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Eine Diskussion von Joseph Raz „Autonomy and Pluralism“

Essay 2013 8 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

Teil-Autor des eigenen Lebens

„The autonomous person is part author of his life“[1] stellt der israelische Philosoph Joseph Raz in seinem 1988 erschienen Werk 'The morality of freedom' fest und deutete damit eine Auffassung von Autonomie an, in der die autonome Person eine Geschichte für sich entwickelt und diese dann im Laufe des eigenen Lebens stets weiterschreibt. Damit allerdings müsste jede autonom getroffene Entscheidung auch zu einem späteren Zeitpunkt unumstößlich und unveränderbar sein und Autonomie würde zu einer einmaligen Entscheidung im Leben werden, in der alle weiteren Entscheidungen mit inbegriffen wären. Raz aber relativiert diese Ansicht in seinem Aufsatz 'Autonomy and Pluralism' und gesteht der autonomen Person die Abwendung und Veränderung bereits getroffener Entscheidungen zu. Um die Frage zu beantworten inwiefern eine autonome Person zeitgleich ihr Leben bestimmen und dennoch autonom getroffene Entscheidungen wieder verändern kann ist eine Paraphrase des Textes 'Autonomy and Pluralism' notwendig, in der der Bedeutung der Veränderbarkeit von autonomen Entscheidungen besondere Beachtung zukommt. Diese soll dabei der Argumentation des Textes folgen, in dem zunächst die persönliche Autonomie im Vordergrund steht, die nach Raz aus drei Komponenten besteht. Die angemessenen mentalen Fähigkeiten, die adäquate Auswahl von Optionen und die Unabhängigkeit nehmen stehen dabei auch im engen Zusammenhang mit der Möglichkeit bereits getroffene Entscheidungen zu relativieren und zu verändern und müssen daher besonders beachtet werden. Anschließend beschreibt Raz im zweiten Kapitel die Bedeutung moralisch guter Optionen für autonome Handlungen. Zudem widerspricht Raz der These, dass Autonomie ein hohes Maß an Selbsterkenntnis benötige und sieht daher nahezu jeden in der Lage autonom leben zu können, sofern die drei anfangs beschriebenen Komponenten vorhanden sind. Allerdings benötige die autonome Person des Weiteren Integrität, um ihren Entscheidungen treu zu bleiben. Trotz des scheinbaren Widerspruchs zur Möglichkeit der Veränderung bereits getroffener Entscheidungen sieht Raz an dieser Stelle kein Problem für die vorherigen Aussagen und schreibt autonomen Personen die Erlaubnis zu ihre Meinung zu ändern. Um analysieren zu können inwiefern Raz hier widersprüchliche Aussagen trifft muss auch an dieser Stelle eine genauere Analyse des Textes erfolgen. Ebenso soll auch das Kapitel 2.3 genauer analysiert werden, da Raz in diesem die Einheit des Lebens der Einheitlichkeit des Lebens gegenüberstellt. Das dritte Kapitel zum Wert der Autonomie, sowie das vierte Kapitel zum Wertepluralismus werden in dieser Darstellung nicht bedacht, da diese nur wenige Aspekte zur Beantwortung der Frage nach der Möglichkeit zur Veränderung getroffener Entscheidungen beitragen.

