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Großer böser Wolf? Der Wolf als Märchenfigur bei Ludwig Tieck und den Brüdern Grimm

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 18 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Der Wolf als Märchenfigur- Sinnbild des Bösen?

1. Der Wolf biologisch- Mehr als ein Symbol des Bösen?

2. Der Wolf mythologisch- Grausamer Dämon und fürsorgliche Mutter

3. Der Wolf bei den Grimms als Symbol der Gier und des Bösen

4. Der Wolf bei Tieck- Gegenstück zu Grimms bösem Wolf?

Literaturverzeichnis:

Der Wolf als Märchenfigur- Sinnbild des Bösen?

Er ist der Antiheld zahlreicher deutscher und internationaler Sagen und Märchen und tritt in unzählbaren Texten als gieriger, bösartiger Dämon oder Bote des Untergangs auf. Ebenso aber ist er aber ein Symbol der Fürsorge, der Mütterlichkeit, des Mutes und der Stärke. Der Wolf, der bereits auf altsteinzeitlichen Wandbildern zu sehen ist und der so vermutlich schon in der sich erst entwickelnden Mythenbildung eine zentrale Bedeutung hatte, spielt eine herausragende Rolle als Verkörperung sowohl guter als auch negativer Eigenschaften und taucht dadurch als Metapher in Texten unterschiedlicher Art immer wieder auf. Letztere haben sich dabei besonders in deutschsprachigen Märchen durchgesetzt, sodass der Wolf hier als bedrohlich, gewaltbereit, vielfach aber auch als dumm gilt. Bekannt sind dabei in erster Linie die Texte der Gebrüder Grimm, allen voran das Rotkäppchen und die Geschichte vom Wolf und den sieben Geißlein, die als psychologische Warnmärchen klare Gegensätze in der Figurenkonstellation aufbauen und in denen der Wolf somit zum Sinnbild alles Bösen wird, dadurch aber auch zur Niederlage und, zumeist, zum Tode verurteilt ist.

Im Hinblick auf die Konstruktion der Figur des Wolfes in den Märchen der Gebrüder Grimm lässt sich daher zunächst einmal fragen, warum gerade der Wolf so deutlich und vielfach als Verkörperung schlechter und bedrohlicher Eigenschaften genutzt wird und inwiefern das in den Märchen der Gebrüder Grimm gezeichnete Bild der biologischen Realität entspricht. Dabei soll auch die Geschichte des Wolfes als Symbol beleuchtet werden, in der die Gegenüberstellung positiver und negativer Assoziationen bedeutend wird. Im Mittelpunkt dieser Arbeit soll dann die Frage stehen, inwiefern sich Ludwig Tieck mit seiner Version des Rotkäppchens, die als erste deutschsprachige Version gelten kann, von der adaptierten Fassung der Gebrüder Grimm absetzt und ob der Wolf auch hier als dumme und bösartige Kreatur gelten kann, die schließlich einen grausamen Tod durch das Gute findet.

1. Der Wolf biologisch- Mehr als ein Symbol des Bösen?

Will man die mythologische und literarische Deutung des Wolfes als Symbol des Bösen analysieren, muss man sich zunächst die biologischen Eigenschaftes des Tieres ansehen. Nur so kann herausgefunden werden, inwiefern der Wolf geeignet ist als Verkörperung der Grausamkeit zu dienen. Dabei lässt sich sagen, dass es sich beim Canis lupus, dessen Bezeichnung Wolf, was soviel wie “der Reißende“ bedeutet, aus dem Althochdeutschen stammt, um ein Raubtier aus der Familie der Hunde handelt1. Das Tier besiedelt dabei unterschiedliche Lebensräume und kann, je nach besiedeltem Lebensraum, in zahlreiche Unterarten unterteilt werden. Gerade durch die Ausrottung durch den Menschen und die Jagd nach Wolfsfellen lebt der Wolf aber heute nur noch in Rückzugsgebieten in Asien, Alaska und Kanada2. Der Wolf erreicht dabei eine Körpergröße zwischen 50 cm und 1 m bei einer Körperlänge von 1 m bis 1,60 m und einem Höchstgewicht von etwa 80 kg3. In freier Wildbahn lebt der Wolf dabei zehn, in menschlicher Obhut sogar bis zu zwanzig Jahre, wobei das Tier in Familienrudeln mit etwa zwölf Wölfen lebt, in denen eine ausgeprägte Rangordnung vorherrscht4. So ist es nur dem Alphatier des Rudels erlaubt sich fortzupflanzen. Die anschließende Tragzeit der Weibchen beträgt neun Wochen, bevor es fünf bis sieben Junge zur Welt bringt5.

