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Fußball als Möglichkeit zum inklusiven Lernen

„Elf Freunde müsst ihr sein“ (Sepp Herberger)

Hausarbeit 2014 47 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Erläuterungen
2.1 Integration oder Inklusion?
2.2 Integration
2.3 Inklusion
2.4 Integration – Inklusion, Begriffsgeschichte und Entwicklung
2.5 Integrationsfähigkeit, allgemein betrachtet
2.5.1 Integrationsfähigkeit als Element des Förderbereichs Geistige Entwicklung „Sozialverhalten“, speziell betrachtet

3. Relevanz der Integrationsfähigkeit
3.1 Bezug zum Schulgesetz NRW
3.2 Bedeutungsrelevanz für die Schule
3.3 Bedeutungsrelevanz für die Schüler
3.4 Bedeutungsrelevanz für den DFB

4. Praxis
4.1 Didaktisch-methodischer Kommentar
4.1.1 Begründung von Ziel und Inhalt der Unterrichtsreihe
4.1.2 Methodische Erläuterungen
4.1.3 Unterrichtsprinzipien
4.1.4 Die Lehrerrolle in der Unterrichtsreihe
4.1.5 Mitwirkung und Beteiligung der Schüler
4.1.6 Medien und Material der Unterrichtsreihe

5. Lernvoraussetzungen in Bezug auf Fußball
5.1 Allgemeine Lernvoraussetzungen
5.2 Individuelle Lernvoraussetzungen und Förderschwerpunkte der Schüler von der Schule X

6. Das Training
6.1 Vor dem Training
6.2 Das warm-up
6.3 Die Pausen
6.4 Die Technik Einheiten allgemein
6.5 Passen – aber andersrum!
6.6 Die Passstrasse
6.7 Das klassische Dreieck
6.8 Treib den Ball
6.9 Ball-Curling

7. Darstellung einer Unterrichtseinheit

8. Auswertung der Unterrichtseinheit
8.1 Handlungsalternative

9. Gesamtreflexion

10. Ausblick

11. Literaturverzeichnis

12. Anhang

1. Einleitung

Fußball ist für meine Schüler das Größte der Welt, Thema an guten und schlechten Tagen, immer gegenwärtig und stets ein Grund sich auf Dienstag zu freuen, den Trainingstag.

Seit 2011 begleite ich eine heterogene Gruppe von Schülern* der Schule X, einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung, zum Fußballtraining beim örtlichen Sportverein. Im Rahmen der Initiative „Einfach Fußball“ vom Deutschen Fußball Bund (DFB) und der Partner Bayer AG soll das Ziel, mehr Mädchen und Jungen mit besonderem Förderbedarf den Zugang zum Fußball zu ermöglichen, verfolgt werden. Ein weiteres Ziel ist es, Vereins-Fußballspielern ohne Förderbedarf die Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen mit Förderbedarf aufzuzeigen. Daher nehmen im und um den Trainingsbetrieb herum auch Spieler aus der Jugendabteilung des Sportclub teil. Dadurch soll das Miteinander und die gegenseitige Wertschätzung der Nachwuchsspieler gefördert werden. Wissenschaftlich begleitet wird die Initiative vom Forschungsinstitut für Inklusion durch Bewegung und Sport e.V. (FIBS).

Im Zuge der aktuell politisch gewollten Inklusion und dem damit einhergehenden Wandel der Schullandschaft bot sich das Thema als Hausarbeit an.

Denn „Elf Freunde müsst ihr sein“(Sepp Herberger) sollte nicht nur auf dem Fußballplatz als Erfolgsmodell gelten, sondern im Leben allgemein gültig sein.

Ein freundschaftliches Miteinander setzt hohe Sozialkompetenzen voraus, einen Teilaspekt, die Integrationsfähigkeit, möchte ich daher näher untersuchen und in einer Unterrichtsreihe als Ziel verfolgen.

Die Unterrichtsreihe erstreckte sich über sechs Wochen á 1,5 Zeitstunden.

Die Arbeit ist in drei Teilbereiche gegliedert:

Im ersten Teil werden die theoretischen Vorüberlegungen beschrieben. Das beinhaltet die Begriffserklärung, -geschichte und –entwicklung und die Themenrelevanz.