1. Persönliche Autonomie und ihre Komponenten

Joseph Raz beginnt seinen Aufsatz zu Autonomie und Pluralismus mit der Bedeutung der Autonomie in westlichen Ländern. In diesen habe sich seit der Industrialisierung eine bestimmte Konzeption von individuellem Wohlbefinden entwickelt, in der der Möglichkeit zur freien Wahl eine herausragende Rolle zukam, die nun fest in der Gesellschaft verwurzelt sei. Die autonome Person wird darin aus Teilautor des eigenen Lebens verstanden, der sein eigenes Schicksal in autonomen aufeinanderfolgenden Entscheidungen im gesamten Leben bestimmt- Autonomie sei also nicht zu verstehen als Einheitlichkeit des Lebens[2]. Das Ideal der autonom lebenden Person habe sich dabei entwickelt aus den schneller werdenden Errungenschaften der Technologie und der Arbeiterbewegung, in der die Bedürfnisse der Menschen der Zeit angepasst wurden. Dennoch sei das Ideal der Autonomie mehr als die Fähigkeit sich mit der Gesellschaft zu identifizieren und habe große Bedeutung für die Selbstbildung des Menschen. Erneut geht Raz hier davon aus, dass die autonome Person dabei einem Leben nicht zwingend eine Entscheidung zu Grunde legen muss, sondern ein Leben „of diverse and heterogenous pursuits“[3] führen kann. Autonome Entscheidungen seien dabei also keine 'once-and-for-all'-Entscheidungen, sondern ergeben sich aus erreichten und nicht erreichten Zielen. Die autonome Person nach der Konstruktion von Joseph Raz muss demnach kein einheitliches Leben führen, sondern kann unterschiedliche Ziele verfolgen, eine Person die ihre Entscheidungen vielfach umstößt und ihre Wünsche und Ziele verändert kann somit nach Raz ebenso autonom handeln wie eine Person die nie von ihren Zielen abweicht[4].

Das Leben der autonomen Person ist somit nicht etwa das Gegenstück zu einem uneinheitlichen Leben, sondern steht im Kontrast zu einem Leben erzwungender Entscheidungen, einem Leben ohne Wahlmöglichkeiten oder einem Leben in dem die Wahlmöglichkeiten nicht ausgeschöpft werden. Damit verlangt Autonomie auch in der Konzeption von Raz ein bestimmtes Maß an Ichbewusstsein, das nötig ist um die gegebenen Optionen zu erkennen und ihre Auswirkungen zu verstehen, dennoch widerspricht der Philosoph der Über-Intellektualisierung die andere Autoren den Vertretern einer Theorie der Autonomie vorwerfen. Nach Raz ist auch ein Leben unkluger Entscheidungen als Leben persönlicher Autonomie möglich und so liefert der Autor auch an dieser Stelle ein Argument für die Möglichkeit der Veränderung bereits getroffener Entscheidungen, da kaum eine Person an einer langfristig geplanten Entscheidung festhalten würde, wenn sich diese als Fehler herausstellen würde. Somit kann das Leben einer autonomen Person kein Leben nach einer 'once-and-for-all'-Entscheidung sein, sondern muss notwendigerweise die Veränderbarkeit von getroffenen Entscheidungen beinhalten.

Dementsprechend muss das Leben einer autonomen Person anhand der Entscheidungen bewertet werden und nicht anhand dessen was diese bewirken. Auch hier spricht sich Raz klar für die Abkehr von getroffenen Entscheidungen aus, da die autonom lebende Person eine Entscheidung verändern können muss, wenn sie darin einen möglichen Fehler sieht. Da einzig der Weg zur Entscheidung bewertet wird, kann das Leben einer autonomen Person damit als noch wertvoller erachtet werden, wenn die Person eine Fehlentscheidung erkennt und von ihr Abstand nimmt, bevor sie die entsprechende Tätigkeit ausübt. Dazu sind allerdings drei Komponenten von Autonomie notwendig, die Raz im Folgenden analysiert und die auch im Kontext der Gegenüberstellung von einem Leben fortlaufender Entscheidungen und einem Leben nach einer 'once-and-for-all'-Entscheidung eine Bedeutung bekommen.