Wichtig für die Mythenbildung und die Darstellung als Verkörperung des Bösen und Dämonischen ist dabei unter anderem das markante Wolfsgeheul, das im Rudel zur Reviermarkierung genutzt wird. Zudem müsste für die Nutzung als Personifizierung der Grausamkeit und Gewalttätigkeit der Wolf dem Bild eines brutalen Jägers entsprechen. Bei dem Wolf handelt es sich zwar um einen Hetzjäger, also ein Raubtier das seine Opfer durch die Jagd ermüdet bevor er sie tötet, das Opfertier wird aber vielfach durch das Rudel eingekreist, sodass oft nur wenige Meter mit hoher Geschwindigkeit gejagt werden muss6. Dabei ist es dem Wolf möglich elchgroße Tiere zu erlegen, die durch gezielte Bisse an der Flucht gehindert und schließlich getötet werden. Vielfach schlägt der Wolf auch Hunde oder Hauskatzen, wenn er in der Nähe menschlich besiedelter Gebiete lebt. Angriffe auf den Menschen selbst sind aber nicht nachgewiesen, sodass die Mythenbildung sich hier eher am Äußeren des Wolfes und weniger am tatsächlichen Jagdverhalten orientiert7.

2. Der Wolf mythologisch- Grausamer Dämon und fürsorgliche Mutter

Bedeutung als Symbol bekam der Wolf zunächst in der griechischen Mythologie, in der der Name des Wolfes, lykos, abgeleitet wurde von dessen im Dunkeln leuchtenden Augen8. Diese deuteten für die Griechen eine Abstammung des Wolfes vom Lichtgott Apollon hin, sodass der Wolf in der griechischen Antike noch als heiliges Tier angesehen wurde und selbst Göttervater Zeus mit wölfischen Charakteristika ausgestattet wurde9. Allerdings lassen sich auch hier bereits erste negative Assoziationen finden, die mit dem heutigen Symbol des Wolfes eher übereinstimmen. So veranlasste nach einer griechischen Sage die Grausamkeit des Apollon den Göttervater Zeus dazu, diesen in eine Wolfsgestalt zu verwandeln, die dessen Wesen eher entspräche10. Zudem wird in Ovids Metarmophosen auch der hinterlistige König der Arkadier, Lykaon, der dem Göttervater Menschenfleisch zum Essen anbot, von diesem in einen Wolf verwandelt11. Ebenso tritt das Tier hier als Symbol der Stärke und des Angriffs auf und zerreißt die Rinder des Peleus und die Bullen von Danaos12. Es lassen sich also, trotz der Darstellung als heiliges und mit den Göttern verbundenes Tier, deutlich negative Assoziationen in der Darstellung des Wolfes in der griechischen Mythologie finden, die schon die Aspekte in das Wesen des Wolfes aufnehmen, die auch in der heutigen Darstellung bedeutend sind, wie die vermeintliche Grausamkeit oder die Listigkeit des Tieres. Der Wolf gilt also bereits in der griechischen Mythologie sowohl als Symbol positiver Wesenszüge als auch als Verkörperung der Grausamkeit. Eine ähnliche Ambiguität lässt sich zwar auch in der römischen Mythologie feststellen, hier aber scheinen die Assoziationen die mit dem Wolf verbunden werden deutlich positiver zu sein. So wird die Lupa Romana, die später auch als Kapitolinische Wölfin bezeichnet wurde, zur Ziehmutter der Stadtgründer Roms, Romulus und Remus, und somit zum Innbegriff der Mütterlichkeit13. Zum Symbol für die Fürsorge wird der Wolf anschließend allerdings hauptsächlich in Italien selbst. Außerhalb Italiens wird er so nur selten in seiner positiven Darstellung aufgenommen, beispielsweise durch den indisch-britischen Schriftsteller Rudyard Kipling in dessen Dschungelbuch, in dem Mowgli durch die Wölfin Raksha aufgezogen wird14. Der Darstellung des Wolfes als Symbol der Mütterlichkeit und Fürsorge steht dabei die erstmals auftretende Verbindung des Wolfes zur Wollust gegenüber, die sich besonders bei Plautus finden lässt. Dieser nutzt dabei in seinem Stück Epidicus die Figur der Wölfin als Verkörperung der Freizügigkeit und der Prostitution15 und schafft damit eine Darstellung, die sich auch in den Märchen von Perrault finden lässt, in denen sich sexuelle Begehren in der Figur des Wolfes manifestieren. Ebenso findet sich in heutigen Märchen die Charakterisierung des Wolfes als gewalttätiges und durch Kraft überlegenes Tier, das schließlich an seiner Gier scheitert, wie sie schon in den Fabeln des Äsop auftaucht16.

