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Ritter und Samurai. Konstruktion von Geschichtsbildern nach europäischem Vorbild

Hausarbeit 2014 23 Seiten

Geschichte - Asien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtliche Entwicklung der vorindustriellen Kriegerkaste in Japan

3. Mythisierung und Vergleich – der Samurai als Ritter

4. Verklärung – Japans Militär als Retter

5. Zusammenfassung und Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In vielen Köpfen hat sich das Bild vom Samurai als Ideal eines herausragenden Kriegers etabliert: Ein Samurai beziehungsweise Bushi sei nicht nur ein ausgezeichneter Kämpfer, der mit Messer und Schwert umzugehen wisse.[1] Er bleibe auch ein Leben lang seinem Herrn treu ergeben, dem er bedingungslos folgt und den er beschützt. Furchtlos und bewusst stürze sich der Samurai in den Tod, um so seinen Herrn zu retten, ihn zu rächen oder die eigene Ehre zu wahren. Auch sei er im Umgang mit anderen Menschen überaus geschickt – er sei gebildet, bedacht, respektvoll und dennoch bestimmt. Mit diesen Tugenden und Fähigkeiten sowie seiner Herausstellung aus der Gesellschaft wird der Samurai häufig mit dem europäischen Ritter verglichen, gar der „Ritter des Fernen Ostens“ genannt, was ihn besonders edel, rein und tapfer erscheinen lässt.[2]

Noch heute schreibt das Klischee dem Japaner ähnliche Tugenden zu, wenn man vom „Salaryman“ spricht, dem japanischen Büroangestellten, der Überstunden mache, anschließend noch mit Kollegen ins Restaurant gehe, ewig einer einzigen Firma treu bleibe und vielleicht gar den Karōshi, den Tod durch Überarbeitung finde. Dass sich das Arbeitsleben in Japan immer mehr dem im Westen angleicht und so gesehen sozialer wird und immer stärker das Individuum schützt, scheint noch nicht im Stereotypenbild angekommen zu sein.[3]

Auch aus diesem Grund wirft das Idealbild des Samurai die Frage auf, welche von dessen Tugenden tatsächlich der damaligen Wirklichkeit entsprechen. So soll untersucht werden, wie jenes eindrucksvolle Bild vom vorindustriellen Krieger entstehen konnte und inwiefern er sich mit der historischen Realität deckt. Damit einher geht die Frage, inwieweit der Samurai einen Ritter darzustellen vermag, wie man ihn aus dem europäischen Mittelalter zu kennen meint. Diese zwei eng miteinander verbundenen Fragestellungen beschäftigen sich folglich mit drei verschiedenen Wahrnehmungsebenen: die der historischen Wirklichkeit des Samurai, die seiner potenziellen Idealisierung, und die der vergleichenden Konstruktion unter Verwendung eines bestimmten Bildes vom Ritter.

Um die Beschaffenheit und das Verhältnis der drei Ebenen zu untersuchen, wird zunächst kompakt betrachtet, wie sich die japanische Kriegerkaste im Laufe der Jahrhunderte bildete und wandelte. Damit zeigt Kapitel zwei die historische Realität auf, wie sie die Basis für die anderen Wahrnehmungsebenen darstellt. Anschließend behandelt das dritte Kapitel sowohl die Ebene der Mythisierung als auch die des Vergleiches. Das Kapitel wird zeigen, dass diese zwei Stufen eng miteinander verknüpft sind, was etwa ihren Etablierungszeitraum anbelangt. Liegt der Fokus aber insgesamt mehr auf der vergleichenden Konstruktion, so schärft der vierte Abschnitt das Bild der Mythisierungsebene, indem er auf die Verklärung des Bushi im Museum Yūshūkan eingeht. Es wurde für diese Arbeit der Weg gewählt, einschlägige Theorie zur Geschichtsbildkonstruktion im Kapitel der Verklärung zu behandeln, ehe der zusammenfassende Abschnitt folgt.