Dabei nennt Raz zunächst angemessene mentale Fähigkeiten als eine der Voraussetzungen für Autonomie, da eine Person hinreichend komplexe Intentionen formen können und über ein Minimum an Rationalität verfügen muss, um autonom entscheiden zu können[5]. Der Über-Intellektualisierung ist somit zwar zu widersprechen, ein Mindestmaß an mentalen Fähigkeiten muss aber dennoch gegeben sein. Zudem benötigt eine autonom handelnde Person eine adäquate Anzahl von Optionen, die triviale Entscheidungen und langfristige Entscheidungen einschließt. Um dies zu verdeutlichen entwirft Raz zwei Gedankenexperimente, in denen im Fall des 'Man in the pit' lediglich triviale Entscheidungen getroffen werden können, die Möglichkeit über langfristige Aspekte des Lebens zu entscheiden aber durch äußere Umstände genommen wurde, während die Person im Falle der 'Hounded Woman' durch den ständigen Überlebenskampf ständig zu lebensbedeutenden Entscheidungen gezwungen ist. In beiden Fällen ist somit nach Raz nicht von einer autonom lebenden Person zu sprechen, da diese eine Reihe von Optionen benötigt und nicht nur über Teile des eigenen Lebens entscheiden darf[6]. Auch hier spricht sich Raz indirekt für eine Möglichkeit der Abkehr von getroffenen Entscheidungen aus, da insbesondere kurzfristige und triviale Entscheidungen vielfach äußeren Umständen unterliegen und somit Veränderungen notwendig werden. Auch von langfristig geplanten Entscheidungen aber kann und muss die autonome Person in einigen Fällen später aber Abstand nehmen. Daher ist eine varientenreiche Auswahl von Optionen notwendig, die der autonomen Person die Entscheidung zwischen verschiedenen Möglichkeiten auszuwählen ermöglicht. Dabei sei es zudem ebenfalls als autonome Entscheidung zu sehen ob eine Person die eigenen Fertigkeiten zur Vervollkommnung bringt oder diese nicht entwickelt[7]. Raz Konzeption einer autonom handelnden Person setzt sich somit auch von Kants Notwendigkeit der Vervollkommnung der eigenen Fähigkeiten ab. Autonomie sei somit nicht mit Selbstverwirklichung zu verwechseln, die der vollständigen Entwicklung aller wertvollen persönlichen Eigenschaften bedarf. Die autonome Person hingegen entscheide über die Selbstverwirklichung, die damit aber nicht zu einem Teilaspekt der Autonomie werde, da Selbstverwirklichung durch Manipulation oder Zwang entstehen könne[8]. Eine Person die an ihrem vorgefertigten Lebensweg festhalte sei demnach nicht autonom, wenn sie dabei in kleineren Entscheidungen zwischen Optionen wählen müsse, die ihr langfristiges Lebensziel erschweren oder verhindern würden. Auch hier zeigt Raz erneut die Möglichkeit auf von einem vorgefertigten Lebensweg abzuweichen, ohne seine Autonomie zu verlieren. Dazu sei es nur notwendig, dass die Abkehr von den eigenen Zielen nicht erzwungen sei. Auch Raz erkennt hier aber an, dass die Abkehr von langfristig geplanten Lebenswegen möglicherweise mit Zwang und Manipulation einhergeht[9]. Allerdings muss hier sicherlich kritisch hinterfragt werden, inwiefern äußere Umstände die einen eigentlich geplanten Lebensweg einer Person verhindern ihre Autonomie beschränken. So ließe sich beispielsweise eine Person denken, die an ihrem vorgefertigten Lebensziel Arzt zu werden scheitert, weil ihr äußere Umstände die Zulassung zum Studium verweigern.

[...]


[1] Raz, Joseph: The morality of freedom, Oxford University Press 1988, S. 370.

[2] Vgl. Raz 1988, S. 370.

[3] Vgl. Ebd., S. 371.

[4] Vgl. Ebd.

[5] Vgl. Raz 1988, S. 372.

[6] Vgl. Ebd., S. 374.

[7] Vgl. Ebd. S. 375.

[8] Vgl. Raz 1988, S. 375.

[9] Vgl. Ebd., S. 376.

Details

Seiten
8
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656900511
ISBN (Buch)
9783656900528
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v292867
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
Schlagworte
eine diskussion joseph autonomy pluralism

Autor

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