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Zivilreligion - Moral und Grenzen einer Idee

Seminararbeit 2004 14 Seiten

Ethik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Definition und Voraussetzungen einer Zivilreligion

II. Zivilreligiöse Werte und Kommunitarismus

III. Leistungsfähigkeit und Grenzen der Zivilreligion

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Mit dieser Hausarbeit möchte ich eine schlaglichtartige Beleuchtung ausgewählter Aspekte zu dem Thema der Zivilreligion bzw. Civil Religion[1] geben. Im ersten Abschnitt wird versucht den Begriff der Zivilreligion umfassend darzustellen und dessen Voraussetzungen zu klären. Der zweite Abschnitt erläutert die mit der Zivilreligion verknüpften moralischen Werte und den Zusammenhang mit der Ideengeschichte des Kommunitarismus. Wozu das Konzept der Zivilreligion fähig ist und wo sich die Grenzen dieser Fähigkeiten befinden bzw. welche Merkmale der Zivilreligion einer kritischen Betrachtung bedürfen, soll im dritten Abschnitt geklärt werden.

Obwohl es mir wichtig ist, das Phänomen der Zivilreligion geografisch übergreifend darzustellen, ist dies nicht möglich, ohne in dieser Arbeit häufig auf die beispielhafte Entwicklung in den USA zu verweisen, wo eine umfassende Civil Religion am ehesten zu finden ist. Darüber hinaus versuche ich die Abstraktheit des Modells durch veranschaulichende Beispiele innerhalb dieser Arbeit abzumildern.

Unter den Autoren lege ich einen Schwerpunkt auf die Arbeiten von Richard N. Bellah, der den Begriff mit seinem Aufsatz „Civil Religion in America“ aus dem Jahre 1967 prägte. Als Mensch vereinigt Bellah die Seelen eines Wissenschaftlers und gläubigen Christen, was zur Folge hat, dass er der wissenschaftlichen Welterkenntnis (vgl. Schieder 1987, S.85,86) eindeutige Grenzen zuweist, andererseits seine Erkenntnisse erst die Basis für sein gesellschaftliches Engagement darstellen. Er will Zustände verändern, nicht nur analysieren. Seine Arbeiten sind in gewissen Maße selbstbezüglich. Dennoch, im Laufe der zeitgeschichtlichen Entwicklung und seiner eigenen menschlichen Reifung relativiert auch er viele seiner normativen Ansichten.

I. Definition und Voraussetzungen einer Zivilreligion

Eine umfassende und begrenzende Definition von Begriffen wie Religion im Allgemeinen und Zivilreligion im Besonderen ist nicht einfach. Es ist allgemeine Praxis, dass Zuschrei­bungen versucht werden, d.h. den genannten Begriffen Merkmale zuzuordnen, welche in einem bestimmten Zeitalter, für einen begrenzten geografischen Raum und eine bestimmte Kultur zutreffen. Dabei fließt in die Religionszuschreibungen eher die Meinung, die Öffentlichkeit und Medien vertreten ein, der theologisch-kirchliche Einfluss auf den Religionsbegriff ist dabei eher gering. Ermittelt werden diese Merkmale innerhalb von Diskursen, als Ergebnisse von fortwährenden Kommunikationsprozessen innerhalb der Gesellschaft.

„I conceive [...] of the American civil religion […] as the subordination of the nation to ethical principles that transcend it in terms of which it should be judged.” (Bellah 1967, S.1) Was Bellah hier mit „ethical principles” beschreibt, ist nicht weniger als ein Mindestmaß an gesellschaftlich übergreifenden, gemeinsam geteilten, normativen Grundwerten und -über­zeugungen, die nicht nur den Staat, sondern auch das Individuum an eine Gemeinschaft binden und für den Zusammenhalt dieser Gemeinschaft sorgen. Für den religiösen Bezug der Zivil religion sorgt ein „von den Menschen in dieser Gesellschaft geteiltes religiöses Weltbild, das die moralischen Regeln des Gemeinwesens begründet und legitimiert“ (Hase 2001, S.53), denn auch Bellah (1967, S.1; Hervorh. von mir) meint, „every nation and every people come to some form of religious self-understanding“. Eine weiterführende Erläuterung von Civil Religion ermöglicht die Trennung und separate Beschreibung von Civil und Religion.