2. Geschichtliche Entwicklung der vorindustriellen Kriegerkaste in Japan

Eine übersichtliche Geschichtsschreibung der Samurai bietet die Dissertation „Samurai und Geld“ von Hiroomi Fukuzawa aus dem Jahr 2008, die im Folgenden – dem Umfang dieser Arbeit entsprechend – zusammengefasst wird:[4]

Im siebten Jahrhundert bildete sich in Japan nach chinesischem Vorbild der zentralistisch organisierte Ritsuryō-Staat unter der Führung des Tennō. Weil das überwiegend bäuerliche Volk den Militärdienst verweigerte und sich die Aufstände in den Provinzen mehrten, stellten Gouverneure aus der Notlage heraus kampferfahrene, vertrauenswürdige, bis dahin unabhängige Landbesitzer als Söldner ein. Diesen verlieh der Staat in der 794 beginnenden Heian-Zeit den Rang des Samurai, was sich mit dem Verb „saburau“ (jap. dienen) in Verbindung bringen lässt. Damit unterschied der Staat offiziell jene amtstragenden Soldaten, von denen die ranghöchsten die Adeligen begleiteten und beschützten, von gewöhnlichen bewaffneten Männern, und stellte sie höher.[5]

Im zwölften Jahrhundert gruppierten sich Tausende von diesen Amtsträgern unter dem Gouverneur Minamoto no Yoritomo, der sie – ähnlich wie in Europa – als „gokenin“ (jap. Vasallen) in ein Lehnsverhältnis übernahm. Anfangs basierte dieses mehr auf persönlichen Beziehungen als auf Lehnsgaben. Eine Ausprägung des Lehnswesens wurde Minamoto dadurch ermöglicht, dass er die mächtige Taira-Sippe, die den Thron an sich gerissen hatte, besiegt hatte, und ihn der Kaiserhof daraufhin dazu befähigte, Kommissare und Gutsverwalter für den großen kaiserlichen Privatbesitz zu ernennen. Damit war Minamoto in der Lage, seinen Vasallen neben rechtlichem Schutz auch Lehnsgaben zu schenken. Im Gegenzug erhielt er die Unterstützung der Samurai, vor allem in Form von militärischem Dienst. Kurz zuvor hatte Minamoto aus dem „bakufu“ (jap. militärisches Zelte-Hauptquartier) in Kamakura sein Regime gegründet. Dieses wurde nun offiziell zur Zentralmacht Japans, auch wenn das Lehnswesen des „bakufu“ auf den Osten beschränkt war und parallel das des Kaisers den Westen regierte. Die Bushi-Herrschaft fernab des Kaiserhofs begann – Samurai wurden mit Kaiser und Adel gleichgestellt, und Minamoto wurde zum ersten Shōgun. 700 Jahre lang herrschten die Samurai über Japan und prägten dessen Gesellschaftsstruktur. Während dieser langen Zeitspanne wurden die Bushi kaiserlich weiter unterstützt nach ihrer zweimaligen Vereitelung einer Mongoleninvasion in den Jahren 1274 und 1281; sie wurden aber auch kaiserlich attackiert während der „sengoku-jidai“ (jap. Zeit der kämpfenden Länder) von etwa 1477 bis 1573 in der Muromachi-Zeit, als der Kaiser die alleinige Macht vergeblich wieder an sich zu reißen versuchte.[6]