Ein negatives Bild des Wolfes lässt sich auch in der germanischen und nordischen Mythologie feststellen. Der Wolf wird als Tier des zwarSchlachtfeldes Odin zugeordnet und sitzt in Form von Geri, dem Heißhungrigen, und Freki, dem Grimmigen, an dessen Seite in Walhall17, womit er als Symbol der Stärke und Freiheit, gleichermaßen wird er aber auch zur Verkörperung der Gewalt und des Krieges. Zudem wird er in Gestalt des Fenriswolfes, der das erste Kind des bösen Gottes Loki ist, zum Dämon des Götterunterganges Ragnarök18 und zum Verschlinger der Sonne beim Weltuntergang19, den er mit seinem Geheul ankündigt.

Besonders in der christlichen Religionsgeschichte bleibt diese negative Darstellung des Wolfes bestehen und setzt sich so bis in die heutige Zeit durch. Jesus warnt dabei in der Bergpredigt vor den Wölfen im Schafspelz, also falschen Predigern, deren Hinterlistigkeit hier mit dem Wesen des Wolfes verglichen wird. Zudem bekommt der Wolf als natürlicher Feindes des Lammes, als das Christus mehrfach bezeichnet wird, eine deutlich negative Assoziation und wird so in christlicher Kunst oft mit Gewalttätigkeit und Aggressivität gleichgesetzt20. Die bereits in der Antike auftauchende Darstellung als Symbol der Wollust und der Zügellosigkeit findet sich dabei ebenfalls wieder, besonders in der Göttlichen Komödie des christlichen Dichters Dante Alighieri. Dort wird die Wölfin als das schrecklichste Tier beschrieben, das sich dem Aufstieg des Dichters in den Himmel entgegenstellt, womit die Wölfin zum Symbol der Zügellosigkeit und des Verfalls christlicher Werte und Tugenden wird21. Im christlich geprägten Mittelalter wurde der Wolf außerdem zum Geschöpf von Dämonen und Hexen und verkörpert in Form des Werwolfes die Boshaftigkeit der Menschen. Der Werwolfsglaube und die Verbindung des Wolfes mit Dämonen hat dabei nicht nur zur großflächigen Ausrottung des Wolfes geführt, sondern auch zu vielen Prozessen im Zuge der Inquisition, in denen angebliche Werwölfe zum Tode verurteilt wurden. Der Werwolf wurde darüber hinaus in der Literatur zum Symbol innerer Zerrissenheit zwischen den gewalttätig-tierischen Eigenschaften des Wolfes und dem Zwang zur menschlich-zivilisierten Lebensweise. Dies zeigt sich beispielsweise in Hesses Steppenwolf, aber auch in der Gestalt des Remus Lupin bei Harry Potter, der zwar als Unterstützer des Guten auftritt, dabei aber unter seiner menschlich-tierischen Natur zu leiden hat22. Der Wolf tritt, neben der christlich geprägten negativen Deutung, besonders ab dem 17. Jahrhundert als Allegorie des Sozialwesens aus, in der die ungezügelte Gier der Herrscher in Form des Wolfes abgebildet wird. Dadurch wird der Wolf zunehmend zum Symbol für Erbarmungslosigkeit, sei es durch direkte Aggressivität, oder durch die Ausbeutung seiner Mitmenschen. Die Gier und der Eigennutz werden damit zu zentralen Aspekten der wölfischen Natur. Dies zeigt sich bei Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert ebenso wie noch im 20. Jahrhundert in Hans Falladas Roman Wolf unter Wölfen23. Demgegenüber werden wölfische Attribute besonders im 19. Jahrhundert auch wieder positiv umgedeutet und zum Symbol der Freiheit und der Befreiung der Kolonien.