Im zweiten Teil erfolgt die Begründung von Ziel und Inhalt, die Lernvoraussetzungen und die Beschreibung der Durchführung.

Der dritte Teil enthält die Reflexion des durchgeführten Vorhabens und einen Ausblick.

Ich betrachte in dieser Ausarbeitung die Schüler mit und ohne Förderbedarf. Inwieweit die Ausführungen und Schlussfolgerungen in andere Situationen zu transferieren sind, muss der Leser selbst entscheiden. Eine allgemeine Gültigkeit will ich ausschließen.

*Im Interesse einer besseren Lesbarkeit des Textes wird in dieser Arbeit nahezu durchgängig die männliche Sprachform verwandt. Diese schließt die weibliche Form selbstverständlich mit ein.

2. Theoretische Erläuterungen

2.1 Integration oder Inklusion?

Das Thema Inklusion ist überall angekommen. Es wird in den Medien und in allen Bildungsgremien von Eltern und Fachleuten diskutiert. Dabei ist eine Eindeutigkeit des Begriffes Inklusion nicht erkennbar. Deshalb möchte ich im Folgenden auf die Begrifflichkeiten und deren Entstehungsgeschichte eingehen.

2.2 Integration

Das Wort Integration kommt von dem lateinischen Wort integratio und bedeutet „Wiederherstellung eines Ganzen“.

Georg Feuser definiert in seinen Thesen zu „Gemeinsame Erziehung, Bildung und Unterrichtung behinderter und nicht behinderter“ Integration als „die gemeinsame Tätigkeit (Spielen/Lernen/Arbeit) am gemeinsamen Gegenstand/Produkt in Kooperation von behinderten und nicht behinderten Menschen“.

Integriert sind demzufolge Menschen mit Behinderung dann, wenn sie immer einbezogen sind. Dieser Pädagogischen Definition der Integration möchte ich folgende Pädagogische Definition der Inklusion gegenüberstellen.

2.3 Inklusion

Der Inklusionsbegriff geht etymologisch auf das lateinische Wort „inclusio“ zurück, was so viel bedeutet wie „Einschließung“. Seinen speziellen Inhalt entfaltet dieser Begriff allerdings erst im jeweiligen Kontext.

Andreas Hinz definiert den Ansatz der Inklusion im „Handlexikon der Behindertenpädagogik“ (2006) als „...allgemeinpädagogische[n] Ansatz, der auf der Basis von Bürgerrechten argumentiert, sich gegen jede gesellschaftliche Marginalisierung wendet und somit allen Menschen das gleiche volle Recht auf individuelle Entwicklung und soziale Teilhabe ungeachtet ihrer persönlichen Unterstützungsbedürfnisse zugesichert sehen will. Für den Bildungsbereich bedeutet dies einen uneingeschränkten Zugang und die unbedingte Zugehörigkeit zu allgemeinen Kindergärten und Schulen des sozialen Umfeldes, die vor der Aufgabe stehen, den individuellen Bedürfnissen aller zu entsprechen - und damit wird dem Verständnis der Inklusion entsprechend jeder Mensch als selbstverständliches Mitglied der Gemeinschaft anerkannt.“ Wie sich der Begriff Inklusion im pädagogischen Kontext gefüllt hat, möchte ich anhand eines Rückblickes aufzeigen.

