Lade Inhalt...

Von der Zwangssterilisation bis zur Euthanasie im Nationalsozialistischen Deutschland

Massenmorde in den Tötungsanstalten - Fertigkeiten für die Shoah

Wissenschaftlicher Aufsatz 2013 106 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorwort

3. Vom Sozialdarwinismus zum Nationalismus
3.1 Die wissenschaftliche Begründung zur Vernichtung lebensunwerten Lebens
3.2 Hitlers Lektüre: „Der Grundriß der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene.“ Von Bauer/Fischer/Lenz
3.3 Erste Schritte ebnen den Weg zur Zwangssterilisation

4. Hitler kommt an die Macht

5. Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses
5.1 Die Haltung der Kirchen zur Zwangssterilisation
5.2 Ausweitung des Begriffs „Lebensunwertes Leben“
5.3 Die Sterilisierung behinderter Kinder an Hilfsschulen und Sonderschulen

6. Erziehung und Unterricht in der Hilfsschule
6.1 Die Unterrichtsfächer in der Hilfsschule
6.2 Die deutschen Sonderschulen

7. Der Stopp der Sterilisierungen

8. Der Gnadentod
8.1 Erste Schritte zur „Euthanasie“
8.2 Der Verwaltungsmassenmord
8.3 Ein Beispiel für einen der routinemäßigen „Trostbriefe“ an die Angehörigen
8.4 Die Aufgabe der Zwischenanstalten
8.5 Selektionskriterien zur Euthanasie

9. Das System der Tötungsanstalten
9.1 Am Beispiel Hartheim bei Linz
9.2 Tötung und Verwaltung
9.3 Der Brenner Nohel
9.4 Verwaltung bedeutet Geheimhaltung
9.5 Die Selektion
9.6 Die Tötung als optimierter Arbeitsprozess
9.7 Die Hartheimer Statistik
9.8 Das Personal

10. Die Kinder-“Euthanasie“

11. Die Transporte

12. Behinderte Menschen als Opfer von Medizinversuchen
12.1 Unterdruck- und Kälteversuche
12.2 Fleckfieberversuche
12.3 Knochentransplantations-, Sulfonamid- und Phlegmoneversuche
12.4 Malaria Versuche
12.5 Kampfstoff- und Giftgasversuche

13. Die Haltung der Kirchen zur „Euthanasie“

14. Der „Euthanasie“-Stopp

15. Die Aktion „Sonderbehandlung 14 f 13“

16. Tötungsaktionen am Beispiel Hadamar
16.1 Erste Mordaktion
16.2 Das Personal
16.3 Die Zweite Mordphase
16.4 Hungerkost

17. Reaktionen der Öffentlichkeit und der Angehörigen

18. Die Täter

19. Schluss

20. Quellenangaben

21. Eidesstaatliche Versicherung

1. Einleitung

Der jüdische Dichter Paul Celan wurde in zahlreichen Konzentrations- und Arbeitslagern des NS-Regimes in Rumänien festgehalten. Er verfasste 1943 das Gedicht „Todesfuge“. Ein berühmtes Zitat des Gedichts ist „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.“ Diese Arbeit soll zeigen, dass Paul Celan Recht behalten sollte.

Die „Euthanasie“ , was soviel wie Gnadentod bedeutet, die in Deutschland in erschreckend professioneller und durchdachter also „meisterlichen“ Art und Weise durchgeführt wurde, ist eine weltweit einmalige Aktion. Diese Zulassungsarbeit soll die Frage beantworten, wie es soweit kommen konnte. Wie kam es zur Zwangssterilisation? Wie wurde die „Euthanasie“ durchgeführt? War die Herabwertung bestimmter Menschengruppen eine Erfindung des Dritten Reichs? Es soll geklärt werden, wer die Opfer der Sterilisierungen und des „Gnadentods“ waren. Außerdem soll die Frage beantwortet werden, wer die Täter waren. Waren alle beteiligten Menschen barbarische Bestien, die aus Mordlust handelten? Diese Arbeit geht nicht auf jeden Täter ein, sie soll aber einen Überblick verschaffen, wie die Tötungsanstalten aufgebaut waren und wie sie arbeiteten. Es soll auch untersucht werden, wie sich die Bevölkerung und die Kirchen verhielten. Das Erschreckende und für mich zuvor Unbekannte war, dass die Tötung der Menschen, die als „Ballastexistenzen“ angesehen wurden, als Arbeitsvorgang angesehen wurde. Wie war dies möglich? Welche Kraft oder Macht befähigte die Täter so zu denken? Dies soll ebenfalls dargestellt werden.

Diese Arbeit beantwortet einige Fragen, jedoch kann sie nicht darstellen, wie sich die Dinge tatsächlich und wahrhaftig zugetragen haben. Liest man in der angegeben Literatur, erschrickt man über die Verbrechen, die sich in Deutschland vor gar nicht allzu langer Zeit zugetragen haben. Jedoch kann kein Buch oder oder keine Dokumentation die wahren Gefühle und Gedankengänge der Täter widergeben. Es ist auch schwer möglich, sich in die Opfer hineinzuversetzen und deren Angst und Verzweiflung nachzuempfinden.

2. Vorwort

Der afroamerikanische Soziologe, Journalist und Philosoph W.E.B. Du-Bois reiste durch Deutschland und schrieb 1937 Artikel über Nazi-Deutschland für die Zeitung Pittsburgh Harrior. Diese unabhängigen Zeitzeugenberichte von Journalisten zeigen ein Bild von Deutschland unbeeinflusst von propagandistischen Einflüssen. Deshalb sind diese von unschätzbar großem Wert:

„Deutschland steht in seiner übergroßen Mehrheit hinter Adolf Hitler. In Deutschland gibt es Essen und Wohnung. Im Großen und Ganzen ist es ein zufriedenes und blühendes Land. Binnen vier Jahren ist die Arbeitslosigkeit von sieben Millionen auf zwei Millionen oder weniger gesunken. Das ganze Land ist überzogen mit neuen Häusern für die einfachen Leute, mit neuen Straßen, neuen öffentlichen Gebäuden und neuen Arbeitsbeschaffungsmaßnamen aller Art. Lebensmittel sind gut, sauber und billig. Die öffentliche Ordnung ist perfekt, es gibt kaum sichtbare Kriminalität. Und doch. Es ist paradox. In direktem Widerspruch zu alldem ist Deutschland schweigsam, nervös, gehemmt. Es spricht flüsternd, es gibt keine öffentliche Meinung, keine Opposition. Nichts wird diskutiert. Es gibt Wellen der Begeisterung aber nicht den geringsten Protest.“[1]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 W.E.B. Du-Bois 1937[2]

3. Vom Sozialdarwinismus zum Nationalismus

Der Naturforscher Charles Darwin veröffentlicht in London am 24. November 1859 Das Buch „Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder Die Erhaltung der begünstigsten Rassen im Kampf ums Dasein.“

Im Kampf ums Überleben werden die schlecht Angepassten durch natürliche Auslese, durch Selektion, ausgemustert. Bei Darwin geht es um verschiedene Pflanzen und Tiere wie z.B. um Purzeltauben und Misteldrossen. Spätere deutsche Interpretationen begründen die Sterilisierung und Ermordung von Menschen mit dem Kampf ums Dasein.

Der Arzt Alfred Ploetz veröffentlicht 1895 sein Hauptwerk: „Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen. Die Grundlinien einer Rassenhygiene.“ Die Begriffe Eugenik („wohlgeboren“) und Rassenhygiene werden synonym benutzt.[3] Laut Alfred Ploetz ist es nur Paaren mit bester Erbmasse erlaubt, Kinder zu zeugen. Die Züchtung von Menschen ist staatlich zu regeln.[4] Schwache Menschen sind minderwertige Menschen, Hilfe ist reine Gefühlsduselei:

„Wer sich dann in dem Ökonomischen Kampf als zu schwach erweist und sich nicht erhalten kann, verfällt der Armuth ihren ausjätenden Schrecken. […] Solche und andere humane Einstellungen wie Pflege der Kranken, der Blinden, der Taubstummen, überhaupt aller Schwachen, hindern oder verzögern nur die Wirksamkeit der natürlichen Zuchtwahl. Besonders Dinge wie Krankheits- und Arbeitslosen- Versicherung, wie die Hülfe des Arztes, hauptsächlich des Geburtshelfers, wird der strenge Rassenhygieniker nur ein missbilligendes Achselzucken haben. Der Kampf um's Dasein muss in seiner vollen Schärfe erhalten bleiben.“[5]

Ab 1904 gab Alfred Ploetz eine Zeitschrift heraus mit dem sehr komplizierten Titel: „Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie einschließlich Rassen- und Gesellschafts-Hygiene. Zeitschrift für die Erforschung des Wesens von Rasse und Gesellschaft und ihres gegenseitigen Verhältnisses, für die biologischen Bedingungen ihrer Erhaltung und Entwicklung, sowie für die grundlegenden Probleme der Entwicklungslehre.“

Der Psychiater Ernst Rüdin dessen Schwester Pauline mit Ploetz verheiratet ist, gestaltete ab 1905 die Zeitschriften. Eine vielversprechende Ehe: Rassenhygiene und Psychiatrie verschwägern sich.[6] Darüber später mehr.