Standen die meisten Samurai trotz der Privilegien und der eigenen Gesetze mit ihrem kleinen geliehenen Land wirtschaftlich ohnehin nie gut dar, so endete ihre Ära langsam aber sicher mit der teilweise aufkommenden freien Marktwirtschaft, welche es ökonomisch geschickten Bauern erlaubte, aufzusteigen, und die Städte selbstständiger werden ließ.[7] Unterdessen wandelte sich der Samurai in der friedvollen Edo-Zeit vom Krieger zum Verwaltungsbeamten. Die letzte große Schlacht hatten die Bushi am Anfang dieses Abschnittes in den Jahren 1637 und 1638: Über 200.000 Samurai des Shōgunats – zeitweise unterstützt von den Niederländischen Kolonien – kämpften gegen Zehntausende von christlichen Bauern und Rōnin, welche aus Armut, Hunger und religiöser Unterdrückung heraus den fünfmonatigen Shimabara-Aufstand herbeiführten. Angeführt wurden sie dabei von einem 17-jährigen Rōnin beziehungsweise herrenlosen Krieger mit dem Namen Shirō Amakusa.[8] Nach jenem Aufstand erhielt der japanische Krieger als solcher weniger und weniger Aufträge. Das Finanzwesen setzte sich auch in den Dörfern durch, was der Einführung des europäischen Industriesystems den Weg ebnete. Schließlich bedeutete die im Zuge der Meiji-Restauration eingeführte allgemeine Wehrpflicht und die zunächst wiederhergestellte alleinige Herrschaft des Tennō – trotz der Aufstände gewisser höhergestellter Bushi, vor allem in Satsuma – das Ende der privilegierten Samurai. Aufgrund ihrer vermeintlichen Disziplin und Loyalität und aufgrund ihrer bereits in Teilen stattgefundenen Verwestlichung heuerte man sie nun gerne als Beamte beziehungsweise Verwalter an oder unterstützte sie bei der industriellen Existenzgründung.[9] Gerade für ehemalige Krieger höheren Ranges war dies nur ein kleiner Trost. Für sie stellte die Industrialisierung keine Chance dar, sondern eine Verschlechterung ihres Lebensstandards. Dass das Tragen eines Samurai-Zopfes „chonmage“ fortan Rückstand symbolisierte und gar gesetzlich untersagt wurde, ist wiederum als Symbolisierung des Untergangs dieser Kaste zu sehen.[10]

Vor dem Hintergrund dieser historischen Realität lassen sich die (mit dem Ritter) vergleichende Bildkonstruktion und die Mythisierung (in Form des Samurai-Ideals) betrachten und in Verhältnis zueinander setzen.

3. Mythisierung und Vergleich – der Samurai als Ritter

Die sieben Tugenden eines Samurai lauten Gerechtigkeit, Mut, Güte, Höflichkeit, Wahrhaftigkeit, Ehre und Treue. Nach diesen verlangt der Ehrenkodex „bushidō“ (jap. Weg des Kriegers). Allerdings entstanden erste Ansätze eines Verhaltenskodex‘ erst im 17. Jahrhundert, als die Lebensphilosophie wichtiger wurde als das Kriegshandwerk. Schüler des adeligen Takeda-Klans, einer samurai-lastigen Verwandtschaft der Minamoto, versuchten sich daran. Mit ihren ersten Ausformulierungen unternahm der Clan den Versuch, dem moralischen Verfall der Samurai entgegenzuwirken und die Kriegerkaste in friedvollen Zeiten zu rechtfertigen.[11] Ihr in den 1620er Jahren veröffentlichter Text „The Military Mirror of Kai“ ist als frühester Text über Schwertkämpfer bekannt, an dem sich zudem tatsächlich spätere Krieger orientierten. Allerdings gilt er auch als Mischung aus Fakten und Fiktion, etwa weil das Schwert in Wahrheit nicht die primäre Waffe des Samurai war, sondern der Bushi am häufigsten zu Pfeil und Bogen griff.[12] Die dann im frühen 18. Jahrhundert durch mündliche Erzählungen des Mönchs und ehemaligen Samurai Tsunetomo Yamamoto entstandene Monografie „Hagakure“ (jap. versteckt hinter Blättern) ist eine fragmentarische Sammlung aus vielen kleinen Lektionen aus dem idealen Leben eines Samurai, wie Tsunetomo es selbst nicht hatte leben können, zumal ihm die Selbsttötung gesetzlich untersagt worden war.[13] „Hagakure“ wurde erst im Zweiten Weltkrieg in Japan wie in Deutschland wirklich bekannt. Später geschrieben, allerdings früher verbreitet – und ebenfalls im Zweiten Weltkrieg von den Nationalisten beider Länder missbraucht, um ihre Soldaten aufzurütteln – war das englischsprachige Werk „Bushido – the Soul of Japan“ von Inazō Nitobe im Jahr 1899. Zu diesem Zeitpunkt existierte die Kriegerkaste bereits nicht mehr. Nitobe war es, der den Kodex ausprägte, die sieben Tugenden ausformulierte und damit Untersuchungsmaterial für andere, ebenfalls unbeteiligt interpretierende Autoren im 20. Jahrhundert lieferte.[14] Erwähnenswert ist, dass Nitobe zwar einem Samurai-Clan entstammte, der Bushi allerdings nicht das Forschungsgebiet des Agrarwissenschaftlers war. Ihm ging es darum, der Welt eine Mentalität Japans zu zeigen, wie sie dem Materiellen der Moderne entgegenwirkte und laut Nitobe auch nach dem Untergang der Kaste noch im Volk zu verzeichnen sei.[15] Schon er stellte dabei Ende des 19. Jahrhunderts den Vergleich mit Rittern auf, als er schrieb: „Bushido, then, is the code of moral principles which the knights were required or instructed to observe.“[16] Interessant ist an dem Satz einmal die Formulierung „instructed“, die bereits Differenzen zwischen dem Samurai-Ideal und der Samurai-Realität vermuten lässt. Gleichzeitig fällt auf, dass der Gebrauch der Bezeichnung „knights“ als Synonym für Samurai hier wie selbstverständlich wirkt. Tatsächlich ist der Feudalismus als politische Grundlage für angeheuerte Kriegervasallen als herausgehobene Kaste, welche die Staatsmacht im Auftrag des Herrschers ausübt, eine wesentliche und gleichzeitig nicht die einzige scheinbare Gemeinsamkeit, wie sie von Ritter auf Samurai übertragen wurde.

