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Inwiefern ist die Figur Clavigo ein „Pendant zum Weislingen im Götz“?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 17 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Figurenverhältnisse
2.1 Die Figur Weislingen und deren Verhältnis zu Götz in Goethes Götz von Berlichingen
2.1.1 Die Figur Weislingen
2.1.2 Das Figurenverhältnis „Weislingen-Götz“
2.2 Die Figur Clavigo und deren Verhältnis zu Carlos in Goethes Clavigo
2.2.1 Die Figur Clavigo
2.2.2 Das Figurenverhältnis „Clavigo-Carlos“

3 Spannungen zwischen den Figuren Clavigo und Weislingen
3.1 Innerhalb des Drama
3.2 Außerhalb des Dramas

4 Literaturdidaktische Reflexion
4.1 Die Clavigo und Götz von Berlichingen im Unterricht?
4.2 Die Dramen als Theaterstück

5 Gesamtfazit

6 Bibliographie

7 Anhang
7.1 Kommentare jugendlicher Leser in Bezug auf ihren Deutschunterricht
7.1.1 O., 17 Jahre, männlich
7.1.2 O., 18 Jahre, weiblich
7.2 Goethe Zitat zum Clavigo

1 Einleitung

Goethes Clavigo wird oft mit dem Drama Götz von Berlichingen verglichen, da beide Werke kurz hintereinander entstanden. Obwohl Clavigo von einigen Zeitgenossen Goethes als „Rückläufige Bewegung“1 nach dem Erscheinen des Götz von Berlichingen bezeichnet wurde, wird in der Literatur der moderne Charakter des Clavigo als typisch für den Sturm- und-Drang betont.2

Schon beim ersten Lesen der Dramen fällt auf, das Clavigo und Weislingen sich in ihren Charakterzügen ähneln.

Goethe selbst vergleicht die Figuren folgendermaßen:

„[...] >Clavigo<, […] mein Held, ein unbestimmter, halb groß, halb kleiner Mensch, der Pendant zum Weislingen im Götz, vielmehr Weislingen selbst, in der ganzen Rundheit einer Hauptperson [...]3

Nicht nur Clavigos Charakterzüge werden als aktuell dargestellt, sondern auch Weislingen ist in der Literatur oft als 'der moderne Ritter' bezeichnet worden. Nach Heimerl unterscheiden sich allerdings sehr deutlich in ihrem Umgang mit dem besten Freund. Während Carlos Clavigo niemals als „Bösewicht“4 gegenübertritt, möchte Weislingen Götz sogar hinrichten lassen. Auffällig ist auch, dass Clavigo durchgängig von seinem schlechten Gewissen gegenüber Marie geplagt wird, während Weislingen erst kurz vor seinem Tod Mitleid und Schuld gegenüber Maria empfindet. Deshalb stellt sich die Frage:

Inwiefern ist die Figur Clavigo ein „ Pendant zum Weislingen im Götz “ 5 ?

Um diese Frage beantworten zu können, müssen die Figuren Weislingen und Clavigo charakterisiert und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Dabei muss die aktuelle Forschungsliteratur zu den Dramen beachtet werden.

Es ist allgemein bekannt, dass das Lesen von Dramen im Unterricht für viele Schüler6 als unangenehm und sogar „erzwungen“7 wahrgenommen wird.

Deshalb ist es wichtig das Solche genauer zu betrachten und auf die Bedeutung der Aufführung von Dramen zu sprechen zu kommen.

2 Figurenverhältnisse

Um die Figuren Weislingen und Clavigo vergleichen zu können, muss man als Erstes einen Überblick über das Verhältnis zum engsten bzw. ehemals engsten Freund im jeweiligen Drama gewinnen. Nur so lässt sich das soziale Verhalten miteinander vergleichen.

