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Leistet die Ganztagsschule einen Beitrag zur Bewältigung von sozialer Ungleichheit?

Hausarbeit 2013 17 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung & Fragestellung

2. Ergebnisse der PISA Studie

3. Soziale Ungleichheit und Bildung
3.1. Der Begriff "soziale Ungleichheit"
3.2. Bildung als Basisdimension von sozialer Ungleichheit

4. Chancengleichheit durch Ganztagsschule?
4.1. Konzept der Ganztagschulen
4.1.1 Bildungspolitische Einordung& Ziele
4.2. Wissenschaftliche Begleitstudie zu Ganztagtagschulen
4.2.1.Studie zur Entwicklung von Ganztagschulen (StEG)
4.2.1. Ergebnisse der StEG

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung und Fragestellung

Dass Deutschlands Bildungssystem trotz ausreichenden finanziellen Mitteln, und starken Wachstum im Bruttoinlandsprodukt im Vergleich zu anderen Ländern wesentliche Mängel aufweist, zeigen die Ergebnisse der PISA-Studie 2000. Die Kompetenzen der deutschen Schüler lagen in allen Bereichen unter dem OECD Durchschnittswert. Außerdem zeigten die Ergebnisse einen großen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Deutschland scheint in diesem Fall Spitzenreiter von der Koppelung zwischen Herkunft des Schülers und seinen Kompetenzen zu sein. Kein anderes Land habe so sehr mit diesem Problem zu kämpfen wie Deutschland.

Bei einem so hochentwickelten, modernen und demokratischen Staat dürfen solche Bildungskatastrophen nicht entstehen. Denn Deutschland steht für Gerechtigkeit und somit auch Gerechtigkeit in der Bildung. Was könnten also mögliche Lösungsansätze sein?

Nach diesem schockierenden Befund wurden die Diskussionen über Lösungsmöglichkeiten weiter ausgeweitet. Mit Blick auf andere Länder, die besser in der PISA-Studie abgeschnitten haben, wurde der Grund für das Versagen der deutschen Schüler schnell erkannt: Halbtagsschulen. Demnach stellt die Bundesregierung einen Ausbau von Ganztagsschulen für so relevant, dass sie bereit war knapp vier Milliarden Euro darin zu investieren (Vgl. Kiper 2005:175).

Diese Arbeit beschäftigt sich vor allem mit der Frage, ob Ganztagsschulen wirklich als Lösung für das Problem der sozialen Ungleichheit gesehen werden kann. Der Ansatz der Bildungspolitiker, dass Ganztagsschulen tatsächlich im Stande sind Schwächen von Kindern aus sozial schwachen Familien zu beheben und damit einen Beitrag zur Bewältigung der sozialen Ungleichheit leisten, wird im Folgenden diskutiert. Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen als Schülerin mit Migrationshintergrund und aus einer eher sozial schwachen Familie, die ihre Schullaufbahn erfolgreich an einer Ganztagsschule vollzog, stellt die Beantwortung der Fragestellung eine hohe Relevanz für mich dar. Nachdem ich mein Abitur erfolgreich abgeschlossen habe und meinen Abschluss an einer Hochschule anstrebe, stellte sich bei mir die Frage, ob mein Erfolg der Ganztagsschule zu verdanken ist. Die Probleme des deutschen Bildungssystems, die sich primär aus den Ergebnissen der PISA-Studie ableiten lassen, sowie das Konzept der Ganztagsschulen mit ihren Vorteilen werden in dieser Arbeit thematisiert. Da der Begriff „soziale Ungleichheit“ im Fokus der Fragestellung liegt, wird dieser näher erläutert und mit dem Begriff „Bildung“ in Verbindung gebracht. Die empirischen Ergebnisse zur Qualität und Ausbau der Ganztagsschulen spielen bei der Beantwortung der Fragestellung eine große Rolle und fungieren im letzten Kapitel als Beleg.