Wie viele Japaner in jenen vormodernen Tagen gehörten die meisten Bushi dem Buddhismus, dem Zen-Buddhismus und dem Shintōismus an. Diese Glaubensrichtungen ließen sich gut miteinander vereinbaren, da sie auf ähnlichen Lehren basieren und vor allem der Zen-Buddhismus und der Shintōismus nicht an feste Regeln aus sakralen Schriften gebunden sind. Viele Samurai verliehen ihrem Glauben durch Meditieren und Teetrinken, durch Kalligrafie und andere Rituale Ausdruck, zumal sie davon überzeugt waren, dass dies ihre Sinne schärfte. Prekär ist die Vereinbarkeit dieser Glaubensrichtung(en) mit dem Kämpfen, dem Morden und dem Selbstmorden der Samurai. Anderen Wesen Leid zuzufügen und sein eigenes Leben mit schlechtem Karma zu beenden, fügt sich nicht ohne weiteres in die Religion der Krieger ein.[17] Vielmehr ist dieser Widerspruch als Privileg der Samurai zu sehen. Sehr ähnlich verhielt es sich mit den Kriegern in Europa. Diese waren streng christlich erzogen, und kämpften und mordeten dennoch in ihrer Funktion als Ritter. So wie die Tugenden eines Samurai als rückwirkend konstruierte Ideale zu sehen sind, welche die Samurai nur als allmählich aufgebaute und mündlich überlieferte Richtlinien sahen, so ähnlich verklärt verhält es sich mit den Rittern: Auch dem Krieger im europäischen Mittelalter sprach man Ideale in Form von Tugenden zu, die die Nachwelt mehr prägten als seinen tatsächlichen Alltag. Treue, Demut, Würde, Tapferkeit, christliche Wohlerzogenheit und Höflichkeit wurden vom Ritter erwartet und ihm anerzogen, doch nicht jeder von ihnen hielt sich stets an alle mündlich auferlegten Ideale der Ritterlichkeit. Zudem standen gerade seine kriegerische und die kirchliche Seite im Widerspruch zueinander, etwa wenn der Ritter dem Kämpfen in Turnieren regelrecht entgegenfieberte. Wahre Beweggründe für einen Ritter, zu kämpfen, waren oft das Streben nach Land, nach Wettkampf und nach Ruhm.[18]