2.4 Integration – Inklusion, Begriffsgeschichte und Entwicklung

Ab den 1990er Jahren wurde in Fachkreisen immer häufiger statt von Integration von „inclusion” gesprochen (vgl. Bürli 1997). „Der Terminus „Full Inclusion” stammt aus der radikalen amerikanischen Integrationsdiskussion, der zufolge alle Kinder voll in die Regelschulen integriert werden sollen und die Sonderpädagogik pauschal abzuschaffen ist.“, beschreibt Markowetz (Fachsymposium, Universität Klagenfurth 2004, S.5ff) die Herkunft der Begrifflichkeit Inklusion (vgl. hierzu Hinz 2000; Lipsky / Gartner 1999; Opp 1997 und 1995). Weiter führt Markowetz aus: „Im angelsächsischen Sprachraum hat der Begriff „inclusion“ bereits ab Anfang der 1990er Jahre die Begriffe „integration“ und „mainstreaming“ (vgl. z.B. Benkmann / Pieringer 1991) verdrängt. Schon seit Ende der 1980er Jahre wird der Terminus Inklusion als Leitgedanke der US-amerikanischen Special Education gebraucht, hinsichtlich seiner inhaltlichen Bedeutung und Tragweite allerdings kontrovers diskutiert (vgl. McGregor 1996; Jülich 1996, S. 300ff.). Auch die Sektion Sonderpädagogik (2001) der deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften nennt sich auf internationaler Ebene seit dem Jahr 2000 „special Education and Inclusion“. Kanada als ein „Geburtsland der inklusiven Schule“ (Sander 2002, S. 144) hat wesentlich zur Verbreitung des Begriffs beigetragen. In vielen Übersetzungen (vgl. z.B. Porter / Richler 1991) wurde der Begriff „inclusion“ schlicht mit Integration übersetzt. Ein substantieller Unterschied in den beiden Begriffen wird nicht gesehen. Üblich für diese Epoche ist die Gleichsetzung von Integration und Inklusion. Beide Begriffe werden synonym und nebeneinanderher verwendet.“

„Biewer (2001a, S. 212; 2001b, S. 277) setzte sich differenzierter mit den Begriffen auseinander und schlug die Verwendung des Begriffs „Einbeziehung“ vor“, erklärt Markowetz und führt fort:„Statt von „Integration behinderter Kinder“ sollte seiner Meinung nach besser von der „Einbeziehung von Kindern mit speziellem Erziehungs- und Bildungsbedarf“ gesprochen und die „integrativen Schulen“ sollten als „einbeziehende Schulen“ bezeichnet werden (ebd., S. 219). Der Begriff „Einbeziehung“ scheint sich allerdings bei uns nicht durchzusetzen. Kritiker lehnten diesen Begriff auch ab, da es nicht mit der Vorstellung einer inklusiven Gesellschaft in Einklang zu bringen war und implizierte, daß es noch immer Außenstehende gab, die „in etwas hineinzuziehen sind“(vgl. Hinz 2004, S. 46f). Vielmehr tauchten in Veröffentlichungen der Begriff „Inclusion" und davon abgeleitet „Inklusion" zunächst vereinzelt in den 1990er Jahren und heute immer häufiger auf. Dabei wird „inclusion" heute häufig ohne nähere Erläuterungen gebraucht. In Fachkreisen wird der Begriff Integration meistens einfach gegen Inklusion ausgetauscht und alles was bisher integrativ war, wird nun als inklusiv bezeichnet.“

Um einen direkten Vergleich anstellen zu können, führt Markowetz Sander an. „Sander beschreibt Inklusion als optimierte und erweiterte Integration (2002, S. 149) und favorisiert das deutsche Fremdwort Inklusion. Im Weiteren nennt er eine optimierte und erweiterte Integrationspädagogik nun inklusive Pädagogik (vgl. Schnell / Sander 2004), bezeichnet eine optimierte und erweiterte integrative Bildung als inklusive Bildung und versteht unter einer inklusiven Schule eine integrative, völlig aussonderungsfreie Reformschule, die allen Kindern und Jugendlichen die individuell optimale Bildung und Erziehung vermitteln will (Sander 2002, S. 152). Andreas Hinz stellte die Praxis der Integration der noch zu entfaltenden Praxis der Inklusion gegenüber (vgl. Hinz 2000, 2002, 2004):

Im Fachdienst der Lebenshilfe ist zu lesen: „Während sich 'Integration' als Leitbegriff stärker auf die 'Wiederherstellung einer Einheit' und damit vor allem auch auf besondere Maßnahmen bezieht, die es Menschen mit Behinderungen ermöglichen sollen, wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, von dem sie vorher ausgeschlossen waren, geht der Begriff 'Inclusion' weit darüber hinaus und fordert radikal, dass Behinderung als normale Spielart menschlichen Seins in allen gesellschaftlichen Bereichen akzeptiert und entsprechend in alle administrativen Planungen regelhaft einbezogen werden muss. (1995, S. 13)“ Dies macht deutlich, dass der Gedanke der "Inklusion" den Begriff „Integration“ bei weitem überschreitet.