2. Ergebnisse der PISA-Studie 2000-Eine kurze Zusammenfassung

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit den Problemen des deutschen Bildungssystems, wobei als Beleg die Ergebnisse der PISA-Studie genommen werden. PISA bedeutet „Programme for International Student Assesment“ und steht für eine internationale Schulleistungsstudie der OECD. Ziel dieser Studie ist es, 15 jährige Schülerinnen und Schüler aus 32 verschiedenen Staaten in ihrer Mathematikkompetenz, Lesekompetenz, naturwissenschaftlichen und fachübergreifenden Kompetenz miteinander zu vergleichen. Dies bietet die Möglichkeit Informationen über Leistungszusammenhänge der Schüler im internationalen und nationalen Vergleich, sowie über Zusammenhänge im Vergleich des Geschlechtes und der (sozialen) Herkunft. In allen Ländern werden zwischen 4.500 und 10.000 Schüler getestet (Vgl. Baumert 2001: 3).

Es werden lediglich die Ergebnisse der PISA-Studie aus dem Jahr 2000 behandelt, da diese ausschlaggebend für die Entfachung der Diskussion in der deutschen Bildungspolitik sind. Im Jahr 2000 nahmen insgesamt 180.000 Schüler an der Studie teil. Deutschland lag mit 5000 Schülern aus 219 verschiedenen Schulen in allen Bereichen unter dem OECD Durchschnittswert (vgl. ebd.).

Die Studie hat ergeben, dass Deutschland im internationalen Vergleich im Bereich der Lesekompetenz einen sehr hohen Leistungsabstand von Schülern mit höherem und niedrigeren Sozialstatus erzielte (vgl. Baumert/Cortina/Leschinsky 2003: 130f.) Auch in den anderen Bereichen der Mathematik und dem naturwissenschaftlichen Bereich ist diese Leistungsdifferenz aus der PISA-Studie 2000 zu erkennen. Vergleicht man Schüler mit Migrationshintergrund mit Schülern, deren Eltern in Deutschland geboren sind, wird auch hier die Leistungsdifferenz deutlich sichtbar. Betrachtet man ausschließlich die Ergebnisse der deutschen Schüler ohne Migrationshintergrund liegt Deutschland erstaunlicherweise in allen Bereichen über dem OECD Durchschnittswert. Die Ergebnisse zeigten auf, dass Schüler mit Migrationshintergrund, selbst wenn sie in Deutschland geboren sind, im Bereich der Lesekompetenz, Mathematikkompetenz und naturwissenschaftlichen Kompetenz deutlich schwächer abschneiden als Schüler ohne Migrationshintergrund. Der Durchschnittswert des OECD Leistungsunterschieds zwischen Kindern mit Migrationshintergrund und inländischen Kindern lag bei 39 Punkten. In Deutschland lag er bei bis zu 75 Punkten (vgl. Netzwerk Migration in Europa e.v.). Die unterdurchschnittliche Leistung im Ländervergleich könnte also vor allem aufgrund der fehlenden Integration der Schüler mit Migrationshintergrund in das deutsche Schulsystem entstanden sein. Da ein Migrationshintergrund auch gleichzeitig in den meisten Fällen ein sozial niedriger sozioökonomischer Hintergrund bedeutet, wundert es nicht, wenn auch dort deutliche Leistungsunterschiede herausgestellt wurden. Der Anteil der Schüler aus einer sozial schwachen Familie, ist besonders an Hauptschulen sehr hoch. Die PISA-Studie 2000 zeigte nämlich auf, dass an Hauptschulen die geringsten Leistungen erbracht wurden. Dort wurde ein Leistungsnachteil von bis zu 25 Punkten bei Schülern sowohl mit als auch ohne Migrationshintergrund festgestellt. Die aus den Ergebnissen resultierenden Leistungsunterschiede von „ausländischen“ Schülern und „inländischen“ Kindern, sowie die Unterschiede von Schülern aus sozial schwachen und Schülern aus sozial höher gestellten Familien lassen den Begriff „soziale Ungleichheit“ im Bildungswesen aufkommen. Dieser Begriff wird im nächsten Kapitel näher erläutert.