Alfred Ploetz gehört 1905 zu den Mitbegründern der „Gesellschaft für Rassenhygiene.“ Die Gesellschaft wird fünf Jahre später in „Deutsche Gesellschaft für Rassenhygiene“, umbenannt. Unter den Mitgliedern sind: Der Erbbiologe Fritz Lenz, der Rassenforscher Eugen Fischer, der Autor Gerhart Hauptmann, der sozialdemokratische Hygieniker Alfred Grotjahn, der Verleger Julius Friedrich Lehmann, der Botaniker Erwin Baur. Dies ist die erste Rassenhygienische Gesellschaft der Welt.[7]

Emil Kraeplin, einer der berühmtesten Psychiater des Zwanzigsten Jahrhunderts, veröffentlicht 1909 sein Hauptwerk: „Psychiatrie. Ein Lehrbuch für Studierende und Ärzte.“ Hierin veröffentlicht der Münchner ein verhängnisvolles Krankheitsbild: Geisteskrankheiten sind vererbt und degenerativ. Die „dementia praecox“ („Jugendirresein“), später Schizophrenie genannt, würde gesetzmäßig zur Verblödung, zum geistigen Tod führen.

Das Lehrbuch von Emil Kraeplin hat fatale Folgen.

Beispielsweise wurde die Tochter von Johanna Neuhaus, eine der ersten deutschen Zahnärtinnen, Luise, 1922 in die Psychiatrie in Merxhausen eingewiesen. Im Aufnahmeprotokoll ist vermerkt: „Pat. leidet an Dementia praecox, eine Heilbarkeit ist ausgeschlossen.“ Luise Neuhaus endet später in der Vergasungsanstalt Hadamar. Zuwendung und Therapie hat sie nie erfahren, da ihre Krankheit ja gesetzmäßig zur Verblödung führen musste.[8]

3.1 Die wissenschaftliche Begründung zur Vernichtung lebensunwerten Lebens

Karl Binding veröffentlicht 1920 die 62 Seiten schmale Schrift: „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form.“ Der Begriff lebensunwert entstammt dieser Veröffentlichung. Binding war Reichsgerichtspräsident und lehrte 40 Jahre Recht in Leipzig. Er galt als der führende Vertreter des Rechtspositivismus, wonach der Wille des Staates allein rechtens ist.[9] Der erste Teil des Bändchens ist von Karl Binding verfasst.

Bindings Kernfrage, die er selbst beantwortet:

„Gibt es Menschen, die so stark die Eigenschaft des Rechtsgutes eingebüßt haben, daß ihre Fortdauer für die Lebensträger wie für die Gesellschaft dauernd allen Wert verloren hat?

Man braucht sie nur zu stellen, und ein beklommenes Gefühl regt sich in Jedem, der sich gewöhnt hat, den Wert des einzelnen Lebens für den Lebensträger und für die Gesamtheit einzuschätzen. Er nimmt mit Schmerzen wahr, welch Maß von oft ganz nutzlos vergeudeter Arbeitskraft, Geduld, Vermögensaufwendung wir darauf verwenden, um lebensunwertes Leben so lange zu erhalten, bis die Natur – oft so mitleidlos spät sie der letzten Möglichkeit der Fortdauer beraubt.

Denkt man sich gleichzeitig ein Schlachtfeld, bedeckt mit Tausenden toter Jugend, oder ein Bergwerk, worin schlagende Wetter Hunderte fleißiger Arbeiter verschüttet haben, und stellt man in Gedanken unsere Idioteninstitute mit ihrer Sorgfalt für ihre lebenden Insassen daneben – und man ist auf das tiefste erschüttert von diesem grellen Mißklang zwischen der Opferung des teuersten Gutes der Menschheit im größten Maßstab auf der einen und der größten Pflege nicht nur absolut wertloser, sondern negativ zu wertender Existenzen auf der anderen Seite.“[10]

Laut Ernst Klee wurden zu dieser Zeit „Geisteskranke“ und geistigbehinderte Menschen nicht mit „Sorgfalt“ gepflegt sondern unter widrigsten Umständen in Psychiatrien verwahrt. Außerdem ließ man schon während des ersten Weltkriegs (1914 – 1918) in Deutschland 50 % der Psychiatrie-Patienten qualvoll verhungern.[11]

Laut Binding dürfen alle „unheilbar Blödsinnigen“ getötet werden da:

„Sie haben weder den Willen zu leben, noch zu sterben. So gibt es ihrerseits keine beachtliche Einwilligung in die Tötung, andererseits stößt diese auf keinen Lebenswillen, der gebrochen werden müßte. Ihr Leben ist absolut zwecklos, aber sie empfinden es nicht als unerträglich. Ihr Tod reißt nicht die geringste Lücke – außer vielleicht im Gefühl der Mutter oder der treuen Pflegerin.“[12]

Die Tötung eines lebensunwerten Menschen muss von einer Kommision laut Binding (zwei Ärzte und ein Jurist) einstimmig beschlossen werden. Der Jurist Binding äußert sich auch dazu, wenn ein Irrtum seitens der Gutachter vorliegt.:

„Nimmt man aber auch den Irrtum einmal als erwiesen an, so zählt die Menschheit jetzt ein Leben weniger. Dies Leben hätte vielleicht nach glücklicher Überwindung der Katastrophe noch sehr kostbar sein können: meist aber wird es kaum über den mittleren Wert besessen haben. Für die Angehörigen wiegt natürlich der Verlust sehr schwer. Aber die Menschheit verliert infolge Irrtums so viele Angehörige, dass einer mehr oder weniger wirklich kaum in die Waagschale fällt.“[13]

Hier wird deutlich, dass für Binding eine einzelne Person nichts zählt.

Alfred Hoche, Pfarrersohn und Direktor der Universitätsnervenklinik in Freiburg ist Autor des zweiten Teils des Buches: „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form. Zweite Auflage“

Die „Vollidioten der Allgemeinheit“ (heute: geistig behinderte Menschen, die zu dieser Zeit meist in psychiatrischen Anstalten untergebracht sind) belasten Alfred Hoche am meisten. Diese „Vollidioten“ würden laut Hoche „ein ungeheures Kapital in Form von Nahrungsmitteln, Kleidung, Heizung dem Nationalvermögen für einen unproduktiven Zweck entziehen. Hoche verdeutlicht seine Abscheu und seinen Hass in folgender Ausführung:

„Pflegepersonal von vielen tausend Köpfen wird für diese gänzlich unfruchtbare Aufgabe festgelegt und fördernder Arbeit entzogen; es ist eine peinliche Vorstellung, daß ganze Generationen von Pflegern neben diesen leeren Menschenhülsen dahinaltern, von denen nicht wenige 70 Jahre und älter werden. […] Unsere deutsche Aufgabe wird für lange Zeit sein: eine bis zum höchsten gesteigerte Zusammenfassung aller Möglichkeiten, Freimachen jeder verfügbaren Leistungsfähigkeit für fördernde Zwecke. Der Erfüllung dieser Aufgabe steht das moderne Bestreben entgegen, möglichst auch die Schwächlinge aller Sorten zu erhalten, allen, auch den zwar nicht geistig toten, aber doch ihrer Organisation nach minderwertigen Elementen Pflege und Schutz angedeihen zu lassen – Bemühungen, die dadurch ihre besondere Tragweite erhalten, daß es bisher nicht möglich gewesen, auch im Ernst nicht versucht worden ist, diese Defektmenschen von der Fortpflanzung auszuschließen.“[14]

Hoche unterscheidet zwischen zwei Gruppen „unheilbar Blödsinniger“:

„Geistig Tote, deren geistiger Tod erst im späteren Verlaufe des Lebens nach vorausgehenden Zeiten geistiger Vollwertigkeit oder wenigstens Durchschnittlichkeit erworben wird. Dazu zählen Greisenveränderungen des Gehirns wie jugendliche Verblödungsprozesse.“[15]

Die zweite Gruppe umfasst Personen, deren „geistiger Tod“ in frühester Kindheit erworben wurde oder angeboren ist.[16]

Hoche schreibt über Mitleid:

„Mitleid ist den geistig Toten gegenüber im Leben und im Sterbensfall die an letzter Stelle angebrachte Gefühlsregung; wo kein Leiden ist, ist auch kein Mit-Leiden.“[17]

Hoche setzt in seinen Ausführungen Begriffe ein, wie z.B. „Ballastexistenzen“, „Menschenhülsen“, „geistig Tote“, „Defektmenschen“. Diese Begriffen werden schon bald als Todesurteile für die betreffenden Personen verwendet.[18]