Der Begriff Inklusion hat sich vom Begriff Integration gelöst und wird unterschieden.

Steinert erklärt: „... Das Leitbild der Inklusion zielt - im Gegensatz zur Integration - auf alle Menschen und setzt damit das Ziel, Schule für alle Schüler (und auch für alle Lehrer) zu einem anregenden und angenehmen, fördernden und herausfordernden Ort des Lernens zumachen. Die ganze Schule gewinnt. (Steinert S. 75)“

Abram (2003, S.10) bemerkt: „unterscheidet sich der Begriff der Integration vom Begriff der Inklusion insofern, als dass es bei der Integration von Menschen immer noch darum geht, Unterschiede wahrzunehmen und zuerst Getrenntes wieder zu vereinen. Inklusion hingegen versteht sich in Bezug auf Schule als ein Konzept, das davon ausgeht, dass alle Schüler mit ihrer Vielfalt an Kompetenzen und Niveaus aktiv am Unterricht teilnehmen. Alle Schüler erleben und nehmen Gemeinschaft wahr, in der jeder/jede Einzelne seinen/ihren sicheren Platz hat und somit eine Teilnahme für alle Schüler am Unterricht möglich ist.“

In Gesprächen und Diskussionen scheinen auch Fachleute die Begrifflichkeiten Integration – Inklusion nicht eindeutig zu unterscheiden, anscheinend weil es sehr viele Übereinstimmungen und auch Uneindeutigkeiten in ihrer Definition gibt. Dabei spielt wohl auch die Herkunft von –Inklusion- und die damit verbundene gesellschaftliche Relevanz eine Rolle. Aktuell werden die Begriffe nicht gegenübergestellt, sondern die Inklusion als Weiterentwicklung der Integration gesehen. „Die Pädagogik hat in Deutschland vier Entwicklungsstufen durchgemacht. Diese Stufen sind die Exklusion, die Separation (heute vorherrschend), aus der die Sonderpädagogik hervorging, Integration (teilw. realisiert) und Inklusion (vereinzelt in Ansätzen vorhanden). Die Übergänge zwischen diesen Entwicklungsstufen sind jedoch fließend. Insbesondere die letzte Stufe, die Inklusion, ist auch bei Pädagogen bezüglich ihrer realen Umsetzung umstritten.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Sonderp%C3%A4dagogik, abgerufen am 21.02.2014, 20.18Uhr) (siehe auch im Anhang Bild 1)

2.5 Integrationsfähigkeit, allgemein betrachtet

Die WHO definierte 1994 10 zentrale Kernkompetenzen („core life-skills“; life skills = Lebenskompetenzen).

1. Selbstwahrnehmung, die sich auf das Erkennen der eigenen Person, des eigenen Charakters sowie auf eigene Stärken und Schwächen, Wünsche und Abneigungen bezieht
2. Empathie, als die Fähigkeit, sich in andere Personen hineinzuversetzen
3. Kreatives Denken, das es ermöglicht, adäquate Entscheidungen zu treffen, sowie Probleme konstruktiv zu lösen
4. Kritisches Denken als die Fertigkeit, Informationen und Erfahrungen objektiv zu analysieren
5. Die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, die dazu beiträgt, konstruktiv mit Entscheidungen im Alltag umzugehen
6. Problemlösefertigkeit, um Schwierigkeiten und Konflikte im Alltag konstruktiv anzugehen
7. Kommunikative Kompetenz, die dazu beiträgt, sich kultur- und situationsgemäß sowohl verbal als auch nonverbal auszudrücken
8. Interpersonale Beziehungsfertigkeiten, die dazu befähigen, Freundschaften zu schließen und aufrechtzuerhalten
9. Gefühlsbewältigung, als die Fertigkeit, sich der eigenen Gefühle und denen anderer bewusst zu werden, angemessen mit Gefühlen umzugehen sowie zu erkennen, wie Gefühle Verhalten beeinflussen
10. Die Fähigkeit der Stressbewältigung, um einerseits Ursachen und Auswirkungen von Stress im Alltag zu erkennen und andererseits Stress reduzierende Verhaltensweisen zu erlernen