2.1 Die Figur Weislingen und deren Verhältnis zu Götz in Goethes Götz von Berlichingen

2.1.1 Die Figur Weislingen

Für die Figur Weislingen gab es in Goethes Quellen, den Memoiren Gottfrieds von Berlichingen, kein historisches Vorbild.8 Weislingen gehörte in seiner Jugend dem freien Ritteradel an, genau wie sein Freund Götz.9 Er strebt nach Macht und Anerkennung, da er sich bereits vor Beginn der Handlung gegen das Leben als freier Reichsritter und für eine Karriere am Bamberger Hof entschieden hat. Dort steigt er schnell vom Berater des Bischofs zum kaiserlichen Kommissar auf10 und schreckt vor kaum etwas zurück um seine Karriere zu fördern. Er bricht sein Versprechen zu Götz und intrigiert gegen den alten Kaiser.11 Aufgrund dieser Eigenschaft nennt Götz ihn einen „Lausbub“.12

In der Literatur wird häufig von Charakterschwächen der Figur Weislingen gesprochen. Joachim Heimerl spricht die leichte Beeinflussbarkeit und mangelnde Entschlussfähigkeit Weislingens an.13 Während der Gefangennahme auf Götzens Burg handelt er im Sinne seines alten Freundes, steht Weislingen allerdings wieder unter dem Einfluss des Bischofs, agiert er nach dessen Wünschen. Beispielsweise geht er das Verlöbnis mit Maria in Jagsthausen ein,14 ist er allerdings in Bamberg, wird er durch Adelheit zum Bleiben am Bamberger Hof überredet.15 Bis zu seinem letzten Auftritt, in dem er Götz unter Marias Einfluss freilässt16, behält Weislingen diese Abhängigkeit bei. Adelheit bezeichnet Weislingen aufgrund seiner Beeinflussbarkeit als „Chamäleon“17.

An einigen Stellen wird Weislingens Unsicherheit und Angst deutlich, die er stets versucht zu verbergen.18 Als Georg ihn im zweiten Akt zur Rede stellt, „hatte [er] kaum das Herz [ihn] anzusehen“.19 Außerdem hat Weislingen Albträume von Götz, nach dessen Gefangennahme20 und gibt zu, dass er sich vor ihm fürchtet.21

2.1.2 Das Figurenverhältnis „Weislingen-Götz“

Die Figur Götz von Berlichingen schuf Goethe in Anlehnung an Gottfried von Berlichingen, einen Raubritter, der 1557 seine Memoiren verfasste.22 Weislingen taucht im Drama zum ersten Mal als Gefangener Götzens auf.23 Dies ist die einzige Szene, in der Götz und Weislingen gemeinsam auftreten. Obwohl ihr Verhältnis bereits durch die unterschiedliche Haltung zum Kaiser und zum Bischof gestört wurde, erinnern sie sich an die gemeinsame Jugend. Götz selbst beschreibt das frühere Verhältnis zwischen ihm und Weislingen als ein sehr Gutes. Er erzählt, dass Weislingen ihn pflegte als seine „Hand weggeschossen ward“24 und sie „einander alles waren“. 25 Man verglich sie sogar mit den Zwillingsbrüdern „Kastor und Pollux“26 aus der griechischen Mythologie.

Götz kritisiert an Weislingen, dass er seine Unabhängigkeit als Reichsritter für den Schutz eines „eigensinnigen, neidischen Pfaffen“27 und „das Schlenzen und Scherwenzen mit den Weibern“28 aufgab. Beide haben einen sehr unterschiedlichen Charakter. Während Götz für Treue, Tapferkeit und Freiheit steht, werden Weislingen die Eigenschaften der Treulosigkeit, Beeinflussbarkeit und Gefangenschaft unter Adelheid zuteil.29 Weislingen wird unter Adelheids Einfluss zu einem mächtigen Gegenspieler Götzens, der bis kurz vor seinem Tod nicht davor zurückschreckt seinen Freund hinrichten zu lassen. Die ehemals gute Freundschaft ist in Hass umgewandelt.