3.2 Hitlers Lektüre: „Der Grundriß der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene.“ Von Bauer/Fischer/Lenz

Fritz Lenz schreibt in der zweiten Auflage des Buches über Sterilisierung:

Im übrigen ist es in den meisten Fällen, was die Frage der Sterilisierung angeht, praktisch ziemlich gleichgültig, in welcher Weise ein Leiden sich vererbt; das Entscheidende ist, daß es sich überhaupt vererbt. […] Ganz allgemein kann gar nicht ernsthaft bestritten werden, dass die Fortpflanzung von Geisteskranken, schweren Psychopathen, Säufern, Schwindsüchtigen, Tauben, Blinden, Zuckerkranken usw. ganz überwiegend Unheil bringt. Und der Umstand, daß wir in den meisten Fällen nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit minderwertige Beschaffenheit der Nachkommen voraussagen können, bildet keinen vernünftigen Grund gegen die Verhinderung der Fortpflanzung Minderwertiger, sondern vielmehr dafür.[19]

Fritz Lenz, der 1923 einen Lehrstuhl für Menschliche Erblehre an der Ludwig Maximilians Universität erhält, lobt Hitler:[20]

„Von eigentlich rassenhygienischen Büchern hat Hitler, wie ich höre, die zweite Auflage des „Bauer-Fischer-Lenz“ gelesen, und zwar während seiner Festungshaft in Landsberg. Manche Stellen daraus spiegeln sich in Wendungen Hitlers wider. Jedenfalls hat er die wesentlichen Gedanken des Rassenhygiene und ihre Bedeutung mit großer geistiger Empfänglichkeit und Energie sich zu eigen gemacht.“[21]

Ob Hitler die Ausführungen von Fritz Lenz tatsächlich gelesen hat, kann nicht bewiesen werden. Textpassagen aus „Mein Kampf“ belegen eindeutig, dass die Rassenhygiene Eingang gefunden hat:

„Ein stärkeres Geschlecht wird die Schwachen verjagen, da der Drang zum Leben in seiner letzten Form alle lächerlichen Fesseln einer sogenannten Humanität der einzelnen immer wieder zerbrechen wird, um an seine Stelle die Humanität der Natur treten zu lassen, die die Schwäche vernichtet, um der Stärke den Platz zu schenken.“[22]

3.3 Erste Schritte ebnen den Weg zur Zwangssterilisation

Joseph Mayer veröffentlicht 1927 seine Dissertation „Gesetzliche Unfruchtbarmachung Geisteskranker.“ Mayer ist Assistent am Institut für Caritaswissenschaft in Freiburg, Privatdozent für Moraltheologie und Moralethik.[23]

Mayer stellt die Behauptung auf, dass Geisteskranke und Verbrecher die Menschheit überschwemmen würden, da christliche Liebe und menschliche Fürsorge der natürlichen Auslese im Weg stehen:

„Tatsächlich werden heute Tausende von Anormalen, die früher in der Einsamkeit schmutziger Winkel oder in der Verlassenheit unwirtlicher Wälder und Bergschluchten oder auf der breiten Straße des Weltgetriebes längst zu Grunde gegangen wären, mit einer Sorgfalt und Liebe gepflegt, welche Hunderttausenden von Normalen, die im harten Kampfe des Lebens stehen, schmerzlich vermissen. Während sozial tüchtige Arbeiter, gerade auch geistige Arbeiter, vielfach in dumpfen, engen Räumen das Elend der Wohnungsnot durchkosten, werden Idioten, Schachsinnige und Verbrecher nach allen Regeln der modernen Hygiene verpflegt und ihr Leben durch ärztliche Kunst verlängert. […] Staat und Gemeinde tragen ungeheure Kosten für sie. Und was das Schlimmste ist: viele Anormale erzeugen Kinder, die noch zahlreicher, noch minderwertiger und noch gefährlicher sind als sie selber.“[24]

Im selbigen Band schreibt der Moraltheologe weiter:

„Erblich belastete Geisteskranke befinden sich in ihrem Triebleben auf der Stufe der unvernünftigen Tiere. Daß sie manchmal lichte Zeiten haben, spricht nicht dagegen, denn ihre Naturanlage trägt den Mangel in sich; neue Anfälle bereiten sich vor, in denen sie wieder zur Stufe des Tieres heruntersinken.“[25]

Joseph Mayer gibt ein Zitat von einem der wichtigsten Theologen und Philosophen der Geschichte, Thomas von Aquin als sein eigenes aus und kommentiert dieses:[26]

„Darum beobachten wir: wenn zur Rettung des ganzen Körpers die Entfernung irgend eines Gliedes, das brandig oder sonst wie den anderen Gliedern verderblich ist, notwendig wird, dann ist es durchaus löblich und heilsam, daß es entfernt wird. Jede Einzelperson verhält sich aber zur Gemeinschaft wie der Teil zum Ganzen. Wenn darum ein Mensch der ganzen Gemeinschaft gefährlich ist und sie durch irgend ein Vergehen zu verderben droht, dann ist es löblich und heilsam, ihn zu töten, damit das Gemeinwohl gerettet wird.“[27]

Dieses erschreckende und menschenverachtende Werk erhielt die bischöfliche Druckerlaubnis. Außerdem wird es von der Caritas, von einigen Moraltheologen und vom päpstlichen Hausprälaten und Kirchenhistoriker Professor Georg Schreiber, der außerdem kulturpolitischer Sprecher der Zentrumspartei, war als angemessen empfunden. Mayer ist zu diesem Zeitpunkt ein gern gesehener und gefragter Redner.[28]

Der Leiter der bekannten Diakonie-Einrichtung Bethel Fritz von Bodelschwingh hielt am 29. Januar 1929 in Lübeck eine Rede mit dem Thema: „Lebensunwertes Leben?“ Bodelschwingh sieht eine beängstige Entwicklung, da „relativ die Zahl der Schwachen an Körper und Geist, der Minderwertigen wächst. Der Einrichtungsleiter benutzt zutiefst abwertende Begriffe wie z.B. „Ausmerzung der Minderwertigen, lebensunwert oder minderwertig.“ Laut Aufzeichnungen der Rede erklärt Bodelschwingh, dass er „in tiefer Ehrerbietung vor der Forschung der Rassenhygiene stehe.“[29]

Bodelschwingh wird sich 1940 „entsetzt über die erschütternden Tatsachen zeigen“ wohin die Bewegung der Rassenhygiene führte.[30]

Vom ersten bis fünften August 1929 findet der vierte Reichsparteitag in Nürnberg statt. In Hitlers Schlussrede erklärt dieser, „wenn in Deutschland jährlich eine Millionen Kinder geboren und zugleich 700.000 bis 800.000 der schwächsten beseitigt würden, wäre das im Ergebnis eine Kräftesteigerung.“[31]

Dieser Einstellung wird Aloisia Veit, eine Verwandte Hitlers zum Opfer fallen. Am 6.12. 1940 wird sie in der Gaskammer in Hartheim getötet.[32]

Der Pastor Fritz von Bodelschwingh äußert sich bei der ersten „Fachkonferenz für Eugenik des Central-Ausschusses für die Innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche.“ (vom 18. Mai bis 20. Mai 1931) zur Sterilisierung am 19. Mai 1931:

„Ich möchte es als Pflicht und mit dem Willen Jesu konform ansehen. Ich würde den Mut haben, vorausgesetzt, dass alle Bedingungen gegeben und Schranken gezogen sind, hier im Gehorsam gegen Gott die Eliminierung an anderen Leibern zu vollziehen, wenn ich für diesen Leib verantwortlich bin.“[33]

Der Direktor der Anstalt Gütersloh und Vorstandsmitglied des „Deutschen Verbands für psychische Hygiene“, der außerdem als Psychiater tätig ist, schreibt im Oktober 1931:

„Schon der Hilfsschüler kostet mehr als das Doppelte des Normalschülers. Der Mensch im Krankenhaus, in der Irrenanstalt, im Krüppelheim, im Zuchthaus, Altersheim kostet mehr, oft viel mehr, als der überwiegenden Mehrheit unseres Volkes in gesunden Tagen zur Verfügung steht.

Es wird wieder mehr gestorben werden müssen.“[34]

Der Privatdozent Kihn aus Erlangen veröffentlicht einen Artikel in der „Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie: Die Ausschaltung der Minderwertigen aus der Gesellschaft.“ Laut Kihn belaufen sich die jährlichen Ausgaben für „Geisteskranke“ und geistig behinderte Menschen auf 150 Millionen Mark:

„Das läßt die Überlegung gerechtfertigt erscheinen, ob nicht durch Preisgabe lebensunwerten Lebens unser Volk von einem großen Teil solcher Ballastexistenzen befreit werden könnte. Im Kampf gegen die Minderwertigkeit ist jede Maßnahme erlaubt, die billig erscheint und wirksam ist.“[35]

4. Hitler kommt an die Macht

Reichspräsident Hindenburg ernennt Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler. Am 27. Februar wird das Reichstagsgebäude in Brand gesetzt. Für Hitler und seine treuen Nazischergen ist das ein willkommener Vorwand, eine Verhaftungswelle gegen Regimegegner auszuführen.