„Als Lebenskompetenzen werden psychosoziale Fertigkeiten verstanden, die Kinder und Jugendliche befähigen, mit Anforderungen und Schwierigkeiten des täglichen Lebens aus eigener Kraft erfolgreich umzugehen und ihnen einen angemessenen Umgang mit ihren Mitmenschen ermöglichen.“ (WHO, ebd.) Lebenskompetent also auch integrationsfähig ist demnach derjenige, der sich selbst kennt und mag, empathisch ist, kritisch und kreativ denkt, kommunizieren und Beziehungen führen kann, durchdachte Entscheidungen trifft, erfolgreich Probleme löst sowie Gefühle und Stress bewältigen kann.(vgl. Lohaus Doms, S.141)

2.5.1 Integrationsfähigkeit als Element des Förderbereichs Geistige Entwicklung „Sozialverhalten“, speziell betrachtet

Integrationsfähigkeit ist die Fähigkeit, sich im Rahmen von Annäherungs- und Abgrenzungsprozessen innerhalb des Spannungsfeldes von Gleichheit und Verschiedenheit zu einigen. Es ist also die Fähigkeit gemeinsam in einer Gruppe agieren und mit den Gruppenmitgliedern konstruktiv handeln zu können. (vgl. Hahnen P., Wilms S., Reader Entwicklungsbereiche, Förderbereiche – Studienseminar Düsseldorf 2005) Laut den Bayrischen Richtlinien kann gemeinsames Lernen Schüler mit und ohne Beeinträchtigung zu einem vorurteilsfreien miteinander Leben befähigen. Die sich entwickelnden positiven Einstellungen verbessern langfristig die Integrationsmöglichkeiten für Menschen mit Beeinträchtigung. (vgl. S.28)

3. Relevanz der Integrationsfähigkeit

3.1 Bezug zum Schulgesetz NRW

Am 16.10.13 hat der Landtag NRW das Inklusionsgesetz beschlossen.

Erstes Gesetz zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in den Schulen (9.Schulrechtsänderungsgesetz). In Umsetzung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen wird der gemeinsame Unterricht von Menschen mit und ohne Behinderung als Regelfall im Schulgesetz von NRW verankert:

„Die Schule fördert die vorurteilsfreie Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung. In der Schule werden sie in der Regel gemeinsam unterrichtet und erzogen (inklusive Bildung). Schülerinnen und Schüler, die auf sonderpädagogische Unterstützung angewiesen sind, werden nach ihrem individuellen Bedarf besonders gefördert, um ihnen ein möglichst hohes Maß an schulischer und beruflicher Eingliederung, gesellschaftlicher Teilhabe und selbstständiger Lebensgestaltung zu ermöglichen.“ (§2 –Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule)

Um auf die Gegenüberstellung und Entwicklung zurück zu kommen, bis dahin galt an Förderschulen mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung: „Jeder junge Mensch hat ohne Rücksicht auf seine wirtschaftliche Lage und Herkunft und sein Geschlecht ein Recht auf schulische Bildung, Erziehung und individuelle Förderung.“ (s. Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW (Hrsg.) : Neues Schulgesetz NRW. Düsseldorf 2006, §1) „Sonderpädagogische Förderung realisiert für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung das Recht auf Bildung in Erziehung und Unterricht. Sie unterstützt diese Schülerinnen und Schüler in dem Prozess, ein selbstbestimmtes Leben in sozialer Integration zu führen.“

(NRW Richtlinien S.1)

Zur gesellschaftlichen Teilhabe oder sozialen Integration gehört auch die gemeinsame Freizeitgestaltung, die in der Ausübung vom Fußballsport eine sehr große allgemeine gesellschaftliche Akzeptanz hat.