Es lässt sich also sagen, dass sich die Eigenschaften die der Wolf repräsentieren darf den jeweils geltenden gesellschaftlichen Umständen anpassen und dass das Wolfssymbol somit in besonderer Weise zum Spiegel der Gesellschaft wird24. Trotz teilweise positiver Umdeutungen der wölfischen Attribute im 19. Jahrhundert bleiben insgesamt, besonders in den Märchen des 18. und 19. Jahrhunderts die negativen Assoziationen des Wolfssymbols bestehen. Der Wolf bleibt weiterhin Symbol der Gier, wie in Grimms Der Wolf und die sieben Geißlein oder Verkörperung von Wollust und Begehren, wie in Perraults Le petit chaperon rouge25. Auch die Gleichstellung des Wolfes mit dem Bösen und Dämonischen bleibt hier bestehen, wobei er, nach freudscher Deutung, verdrängte Triebe und Wünsche verkörpert26, womit die Wölfe oft „zum Erziehen durch Schrecken dienten“27.

3. Der Wolf bei den Grimms als Symbol der Gier und des Bösen

Das Bild des bösen Wolfes, der dadurch zum abschreckenden und erzieherisch wertvollen Beispiel der Boshaftigkeit wird, findet sich insbesondere in zwei der bekanntesten Texte aus der Sammlung der Gebrüder Grimm.

Beim Märchen vom Wolf und den sieben jungen Geißlein handelt es sich um ein Grimmsches Märchen, das bereits in der ersten Auflage der Kinder- und Hausmärchen 1812 eine bedeutende Rolle als Warnmärchen spielte. Gleich zu Beginn des Märchens wird dabei der Wolf durch die Geißenmutter als böse und hinterlistig beschrieben, da er sich oft verstellt und so versucht seine Nahrung zu erbeuten. Die Geißenmutter warnt so also durchaus von einem intelligenten aber bösartigen Wolf, bevor sie ihre Geißlein alleine zuhause lässt. Sie wird hingegen selbst, im klaren Gegensatz zum Wolf, als besonders liebende Mutter beschrieben, die sich um all ihre Kinder sorgt und diese mit ausreichenden Hinweisen vor der Gefahr des Wolfes zu warnen scheint28. Es entsteht so bereits zu Beginn der Eindruck einer klaren Polarität zwischen Wolf und Geißenmutter, die im weiteren Verlauf der Geschichte verstärkt wird. So ist es dem Wolf zunächst nicht möglich die Kinder zu überlisten und in das Haus zu gelangen, dem er sich erst zu nähern wagt, als die Geißenmutter verschwunden ist. Die beiden konkurrierenden Figuren scheinen sich also zunächst auszuschließen und ein gleichzeitiges Auftreten des Wolfes und der Geißenmutter findet erst zum Ende des Märchens statt29. Allerdings bleibt die Mutter in den Aussagen der Geißlein stets präsent und so erkennen sie den Wolf bei dessen ersten Versuch das Haus zu betreten an der monströsen Stimme, woraufhin sie die Warnung der Mutter wiederholen und ihm den Einlass verwehren. Der Wolf wird hier also, obwohl die Geißenmutter nicht anwesend ist, zum klaren Gegenpol ihrer liebevollen und fürsorglichen Art. Zudem lässt sich sagen, dass der Wolf in seinem Vorhaben nicht sofort listig agiert, sondern erst an der Aussage der Geißlein erkennt, dass er keinen Einlass bekommt, wenn die Geißlein ihn als Wolf identifizieren können. Anschließend an diese erste Aussage der Geißlein entwickelt der Wolf zwar einen Plan die Kinder zu überlisten, dessen Notwendigkeit aber kann er nur durch die Wiedergabe der mütterlichen Warnung durch die Geißlein erkennen. So schafft es der Wolf im Folgenden zunächst seine Stimme zu verändern, indem er Kreide frisst, macht aber bei der erneuten Ankunft am Haus der Geißlein einen weiteren Fehler und legt seine schwarze Pfote auf die Fensterscheibe, sodass die Geißlein auch hier erkennen, dass es sich nicht um ihre Mutter handelt30. Auch hier wirkt der Wolf durch seine schwarze Pfote besonders dunkel und bösartig, da diese „in der Abwesenheit der lichten und weißen Figur der Mutter nur noch tiefer und bedrohlicher“31 wirkt. Der Wolf ist so ein zweites Mal dazu gezwungen seine List unter Beweis zu stellen und muss dabei sogar den Müller einschüchtern, der sich zunächst weigert ihm die Pfote mit Mehl weiß zu machen, da er dessen Plan erkennt32. Auch bei den Menschen wirkt der Wolf allerdings so bedrohlich, dass er nach seiner Drohung den Müller zu fressen erneut zum Haus der Geißlein zurückkehren kann, wo er die Geißlein schließlich überlistet und ins Haus gelangt. Zwar versuchen diese noch dem Wolf zu entfliehen, dieser wird aber als derart erbarmungslos und gierig beschrieben, dass er sechs der sieben Geißlein sofort verschlingt, während sich das jüngste Geißlein im Uhrenkasten versteckt und ihm somit entkommt.