Am 28. Februar wird die „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“, die sogenannte „Reichstagsbrandverodnung“ erlassen. Diese Verordnung hat fatale Folgen für das private öffentliche Leben der deutschen Bevölkerung:

„Außer Kraft gesetzt werden das Recht auf persönliche Freiheit, Meinungs-, Presse-, Vereins- und Versammlungsfreiheit sowie das Brief-, Post und Fernmeldegeheimnis.“ Trotzdem erhält die NSDAP bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 44% aller Stimmen. Mit der Koalition der „Kampffront Schwarz-Weiß-Rot“ reicht das zur Mehrheit im Reichstag.[36]

W.E.B. Du-Bois versuchte die Einstellung des deutschen Volkes folgendermaßen zu erklären:

„Deutschland hat in der unmittelbaren Vergangenheit vier Schreckensperioden durchlebt, die kein Volk durchstehen und dabei völlig normal bleiben kann: Den Krieg, den Versailler Vertrag, Inflation, Depression und Revolution. Deutschland wurde nicht nur die Blüte seiner Jugend in einem sinnlosen Krieg hingemordet, ihm wurden überdies Brot und Butter in einem sinnlosen Frieden weggenommen. Die Ersparnisse des Landes gingen verloren. Grundbesitz wurde wertlos. Die Industrie war bankrott. Der Arbeiter ohne Lohn. Es zog sich aus dem Sumpf, da erschütterte die Wirtschaftskrise die Welt. Deutschland ging es schlechter als anderen, weil es hoffnungslos verschuldet war. Adolf Hitler kam an die Macht, indem er die Welt einer Beschwörung beschuldigte, Deutschland wirtschaftlich auszuhungern. Die Industrie hatte Angst, die Landjunker hatten Angst, die Manager, Ingenieure und Ladenbesitzer hatten Angst. Und sie folgten einem Mann, der zuerst ein Witz, dann eine Plage und plötzlich ein Diktator war.“[37]

Viele Menschen freuen sich, dass der Führer an der Macht ist. Doch einige Jubelnden sind sehr bald Opfer des Regimes. Der geistliche Robert Wilckens, der die badische Anstalt für „Geistesschwache“ in Mosbach leitet:

„Schon Jahre vor der Revolution bemalten unsere Buben Wände und Bänke mit Hakenkreuzen und grüßten mit erhobenen Arm. Als aber am 5. März die nationalsozialistische Bewegung in heißem Wahlkampf den Sieg davon trug, war die Freude und der Jubel der Angestellten und Kinder groß.“[38]

Der neue Reichstag wird am 21. März 1933 in Berlin eingeweiht. Philipp Bouhler ist Reichstagsabgeordneter und NSDAP Mitglied Nr. 12. Bouhler, der zu dieser Zeit Schriftführer der „Nationalsozialistischen Gesellschaft für Deutsche Kultur“ ist, wird 1939 von Hitler mit der „Euthanasie“ beauftragt.[39]

Die Abgeordneten der Zentrumspartei, der Deutschnationalen und der Bayerischen Volkspartei stimmen am 24. März mit den Nationalsozialisten für das „Ermächtigungsgesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“. Dieses Gesetz ermächtigt Hitler zur gesetzgebenden und ausführenden Gewalt. Der Diktator Hitler kann laut Gesetz von nun auch die Verfassung ändern.[40]

Am 1. April 1933 zeigt die NSDAP, was sie von der jüdischen Mitbevölkerung hält. Die NSDAP ruft zu einem reichsweiten Boykott jüdischer Einrichtungen auf. 1933 leben ungefähr 540.000 Juden im Deutschen Reich.[41]

Eine SA Einheit stürmt am Morgen des 1. Aprils 1933 das jüdische Krankenhaus Moabit in Berlin.

Erich Simenauer, der Chirurgieprofessor notiert mit welcher unmenschlichen Brutalität die SA Einheit an diesem Morgen vorging:

„Rechts und links von mir wurden einige Leute mit Knüppeln so lange geschlagen, bis sie tot waren, es war entsetzlich. Wenn sie sie wenigstens erschossen hätten, aber sie haben sie zu Tode geknüppelt.“[42]

Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtenstatus wird verabschiedet.“ Dies bedeutet, dass alle Beamten, die nicht arischer Abstammung sind, in den Ruhestand zu entlassen sind. Alle jüdischen Ärzte und Hochschullehrer wurden entlassen. Außerdem wurden sozialistische und sozialdemokratische Ärzte in den Ruhestand geschickt.[43]

Etwa 50% aller Psychiater in Deutschland treten zu dieser Zeit in die NSDAP ein Keine Berufsgruppe schließt sich mit solch einem Enthusiasmus des NS-Regimes an. „Die Psychiatrie im Nationalsozialismus zählt zu den dunkelsten Kapiteln der Geschichte des Fachgebiets.“[44]

Die psychiatrische Ärzte werden sich in dieser Arbeit noch als die brutalsten Helfer auf dem Weg zu einem gesunden Deutschen Volkskörper erweisen. Sie werden dem Zitat „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ aus dem Gedicht „Todesfuge“ alle Ehre machen.

Bei den Lehrern sind es etwa nur 25%, die sich der NSDAP anschließen.[45]

Diakonische Einrichtungen sind besonders eifrige Parteifreunde der NSDAP. Laut Chefarzt Wilhelm Philipps, der die Anstalt Tannenhof bei Remscheid-Lüttringhausen, leitet, hatte man „bereits in den Kampfjahren“ 75% der Stimmen für Hitler gegeben. Die Gesinnung der Ärzteschaft aus dem Tannenhof zeigte sich eindeutig Jahre später in der Praxis. Der Tannenhof gehörte zu den Anstalten mit sehr hohen Sterberaten.[46]

Am 14. Juli 1933 ist das Reich vollends gleichgeschaltet, denn es wird das „Gesetz gegen die Neubildung von Parteien“ verkündet.[47]

5. Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses

Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, auch „Erbgesundheitsgesetz“ genannt, wird am 14. Juli 1933 veröffentlicht, offiziell tritt es aber erst am 1. Januar 1934 in Kraft.

Der § 1 des Gesetztes lautet:

„Erbkrank im Sinne dieses Gesetzes ist, wer an einer der folgenden Krankheiten leidet:

1. angeborenem Schwachsinn, 2. Schizophrenie, zirkulärem (manisch-depressiven) Irresein, 4. erblicher Fallsucht, 5. erblicher Taubheit, 8. schwerer erblicher körperlicher Mißbildung. Ferner kann unfruchtbar gemacht werden, wer an schwerem Alkoholismus leidet.“

Dieses Gesetz ist mit einem Kommentar versehen, der sich auf die Ausführungen in Hitlers „Mein Kampf“ , stützt. Hitler schreibt in seiner Propagandaschrift, die zum Bestseller wurde folgendes:

„Wer körperlich und geistig nicht gesund und würdig ist, darf sein Leiden nicht im Körper seiner Kinder verewigen. Der Staat muss dafür Sorge tragen, daß nur, wer gesund ist, Kinder zeugen darf.[48]

Arthur Gütt, einer der Autoren des Gesetzes leitet zu dieser Zeit die Abteilung Volksgesundheit im Reichsinnenministerium als Ministerialdirektor. Weitere Autoren des Gesetzes waren von Ploetz und Rüdin. Arthur Gütt begründet für das Deutsche Volk das rigorose Gesetz in einer Radiorede am 26. Juli 1933. Er verkündet, dass das Eingreifen des Staates notwendig sei, da sonst in drei Geschlechterfolgen fast nur noch „Minderwertige“ übrigbleiben würden. Er fügt außerdem hinzu, dass die Zwangssterilisation „eine Tat der Nächstenliebe“ gegenüber den nächsten Generationen darstellen würde. Die „Reinigung des Volkskörpers“ so Gütt wörtlich „sei wahrhaft sozialem Mitempfinden entsprungen.“ Selbstverständlich müsse man auch die wirtschaftliche Seite betrachten. Geistesschwache, Geisteskranke, Hilfsschüler und Asoziale würden dem Deutschen Staat jährlich Millionen von Reichsmark kosten.[49]

Schon jetzt (1933) wird auf den menschenverachtenden Züchtungsgedanken hingewiesen. So soll das Ziel sein, ein möglichst große Zahl von Trägern geistiger Gesundheit zu züchten.[50]

Laut einer aus dem Jahre 1934 stammenden Statistik, gibt an, welche Menschen am häufigsten zwangssterilisiert wurden.