Götz nimmt in Goethes Drama die Rolle des Sympathieträgers ein, da er den idealen Herrn verkörpert, der sein Volk achtet und verehrt. 30 Dies wird besonders in der Szene im Saal deutlich, in der Götz seine letzte Flasche Wein den Knechten zur Verfügung stellt.31 Weislingen hingegen hat nicht Gerechtigkeit, sondern wie bereits erwähnt, Macht zu seinem Lebensziel gemacht und unterscheidet sich deshalb stark von Götz, obwohl beide gemeinsam aufgewachsen sind. Götz ändert im Laufe des Dramas das Verhalten gegenüber seinem Volk. Er lässt die Bauern, die sich in ihrer Not an ihn wenden im Stich, indem er nicht mehr ihr Hauptmann sein möchte und somit einen geschlossenen Vertrag bricht.32 Auch Weislingen ändert kurz vor seinem Tod seine Meinung und versöhnt sich mit Marie und Götz, indem er das Todesurteil zerreißt.33

2.2 Die Figur Clavigo und deren Verhältnis zu Carlos in Goethes Clavigo

2.2.1 Die Figur Clavigo

Bereits auf der ersten Seite des Dramas wird deutlich, dass die frühere Bindung und Liebe zwischen Marie und Clavigo vergangen ist. Clavigo spricht von „gute[n] Zeiten […] die nun vorüber sind“.34 Somit wird deutlich, dass er den Entschluss Marie zu verlassen bereits getroffen hat. Er beginnt erst daran zu zweifeln, als Beaumarchais auftritt. In der Literatur wird diese Wechselhaftigkeit des Clavigo oftmals als „moderner Charakter“35 beschrieben. Heimerl macht auf den Zwiespalt zwischen Karrierist und Liebender, in dem Clavigo sich befindet aufmerksam. Mit der Aussage,„Daß man so veränderlich ist!“,36 wird deutlich, dass Clavigo um diese differentiellen Grundzüge seines Charakters weiß. Er versucht auch nicht gegen diese anzugehen, sondern lässt sich bewusst von anderen lenken. Dies wird durch den gegenüber Carlos ausgesprochenen Satz,„Mach mich können, so will ich“,37 deutlich. Gegenüber Beaumarchais gibt er zu von Carlos verhetzt worden zu sein38 und nutzt somit das Wissen um seine Schwäche als Entschuldigung.

Pailer erklärt das Schwanken in Clavigos Handlungen damit, dass die Figur versucht den Erwartungen, die an seine Rolle als Karrierist, beziehungsweise als Liebender, gestellt werden, gerecht zu werden.39 Während den Gesprächen mit Carlos beziehungsweise mit Beaumarchais nimmt Clavigo eine passive Rolle ein. Er bekundet lediglich gelegentlich sein Entsetzen oder zeigt Reue.40 Dies verweist auf eine Unfähigkeit auf Seiten des Clavigo sich mit der Situation auseinander zu setzten oder sich eine eigene Meinung zu bilden und diese argumentativ darzulegen. Ein weiteres modernes Merkmal des Clavigo ist sein Beruf. Er ist nicht ein altmodischer Dichter, wie andere Goethe Figuren, sondern der Herausgeber einer Wochenschrift und somit „den Gesetzen des Marktes unterworfen“.41 Er ist begabt und arbeitet ehrgeizig an der Herausgabe der eben genannten Wochenschrift, welche besonders bei den Frauen, sehr erfolgreich zu sein scheint.42 Es wirkt allerdings so, als ob Clavigo nicht viel wert auf eine erfolgreiche Karriere am Hof legt, sondern dass er lediglich zu einer „Verbesserung des Geschmackes in [seinem] Lande, zur Ausbreitung der Wissenschaft beitragen“43 möchte. Clavigo empfindet Angst und Verzweiflung gegenüber seiner momentanen Situation und zeigt diese auch offen.44

2.2.2 Das Figurenverhältnis „Clavigo-Carlos“

Clavigo und Carlos stehen in einem besonders engem Freundschaftsverhältnis zueinander. Dies ist unter anderem daran zu erkennen, dass Clavigo Carlos als „Bruder“ bezeichnet45.

Carlos geht auf den bereits erwähnten Zwiespalt des Clavigos zwischen Liebender und Karrierist ein, indem er ihm zwei Vorschläge macht: Entweder er heiratet Marie oder er entscheidet sich für eine Karriere am Hof.46 Jedoch kann Clavigo in keiner der beiden Wahlmöglichkeiten eine „für sich selbst genügende Existenzmöglichkeit finden“.47 Hätte Clavigo sich im vierten Akt für eine dieser Möglichkeiten entschieden, wäre es wahrscheinlich nicht zur Katastrophe gekommen. Obwohl Carlos versucht Clavigo zu beeinflussen, hält er ihm dennoch beide Lösungen vor Augen, was nur ein wahrer Freund tun würde. Wie bereits erwähnt, wird die Liebe zwischen Marie und Clavigo schon im ersten Akt als erkaltet dargestellt.