3. Soziale Ungleichheit und Bildung

3.1. Der Begriff „soziale Ungleichheit“

Um die Fragestellung, die schon zu Beginn dieser Arbeit gestellt wurde, besser ausarbeiten zu können, muss zunächst der Begriff „soziale Ungleichheit“ erklärt und in diesen Kontext zugeordnet werden.

Menschen, die zusammen in einer Gesellschaft leben, sind sehr unterschiedlich in ihrer Lebensweise und haben untereinander verschiedene Merkmale. Sie lassen sich in Alter, Religion, Ethnie, Beruf oder sogar Geschlecht voneinander unterteilen. Doch wann findet soziale Ungleichheit statt? Mit dieser Frage beschäftigten sich viele Soziologen. Darunter der deutsche Soziologe und Experte im Bereich soziale Schichtung und Milieubildung Stefan Hradil, der eine gängige Definition zu dem Begriff „soziale Ungleichheit“ stellte:

ÄSoziale Ungleichheit liegt dann vor, wenn Menschen aufgrund ihrer sozialen Beziehungsgefügen von den ‚wertvollen Gütern‘ einer Gesellschaft regelmäßig mehr als andere erhalten.“

Ä Wer von ‚sozialer Ungleichheit‘ spricht, kann damit zum einen die strukturierte ungleiche Verteilung ‚wertvoller‘ Güter unter allen betroffenen Menschen schlechthin meinen (zum Beispiel die ungleiche Verteilung von Erwerbseinkommen unter allen Erwerbstätigen). Zum andern kann damit die Ungleichheit zwischen bestimmten Gruppen innerhalb dieser ungleichen Verteilung gemeint sein (beispielsweise die Einkommenschancen von erwerbstätigen Frauen im Vergleich zu Männern, die Einkommensungleichheit zwischen In- und Ausländern, die Diskrepanz der Arbeitslosigkeitsrisiken in Ost- und Westdeutschland etc.)“ (Hradil 2001:30) Der Begriff der sozialen Ungleichheit bezieht sich demnach auf „Güter“, die innerhalb einer Gesellschaft als wertvoll gelten. Wertvolle Güter sind in jeder Gesellschaft anders zu interpretieren. In unseren Gesellschaften gelten Güter wie materieller Wohlstand, Sicherheit, Gesundheit und individuelle Autonomie als wertvoll. Je mehr ein Individuum von diesen Gütern besitzt, desto „besser“ sind seine Lebensbedingungen. In der Soziologie ist immer dann von „sozialer Ungleichheit“ die Rede, wenn diese wertvoll geltenden Güter nicht gleich verteilt sind (Vgl. ebd: 28/29). Es ist also wichtig zu verdeutlichen, dass sich „soziale Ungleichheit“ nicht einfach auf die verschiedenen Merkmale und Lebensweisen der Individuen, sondern auf ihre Besser- oder Schlechter-, Höher oder Tieferstellung untereinander beziehen. Außerdem ist der Begriff nur dann anzuwenden, wenn dieses Phänomen der Besser- oder Schlechterstellung nicht zufällig und einmalig, sondern bewusst und regelmäßig in einer Gesellschaft auftritt.

Die Erscheinungsformen von sozialer Ungleichheit haben die Sozialwissenschaftler in beschreibenden Kategorien, die als „Dimensionen“ bezeichnet werden, zusammengefasst. Dimensionen sozialer Ungleichheit sind nach Hradil materieller Wohlstand, Macht und Prestige sowie weitere Bereiche in Arbeits-, Wohn-, Umweltund Freizeitbedingungen. Als zentrale „Basisdimension“ sieht Hradil vor allen in der jetzigen „postindustriellen“ Gesellschaft die Bildung (Vgl. ebd.: 31).