Es lässt sich also sagen, dass der Wolf hier der Warnung der Mutter nicht vollständig entspricht. Zwar erkennt er anhand der Aussagen der Geißenkinder jeweils die Notwendigkeit eine weitere List anzuwenden, diese aber kann er nicht selbstständig entwickeln. Der Wolf ist hier also nicht als der schlaue und listige Wolf anzusehen, vor dem die Geißenmutter warnt33, sondern als gefährliches und monströses Wesen, dass durch die eigene Gier auch übersieht, dass ihm eines der Geißlein entwicht. Zudem wird die Grausamkeit des Wolfes dadurch verstärkt, dass er gleich mehrere Geißenkinder frisst und ihm die Geißlein ohnehin an Kraft unterlegen sind. Der anfangs durch die Mutter erwähnten Listigkeit wird allerdings im Laufe der Geschichte widersprochen. Die Dummheit und die Gier des Wolfes wird so schließlich bestraft, als die Geißenmutter nach Hause kommt und das jüngste Geißlein von der List des Wolfes berichtet. Die Mutter kann so mit Hilfe des Geißleins den Wolf ausfindig machen, der sich unter einem Baum schlafen gelegt hat, und rettet schließlich die eigenen Kinder dadurch, dass sie dem Untier den Bauch aufschneidet und die Geißlein so befreit. Den Magen des Wolfes, der hier sogar als gottloses Tier beschrieben wird34, füllen die Geißlein und die Mutter schließlich, vom Wolf unbemerkt, mit Wackersteinen, sodass dieser beim Aufwachen Durst bekommt und schließlich durch das Gewicht der Steine in einen Brunnen gezogen wird, in dem er „jämmerlich ersaufen“35 muss. Anschließend wird der Tod des Ungeheuers nicht etwa beweint, sondern als „Bild der Freude und des Glücks“36 dargestellt, in dem die Kinder und die Geißenmutter um die Leiche des Wolfes tanzen und singen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Wolf in der Geschichte vom Wolf und den sieben jungen Geißlein als derart grausam erscheint, dass dessen Tod und das eigentlich ebenfalls brutale Vorgehen der Geißlein nicht negativ ins Gewicht fällt37. Dabei wird gleich zweimal der Sieg des Guten über die dämonische Wolfskreatur gefeiert, zum einen durch die Rettung der Geißlein und zum anderen durch den Tod des Wolfes, der durch das Gewicht seiner eigenen Taten in die Tiefe hinabgezogen und dadurch bestraft wird. Der Wolf und die sieben Geißlein lässt sich also als Warnmärchen auffassen, in dem eine klare Polarität zwischen der weisen und liebevollen Geißenmutter und dem bösartigen und listigen Wolf aufgebaut wird38, der schließlich an seiner eigenen Gier scheitert.