[...]


1 Vgl. Strohschneider-Kohrs 1999, S. 198.

2 Vgl. Heimerl 2006, S. 15.

3 Vgl. Goethe 1840, S. 475. Siehe Anhang 7.2.

4 Ebd., S. 18.

5 Vgl. Goethe 1840, S. 475.

6 Falls in dieser Arbeit von „Schülern“ in der männlichen Form die Rede ist, so schließt diese auch die weibliche mit ein.

7 Vgl. Schaffers 2011/12. Siehe Anhang 7.1.1.

8 Vgl. Neuhaus 1996, S. 93.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Vgl. Neuhaus 1996, S. 93.

12 Vgl. Goethe 1984, S.21, I Akt. Jagsthausen. Götzens Burg, Z.39.

13 Vgl. Heimerl 2006, S. 15.

14 Vgl. Goethe 1984, S. 29, I Akt. Jagsthausen, Z. 33 ff.

15 Ebd., S. 43, II Akt. Adelheidens Zimmer, Z. 36 ff.

16 Ebd., S. 106, V Akt, Weislingens Schloß, Z.1 ff.

17 Ebd., S.44, II Akt. Adelheidens Zimmer, Z.19.

18 Vgl. Heimerl 2006, S. 19.

19 Vgl. Goethe 1984, S. 48, II Akt. Im Spessart, Z. 5-6.

20 Ebd., S. 104, V Akt. Weislingens Schloß, Z.30 ff.

21 Ebd., S. 105, V Akt Weislingens Schloß, Z. 1. WEISLINGEN: Er ist gefangen, und ich zittre vor ihm.

22 Vgl. Neuhause 1996, S. 97.

23 Vgl. Goethe 1984, S.18, I Akt. Jagthausen. Götzens Burg.

24 Ebd., S. 21, I Akt. Jangthausen. Götzens Burg, Z. 20-30.

25 Ebd.

26 Ebd., S.21, I Akt. Jagsthausen. Götzens Burg, Z. 10.

27 Ebd., S.22, I Akt. Jagsthausen. Götzens Burg, Z. 10.

28 Ebd., S. 21, I Akt. Jagsthausen. Götzens Burg, Z. 31 ff.

29 Vgl. Heimerl 2006, S. 15.

30 Vgl. Neuhause 1996, S. 85.

31 Vgl. Goethe 1984, S. 75, III Akt. Saal, Z. 2-15.

32 Vgl. Neuhausen 1996, S. 98.

33 Vgl. Goethe 1984, S. 106, V Akt. Weislingens Schloß, Z. 7.

34 Vgl. Goethe 2007, S. 5, I Akt. Clavigos Wohnung, Z. 25.

35 Vgl. Heimerl 2006, S. 16 ff.

36 Vgl. Goethe 2007, S. 7, I Akt. Clavigos Wohnung, Z. 19.

37 Ebd., S. 45, IV Akt. Clavigos Wohnung, Z. 5-6.

38 Ebd., S.20, II Akt. Haus des Clavigo, Z. 5-7.

39 Vgl. Pailer 2001, S. 104.

40 Ebd., S. 104.

41 Ebd., S. 99.

42 Vgl. Goethe 2007, S. 5, I Akt. Clavigos Wohnung, Z. 4 ff.

43 Ebd., S.14, II Akt. Haus des Clavigo, Z. 28-30.

44 Ebd., S 42, IV Akt. Haus des Clavigo, Z.30. CLAVIGO: Laß mich weinen.

45 Ebd., S.41, IV Akt. Clavigos Wohnung , Z. 8-9. CLAVIGO: Mein Freund, mein Bruder .

46 Ebd., S. 36 ff., IV Akt. Clavigos Wohnung.

47 Vgl. Heimerl 2006, S. 16.

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656903314
ISBN (Buch)
9783656903321
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293150
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
Clavigo Götz von Berlichingen Weislingen Goethe

Autor

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Titel: Inwiefern ist die Figur Clavigo ein „Pendant zum Weislingen im Götz“?