Was die Tugenden anbelangt, so galt die oft thematisierte und bewunderte Loyalität der Samurai also nur vertikal ihrem Herrn gegenüber, nicht aber horizontal für Ihresgleichen. Durchaus hatte der Samurai seinen Eigensinn. Nicht darf man vergessen, wo er herkam: aus einer provinzialen Sippe mit eigenem Grund und Boden. Dadurch waren Unabhängigkeit und Stolz noch stark in seiner Denkweise verankert.[19] Das individuell auslegbare Verständnis von Ehre konnte bedeuten, dass ein Samurai den Gesandten seines eigenen Lehnsherrn nicht grüßte.[20] Auch galt es unter den Bushi als erstrebenswert, „in den Verdacht des Verrats und der Rebellion zu geraten, weil dies als ein Beweis ihrer Unabhängigkeit galt“.[21] Konflikte wurden zuhauf eigenständig untereinander geklärt, was auf die legale Blutrache zurückzuführen ist. Tatsächlich war diese Form von Selbsthilfe, von Verrat, von Bestechung, von Meuchelmord und Parteiwechseln auch im europäischen Mittelalter etabliert. Diese Parallele zwischen japanischen und europäischen Kriegern stellt zudem einen Unterschied zwischen dem Samurai-Ideal und der Samurai-Wirklichkeit dar. Der Krieger erscheint weniger edel, bedenkt man, dass er sich oft duellierte und moderte, weil er meinte, so die eigene Ehre wiederherzustellen. Bushi legten und fochten vieles untereinander aus. Auch Ritter taten dies, nur genossen Samurai dafür die gesetzliche Legitimation.[22]

Hinsichtlich der Ausrüstung sind ebenfalls Parallelen zu ziehen, allerdings erst im Laufe der Zeit, als sich die östliche Kaste bewusst der westlichen anpasste, um ihre Kampftechnik zu modernisieren. Nach der Kamakura-Zeit wurden bis dahin gebräuchliche Rüstungstypen abgelöst. Weil die Krieger sich immer seltener zu Pferd fortbewegten und sich die Waffentechnik veränderte, entwickelte man zum Ende der Muromachi-Zeit die Tōseigusoku (jap. „moderne Rüstung“). Diese war leichter herzustellen und ohne gesondertes Training nutzbar. Um sich aber noch besser gegen Schusswaffen zu schützen, prägten sich weitere Rüstungstypen aus. Am bedeutsamsten ist der Typ Nanbandō aus der Epoche des Namban-Handels im 16. und 17. Jahrhundert. Das Aussehen ist an das der europäischen Rüstungen angelehnt, wie sie die Portugiesen und Spanier im 16. Jahrhundert nach Japan mitbrachten. Mit verhältnismäßig großflächigen Eisenplatten war die Nanbandō schwerer und aufwändiger als vorherige Rüstungen, bot aber auch einen deutlich besseren Schutz gegen Feuerwaffen, galt gar als kugelsicher. Lediglich für die Beinschienen und die Verzierungen blieb man dem japanischen Stil treu.[23]

Die Liste der Übereinstimmungen und Zusammenhänge lässt sich fortführen: Etwa lässt sich das Gefolge der Samurai mit den Knappen der Ritter vergleichen, da auch sie die Munition und die Ausrüstung des Kriegers trugen und ihn im Notfall beschützten.[24] Mit dem voranschreitenden Austausch mit dem Westen gelangen vor allem die Rangaku (jap. Hollandstudien) über niederländisch sprechende Samurai in den Wissensfundus Japans, was die Regierung, vor allem aber die wissbegierigen Krieger interessierte, da man ihnen doch nachsagte, gebildet, belesen, intellektuell, dichterisch begabt zu sein.[25] Es kann angenommen werden, dass die Beschäftigung der Samurai mit westlichen Studien ebenfalls dazu beitrug, sie mit westlichen Kriegern zu vergleichen. Das Bild vom Ritter als dichtenden, ritualisierenden, einfühlsamen Minnesänger passt dazu wesentlich besser als die Tatsache, dass viele Ritter gar nicht des Lesens und des Schreibens fähig waren und man Bildung auch nicht selten als Hindernis für kriegerische Fähigkeiten sah.[26] Und selbst noch mit der unfreiwilligen Auflösung der Kriegerkaste, deren Dienste nicht länger benötigt wurden, und der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht könnte sich sagen lassen, dass die Samurai den Rittern beziehungsweise der Reichsritterschaft zeitversetzt folgten.[27]