– Schwachsinnige (Hilfsschüler): 60%
– Schizophrene: 25,4%
– Epileptiker: 14%
– Manisch-Depressive: 3,2%
– Alkoholiker: 2,4%
– Taube: 1%
– Blinde: 0,6%
– Körperbehinderte: 0,3%
– Menschen, die unter Chorea Huntington litten: 0,2% (früher Veitstanz = unheilbare und ausnahmsweise echte Erbkrankheit, die zur Erkrankung des Gehirns führt.)[51]

Was eine Erbkrankheit ist, entscheidet das Gesetz. Nachweise, ob es sich tatsächlich um Erbkrankheiten handelt, werden nicht benötigt.[52] Sogar die NS-Funktionäre schrecken davor zurück Schwachsinn als eine Erbkrankheit zu bezeichnen.

„Ausdrücklich ist im Gesetz nur von angeborenem und nicht von erblichem Schwachsinn gesprochen.“[53]

Dennoch findet man einen Weg, „Schwachsinnige“ unfruchtbar zu machen:

Laut dem Erbgesundheitsobergericht in Jena wird 1935 beschlossen, dass Hilfsschulbedürftigkeit immer für das Bestehen eines angeborenen Schwachsinns spricht. Sterilisiert werden von nun an Kinder ab 14 Jahren.[54]

Die Untermauerung des Beschlusses ist so formuliert, dass ihr nicht zu entgegnen ist. Anton Müller vom Erbgesundheitsgericht Hamm wurde auf Antrag des leitenden Arztes in Bethel am 16. Mai 1939 zur Sterilisierung verurteilt. Er schrieb:

„Das Gesetz verlangt nicht, daß ein angeborener Schwachsinn vorliegt, sondern nur, daß der Schwachsinn angeboren ist. D.h. Die Unfruchtbarmachung muß bei Schwachsinnigen immer angeordnet werden, es sei denn, daß nachgewiesen wird, daß der Schwachsinn durch eine äußere Ursache entstanden ist“[55]

Karl Jaspers veröffentlicht 1942 die vierte Auflage seiner „Allgemeinen Psychopathologie.“ Karl Jaspers beweist in diesem Band, das von dem NS-Regime verboten wurde, dass Erbkrankheiten in der Psychopathologie der großen Psychosen bisher nicht gefunden wurden.[56]

Erbkranke sind von Ärzten, Hebammen, Schwestern, Zahnärzten, Masseuren und Heilpraktikern zur Anzeige zu bringen. Diese Berufsklassen sind verpflichtet, Erbkranke zu melden.

Das Hauptziel, dass Rüdin schon 1911 gefordert hatte und sich Fritz Lenz seit 1934 wünschte, ist, „dass über jeden Staatsbürger bzw. Einwohner eine erbbiologische Akte geführt wird.“[57]

Kurt Pohlisch ist Leiter des „Rheinische Provinzialinstitut für psychiatrisch-neurologische Erforschung.“ Dieses Institut hat bis 1936 1,1 Millionen Personenakten archiviert. Betroffen sind Menschen aus Krankenanstalten und Heimen, alle Fürsorgezöglinge, Hilfsschüler, alle Fälle der Erbgesundheitsgerichte und „asoziale Elemente“ (laut Akten der Arbeits- und Wohlfahrtsämter).[58]

Die Bürokratie des NS Regimes zur Durchführung der Sterilisierungen hat wahnsinnige Ausmaße angenommen. Die insgesamt 205 Erbgesundheitsgerichte (EGG) sind einem Amtsgericht angegliedert. Besetzt sind diese mit einem Amtsrichter als Vorsitzenden, drei Richtern, einem Arzt und einem beamteten Arzt, die sich mit Erbgesundheitslehre besonders vertraut gemacht haben. Auch die Ärzte fungieren nicht als Sachverständige, sondern als Richter.[59]

Karl Bonhoeffer, der Direktor der Universitätsklinik der Berliner Charité wird stets nach 1945 behaupten, dass er niemals Patienten zur Sterilisierung den Erbgesundheitsgerichten gemeldet habe.[60] Diese Aussage gilt lediglich für seine Privatpraxis. Tatsächlich werden zwischen 1934 und 1942 etwa 2000 Gutachten zur Zwangssterilisierung erstellt.[61]

Ärzte wie Bonhoeffer geben diesem menschenverachtenden Gesetz eine wissenschaftliche Autorität. Viele Ärzte sagten nach 1945 aus, dass sie nur mitgemacht hätten, um kranken Menschen durch falsche Diagnosen zu helfen.

Fest steht aber, dass alle Ärzte, die für die Sterilisierungsgerichte gearbeitet haben, ein „nationalsozialistisches Denken voraussetzendes Amt bekleideten“. Außerdem wurden die Ärzte politisch von der NSDAP, der Ärztekammer und Gestapo überprüft.[62]

Das Urteil zur Zwangssterilisation wird stets ohne die Anwesenheit der Opfer gefällt. Die Gutachten sind oft nicht länger als ein DIN-A 4 Blatt. Sehr häufig wird in einem Formular nur noch die Diagnose und der Name des Opfers eingefügt. Rechtsanwälte, die ab 1935 zugelassen sind, können bei den insgesamt 26 Erbgesundheitsobergerichten in Berufung gehen. Sinnigerweise können Rechtsanwälte von den Gerichten auch vollkommen ausgeschlossen werden.[63]

Goebbels, der selbst einen Klumpfuß hat, bleibt von einer Sterilisierung natürlich verschont, obwohl der erbliche Klumpfuß ausdrücklich im Sterilisierungsgesetz aufgeführt ist.[64]

Die eigentliche Sterilisierung findet in lizenzierten Kliniken statt. Die Ärzte, die die Sterilisierung durchführen, benötigen eine so wörtlich „Ermächtigung“.

Bei Männern wird der Samenleiter durchtrennt und bei Frauen werden die Eileiter durchtrennt.

5.1 Die Haltung der Kirchen zur Zwangssterilisation

Private, wie auch kirchliche Einrichtungen können gegen ihren Willen nicht gezwungen werden Zwangssterilisationen durchzuführen.[65] Dennoch können diese Anstalten eine Genehmigung einholen. Beispielsweise hat die pflichtbewusste Anstalt Hephata/Treysa, die heute noch geistig behinderte Menschen betreut, am 14. Mai 1934 eine Genehmigung zur Zwangssterilisation vom Reichspräsidenten in Kassel erhalten.[66]

Evangelische Träger waren überzeugte Rassenhygieniker: Über 20 % aller zur Zwangssterilisation zugelassenen Anstalten waren evangelische Krankenhäuser.[67]

Beispielsweise ließ die Diakonieanstalt Rotenburg an der Wümme ihre Schutzbefohlenen in der Klinik des Diakonissen – Mutterhauses sterilisieren.[68] Die Diakonieanstalt Rotenburg an der Wümme heißt heute: Diakoniekrankenhaus Rotenburg an der Wümme und stellt sich auf der Homepage so dar, als wäre die Anstalt schon seit dem damaligen Zeitpunkt bis heute nur darauf bedacht, Menschen zu heilen und zu pflegen:

"Wir glauben, dass wir bei Gott in guten Händen sind. Das geben wir an alle weiter, die uns anvertraut sind." Aus dieser Überzeugung begannen Diakonissen unseres Hauses im Jahre 1860, sich für Pflegebedürftige und Kinder einzusetzen.“[69]

Einige Anstalten, wie die Diakonie-Einrichtung Halle nahmen Sterilisierungen selbst vor. Der Rassenhygienewahn trieb die Ärzte so weit, dass sie sogar eine 57-jährige Krankenschwester, die im eigenen Haus arbeitete, wegen Epilepsie sterilisierten.