3.2 Bedeutungsrelevanz für die Schule

Das soziale Lernen ist für jede Schulform von großer Bedeutung und ein wichtiger Stützpfeiler schulischer Bildung. Im Schulalltag ist die soziale Kompetenz „Integrationsfähigkeit“ von hohem Stellenwert. Ob in der Klasse oder auf dem Schulhof, ohne ein gewisses Maß an sozialen Kompetenzen ist ein Miteinander und somit ein Gelingen des Schulalltages nicht zu schaffen. Nach Gudjons (2008) bietet die spezielle Sozialform des Gruppenunterrichts eine Fülle sozialer Handlungsmöglichkeiten. Beim Fußballtraining/spiel ist ein kompetentes Agieren in der Gruppe von großer Bedeutung. Uwe Seeler sagt: „Fußball ist Mannschaftssport. Und: Es geht nur miteinander. Also musst du eine Gemeinschaft bilden. Das ist so ähnlich wie Freunde. Du musst dem, der einen schlechten Tag hat, helfen; du musst dich in der Mannschaft organisieren. Das gilt auch über den Sport hinaus: Es geht auf Dauer nur miteinander, sonst geht es nicht gut.“ (http://www.bpb.de/apuz/163800/es-geht-nur-miteinander-ein-gespraech, abgerufen am 24.02.2014, 9.38Uhr)

Die meisten Schüler einer Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung haben vermindertere soziale Fähigkeiten als Schüler ohne Förderbedarf (vgl. Leffert & Siperstein, 1996). Für sie hat diese Tatsache in einer Welt von nicht Behinderten eine besonders hohe Bedeutung. Es ist deshalb notwendig, die Integrationsfähigkeit zu fördern.

3.3 Bedeutungsrelevanz für die Schüler

Der Kern der Mannschaft, also die teilnehmenden Schüler von der Schule X, der Trainer und die Betreuerin vom Sportclub und der FLA, besteht seit 2011 in dieser Zusammensetzung. Hinzu kommen jährlich wechselnde Mitspieler und Co. Trainer aus den Jugendmannschaften des Sportclub Zuvor gab es eine Fußball AG mit denselben Schülern der Schule X während der Regelunterrichtszeit. Die Worte „Fußball spielen“ reichen für die fußballbegeisterten Schüler als Anreiz schon aus, um eine Aktion starten zu können. Darüber hinaus zeigt sich, dass die Mitgliedschaft in einem Sportverein für die Schüler eine große Bedeutung hat. Es ist dann oft die Rede von „Wir vom Sportclub“ und „Mein Trainer hat gesagt …“. Die Trainingsjacken vom Sportverein scheinen auch einen hohen Stellenwert für die Schüler zu haben, sie werden gerne zu vielen Gelegenheiten getragen und gezeigt. Im Bayrischen Lehrplan für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung steht: „Vor allem Fußballspiel … ist von großem öffentlichen Interesse: Über Spielergebnisse informiert zu sein bedeutet für Kinder und Jugendliche, dazuzugehören und akzeptiert zu sein. Über Fertigkeiten zu verfügen, die eventuell die Mitwirkung in einem örtlichen Verein zulassen, erleichtert die soziale Integration. Auf diesem Hintergrund ist es von großer Wichtigkeit, dass Schülerinnen und Schüler – ihren Fähigkeiten entsprechend – Grundzüge der großen Sportspiele erlernen.“(S. 289, 9. Hinführung zu Mannschaftsspielen) Hier wird auch der hohe Stellenwert der Integrationsfähigkeit deutlich, denn das Mitwirken in einem Verein zieht der Integration in einem Verein nach. Das Mitwirken in einem örtlichen Verein ist auch nach der Schullaufbahn ein wichtiger Aspekt für ein erfülltes Dasein. Die Einteilung von Arbeitszeit und Freizeit hilft den Schülern eine Tagesstruktur zu erkennen und ihren Alltag einzuteilen.