Solche Gemeinsamkeiten sind überschneidende, keineswegs aber deckende. Die allmähliche Annäherung an das Bild vom europäischen Ritter bedeutet im Detail nicht wenige Differenzen. Dazu zählt nicht nur der bereits behandelte Unterschied in Sachen Rüstung und Bewaffnung, wie er sich erst im Laufe der Zeit durch bewusste Angleichung auflöste. Etwa auf sozialer Ebene gab es einen wesentlichen, langfristigen Unterschied: In Europa waren die Ritter (untere) Adelige, so dass der Adel selbst es war, der kämpfte. Dagegen waren die kämpfenden Adeligen in Japan ein eigener Stand mit eigenen Rangstufen, der sich neben seinen kämpferischen Fähigkeiten auch anhand seiner stilisierten Auseinandersetzung mit dem Tod von den eher ängstlichen und abergläubischen höfischen Adeligen des eigenen Landes abgrenzte, wie auch vom weltlichen Adel Europas inklusive der Ritter.[28] Zwar lässt sich der Samurai mit seinen Privilegien durchaus als adelig bezeichnen, nur ist in Japan begrifflich klar zwischen Kriegeradel und Amtsadel zu differenzieren. Zu unterscheiden ist auch zwischen der später verallgemeinernden Aussage, dass jeder Samurai zum Seppuku beziehungsweise Harakiri bereit war, und der Realität, in der nur die hochrangigen Krieger und Daimyō, also Fürsten, den rituellen Selbstmord begingen, und dies oft allein deswegen, weil sie dazu verurteilt worden sind und das Urteil auch für ihre Gefolgschaft gelten konnte.[29] Damit lassen sich auch viele der Rōnin erklären, die es vermehrt in der Edo-Zeit gab. Herrenlos konnte ein Samurai unter anderem dann werden, wenn sein Herr starb und er ihm nicht in den Tod folgte und damit gemäß dem Kodex ehrlos wurde. Schließlich brauchten Krieger in dieser Zeitspanne, in der sie nach dem starren Vier-Stände-System Shinōkōshō (welches die vier Stände Schwertadel, Landwirtschaft, Handwerk und Handel kennt) lebten, die Erlaubnis ihres Herrn, wollten sie sich einem anderen Herrn anschließen. Wer nach dem Tod seines Herrn oder bei Verstoßung die rituelle Selbsttötung verweigerte, wurde zum „umherwandelnden Menschen“, zum Rōnin.[30] Vielmehr hallen bis heute allerdings der Respekt und die Faszination für rituelle Selbstmorde, bedingungslose Loyalität und letzte Botschaften bekannter Samurai nach, als dass der Stereotyp auch die Herrenlosigkeit kennt.[31]

[...]


[1] In Anlehnung an die Begriffsdiskussion auf S. 6–7 der hier des Öfteren zitierten Dissertation „Samurai und Geld“ von Hiroomi Fukuzawa werden in dieser Arbeit die Bezeichnungen „Samurai“ und „Bushi“ synonym verwendet.

[2] Vgl. Richard Storry, Werner Forman: Die Samurai. Ritter des Fernen Ostens. Übersetzt von Hans Schmidthüs. Luzern, Herrsching: Atlantis Verlag 1986. Die nachgesagten Tugenden werden etwa auf S. 9f. und 119f. kompakt behandelt.

[3] Vgl. Hiroomi Fukuzawa: Samurai und Geld. Eine Studie ueber Grundlagen der Modernisierung Japans. Elektronische Ressource. Berlin: Freie Universität Berlin 2008, S. 14. – Oliver Mayer, Hitoshi Watanabe: Kontinuität und Wandel in der japanischen Arbeitswelt. In: Vorbereitung auf die Welt der Arbeit in Japan. Bildungssystem und Übergangsfragen. Hg. v. Matthias Pilz. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011 (= VS research), S. 19, 20f., 23. – Wolfgang Schwentker: Die Samurai. München: C. H. Beck 2003 (Beck'sche Reihe, Bd. 2188, C. H. Beck Wissen), S. 123f.

