachte Zwischenräume.

2.2. Das Konzept der Abfolge als flow

Heute besteht das Fernsehen zwar auf den ersten Blick immernoch aus einzelnen, zeitlich begrenzten Programmeinheiten, doch es scheint, dass eine Programmeinheit in die nächste übergeht. So sprechen wir von „Fernsehgucken“ ohne uns dabei noch auf eine spezifische Programmeinheit zu beziehen.[4]

Williams stellt insofern den „[…] signifikanten Wechsel vom Konzept der Abfolge als Programm [programming] hin zum Konzept der Abfolge als flow[5] fest. Der Begriff flow[6] meint also dieses ununterbrochene, ineinander übergehende Programm, das zum Ziel hat, den Rezipienten, besonders für den gesamten Ablauf eines Abends, an sich zu binden, also am um- oder ausschalten zu hindern. Für Williams ist dieser geplante flow das entscheidende Kennzeichen des Fernsehens.[7]

Der Rezipient wird demnach zu Beginn eines Abends an den flow des jeweiligen Fernsehsenders gebunden. Zur Aufrechterhaltung des abendlichen flows werden dann Trailer für Sendungen und Spielfilme gezeigt, die zu einer späteren Uhrzeit laufen, sowie spezifische Programmhinweise gegeben.

3. Die Programmstruktur von ProSieben

Im Folgenden soll die Programmstruktur von ProSieben zunächst nach allgemeinen Strategien untersucht werden, die die oben gennante These vom Programm als Fluss unterstützen. Anschließend soll darauf eingegangen werden, wie das Programm bei ProSieben verbunden ist.

3.1. flow-orientierte Strategien

3.1.1. Das Logo

ProSieben hat dauerhaft, vierundzwanzig Stunden an jedem Tag der Woche, sein Senderlogo am oberen rechten Bildschirmrand eingeblendet. Da ProSieben disparate, in der Welt zusammengekaufte Sendungen zusammenführt, soll das Senderlogo dem Rezipienten beispielweise auch während einer amerikanischen Sendung die Kanalidentität sichern. Das Senderlogo bietet „[…] zwischen den vielen Ausflügen in alle Teile der Welt, in die verschiedenen Themenbereiche und Darstellungsweisen […] einen Ruhepunkt […].“[8]

3.1.2. Stripping

Bei ProSieben lässt sich eine starke Orientierung an einem etwas weniger direkt ersichtlichen Bedürfnis des Rezipienten beobachten: einem sich wiederholenden Schema. So laufen wöchentlich von Montag bis Donnerstag die gleichen Sendungen zur gleichen Uhrzeit. Diese horizontale Programmstruktur heißt Stripping und beabsichtigt, das Programm für den Rezipienten plan- und berechenbar zu gestalten. Stripping zielt somit auf die Gewöhnungseffekte beim Rezipienten und orientiert sich an den - vor allem werktags - immer gleichen Tagesabläufen der Zielgruppe. Dadurch, dass also klare Strukturen und eine Vorhersehbarkeit hergestellt werden, weiß der Rezipient, ohne erst in der Programmzeitschrift oder im Videotext nachschauen zu müssen, wann die Sendungen laufen, die ihn interessieren und zu denen er einschalten möchte.

[...]


[1] Da in der Primetime die höchsten Zuschauerzahlen erreicht und damit die höchsten Werbepreise erzielt werden, legt ein werbefinanzierter Privatfernsehsender wie ProSieben besonderes Gewicht auf die Programmstruktur der Primetime.

[2] vgl. Hickethier, Knut: Rezeptionsgeschichte des Fernsehens - ein Überblick. In: Klingler, Walter u.a. (Hrsg.): Medienrezeption seit 1945. Forschungsbilanz und Forschungsperspektiven. Baden-Baden 1998, S. 135.

[3] Körbelin, Jan: Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile. Programmplanung als Erfolgsfaktor. In: Paukens, Hans/Schümchen, Andreas (Hrsg.): Programmplanung: Konzepte und Strategien der Programmierung im deutschen Fernsehen. München 1999, S. 13.

[4] Vgl. Williams, Raymond: Programmstruktur als Sequenz oder flow. In: Adelmann, Ralf u.a. (Hrsg.): Grundlagentexte zur Fernsehwissenschaft. Theorie - Geschichte - Analyse. Konstanz 2001, S. 36.

[5] Williams, Raymond: Programmstruktur als Sequenz oder flow, S. 36.

[6] engl. Strom, Fluss (Langenscheidt Abitur-Wörterbuch Englisch. Berlin und München 2006)

[7] Vgl. Williams, Raymond: Programmstruktur als Sequenz oder flow, S. 33.

[8] Hickethier, Knut: „Bleiben Sie dran!“ Programmverbindungen und Programm - Zum Entstehen einer Ästhetik des Übergangs im Fernsehen. In: Hickethier, Knut/Bleicher, Joan (Hrsg.): Trailer, Teaser, Appetizer. Zu Ästhetik und Design der Programmverbindungen im Fernsehen. Hamburg 1997, S. 22.

Details

Seiten
16
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656909484
ISBN (Buch)
9783656909491
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293450
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Institut
Note
2,3
Schlagworte
flow Literatur und Fernsehen Programmstruktur als flow Fernsehrezeption Raymond Williams

Autor

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