Das gemeinsame Lernen verbessert nicht nur die Integrationsmöglichkeiten der Schüler mit Beeinträchtigung, es gibt allen Schülern die Möglichkeit sich gegenseitig kennen zu lernen. Sie können mit dem Gefühl des Befremdetseins positiv umgehen lernen und dann statt Ablehnung Neugier empfinden. Alle haben die Möglichkeit, angemessene Formen im Umgang miteinander einzuüben und die Verschiedenheit von Menschen zu tolerieren und zu akzeptieren. Sie können gemeinsam das Verbindende suchen und die Aufmerksamkeit auf eine wechselseitige Bereicherung richten. (vgl. Bay. Richt. S.28)

3.4 Bedeutungsrelevanz für den DFB

Der DFB ist sich seiner gesellschaftlichen und sozialen Verantwortung bewusst. Egidius Braun, DFB Ehrenpräsident, formulierte dazu: „Der Fußball in Deutschland wird getragen von den beiden Säulen Profifußball und Amateurfußball. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich für beide Bereiche mit der Thematik "Fußball - soziale Integration und Gesellschaftspolitik" eine dritte Säule entwickelt.“

(http://www.dfb-stiftung-egidius-braun.de/ Aufgerufen am 13.03.2014 um 12.16Uhr) In der Satzung des DFB steht: „Zweck und Aufgabe des DFB ist es insbesondere, Werte im und durch den Fußballsport zu vermitteln, unter besonderer Berücksichtigung der Förderung von Integration und Vielfalt und der Verhinderung und Beseitigung von Benachteiligung aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität.“ (DFB: Satzung des DFB. S.5)

4. Praxis

4.1 Didaktisch-methodischer Kommentar

4.1.1 Begründung von Ziel und Inhalt der Unterrichtsreihe

Auf dem Platz fängt das Mannschaftsspiel mit dem ersten Pass an, dem Anstoß. Um ein Teil vom Ganzen zu sein, nämlich der Mannschaft, ist das kontrollierte Spielen des Balles zu einem Mitspieler unbedingte Voraussetzung. Gelingt es, den Ball durch das Zusammenspielen aller Mannschaftsteile in das gegnerische Tor zu befördern, ist eine Integration aller Spieler in die Mannschaft gelungen. Eine Mannschaftsleistung wurde erbracht.

Es gibt viele gute Möglichkeiten um den Förderaspekt Integrationsfähigkeit zu fördern, warum deshalb ausgerechnet im Umfeld eines Fußballtrainings? Dietrich schreibt analog dazu: „Kein Training oder Wettkampf findet ohne Sozialverhalten statt. Hinweise zum Sozialverhalten gehören im Kinder- und Jugendtraining ebenfalls zu den erzieherischen Aufgaben, weil Trainingsvollzüge innerhalb einer Trainingsgruppe entsprechendes soziales Verhalten erforderlich machen. Es zeigt sich im Umgang miteinander, im Respekt voreinander, in Werthaltungen wie Solidarität, Kameradschaft, in Form des Kooperierens und des Kommunizierens, in der Art und Weise, wie verpflichtend Absprachen eingehalten und Verantwortung für die Gemeinschaft ernst genommen werden, und in der Art und Weise, wie man mit Konflikten umgeht. Somit zeigt sich in sportlichen Situationen soziales Verhalten mit großer Offenheit.“ Was die Gruppe/Mannschaft und im weiteren Sinne die Gesellschaft von jedem in bestimmten Situationen erwartet muss auch erlernt werden. Dietrich führt weiter dazu aus:“ Die Reflexion des Sozialverhaltens von Gruppenmitgliedern ist somit ein bedeutender Inhalt des Trainings: Training muss deshalb soziales Lernen begünstigen. Es muss zum sozialen Handeln in den jeweiligen Situationen führen. Dieser Lernprozess ist kognitiv strukturiert und gleichzeitig durch gefühlsmäßige Wertungen emotional beeinflusst. Soziales Lernen geschieht ungeplant, versteckt, es kann aber auch im Sinne sozialer und moralischer Erziehungsziele, wie Einfühlsamkeit, Toleranz, Hilfsbereitschaft, Kooperationsbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein etc. offen ablaufen. Ohne die Bestimmung des erwarteten Sozialverhaltens bleibt Training pädagogisch fragwürdig und die Einflussnahme auf die Persönlichkeitsentwicklung (…) ungenutzt.“ (Dietrich 1999, S.250-251)

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Details

Seiten
47
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656912446
ISBN (Buch)
9783656912453
Dateigröße
943 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v293114
Note
1,0
Schlagworte
Inklusion Fußball Integration Schule

Autor

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Titel: Fußball als Möglichkeit zum inklusiven Lernen