Die evangelische Kirche war geradezu ein Verfechter von Zwangssterilisationen. So verkündete Pastor Adolf Nell, der die Evangelische Bildungs- und Pflegeanstalt Hephata in Mönchengladbach leitete: „Die Sterilisierung ist die sittliche Pflicht aus Nächstenliebe“[70]

Der Chefarzt der holsteinischen Diakonie-Anstalt Rickling (ein psychiatrisches Zentrum und Einrichtung für behinderte Menschen) Behnsen verkündete1934 stolz, dass man schon eine Reihe von Mädchen sterilisiert habe. Sechs Mädchen wurden sogar schon vor dem Gesetz sterilisiert.[71]

Der Dozent der Betheler Einrichtung für geistig behinderte Kinder und Erwachsene Volkmar Herntrich schrieb in der Zeitschrift „Bekennende Kirche – Junge Kirche:“ Man müsse diejenigen preisen, die heute durch Erbgesetzgebung diesem namenlosen Elend wirkungsvoll begegneten. „Wir müssen diejenigen preisen, die es uns in neuer Weise gelehrt haben, den Leib rein zu halten.“[72]

Der Menschenfreund Volkmar Herntrich wurde 1956 Bischof von Hamburg.[73]

Die katholische Kirche war teilweise gegen das Sterilisierungsgesetz, da dies im Widerspruch zur päpstlichen „Enzyklika Casti connubii“ von 1930 steht.[74] Diese beschäftigt sich mit der „christlichen Ehe im Hinblick auf die gegenwärtigen Lebensbedingungen und Bedürfnisse von Familie und Gesellschaft.“[75]

Der Jesuit Franz Hürth ist zwar gegen die Zwangssterilisation, sagt aber, dass sterilisierte Männer als „impotent“ anzusehen wären und aus diesem Grund zur Eheschließung nicht zuzulassen wären.[76]

Franz Keller, der Moraltheologe aus Freiburg passt sich mit seiner Aussage deutlich dem Willen des NS-Regimes an:

„Das Ziel des Gesetzes ist nicht die Unfruchtbarmachung eines Individuums, sondern die Verhütung erbkranken Nachwuchses, was an sich ein gutes Ziel ist. […] Der Staat als berufener Hüter der gesunden Erbmasse, der gesunden Stämme eines Volkes, hat deshalb alles zu tun, um diese Gefahr abzuhalten.“[77]

Man sollte sich stets vergegenwärtigen was man in dieser Zeit als erbkrank bezeichnete:

Ludwig Sebastian, der Bischof von Speyer war der Meinung, dass der Staat kein Recht habe, in die Unversehrtheit des menschlichen Körpers einzugreifen. Trotzdem war er der Meinung, dass die erblich Belasteten „verwahrt“ werden sollten.[78]

Michael Buchberger, der Regensburger Bischof hatte eine sehr rege Phantasie über das Leben von Anstaltsbewohnern. Er war vollkommen überzeugt, dass seine Phantasien der Realität entsprächen. Buchberger schrieb 1933 an den Kardinalerzbischof von München, Michael von Faulhaber:

„Es gibt beispielsweise in Anstalten geistig, körperlich und moralisch so abnorme und kranke Menschen, daß die sexuellen Exzesse, die bei ihnen etwas Alltägliches sind, zu dem Schmutzigsten und Schrecklichsten gehören, was man sich denken kann. Und hier gibt es faktisch keine andere Möglichkeit der Verhinderung als einen operativen Eingriff.“[79]

Michael von Faulhaber war ein Gegner der Zwangssterilisation. Er wandte sich 1933 an den Erzbischof von Breslau Adolf Bertram. Faulhaber schrieb, dass er für „Internierung“ der „Schädlinge“ sei, da der Staat bereits für „Schutzhäftlinge“ Lager gebaut habe, die man auch für die „Schädlinge“ verwenden könne und damit auf Sterilisationen verzichten könne.[80]

In Freiburg fand am 20. Januar 1934 im Erzbischöflichen Ordinariat ein Treffen mit dem damaligen badischen Oberregierungsrat Hans-Albrecht Grüninger statt. Herr Grüninger versuchte die anwesenden Katholiken zu überzeugen, dass die „Anzeigepflicht in keiner Weise den katholischen Glaubensgrundsätzen widerspreche und von den gläubigen Katholiken ohne Gewissenskonflikte erfüllt werden könne.“

Das Treffen wurde dokumentiert und am 26.01.1934 in der „Freiburger Tagespost“ veröffentlicht.

Der Generalvikar Prälat Adolf Rösch schickte den Artikel am 27.01.1934 „an die Hochwürdigsten Erzbischöflichen Ordinariate.

Konkret bedeutete dies, dass katholische Vormünder, Ärzte, Fürsorger, Richter, Anstaltsleiter und Krankenschwestern gezwungen wurden, der Zwangssterilisation zuzuarbeiten.

Hans-Albrecht Grüninger wird später für sein Engagement mit dem Titel SS-Sturmbandführer ausgezeichnet und wird Abteilungsleiter in der Kanzlei des Führers.[81]

Der Kölner Kardinal Carl Joseph Schulte leitete am 18. und 19. Februar die „Konferenz der Bischöfe der Kölner Kirchenprovinz“ in einem Priesterseminar in Bensberg bei Köln.

Die Konferenz konnte sich darauf einigen, dass das Anzeigen von Erbkrankrankheiten gestattet werden dürfe, da der erbkranke Mensch nach vollzogener Anzeige in eine geschlossene Abteilung überführt werden könne. Anträge auf Sterilisierung dürfen jedoch nicht gestellt werden, es sei denn, eine Weigerung würde Nachteile für den betreffenden verbeamteten Katholiken, durch den Staat nach sich ziehen.[82]

Dies bedeutet, das die Angst vor dem Staat auch die katholische Kirche nicht vor der Zwangssterilisation erbkranker Menschen zurückschrecken würde.

Der für seine NS-Symphatien genannte „Brauner Konrad“ war Erzbischof und hieß mit bürgerlichem Namen Konrad Gröber. Gröber versuchte den Nazis eine große Hilfe zu sein. Gröber forderte im Januar 1935 für ein geplantes Rundschreiben an die Gläubigen seines Bistums ein „kirchliches Eheverbot für erblich Belastete“. Er begründete dies, dass die Kirche kein Interesse habe, „daß sich offenkundig körperliche und seelische Entartungen mit all ihrem Unglück und ihren Verbrechen durch die Eheschließung fortpflanzen.[83]

Kurioserweise belehrte der Gestapochef Karl Berckmüller - zum Glück für die Betroffenen - den „Braunen Konrad.“

„Keinesfalls macht die Sterilität, ob natürlich oder ärztlich herbeigeführt, zur Ehe untauglich. Der Inhalt dieser Stelle des Hirtenbriefes ist daher meines Erachtens nicht geeignet, in dieser Form der Öffentlichkeit bekanntgegeben zu werden, da dadurch eine lebhafte Beunruhigung der katholischen Bevölkerung hervorgerufen würde.“[84]

Reichsinnenminister Frick verkündete am 06. Februar 1935 einen Erlass, dass erbkranke Ordenspersonen, Priester und Mutterhausschwestern nicht sterilisiert würden, wenn sie in einer geschlossenen Anstalt beschäftigt würden.[85]

Dieser Erlass sollte wohl die katholische Kirchengemeinde beruhigen.

Am 04. November 1936 trafen sich von 11 bis 14 Uhr am Obersalzberg, Hitler, Kardinal Faulhaber, der damalige Chef der Reichskanzlei Hans Lemmers und der Reichsminister Rudolf Heß.

Bei den Themen Bolschewismus und Juden waren Hitler und Faulhaber überwiegend einer Meinung.[86]

Faulhaber konnte sich allerdings beim Thema bezüglich des Kampfes der Kirche gegen die Rassengesetzgebung mit Hitler nicht anfreunden.

Faulhaber wörtlich:

„Von kirchlicher Seite, Herr Reichskanzler, wird dem Staat nicht verwehrt, im Rahmen des Sittengesetzes in gerechter Notwehr diese Schädlinge von der Volksgemeinschaft fernzuhalten. In diesem Obersatz sind wir einig. Wir gehen aber auseinander in der Frage , wie sich der Staat gegen das Verderbnis der Rasse wehren kann.“

Kardinal Faulhaber bemühte sich Hitler zu beruhigen, indem er sich darauf bezog, dass es auch schon früher Gesetze gegeben habe, die vom Staat bewilligt wurden aber von der Kirche missbilligt wurden. Als Beispiel gab Faulhaber die Ehescheidung an, da diese von staatlicher Seite geduldet würde, aber die Kirche die Ehe für unauflöslich erklärt habe.

Diese Unterredung, die selbstverständlich streng vertraulich dokumentiert wurde, bedeutete auch eine Art Beendigung der Meinungsverschiedenheiten. Faulhaber stellte fest, dass „der Herr Reichskanzler, so machte es den Eindruck, in dieser Frage ruhiger geworden, war.“[87]

5.2 Ausweitung des Begriffs „Lebensunwertes Leben“

Der „Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge“ wandte sich 1933 an Rudolf Heß, dass man gegen Landstreicher und andere Asoziale vorzugehen habe.:

„Als Arbeitsscheue, Gewohnheitsbettler, Landstreicher, Trinker, Rauschgiftsüchtige und Prostituierte sind sie Parasiten an unserem Volkskörper.“[88]

1933 sind viele Zwangsarbeitsanstalten durch massenhafte Verhaftungen überfüllt. 1934 werden die ersten Landstreicher ins KZ Dachau eingeliefert. Als Selektionsinstrument dient der „Bayerische Landesverband für Wanderdienst,“ der von NSDAP Gauleiter Adolf Wagner 1934 gegründet wurde.[89]

Leiter des Wanderdienstes (Landstreicher wurden damals Wanderer genannt) war SA-Sturmbandführer Alarich Seidler, der ein Buch mit dem Namen „Der Staat als Retter - Der Wanderdienst, die Lebensschule der Heimatlosen“ 1935 veröffentlichte. Seidler verdeutlichte mit der Hauptaussage, dass Deutschland nur für Menschen sei, die dem Staat von Nutzen wären.