3.2. Bildung als Basisdimension von sozialer Ungleichheit

Im letzten Kapitel wurde eine Begriffsdefinition von „sozialer Ungleichheit“ gegeben. Es wurde deutlich, dass die ungleiche Verteilung von „wertvollen Gütern“ innerhalb der Gesellschaft ausschlaggebend für die Entstehung von „sozialer Ungleichheit“ ist. Ein hoher Bildungsabschluss und der daraus resultierende Erfolg gelten zweifellos in der heutigen Zeit der industriellen Gesellschaft als wertvoll. Denn die Bildung ist der Schlüssel für den materiellen Wohlstand, Macht und Prestige. Je höher der Bildungsabschluss, desto besser sind die Chancen auf einen erfolgreichen Beruf. Ein erfolgreicher Beruf bedeutet gleichzeitig ein hohes Einkommen sowie Sicherheit, Integration und ein hohes Ansehen. Dies hat wiederrum Auswirkungen auf die Arbeits-, Wohn-, Umwelt- und Freizeitbedingungen des Individuums. Die soziale Position eines jeden Bürgers wird also im Wesentlichen durch die Bildung verteilt. Anders als heute erlangten in den vorindustriellen Gesellschaften Kinder ihre Bildung fast ausschließlich in den Familien. Zu dieser Zeit war es den meisten Menschen nicht wichtig, welchen Bildungsgrad sie erlangen (Vgl. ebd.: 152). Im Prozess der Modernisierung entwickelten sich Schulen immer mehr zu Bildungsinstanzen, dessen Aufgaben aus Sozialisation, Wissensvermittlung und Selektion besteht. Dies hat zu Folge, dass der Bildungsabschluss immer mehr den Zugang zu bestimmten Berufsposition bestimmt. Führt man sich also diese Tatsachen vor Augen, ist die Forderung nach Chancengleichheit im Bildungswesen eine logische Konsequenz. Der Begriff Chancengleichheit bezieht sich auf gleiche Ausbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten unabhängig des Geschlechts, der sozialen Herkunft, der Ethnie, der Religion, der politischen Einstellung oder der persönlichen Bekanntschaft. (Vgl. Heid 1988: 3). Die Forderung bezieht sich also darauf, dass der Erwerb von Bildungsgraden ausschließlich an der individuellen Leistung bemessen werden soll. So stellt der Soziologe Hradil klar, was unter keinen Umständen unter Chancengleichheit zu verstehen ist:

ÄWenn bei der Erlangung von Bildungsabschlüssen leistungsfremde

Bestimmungsgründe wirken, sei es als Voraussetzung der

Leistungserbringung (indem z.B. in Akademikerfamilien bessere

Sprachfertigkeiten vermittelt werden, die sich in der Schule in besseren

Aufsätzen niederschlagen) oder gar unmittelbar bei der

Leistungsanerkennung (indem z.B. Deutsche besser als Ausländer benotet werden), so ist dies unvereinbar mit dem so verstandenen Gebot der Chancengleichheit.“ (Hradil 2001: 152-153)

Demzufolge bestehen ungleiche Bildungschancen dann, wenn Kinder aus Akademikerfamilien eher zu einem hohen Bildungsabschluss gelangen, als Kinder aus Arbeiterfamilien. Demnach bedeuten ungleiche Bildungschancen, dass Kinder mit Migrationshintergrund, sowie Kinder aus sozial schwachen Familien tendenziell einen niedrigeren Bildungserfolg erlangen als andere. Es ist kein Geheimnis, dass dies in Deutschland weitestgehend der Fall ist (Vgl. Merten 2005:120). Die Frage, mit der sich in dieser Arbeit beschäftigt werden soll ist, wie man diese ungleichen Bildungschancen, die sich auf die soziale Ungleichheit auswirkt, beseitigen kann. Eine Schule, in der Kinder die Möglichkeit haben ihre meiste Zeit sinnvoll zu verbringen könnte die Lösung dafür sein. Im Nächsten Kapitel wird auf das Konzept der Ganztagsschule eingegangen.

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Details

Seiten
17
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656908999
ISBN (Buch)
9783656909002
Dateigröße
735 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293417
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
soziale Ungleichheit Ganztagsschule Chancengleichheit

Autor

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