Ein ähnlicher Gegensatz der Personen findet sich auch im Rotkäppchen der Gebrüder Grimm, das ebenfalls seit der ersten Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen Bedeutung erlangte und zu einem der bekanntesten und meistrezipierten Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm wurde. Dabei lässt sich sagen, dass der Text des Rotkäppchens bereits um 1690 durch den französischen Schriftsteller Charles Perrault als le petit chaperon rouge verfasst wude. Dieser wurde als Warnmärchen für die französische Oberschicht entwickelt und diente somit als Mittel der Erziehung über Abschreckung und Warnung. Bereits vorherige Versionen des Textes, die besonders in Regionen entstanden, aus denen auch gerichtliche Verfahren und Verfolgungen angeblicher Werwölfe überliefert sind, wurden aber als warnende Märchentexte zur Erziehung genutzt39. In diesen Erzählungen trifft sich das Rotkäppchen oft auch aus freuen Stücken mit dem Wolf und muss so sterben. Die 1812 erschienene Version des Rotkäppchens der Gebrüder Grimm bildet nur eine Variante der Erzählung. Diese nimmt in vielerlei Hinsicht bereits bekannte Aspekte auf, verändert aber im Vergleich zur perraultschen Version die Darstellung der Figuren, wobei die Grundkonstellation „weitestgehend bestehen“40 bleibt.

[...]


1 Vgl. Brockhaus Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden, vierundzwanzigster Band Wek-Zz, F.A. Brockhaus, Mannheim 1994, Artikel: Der Wolf.

2 Vgl. Ebd.

3 Vgl. Ebd.

4 Vgl. Ebd.

5 Vgl. Ebd.

6 Vgl. Ebd.

7 Vgl. Meyers großes Taschenlexikon, R.I. Taschenbuchverlag, Mannheim 1989, Artikel: Der Wolf.

8 Vgl. Butzer, Günter/Jacob, Joachim (Hrsg.): Metzler Lexikon literarischer Symbole, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2008, Artikel: Der Wolf.

9 Vgl. Brockhaus 1994, Artikel: Der Wolf.

10 Vgl. Butzer/Jacob 2008, Artikel: Der Wolf.

11 Vgl. Preston, Percy: Metzler Lexikon antiker Bildmotive, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 1991, Artikel: Der Wolf.

12 Vgl. Ebd.

13 Vgl. Ebd.

14 Vgl. Ebd.

15 Vgl. Butzer/Jacob 2008, Artikel: Der Wolf.

16 Vgl. Ebd.

17 Vgl. Ebd.

18 Vgl. Brockhaus 1994, Artikel: Der Wolf.

19 Vgl. Lurker, Manfred (Hrsg.): Wörterbuch der Symbolik, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1991, Artikel: Der Wolf.

20 Vgl. Brockhaus 1994, Artikel: Der Wolf.

21 Vgl. Butzer/Jacob 2008, Artikel: Der Wolf.

22 Vgl. Butzer/Jacob 2008, Artikel: Der Wolf.

23 Vgl. Ebd.

24 Vgl. Kaiste, Jaana: Das eigensinnige Kind. Schrecken in pädagogischen Warnmärchen der Aufklärung und der Romantik, Uppsala Universitet, Stockholm 2005, S. 32.

25 Vgl. Butzer/Jacob 2008, Artikel: Der Wolf.

26 Pöger-Alder, Kathrin: Märchenforschung. Theorien, Methoden, Interpretationen, narr Verlag 2011, S. 219.

27 Kaiste 2005, S. 32.

28 Kaiste 2005, S. 76.

29 Vgl. Ebd., S. 83.

30 Vgl. Ebd., S. 76.

31 Kaiste 2005, S. 76.

32 Vgl. Grimms Märchen. Vollständige Ausgabe, Anakonda Verlag, Köln 2012, S. 42.

33 Vgl. Kaiste 2005, S. 71.

34 Vgl. Grimms Märchen 2012, S. 44.

35 Vgl. Grimms Märchen 2012, S. 44.

36 Vgl. Kaiste 2005, S. 80.

37 Vgl. Ebd., S. 81.

38 Vgl. Ebd., S. 85.

39 Vgl. Flemming, Mechthild: Rotkäppchen im Wandel der Zeit. Die Märchenfigur in der Illustration. Ein Vergleich, VDM Verlag Dr. Müller, Berlin 2008, S. 10.

40 Ebd., S. 11.

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656900054
ISBN (Buch)
9783656900061
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v292868
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
12
Schlagworte
großer wolf märchenfigur ludwig tieck brüdern grimm

Autor

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Titel: Großer böser Wolf? Der Wolf als Märchenfigur bei Ludwig Tieck und den Brüdern Grimm