[4] Disputationsjahr ist 2003, Erscheinungsjahr ist 2008.

[5] Vgl. Fukuzawa: Samurai und Geld, S. 6–8.

[6] Vgl. ebd., S. 11–14, 16, 21f., 28, 30f. – Detlev Taranczewski: Der frühe Feudalismus. In: Geschichte Japans. Hg. v. Josef Kreiner. Aktualisierte 2. Auflage. Stuttgart: Reclam 2012 (= Reclams Universal-Bibliothek, Bd. 18961), S. 95, 129.

[7] Zur Marktwirtschaft in der Edo-Zeit lässt sich sagen, dass etwa die Mechanismen des Preisausgleichs bereits vorhanden waren, andere Aspekte wie die freie Berufswahl und der Schutz des Privateigentums allerdings noch fehlten; vgl. Fukuzawa: Samurai und Geld, S. 211. – Bezüglich des eigenen Gesetzes für Samurai vgl. ebd., S. 18.

[8] Vgl. W. Scott Morton, J. Kenneth Olenik: Japan: Its History and Culture. 4. Auflage. New York: McGraw-Hill Professional 2004, S. 260. – Ivan Morris: Samurai oder Von der Würde des Scheiterns. Tragische Helden in der Geschichte Japans. Frankfurt/Main, Leipzig: Insel Verlag 1999. – Harald Pöcher: Kriege und Schlachten in Japan, die Geschichte schrieben. Von den Anfängen bis 1853. Münster: Lit Verlag 2009.

[9] Vgl. Fukuzawa: Samurai und Geld, S. 20, 22, 26, 34f., 219f. – Taranczewski: Der frühe Feudalismus, S. 145–147. – Günther Distelrath: Die vorindustrielle Dynamik der Frühen Neuzeit. In: Geschichte Japans. Hg. v. Josef Kreiner. Aktualisierte 2. Auflage. Stuttgart: Reclam 2012 (= Reclams Universal-Bibliothek, Bd. 18961), S. 206. – Christian Oberländer: Von den Ungleichen Verträgen zur Großmacht. Japans Weg zum modernen Nationalstaat. In: Geschichte Japans. Hg. v. Josef Kreiner. Aktualisierte 2. Auflage. Stuttgart: Reclam 2012 (= Reclams Universal-Bibliothek, Bd. 18961), S. 261, 291, 293–297, 320f. – Paul-Christian Schenck: Der deutsche Anteil an der Gestaltung des modernen japanischen Rechts- und Verfassungswesens. Deutsche Rechtsberater im Japan der Meiji-Zeit. Stuttgart: Steiner 1997 (= Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte, Bd. 68), S. 108. – Schwentker: Die Samurai, S. 91, 113–116. – Im Übrigen ist das Buch „Philosophie im Mittelalter – Entwicklungen und Paradigmen“, herausgegeben von Beckmann, Honnefelder, Schrimpf und Wieland, als weiterführende Literatur zu empfehlen. Unter anderem wird darin ab Seite 27 ausführlich aufgezeigt, wie sich das europäische vom japanischen Mittelalter unterschied, und wie die Japaner das andere, das europäische Mittelalter betrachteten. Diese Thematik führt zu einem noch klareren Bild von der großen Bereitwilligkeit der Japaner, sich im Zuge der Meiji-Restauration in dermaßen vielen Bereichen dem Westen anzugleichen.

[10] Vgl. Steffi Richter: Ost-West-Spiegeleien. Asiatisches Japan - westliches Japan - japanisches Asien. In: Kontinuität und Wandel. Geschichtsbilder in verschiedenen Fächern und Kulturen. Hg. v. Evelyn Schulz und Wolfgang Sonne. Zürich: Vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich 1999 (= Zürcher Hochschulforum, Bd. 28), S. 384. – Oberländer: Von den Ungleichen Verträgen zur Großmacht, S. 296.

[11] Vgl. Schwentker: Die Samurai, S. 92f.