Seidlers Kernsatz:

„Das Dritte Reich macht Schluß mit dieser kostspieligen Züchtung eines staatsgefährlichen Proletariats, die von allen staatsfeindlich marxistischen Parteien bewußt gefördert wurde.“[90]

Menschen, die nicht in das Bild des schaffenden Volkes passten, ging es in Nazi-Deutschland zusehends schlechter. Alarich Seidler hält eine sehr direkte Rede auf der Hauptversammlung des „Gesamtverbandes deutscher Wandererarbeitsstätten“, die am 13. und 14. Oktober in Bielefeld statt fandt. Seidler wörtlich:

„Wer heute in Bayern als Hilfsbedürftiger ein Krankenhaus betritt, ist sozusagen schon verhaftet.“[91]

Der Hamburger Direktor der Wohlfahrtsanstalten referiert hasserfüllt von: „Volksschädlingen, Schmarotzern und Infektionsquellen.“[92]

1938 erschien das NS-Standardwerk „Der nicht seßhafte Mensch.“ Beispielsweise behauptete der Juraprofessor Franz Exner darin: „Es sind wandernde Bazillenherde, vor deren moralischer Ansteckung unser Volk geschützt werden muß.“[93]

Der neue Chefarzt von Bethel Werner Villinger behauptete in seinem Aufsatz „Welche Merkmale lassen am jugendlichen Rechtsbrecher den künftigen Gewohnheitsverbrecher voraussehen?“ Allen Ernstes stellte er die These auf, dass es eine „endogene“, also eine angeborene „Arbeitsscheu“ gebe![94]

Welche geistige Verblendung, welches grausame und gewalttätige Gedankengut trieb diese Menschen an? Was war die Triebfeder? Kann ein einziger Mann intelligente Menschen verrohen und in seinen Bann ziehen?

Doch es sollte noch schlimmer kommen, dies stellte erst den Grundstein für die bevorstehende brutalste Realität dar, die mit ihren Fleischerhaken auf die Menschen, die nicht in das moderne Nazi-Deutschland passten, warteten.

Die NS-Regierung versuchte in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, mit ihren Maßnahmen die Bekämpfung des Verbrechertums voranzutreiben. In Wirklichkeit wurden nur billige Arbeitskräfte gesucht, die beim Bau von Autobahnen, Kasernen und Flughäfen für einen Hungerlohn arbeiten mussten. Dies war Görings Vierjahresplan, dessen Ziel es war, das Land wieder kriegstauglich zu machen.[95] Die Bevölkerung und die Weltgemeinschaft glaubte noch zu dieser Zeit Hitlers Friedensschwüren, da er doch selbst im ersten Weltkrieg in den Schützengräben gekämpft habe und wisse, was Krieg bedeutete.[96]

Der Journalist William Shirer, der sich drei Jahre (von 1934 bis 1937) in Deutschland aufhielt und über Deutschland für amerikanische Radiosender berichtete, schreibt ein bitteres Resumee über Deutschland, das verdeutlicht, welche Triebkräfte in Nazi-Deutschland herrschten:

„Trotz unserer Arbeit als Reporter glaube ich, dass man nicht viel über das dritte Reich weiß. Was es darstellt, was es im Schilde führt, wo es hingeht, zuhause oder woanders. Deutschland ist stärker als seine Gegner merken. Tatsächlich an Rohstoffen und Lebensmitteln ist es ein armes Land. Doch es macht diese Armut wett mit geistiger Aggressivität, rücksichtsloser Planwirtschaft, konzentrierten Anstrengungen und dem Aufbau einer stolzen Militärmaschine, die die aggressive Gesinnung unterstützt. Die Dynamik der Bewegung ist nicht leicht in Worte zu fassen, die verborgenen Triebkräfte der Deutschen, die Skrupellosigkeit von Hitlers langfristigen Zielen oder die komplizierte und revolutionäre Art und Weise das Land für einen totalen Krieg zu mobilisieren. Wenn die Feuerwehr aus Paris, London oder New York zu Besuch kommt, brabbelt Hitler nur vom Frieden. War er doch selbst in den Schützengräben des letzten Krieges. Er wisse was Krieg ist. Nie wieder will er die Menschheit dazu verdammen. Frieden? Lest „Mein Kampf“ Brüder. Zuerst wird Frankreich ausgelöscht, sagt Hitler darin und dann wird der große Vormarsch gen Osten beginnen.“[97]

Weiterhin analysiert William Shirer 1937 in seinem Tagebuch schonungslos die Aufrüstung der Deutschen. Liest man diese Zeilen, wird deutlich, dass für kranke und behinderte Menschen in Deutschland kein Platz ist, da sie für das Volk nutzlos seien:

„Wisst ihr was die Zeitung „Deutsche Wehr“, die für die Militärs in diesem Land spricht vor zwei Jahren bemerkte (1935)? Jede menschliche und soziale Aktivität ist nur gerechtfertigt, wenn sie den Kriegsvorbereitungen nützt. Der neue Mensch wird völlig an den Gedanken an einen neuen Krieg beherrscht. Er darf und kann an nichts anderes denken. Und was folgt daraus? Wieder die Deutsche Wehr. Totaler Krieg bedeutet das vollständige und endgültige Verschwinden der Besiegten von der Bühne der Geschichte. Hitlers zufolge ist das Deutschlands Weg. Der Druck auf das Leben der Menschen und die wirtschaftlichen Strukturen ist jetzt schon furchtbar. Vielleicht wird es Risse geben. Die Jugend aber ist fanatisch, genauso wie die alten Kämpfer, die sich in den frühen Tagen Hitler angeschlossen haben und mit guten Posten, Macht und Geld belohnt wurden. Die Bankiers und die Industriellen machen mit. Sie müssen es. Es ist entweder das oder das Konzentrationslager. Da gilt auch für die Arbeiter. Trotz allem haben sechs Millionen wieder Arbeit und sie sehen, dass Deutschland sich vorwärts bewegt und sie mit ihm.In diesem Herbst 1937 werde ich Deutschland verlassen, die Strophe eines Nazimarsches in den Ohren klingend: „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“.“[98]

Ich halte es für sehr wichtig, diese beiden Zitate von William Shirer in dieser Arbeit einzubringen. Shirer war ein unabhängiger Zeitzeuge, der Nazi-Deutschland bereiste und Amerika mit Informationen versorgte. Unabhängige Zeitzeugen, die von der Propaganda des Regimes nicht beeinflusst wurden, sind äußerst selten und wertvoll um sich ein wahres Bild von Deutschland zu machen. Echte Innenansichten aus Deutschland, können nur unabhängige Personen darstellen.

Die geheime Aktion „Arbeitscheu Reich“, die den Höhepunkt des Vierjahresplans darstellte, war ein Erlass Himmlers vom 26.01.1938, der zur Folge hatte, dass im April 1938 die Staatspolizei „Asoziale“ und „Arbeitscheue“ verhafteten und in das unlängst errichtete KZ Buchenwald überlieferten.[99]

Laut Erlass ist als ein arbeitscheuer Mensch folgendermaßen definiert:

„Arbeitsscheue im Sinne dieses Erlasses sind Männer im arbeitsfähigen Lebensalter, deren Einsatzfähigkeit in der letzten Zeit durch amtsärztliches Gutachten festgestellt worden ist oder noch festzustellen ist, und die nachweisbar in zwei Fällen die ihnen angebotenen Arbeitsplätze ohne berechtigten Grund abgelehnt oder die Arbeit zwar aufgenommen, aber nach kurzer Zeit ohne stichhaltigen Grund wieder aufgegeben haben.[100]

Im Sinne der straffen Durchführung des Vierjahresplans, der jede arbeitsfähige Kraft benötigte, veranlasste der Chef der Reichskriminalpolizeiamtes eine weitere Verhaftungswelle, der weit über 10.000 Menschen zum Opfer fielen. Diese „asozialen Kräfte“, wie z.B. Landstreicher, Zigeuner, Bettler, Taschendiebe, Jahrmarktsgaukler, Zuhälter, Säufer, Alimentedrückeberger, Menschen, die etwa zweimal zu spät zur Arbeit kamen „liefen eine Erziehungskur zur Arbeit in den hierzu hervorragend geeigneten Konzentrationslagern durch. Unter diesen „Asozialen“ waren auch Tausende Menschen, die von ihren „Betriebsführen“ oder „Parteigenossen“ aus irgendwelchen Gründen als „arbeitsscheu“ angezeigt wurden und daraufhin in Arbeitslager oder Konzentrationslager überstellt wurden.[101]

Das Nazi-Regime unterhielt von 1933 bis 1945 insgesamt 24 Stamm-Konzentrationslager. Das erste KZ wurde 1933 in Dachau eröffnet. Eines der größten Lager war das berüchtigte KZ Buchenwald. Es war über 100 Quadratkilometer groß. Zum Vergleich, die Stadt Heidelberg misst ca. 106 Quadratkilometer. Alle Lager dienten dem selben Zweck: Der Rüstungsindustrie. Jedes Lager, war mit einer Fabrik verbunden, die Kriegsmaterialien herstellten.