Der Religionsbegriff Bellahs basiert auf einem integrativen, aber abstrakt-autonomen, von Emile Durkheim entlehnten, Religionsbegriff. Zunächst ist der Glaube an eine übergeordnete „Macht oder Kraft“[2], der das menschliche Leben unterliegt, für eine Religionsentstehung notwendig. Zweite Voraussetzung ist, „dass ein religiöses System Vorstellungen mit auf diesen Vorstellungen bezogenen Handlungen verbindet, und dass sowohl die Handlungen als auch die Vorstellungsinhalte für den einzelnen verpflichtenden Charakter haben“[3] (Hase 2001, S.31). Drittens müssen diese Wertevorstellungen und Praktiken kollektiv, von einer Gemeinschaft, getragen werden. Repräsentiert wird die Religion dabei durch Institutionen, Kulte und Riten, in welchen der religiösen Mythen gedacht wird. Bellah (1967, S.3) meint dazu: „This public religious dimension is expressed in a set of beliefs, symbols, and rituals that I am calling American civil religion.“[4] Dabei entsteht keine Religion aus dem Nichts, jedes Mitglied der Gemeinschaft findet sich bereits in einer bestimmten Tradition und Historie wieder (vgl. Schieder 2001a, S.12). Individuell findet Religion auch eine Entsprechung in den Begriffen Weltanschauung, Überzeugung oder Sinnstiftung, auf welchen individuelle Handlungen basieren.

Die zivile Komponente findet sich darin, dass eine Zivilreligion für die Sinnstiftung und normative Basis einer Zivilgesellschaft im Sinne einer Bürgergemeinschaft sorgt. Nach Schieder (vgl. 2001a, S.19) werden somit ideelle Ansprüche an die Politik gestellt, deren Handelnde sich immer wieder an den ursprünglich festgesetzten Normen und Zielen zu messen hätten. Trotzdem sei eine Trennung von Religion und Politik damit gegeben, dass moralische Prinzipien nicht direkt in politische Beschlüsse umgesetzt würden.

Zivilreligion ist keine Religion im Sinne einer ‚positiven Religion’, dazu fehlen ihr die (schriftliche) Verfassung, die Theologen, die den zivilreligiösen Glauben auslegen könnten oder die kirchliche Kontrolle[5]. Zivilreligion ist ein Konzept, eine Idee, eine Theorie, „in die politische Kultur eines Gemeinwesens integriert ist“ (Schieder 2001b, S. 101). Zivilreligion übernimmt nach Schieder (vgl. 1987, S.13-19) folgende Funktionen: Sie integriert vielfach verschieden orientierte Individuen auf einen gemeinsamen Rahmen gesellschaftlich verbindlicher Werte, sie legitimiert eine bestimmte Staatsform und damit auch politisches Handeln durch diesen Wertekanon, sie gibt dem Einzelnen die Möglichkeit, sich mit dem gemeinschaftlichen Wertesystem zu identifizieren und versucht auch verschiedene Glaubensrichtungen und Religionen auf eine gemeinsamen Wertebasis zu stellen. Zivilreligion sorgt für die „Aufrechterhaltung eines gemeinsamen Ethos und Schaffung eines Gefühls der Zusammengehörigkeit“ (Schieder 2001a, S. 15). Symbole, Mythen und Riten[6], die innerhalb des politisch-gesellschaftlichen Systems verwandt und aufrecht erhalten werden, erfüllen diese Funktionen. Politisches Handeln ist dennoch an einen mehr oder weniger engen Rahmen von bereits beantworteten Sinn- und Letztbegründungsfragen[7] gebunden, der durch die Zivilreligion gestellt wird, so dass es von jedem einzelnen Bürger nachgeprüft werden kann. In der wissenschaftlichen Theorie wird mit dem Modell der Zivilreligion versucht, im weiteren Sinne das Ineinanderwirken von Politik und Religion zu untersuchen, wobei soziologische, theologische, psychologische und politiktheoretische Problemstellungen zum Tragen kommen.

