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Die Kathedrale auf der Bühne. Inszenierungen von Jeanne D'Arc im Expressionismus und nach 1945

Hausarbeit 2015 16 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhalt

I. Jeanne d’Arc

II. Johanna auf der Bühne
II.I Die Kathedrale auf der Bühne des Expressionismus
II.II Die Kathedrale auf der Bühne nach 1945

III. Das Mirakel

IV. Fazit

Das Heilige und das Theater stehen schon immer in einem wirksamen Wechselverhältnis. Besonders in der Raumkonstruktion spielt das Sakrale immer wieder eine Rolle; durch exakte Nachahmung von Architekturstilen vergangener Epochen fassten Bühnenbildner diese bis in das späte 19. Jahrhundert realistisch, teilweise sogar fast ikonisch auf. Mit der Romantik einhergehenden Rückbesinnung auf die vermeintlich glaubensstärkere Vergangenheit des Mittelalters avanciert auch Schillers „romantische Tragödie“ Die Jungfrau von Orleans (1801) zum beliebtesten Stück dieser Zeit. Vor allem in diesem Stück taucht die Kathedrale von Reims, Schauplatz von Jeanne d’Arcs größtem Triumph, als wiederkehrendes Motiv der Bühnengestaltung immer wieder auf. Ernst Beutler schreibt, dass mit Schillers Tragödie „die Gotik jetzt auch die Bühne“ erobert. Warum gerade die Kathedrale von Reims als Schauplatz eine so wichtige Stellung in dem Stück einnimmt, soll zunächst anhand der historischen Fakten erläutert werden.

I. Jeanne d’Arc

Jeanne d’Arc, im deutschen Sprachraum auch Johanna von Orleans genannt, wird heute in der römisch-katholischen Kirche als Jungfrau, Märtyrerin und Heilige verehrt. Sie wurde vermutlich um 1412 im lothringischen Domrémy als Bauerntochter geboren. Mit 13 Jahren, mitten im Hundertjährigen Krieg, hört sie zum ersten Mal Stimmen von Heiligen, die zu ihr sprechen und ihr befehlen, Frankreich von den Engländern zu befreien und den Dauphin zum Thron zu führen. Im Laufe des Jahres 1428 werden die Stimmen immer drängender (was wohl auch mit der immer größeren Bedrohung zusammenhing) und Johanna gibt ihnen nach. Allein zieht sie los nach Vaucouleurs, Hauptort der königlichen Burggrafschaft, um den Hauptmann Baudricourt von ihrem Vorhaben zu überzeugen. Sie fordert Waffen und einige Männer, die sie auf ihren Weg zum König begleiten sollen. Baudricourt weist sie aber zunächst ab. Doch am Ende des Jahres hat sich die Lage soweit zugespitzt, dass er nachgibt, nicht zuletzt, weil das ärmlich gekleidete Mädchen mit ihrem Enthusiasmus bereits die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich gezogen hat. Zu der Zeit kursierte eine Prophezeiung Merlins, die die Menschen durchaus kannten und glaubten, die besagte, dass eine Jungfrau in eiserner Rüstung aus dem Eichenwald zur Rettung Frankreichs kommen werde. In Anbetracht der politischen Situation konnten und wollten die Bewohner nicht anders, als in Johanna die besagte Jungfrau zu sehen. Da die Gefahr durch die Engländer immer größer wurde, beginnt also auch Baudricourt das Mädchen als ernsthafte Option zur Rettung in Erwägung zu ziehen und entsendet sie zusammen mit einer Eskorte im Februar 1429 nach Chinon, wo der Dauphin Karl VII. residiert. Sie überzeugt ihn schnell davon, dass sie im Namen Gottes gekommen sei, um Frankreich zu retten und ihn als rechtmäßigen Thronerben in Reims zur Krönung bringen wird. Nach genauer Überprüfung ihrer Glaubwürdigkeit durch Geistliche und Untersuchung ihrer Jungfräulichkeit durch Hofdamen wird beschlossen, sie losziehen zu lassen. Ihr wird eine Rüstung angefertigt und man stellt ihr eine kleine militärische Einheit zur Seite. Als erster, darauffolgender Erfolg gilt die Befreiung der befestigten Stadt Orleans am Nordufer der Loire. Auch aus den Burgen südlich der Loire werden die Engländer unter Mitwirkung Johannas im Juni 1429 vertrieben. Nachdem auch Troyes gestürmt werden kann, ist der Erfolg in Reims gesichert,wo das königliche Heer um Karl VII. am 16. Juli 1429 einzieht. Über den genauen Ablauf der Königskrönung durch den Erzbischof von Reims am 17 Juli 1429 ist nicht viel bekannt. Wichtig ist aber die besondere Bedeutung der Königsweihe in dieser Zeit:

Die Königsweihe folgte einem seit dem Heiligen Ludwig überkommenen und seit 1380 kodifizierten Ritual, dessen Bedeutung für die Herausbildung des zentralisierten Staates nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Hierzu gehörte u.a. die Anwesenheit der wichtigsten politischen und geistlichen Würdenträger: sieben weltliche und fünf geistliche Pairs de France […]. Die Pairs trugen bei den Krönungsfeierlichkeiten die Insignien der königlichen Gewalt.

Eine wichtige Besonderheit der Zeremonie von 1429 ist allerdings die Präsenz der Heldin am Hochaltar, was in dieser Zeit höchst ungewöhnlich und unangemessen war. Einem im gesellschaftlichen ordo derart tiefstehenden Menschen inmitten der Pairs de France war das nicht gestattet. Der offizielle Hofhistoriograph Jean Chartier berichtet aber, dass Johanna, „die der Grund für diese Krönung des Königs und für die gesamte Veranstaltung war“, dabei stand und ihre Fahne in der Hand hielt. Bis heute ist dies eine der berühmtesten Szenen aus dem Leben Johannas (z.B. Ingres, Jeanne au Sacre, 1855). Nach der Zeremonie soll sie vor die Knie des Königs gesunken sein und ihm unter Tränen gesagt haben, dass nunmehr, nach der Befreiung von Orleans und dem sacre, Gottes Wille erfüllt sei. Spätere Erzählungen ab dem 17. Jahrhundert haben noch die Aussagen hinzugefügt, dass Johanna ihren göttlichen Auftrag mit dem sacre als vollendet betrachtet habe. Nach ihrem erfüllten Auftrag will Jeanne dennoch weiter nach Paris vorstoßen. Doch ihr Versuch der Befreiung von Paris im September 1429 misslingt und der König wendet sich von ihr ab. Durch Verrat wird sie 1430 von den Burgundern gefangen genommen und an die Engländern übergeben. Diese übergeben sie an die katholische Gerichtsbarkeit von Rouen. Nach einem drei Monate andauernden kirchlichen Verfahren wird sie aufgrund verschiedener Anklagepunkte verurteilt. Am 30. Mai 1431 wird Jeanne d’Arc, im Alter von nur 19 Jahren, auf dem Marktplatz von Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. 24 Jahre später regte die Kurie einen Revisionsprozess an, in dem das Urteil aufgehoben und Johanna zur Märtyrin erklärt wird. 1900 wird sie von Papst Pius X. selig- und 1920 von Papst Benedikt XV heiliggesprochen.