In Deutschland hatte man nur ein Recht zu leben wenn man dem Volk dienlich war. Das bedeutete für die Kriegsaufrüstung tauglich war.

5.3 Die Sterilisierung behinderter Kinder an Hilfsschulen und Sonderschulen

Sonderschulen für Lernbehinderte oder Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen, nannten sich früher Hilfsschulen. „Die Hilfsschule entlastet die Volksschule, damit ihre Kräfte ungehemmt der Erziehung der gesunden deutschen Jugend dienen können.“[102]

Die Staatliche Blindenschule Berlin-Steglitz ist die älteste Blindenschule Deutschlands, außerdem ist das Ausbildungszentrum aller Blindenlehrer.[103] Relativ unbekannt ist, dass es ab 1933 blinde Hitlerjungen gab, die HJ-Armbinde wurde durch eine Blindenbinde ersetzt. Die Blinden-HJ wurde auch in der Blindenschule Berlin-Steglitz gegründet.[104]

Blinde Schüler, die eine Körperbehinderung aufwiesen, durften das Schulgelände nicht verlassen, dafür durften sie die HJ-Uniform tragen.[105]

Blinden Schülern mit einer geistigen Behinderung war es verboten, die Schule zu besuchen. Dazu Alfred Krampf ein Sonderpädagoge: „Der Hitlerjunge in seiner schmucken Uniform darf in seinem Gesicht keine Züge geistiger Verblödung tragen.“[106]

Neben den blinden Schülern, wurde es den gehörlosen und taubstummen Schülern gestattet, die HJ-Uniform zu tragen.[107] Körperbehinderte Schüler durften die Uniform nur bis 1937 tragen.[108]

Die generell als schwachsinnig geltenden Hilfsschüler durften ab 1936 die HJ-Uniform, die als Ehrenkleid des Führers, galt tragen, aber nur wenn sie die sogenannte „Pimpfenprobe“, die die Kenntnis, des HJ-Fahnen- und des Horst Wessels-Lieds sowie einige sportliche Leistungen verlangte, bestanden.

Etwa 400.000 Personen werden zwangssterilisiert. Laut Prof. Dr. Hänsel sind ca. 60 % der Betroffenen die „angeborenen Schwachsinnigen. Leider lässt sich diese Zahl nicht genau bestimmen, da viele Akten im Krieg zerstört wurden.[109]

Die Sonderpädagogik hat die Beteiligung der Hilfsschule nach 1945 bezüglich der Zwangssterilisation empirisch so gut wie gar nicht untersucht.[110] Brigitte Hofmann-Mildebrandt gibt als Ergebnis ihrer Untersuchung von Hilfsschulehrergutachten an, dass „Hilfsschullehrerinnen und -lehrer mehrheitlich ihren Schülerinnen und Schülern mit Empathie und Verständnis begegneten.“ Sie wertet diese Gutachten als empirischen Beleg für eine deutliche Abweichung des Verhaltens der Lehrerinnen und der Lehrer von der offiziellen Haltung der Verbandsführung.“[111]

[...]


[1] Du-Bois, 1937

[2] Abb. 1 aus Marche of Time – Insight Nazi-Germany 1937

[3] Vgl. Weß, zitiert nach: Ploetz, 1989, S. 96 ff.

[4] Ebenda S. 97

[5] Weß, zitiert nach: Ploetz, 1989, S. 98

[6] Vgl. Klee, 2010, S. 20

[7] Vgl. Lösch, 1997, S. 97 f.

[8] Ebenda, S. 21

[9] Ebenda, S. 22

[10] Binding/Hoche, 1922, S. 27

[11] Klee, 2010, S. 22

[12] Binding/Hoche, 1922, S. 31

[13] Ebenda, S. 28

[14] Ebenda, S. 55

[15] Ebenda, S. 51

[16] Klee, 2010, S. 24

[17] Binding/Hoche, 1922, S. 59

[18] Vgl. Binding/Hoche, 1922, S.26

[19] Lenz/Baur/Fischer, 1923, S. 186

[20] Vgl. Klee 2010, S. 28

[21] Weingart/Kroll/Bayertz zit. nach Lenz 1966, S.373

[22] Hitler, 1939, S. 145

[23] Vgl. Klee, 2010, S. 29

[24] Mayer, 1927, S. 45

[25] Ebenda, S. 111

[26] Vgl. Klee, 2010, S. 30

[27] Mayer, 1927, S. 123

[28] Vgl. Klee, 2010, S. 31

[29] Ebenda, S. 31

[30] Vgl. Strohm, 2010, S. 128

[31] Klee, 2010, S. 31

[32] Vgl. Klee, 2010, S. 31

[33] Klee, 2010, S. 33

[34] Ebenda, S. 33

[35] Ebenda, S. 33

[36] Vgl. Klee, 2010, S. 34

[37] Du-Bois, 1937

[38] Scheuning, 1997, S. 25

[39] Vgl. Klee, 2010, S. 35

[40] Ebenda, S. 36

[41] Ebenda, S. 36

[42] Pross, 1984, S. 184 ff.

[43] Vgl. Klee, 2010, S. 37

[44] Schneider, 2011, S. 1

[45] Vgl. Klee, Ernst 2010, S. 37

[46] Ebenda, S. 38

[47] Ebenda, S. 36

[48] Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, 1933, S. 5

[49] Vgl. Klee, 2010, S. 40

[50] Vgl. Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, 1933, S. 105

[51] Klee, 2010, S. 41

[52] Vgl. Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, 1933, S. 98

[53] Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, 1933, S. 92

[54] Vgl. Zimmermann, 2000, S. 145

[55] Klee 2010, S. 41

[56] Jaspers, 1946, S. 435

[57] Vgl. Klee, 2010, S. 42

[58] Seidel/Werner (Hg.), 1991, S. 32

[59] Vgl. Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, 1933, S. 98

[60] Vgl. Klee, 2010, S. 42

[61] Vgl. Beddies, 2005, S. 60

[62] Vgl. Güse/Schmacke, 1984, S. 64

[63] Vgl. Klee, 2010, S. 43

[64] Ebenda S. 45

[65] Vgl. Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, 1933, S. 60

[66] Göbel-Braun, 2009, S.16 ff.

[67] Vgl. Klee, 2010, S. 45

[68] Ebenda

[69] http://www.diako-online.de/krankenhaus/ueber-uns.html, Zugriff am 22.01.2013, 19:30

[70] Vgl. Kaminsky, 1995, S. 283

[71] Vgl. Klee, 2010, S. 45

[72] Ebenda S. 45

[73] Ebenda

[74] Vgl. Klee, 2010, S. 45

[75] Vgl. http://stjosef.at/dokumente/casti_connubii.htm, abgerufen am 23.01.2013 um 15:30

[76] Vgl. Klee, 2010, S. 45

[77] Richter, 2001, S. 388 f.

[78] Vgl. Stasiewski, 1986, S. 374

[79] Volk, 1984, S. 825 f.

[80] Vgl. Volk, 1984, S. 834

[81] Vgl. Klee, 2010, S. 46

[82] Vgl. Stasiewski, 1986, S. 590 ff.

[83] Vgl. Richter, 2001, S. 459

[84] Wollasch, 1978, S. 292

[85] Vgl. Klee, 2010, S. 48

[86] Ebenda, S. 49

[87] Vgl. Volk, 1984, S. 184 ff.

[88] Klee, 2010, S. 52

[89] Vgl. Klee, 2010, S. 52

[90] Klee, 2010, S. 53

[91] Ebenda

[92] Ebenda

[93] Exner, 1938, S. 95

[94] Vgl. Villinger, 1938, S.227

[95] Vgl. Klee, 2010, S. 53

[96] Shirer, 1937

[97] Shirer, 1937

[98] Shirer, 1937

[99] Vgl. Ayaß, 1995, S. 139 ff.

[100] Ayaß, 1998, S. 115

[101] Vgl. Ayaß, 1998 134 f.

[102] Vgl. Hänsel, S.185 ff.

[103] Vgl. Benke, 1994 S. 198 ff.

[104] Ebenda

[105] Ebenda

[106] Vgl. Klee, 2010, S. 56

[107] Ebenda

[108] Ebenda

[109] Vgl. Hänsel, 2006, S. 41

[110] Ebenda

[111] Ebenda

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Von der Zwangssterilisation bis zur Euthanasie im Nationalsozialistischen Deutschland