[12] Vgl. Michael Wert: ‘The Military Mirror of Kai’. Swordsmanship and a Medieval Text in Early Modern Japan. In: Zweikämpfer. Fechtmeister, Kämpen, Samurai. Hg. v. Christian Jaser und Uwe Israel. Berlin, München, Boston, Mass.: De Gruyter 2014 (= Das Mittelalter. Perspektiven mediävistischer Forschung. Zeitschrift des Mediävistenverbandes, Bd. 19, H. 2), S. 407–409.

[13] Vgl. ebd., S. 93.

[14] Vgl. G. Cameron Hurst III: Death, Honor, and Loyalty. The Bushidó Ideal. In: InYo. The Journal of Alternative Perspectives on the Martial Arts and Sciences. URL: http://ejmas.com/jalt/jaltart_hurst_0501.htm (13.12.2014). – Schwentker: Die Samurai, S. 118.

[15] Vgl. ebd., S. 116f.

[16] Inazō Nitobe: Bushido. The Soul of Japan. In: The Project Gutenberg. URL: http://www.gutenberg.org/files/12096/12096-h/12096-h.htm (13.12.2014). – Siehe auch auf Deutsch mit den Formulierungen „Ritter“ und „sollten“: Inazō Nitobe: Bushidō. Die Seele Japans. Erweiterte Ausgabe. Übersetzt von Guido Keller. Frankfurt am Main: Angkor 2003, S. 11.

[17] Vgl. Asian Art Museum: Religious Practices of the Samurai. URL: http://education.asianart.org/explore-resources/background-information/religious-practices-samurai (13.12.2014). – Man muss hier klar die Ansichten der Samurai von denen ihrer Herren differenzieren.

[18] Vgl. Historisches Museum der Pfalz Speyer: Die Ritter. Handreichung zur Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz Speyer, S. 7–11. URL: http://www.museum.speyer.de/dyndata/ Handreichung_Die_Ritter.pdf (13.12.2014).

[19] Vgl. Fukuzawa: Samurai und Geld, S. 8.

[20] Vgl. Taranczewski: Der frühe Feudalismus, S. 129.

[21] Ebd.

[22] Vgl. Fukuzawa: Samurai und Geld, S. 17–19.

[23] Vgl. Ian Bottomley, Anthony Hopson: Arms and Armor of the Samurai. The History of Weaponry in Ancient Japan. New York: Crescent Books 1993.

[24] Vgl. Taranczewski: Der frühe Feudalismus, S. 54, 128.

[25] Vgl. Evelyn Schulz: Die Restitution des Stillstands. Ästhetische Gegenwelten der japanischen Moderne. In: Kontinuität und Wandel. Geschichtsbilder in verschiedenen Fächern und Kulturen. Hg. v. Evelyn Schulz und Wolfgang Sonne. Zürich: Vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich 1999 (= Zürcher Hochschulforum, Bd. 28), S. 343, 360.

[26] Vgl. Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 11. Auflage 2005. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1986, S. 602–606, 617, 720.

[27] Vgl. Michael Puchta: Mediatisierung „mit Haut und Haar, Leib und Leben“. Die Unterwerfung der Reichsritter durch Ansbach-Bayreuth (1792–1798). Göttingen: Vandenhoeck Ruprecht 2012 (= Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 85), S. 24f., 689–704.

[28] Vgl. Fukuzawa: Samurai und Geld, S. 13–16. – Distelrath: Die vorindustrielle Dynamik der Frühen Neuzeit, S. 206. – Oberländer: Von den Ungleichen Verträgen zur Großmacht, S. 252, 293.

[29] Vgl. Schwentker: Die Samurai, S. 78–81.

[30] Vgl. Stephanie Kao: Arts of the Samurai. A Curriculum Packet for Educators. San Francisco: Asian Art Museum 2009, S. 54f., 81, 127.

[31] Vgl. William Scott Wilson: Ideals of the Samurai. Writings of Japanese Warriors. 4. Auflage. Burbank: Ohara Publications 1982.

Details

Seiten
23
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656907879
ISBN (Buch)
9783656907886
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293330
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
japan samurai ritter europa mittelalter geschichtsbild

Autor

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