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Der Umgang mit dem städtebaulichen Erbe: Das Baufeld "Rathausstraße" in Chemnitz

Studienarbeit 2015 13 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Der Umgang mit dem städtebaulichen Erbe:

Das Baufeld Rathausstraße in Chemnitz

Alexander Bergman

1. Einleitung

Die Stadtplanung nach 1945 konzipierte eine vollständig neue Raumstruktur. Wenn das Stadtzentrum fertiggestellt sein wird, dann hat Chemnitz nach der mittelalterlichen, nach der bürgerlichen und nach der sozialistischen Stadt das vierte neue Zentrum erhalten. (Stadt Chemnitz 2000)

Dieser Artikel thematisiert die 1990 begonnene Neubebauungsplanung für das Baufeld Rathausstraße im Herzen von Chemnitz – einer Stadt, der nicht nur schnelle und radikale Brüche mit ihrer Historie nachgesagt werden, sondern obendrein eine „Manie, möglichst Vieles vom wenig Verbliebenen noch wegzufegen“ (Dietel 2002). Im Mittelpunkt der Betrachtung steht die Frage, wie bewertet wurde, was dort vormals stand.

Untersuchungsrelevante Geschehnisse wurden anhand von Archivmaterial der Tageszeitung Freie Presse sowie des Stadtplanungsamts Chemnitz rekonstruiert, Begründungszusammenhänge in problemzentrierten Interviews (vgl. Mayring 1996: 50ff) mit sich vor Ort politisch, planerisch oder privatwirtschaftlich betätigenden Akteuren geklärt und die daraus gewonnen Kenntnisse diskursanalytisch interpretiert (vgl. Grossmann 2007: 65ff).

2. Ausgangssituation

Bei der Zentrumsentwicklung von Chemnitz handelt es sich um eine Chronik voller Zäsuren. Schärfer als andernorts sind hier die Schichten, aus denen der Stadtkern besteht, übergangslos voneinander getrennt. Das mittelalterliche Antlitz verschwand im 19. Jahrhundert nahezu vollständig zugunsten einer großstädtischen Gründerzeitbebauung, von der bei Kriegsende 1945 nur Trümmer übrig geblieben waren. Die Wiederaufbaupläne orientierten sich zunächst am Vorkriegszustand, später an neuen Idealvorstellungen der Moderne. Anfang der 1990er-Jahre kreisten sie in einem neuen Schub stadtplanerischer Betriebsamkeit um die Frage, welche Zukunftsvisionen von Stadt sich aus den Wirren der Vergangenheit eigentlich ableiten ließen.

3. Städtebaulicher Ideenwettbewerb "Chemnitz Innenstadt" 1991

Der Chemnitzer Stadtrat beschloss am 19.12.1990, einen beschränkten städtebaulichen Wettbewerb zur Zentrumsneugestaltung durchführen zu lassen. Acht Planungsbüros wurden mit der Konzeption eines Strukturkonzepts als Basis für konkrete Planungen und detaillierte Gestaltungsideen beauftragt (vgl. Stadt Chemnitz 1990). Den Vorstellungen der Juroren am nächsten kam ein vom Büro für Stadtplanung und Stadtforschung Zlonicky/Wachten/Ebert aus Dortmund erarbeiteter und am 15.11.1991 mit dem ersten Preis bedachter Entwurf. Er respektierte das großräumige Nachkriegsgefüge und versuchte mit Blick auf erhalten gebliebene ältere Gebäude maßstäblich zu vermitteln (vgl. Bodenschatz 1996: 710).

So wie das Karl-Marx-Städter Zentrum auf den Fundamenten des im Volksmund seit der Industrialisierung Russ-Chamtz genannten historischen Chemnitz errichtet wurde (vgl. Hofmann/Müller 1966), waren mit jeder Bebauungsschicht entsprechende Deutungsversuche verbunden.

Nach dem Zusammenbruch der DDR sowie der Rückbenennung in Chemnitz, wurde die Deutungshoheit über den Ortsmythos und darüber, was den Stadtkern bislang ausmachte, abermals neu verhandelt. Langjährige Planungsverantwortliche gestanden einen sich in zahlreichen unbebauten, zusammenhanglosen Flächen oder weiten Wegen zwischen Schwerpunkten wie den Warenhäusern und Fußgängerbereichen äußernden Mangel an Urbanität und Intimität ein (vgl. Seidel 1996: 714). Was den künftigen Umgang mit überbreiten Verkehrsflächen betraf, die ehemaligen ideologischen Prämissen oder der Erwartung einer autogerechten Zukunft geschuldet waren (vgl. Pilz 1990), tat sich eine Vielzahl kontroverser Fragen auf:

Haben wir einen Grund, uns mit dem zeitgemäßen Ausdruck unserer Epoche zu verstecken? Wollen wir uns außerhalb der Geschichte stellen und die Verantwortung verweigern? Sollen wir die für uns vorgesehenen Seiten des steinernen Geschichtsbuchs Chemnitz mit Eintragungen füllen, die von den früheren Blättern abgeschrieben wurden? Haben wir selbst wirklich nichts zu sagen? (Seifert 2002: 24f)

[Dies ist eine Leseprobe. Graphiken und Tabellen sind nicht enthalten.]

Bild 1: Nachverdichtungspotenzial im Herzen von Chemnitz 1990. Zwischen Stadthalle und Rathaus: das spätere Baufeld Rathausstraße.

Den Blick auf das Zentrum verengten wie bei anderen sich stark transformierenden Städten Hoffnungen und Sehnsüchte nach vertrauteren Lebenswelten (vgl. Viertel 2000; Weichardt/Weiske/Werlen 2003: 18). Retrospektive hatte als Suche nach dem Wahren, Schönen und Guten Konjunktur. Vom erwachten Vergangenheitsinteresse kündeten Buchtitel wie Chemnitz – ein Stadtzentrum sucht sein Gesicht (1995), Chemnitz bevor es brannte (1998), Erinnerungen an Chemnitz wie es einmal war (2001) oder Chemnitz – ein verlorenes Stadtbild (2004). Straßenneubenennungen im Innenstadtbereich erinnerten mit Verweisen auf verloren gegangene geschichtsträchtige Orte wie die Schwimmhalle Hedwigbad oder wirkmächtigen Protagonisten vom Schlage des langjährigen Stadtbaurats Richard Möbius an das 19. und frühe 20. Jahrhundert (vgl. Rößler 2000). Werkbundmitglieder diskutierten die „Sehnsucht nach der Heimat, nach der Heimat Stadt, nach der Stadt Chemnitz“ (Zwarg 2001). Als Leiter der Freie Presse-Lokalredaktion wollte Journalist Udo Lindner (2001: 7) die Wehmut älterer Bürger beim Gedanken an den zerstörten Ortskern für jüngere Einwohner nachvollziehbar machen. Doch die Frage, was jenseits aller Verklärungen historischen Tatsachen entsprach, entzweite die Gemüter.

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Details

Seiten
13
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656905158
ISBN (Buch)
9783656905165
Dateigröße
3.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293277
Institution / Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar – Architektur
Note
1,0
Schlagworte
Innenstadtentwicklung Stadterneuerung Städtebau Erbe Chemnitz Sachsen Nachwendezeit Stadtentwicklung Architektur Investoren Baufeld Holzmann Kommunalpolitik Politikfeldanalyse Innenstadt

Autor

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