II. Johanna auf der Bühne

Besonders im 19. Jahrhundert wurde die Geschichte des heldenhaften Bauernmädchens beliebter denn je – vor allem in Frankreich wurde sie zu einem Nationalmythos. Ihre Geschichte hat im Laufe der Jahrhunderte unzählige Schriftsteller und Künstler inspiriert. Heute gibt es eine unglaublich große Fülle an Biografien, Romanen (Voltaire, Twain), Theaterstücken (Shakespeare, Shaw, Schiller, Brecht, Anouilh u.a.), Gesängen, die teilweise in die Weltliteratur eingingen. Über 10 000 Bücher und wissenschaftliche Arbeiten, in denen Johanna die Hauptrolle spielt, sind bis heute dokumentiert. Derzeit sind um die 30 Spielfilme im Umlauf, 1989 wurde ihr sogar ein Computerspiel gewidmet. Auch in der Kunst ist Johanna ein beliebtes Motiv, besonders in der Historienmalerei (Dominique Ingres, Paul Delaroche, Jules Eugène Lenepveu). Ihre Beliebtheit im 19. Jahrhundert lässt sich unter anderem daher erklären, dass sie von beiden Seiten des politischen Spektrums instrumentalisiert werden konnte: Während die katholischen Monarchisten ihre tiefe Frömmigkeit betonten und Parallele zur Jungfrau Maria zogen, verwiesen die liberalen Republikaner auf ihren Mut gegenüber der Obrigkeit, ihren Patriotismus und ihre Herkunft aus der Unterschicht. Was das Theater angeht, tauchte sie vermutlich schon sehr früh auf der aufblühenden Bühne des 15. Jahrhunderts auf:

Wenn wir einer nicht mehr nachprüfbaren Angabe Hormayrs (Taschenkalender 1834) Glauben schenken dürfen, so spielte die Heldin schon 1430 in einer melodramatischen Vorstellung zu Regensburg eine Rolle mit ihrem in religiösem Bekehrungseifer an die Hussiten gerichteten Briefe. Angeblich ist bereits wenige Jahre nach dem Tode der Jungfrau in Orleans, dem Ausgangspunkt des Johanna-Kultes, ein riesiges Volksstück, „Le Mystère du Siège d’Orléans“, entstanden, das in mehr als 20.000 Versen die ganze Belagerung von Orleans in Szene setzt.

Den meisten Dramatikern ging es im Laufe der Jahrhunderte aber nicht um die historische Korrektheit der Geschehnisse, sondern um ihre jeweilige Interpretation. Je nach Zeitgeist und politischer bzw. religiöser Überzeugung des Autors tritt Johanna als Heilige oder Hure, als unterwürfige Gottesdienerin oder emanzipierte Revolutionärin auf die Bühne. In Shakespeares Heinrich VI. (1589-90) wird sie zu einer durchtriebenen Magierin, Männer begegnen ihr mit einer Mischung aus Faszination und Angst, für Lord Talbot ist sie „Teufel oder Teufelsmutter“, bzw. „Hexe“. Shaw (1923) hält sich zwar sehr genau an die historischen Fakten, kürzt sie allerdings ab. Bei ihm tritt Johanna als starke, selbstbewusste und emanzipierte junge Frau auf, die nach ihrem Tod nochmal als Geist wiederkehrt. Brecht widmet ihr gleich mehrere Bühnenstücke. In Der Prozess der Jeanne d’Arc zu Rouen 1431 (1952) schildert er detailliert das Verhör, dem sich Johanna unterziehen musste. Dabei sind ihre Aussagen wortwörtlich aus dem Original Prozess Dokumenten entnommen. In seinem bekanntesten Johanna Stück Die Heilige Johanna der Schlachthöfe (1929/1931) entfernt Brecht sich allerdings weit von der wahren Geschichte und verortet das Geschehen ins Jetzt. Johanna lebt im Arbeitermilieu in Chicago und kämpft gegen Aussperrungen, Ausbeutung und Hunger, gegen ein kapitalistisches, unmenschliches Wirtschaftssystem.

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Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668089587
ISBN (Buch)
9783668089594
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v292847
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Kunsthistorisches Insitut
Note
1,0
Schlagworte
Kathedrale Jungfrau von Orleans Das Mirakel Jeanne D'Arc Johanna von Orleans

Autor

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Titel: Die Kathedrale auf der Bühne. Inszenierungen von Jeanne D'Arc im Expressionismus und nach 1945