[...]


[1] Civil Religion wird hier gleichbedeutend mit Zivilreligion verwendet, obgleich der deutsche Kontext vom amerikanischen abweicht. Insbesondere wird auf Civil Religion zurückgegriffen, wenn sich der Text auf den US-amerikanischen Kontext, z.B. in Beispielen oder hervorzuhebenden Entwicklungen, bezieht.

[2] Durkheim sieht den Ursprung dieser Kraft in der Ausdifferenzierung einer Gesellschaft. Auf Basis von gegenseitigen Abhängigkeiten der Individuen und der sozioökonomischen Umstände des gemeinschaftlichen und arbeitsteiligen Zusammenlebens setzt im Laufe der Zeit ein kultureller Interpretationsprozess bezüglich der ‚gesellschaftlichen Macht’ ein, der als Ergebnis Phänomene wie Götter und Geister auswirft (vgl. Hase 2001, S.31).

[3] Auch Schieder (2001a, S.12) reflektiert Durkheim, indem Durkheim Religion als Zwang gegenüber ihren Mitgliedern ausweise, welche einen aus kollektiven Anschauungen verbindlichen Charakter für das Individuum habe. Für individuelle Wirklichkeitsdeutungen ist somit kein Platz.

[4] Zitate wie „bringing hope to the oppressed, and delivering justice to the violent“, „ I believe that God has planted in every human heart the desire to live in freedom.“, „Our aim is a democratic peace - a peace founded upon the dignity and rights of every man and woman.”, „We can trust in that greater power who guides the unfolding of the years. And in all that is to come, we can know that His purposes are just and true.” aus der ‚State of the Union Adress’ (Bush 2004, S.1-9) , deuten auf die Mythen über Gründung und Bestimmung der USA hin, wobei beide in dem immer wiederkehrenden Ritus der Rede zum ‚State of the Union’ verankert sind.

[5] Positive Religionen sind genau bezeichnungsfähige Glaubensrichtungen, die eigenen festgesetzten Riten folgt, auf einen Klerus aus professionelle Deuter der Wirklichkeit zurückgreifen kann, in Institutionen reiner religiöser Zielsetzung verhaftet sind, z.B. der Katholizismus, der Protestantismus, das Judentum, der Buddhismus etc. Als schriftliche Verfassung können z.B. die biblischen Schriften für das Christentum gelten.

[6] Hase (2001, S. 36) bezieht sich hier auf die Amtsantrittsrede von Präsident Bill Clinton vom 20. Januar 1997, ein Ereignis was durch seine stete Regelmäßigkeit und wiederkehrende Ähnlichkeit der Aussage als ein Ritus bezeichnet werden kann. Hier werden symbolhaft Ausdrücke wie „all men are created equal“ und „vision of the promised land“ verwandt, die sich als ‚Leitmotiv der amerikanischen Geschichte’ genauso in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung wiederfinden, womit auch dem amerikanischen Gründungsmythos gerecht wird.

[7] Nachvollziehbar sind ‚bestehenden Antworten’ in Bellahs Worten (1967, S. 3): „In American political theory, sovereignty rests with the people [...] but the ultimate power has been attributed to God.“ Der Werterahmen, der im Fall der USA ursprünglich dem protestantischen Weltbild entspricht, entzieht sich jeglicher Debatte, er wird quasi-selbstverständlich vorausgesetzt und wurde von den amerikanischen Vorfahren in den ‚Heiligtümern’, wie der Unabhängigkeitserklärung, festgesetzt. Die Auslegung und Verwirklichung der ‚bestehenden Antworten’ ist die Aufgabe, die der aktuellen amerikanischen Politik zukommt.

Details

Seiten
14
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638308618
ISBN (Buch)
9783638760744
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v29313
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Fakultät für Sozial-und Verhaltenswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Zivilreligion Moral Grenzen Idee Einführung Angewandte Ethik

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Titel: Zivilreligion - Moral und Grenzen einer Idee